Hörertage zum 20-jährigen Bestehen von „Radio Horeb“

Kraftvolle Erneuerung

In Balderschwang feierte Radio Horeb sein 20-jähriges Bestehen. Dazu fanden vom 16. bis 18. Juni 2017 eindrucksvolle Hörertage mit zahlreichen Besuchern und Ehrengästen statt. Am Sonntag mündete der „Große Radiogeburtstag“ in einen Abschlussgottesdienst ein, der vom Radio selbst, aber auch von EWTN und von verschiedenen Plattformen wie Facebook, Youtube, Twitter und katholisch.de übertragen wurde. Programmdirektor Pfr. Dr. Richard Kocher hielt eine flammende Predigt über die heutige Aufgabe der Evangelisierung. Er rief dazu auf, sich der Verantwortung für das ewige Heil der Menschen bewusst zu werden und für eine Erneuerung der Kirche alle zur Verfügung stehenden Kräfte in die Waagschale zu werfen. Die Predigt nachfolgend in einer Bearbeitung für „Kirche heute“.

Von Richard Kocher

Apostolat verlangt Bereitschaft zum Risiko

Vor einem Jahr äußerte sich der Präfekt des Päpstlichen Hauses, Erzbischof Georg Gänswein, in einem Interview kritisch zur Situation der katholischen Kirche in Deutschland. Würde er sie mit einer Fußballmannschaft vergleichen, so käme ihm in den Sinn: „In dieser Mannschaft hapert es im Sturm. Da wird im Mittelfeld eher Standfußball gespielt, man schiebt sich gegenseitig die Bälle zu; es fehlt der Spielfluss, Hauptsache risikofrei. So lässt sich heute kein Spiel mehr gewinnen“ (Schwäbische Zeitung, 17.07.2016).

In seiner Aussendungsrede ruft der Herr den Jüngern zu: „Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe!“ (Mt 10,16). Gemeint sind Menschenherzen, die zu Wolfsherzen geworden sind. Ist das risikofrei? Unter Wölfen können Schafe nur sterben! Und Jesus fordert: „Kein Geld, keine Vorratstasche, keine Schuhe!“ (vgl. Mt 10,9f.). Wovon sollen die Leute leben? Ist das ein risikofreier Einsatz?

Oder denken wir an den hl. Antonius von Padua! Ein Beispiel, wie er sich für die Menschen einsetzte: Er ging auf Ezzelino da Romano, den Tyrannen von Verona, zu, der Menschen aus kleinsten Motiven heraus grausam foltern und umbringen ließ, und sagte zu ihm: „Oh du Feind Gottes, du ungläubiger Tyrann, du wütender Hund, wie lange noch wirst du das Blut unschuldiger Christen vergießen? Nun schwebt über deinem Haupt das schreckliche und harte Urteil des Herrn!“ Der Diktator ging vor ihm auf die Knie und änderte von da an sein Leben. Zum dritten Mal: Ist das risikofrei? Geht das so einfach im Spaziergang?

Appell des Papstes an Deutschland zum Neuaufbruch

Die Ansprache, die Papst Franziskus den deutschen Bischöfen am 20. November 2015 bei ihrem letzten Ad-limina-Besuch in Rom ausgehändigt hat, bestätigt die Analyse von Erzbischof Gänswein. Zunächst zählt der Papst alles auf, was in unserem Land gut läuft, dann aber geht er auf die Defizite ein. Deutschland erlebt auch „in traditionell katholischen Gebieten einen sehr starken Rückgang des sonntäglichen Gottesdienstbesuchs und des sakramentalen Lebens. In den 60er Jahren ist fast jeder zweite Gläubige regelmäßig am Sonntag zum Gottesdienst gegangen, heute sind es vielerorts sogar weniger als 10 Prozent. Die Sakramente werden immer weniger in Anspruch genommen. Die Beichte ist vielfach ganz verschwunden. Immer weniger Katholiken lassen sich firmen oder gehen das Sakrament der Ehe ein. Die Zahl der Berufungen für den Dienst des Priesters und das gottgeweihte Leben haben drastisch abgenommen.“ Genauer müsste man sagen: Sie befinden sich auf einem historischen Tiefstand. Seit es Statistiken gibt, hatten wir noch nie so wenig Gottesdienstbesucher und Priesterberufungen. „Angesichts dieser Tatsachen ist von einer Erosion des katholischen Glaubens in Deutschland zu sprechen.“

