Geschenk der Göttlichen Barmherzigkeit

Ökumene unter dem Schutzmantel Mariens

P. Mario Beverati ist Priester der Erzdiözese Buenos Aires und arbeitet seit 20 Jahren als Pfarrer der katholischen Pfarrei Mariä Himmelfahrt in der russischen Großstadt Nishnij Nowgorod. Er ist mit Papst Franziskus als seinem ehemaligen Heimatbischof freundschaftlich verbunden. Auch nach seiner Wahl zum Bischof von Rom hält er mit ihm einen engen Kontakt. Die Begegnung des Papstes mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. am 12. Februar 2016 in Havanna war für P. Mario ein Höhepunkt in seinem ganzen priesterlichen Wirken. Denn sein missionarischer Dienst in Russland war von Anfang an auf die Ökumene mit der russisch-orthodoxen Kirche ausgerichtet. Seinen Beitrag über das Treffen auf Kuba hat er im Wesentlichen bereits im Vorfeld des Ökumene-Gipfels verfasst.

Von P. Mario Beverati

Lassen wir uns in diesem Jubiläum von Gott überraschen!“ („Misericordiae Vultus“, 25)

Genau vor drei Jahren, am 11. Februar 2013, gab Papst Benedikt XVI. seine Absicht bekannt, auf das Amt des Bischofs von Rom zu verzichten. Ich kann mich gut erinnern, wie sehr uns diese Nachricht überrascht hat. Wir waren wie von einem Blitz getroffen, der aus heiterem Himmel kam. Ähnlich fühlten wir uns am 5. Februar, als vollkommen unerwartet gemeldet wurde, dass sich der Moskauer Patriarch und der Papst von Rom treffen werden. Wir standen bereits 2004 an der Schwelle einer solchen Begegnung, als Papst Johannes Paul II. die Ikone der Gottesmutter von Kazan an die russisch-orthodoxe Kirche zurückgeben wollte. Doch schien damals die Stunde für ein solches heilsgeschichtliches Ereignis noch nicht gekommen zu sein.

Natürlich könnte man eine Menge politischer Gründe nennen, die nun zu dem lang ersehnten Treffen geführt haben. Damit hängt auch die Wahl des Ortes zusammen. Doch sollten wir nicht vergessen, dass das große Schisma der Kirche im Jahre 1054 vom Wesen her ebenfalls durch politische Meinungsverschiedenheiten hervorgerufen worden war. Schon die schicksalsträchtige Begegnung, die vor 50 Jahren zwischen dem Patriarchen von Konstantinopel und dem Bischof von Rom stattgefunden hat, konnte eine klaffende Wunde schließen und große Perspektiven eröffnen. Es kam jedoch nie zu einer Begegnung zwischen den Oberhäuptern der katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche, welche zahlenmäßig die größte orthodoxe Glaubensgemeinschaft bildet und eine weite Verbreitung gefunden hat. Der russischen Orthodoxie war es durch ihre tiefe Verwurzelung in der russischen Kultur möglich, 70 Jahre Leiden unter dem Joch des Atheismus zu überleben.

Über die Grenzen Europas hinaus

In erster Linie weckt der Ort, der jetzt für die Begegnung gewählt wurde, unsere Aufmerksamkeit: eine Insel in Zentralamerika. Warum fand das Treffen nicht in Europa statt? Gewiss hätten Johannes Paul II., der slawische Papst, und später Benedikt XVI. den Patriarchen mit Freuden und brüderlicher Liebe bei sich empfangen. Aber schon der Ursprung des so schmerzhaften und lang anhaltenden Bruchs zwischen Ost- und Westkirche führt über die Grenzen Europas hinaus, nämlich nach Konstantinopel, das heutige Istanbul in der Türkei.

Am 7. Dezember 1965 hatten Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras I. von Konstantinopel in einer gemeinsamen Erklärung festgestellt, dass sie die wechselseitigen Exkommunikations-Sentenzen aus dem Jahr 1054 aufheben und „dem Vergessen anheim fallen lassen“ – man könnte keine schöneren Worte finden! Und genau 50 Jahre nach jenem glücklichen Tag, am Vorabend des Festes der Unbefleckten Empfängnis der allerseligsten Jungfrau Maria, eröffnete Papst Franziskus in Rom die Pforte der Barmherzigkeit für das Jubiläumsjahr.

Auf ihrer dritten Generalkonferenz in Puebla hat die Lateinamerikanische Bischofskonferenz am 13. Februar 1979 ein Dokument über die „Evangelisierung in Gegenwart und Zukunft“ verabschiedet, in dem es heißt: „Denn die Kirche ist nicht der Ort, wo die Menschen sich als Familie Gottes ‚fühlen‘, sondern der Ort, wo sie zur Familie Gottes ‚werden‘, in einem realen, tiefen und ontologischen Sinn. Hier werden sie in Wahrheit zu Kindern des Vaters in Jesus Christus (vgl. 1 Joh 3,1), der sie durch die Kraft des Geistes vermittels der Taufe an seinem Leben teilhaben lässt. Diese Gnade der Gotteskindschaft ist der große Schatz, den die Kirche den Menschen auf unserem Kontinent anbieten muss. Aus der Gotteskindschaft in Christus entsteht die christliche Brüderlichkeit. Der moderne Mensch hat es nicht vermocht, eine universale Brüderlichkeit auf der Erde zu begründen, denn er sucht eine Brüderlichkeit, die des Mittelpunktes und gemeinsamen Ursprungs entbehrt. Er hat vergessen, dass die einzige Form der Brüderlichkeit darin besteht, den Ursprung von dem gleichen Vater anzuerkennen“ (Nr. 240f.).

Unter dem Schutzmantel Mariens

Der erhabenste Reichtum, über den die Kirche unseres lateinamerikanischen Kontinents und sein gläubiges Volk verfügen, ist also dieses Bewusstsein der Gotteskindschaft in Jesus Christus, unserem älteren Bruder. Darüber hinaus betonen die Bischöfe und das ganze Volk in Russland, Kinder der Mutter Gottes zu sein. Im Jahr 1531 erschien die selige Jungfrau gnadenvoll in Mexiko, als das Licht Jesu auf amerikanischem Boden gerade zu leuchten begann. Mit ihrer Hilfe und unter dem Schutz ihres Mantels breitete es sich über den ganzen Kontinent aus. Die Früchte der fünfhundert Jahre währenden Evangelisierung Amerikas (1492-1992) dürfen wir zu Beginn des dritten Jahrtausends ernten, zu denen in gewisser Weise Papst Franziskus zählt. Er ist ein Sohn Südamerikas, ein Nachfahre von Immigranten aus Italien, die sich im vorigen Jahrhundert in Buenos Aires angesiedelt hatten. 1992 wurde er Bischof seiner Heimatstadt. Als Papst Johannes Paul II. 1982 Argentinien besuchte, nannte er sie liebevoll „Stadt der Kosmopoliten“.

Im April 1987 weilte Papst Johannes Paul II. erneut in unseren Gefilden. Auf Initiative von Kardinal Eduardo Francisco Pironio (1920-1998) wurde der zweite Weltjugendtag, also der erste außerhalb Roms, in Buenos Aires organisiert. Am Vorabend beantwortete der Papst Fragen der Jugendlichen und sagte vor Tausenden von Zuhörern: „Ihr stellt die Frage, welches Problem mich mehr als alles andere bewegt? Ich antworte euch: Es sind die Gedanken über die Menschen, die ihren Weg zu Christus noch nicht gefunden und die wahre Liebe Gottes für sich noch nicht entdeckt haben, Gedanken über eine Menschheit, die sich immer weiter von Gott entfernt, die außerhalb von Gott aufzuwachsen wünscht, die ihre Herkunft verleugnet, Gedanken über eine Menschheit ohne Vater und folglich eine Menschheit ohne Liebe, elternlos, verloren.“ Welche Prophetie wohnt diesen Worten des großen Apostels der Güte inne, der Papst Johannes Paul II. war und bleibt! „Eine Menschheit ohne Liebe, elternlos, verloren…“ – wie sehr haben wir doch Gottes Barmherzigkeit nötig, damit wir uns nicht als elternlose Waisen fühlen müssen!

Geschenk der Göttlichen Barmherzigkeit

Seither sind fast 30 Jahre vergangen und diese Worte erklingen mit neuer Kraft aus dem Munde von Papst Franziskus in seiner Bulle „Misericordiae Vultus“: „In Jesus von Nazareth ist die Barmherzigkeit des Vaters lebendig und sichtbar geworden und hat ihren Höhepunkt gefunden“ (Nr. 1). „Auf die Schwere der Sünde antwortet Gott mit der Fülle der Vergebung“ (Nr. 3). Wir spüren in seinen Worten eine Freude, die Freude der ganzen Kirche. Die Pforte der Barmherzigkeit öffnet sich und an alle ergeht der Aufruf, die Furcht abzulegen. Gegen Ende heißt es: „Unser Gedanke richtet sich nun auf die Mutter der Barmherzigkeit. Ihr liebevoller Blick begleite uns durch dieses Heilige Jahr, damit wir alle die Freude der Zärtlichkeit Gottes wiederentdecken können“ (Nr. 24).

Das Jahr der Barmherzigkeit wurde am 8. Dezember 2015 eröffnet, um es unter den besonderen Schutz Mariens zu stellen. Es war aber auch der 50. Jahrestag des feierlichen Abschlusses des Zweiten Vatikanischen Konzils, welches das Antlitz der Kirche verändert und sehr tiefe Aussagen über die Verbundenheit mit unseren orthodoxen Brüdern im universalen Leib Christi gemacht hat, und zwar gerade im Hinblick auf die „Verehrung der jungfräulichen Gottesmutter“ (Lumen Gentium, 15). In der Bulle heißt es: „Die Konzilsväter hatten stark – wie ein wahres Wehen des Geistes – die Notwendigkeit verspürt, zu den Menschen ihrer Zeit in einer verständlicheren Weise von Gott zu sprechen… Eine neue Verpflichtung für alle Christen, mit verstärktem Enthusiasmus und voller Überzeugungskraft Zeugnis für ihren Glauben abzulegen. Die Kirche spürte die Verantwortung, in der Welt das lebendige Zeichen der Liebe des Vaters zu sein“ (Nr. 4).

Wie aber sollen wir ein lebendiges Zeichen für die Liebe unseres Vaters sein, wenn wir uns als seine Kinder voneinander getrennt haben? Jesus selbst hat im Abendmahlssaal gebetet: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,21). War nicht die Trennung der Christen des Ostens und des Westens ein Hindernis für eine fruchtbare Evangelisierung? Europa konnte „nicht mit beiden Lungenflügeln atmen“! Könnte es nicht sein, dass der Kontinent deswegen von einem schweren Leiden erfasst wurde, dass dieser kranke Leib auch die Ursache für die fürchterlichen Kriege des vorigen Jahrhunderts war?

Triumph des Unbefleckten Herzens Mariens

In Fatima kündigte die Gottesmutter den Triumph ihres Unbefleckten Herzens an. Doch wie könnte sich das Herz der Mutter freuen, solange ihre Kinder getrennt sind! Es war ein Geschenk der göttlichen Vorsehung, dass sich auf Kuba der Papst, der Hirte der universellen Kirche Christi, mit dem Patriarchen von Moskau und ganz Russland getroffen hat. Franziskus erklärte, er gehe wie ein Pilger zum Haus seiner Mutter. Und welch frohe Botschaft konnte Franziskus der Gottesmutter von Guadelupe bringen! Die Freude der lang erwarteten Umarmung mit seinem Bruder, dem Patriarchen Kyrill – im Jahr der Barmherzigkeit!

Die historische Begegnung fand am dritten Tag der Fastenzeit statt. In ähnlicher Weise sollten nun Katholiken und Orthodoxe die eingeläutete Gnadenzeit nützen, um eine neue Seite im Dialog und in der Kooperation insbesondere im Dienst an den Ärmsten aufzuschlagen. Im Gebet und Opfer muss eine Osterprozession beginnen, welche die Geschichte unserer Traditionen zur gemeinsamen eucharistischen Kommunion hinführt. Es gilt die Worte des Papstes mit Leben zu erfüllen, welche er am Ende der Gebetswoche um die Einheit der Christen am 25. Januar 2016 ausgesprochen hat: „In diesem außerordentlichen Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit dürfen wir nicht vergessen, dass es keine wahre Suche nach der Einheit der Christen geben kann, ohne sich ganz der Barmherzigkeit des Vaters anzuvertrauen. Wir bitten vor allem um Vergebung für die Sünde unserer Spaltungen, die eine offene Wunde im Leib Christi sind. Als Bischof von Rom und Hirte der katholischen Kirche möchte ich um Barmherzigkeit und Vergebung bitten für das nicht mit dem Evangelium übereinstimmende Verhalten von Katholiken gegenüber Christen anderer Kirchen. Zugleich lade ich alle katholischen Brüder und Schwestern ein, zu vergeben, wenn sie heute oder in der Vergangenheit von anderen Christen Beleidigungen erlitten haben. Wir können Geschehenes nicht auslöschen, aber wir wollen nicht zulassen, dass die Last vergangener Schuld weiter unsere Beziehungen vergiftet. Die Barmherzigkeit Gottes wird unsere Beziehungen erneuern.“

Auf dem Weg zur eucharistischen Einheit

Wir gehen auf das Ziel zu, vereint mit unseren orthodoxen Glaubensbrüdern vor den Altar des Herrn zu treten und die heilige Kommunion aus demselben Kelch zu empfangen. Dabei kommt uns auch die „Ökumene des Blutes“ zu Hilfe, die uns in der heutigen Zeit aufs tiefste mit den orthodoxen Kirchen verbindet. Mit größter Hochachtung blicken wir auf die russischen Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Einer meiner Vorgänger, Antonius Dzemeszkiewicz, stammte aus West-Weißrussland (geb. 1891) und war von 1925 bis 1928 als Pfarrer für die katholischen Gemeinden in Nishnij Nowgorod, Wladimir und Kazan zuständig. 1928 wurde er verhaftet und in ein altes orthodoxes Kloster auf den Solowki, den Nachtigalleninseln im Weißen Meer, deportiert, das zu einem Konzentrationslager umfunktioniert worden war. Am 3. November 1937 wurde er in Medweschjegorsk, Karelien, durch Erschießen hingerichtet. Im Lager Solowki, dem ersten großen Häftlingslager Russlands, dem Modell des sowjetischen Lagersystems, war auch der Großvater des heutigen Patriarchen Kyrill inhaftiert.

Ich bin mir bewusst, dass das Neuerblühen unserer Pfarrei auch eine Frucht des Martyriums von Pfarrer Antonius ist. Gleichzeitig habe ich für mich selbst entdeckt, dass der hl. Wladimir und die hl. Olga gleichsam meine Taufeltern sind. Wir sind in ein und demselben Taufbecken getauft worden. Die hll. Kyrill und Methodius, deren Fest wir am 14. Februar gefeiert haben, waren die Pioniere der Evangelisierung Osteuropas. Sie haben das kyrillische Alphabet geschaffen, um Gottes Wort und die Göttliche Liturgie den slawischen Völker des 9. Jahrhunderts nahebringen zu können, und all dies mit dem Segen des Papstes. Sie haben hier im Osten Europas jenen überwältigenden Reichtum hervorgebracht, der dem ganzen Leib Christi gehört. Die Traditionen und der „sensus fidei“ des russischen Volkes sind ohne Zweifel ein lebendiger Quell, der dazu berufen ist, ganz Europa zu bereichern.

Gleichzeitig hat die Begegnung vom 12. Februar 2016 die Achse der Erde quasi auf den amerikanischen Kontinent ausgerichtet, um der Kirche zu helfen, die Wunden der Spaltung zu heilen. Die gesamte Kirche ist dazu aufgerufen, ihren Blick auf etwas Neues auszurichten, einen neuen Blick für die Völker Amerikas zu entwickeln, nicht als Peripherie, sondern als Zentrum einer neuen Hoffnung.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2016
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)

Gebet des hl. Johannes Paul II.

Am 28. August 2004 verabschiedete sich Papst Johannes Paul II. mit folgendem Gebet von der Ikone der Gottesmutter von Kasan, bevor sie dem Patriarchen von Moskau, Alexis II., überbracht wurde:

Glorreiche Mutter Gottes, Du „gehst dem Volk Gottes voran auf dem Weg des Glaubens, der Liebe und der Einheit mit Christus“ (vgl. LG 63). O Gebenedeite! Alle Geschlechter preisen Dich selig, denn „Großes hat an Dir getan der Mächtige und heilig ist sein Name“ (vgl. Lk 1,48-49). Gebenedeit seist Du und verehrt, o Mutter, in Deiner Ikone von Kasan, in der Du seit Jahrhunderten von der Verehrung und der Liebe der orthodoxen Gläubigen umgeben bist. Denn Du bist Schützerin und Zeugin der besonderen Werke Gottes in der Geschichte des russischen Volkes geworden, das uns allen sehr lieb und teuer ist. Die Göttliche Vorsehung, die die Kraft hat, das Böse zu überwinden und das Gute hervorzubringen, sogar aus den schlechten Taten der Menschen, hat bewirkt, dass Deine heilige Ikone, vor langer Zeit verschollen, im Heiligtum von Fatima in Portugal wiederaufgetaucht ist. Daraufhin wurde sie nach dem Willen Dir ergebener Menschen im Haus des Nachfolgers Petri aufgenommen.