„Was können wir dagegen tun? Zunächst einmal die lähmende Resignation überwinden. Wir können nicht aus dem Strandgut der ,guten alten Zeit‘ etwas rekonstruieren, was gestern war.“ Dann geht der Papst auf Priska und Aquila ein, von denen in der Apostelgeschichte berichtet wird (vgl. Apg 18,26). Sie standen am Anfang der Evangelisation, welche die Türen nach Europa aufgestoßen hatte. Franziskus sagt dazu: „Das Beispiel dieser ,Ehrenamtlichen‘ mag uns zu denken geben angesichts einer Tendenz zu fortschreitender Institutionalisierung eurer Kirche.“ Ihr schafft „immer neue Strukturen, für die eigentlich die Gläubigen fehlen“. Das führt dazu, dass ihr euer Vertrauen auf die Verwaltung setzt, „auf den perfekten Apparat. Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert aber das Leben der Kirche und lähmt ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen.“

Es folgen leidenschaftlich formulierte Worte, die sich wie eine Lehrstunde für die Kirche in Deutschland anhören: „Die Kirche ist kein geschlossenes System, das ständig um die gleichen Fragen und Rätsel kreist. Die Kirche ist lebendig, sie stellt sich den Menschen vor Ort, sie kann in Unruhe versetzen und anregen. Sie hat ein Gesicht, das nicht starr ist. Sie ist ein Leib, der sich bewegt, wächst und Empfindungen hat. Und der gehört Jesus Christus.“ Warum betont der Papst so sehr die Lebendigkeit dieses Leibes? Weil ihm diese abgeht. „Das Gebot der Stunde ist pastorale Neuausrichtung.“ Alle Strukturen der Kirche müssen „missionarischer werden“. Die gewöhnliche Seelsorge muss in allen Bereichen „expansiver und offener“ werden. Alle in der Seelsorge Tätigen müssen „in eine ständige Haltung des Aufbruchs versetzt“ werden. Sie dürfen nicht sitzen bleiben, sondern müssen abrahamitisch unterwegs, im Aufbruch sein, „und so die positive Antwort all derer begünstigen, denen Jesus seine Freundschaft anbietet“.

Franziskus räumt ein, dass die Rahmenbedingungen unserer Zeit schwierig sind. Denn „eine gewisse Weltlichkeit“ hat die Menschen erfasst. Es ist schwierig, jemanden zu erreichen, der „sich gleichsam mit abgedunkelten Scheiben umgibt, um nicht nach außen zu sehen“. Aber der Lichtstrahl der Gnade Gottes kommt auch durch abgedunkelte Scheiben hindurch. So „sagt uns der Glaube, dass Gott der Herr immer der zuerst Handelnde ist. Und diese Gewissheit führt uns zunächst in das Gebet hinein.“

„Wir müssen bei den Menschen sein mit der Glut derer, die als erste das Evangelium in sich aufgenommen haben.“ In uns muss also eine Glut, ein Feuer da sein. „Und jedes Mal, wenn wir versuchen, zur Quelle zurückzukehren und die ursprüngliche Frische des Evangeliums wiederzugewinnen“, entdecken wir „neue Wege, kreative Methoden, andere Ausdrucksformen, aussagekräftigere Zeichen und Worte, reich an Bedeutung für die Welt von heute.“ Missionarisches Handeln ist immer wieder neu. Wir müssen auch „alternative … Formen von Katechese“ anwenden, „die den jungen Menschen helfen“ und „ihren Familien“, den Glauben der Kirche „froh wiederzuentdecken“.

Aufruf des hl. Petrus Faber zur Überwindung der Mutlosigkeit

Petrus Faber, den Papst Franziskus 2013 heiliggesprochen hat, warnte schon im 16. Jahrhundert vor der Mutlosigkeit: Wir dürften „auf keinen Fall den Worten jenes Geistes beipflichten, der alles für unmöglich erklärt und immerfort Unzuträglichkeiten aufzeigt. Wir müssen vielmehr den Worten und Anregungen des anderen Geistes Gehör schenken, der die Dinge als möglich darstellt und Mut macht.“ Wenn wir immer nur in die Dunkelheit hineinstarren und alles für schlimm und schwierig halten, blockieren wir uns selbst. Wir müssen wieder expansiver, offener, risikobereiter werden. Wie das gehen kann, zeigt uns das Leben des hl. Petrus Faber. Damals herrschte eine ähnliche Krise wie heute.

Franziskanische Erneuerung im Zeichen der Gewaltlosigkeit

Ein anderes Beispiel ist der hl. Franz von Assisi. Die Kirche stand damals auf dem Zenit ihrer Macht. Nie mehr war sie so mächtig wie unter Papst Innozenz III. Sein Widersacher, der deutsche Kaiser Friedrich Barbarossa, war bei einem Kreuzzug im Heiligen Land ertrunken. Nun sorgte der Papst mit Hilfe der deutschen Fürsten dafür, dass das erbliche Kaisertum abgeschafft wurde. Fortan konnte im Deutschen Reich nur mehr jemand Kaiser werden, der dem Papst genehm war und ihm die meisten Zugeständnisse machte.