Mutter des orthodoxen Volkes, die Anwesenheit Deines heiligen Bildes von Kasan in Rom spricht zu uns von einer tiefen Einheit zwischen dem Osten und dem Westen, welche durch die Zeit hindurch fortdauert, ungeachtet der geschichtlichen Spaltungen und der Fehler von Menschen. So erheben wir jetzt mit besonderer Intensität unser Gebet zu Dir, o Jungfrau, während wir uns von diesem Deinem eindrucksvollen Bild verabschieden. Mit ganzem Herzen begleiten wir Dich auf dem langen Weg, der Dich in das Heilige Russland zurückführt. Nimm das Lob und die Ehre entgegen, welche Dir das Volk Gottes in Rom entgegenbringt.

O Gebenedeite unter den Frauen, während der Bischof von Rom Deine Ikone in dieser Stadt verehrt, welche vom Blut der Apostel Petrus und Paulus gezeichnet ist, vereinigt er sich in geistiger Weise mit seinem Bruder im bischöflichen Dienst, der als Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche vorsteht. Und er bittet Dich, Heilige Mutter, einzutreten, damit schneller anbreche die Zeit der vollen Einheit zwischen Ost und West, die volle Gemeinschaft unter allen Christen. O glorwürdige und gebenedeite Jungfrau, unsere Frau, unsere Fürsprecherin und Trösterin, versöhne uns mit Deinem Sohne, empfiehl uns Deinem Sohne, stelle uns vor Deinem Sohne! Amen.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2016
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)

Zur Bedeutung des Ökumenegipfels auf Kuba

Der Bruderkuss

Zum ersten Mal in der Geschichte sind sich die Oberhäupter der katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche begegnet. Gegenseitig haben sie sich als Brüder angesprochen und eine umfangreiche „Gemeinsame Erklärung“ unterzeichnet. Für Pfarrer Erich Maria Fink, der seit gut 16 Jahren in Russland arbeitet, bildet das Treffen einen historischen Wendepunkt. Dabei kommt es ihm sowohl auf die zeichenhafte Bedeutung des Bruderkusses als auch auf den Wortlaut der Erklärung an. Dass die westliche Welt zurückhaltend reagiert hat, kann er angesichts der politischen Spannungen mit Russland nachvollziehen. Er bedauert jedoch das weithin kritische Echo aus kirchlichen Kreisen, insbesondere den Vorwurf des Verrats vonseiten der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine.

Von Erich Maria Fink

Erbe des hl. Johannes Paul II.

Für den hl. Papst Johannes Paul II. war klar, dass die ökumenischen Bemühungen im Dialog mit der Ostkirche nicht auf einen einzigen Ansprechpartner beschränkt bleiben können. Weder der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel als „primus inter pares“, als Oberhaupt der gesamten orthodoxen Christenheit, noch die „Internationale Kommission für den theologischen Dialog zwischen der orthodoxen und der katholischen Kirche“ bildet den exklusiven Weg für einen offiziellen Kontakt mit der Ostkirche. Zwar ist es immer förderlich, wenn sich die Kirche bei einem solchen Brückenschlag auf den jeweils zuständigen Vertreter bzw. kompetenten Sprecher konzentriert, doch spielt die russisch-orthodoxe Kirche eine Sonderrolle. Und so hatte sich schon Johannes Paul II. mit ganzer Kraft um eine persönliche Begegnung mit dem Moskauer Patriarchen bemüht.

Er sah im Wesentlichen drei Gründe für einen unabhängigen Dialog mit dem Moskauer Patriarchat. Der erste geht auf das Wirken der hll. Kyrill und Methodius zurück. Im Zug der Slawenmission wurden die biblischen und liturgischen Texte in die altslawische Sprache übersetzt. Damit entstand im zehnten Jahrhundert zum ersten Mal in der Geschichte der Kirche ein völlig neuer christlicher Kulturkreis, und zwar unter der Aufsicht und ausdrücklichen Gutheißung des Papstes. Innerhalb dieses Kulturkreises kommt heute dem Moskauer Patriarchat eine Führungsrolle zu, die geschichtlich gewachsen ist. Ein zweiter Grund besteht im Verhältnis zwischen Konstantinopel und Moskau. Einerseits hat 1589 der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel selbst dem Metropoliten von Moskau den Patriarchentitel verliehen, andererseits hat sich das Moskauer Patriarchat immer mehr verselbständigt und in seinem kirchlichen Selbstverständnis die Idee vom „Dritten Rom“ hervorgebracht. Der damit verbundene Machtanspruch führte zu Spannungen, die bis in unsere Tage das Verhältnis zwischen Moskau und Konstantinopel bzw. Istanbul prägen. Der dritte Grund, der auch das Konkurrenzdenken der russisch-orthodoxen Kirche beflügelt hat, besteht in der Zahl der Gläubigen. Nach eigenen Angaben gehören zum Moskauer Patriarchat etwa 150 Millionen Gläubige. Damit ist die russisch-orthodoxe Kirche unter allen orthodoxen Gemeinschaften zahlenmäßig bei weitem die größte.

Kirchliche Autorität in Glaubensfragen

Nach der Kirchenspaltung im Jahr 1054 blieb die Ostkirche mit einem Vakuum zurück. Aufgrund der Trennung vom Nachfolger des hl. Petrus besteht bis heute das Problem, kirchliche Autorität zu begründen. Der Ökumenische Patriarch besitzt letztlich keine Weisungsbefugnis, sondern hat nur einen Ehrenvorsitz inne. Und in Fragen des Glaubens ist es noch schwieriger. Der Osten war bisher nicht in der Lage, irgendwelche liturgischen Erneuerungen durchzuführen oder Antworten auf theologische Fragen zu geben. Zum ersten Mal in der Geschichte soll in diesem Jahr ein gesamtorthodoxes Konzil stattfinden, ein Jahrtausendereignis, dessen Bedeutung und Auswirkung noch niemand abzuschätzen vermag. Diese Hypothek trägt auch das Moskauer Patriarchat mit sich. Jedes Mal, wenn sich die russisch-orthodoxe Kirche in irgendeine Richtung bewegen wollte, stand die Gefahr der Spaltung vor der Tür. Als Patriarch Nikon vom Jahr 1652 an geringfügige liturgische Änderungen vornahm, um unterschiedliche Texte einander anzugleichen, wandte sich 1667 eine große Gruppe von Gläubigen ab, die bis heute getrennt lebt und die Kirche der sog. Altgläubigen bildet.

Bei jedem Schritt muss der Moskauer Patriarch aufpassen, dass er die Gläubigen zusammenhält und keine neue Spaltung verursacht. Vor allem auf diesem Hintergrund muss das lange Zögern des russisch-orthodoxen Patriarchen hinsichtlich eines Treffens mit dem römischen Papst gesehen werden. Nach der Perestroika musste sich die russisch-orthodoxe Kirche vollkommen neu aufstellen, vor allem aber hatte sie eine berechtigte Angst um ihre Autorität bei den Gläubigen. Denn die Zusammenarbeit mit dem KGB unter der sozialistischen Führung war kein Geheimnis. Das Vertrauen musste neu aufgebaut werden. Vor allem fürchtete sich die russisch-orthodoxe Kirche vor dem Ansehen der katholischen Weltkirche. In den Klöstern und kirchlichen Ausbildungsstätten wurde eine gewaltige ideologische Welle gegen alles Katholische in Gang gesetzt. Dass die russisch-orthodoxe Kirche einen eigenen antikatholischen Katechismus für ihre pastorale Arbeit herausgebracht hat, ist ein vielsagender Ausdruck für diese Selbstschutzmaßnahme. So hatte sich Moskau selbst den Weg nach Rom verbaut.

Ein Seiltanz-Akt des Patriarchen

Die größte Gefahr für ein Treffen mit Papst Franziskus bestand also für den russischen Patriarchen in den unabwägbaren Reaktionen vonseiten seiner eigenen Kirche. Er wusste, dass er damit bei vielen Gläubigen und vor allem bei den Geistlichen nach der antikatholischen Propaganda der letzten Jahrzehnte völliges Unverständnis hervorrufen würde. Kyrill sah aber die Notwendigkeit für einen solchen Schritt. Er ist sich vollkommen im Klaren, dass unter allen christlichen Glaubensgemeinschaften die katholische Kirche der orthodoxen am nächsten steht. Und er ist ehrlich davon überzeugt, dass in Anbetracht der heutigen Herausforderungen die Christen zusammenarbeiten und ihre Werte wie Ehe und Familie, Lebensschutz und Religionsfreiheit gemeinsam verteidigen müssen. So war die Begegnung mit Papst Franziskus für das Moskauer Patriarchat ein kirchenpolitischer Seiltanz-Akt.

Im Westen wurde dieser Hintergrund fast nicht wahrgenommen. Und deshalb wird das Risiko, das Patriarch Kyrill für diesen Ökumenegipfel eingegangen ist, wenig anerkannt und wertgeschätzt. Stattdessen wird nur von politischem Kalkül und Liebedienerei dem Putin-Regime gegenüber gesprochen. Manche politischen Faktoren spielen sicherlich eine Rolle, doch wird man der Bedeutung des Treffens nicht gerecht, wenn man der russisch-orthodoxen Seite eine vornehmlich politische Motivation unterstellt. Um im eigenen Lager die Geister ruhig zu halten, wurde das Treffen von russischer Seite so unerwartet angesetzt. Auch die weite Entfernung kam diesem Ziel entgegen. Vor allem aber ist der Inhalt der „Gemeinsamen Erklärung“ für den russisch-orthodoxen Patriarchen eine entscheidende Grundlage, um sich zu schützen und die Begegnung zu rechtfertigen.

Die Wirkung des Bruderkusses

„Wir sind Brüder“, so hat Papst Franziskus den Patriarchen begrüßt. Und die ganze Welt wurde Zeuge von der herzlichen Umarmung, den strahlenden Augen der beiden Oberhäupter, dem wahren Bruderkuss. In Russland hat die Begegnung wie eine Bombe eingeschlagen. Man muss sich vorstellen, dass die größte Zahl der orthodoxen Priester in der Verkündigung die katholische Kirche bislang als Sekte bezeichnet hat. Ebenso geschieht dies im Religionsunterricht, der seit einigen Jahren an den Schulen offiziell erteilt wird. Die Begegnung auf Kuba hat alles auf den Kopf gestellt. Ich darf dies bei jeder Begegnung mit Gläubigen oder offiziellen Vertretern der orthodoxen Kirche hier in Russland erfahren.

Gerne möchte ich ein kleines Beispiel nennen: Letztes Jahr haben wir in Rebinina (Rjabinino) im Norden des Permer Gebiets eine Fatima-Kirche eingeweiht. Ganz in der Nähe befindet sich die Stadt Tscherdin mit einem orthodoxen Männer-Kloster. In den vergangenen zehn Jahren gingen von den Mönchen nur abweisende Signale aus, und zwar so extrem, dass uns sogar der Permer Metropolit und die orthodoxen Pfarrer von Beresniki dagegen in Schutz nehmen mussten. Noch vor kurzem predigte einer der dortigen Priester, dass Katholiken keine wirklichen Christen seien und dass alle Leute, die in diese Fatima-Kirche zum Gottesdienst gingen, in die Hölle kämen. Doch nach dem Treffen in Havanna sind die Mönche wie ausgewechselt. Zum ersten Mal durfte ich dem Klostervorsteher, Igumen Gerasim, begegnen. Er strahlte gütige Zuneigung aus und erlaubte einem seiner Mönche, unseren Gläubigen das Läuten der Glocken beizubringen. Dies ist eine besondere Kunst der russisch-orthodoxen Kirche. Letzten Sonntag nun stieg der russisch-orthodoxe Mönch Jevgraf auf unseren katholischen Glockenturm und lud mit einem 20-minütigen Feuerwerk an kunstvollem Glockenspiel die Menschen zum katholischen Gottesdienst ein. Anschließend nahm er an der ganzen hl. Messe teil und hielt am Ende sogar noch eine freundschaftliche Ansprache.

Natürlich sind in Russland auch andere Reaktionen zu finden. Es gibt Priester, Bischöfe und Klöster, die den Bruderkuss auf Kuba als Judaskuss mit Häretikern und Verrat bezeichnen. Manche haben dem Patriarchat auch schriftlich mitgeteilt, dass sie seit dem Treffen im Hochgebet den Namen des Patriarchen nicht mehr nennen. Doch gleicht es einem Wunder, dass sich diese Stimmen sehr in Grenzen halten und eine echte Spaltung bisher ausgeblieben ist. Patriarch Kyrill jedenfalls spricht offen davon, dass der Weg zur Einheit fortgesetzt werde. Bereits wenige Tage nach der Begegnung sagte er in einem Interview: „Da es ein erstes Treffen gab, kann es auch ein zweites und drittes Treffen geben.“ Wie die Gemeinsame Erklärung über die ersten tausend Jahre spricht, in denen die Kirchen noch geeint waren, über die Gründe der Spaltung und über die Notwendigkeit der Wiederherstellung der Einheit, zeigt, dass das Treffen tatsächlich einen historischen Wendpunkt darstellt. Beide Seiten erkennen sich als vollgültige christliche „Schwesterkirchen“ an.

Die griechisch-katholische Kirche

   Es ist für mich unverständlich und zutiefst bedauerlich, dass die katholische Kirche im Westen über den Ökumenegipfel kaum eine wahre Freude zeigt. Zum einen sind die Menschen wohl zu sehr von der politischen Beurteilung der Rolle, die Russland im derzeitigen Weltgeschehen spielt, in Beschlag genommen, zum anderen wirft die Reaktion der griechisch-katholischen Kirche ihren Schatten auf die ganze Weltkirche. Denn umgekehrt hat auch diese mit Rom unierte Kirche dem Papst Verrat vorgeworfen und von einem Judaskuss gesprochen. Liest man aber unvoreingenommen den Abschnitt über die griechisch-katholische Kirche in der Gemeinsamen Erklärung, so muss man feststellen, dass für die Zukunft die Rechte dieser Kirche ausdrücklich anerkannt und bestätigt werden. Das ist ein Novum und ein zutiefst erfreuliches Ergebnis. Was die Erklärung über „Proselytismus“ (Nr. 24) und „Uniatismus“ (Nr. 25) als Methode bzw. Weg zur Wiederherstellung der Einheit sagt, ist berechtigt und auch von katholischer Seite ehrlich gemeint.

Damit wird nicht in Abrede gestellt, dass die katholische Kirche ihre griechisch-katholischen Ortskirchen als unersetzlichen Schatz betrachtet. Wir wissen auch um die grausame Verfolgung besonders unter Stalin und danken Gott für die Wiederauferstehung dieser unierten Kirche. Sie ist in unseren Augen kein Hindernis für die Ökumene, sondern vielmehr ein prophetisches Zeichen für die ersehnte Einheit. Dass nun als historischer Hintergrund für die Existenz der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine das Unionskonzil von Florenz 1439 genannt wird, ist interessant und für den künftigen Weg zur Einheit gewiss bedeutsam. Aber es wird dem historischen Ursprung nicht ganz gerecht. Würde man die politischen Umstünde für die damaligen Entscheidungen anerkennen, wäre auch der heutige Dialog leichter zu führen. Papst Franziskus hat nach den heftigen Reaktionen aus der Ukraine sofort das Gespräch aufgenommen und Verständnis gezeigt.

Um die Gemüter zu beruhigen, riet der Apostolische Nuntius in der Ukraine den Gläubigen, die „Gemeinsame Erklärung“ einfach zu vergessen. Und auch in Rom meinten manche, wichtig sei nur die Umarmung, die Erklärung hätte letztlich keine Bedeutung. Dies ist meines Erachtens eine völlige Fehleinschätzung. Die Erklärung ist für den zukünftigen Dialog eine entscheidende Grundlage. Und letztlich erinnert mich die Situation in diesem „Heiligen Jahr der Barmherzigkeit“ an das Gleichnis vom Barmherzigen Vater (Lk 15), in dem der ältere Bruder seinem Vater nicht erlauben will, den verlorenen Sohn mit Freude aufzunehmen.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2016
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)

Wir Christen dürfen nicht müde werden

Woche für das Leben

Vom 9. bis 16. April dieses Jahres findet wieder die „Woche für das Leben“ statt. Sie befasst sich heuer besonders mit dem „vierten Lebensalter“. Mechthild Löhr, Bundesvorsitzende der „Christdemokraten für das Leben (CDL)“, ruft alle Christen dazu auf, diese Initiative als Chance zu nützen, um als Anwälte für die Würde eines jeden Menschen ihre Stimme zu erheben und aktiv zu werden.

Von Mechthild Löhr

In der frühchristlichen Gesellschaft der ersten drei Jahrhunderte n. Chr. lebten die Christen als zunächst unbeträchtliche religiöse Minderheit rund um das Mittelmeer. Die multikulturell geprägte römische Mehrheitsgesellschaft beobachtete aufmerksam und kritisch deren soziales und religiöses Verhalten. In der von polytheistischen Kulten und promiskuitivem Leben geprägten Umgebung fielen ihr die Christen anhand wichtiger Unterschiede auf: Sie pflegten den Monotheismus, die Monogamie, die hohe Wertschätzung der Frau, die besondere Bereitschaft, jeden Kranken und Sterbenden zu pflegen und bis zuletzt zu achten, und schließlich ihr konsequent vertretenes Tötungsverbot. Dieses Verbot umfasste explizit auch die Abtreibung, die durchaus zur römischen Welt dazugehörte. Nicht zuletzt zeichneten sich die Christen durch ihren selbstlosen unentgeltlichen Einsatz für bedürftige, arme Menschen aus, mit denen sie nicht einmal verwandt waren.

Drei Quellen für den Lebensschutz

Gerade die Geschichte der frühen Christen und ihres sozialen Verhaltens erzählt von einer  neuen und hohen Achtung gegenüber jeder menschlichen Person, die von Anfang an prägend wirkte und die Christen von anderen Menschen unterschied. Aufbauend auf der jüdischen Tradition sind es seitdem drei große Quellen, aus denen sich der Einsatz von Christen für das Leben speist.

1. Gottesebenbildlichkeit

Die erste Quelle ist zweifelsohne der Schöpfungsbericht im Buch Genesis, der nicht nur festhält: „Als Mann und Frau schuf er sie“ und: „Seid fruchtbar und vermehrt euch“, sondern bereits die Gottesebenbildlichkeit des Menschen fixiert, die der Schöpfer in jeden Einzelnen hineinlegt (Gen 1,26-28). Diese Sicht des Judentums war schon in der Antike eine unerhörte Provokation.

2. Menschwerdung Gottes

Im Christentum erhielt sie durch die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus noch eine ganz neue Dimension. Und darin besteht die zweite Quelle, welche den Wert des menschlichen Lebens offenbart. Seitdem gilt: Wenn Gott den Menschen erschaffen hat und selbst Mensch geworden ist, wenn er jedem Menschen eine unsterbliche Seele schenkt, dann ist jeder Angriff auf das Leben, wie er auch immer gerechtfertigt werden mag, ein Angriff auf ein Kind Gottes. Dies drücken für das frühe Judentum in gewisser Weise schon das vierte und fünfte Gebot aus: „Du sollst Vater und Mutter ehren“ und: „Du sollst nicht töten“.

3. Neues Gebot der Liebe

Die dritte Quelle, die es Christen zur selbstverständlichen und dauerhaften Verpflichtung macht, sich stets für und niemals gegen das von Gott geschenkte Leben einzusetzen, liegt in dem Auftrag: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Er wird durch das Wort Jesu verstärkt: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ (Joh 13,34). Wirklich jeder Mensch ist von Gott geliebt.

Dass diesem klaren Auftrag in der Geschichte leider nie konsequent entsprochen wurde, weder im Judentum noch im Christentum, kann das göttliche Gebot weder aufheben noch relativieren. Achtung und Schutz eines jeden menschlichen Lebens sind und bleiben auf der Grundlage der genannten Quellen ein entscheidender und unmissverständlicher Auftrag an die christliche Lebensgestaltung, wenn sie denn glaubhaft und überzeugend sein soll.

Drohende Herausforderungen

Der Kontrast zur gegenwärtigen Missachtung menschlichen Lebens könnte größer kaum sein. Womit haben wir es zu tun? In den internationalen Debatten geht es heute um weltweite Legalität und Legitimität von Abtreibung, um künstliche Reproduktionstechniken, um die Produktion von Embryonen, um Mehrlingsreduktionen bei Leihmutterschaft, um verbrauchende Embryonenforschung und Selektion nach Krankheiten. Und es geht um mehr oder weniger aktive Sterbehilfe. Angesichts des oben Gesagten ist es nicht weiter überraschend, dass es stets vor allem Christen sind, die energisch widersprechen, wenn Ungeborenen oder Kranken ihr Lebensrecht genommen wird.

Denn jedes menschliche Leben ist grundsätzlich als kostbar anzusehen, zu achten und zu schützen. Dieses Gesetz ist als eine Art DNA ins Christentum eingeschrieben. Es durchdringt und verbindet Kirche und Christen in aller Welt. Wer sich die Mühe macht, die Internetseiten beliebiger Bistümer und Bischofskonferenzen zu besuchen, wird rasch feststellen, dass es kaum ein Land auf der Welt gibt, in dem der Schutz des menschlichen Lebens und das Angebot von Hilfen für schwangere Frauen in Not- und Krisensituationen nicht zum festen caritativen Angebot der Kirche gehören würde. Führend ist hier ohne Zweifel die nordamerikanische Bischofskonferenz, die u.a. zu den Initiatoren der großen Pro-Life-Demonstrationen in Washington gehört, die inzwischen europaweit kopiert werden. Besonders die großen Demonstrationen in Rom, Madrid oder Paris wären ohne kirchliche Unterstützung kaum möglich gewesen.

Der erfreuliche Einsatz für eine größere Achtung vor dem Leben wächst nicht ohne Grund: Das Spektrum drohender Herausforderungen ist ebenfalls binnen kurzer Zeit in besorgniserregender Weise größer geworden. Nachdem es bis in die 1990er Jahre hinein noch primär um den Schutz Ungeborener vor legalisierter und staatlich (mit-)finanzierter Abtreibung ging, ist mittlerweile eine ganze Reproduktionsindustrie entstanden, die den Menschen in seinen ersten neun Lebensmonaten zunehmend für „vogelfrei“ und beliebig produzierbar erklärt, für ein nach genetischen Kriterien aussortierbares und vollständig verfügbares Produkt seiner jeweiligen „Kinderwunsch“-Eltern.

Diese fragen sich: „Passt das Kind gerade jetzt in meine/unsere Lebensplanung? Ist es gesund genug? Können wir die Kosten tragen?“ Das sind heute nicht selten die relevanten Kriterien, nach denen junge Menschen sich für oder gegen eine Abtreibung entscheiden. Das eigene Recht auf Leben und die Menschenwürde des Kindes spielen leider allzu häufig keine Rolle mehr. Staatlich geförderte Aufklärung besteht gerade in Europa vor allem aus Werbung für möglichst dauerhafte Verhütung und aus unkomplizierten, weitgehend sogar kostenfrei verfügbaren, „sicheren“ Abtreibungsangeboten (ergänzt um millionenfach verkaufte „Pillen danach“).

Über 5,7 Millionen Abtreibungen hat allein das Statistische Bundesamt seit 1974 erfasst. Weiterhin kommen Jahr für Jahr weit über 100.000 Kindstötungen dazu. Dahinter stehen Tag für Tag viele persönliche Schicksale und Dramen, die in Gesellschaft, Politik oder Medien und leider sogar in den Kirchen nicht mehr der Erwähnung oder der Betroffenheit für wert befunden werden. Als Christen aber müssen wir dagegen klar und hartnäckig bleiben. Wir müssen den notwendigen Veränderungswillen weiterhin täglich einfordern! Denn „die direkte und freiwillige Tötung eines unschuldigen Menschen [ist] immer ein schweres sittliches Vergehen … sie widerspricht den Grundtugenden der Gerechtigkeit und der Liebe“ (Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium Vitae, Nr. 57).

Gegenprogramm von Mutter Teresa

Woran liegt es, wenn wir uns nicht entschieden genug für das Leben einsetzen? An falsch verstandenen Rücksichten auf eventuelle Empfindlichkeiten? An Angst vor Kritik und Intoleranz? Warum? Wir haben doch mächtige Verbündete: Neben dem Bundesverfassungsgericht hat auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in ständiger Rechtsprechung bestätigt, dass bereits dem Embryo Menschenwürde zukomme und er daher staatlicherseits zu schützen und zu achten sei. Bei weltweit hohen Abtreibungszahlen (die WHO spricht von unvorstellbaren 40 Millionen jährlich) kommt dem christlichen Eintreten für das Leben der Schwächsten und Ungeborenen allergrößte Bedeutung zu. Gerade wir Christen müssen gegenüber weltweit anschwellenden Forderungen nach einem „Menschenrecht auf Abtreibung“ zu konsequenten Anwälten für das Leben werden – wenn wir unseren Glauben und das Leben und Schicksal junger Menschen ernst nehmen.

In den elenden Slums von Kalkutta formulierte Mutter Teresa das Gegenprogramm jener menschenverachtenden Agenda: „Kinder sind Gottes schönstes Geschenk. Jedes Kind hat das Recht, auf die Welt zu kommen, ob es erwünscht ist oder nicht.“ In Kalkutta errichtete sie auch ihre ersten Sterbehäuser. Dort sammelte sie tatsächlich die Ärmsten der Armen, die Sterbenden, an den Straßenrändern der Stadt auf, um sie in diesen Sterbehäusern bis zum letzten Atemzug zu pflegen, zu trösten und sich ihrer Ängste anzunehmen.

Wie erschreckend mutet es dagegen an, wenn nun ausgerechnet in den reichsten Ländern der Welt – in Deutschland, in der Schweiz, in den Beneluxstaaten und in den USA – urplötzlich eine Unerträglichkeit des Sterbens behauptet und dringend nach einem vermeintlichen „Recht auf Sterbehilfe“ verlangt wird? Wenn die assistierte oder aktive (Selbst-)Tötung als autonome und selbstbestimmte Festlegung des Todeszeitpunktes verkauft wird? Auch hier werden – wie bei der Abtreibungsdebatte – höchst seltene Extremsituationen bemüht, um am Ende möglichst viele alte und lebensmüde Menschen vor die vermeintlich freie Wahl zwischen Leben und Tod zu stellen.

Unser kostbarster Auftrag

Vom 9. bis 16. April findet in Deutschland wieder die ökumenische „Woche für das Leben“ statt. Dies müsste eigentlich eine willkommene Gelegenheit sein, einmal nicht nur sicherlich auch berechtige Klima-, Tierschutz- oder Flüchtlingsfragen aufzuwerfen. Ehrlich müssen wir der täglichen tausendfachen Bedrohung menschlichen Lebens auch bei uns ins Auge sehen, ernsthaft und betroffen über unsere lebensmüde gewordene Kultur nachdenken. Für die Schwächsten, für die Ungeborenen und für die lebensmüden Alten und Kranken müssen wir Christen mehr tun als bisher. Wer, wenn nicht wir? Tötungsangebote dürfen nicht zum Alltag werden!

Prüfen wir selbstkritisch uns und unsere kirchlichen Gemeinschaften: Wo findet wirklich noch Aufklärung im Sinne des Lebensschutzes statt? Wo wird im Rahmen der Gemeinde-Seelsorge alles versucht, um den hohen Wert eines jeden ungeborenen Menschen bewusst zu machen und tatsächlich jedes Kind willkommen zu heißen? Wird das „heiße Eisen“ Abtreibung nicht längst mit dichtem Schweigen belegt – möglichst gar nicht mehr erwähnt oder beklagt? Als ob die Abtreibung eben doch eine konsensfähige Alternative zur Geburt eines Wunschkindes wäre? Und wird nicht die Beihilfe zum Suizid immer öfter zu einer vermeintlich sogar „guten“, „erlösenden“ Tat?

„Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen“ (Dtn 30,19). Jedes Leben ist es wert, geschützt und geachtet zu werden – das ist und bleibt unser unverzichtbarer christlicher Auftrag, den wir niemals aufgeben können. Nutzen wir Christen die „Woche für das Leben 2016“ neu dazu, uns auf unseren kostbarsten und ureigensten Auftrag zu besinnen: den Schutz der Schwächsten: der Kranken, der Alten und der Ungeborenen.

 

Fürbitten-Heft zur „Woche für das Leben“

Unter dem Titel „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben…“ (Joh 10,10) haben die „Christdemokraten für das Leben (CDL)“ ökumenische Fürbitten zum Thema Lebensschutz zusammengestellt. Das Heft möchte dazu beitragen, dass die große Bedrängnis von Frauen, Männern und Familien in krisenhaften Lebenssituationen, sei es am Lebensanfang oder am Lebensende, häufiger zum gemeinsamen Gebetsanliegen gemacht wird. Die auch zur „Woche für das Leben“ passende Sammlung ist auf der CDL-Homepage – www.cdl-online.de/literatur/7 – zu finden oder über die Bundesgeschäftsstelle der CDL zu beziehen.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2016
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Gedenkband würdigt Erzbischof Johannes Dyba

Der Löwe von Fulda

Unter dem Titel „Der Löwe von Fulda“ hat Felizitas Küble in ihrem KOMM-MIT-Verlag einen Gedenkband über Erzbischof Dr. Dr. Johannes Dyba herausgebracht. In 33 Würdigungen zeigt sie das Lebenswerk des streitbaren Hirten auf. Der von zahlreichen Katholiken getragene Wunsch, den allzu früh verstorbenen Bischof durch eine Seligsprechung als beispielhaften Glaubenszeugen herauszustellen, hat wesentlich zu dieser Publikation beigetragen.

Von Günter Mayer

Spiegelbild unserer Zeit

Johannes Dyba war während seiner Bischofszeit in Fulda ein „Stein des Anstoßes“ und zwar nicht nur für die herkömmlichen Gegner der Kirche, sondern auch für jene, die sich  –  nachkonziliar – innerhalb der Kirche eine andere Kirche wünschten.1 Seine Amtsjahre fielen in die unruhige Zeit nach 1968, als viele alles verändern wollten, nur weil es bisher so war. Wer sich dem entgegen stellte, wirkte notwendig wie ein Prellbock und wurde zum Brennspiegel der Zeitumstände. Daher sind die Würdigungen im Buch „Der Löwe von Fulda“, welche Dyba und sein Werk unter verschiedenen  –  auch stark subjektiv betonten  – Blickwinkeln beleuchten, über die Person des Erzbischofs hinaus ein Spiegelbild der Zeit. Für mich steht deshalb nicht nur seine Person im Mittelpunkt, sondern ebenso das Problem seiner Zeit und seine Not, die er damit hatte. Die verschiedenen Blickwinkel machen das Buch zu einem Werk, das einen unverfälschten Rückblick auf diese Jahre ermöglicht.

Der übernatürliche Glaube

„Credo, Credo, Credo“ überschreibt ein Konvertit (Pfarrer Kemether) seinen Beitrag  –  und trifft damit das eigentliche Problem der Kirche. Es berührt mich, dass ich bei vielen Predigten heute den Eindruck gewinne, Gott spiele in dieser Kirche keine aktuelle Rolle mehr. Durch den Kreuzestod Jesu und seine Auferstehung sei das Jenseitige geregelt (wir kommen alle, alle in den Himmel) und damit kann man sich dem Diesseitigen widmen, mit dem man eher Beifall der Menge gewinnen kann. Glaube als Voraussetzung der Umkehr und Barmherzigkeit erst als Frucht dieser Umkehr werden so nicht mehr gesehen. Mehr und mehr wandelt sich die Kirche zu einem Verein für Soziales und Folklore (vgl. Reinhard Dörner, S. 47). Kein Wunder, wenn sich viele abwenden; denn das können andere besser! Ein solcher Verein braucht keine Priester, nur die Kirchensteuer! Wenn Dyba sagte „Alles kommt und geht, die Kirche aber ist geblieben“ (47), meinte er weniger die äußere Erscheinung, die „gruppendynamischen Prozesse“ und Synoden, sondern die „Gemeinschaft der Gläubigen“, die auch in Katakomben überleben kann, wie wir z.B. aus Albanien wissen. Und für diese Gemeinschaft ist uns der Beistand des Heiligen Geistes zugesagt.

Parallelen zwischen Galen und Dyba

„Die Kriegserklärung gegen die Religion“ ist das zentrale Anliegen unserer Zeit (Inge Thürkauf) und der Beitrag zeigt, welcher Personen und Institutionen sich der Satan heute bedient. Erforderlich wären „Streiter Christi mit beispielhaftem Mut“, die man heute in der organisierten Kirche nur noch selten findet. Haben unsere Bischöfe vielleicht mehr Angst vor den Medien als ihre Vorgänger vor Hitlers KZ? Wie die Bischöfe Kardinal Galen ab 1945 für ihr eigenes Schweigen (S. 46) als Alibi benutzt und auf ein Denkmal in Münster gestellt haben, so wird sich die bischöfliche Gemeinschaft in vielleicht 50 Jahren auf Dyba berufen, wenn eine neue Generation von ihnen verlangt, sich für die Heutigen an die Brust zu schlagen.

Und so vergleicht Reinhard Dörner Erzbischof Dyba mit Kardinal Galen. Beiden ging es um das Leben, von der Zeugung bis zum Tod. Dyba kämpfte gegen die Abtreibung; Galen  –  der dieses Problem nicht hatte –  gegen die Euthanasie. Auch Dyba wusste schon, dass diese auf uns zukommen wird. Aber es gibt auch andere Gemeinsamkeiten. Galen durfte das Ende der Nazi-Zeit erleben, Dyba den Fall der Mauer, den er so sehr gewünscht hatte (Kirchenrat Sauerzapf, S. 153). Beide starben eines plötzlichen Todes: Galen nach einer Predigt gegen das Verhalten der Siegermächte, Dyba nach Predigten gegen den Zeitgeist.