Im Osten waren weite Gebiete des Heiligen Landes an Saladin, den muslimischen Fürsten, verloren gegangen, deshalb rief der Papst zu einem Kreuzzug auf. Als kein Durchkommen möglich war, entledigten sich die Venezianer im Zeichen des Kreuzes eines lästigen Konkurrenten im Osten. Sie stürmten Byzanz – ein Trauma, das bis heute nachwirkt. Christen haben Christen überfallen und geplündert. Innozenz III. konnte es nicht mehr verhindern.

Im Westen waren die sog. „einfachen Brüder“ gegen hab- und besitzgierige Kleriker aufgestanden. Doch gleichzeitig erklärten sie Glaubensartikel und das besondere Priestertum für abgeschafft. Unter dem Druck ihrer fanatischen Führer sagten sie sich von der Kirche los. Zum ersten Mal in der Geschichte loderten Scheiterhaufen, zum ersten Mal wurden Ketzer verbrannt. Gewalt im Osten, Gewalt im Westen – das war die einzige Antwort, zu der die Kirche damals fähig war.

Da brauchen wir uns nicht wundern, dass der Herr in San Damiano dem hl. Franziskus vom Kreuz herunter den Auftrag erteilte: „Geh und stell mein Haus wieder her, das, wie du siehst, ganz zu zerfallen droht!“ – „Ganz zerfallen!“ Äußerlich auf der Höhe der Macht, innerlich verrottet! Es ist ja Seine Kirche! Der Auftrag Christi lautet nicht: „Mach rechts oder links außen deinen eigenen Laden auf!“, sondern es geht um die eine Kirche: „Stell diese Kirche wieder her!“

Der Kampf des hl. Antonius mit dem Schwert des Geistes

Die Franziskaner haben das, so möchte ich zugespitzt sagen, im Alleingang besorgt. Dem hl. Antonius ist es gelungen, im Westen die Feuer niederzutreten. Wie die Chroniken berichten, ging er allein und barfuß in die Städte der Irrlehrer, was sehr gefährlich war. Bis dahin wurden die franziskanischen Brüder, die ungebildet waren, von den Häretikern der dortigen Bevölkerung regelrecht vorgeführt. Das hat die Leute im Irrglauben nur noch mehr bestärkt. Da traf Antonius ein, der sich zehn Jahre lang im Kloster mit der Heiligen Schrift beschäftigt hatte und große Teile des Neuen Testamentes auswendig kannte. Mit dem Schwert des Geistes allein begann er zu kämpfen. Was ganze Heere nicht ausrichten konnten, vermochte ein Einzelner. Die Lombardei und Südfrankreich, Gebiete, die schon verloren waren, wurden ohne Gewalt für die katholische Kirche zurückgewonnen. Was für eine kraftvolle Persönlichkeit! Mit der Fähigkeit, das Schwert des Geistes, das Wort Gottes, richtig einzusetzen, brachte er die Menschen wieder zur Besinnung.

Der hl. Petrus Canisius als Wegbereiter der Gegenreformation

Das Gleiche finden wir im Grunde genommen beim hl. Petrus Canisius, den wir zum Patron unserer Studiokapelle erwählt haben. Der bekannte Literaturwissenschaftler Gisbert Kranz schreibt über ihn: „Der Achtundzwanzigjährige muss sich vorgekommen sein wie ein Mann, den man mitten in die Sahara führt mit dem Auftrag, hier einen Park anzulegen. Neun Zehntel der Bevölkerung waren vom katholischen Glauben abgefallen, der kleine Rest stand dem Protestantismus zaghaft, verwirrt und so gut wie führerlos gegenüber. Mehr als 30 Jahre waren seit dem ersten Auftreten Luthers vergangen, und noch immer siechte die Kirche im Zustand der Zersetzung dahin. Die alten Missstände wucherten fröhlich weiter, den protestantischen Angriffen zum Trotz, den Bemühungen der katholischen Reformer zum Hohn. So tief und seit so vielen Jahrhunderten hatten sich die Übel eingefressen, dass sie nicht von heute auf morgen beseitigt werden konnten. Die Erneuerung bedurfte einer zähen Arbeit von Generationen. Sie bedurfte vor allem frommer und tatkräftiger Bischöfe und Priester. Daran fehlte es schon seit langem. Als die Glaubenserneuerung sich über Deutschland ausbreitete, gab es kaum einen deutschen Bischof, der sich zur Verteidigung der Kirche erhob, doch manche Bischöfe, die protestantisch wurden“. Dem hl. Petrus Canisius ist es zu verdanken, dass Süd- und Westdeutschland für den katholischen Glauben wieder zurückgewonnen werden konnten, außerdem große Teile Österreichs, der Schweiz, Böhmens und Tirols – und alles ohne Gewalt, nur durch die Kraft des Wortes, besonders aber auch durch die Wirksamkeit seiner Katechismen. Er war fähig, die Glaubensinhalte sehr prägnant, kurz und klar darzulegen. Selbst seine Gegner bestätigten, dass kein Makel seinen Charakter verunzierte. Er ließ sich nie auf Polemik ein, sprach aber immer Klartext. Er hasste jene „Zuckerprediger“, die „meisterhaft schmeicheln. Sie haben lauter lindes Öl, aber keinen scharfen Wein für die Seelen“ und würden „immer nur von Gottes Barmherzigkeit sprechen, doch nie von seiner Gerechtigkeit“. So geht Evangelisation nicht!