Kampf um die Jugend

Dass man gezielt der Jugend die „Andockstellen“ des Glaubens schon in der Kita raubt und damit eine glaubenslose Generation züchtet, zeigt der erschreckende Beitrag von Konrad Badenheuer (S. 23). Frau Meves erinnert sich, dass Dyba entsetzt über die „nicht tolerierbaren Auswüchse der Sexualmoral“ in der Jugendarbeit seiner Diözese war. Auch ich war als ehrenamtlicher Jugendführer (KJG) nach 1968 damit konfrontiert und versuchte, meine Erfahrungen in der Novelle „Steffens letzte Ferien“ in Form einer Erzählung zu verarbeiten. Hierzu wäre ein Beitrag der KPE, welcher Erzbischof Dyba so nahe gestanden hat, wünschenswert gewesen.

Frau Kuby hebt hervor, dass Dyba staatlich tolerierte Störungen des Gottesdienstes erleben musste, wie sie sich in der Nazi-Zeit nicht ereignet haben. Mich entsetzt der Gedanke, dass so manches Predigt-Thema in jenen – Gott sei Dank – vergangenen Tagen (Ehe, Familie, Abtreibung, Homosexualität, radikaler Feminismus) keine staatliche Stelle gestört hätte; heute aber durchaus den Staatsanwalt auf den Plan rufen kann. Die Befürchtung von Konrad Badenheuer (S. 22) ist real und bedroht nicht nur den predigenden Priester, sondern auch die gläubigen Hörer. Die kürzlich in juristische Mode gekommene „Neuinterpretation des Beihilfebegriffes“ ermöglicht es, alle Gläubige zu belangen, die bei einer neuerdings strafrechtlich relevanten Predigt die Kirche nicht unter Protest verlassen haben.

Unmissverständliches Zeugnis

Pater Groppe SJ erinnert an Dybas Mahnung, dass wir nicht für die Verbrechen der Nazizeit, sondern für unser eigenes Tun und Lassen von heute Rechenschaft abzulegen haben. Lassen wir uns nicht von nachkonziliaren Priestern beruhigen, es gäbe bei Gott kein Gericht! Wir werden nicht dadurch gerechtfertigt, dass wir im Entschuldigungswahn unseren Vorfahren an die Brust schlagen, um damit zu zeigen, was wir für „tolle Christen“ sind.[1]

Nahezu alle Verfasser erwähnen und loben die glasklare Sprache, die den Erzbischof von seinen Mitbrüdern im Bischofsamt unterschied und diese und andere provozierte. Dass seine juristische Kompetenz bei der Berufung wirklich eine Rolle gespielt hat (S. 45), bezweifle ich. Doch dürfte seine juristische Ausbildung, welche dem Theologiestudium vorangegangen war, zu seiner deutlichen Rede beigetragen haben. Denn als Jurist lernt man, dass die Wortwahl derart eindeutig sein muss, dass verbal keine andere Auslegung möglich ist. Darin unterscheiden sich Juristen von solchen Theologen, die sich gerne so vage ausdrücken, dass ihnen jeder zustimmen und sie niemand greifen kann.

Die Würdigung von Kardinal Lehmann (S. 48) ist für mich eher ein Kompromiss zwischen Anstand und Ehrlichkeit, jene des „Spiegel“ (S. 44) dagegen konsequent und jene von Scharping (S. 75) glaubwürdig. Auch ich hätte gerne gewusst (Konrad Badenheuer, S. 20), was Erzbischof Dyba zu den Fragen unserer Zeit sagen würde. Eines ist sicher: die Linke würde sein Bild nicht auf ihre Wahlplakate kleben.

Ich bewundere Frau Küble, welche sich diese Herkules-Arbeit praktisch allein aufgeladen hat, nicht nur, um den Erzbischof zu ehren, sondern um unverzichtbares Wissen über unsere Zeit für die Zukunft zu erhalten.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2016
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[1] Anmerkung: Dass es in höchsten Kreisen Leute gibt, die im Konzil eine Zäsur zwischen alter und neuer Kirche sehen, geht deutlich aus der Erwiderung von Uwe C. Lay auf die Schrift von Kardinal Marx „Kirche überlebt“ in „Theologisches“ 11-12/2015 hervor.

Johanna Gräfin von Westphalen war eine Prophetin unserer Zeit

Liebe zur Wahrheit

Johanna Gräfin von Westphalen (24.9.1936-21.1.2016), eine Großnichte des sel. Kardinals Graf von Galen, war Mutter von sechs Kindern. Als Lebensrechtlerin bot sie vielen Menschen in Deutschland Orientierung. Unerschrocken trat sie für ihre Glaubensüberzeugungen ein, kompromisslos kämpfte sie für den Schutz des menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod. Von 1985 bis 2002 war sie die erste Vorsitzende der von ihr mitgegründeten „Christdemokraten für das Leben (CDL)“, 1988 errichtete sie gemeinsam mit ihrem Sohn Friedrich Wilhelm die „Stiftung Ja zum Leben“, die vor allem durch die Aktion gegen Spätabtreibungen „Tim lebt“ bekannt wurde. Papst Johannes Paul II. zeichnete sie 2002 auf Anregung des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger mit dem Großkreuz des Heiligen-Gregorius-Ordens aus. Außerdem war sie Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.

Von Weihbischof Andreas Laun

Persönlich kannte ich Gräfin Johanna von Westphalen leider nur von Begegnungen bei Pro-Life-Veranstaltungen und natürlich auch durch ihre öffentlichen Stellungnahmen und das, was von ihren Taten berichtet wurde. Aber solches „Kennen“ ist genau besehen wichtiger als ein Sich-Kennenlernen bei irgendeinem gesellschaftlichen Ereignis.

Mit dem seligen Erzbischof Clemens August Graf von Galen war Gräfin von Westphalen nicht nur biologisch verwandt, sondern vor allem auch geistig. Beide kämpften gegen denselben Geist des Tötens und des Abfalls von Gott. In diesem Sinn war sie auch mit vielen anderen großen Persönlichkeiten unserer Zeit verwandt. Der gemeinsame Nenner, der sie auszeichnete und auszeichnet, war und ist der Glaube an die Kirche Jesu Christi, an die Gebote Gottes und an die sich keiner politischen Korrektheit beugende Liebe zur Wahrheit.

Der große deutsche Philosoph Dietrich von Hildebrand diagnostizierte kurz vor seinem Tod als die heutige Zeitkrankheit in Kirche und Gesellschaft das fehlende Ernstnehmen der Wahrheitsfrage und ihre heutige Diskriminierung durch die tausendfach wiederholte Frage des Pilatus, was Wahrheit denn sei. Auch Benedikt XVI. legte bekanntlich nicht nur einmal den Finger auf diese Wunde unserer Zeit. Gräfin von Westphalen hat die Frage nach der Wahrheit nicht nur mit Worten, sondern auch in ihrem Handeln klar beantwortet. So war sie eine jener Christen, die in wahrhaft katholischer Einheit mit dem heiligen Papst Johannes Paul II., dem Papst des „Evangeliums des Lebens“, und mit Papst Benedikt XVI., dem Papst des „Evangeliums der Wahrheit“, dachte und arbeitete. Wenn ich an Johanna von Westphalen denke, denke ich also nicht nur an eine sehr schöne und liebenswürdige Frau, sondern an eine, die beseelt war von der Liebe zur Wahrheit. Diese führte sie gemäß den Zeichen der Zeit in ihre unermüdliche Arbeit für den Schutz des Lebens, der zu ihrer Berufung wurde.

Diese Arbeit war – das war vom Thema her unvermeidbar – nicht immer nur höflicher Dialog, manchmal auch heftiger Kampf. Denn angesichts von Feuer und Verbrechen darf man nicht mit sanfter Stimme und bescheidenen Handzeichen um Hilfe bitten oder gar warten, bis es andere auch bemerken. In manchen Situationen ist Schweigen Sünde, sagt der hl. Gregor der Große, laut rufen und demonstrieren hingegen Tugend. Die Sünde des Schweigens hat Gräfin von Westphalen wohl nie zu beichten gehabt. Sie war eine Prophetin unserer Zeit, in einer Zeit, die sich mit ihren Mehrheits-Gesetzen über Gottes Gesetz erhebt.

Die mahnende Rede von Papst Benedikt XVI. im Berliner Reichstag über die notwendige Humanökologie, in der er an das „Naturrecht“ erinnerte, an das Gottesgesetz, das über jedem Menschengesetz steht, blieb ungehört. Man redet bevormundend und patzig von „europäischen Werten“ und rechnet zu diesen voll Heuchelei die Erlaubnis. Kinder zu töten. Johanna von Westphalen hat das verstanden. Sie hat nicht geschwiegen und sie hat gekämpft so gut es ging. Gott allein weiß, wie viele Kinder sie durch ihren Einsatz vor dem Tod bewahrt hat.

Johanna von Westphalen wurde nicht ins Gefängnis geworfen und auch nicht ermordet. Aber man hat sie verspottet und beschimpft. Alles in allem hatte sie sehr wohl eine Art Verfolgung zu erdulden. Aber sie ist standhaft geblieben und so hat sie wohl, wie Jesus uns zuruft, „ihr Leben gewonnen“ (vgl. Lk 21,12-20).

Erzbischof Dyba wurde kurz vor seinem Tod gefragt, ob ihm seine Außenseiterrolle nicht unangenehm sei. Er sagte: „Ich werde in mehr oder weniger kurzer Zeit vor Gott in der Ewigkeit stehen. Da werde ich doch jetzt keine Zeit mehr dazu verschwenden, faulen Kompromissen nachzujagen oder um Mehrheiten, in welchen Gremien auch immer, besorgt zu sein. Die Stunde ist da, um Gottes Botschaft – und dazu gehören auch seine Gebote – in Klarheit und Wahrheit zu verkünden.“ Das hätte Johanna von Westphalen auch sagen können!

Der Prophet Jesaja spricht von der Notwendigkeit, nicht zu schweigen (Jes 62,1-5). „Genau“, hätte Johanna von Westphalen gesagt, „man darf nicht schweigen, auch wenn andere die Erlaubnis, Kinder zu töten, den ,europäischen Werten‘ zurechnen wollen!“ Und Jesaja fährt fort: Gott nennt dich „meine Vermählte“ und er freut sich über dich „wie ein Bräutigam über seine Braut“. Diese Liebeserklärung Gottes gilt jedem von uns, aber heute lausche ich ihr voll Freude und beziehe sie auf Johanna von Westphalen, die von uns gegangen ist, aber nicht für immer, uns nur voraus!

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2016
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Vorausblick auf das nachsynodale Schreiben

Mitfühlende Sorge der Kirche

Weihbischof Dr. Andreas Laun ist sich bewusst, dass Papst Franziskus das nachsynodale Schreiben über Ehe und Familie am 19. März 2016 unterzeichnen wird, also nach der Drucklegung und vor dem Erscheinen dieser Ausgabe. Dennoch wagt er es, noch vor dem Bekanntwerden des päpstlichen Dokuments zum heißdiskutierten Thema des kirchlichen Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen Stellung zu nehmen. Den Akzent setzt er vor allem auf die einfühlsame Sorge der Kirche, die einerseits dem Evangelium treu bleibt, andererseits aber echtes Verständnis für die schmerzlichen Situationen der Betroffenen zeigt.

Von Weihbischof Andreas Laun

Die katholische Welt wartet mit Spannung darauf, was Papst Franziskus aus den Ergebnissen der Synode machen wird. Es heißt, der endgültige Text würde bald erscheinen. Und man weiß, wie heftig diskutiert wurde, auch über Fragen, die für Katholiken eigentlich gelöst sind, längst schon gelöst.

Evangelium der ehelichen Treue

Eines dieser „heißen Eisen“ sind die sog. „wiederverheirateten Geschiedenen“ mit ihrer Forderung, zur Eucharistie zugelassen zu werden. Wobei der Begriff ungenau ist, weil eine Kluft besteht zwischen sakramentaler Ehe und einer neuen, nur staatlichen Verbindung nach einer Scheidung. Und „heiß“ ist dieses „Eisen“ eigentlich nur, so scheint es, mit dem Blick auf die Sakramente, genauer gesagt auf die Möglichkeit, die Sakramente der Beichte und der hl. Kommunion zu empfangen. Dass praktisch immer nur von der Eucharistie gesprochen wird und selten auch von der Beichte, sei nur am Rand angemerkt! Vorweg zu sagen ist auch dies: Das Leidvolle daran ist die Frage der Vereinbarkeit von Eucharistie und dem sexuellen Verkehr in einer nichtsakramentalen Verbindung. Papst Johannes Paul II. hat darauf eine klare Antwort gegeben: Die Betroffenen können die Sakramente nur dann empfangen, wenn sie auf die sexuelle Gemeinschaft verzichten. Niemand kann so weltfremd sein, dass er nicht verstünde: das ist kein leichter Verzicht für Menschen, die sich lieben und die Sehnsucht nach körperlicher Vereinigung spüren und, wenn sie auf den hl. Papst hören, erleiden! Wie über das Thema gesprochen wird und auch wie darüber gesprochen werden sollte, lässt sich nachempfinden in dem Buch von Rainer Beckmann: „Evangelium der ehelichen Treue“.

In der Diskussion zu dieser Fragestellung scheinen drei Aspekte weitgehend übersehen zu werden:

1. Leiden der Kinder und verlassenen Partner

Erstens redet man viel über die neue Verbindung, die Liebe und ihre Sehnsucht. Selten hingegen wird auch das Leiden der Kinder der jeweils geschiedenen Partner bedacht und damit auch die moralische Verpflichtung diesen gegenüber. Denn diese bedeutet natürlich: Es gilt, auch mit einem zur Last gewordenen Partner nicht nur um des Eheversprechens willen durchzuhalten, sondern auch um der Kinder willen. Es mag in vieler Hinsicht ein schweres Opfer sein, aber sind es die Kinder nicht wert, dieses auf sich zu nehmen? Natürlich kann man irgendwelche extremen Beispiele finden oder erfinden. Aber muss man nicht im Normalfall sagen: Das Wohl meiner Kinder ist viel wichtiger als mein vermeintliches großes Glück mit dem neuen Partner?

2. Zeugnis der allein bleibenden Ehepartner

Zweitens sollte man merken und wirklich ständig mitdenken: Es gibt viele Menschen, die von ihrem Ehepartner verlassen wurden, aber ihm oder ihr treu bleiben! Jene Christen, die wirklich begriffen haben, was eine sakramentale Ehe und was Eucharistie, das „Sakrament der Liebe“ (Benedikt XVI.), sind, entdecken: Der wirklich richtige Weg in der Nachfolge Christi ist dieser: die eheliche Treue auch allein gelassen weiter zu leben, allein lebend oder enthaltsam mit einem an sich ersehnten Menschen! Durchaus auch hoffend, er oder sie möge zurückkommen, aber ohne diese Hoffnung Gott als Bedingung stellen zu wollen. Vielmehr in der spirituellen Besinnung auf die viel wichtigere, an die irdische Ehe erinnernde, und lebbare Gottesbeziehung! Auch ein solches Leben ist eine Berufung, ähnlich der eines Kranken oder auch eines Ordenschristen. Als Antwort auf die Zeichen, auf die Not der Zeit, gibt es bereits zwei Gemeinschaften, deren Mitglieder bewusst diesen Weg gehen: „Solitude Myriam"[1] kommt aus Kanada, „Sychar"[2] aus Polen, und die Zeugen beider Gemeinschaften sprechen die gleiche, tief bewegende Sprache! Papst Johannes Paul II. sagt zu ihnen unter anderem: „Der Wert des Zeugnisses jener Ehegatten muss Anerkennung finden, die, obwohl sie vom Partner verlassen wurden, in der Kraft des Glaubens und der christlichen Hoffnung keine neue Verbindung eingegangen sind. Auch diese Ehegatten geben ein authentisches Zeugnis der Treue, dessen die Welt von heute sehr bedarf."[3]

3. Mitfühlende Sorge der Kirche

Drittens fällt bei vielen Gesprächsbeiträgen auf: Kaum jemand geht zurück zu Papst Johannes Paul II. (in seinem Apostolischen Schreiben „Familiaris consortio“)[4] oder zu Papst Benedikt XVI. (in seinem nachsynodalen Schreiben)[5]. Was beiden Päpsten gemeinsam ist: Man spürt ihre Sorge um die Menschen, man spürt ihre Liebe zu ihnen und auch ihr Verständnis für die schmerzliche Situation, in der sie sich befinden. Papst Benedikt schreibt ganz in Übereinstimmung mit seinem Vorgänger:

„Wenn die Eucharistie die Unwiderruflichkeit der Liebe Gottes in Christus zu seiner Kirche ausdrückt, wird verständlich, warum sie in Beziehung zum Sakrament der Ehe jene Unauflöslichkeit einschließt, nach der sich jede wahre Liebe unweigerlich sehnt.[6] Darum ist die pastorale Aufmerksamkeit mehr als gerechtfertigt, die die Synode den schmerzlichen Situationen gewidmet hat, in denen sich nicht wenige Gläubige befinden, die sich nach einer sakramentalen Trauung haben scheiden lassen und eine neue Verbindung eingegangen sind. Es handelt sich um ein dornenreiches und kompliziertes pastorales Problem, eine wahre Plage des heutigen sozialen Umfelds, die in zunehmendem Maße auch auf katholische Kreise übergreift. Die Hirten sind aus Liebe zur Wahrheit verpflichtet, die verschiedenen Situationen genau zu unterscheiden, um den betroffenen Gläubigen in angemessener Weise geistlich zu helfen. Die Bischofssynode hat die auf die Heilige Schrift[7] gegründete Praxis der Kirche, wiederverheiratete Geschiedene nicht zu den Sakramenten zuzulassen, bestätigt, weil ihr Status und ihre Lebenslage objektiv jener Liebesvereinigung zwischen Christus und seiner Kirche widersprechen, die in der Eucharistie bedeutet und verwirklicht wird. Die wiederverheirateten Geschiedenen gehören jedoch trotz ihrer Situation weiter zur Kirche, die ihnen mit spezieller Aufmerksamkeit nachgeht, in dem Wunsch, dass sie so weit als möglich einen christlichen Lebensstil pflegen durch die Teilnahme an der heiligen Messe, wenn auch ohne Kommunionempfang, das Hören des Wortes Gottes, die eucharistische Anbetung, das Gebet, die Teilnahme am Gemeindeleben, das vertrauensvolle Gespräch mit einem Priester oder einem geistlichen Führer, hingebungsvoll geübte Nächstenliebe, Werke der Buße und den Einsatz in der Erziehung der Kinder.“

Denen, die hoffen oder fürchten, Papst Franziskus werde von der Lehre der Kirche und besonders von der Formulierung derselben durch die beiden Päpste vor ihm abweichen, möchte ich sagen: Den Einen: Ihr werdet enttäuscht sein, aber vertraut der Kirche! Den Anderen: Fürchtet euch nicht, das hat es in der Kirche noch nie gegeben!

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2016
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)


[1] Vgl. Andreas Laun: Wahrheit und Barmherzigkeit. In: Von der Trauer zur Freude, Salzburg 2015.
[2] Anna Jedna, Sychar: Wie viel ist ein Ehering wert? Ein Buch für jene, die trotzdem lieben wollen, Kraków, 2. Aufl. 2014.
[3] Familiaris consortio, Nr. 20.
[4] Familiaris consortio, Nr. 84.
[5] Sacramentum caritatis, Nr. 29.
[6] KKK 1640.
[7] Vgl. Mk 10,2-12.

Die sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit

Aus Liebe handeln

Pfarrer Dr. Franz Weidemann, Dortmund, greift die Anregung des Papstes auf, im Jahr der Barmherzigkeit die sog. „Werke der Barmherzigkeit“ in den Blick zu nehmen. Wörtlich schreibt Papst Franziskus in der Bulle „Misericordiae Vultus“: „Es ist mein aufrichtiger Wunsch, dass die Christen während des Jubiläums über die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit nachdenken. Das wird eine Form sein, unser Gewissen, das gegenüber dem Drama der Armut oft eingeschlafen ist, wachzurütteln und immer mehr in die Herzmitte des Evangeliums vorzustoßen, in dem die Armen die Bevorzugten der göttlichen Barmherzigkeit sind. Die Verkündigung Jesu nennt uns diese Werke der Barmherzigkeit, damit wir prüfen können, ob wir als seine Jünger leben oder eben nicht. Entdecken wir erneut die leiblichen Werke der Barmherzigkeit: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und die Toten begraben. Und vergessen wir auch nicht die geistigen Werke der Barmherzigkeit: den Zweifelnden recht raten, die Unwissenden lehren, die Sünder zurechtweisen, die Betrübten trösten, Beleidigungen verzeihen, die Lästigen geduldig ertragen und für die Lebenden und Verstorbenen zu Gott beten“ (MV, Nr. 15).

Von Franz Weidemann

Im „Heiligen Jahr der Barmherzigkeit“ sollen die Gläubigen die „Werke der Barmherzigkeit“ neu entdecken. Dies regt Papst Franziskus in seiner Bulle „Misericordiae Vultus“ an. Dabei handelt es sich um eine alte Tradition. Früher kannte jeder Christ die Liste dieser Werke auswendig, um sein eigenes Handeln davon leiten zu lassen. Mittlerweile hat sich Staub über dieses Traditionswissen gelegt.

Was sind die Werke der Barmherzigkeit? „Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso“ (Lk 3,11). Was das Lukas-Evangelium beschreibt, ist einer der Grundzüge christlichen Handelns, der in der Tradition zu den Werken der Barmherzigkeit entwickelt wurde. Man unterscheidet leibliche und geistige Werke der Barmherzigkeit. Diese Werke sind weder moralisch zu verstehen, noch in dem Sinn, dass man sich damit die Gnade oder das Wohlwollen Gottes „erwirbt“. Sie sind vielmehr Ausdruck eines Handelns, das der Nachfolge Jesu gemäß ist.

Neben den leiblichen Werken der Barmherzigkeit (vgl. Mt 25,31-45) kennt die Kirche also auch die sog. „geistigen bzw. geistlichen Werke der Barmherzigkeit“ (KKK 2447), die weniger bekannt sind. Die Tradition hat ebenfalls sieben zusammengestellt, die ich in Erinnerung rufen und kurz erschließen möchte. Es geht darum, dass die Liebe, in der der Glaube tätig wird, nicht nur auf unseren Leib ausgerichtet ist, sondern auch auf Seele und Geist. Es lohnt sich, über diese sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit ein wenig nachzudenken und sich dazu persönliche Vorsätze zu fassen. Wir orientieren uns an der Reihenfolge, wie sie Papst Franziskus in seiner Bulle gewählt hat.

1. Den Zweifelnden recht raten

Eine erste Möglichkeit, barmherzig zu handeln, ist es, Zweifelnden zu raten. Vielen ist heute – in einer zunehmend komplizierten Welt – mit einem guten Rat, der sich in Worten erschöpft, nicht wirklich geholfen. Wer zweifelt, ist oft gelähmt und braucht eine Anschubhilfe, so wie ein Auto, dessen Batterie sich entleert hat. Eine wirksame Starthilfe kann oft darin bestehen, ein erstes Stück des Weges mitzugehen – oder den anderen vielleicht auch sanft zu schieben: „Du schaffst das! Komm, ich gehe den ersten Schritt mit Dir!“ „Keine Angst, ich bin bei Dir!“

Das gilt besonders auch bei solchen, die Gott suchen. Einen solchen Menschen sollten wir nicht bloß mit einem Buchtipp abspeisen, sondern am besten seinen ersten Schritt auf Gott zu begleiten.

2. Die Unwissenden lehren

Daran knüpft das nächste Werk der Barmherzigkeit an: Unwissende belehren. Wie groß ist heute die Not der Unkenntnis – nicht zuletzt in Glaubensfragen. Hier wäre ein Pisa-Test wahrscheinlich erschreckend.

Machen Sie die Probe aufs Exempel bei sich selbst: Wer kennt noch die 10 Gebote? Die 12 Apostel? Oder gar die 27 Bücher des Neuen Testaments – vom Alten Testament ganz zu schweigen. Sagen Sie nicht, das sei nebensächlich. Gott wird uns einmal danach fragen, wie ernst wir seine Offenbarung genommen und wofür wir unseren Verstand, den er uns geschenkt hat, eingesetzt haben.

Mancher Moslem kann ihnen eine Menge über seinen Glauben und auch über das erzählen, was angeblich wir Christen glauben. Aber viele von uns können darauf trotz Religionsunterricht und Firmung nicht antworten. Zwischen Unwissenden ist dann aber auch kein Dialog möglich, höchstens übers Wetter!

3. Die Sünder zurechtweisen

Das dritte Werk der Barmherzigkeit erfordert Mut: Sünder zurechtweisen bzw. zu ermutigen, von falschen Wegen umzukehren. Das ist viel schwerer, als mit dem Finger auf andere zu zeigen und sie Dritten gegenüber zu kritisieren. Zu einem Freund, einem guten Bekannten hinzugehen und ihm zu sagen: „Du, es fällt mir zwar schwer, Dir das zu sagen, aber gerade weil Du mir nicht gleichgültig bist, muss ich Dir sagen: hier handelst Du falsch, hier schadest Du Dir selbst und anderen!“ Das ist mutig – und das ist ein Zeichen echter Wertschätzung. Darum werde ich das ihm zunächst auf jeden Fall unter vier Augen sagen, nicht um zu demütigen, sondern um zu ermutigen. Zurechtweisung sollte immer in Bescheidenheit und ohne Zorn geschehen.

So hat der hl. Vinzenz von Paul einmal gesagt, er habe dreimal in seinem Leben scharfe Worte gebraucht, dabei jedoch nur Misserfolg geerntet. Wenn er aber in Güte gesprochen habe, habe er erreicht, was er erreichen wollte.

Eine sanfte, gütige Zurechtweisung ist eine besondere Form gelebter Nächstenliebe.

4. Die Betrübten trösten

Ein viertes Werk der Barmherzigkeit ist es, einen traurigen Menschen zu trösten. Jeder von uns begegnet früher oder später jemandem, dessen Augen getrübt sind, der die Freude verloren hat. Das Erste und Wichtigste ist es, dass ich dies überhaupt wahrnehme und mich dann nicht von ihm abwende, weil ich möglicher Weise nicht weiß, was ich sagen soll. Dann frag ihn doch einfach: „Was liegt Dir denn auf dem Herzen, sag es mir?“

5. Beleidigungen verzeihen

Das fünfte Werk der Barmherzigkeit ist vielleicht das Schwerste: jenen, die Leid zufügen, verzeihen. Wie schwer fällt uns das! Aber wie notwendig ist das auch: nur wer von Herzen verzeiht, findet auch selbst Frieden. Und nur wer sich zumindest ehrlich darum bemüht, der kann auch so beten, wie Jesus es uns gelehrt hat: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir denen vergeben haben, die an uns schuldig geworden sind.“ So heißt es eigentlich wörtlich übersetzt.

6. Die Lästigen geduldig ertragen

Das sechste geistige Werk der Barmherzigkeit ist es, einen lästigen Menschen geduldig zu ertragen. Das kann wirklich Nerven kosten! Da ruft jemand zur absolut unpassenden Zeit an, während des Mittagessens oder genau dann, wenn die Nachrichten kommen. Da hat jemand eine Frage oder eine Bitte, die aus unserer Sicht überhaupt nicht wichtig ist, aber der andere ist nun einmal wirklich beunruhigt. Wer hier im Kleinen Geduld übt, der kann es auf dem Weg zur Heiligkeit weit bringen. Denn hier können wir Gott unerwartet ähnlich werden: Wie viel Unsinn muss er sich nämlich von uns anhören – und wird doch nicht ungeduldig! Oder wie geduldig ist er mit uns, die wir immer wieder dieselben Fehler begehen, die wir uns auch nach so vielen Zeichen seiner Güte so schwer tun, ihm zu vertrauen.

In der Taufe sind wir seine Kinder geworden, das heißt wir haben das Anrecht auf das ewige Erbe erhalten. Dann können wir mit der uns geschenkten Zeit auch großzügig umgehen und Geduld mit denen haben, die uns lästig fallen.

7. Für die Lebenden und Verstorbenen zu Gott beten

Damit sind wir beim siebten und letzten Werk der geistigen Barmherzigkeit: für alle zu beten. Wer betet, der schaut mit anderen Augen auf die Menschen. Und wir wissen, wie froh manche Menschen sind, wenn wir ihnen sagen/schreiben: „Ich bete für Sie und Ihre Anliegen.“ Sagen Sie es als Vater, als Mutter, als Großeltern: „Ich bete für Dich!“ Tun wir es füreinander, gerade dort, wo es Spannungen gibt, wo Beziehungen brüchig werden, wo andere Worte nichts mehr ausrichten!

Beten, das können wir immer – auch dann, wenn sich der andere zunächst einmal von uns abwendet. Beten wir nicht nur für die Lebenden, sondern auch für die Verstorbenen zu Gott. Denn Gottes Barmherzigkeit ist größer als unsere Ratlosigkeit, als unsere Trauer und als unsere Unbarmherzigkeit. Das vertrauensvolle Gebet ist eine der überzeugendsten Antworten, die wir Christen auf die Frage haben: „Wo ist Gottes Barmherzigkeit?“

Auf dem Grabstein des sel. Adolph Kolping stehen nach seinem eigenen Wunsch die Worte: „Hier ruht Adolph Kolping (geboren zu Kerpen am 8. Dezember 1813, gestorben zu Köln am 4. Dezember 1865). Er bittet um das Almosen des Gebetes.“

Fragen wir uns, wer dieses Almosen des Gebets besonders braucht, und teilen wir es immer wieder großherzig aus. Es ist nicht immer leicht, die Werke der Barmherzigkeit zu üben und sie auch im Alltag durchzuhalten. Mögen wir im Herzen Jesu immer neu die Kraft finden, unsere Hingabe in Freude zu leben, uns für die Nöte unserer Mitmenschen zu öffnen und ihnen mit den leiblichen und geistigen Werken der Barmherzigkeit zu Hilfe zu kommen.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2016
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Das anstößige Ringen um die Wahrheit

Lebenszeugnisse von Konvertiten

Barbara Wenz ist Autorin und freie Journalistin. Sie wurde 1967 in der Südpfalz geboren und evangelisch getauft. Nach Umwegen über die Esoterik – einschließlich einer Ausbildung als Yoga-Lehrerin – trat sie 2007 in die katholische Kirche ein. Berührt vom Sterben des hl. Johannes Pauls II. und fasziniert vom Pontifikat Benedikts XVI. wuchs sie immer tiefer in den katholischen Glauben hinein. Nun machte sie sich auf die Suche nach dem Schicksal anderer Konvertiten und entdeckte deren Ringen um die Wahrheit. In einem neuen Buch stellt sie ergreifende Glaubenszeugnisse vor,[1] welche sie selbst mit den Worten charakterisiert: „Von Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit sprechen die Bekehrungserlebnisse und Schicksale der Konvertiten, die in diesem Buch erzählt werden: Menschen, deren Glaube und Handeln jeweils eine winzige Facette in dem Brillanten darstellen, der die katholische Kirche und ihre Lehre ist, und in dem jede einzelne Facette das leuchtende Feuer dieses Juwels erst wahrhaft zum Erstrahlen bringt.“ Nachfolgend eine gekürzte Fassung des Einführungskapitels.

Von Barbara Wenz

Das nie verlöschende Licht

Es muss nicht immer ein brennender Dornbusch sein. Ein farbenprächtiger Sonnenaufgang am Meer. Der endlos sich ins Jenseitige verzweigende Gesang einer einsamen Amsel am Abend. Vollmondaufgang in der Wüste. Eine funkelnde, überwältigende Sternennacht über verschneiten Gebirgsgipfeln. Ein tobender Orkan an der Küste. Plötzlich wallt da etwas auf im Menschen – selbst wenn er nicht religiös ist – eine Wahrnehmung, so unmittelbar und ergreifend, so tief aus dem Inneren der Seele aufsteigend und sich Bahn brechend, dass sie sogar zu körperlichen Reaktionen wie Erschauern, Zittern oder gar Haarsträuben führen kann.

Es sind Momente, in denen ein Geheimnis in uns waltet, das ebenso majestätisch wie Ehrfurcht gebietend zugleich aufscheint. Eine der schönsten und ergreifendsten Beschreibungen eines solchen Momentes stammt von dem russischen Religionsphilosophen Sergej Bulgakov, 1871 geboren, verstorben im Jahre 1944, der im Alter von vierzehn Jahren seinen Glauben verloren und sich als „wissenschaftlichen Atheisten“ betrachtet hatte. Es ist der Anblick der Berge des Kaukasus, von ungezählten Dichtern besungen, der den gerade 24-Jährigen aus seinem religiösen Schlummer erwachen lässt – er beschreibt es in seinem Buch „Das nie verlöschende Licht“ mit hochpoetischen Worten: „Wir fuhren durch die südliche Steppe, die in den würzigen Duft des Honigs, der Gräser und des Heus gehüllt war, gold leuchtend im milden Licht der untergehenden Sonne. In der Ferne wurden die ersten Berge des Kaukasus bereits blau. Ich sah sie zum ersten Mal. Ich betrachtete begierig die Berge, ich atmete die Luft und das Licht: Ich lauschte der Offenbarung der Natur. Meine Seele hatte sich seit langem daran gewöhnt, in der Natur nichts anderes als eine tote Wüste zu sehen, die ein Schleier der Schönheit bedeckte, als trüge sie eine täuschende Maske. Und plötzlich wurde meine Seele von Freude erfüllt und zitterte vor Begeisterung: Und wenn es gäbe … den milden und liebenden Vater, wenn das sein Schleier wäre, seine Liebe…; wenn die frommen Gefühle meiner Kinderzeit, als ich mit ihm lebte, als ich vor seinem Antlitz stand, als ich ihn liebte und zitterte wegen meiner Unfähigkeit, mich ihm zu nahen, wenn meine Tränen und meine junge Glut, die Sanftheit des Gebets, meine kindliche Reinheit, über die ich mich lustig machte, als ich sie befleckt hatte, wenn das alles wahr wäre und das andere – die todesträchtige Leere –  nichts als Verblendung und Lüge? … Und wieder ihr, oh ihr Berge des Kaukasus. Ich habe euer Eis glitzern sehen, von einem Meer zum anderen, euren Schnee, den die Morgensonne rötete, eure Gipfel, die den Himmel durchragen, und meine Seele schmolz in Ekstase.“

Bei dem französischen Journalisten André Frossard genügte der eher unbeabsichtigte Besuch einer kleinen Kapelle in Paris am 8. Juli 1935 – und plötzlich überfiel ihn wie ein heftiger Wolkenbruch das Bewusstsein, dass Gott existiert. Frossard wusste kaum, wie ihm geschah, und er schrieb dazu später: „Ich war ebenso überrascht, mich beim Heraustreten aus dieser Kirche als Katholik zu sehen, wie ich überrascht gewesen wäre, mich beim Herauskommen aus einem Tiergarten als Giraffe wiederzufinden.“

Kampf zwischen den Mächten des Guten und des Bösen

Doch nicht jeder, der konvertiert, erlebt solche transzendenten, überwirklichen Momente des Einbruchs göttlicher Gnade, wie sie Sergej Bulgakov und André Frossard erfahren haben. Die überwiegende Mehrzahl der Konversionen, historisch und global gesehen, wurde durch katholische Ehefrauen bewirkt. Das ist ein selten benannter Umstand in der einschlägigen Literatur, doch er besteht.