Das furchtlose Zeugnis von Bischof Andrew Francis

In der heutigen Zeit können wir an den pakistanischen Bischof Dr. Andrew Francis denken. Er wurde 1946 geboren und war seit Beginn des Jahres 2000 Bischof von Multan im südlichen Punjab. Er ist jetzt am 6. Juni 2017 in der pakistanischen Stadt Lahore gestorben. Mindestens fünf Attentate hatte er wie durch ein Wunder überlebt. Seit 2012 war er infolge eines Autounfalls gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt. – Im Sommer war er oft bei uns in Balderschwang. Obwohl er immer wieder um sein Leben bangen musste, hat er nie auf die Muslime geschimpft, nie resigniert und sich nie zum Negativen hinreißen lassen. Er war immer voll Freude und Dankbarkeit. Zu uns sagte er sinngemäß: Ihr Deutschen müsst aufpassen, denn es gibt nicht nur Dämonen, wie sie uns das Evangelium schildert, sondern auch solche des Negativismus und Kritizismus. Überall findet ihr etwas, worüber ihr nörgeln könnt oder was euch nicht passt, und sei es nur das Wetter. Darüber verliert ihr die Freude am Glauben!

Bereitschaft, „in die Bresche zu springen“

Beim Propheten Ezechiel finden wir im 6. Jahrhundert v. Chr. während der Zeit des Exils ein drastisches Bild. In einem Wort des Herrn heißt es: „Da suchte ich unter ihnen einen Mann, der eine Mauer baut oder für das Land in die Bresche springt und mir entgegentritt, damit ich es nicht vernichten muss; aber ich fand keinen. Darum schütte ich meinen Groll über sie aus. Ich vernichte sie im Feuer meines Zorns. Ihr Verhalten lasse ich auf sie selbst zurückfallen,“ (Ez 22, 30f.). Was heißt: „In die Bresche springen“? Zur Eroberung einer mit Steinen befestigten Stadt wurden Mauerbrecher eingesetzt. Wenn es gelang, eine Bresche in die Stadtmauer zu schlagen, war es um die Stadt geschehen. Eine letzte Möglichkeit zur Rettung bestand darin, dass Krieger der Stadtverteidigung durch dieses Loch hindurchsprangen, vor den Toren der Stadt kämpften, während die Bewohner der Stadt dahinter versuchten, diese Lücke wieder zu schließen. Für die, die draußen waren, gab es kein Zurück mehr. Das heißt, sie waren des Todes – ein Kamikaze-Unternehmen!

Die Kirchenväter haben die Stelle bei Ezechiel immer auf Jesus Christus bezogen. Er hat wirklich vor der Stadt gelitten, vor der Mauer sozusagen gekämpft gegen die Mächte der Finsternis, gegen Sünde und Tod. Er hat den Sieg errungen, aber dafür mit seinem Leben bezahlt. Apostolat in der Nachfolge Christi verlangt immer auch die Bereitschaft, in die Bresche zu springen!

Einsatz für das ewige Heil des Menschen

In den USA hat ein Mitbruder eine interessante Entdeckung gemacht. Er analysierte jene Gemeinden, die keine Ausstrahlungskraft besaßen, die von außerordentlicher geistlicher Trägheit gekennzeichnet waren, in denen nur der „alte Sumpf“ praktiziert wurde, die sich nur auf den eingefahrenen Gleisen bewegten und dementsprechend überaltert waren. Allen diesen Gemeinden war gemeinsam, dass in der Seelsorge ständig verkündet wurde: „Es gibt keine Hölle, alle kommen in den Himmel.“ Die Konsequenz war: Füße hoch, wir brauchen uns nicht anstrengen, die Sache ist sowieso schon gelaufen!

In Fatima hat die Muttergottes Kindern im Alter von sieben, neun und zehn Jahren gezeigt, dass die Hölle existiert. Im Evangelium spricht der Herr oft davon. Wenn manche sagen, die Hölle sei leer, antworte ich: „Das kann nicht sein. Denn einer ist sicher in der Hölle: das ist der Teufel, der wirklich existiert.“ Das Leben eines Menschen kann tatsächlich verfehlt sein. Am Ende wird Gott niemand in seine Gemeinschaft zwingen, der es nicht will. Das ist die Hölle; denn der Mensch ist auf die Erfüllung in Gott angelegt. Darum geht es bei der Evangelisierung: Menschen zu einem Leben mit Christus anzuleiten und dazu beizutragen, dass sie nicht auf ewig verloren gehen.

Wir sind ausgegangen von dem Vergleich der Kirche in Deutschland mit einer Fußballmannschaft. Nehmen wir den Appell von Erzbischof Gänswein auf und beenden wir diesen Standfußball, in dem die Bälle nur lustlos im Mittelfeld hin- und hergeschoben werden! Evangelisierung verlangt die Bereitschaft zum Risiko. Dann können wir das Spiel wieder gewinnen.  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 8/9 August/September 2017
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Evangelisierung, die durchs Ohr ins Herz geht

Die Erfolgsgeschichte von Radio Horeb

„Radio Horeb“ ist zwar eine private Medieninitiative, doch ist es in der Mitte der Kirche angesiedelt. Eine intensive und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Bischöfen und Priestern, Gemeinschaften und Gläubigen macht das Radio für die Seelsorge und das persönliche Glaubensleben der Hörer fruchtbar. Die offensive Nutzung der modernen Medien führt zu einem außerordentlich wertvollen Beitrag in der Pastoral. Was in den letzten 20 Jahren durch den hingebungsvollen Einsatz von engagierten Gläubigen gewachsen ist, darf als richtungsweisend für die Zukunft der Kirche bezeichnet werden – ein gelungenes Beispiel für Neuevangelisierung.

Von Uta Theilen

Balderschwang, Oberallgäu im Sommer 1994. Der junge Unternehmensberater Anton Lässer kehrt nach einem Italienbesuch an den elterlichen Bauernhof zurück. Im Ohr hat er die Sendungen von Radio Maria Italien, im Kopf hat sich längst eine Idee gebildet, die verrückt zu sein scheint. Inspiriert von dem Vorbild dieses christlichen Senders, spürt er den Wunsch, ein ähnliches Radio in Deutschland aufzubauen. Sein Bruder Eckart gewährt ihm Platz in einem ungenutzten Stallgebäude des Familienanwesens im Balderschwang‘schen Ortsteil Wäldle, 1044 Meter über dem Meeresspiegel gelegen. Pfarrer Dr. Richard Kocher stößt 1995 hinzu, wird als Ortspfarrer des heute 300 Seelen zählenden Bergdorfes in der Gemeinde St. Anton eingesetzt und zugleich zum Programmdirektor des Radios bestellt. Außerdem übernimmt er von Anton Lässer den Vorstandsvorsitz der Internationalen Christlichen Rundfunkgemeinschaft, dem Trägerverein von Radio Horeb. Am 8. Dezember 1996 geht Radio Horeb erstmals per Satellit auf Sendung.

Das Gebet ist das alles Entscheidende

Pfarrer Kocher erkennt von Anfang an das geistliche Potential des Mediums Radio: Gott in die Häuser und Herzen der Menschen zu bringen, somit auch Personen seelsorgerisch zur Seite zu stehen, die zu gebrechlich oder krank sind bzw. zu weit entfernt von einer Gemeinde leben, um an einer christlichen Gemeinschaft teilhaben zu können. Aber auch die zu erreichen, die ihren Glauben verloren oder noch nicht entdeckt haben, ist ein Ziel. Das Zentrum von Radio Horeb war und ist das Gebet. Dieses bezeichnete der Programmdirektor in seiner Festansprache anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums von Radio Horeb am 17. Juni 2017 in Balderschwang als „das alles Entscheidende“. Insgesamt waren rund 2.500 Besucher an diesem Tag angereist, um die heilige Messe mit dem Augsburger Bischof Dr. Konrad Zdarsa zu feiern, aber auch zwanzig Jahre Radio Horeb hautnah in Bild und Ton zu erleben.

Durch die immer größer werdenden pastoralen Räume ist Radio Horeb zunehmend eine wichtige Hilfe in der Seelsorge. Schwerpunkt der Übertragungen ist die Liturgie: die tägliche hl. Messe, der Rosenkranz, das Stundengebet und andere Gebetszeiten. Daneben gestalten hunderte ehrenamtliche Referenten das Programm mit, indem sie geistliche Vorträge zur christlichen Spiritualität halten oder in der Sendereihe „Lebenshilfe“ zu Lebensfragen Stellung nehmen, sei es Gesundheit, Familie oder Soziales. Auch Nachrichten aus Welt und Kirche und christliche Musik gehören zu den Grundsäulen des Senders.