Der spätere Weltklasseromancier Graham Greene – berühmt geworden durch seine – auch erfolgreich verfilmten – Werke „Der dritte Mann“, „Die Kraft und die Herrlichkeit“ und „Der Honorarkonsul“, stand noch am Beginn seiner Karriere, als ihm die katholische Lyrikerin Vivien Dayrell-Browning einen erbosten Leserbrief anlässlich einer Filmrezension schickte, die er für ein Magazin verfasst hatte. Darin hatte er in der Art formuliert, dass Filmstars von den Massen des Volkes in ähnlicher Weise angebetet würden, wie Katholiken die heilige Jungfrau anbeteten. Vivien Dayrell-Brownings wortgewaltiges Schreiben, das in dem scharfen Hinweis gipfelte, kein Katholik bete Maria an, beeindruckte den getauften Anglikaner Greene, der bis dahin nicht an einen Gott glauben konnte, zutiefst. Er begann sich zunächst für ihre Person, dann für ihren Glauben – halb zog sie ihn, halb sank er hin – zu interessieren. Im Januar 1926 notiert er, er sei zu der Überzeugung gekommen, es müsse so etwas wie Gott geben. Den nur einen Monat danach erfolgenden Übertritt in die katholische Kirche betrachtet er ausgesprochen nüchtern und schreibt an seine Mutter: „Ich nehme an, dass du schon vermutet hattest, dass ich die ,scharlachrote Frau‘ umarme.“

Die „scharlachrote Frau“, das ist ein Kampfbegriff der antikatholischen viktorianischen Bewegung im England des späten 19. Jahrhunderts, der von einigen Freikirchen auch heute noch benutzt wird: Die Hure Babylon, die auf dem Löwen reitet und in scharlachrote Gewänder gekleidet ist, wobei Rom als das neue Babylon gedeutet wurde.

Später schreibt er über seinen Kircheneintritt: „Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl, als ich aus der Kathedrale [gemeint ist die Kathedrale von Nottingham, in welcher die Zeremonie stattfand – Anmerkung der Autorin] kam, da war keinerlei Freude, nur eine düstere Vorahnung.“

Eineinhalb Jahre später heiratet er Vivien, doch das Paar trennt sich nach fast zwanzig Jahren gemeinsamen Lebens – Greene hat Schwierigkeiten mit dem ehelichen Treuegelöbnis und sollte sie zeitlebens haben; geschieden wurde die Ehe jedoch nie. Für Greenes Schaffenskraft und sein Wachstum als Schriftsteller wirkte der Wechsel in die katholische Kirche wie ein Brandbeschleuniger – er hatte entdeckt, dass Gott existiert und dass auf dieser Welt tatsächlich ein Kampf zwischen ungeheuren Mächten, denen des Lichtes und denen der Finsternis, des Guten und des Bösen, mit einem ungeheuerlichen Lärm ausgetragen wird, den er jetzt, nach seiner Konversion, mit ebenso wachem wie beflügeltem Geist, zum ersten Mal in seinem Leben hören konnte. Seine literarische Antwort darauf konnte nicht im Verfassen von erbaulichen Schriften bestehen, so viel stand bereits fest für einen Mann, dessen Großonkel kein Geringerer als der famose Abenteuerschriftsteller Robert Louis Stevenson war. Greene hatte bereits ganz beachtlich mit seinen Werken reüssiert, als 1932 sein Roman „Orient-Express“ erscheint, kann er für sich und seine Familie – Vivien ist schwanger mit einer Tochter – durch den Verkauf der Filmrechte ein Eigenheim erwerben. Doch der große Durchbruch sollte ab 1938 mit „Brighton Rock“ – deutscher Titel: „Am Abgrund des Lebens“ – erfolgen. Ab diesem Zeitpunkt nahmen Katholiken in Greenes Romanwelten einen selbstverständlichen Platz ein, auch wenn sie zum Leidwesen vieler literaturbegeisterter Gläubigen eben nicht immer sympathisch dargestellt wurden, sondern dazu auch noch in einer Umgebung voller religiöser Indifferenz unter zahlreichen Anfechtungen und Versuchungen zu leiden haben, häufig unerlöst sind und ihren Glauben wie ein Kreuz auf den Schultern ihrer Seele tragen.

Greenes „Die Kraft und die Herrlichkeit“, ein Roman über die Revolution in Mexiko, erschien zwei Jahre danach, erregte die Aufmerksamkeit des Heiligen Offiziums, also der obersten Glaubensbehörde Roms, und wurde 1953 von Giuseppe Kardinal Pizzardo mit einem Bannspruch belegt. Doch Papst Paul VI., der das literarische Genie Greenes zu schätzen wusste, konstatierte ihm nüchtern, dass wohl einige Katholiken einen Teil seiner Bücher immer anstößig finden würden – er solle sich aber deswegen keine Gedanken machen. Jüngst hat sich Robert Kardinal Sarah in einem Interview mit dem in Rom lebenden deutschen Journalisten und Vatikanisten Armin Schwibach auf Greenes Buch „Die Kraft und die Herrlichkeit“ berufen und es zur Lektüre empfohlen, da man darin ersehen könne, was passiere, wenn die Hirten vom Geist der Welt ergriffen werden.

Dass Greene sich mit den Irritationen, die er bei vielen frommen Katholiken mit seinen Romanen auslöste, durchaus gedanklich beschäftigt hat, können wir aus einer Antwort an seinen ebenfalls konvertierten Schriftstellerkollegen und Freund Evelyn Waugh ersehen – anlässlich seines Werkes „Ein ausgebrannter Fall“, der im Kongo auf einer Lepra-Station spielt und in dem der dort lebende Pater Thomas ausgerechnet Furcht vor der Dunkelheit hat und davor, bei Nacht zu einem Sterbenden gerufen zu werden. Greene berief sich in seiner Antwort an Waugh auf eine Vorlesung von John Henry Kardinal Newman, in welcher der berühmte konvertierte Anglikaner sinngemäß sagte, dass, wenn es sich bei Literatur um das Studium der menschlichen Natur handle, es in diesem Falle eine reine und pure „christliche Literatur“ – er verwies hier exemplarisch auf die Psalmen – im weiteren Sinne nicht geben könne, da sich Literatur stets mit dem sündigen Menschen befasse. Dann müsse man aufhören, sich mit dem Studium der menschlichen Seele, der menschlichen Geschichte, des menschlichen Herzens zu befassen und möge es auch zugeben, aber nicht von der Literatur verlangen, sündenfreie Menschen darzustellen.

Moralisches Bollwerk gegen die Moden der Zeit

Auch die Konversion von Graham Greenes Schriftstellerfreund Evelyn Waugh, dessen „Wiedersehen in Brideshead“ zu den Klassikern katholischer Literatur dieser Ära gehört, verlief ausgesprochen sachlich, wenn nicht gar ernüchternd. „Mit gefestigter intellektueller Überzeugung, doch kaum einer Emotion trat ich in die katholische Kirche ein“, schrieb er seinem geistlichen Begleiter, einem Jesuitenpater, kurze Zeit nach dem Ereignis im Oktober 1930. Zu diesem Zeitpunkt war Waugh siebenundzwanzig Jahre alt und hatte bereits in den Romanen „Auf der schiefen Ebene“ und „Lust und Laster“ das dekadente Leben der Londoner Gesellschaft beschrieben, bestehend aus vom Leben gelangweilten, übersättigten Menschen, denen nicht nur Werte und Orientierung, sondern auch das Fragen danach in ihrer abgeschirmten Welt voller schaler Parteivergnügungen verloren gegangen waren. Als scharfer Beobachter beschreibt hier Waugh mit dem pointierten Blick des Satirikers eine Gesellschaftsschicht, der er selbst angehörte. Ein vielsagendes Zitat, das seine Haltung dazu in Worte fasst, lautet wie folgt: „Zehn Jahre in dieser Gesellschaftswelt genügten, um mir zu zeigen, dass Leben unverständlich ist ohne Gott.“

Dabei hatte er im Alter von achtzehn Jahren in seinem Tagebuch notiert: „In den letzten Wochen habe ich aufgehört, ein Christ zu sein. Ich bin ein Atheist in jeder Hinsicht außer der, den Mut zu haben, dies mir gegenüber auch einzugestehen.“ Geprägt durch eine ausgesprochen religionskritische bis religionsfeindliche Erziehung in der Schule, die er als Teenager besuchte und während seines Studiums in Oxford, wo in studentischen „Debattierclubs“ zum Beispiel die Unsterblichkeit der Seele und die Gottessohnschaft Jesu negiert und nicht etwa diskutiert wurden, trug wohl das Scheitern seiner Ehe mit Evelyn Gardner 1929 mit dazu bei, dass er ein Jahr später konvertierte. Wohl auf Anregung seines geistlichen Begleiters stellte er den Antrag auf ein Annullierungsverfahren in Rom, dem stattgegeben wurde. Mit der Katholikin Laura Herbert, die er nach der Annullierung der ersten Ehe heiratete und der er bis zu seinem Tode treu verbunden war, zeugte er sieben Kinder. Ebenso wie sein Freund Graham Greene sah er sich Attacken vonseiten des katholischen Establishments ausgesetzt; der Herausgeber des „Tablet“, heute eher eine liberal-katholische Zeitung, griff ihn mit den Vorwürfen an, seine Werke seien zynisch und vielmehr geeignet, den Glauben zu untergraben. Genau wie sein Kollege Greene skizziert Waugh in seinen Romanen Katholiken als nicht ideale, makellose Wesen, sondern zum Teil verstrickt in der Auseinandersetzung mit ihrem Glauben und einer schweren persönlichen Schuld. In einer orientierungslos gewordenen Gesellschaft besteht die Vorbildfunktion, die Waugh ihnen zuweist, eben darin, dass zum Beispiel in „Wiedersehen mit Brideshead“ fast alle vorkommenden Charaktere sich am Ende zu Gott bekehren, zur Realität seiner Existenz, seiner Barmherzigkeit und liebenden Vergebung.

Die Entwicklung in der katholischen Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, wie sie für viele Gläubige besonders schmerzhaft in der nachfolgenden Liturgiereform sichtbar wurde, erfüllte Waugh mit tiefer Sorge und zunehmender Frustration. Er hatte an eine ewige, unwandelbare, immerwährende Kirche geglaubt, ein moralisches Bollwerk gegen die Moden der Zeit und gegen die Auswüchse einer gelangweilten und gottvergessenen Gesellschaft, die er so lange in seinen Werken ebenso meisterhaft wie pointiert beschrieben hatte.

Ein Jahr vor seinem Tod schreibt er in einem Vorwort für die Neuauflage seiner „Sword of Honour“-Trilogie, deutscher Titel: „Ohne Furcht und Tadel“, dass es sich dabei um einen Nachruf handle: „auf die römisch-katholische Kirche, wie sie Jahrhunderte lang in England existiert habe“.

Das „Skandalon“ einer Konversion um der Wahrheit willen

Nicht selten trifft man, wie dies bei Evelyn Waugh der Fall war, eine im Kern – zunächst – rein intellektuelle Konversion bei Schriftstellern, Musikschaffenden und anderweitig künstlerisch tätigen Menschen sowie Geistes- , aber auch Naturwissenschaftlern an. Dass die katholische Lehre auch rein verstandesmäßig, auf der rationalen Ebene überzeugen kann und immer noch überzeugt, hat in jüngster Zeit besonders der nun emeritierte Papst Benedikt XVI. stets betont und hervorgehoben. Eine historisch wesensmäßige Komponente des Christentums war stets die Auseinandersetzung mit und die teilweise Adaption der griechisch-philosophischen Gedankenwelt der Antike.

Joseph Kardinal Ratzinger schrieb 1980 in einem Artikel für die Zeitschrift „Communio“: „Näherhin ergibt sich Theologie notwendig aus der Verschmelzung von biblischem Glauben und griechischer Rationalität, auf der schon im Neuen Testament selbst das geschichtliche Christentum beruht. Wenn das Johannesevangelium Christus als den Logos bezeichnet, so kommt diese Verschmelzung sehr deutlich zum Vorschein: Der Text drückt damit die Überzeugung aus, dass im christlichen Glauben das Vernünftige, die Grundvernunft selbst zum Vorschein kommt, ja, er will sagen, dass der Grund des Seins selbst Vernunft ist und dass die Vernunft nicht ein zufälliges Nebenprodukt aus dem Ozean des Unvernünftigen darstellt, aus dem eigentlich alles stammte.“

Letztlich wurde das Magisterium über fast zwei Jahrtausende hinweg von großen heiligen Denkern, Scholastikern und Kirchenlehrern geformt und ausgearbeitet, so dass wir Heutigen nun einen makellos schimmernden Brillanten mit wunderschönen Facetten der Wahrheit in den Händen halten. Es ist eben jener Anspruch auf die Wahrheit, welchen die katholische Kirche mit ihrem Lehramt erhebt, der sie zum skandalon macht – und den Konvertiten, denjenigen, der den Ausgang aus Platons Höhle gefunden hat, zu einem Menschen macht, an dem man Anstoß nimmt, ja, der ein Ärgernis für viele darstellt. Das war bei der Konversion des ehemaligen britischen Premierministers Tony Blair im Jahre 2007 so – sie sorgte für heftiges Rauschen im Blätterwald und stellte gerade für das ausgesprochen protestantische England, in dessen Konstitution festgehalten ist, dass kein Katholik die Krone besitzen oder erben kann, eine enorme Provokation dar, weshalb Blair aus Gründen der Staatsraison diesen Schritt erst nach Ablauf seiner Amtszeit unternahm. Man muss jedoch nicht Brite und auch nicht Premierminister gewesen sein, um mit einer Konversion Aufsehen zu erregen, Missbilligung, sogar Verachtung und Hass in seiner näheren Umgebung, ja selbst in der eigenen Familie auf sich zu ziehen.

Als Gilbert Keith Chesterton katholisch wurde, kommentierte dies sein Zeitgenosse George Bernard Shaw mit den Worten: „This is going too far! – „Das geht jetzt zu weit!“ Bertolt Brecht bezeichnete Döblins Credo vor dessen versammelten Geburtstagsgästen am 14. August 1943 als einen peinlichen Vorfall. Von Edith Stein wissen wir, dass ihr Eintritt in die Kirche zu einem heftigen Zerwürfnis mit ihrer Mutter führte. Der wohl berühmteste und einflussreichste Konvertit der Christenheit schreibt dazu in seinem Brief an die Korinther:

„Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2016
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[1] Barbara Wenz: Konvertiten. Ergreifende Glaubenszeugnisse, geb., 160 S., Euro 14,95 (D), Euro 15,40 (A). Verlag Media Maria, 2016: Tel. 07303-9523310, Fax: 07303-9523315, E-Mail: buch@ media-maria.de

Taten des IS sind „Völkermord“

Am 4. Februar 2016 hat das Europaparlament mit großer Mehrheit eine Resolution verabschiedet, in der das Vorgehen des IS als „Völkermord“ eingestuft wird. Der gemeinsame Entschließungsantrag wurde vom Europaabgeordneten und Menschenrechtspolitiker Arne Gericke (Familien-Partei) zusammen mit Kollegen seiner Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer angestoßen. Nach Gericke handelt es sich um einen historischen Beschluss, der den Weg für einen „entschlossenen Kampf gegen den unerträglichen Terror der fanatischen Daesh“ bereitet und christlichen Flüchtlingen neue Perspektiven eröffnet.

In der Begründung für die Bezeichnung „Völkermord“ heißt es, man sehe offen den systematischen Ansatz des Mordens: „Menschen werden getötet, abgeschlachtet, verprügelt, erpresst, entführt und gefoltert, Christen versklavt (insbesondere Mädchen und Frauen, die zudem anderen Formen sexueller Gewalt ausgesetzt waren), zur Konvertierung gezwungen, zwangsverheiratet und zu Opfern von Menschenhandel gemacht“, so der Text der verabschiedeten Resolution. Viel zu oft, so Gericke, seien „selbst Kinder hilflose Opfer des Daesh-Terrors“.