Von einer marianischen Spiritualität geprägt

Radio Horeb ist von einer marianischen Spiritualität geprägt. Die Gottesmutter Maria ist Patronin des Radios, welches aus lizenzrechtlichen Gründen zwar einen anderen Namen trägt, aber zur Radio Maria-Weltfamilie gehört, einem Verbund mit über 80 Radiostationen weltweit. Der katholische Radiosender mit Hauptsitz im Allgäu leistet auch eine enorme Hilfe für den afrikanischen Kontinent: Jedes Jahr wird bei einem Spendenmarathon, genannt „Mariathon“, u.a. für den Aufbau anderer Radio Maria-Stationen in Afrika gesammelt: 2016 für Ruanda, 2017 für Kenia. Partnerradio von Radio Horeb ist Radio Maria in Kamerun.

Hohe technische Standards

Zwei Bilder veranschaulichen in aller Deutlichkeit, welchen langen Weg Radio Horeb in 20 Jahren zurückgelegt hat. Das erste zeigt ein dunkles Kellerloch in einem Obdachlosenheim in München, wo das Radio Horeb-Team der ersten Stunde sich nicht demotivieren ließ – weder von muffigen Gerüchen noch von einer Kündigung und der nachfolgenden verzweifelten Suche nach einer neuen Bleibe für das Studio. Ein zweites Bild zeigt das Münchener Studio von Radio Horeb, erst im letzten Jahr umgebaut und technisch auf den neusten Stand gebracht. Mit all der Technik mutet es fast an wie die Zentrale von Raumschiff Enterprise…

Technisch hohe Standards sind eine Notwendigkeit für fehlerfreie Übertragungen. Entsprechend ist auch das 2009 erbaute Medienhaus in Balderschwang ein Vorzeigeobjekt. Hier hat der Verein nicht nur in die Radio- und Videotechnik investiert, sondern auch in die Nachhaltigkeit. Die Beheizung des Holzgebäudes erfolgt energieeffizient mit einer Erdwärmepumpe; Abwärme der Sendegeräte wird der Heizung zugeleitet. Die Heizkosten betragen jährlich nur ca. 1.700 Euro bei über 700 qm Nutzfläche, trotz eines langen Winters.

Studioführungen im Medienhaus

Im Medienhaus von Radio Horeb in Balderschwang werden fast täglich Studioführungen angeboten, um das Radio auch vor Ort für die Menschen erfahrbar zu machen. Oft besichtigen nach vorheriger Anmeldung auch größere Gruppen das Hauptgebäude des Senders. Die Besucher bekommen dadurch oft ein intensiveres Gespür für die Mission des Radios. Eine weitere Besonderheit in der Medienlandschaft Deutschlands ist das Kirchengebäude von St. Anton, wohl die einzige dauerhaft TV-taugliche Pfarrkirche unseres Landes. Mittels modernster Videotechnik wird wöchentlich ein Radiogottesdienst mit dem jungen, hochmotivierten Mitarbeiterteam – derzeit sind es 51 hauptamtliche und etwa 1.000 ehrenamtliche Mitarbeiter – aus Balderschwang visuell auf EWTN, www.katholisch.de und der eigenen Homepage www.horeb.org übertragen. Ohne soziale Medien geht heutzutage nichts mehr. Deshalb ist Radio Horeb auch auf Facebook, Twitter und Youtube vertreten. Um die Sendungen nachhören zu können, gibt es eine große Mediathek, die über die Homepage aufgerufen werden kann, demnächst auch per App. Diese wird einen übersichtlich gestalteten Fundus an Vorträgen bereithalten zu Glaubensvermittlung, Predigten, Meditationen zum Rosenkranz und Sendungen, die Antwort geben auf alle typischen Einwände gegen die Kirche, ihre Geschichte und Lehre.

Die Zukunft des Radios hat eben erst begonnen

Für Peter Sonneborn, Geschäftsführer von Radio Horeb, ist klar, dass es mehrere gute Gründe für den Erfolg von Radio Ho-reb gibt. Er fasst zusammen: „Ohne Gottes Hilfe, die Einbindung in die Weltfamilie von Radio Maria, die zahlreichen treuen Spender und die Unterstützung der Ehrenamtlichen wäre diese Entwicklung unseres Senders nicht möglich gewesen.“

Pfarrer Kocher ist trotz des Erfolgs des Senders mit mindestens 100.000 Zuhörern täglich der Meinung: „Die Zukunft des Radios hat eben erst begonnen.“ Seit dem 1. August 2011 ist Radio Horeb über DAB+ (Digital Audio Broadcasting), die digitale Audioverbreitung in bester Tonqualität über Antenne, zu hören. Mittlerweile wurden in ganz Deutschland 120 Sendetürme aufgeschaltet, wodurch Radio Horeb nun fast im ganzen Land leicht empfangbar ist. Von ca. 1.500 UKW-Sendern haben nur 13 eine deutschlandweite Sendelizenz erhalten; von Flensburg bis Oberstdorf kann damit ohne umzuschalten auf einer einzigen Frequenz das gleiche Programm empfangen werden. Der Ausbau des digitalen Sendenetzes ist allerdings mit erheblichen Kosten verbunden, die für Radio Horeb jährlich 820.000 Euro betragen. Dass dies bewältigt werden kann, ist umso erstaunlicher, da sich der Sender ausschließlich durch Spenden finanziert. Es ist der Vorsehung Gottes zu verdanken, dass immer wieder die nötigen Mittel aufgebracht werden, um den Betrieb zu finanzieren.

„Team Deutschland“: aus Hörern werden Promotoren

Zeit, sich auf dem Erfolg auszuruhen, gibt es nicht. Was nützt eine deutschlandweite Lizenz, wenn viele noch nichts von diesem Angebot wissen? Die Hörer spielen eine zentrale Rolle bei der Verbreitung des Senders. Aus diesen sollen Promotoren werden, die sich als ehrenamtliche Mitarbeiter engagieren. Ein Meilenstein ist die Gründung von „Team Deutschland“. Ziel ist es, das Radio innerhalb Deutschlands noch bekannter zu machen, nachdem es aktuell in 85 Prozent der Haushalte über Digitalradio ganz einfach empfangen werden kann. Monatsprogramme verteilen, Gruppen das Radio vorstellen, Digitalradios zum Probehören ausleihen oder an einem PR-Stand Auskunft geben – das Engagement der Mitglieder ist vielfältig. Mit „Feuereifer“ wollen sie ans Werk gehen, getreu den Worten des hl. Augustinus: „Nur wer selbst brennt, kann Feuer in anderen entfachen.“

Live-Übertragungen von Pfarrgottesdiensten

Wichtig ist auch die Präsenz in der Kirche vor Ort. So wird dreimal im Monat eine neue „Pfarrei der Woche“ deutschlandweit im Radio vorgestellt. Meist am Sonntag sind erfahrene Tontechniker in den Pfarreien und übertragen live den Pfarrgottesdienst. Die hierbei gemachten Erfahrungen sind für die Menschen vor Ort und die Mitarbeiter des Radios sehr ermutigend.

Radioakademie für Katechisten

Radio Horeb bringt sich auch bei verschiedenen Initiativen ein. In Zusammenarbeit mit dem Haus St. Ulrich in Hochaltingen gestaltet der Sender ab September 2017 zum zweiten Mal einen Kurs zum „Katechisten für die Evangelisation“ aktiv mit. Dabei werden die Teilnehmer über drei Jahre in einer Hörerakademie in acht theologischen Disziplinen ausgebildet; die Lehrvorträge werden im Radio übertragen.

Anbetung für geistliche Berufungen

Im Juni 2016 stellte David Craig live „Adoration for Vocations“ vor, ein fruchtbares Projekt der ewigen Anbetung für geistliche Berufungen in den USA. Davon angeregt haben sich auch sieben Orte in der Diözese Augsburg bereit erklärt, in diesen Anliegen jeweils 24 Stunden pro Woche vor dem eucharistischen Herrn zu verweilen, darunter auch Balderschwang. Passend dazu ist am 23. September 2017 unter dem Titel „Wir sind gekommen, um ihn anzubeten“ (Mt 2,2) ein Tag der Anbetung geplant, an dem die eucharistische Anbetung zentrales Thema der Sendungen im Radio sein wird. Die Unterstützung von Anbetungsorten in ganz Deutschland ist ein Ziel dieses Tages. Auch die Anbetung in Balderschwang soll auf 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche ausgeweitet werden (derzeit täglich von 5 Uhr bis 20 Uhr). Wie die Erfahrung bei anderen geistlichen Werken zeigt, ist damit ein spürbarer Schutz und Segen verbunden, von dem auch die große Hörerfamilie von Radio Horeb profitieren wird.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 8/9 August/September 2017
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Grußbotschaft von Metropolit Methodius

Der russisch-orthodoxe Metropolit Methodius aus Perm besuchte im Juli 2015 das Bistum Augsburg. Neben der Bischofsstadt mit Dom und Ulrichsbasilika lernte er dabei auch einige Klöster und Pilgerorte wie die Gebetsstätte Marienfried kennen. Angesichts der zunehmenden politischen Spannungen hatte Weihbischof Florian Wörner in Abstimmung mit Diözesanbischof Dr. Konrad Zdarsa die Initiative für einen Brückenschlag zwischen Bayern und dem Westural ergriffen. Auf kirchlicher Ebene sollte ein ökumenischer Dialog zwischen den beiden Diözesen angeregt werden. Nun richtete der Metropolit eine Grußbotschaft an die Teilnehmer des Großen Gebetstags in der Gebetsstätte Marienfried am 16. Juli 2017, die von Weihbischof Wörner beim feierlichen Abschluss verlesen wurde.  