Darüber hinaus verurteilt das Straßburger Plenum auch den religiösen und kulturellen Abrisswahn der Daesh: „Gotteshäuser, Denkmäler, Schreine, und andere Stätten der Religionsausübung, auch Gräber und Friedhöfe werden verwüstet und geschändet.“ Jahrtausende alte Kulturschätze würden unwiederbringlich vernichtet. „All das können und dürfen wir nicht länger dulden. All das fordert unseren vollen Einsatz – und höchstmögliche, auch völkerrechtliche Sanktionsmaßnahmen“, so Gericke. „Die klare Sprache des Europaparlaments legt dafür einen wichtigen Grundstein.“

Für Gericke selbst ist die Resolution auch deshalb wichtig, „weil es uns damit wiederholt gelungen ist, eine Mehrheit der demokratischen Volksvertretung Europas für das Benennen der Christenverfolgung zu erreichen. Noch vor zwei, drei Jahren wäre das nicht möglich gewesen. Hier zeigen sich auch die Erfolge einer neuen, offensiveren und besser vernetzten Politik von Christen für Christen in Europa.“

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2016
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Zum Verhältnis von Theologie und Biografie bei Leo Scheffczyk

Auf dem Weg der „Catholica“

Pater Dr. Johannes Nebel FSO organisierte zum 10. Todestag von Leo Kardinal Scheffczyk im September 2015 ein Gedenk-Symposium. Im Nachklang arbeitet er die Persönlichkeit Scheffczyks heraus, wie sie sich aus autobiografischen Hinweisen in seinen theologischen Schriften erschließen lässt. Danach beruhte seine gewissenhafte Glaubenstreue auf einer tiefen persönlichen Gotteserfahrung während der Kriegsjahre. So verband sich ehrfürchtiges Bekenntnis zur Überlieferung mit dem Bemühen um Fortschritt im theologischen Denken.

Von Johannes Nebel FSO

Noch immer ist es – zumindest im deutschsprachigen Raum – selten, dass die theologische Fachwelt auf das Denken Leo Scheffczyks Bezug nimmt. Das gilt aber ebenso auf der Ebene der Biografie: Wenn man beispielsweise Material zur Biografie anderer namhafter theologischer Größen des 20. Jahrhunderts einsieht – etwa zu Joseph Ratzinger, Karl Rahner oder zu Hans Urs von Balthasar –, so stößt man so gut wie nie auf den Namen Scheffczyks, obwohl dieser mit allen drei Genannten persönlich bekannt und in gewissem Rahmen auch theologisch zusammengearbeitet hatte. Scheffczyk steht irgendwie unscheinbar daneben, unbeachtet – aber nicht ungeachtet. Von Hans Urs von Balthasar wissen wir beispielsweise, dass er Scheffczyk in den 80er Jahren für den bedeutendsten deutschsprachigen Dogmatiker hielt; allerdings äußerte er dies nur privat, nicht öffentlich.

Leo Scheffczyk hat im theologischen Denken seiner persönlichen Biografie so gut wie keinen Raum gegeben. Dies wirkte auf jene, die ihn kannten, aber nie gezwungen, sondern erweckte einen authentischen, ja oft auch gelösten und sogar humorvollen Eindruck. Umso kostbarer sind freilich winzige autobiografische Einsprengsel in seinen Schriften.

Realismus des christlichen Heils

Ein erstes Beispiel ist der Artikel „Erfahrung der Theologie in der Zeit“, der auf einen Vortrag Scheffczyks bei der Päpstlichen Theologischen Akademie im Jahr 2000 zurückgeht. Scheffczyk schilderte in groben Strichen Entwicklungslinien der deutschsprachigen Theologie des 20. Jahrhunderts. Nur an einer einzigen Stelle – aber immerhin dort – erzählte Scheffczyk tatsächlich aus seinem ganz persönlichen Leben: Er habe auf der Tagung der „Arbeitsgemeinschaft der deutschen Dogmatiker und Fundamentaltheologen“ in Passau 1959 ein Referat über „Die materielle Welt im Lichte der Eucharistie“ gehalten, und nun berichtete er: „Zu der hier vertretenen traditionellen Transsubstantiationslehre gab Bernhard Welte eine interessante Erklärung ab, die besagte, dass die materiellen Dinge und Substanzen nicht aus ihrem physikalischen An-sich-Sein zu bestimmen seien, sondern aus dem Bezugszusammenhang zur Erkenntnis des Menschen.“

Und über sich selbst fügte Scheffczyk nun hinzu: „Ein junger Dozent konnte es damals noch nicht wagen, dem geistvollen berühmten Professor zu widersprechen, wenn man auch fühlte, dass sich hier ein neues idealistisches und existentialistisches Denken anmeldete, dessen Vereinbarkeit mit dem Dogma problematisch schien.“

Das argumentative Gesamtgefüge dieses rückblickenden Vortrags vom Jahre 2000 lässt erkennen: Diese einzige kleine autobiografische Notiz bildet gewissermaßen das zentrale Scharnier des Gedankengangs. Damals mit Bernhard Welte ging es um das „An-Sich“ eucharistischer Wesensverwandlung gemäß traditioneller Theologie und andererseits dessen Umprägung zu einer Bedeutung „für Mich“. Genau an diesem Wendepunkt also tritt der Mensch Leo Scheffczyk als lebensgeschichtlich Betroffener in Erscheinung. Daraus ergibt sich eine Grundfrage, welche bei Scheffczyk Biografie und Theologie verbindet, nämlich: Worauf kann ich religiös-geistig bauen? Welches Fundament hält stand? Scheffczyk antwortete auf diese Frage in reflektierter Form mit dem von ihm maßgeblich geprägten Begriff des „Heilsrealismus“. Dies erklärte er einmal so: „Heilsrealismus will besagen, dass das Heil nach christlich-katholischem Verständnis gerade auch in die dem Ideellen, Geistigen entgegengesetzte Sphäre eindringt und sich ihr verbindet, nämlich der materiellen, kosmischen, sinnenhaften, geschichtlichen.“

Theologe-Sein in geistiger Spannung

Scheffczyk nimmt in seinem Rückblick auf seine Erfahrungen als Theologe die Position eines Beobachters ein. Distanzierte Beobachtung fing bei Scheffczyk früh an. Maßstab dafür waren sicher schon Impulse, die er als Jugendlicher in dem von Jesuiten geführten „Neudeutschlandbund“ empfing. Bemerkenswert war hierbei aber seine besondere Art der geistigen Aufnahme. Im Unterschied zu nicht wenigen Altersgenossen blieb ihm der Neudeutschlandbund in Erinnerung als eine ziemlich reflektierte jugendliche Bekenntnisgemeinschaft, die sich, alles in allem, in den ideologischen Herausforderungen der Zeit bewährte. Das ausgeprägt Bekennerhafte fand schon im jungen Scheffczyk seine Hauptverankerung in der Kirche, die angesichts der Nazi-Bedrohung von ihm als Fels in der Brandung empfunden wurde. Schon das Tagebuch des Seminaristen lässt erkennen, dass Christushingabe und Identifizierung mit dem Wesen der Kirche untrennbar zusammengehören. Das Überzeugende ist stets das geistig Gefügte und Umfassende.

Aber auch die Zeitverhältnisse und die Nöte des Menschen in der Zeit kamen Scheffczyk schon früh nahe, nicht zuletzt durch sein ausgeprägtes Literatur-Interesse. In Letzterem liegt einerseits eine geistige Filterung, welche Distanz wahren lässt, andererseits aber auch eine geistige Durchleuchtung, die Scheffczyk dann zu ergriffener Sorge führte und die sich – zeit seines ganzen Lebens – auf die priesterliche Mitsorge für konkrete Menschen eindrucksvoll auswirkte.

Für den Beobachterstandpunkt bedeutet dies nun zusammenfassend eine Unterscheidung: einerseits Christus und die Kirche als unveränderlicher Kern, andererseits der zeitgeschichtliche Zufluss zu diesem Kern. Gewiss, was dem Kern zufließt, fließt ihm durchaus innerlich zu; aber es bleibt vom Wesen her ein Zufluss, der den Kern, die kirchliche Identifikation, auch nicht ansatzhaft zu unterspülen vermag. Je weiter daher das Wesen des kirchlichen Bekenntnisglaubens von der Zeitsituation sich entfernt, umso distanzierter zur Zeit wird zwangsläufig der Beobachterstandpunkt. Doch egal wie klein oder groß diese Distanz empfunden werden mag – sie bleibt zugleich zeitinnerlich: Denn nie erlebte man bei Scheffczyk eine Selbstgenügsamkeit im Hafen eigener Überzeugungen, der die Zeitsituation egal wäre.

Hier offenbart sich in Scheffczyks Persönlichkeitsstruktur eine Spannung, wie sie in dieser Intensität und Beharrlichkeit von anderen Theologen – blickt man auf deren Biografie – nicht unbedingt geteilt wird. Bei anderen namhafteren Theologen entstehen eher Empfindungs- und Verhaltensmuster theologischen Denkens, die die Chance zu geistiger Zugkraft gerade darin finden, solch eine Spannung beherzt und pionierhaft zu einem denkerischen Neuaufbruch hin zu überwinden.

Scheffczyk war hier anders: Auch nicht ansatzhaft war er darauf aus, die Spannung zwischen einem unveränderlichen kirchlichen Kern seines Standpunktes und dem, was an diesen Kern von der Zeit her stetig herangetragen wurde, durch die Weichenstellung eines markanteren denkerischen Neuansatzes aufzulösen. Scheffczyk war aber auch anders zur „konservativen“ Seite hin, insofern deren Vertreter nämlich – und sei es unterschwellig – vielfach dazu neigen, der Spannung zwischen Kern und Zeitenwandel durch selbstgenügsames Beharren im Bisherigen auszuweichen.

Wir sehen also bei Scheffczyk ein Anders-Sein nach zwei Richtungen: In dieser Einsamkeit hielt Scheffczyk in erstaunlicher Unbeirrtheit fest: So blieb er zeit seines Lebens ein Theologe der inneren geistigen Spannung. Darin wird ein geistiger Anspruch erkennbar, den unbeirrt auszuhalten die Tiefenstruktur von Scheffczyks Persönlichkeit ausmachte. Doch das Aushalten dieser Spannung behinderte Scheffczyk nie ernsthaft darin, dass von ihm innerer Friede, ja auch Herzlichkeit und Offenheit ausging für jene, mit denen er zu tun bekam.

Weitergehen – aber auf dem Weg, den die Kirche bisher auch gegangen ist

Aufschlussreich ist außerdem ein Blick auf das Vorwort seines Buches „Katholische Glaubenswelt“, das 1977 verfasst wurde. Dessen Stil ist zunächst einmal sehr unpersönlich, bevorzugt passivische Formulierungen. Doch dieser Schreibstil wird an einer Stelle unterbrochen, wenn wir lesen: „In diesem Sinne möchte der Verfasser für sich beanspruchen, dass er weder ,rechts‘ noch ,links‘ steht, sondern dass er geht, sogar weitergeht, aber auf dem Wege, den die ,Catholica‘ bisher auch gegangen ist.“ Hier steht Scheffczyk als Mensch, als Handelnder vor unseren Augen. „Weitergehen“ ist in dieser Logik im Gegensatz zum „Stehen“, ja sogar intensiviert im Vergleich zum bloßen „Gehen“. Eindeutig bekennt sich Scheffczyk also mit dem Wort „weitergehen“ zu theologischem Fortschritt. Aber er fügt hinzu, dies auf dem Wege tun zu wollen, den die lateinisch als „Catholica“ bezeichnete katholische Kirche „bisher auch gegangen ist“. Scheffczyk sucht Fortschritt, aber auf dem bisherigen Weg. Er löst die Position der Spannung, von der wir eben sprachen, nicht auf, sondern er überträgt sie in einen Engpass, eine Gratwanderung, die besagt: Fortschritt auf dem Weg des Bisherigen, oder: Erspüren der Möglichkeiten des bisher gewachsenen Denkens für theologische Weiterentwicklung.

Vermieden wird in dieser Vorgehensweise jede markante Gegenüberstellung zwischen einer „bisherigen“ und einer „neuen“ Art theologischen Denkens. Auch die Selbstzurücknahme Scheffczyks ist in diese Gratwanderung einzuordnen: Seine stets gegebene theologische Eigenständigkeit und Originalität stellt er nie pointiert heraus, sondern drückt sie mit Vorliebe, soweit irgend möglich, allein in den Potenzen des bereits Bestehenden und bereits Gewachsenen aus. Das macht es der Erforschung der spezifisch Scheffczykschen Theologie nicht immer leicht.

Religiöse Kräfte im Hintergrund

Was ließ Leo Scheffczyk in dieser Grundhaltung lebensgeschichtlich verharren? Wie kann es sein, dass Scheffczyk auch im Ruhestand – universitär in Deutschland weitgehend isoliert, darüber hinaus freilich vielfach auch international geachtet – in schonungsloser Unermüdlichkeit weiterarbeitete, sogar faktisch ohne Urlaub, und zu dieser Rastlosigkeit seiner besorgten Haushälterin mehrfach zu verstehen gab, es gehe um die Wahrheit? Woher die Kraft zu einer derartigen, das ganze Leben prägenden Geradlinigkeit?

Über die innersten geistigen Kräfte seines Lebens schwieg Leo Scheffczyk weitgehend. Es gibt aber eine kaum bekannte Abhandlung, die der junge Theologiestudent, noch nicht zum Priester geweiht, verfasst hatte und später unter der Federführung des berühmten Priestererziehers und Philosophen Erich Kleineidam publiziert hat; sie trägt den Titel „Der Theologe und das Kriegserleben“. Darin lesen wir: „Durch das Erleben der Ausgesetztheit und Entfernung von der Unrast des äußeren Geschehens wurde die Wirklichkeit der Gottesnähe … zu einer erfahrbaren Größe. Hier auch geschah jene realistische Erschütterung und Ergriffenheit, die den Einzelnen zu einem tieferen Innewerden seiner selbst führte, weil Gott ihn in der Stille angerufen hatte.“

Aus diesem Text spricht eine persönliche intensive Gotteserfahrung. Der junge Scheffczyk muss Gott erfahren haben als den Ehrfurchtgebietenden und den sich ihm innerlich Zuneigenden, der an sein Gewissen einen Anruf ergehen lässt. Sich selbst erfuhr er somit in der Position des Antworteten, dessen also, der von Gott zur Verantwortung gezogen wird und sich bewähren muss. Mühelos kann man darin übrigens den Keim für Scheffczyks Menschen- und Gnadenverständnis, aber auch seine Auffassung kirchlicher Ämter (und somit der gesamten Kirchlichkeit des Glaubens und der Glaubenshaltung) erkennen.

Gottes Ruf hat für Scheffczyk mit durchdringender Zurücknahme seines Selbst zu tun, mit der Bewährung in einer im Gewissen erkannten Pflicht, die keinen Seitenweg oder Kompromiss mehr zuließ. Diese Strenge vor Gott übersetzte sich in die Eigenart seiner Theologie: So haben subjektive Vorlieben und Optionen im Denkweg Scheffczyks keinen Platz. Oft wirkt er in seinen Schriften daher trocken, dogmengeschichtlich, fast lexikalisch. Seine Eigenleistung stellt er nie pointiert heraus, sondern ordnet sie so ein, dass sie aufmerksamer Wahrnehmung bedarf. Sie ist es wert.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2016
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Der Einsatz der Kirche für die Jugend (Teil VIII)

„Seid Missionare!“

Kurienbischof Dr. Josef Clemens hat bereits am 21. Mai 2015 zur Vorbereitung auf den Weltjugendtag 2016 in Krakau einen ausführlichen Vortrag über den Einsatz der Kirche für die Jugend gehalten, den wir als Artikelserie veröffentlichen. Darin beleuchtet er nacheinander die drei letzten Pontifikate und kommt zu dem Ergebnis, dass deren Beiträge ein eindrucksvolles Ganzes ergeben, das „den jungen Menschen hilft, immer mehr das Angesicht Christi in unserem Heute zu entdecken“. Johannes Paul II. sei von der Überzeugung ausgegangen, dass die Jugend die Hoffnung der Kirche bilde, Benedikt XVI. habe die Wichtigkeit der Glaubenserziehung betont und Franziskus stelle besonders den Missionsauftrag der jungen Generation heraus. Nachfolgend der abschließende Teil des Vortrags mit einem kurzen Ausblick auf den Weltjugendtag in Krakau.

Von Bischof Josef Clemens, Rom

„Auf den Spuren des seligen Johannes Paul II. und Benedikt XVI.“

Bereits bei seinem ersten Kontakt mit der Jugend am Palmsonntag 2013 hob Papst Franziskus ihre missionarische Sendung hervor: „Ihr tragt das Pilgerkreuz durch alle Kontinente, auf den Straßen der Welt! Ihr tragt es, indem ihr der Einladung Jesu folgt: ‚Geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern‘ (Mt 28,19) … Ihr tragt es, um allen zu sagen, dass Jesus am Kreuz die Mauer der Feindschaft, die Menschen und Völker voneinander trennt, niedergerissen und Versöhnung und Frieden gestiftet hat. Liebe Freunde, auch ich mache mich mit euch auf den Weg, von heute an, auf den Spuren des seligen Johannes Paul II. und Benedikt XVI."[1]

In Rio de Janeiro wiederholt sich für Papst Franziskus die Erfahrung seines Vorgängers, das heißt, der Weltjugendtag wurde zum Eingangstor des Pontifikats. Und der neue Papst stellt sich mit Mut und Entschiedenheit vor den Hunderttausenden von Jugendlichen, die aus etwa 200 Ländern gekommen waren, dieser Herausforderung.

Drei missionarische Imperative an die Jugend

Als Quintessenz seiner Botschaft an die Jugend darf man zweifellos die Predigt in der Abschlussmesse am Strand von Copacabana am 28. Juli 2013 ansehen. Der Papst teilte seine Gedanken – seinem homiletischen Stil entsprechend – in drei Imperative ein: (1.) Geht, (2.) ohne Angst, (3.) um zu dienen.

1.  Geht!

Die Freude des Glaubens, die von der gemeinsamen Begegnung mit Jesus Christus ausgelöst wurde, kann nicht beim Einzelnen oder bei der Gruppe (Pfarrei, Bewegung, Gemeinschaft) verbleiben, sondern sie muss geteilt werden. „Der Glaube ist eine Flamme, die immer lebendiger wird, je mehr man sie mit anderen teilt und sie weitergibt, damit alle Jesus Christus kennen lernen, lieben und bekennen können – ihn, den Herrn des Lebens und der Geschichte (vgl. Röm 10,9)“, so Papst Franziskus.[2] Und er hebt die Worte Jesu hervor, die im Motto von Rio – „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker“ (Mt 28,19) – die Form eines Imperativs haben und die sich an jeden Glaubenden richtet. Dieses missionarische Mandat erwächst aus der Kraft seiner Liebe: Jesus ist zu uns gekommen und er hat uns alles von sich gegeben, er hat sein Leben zu unserem Heil hingegeben, um uns die erbarmende Liebe Gottes zu zeigen. Er begleitet uns auf dieser Mission seiner Liebe gegenüber allen, in jeder Situation bis hin in die existenziellen Peripherien.

Jesus richte sein missionarisches Mandat besonders an die Jugendlichen Lateinamerikas, wo gegenwärtig eine „kontinentale Mission“ stattfinde. „Die Kirche braucht euch, die Begeisterung, die Kreativität und die Freude, die euch kennzeichnen“, so Papst Franziskus.[3] Und er fügt einen Gedanken an, der Papst Johannes Paul II. sehr lieb war. Er fragt: „Wisst ihr, welches das beste Mittel ist, um die Jugendlichen zu evangelisieren? Ein anderer Jugendlicher."[4] Und so sagt er in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“: „Wie schön, wenn die Jugendlichen ,Weggefährten des Glaubens‘ sind, glücklich, Jesus auf jede Straße, auf jeden Platz, in jeden Winkel der Erde zu bringen!"[5] Im gleichen Sinn ermahnt er die Universitätsstudenten Roms am 30. November 2013: „Bitte, blickt nicht vom Balkon aus auf das Leben!“ Und er fährt fort: „Mischt euch dort ein, wo es Herausforderungen gibt, die eure Hilfe brauchen, um das Leben, den Fortschritt, den Einsatz für die Menschenwürde, den Kampf gegen die Armut,, den Kampf für die Werte voran zu tragen, und viele andere Kämpfe, auf die wir täglich treffen."[6]

Ähnlich ermutigte der Papst die Jugendlichen in einem Gruß an die italienischen Pfandfinder am 10. August 2014 mit den Worten: „Ich wünsche euch, dass diese Wege des Mutes, die auf die Zukunft ausgerichtet sind, euch sehr viel Gutes bringen. Mut! Das ist eine Tugend und eine Haltung der Jugendlichen. Die Welt braucht mutige Jugendliche, die keine Angst haben. Sie braucht Jugendliche, die auf dem Weg sind und nicht still stehen: mit still stehenden Jugendlichen gehen wir nicht voran. Sie braucht Jugendliche, die stets einen Horizont für den Weg haben, und nicht Jugendliche, die in Rente gehen! Das ist traurig! Es ist traurig, einen Jugendlichen in Rente zu sehen. Nein, ein Jugendlicher muss auf diesem Weg des Mutes vorangehen. Geht voran! Das wird euer Sieg sein, eure Arbeit, um zu einer Veränderung dieser Welt beizutragen, um sie besser zu machen."[7]

2. Ohne Angst!

Die Anwesenheit Jesu an unserer Seite nimmt alle Angst bei der Aufgabe der Evangelisation. „Wenn wir gehen, um Christus zu verkünden, ist er es selbst, der uns vorangeht und uns führt."[8] Das hier zugrundeliegende spanische Verb lautet „primear“. In einer Predigt zum Fest des hl. Ignatius von Loyola erklärte Papst Franziskus am 31. Juli 2013: „Ich suche Jesus, ich diene Jesus, weil er mich zuerst gesucht hat, weil ich von Ihm ergriffen worden bin: und das ist die Mitte unserer Erfahrung. Aber Er ist der Erste, immer. Auf Spanisch gibt es ein Wort, das sehr grafisch ist, was das gut erklärt: ,primerea‘, ,El nos primerea‘. Er ist immer der Erste. Wenn wir ankommen, dann ist er bereits angekommen und wartet auf uns."[9]

Die ganze Kirche begleitet jedes missionarische Bemühen mit der Gemeinschaft der Heiligen. Und so rief der Papst in Rio den Jugendlichen zu: „Jesus hat … nicht gesagt: ,Geh!‘, sondern: ,Geht!‘ – wir sind gemeinsam gesandt."[10]

3. Um zu dienen!

Vom Zwischenpsalm ausgehend „Singt dem Herrn ein neues Lied“ (vgl. Ps 95,1) identifiziert der Papst dieses „neue Lied“ mit dem „Lied eures Lebens“, das in Gefühlen, in Gedanken und im Handeln anzueignen ist.

Und er fasst seinen Aufruf zum Dienen mit den Worten zusammen: „Evangelisieren bedeutet, persönlich die Liebe Gottes zu bezeugen, unsere Egoismen zu überwinden, zu dienen, indem wir uns beugen, um unseren Brüdern die Füße zu waschen, wie Jesus es getan hat."[11]

In diesen drei Imperativen finden wir die inhaltliche Synthese des Weltjugendtags von Rio de Janeiro, ja, sie bringen die Kernbotschaft eines missionarischen Aufbruchs zum Ausdruck, die Papst Franziskus unermüdlich an die ganze Kirche bis zum heutigen Tag richtet, damit jeder die Barmherzigkeit Gottes erfahren kann.[12]

Ausblick auf den Weltjugendtag in Krakau

Ich möchte noch einen kurzen Blick auf den kommenden XXXI. Weltjugendtag werfen, der vom 26. bis 31. Juli 2016 in Krakau stattfinden wird. Das Motto – „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden“ (Mt 5,7) – wurde bereits am 7. November 2013 bekannt gegeben. Am 13. März 2015 ist dann von Papst Franziskus das Außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit angekündigt worden, dessen Verkündigungsbulle „Misericordiae vultus“ vom 11. April 2015 eine umfassende Synthese seines theologischen Denkens zu diesem Thema bietet.[13] Ich denke, dass die den Krakauer Weltjugendtag 2016 vorbereitende Papstbotschaft zum Motto „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden“ (Mt 5,7) sich ganz in diesen vorgegebenen Rahmen einfügen wird.

Unter den zahlreichen Stellungnahmen des Papstes zum Thema der Barmherzigkeit scheinen mir seine Worte, die er am 15. September 2013 zum Angelus-Gebet auf dem Petersplatz gesprochen hat, seinen Grundansatz zu verdeutlichen. Papst Franziskus kommentierte die drei Gleichnisse der Barmherzigkeit im Lukas-Evangelium und bemerkte, dass alle von der Freude Gottes sprechen: „Und worin besteht die Freude Gottes? Die Freude Gottes ist das Vergeben. … Hier ist das ganze Evangelium! Hier! Hier ist … das ganze Christentum! Aber aufgepasst, das ist kein Gefühl, das ist kein ,Gutmenschentum‘! Im Gegenteil, die Barmherzigkeit ist die wahre Kraft, die den Menschen und die Welt vor dem ,Krebsgeschwür‘ retten kann, das die Sünde ist. … Allein die Liebe erfüllt die Leere, die negativen Abgründe, die das Böse im Herzen und in der Geschichte aufreißt. Allein die Liebe vermag dies, und das ist die Freude Gottes! Jesus ist ganz Barmherzigkeit, Jesus ist ganz Liebe: er ist der menschgewordene Gott."[14]

Drei Pontifikate – drei Stichworte

Meine Darstellung des Einsatzes der Kirche für die Jugend möchte ich mit dem Versuch abschließen, die drei Pontifikate unter drei Stichworten zusammenzufassen. Wie für Papst Johannes Paul II. das Erwachen der Jugend als Hoffnung der Kirche im Mittelpunkt stand, und Papst Benedikt XVI. angesichts heutiger Herausforderungen die Glaubenserziehung (seine Schönheit und Rationalität) betonte, so unterstreicht Papst Franziskus den Missionsauftrag aller Glaubenden und besonders der jungen Generationen in unserem Heute.

Mir scheint, dass die zahlreichen Beiträge der drei Päpste zur Jugendpastoral sich mit drei – teilweise stärkeren, teilweise feineren – Fäden vergleichen lassen, die mal mehr oder mal weniger stark gefärbt sind, jedoch alle mit Klarheit und Reißfestigkeit ausgestattet sind. Diese drei Fäden, miteinander verwoben und verknüpft, ergeben einen eindrucksvollen Gobelin, der den jungen Menschen hilft, immer mehr das Angesicht Christi in unserem Heute zu entdecken.

Während des Weltjugendtags von Toronto 2002 nannte Papst Johannes Paul II. die Jugendlichen mehrfach das „Volk der Seligpreisungen“.[15] Und dieses Volk befindet sich auf dem Weg zum Weltjugendtag in Krakau 2016, indem es drei der neun Seligpreisungen aus dem Matthäus-Evangelium meditiert.[16] Die Betrachtung der Seligpreisungen führt zu einer Betrachtung der Person Jesu selbst, da er nach den Worten von Papst Franziskus als ihre Inkarnation anzusehen ist: „Alle Verheißungen des Gottesreiches haben sich in ihm erfüllt."[17]

Wir können unsere Wertschätzung und Anerkennung gegenüber dem originellen Erfinder und engagierten Förderer der Weltjugendtage – Papst Johannes Paul II. – nicht besser zum Ausdruck bringen, als dass wir uns selbst Tag für Tag bemühen, in der Nachfolge Jesu immer mehr zu einem „Volk der Seligpreisungen“ zu werden.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2016
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)


[1] Papst Franziskus: Predigt am Palmsonntag, 24. März 2013, 2; vgl. Franziskus: Ansprache beim Kreuzweg in Rio de Janeiro, 26. Juli 2013, Copacabana, in: O.R. dt., Nr. 32/33, 9. August 2013, 12; Franziskus: Botschaft Weltjugendtag 2014, 5.
[2] Franziskus: Predigt bei der Abschlussmesse des Weltjugendtages in Rio de Janeiro, 7.
[3] Ebd.; vgl. Aparecida 2007. Schlussdokument der 5. Generalversammlung des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik, 13.-31. Mai 2007, Nr. 442-446, in: Stimmen der Weltkirche 41, Bonn 2007.
[4] Franziskus: Abschlussmesse, 7; vgl. Franziskus: Antwort auf die Frage eines Jugendlichen anlässlich der Ministranten-Wallfahrt deutschsprachiger Diözesen, Petersplatz, 5. Aug. 2014, in: O.R. dt., Nr. 32/33, 8. Aug. 2014, 3; Franziskus: Ansprache an die Don-Bosco-Schwestern aus Anlass ihres Generalkapitels, Sala Clementina, 8. Nov. 2014, in: O.R. dt., Nr. 47, 21. Nov. 2014, 10.
[5] Franziskus: Apostolisches Schreiben „Evangelii gaudium“ über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute, 24. November 2013, 106.
[6] Franziskus: Predigt bei der Adventsvesper mit den Studenten der römischen Universitäten in der Petersbasilika, 30. Nov. 2013, in: O.R. dt., Nr. 50, 13. Dez. 2013, 7.
[7] Vgl. Franziskus: Telefonischer Gruß an die italienischen Pfandfinder (AGESCI), 10. Aug. 2014, in: O.R. dt., Nr. 34, 22. Aug. 1014, 5.
[8] Franziskus: Abschlussmesse, 7.
[9] Vgl. Franziskus: Predigt in der Jesuitenkirche Il Gesù am Fest des Hl. Ignatius von Loyola, 31. Juli 2013, in: O.R. dt., Nr. 32/33, 9. August 2013, 21.
[10] Franziskus: Abschlussmesse, 7.
[11] Ebd.
[12] Vgl. Franziskus: Rede an das Organisationskomitee des Weltjugendtages von Rio de Janeiro, Sala Clementina, 7. April 2014, in: O.R., n. 80, 7./8. April 2014, 7: „… Es ist notwendig, über diese drei Ideen nachzudenken, die in einem gewissen Sinn die gesamte Botschaft des Weltjugendtages zusammenfassen: Geht, ohne Angst, um zu dienen.“; vgl. EG 111: „Die Evangelisierung ist Aufgabe der Kirche. Aber dieses Subjekt der Evangelisierung ist weit mehr als eine organische und hierarchische Institution, da es vor allem ein Volk auf dem Weg zu Gott ist.“
[13] Vgl. Franziskus: Verkündigungsbulle „Misericordiae vultus“ des Außerordentlichen Jubiläums der Barmherzigkeit (MV), 11. April 2015.
[14] Franziskus: Ansprache beim Gebet des Angelus, 15. September 2013, in: O.R. dt., Nr. 38, 20. Sept. 2013, 1; Franziskus: MV.
[15] Vgl. Johannes Paul II.: Ansprache beim Begrüßungsfest für die Teilnehmer des XVII. Weltjugendtags, Toronto, Exhibition Place, 25. Juli 2002, in: O.R. dt., Nr. 32/33, 9. Aug. 2002, 10; Johannes Paul II.: Predigt bei der Gebetsvigil, Toronto, Downsview Park, 27. Juli 2002, in: O.R. dt., Nr. 32/33, 9. August 2002, 12; Johannes Paul II.: Predigt  in der Eucharistiefeier, Toronto, Downsview Park, 29. Juli 2002, in: O.R. dt., Nr. 32/ 33, 9. August 2002, 13.
[16] Vgl. die Themen des Dreijahreszyklus 2014-2016: XXIX. Weltjugendtag (2014): „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,3); XXX. Weltjugendtag (2015): „Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5,8); XXXI. Weltjugendtag Krakau, (2016): „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden“ (Mt 5,7).
[17] Franziskus: Botschaft zum XXIX. Weltjugendtag 2014, 21. Januar 2014, in: O.R. dt., Nr. 51/52, 20. Dezember 2013, 4f., 4.

Ein Reliquiar für Russland

In der Paderborner Heimatzeitschrift „Die Warte“ erschien der nachfolgende Artikel von Bernd Cassau, dem bekannten Meister für kirchliches Kunsthandwerk. Das Reliquiar für eine Altarreliquie der hl. Sr. Faustyna Kowalska enthält eine wunderbare Botschaft zum Jahr der Barmherzigkeit. Wie der Altar auf zwölf Säulen ruht und nach den Steinmalen, die Mose beim Bundesschluss aufgestellt hat, das ganze Volk Gottes bezeichnet, so sind in das Reliquiar zwölf Bergkristalle aufgenommen. Sie stehen nicht nur für die zwölf Apostel, also die Priester, durch die die Gnaden der Barmherzigkeit vermittelt werden, sondern für die ganze Kirche, welche berufen ist, Werkzeug der Barmherzigkeit für die ganze Welt zu sein.

Von Bernd Cassau

Als Werkstätte für kirchliche Kunst mit einer 120-jährigen Tradition hatten wir Ende vergangenen Jahres einen ungewöhnlichen Auftrag, und zwar für die östlichste katholische Pfarrei Europas in Beresniki am Ural, einer Industriestadt mit 220.000 Einwohnern und rund 2000 Kilometer – eine volle Tagesreise mit der Transsibirischen Eisenbahn – östlich von Moskau gelegen. Am 6. Juni 2004 ist die Kirche „Königin des Friedens“ von dem damaligen Erzbischof von Moskau, Tadeusz Kondrusiewicz, geweiht worden. Von der Kongregation der „Schwestern der Muttergottes von der Barmherzigkeit“ im polnischen Krakau erhielt man eine Reliquie der hl. Maria Faustyna Kowalska (1905-1938), einer Ordensschwester und Mystikerin, die am 30. April 2000 von Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen worden war. Lange Zeit wurde diese Reliquie in einem Provisorium aufbewahrt. Nach einigen vorbereitenden E-Mail-Kontakten besuchte mich Pfarrer Erich Maria Fink Anfang August 2014 persönlich in Paderborn, um die Anfertigung eines Reliquiars zu besprechen, das auf der zentralen Marmorsäule unter der Altarplatte seinen festen und zugleich sichtbaren Platz finden sollte. Besagtes Reliquiar wurde sodann von mir in feiner Handarbeit in Kreuzform mit zwölf gefassten Bergkristallen, die die zwölf Apostel symbolisieren, gearbeitet. Der in Weiß und Rot emaillierte Schaft symbolisiert ein Bild des „barmherzigen Jesus“ nach den Visionen der Heiligen. Der runde Standfuß ist mit der Gravur „Hl. Maria Faustyna Kowalska“ versehen. Die Gesamtausführung des Reliquiars ist in einer besonderen Vergoldung herausgearbeitet.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2016
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