Von Methodius Nemzow, Metropolit von Perm und Kungur

Ehrwürdige Brüder und Schwestern in Christus! Herzlich grüße ich Euch alle zum Fest, an dem uns die christliche Liebe und die Verehrung der Mutter unseres Herrn und Erlösers vereinen!

Die Worte der Jungfrau Maria: „Von nun an werden mich seligpreisen alle Geschlechter“ (Lk 1,48), erweisen sich wahrhaft als prophetisch. Sie wird überall verehrt, sowohl im Osten als auch im Westen; Ihr zu Ehren sind prächtige Kirchen und Klöster errichtet worden; durch zahlreiche Ikonen und Gnadenbilder der Gottesmutter geschehen in allen Teilen der Welt Wunderzeichen; diejenigen, die sich mit Glauben und Hoffnung an Sie wenden, finden wunderbare Hilfe, Trost und Heilung von ihren Krankheiten sowie die Lösung ihrer täglichen Probleme und Nöte.

Erinnern wir uns daran, dass der Erlöser, als er am Kreuz hing, der Gottesmutter, ihrer Fürsprache und ihrem Schutz, alle anvertraut hat, die auf der Erde leben. Und die Menschheit verehrt unaufhörlich ihre himmlische Schutzpatronin. Gibt es auf Erden einen Christen, der nicht wenigstens einmal in seinem Leben die Fürsprache der Allerreinsten Jungfrau angerufen hätte? Wahrscheinlich nicht!

Die wahre Verehrung der Mutter Gottes besteht in der christlichen Einhaltung der Gebote Gottes, in der geistlichen Vervollkommnung, im Zeugnis dafür, dass man das Wort Gottes nicht nur hört, sondern auch befolgt (Lk 11,28), und dass man den schweren und unmoralischen Herausforderungen der modernen Zeit Widerstand leistet. Das ist das Gemeinsame in der Verehrung der Allerseligsten Jungfrau Maria durch die Christen des Ostens und des Westens.

Und es ist die Aufgabe der Christen auf der ganzen Welt, die gemeinsamen Anstrengungen zu vereinen und die Gottesmutter zu bitten, dass Sie uns auf den Wegen unseres Lebens nie verlässt, sondern allen Gläubigen Ihre Gnade und Fürbitte gewährt.

Ich wünsche allen Teilnehmern Gottes Segen.  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 8/9 August/September 2017
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Mit neuer Begeisterung den Glauben bezeugen

Verlässliche Quellen der Kraft

Für Erzbischof em. Dr. Karl Braun ist klar: Wir müssen alle Müdigkeit ablegen und unseren Glauben mit neuer Begeisterung bezeugen! Womit beschäftigen wir uns in unseren Pfarrgemeinden, kirchlichen Verbänden und Ordensgemeinschaften? Sind wir wirklich auf die Mitte der christlichen Offenbarung ausgerichtet? Es bedarf einer ehrlichen Prüfung aller Bereiche und eines Neuanfangs im Geist unerschütterlichen Vertrauens und nüchterner Freude.

Von Erzbischof em. Karl Braun

Wir befinden uns heute in einer Situation der Glaubensbewährung, wie sie die Kirche bereits in der Vergangenheit wiederholt erfahren hat; ob in dieser Deutlichkeit, ja Schärfe, sei dahingestellt. Doch gilt es, die bewährten und verlässlichen Quellen neu zu entdecken, aus denen die Menschen Kraft schöpfen können. Wie finden wir zu einer Form der nicht überschwänglichen, jedoch realistischen Hoffnung?

Zur Situation des Glaubens

Wie steht es heute um unseren Glauben? Wir erleben, dass der Glaube, der uns so wertvoll ist, mehr und mehr angefragt und bisweilen lächerlich gemacht wird. Die Kirche selbst bewegt sich nach Meinung vieler Christen nur langsam oder überhaupt nicht. Sie scheint in der Wüste gefangen zu sein.

Was hilft in dieser Lage? Für mich sind in dieser Wüstenzeit vor allem drei Verhaltensweisen lebens- und überlebensnotwendig: mein persönlicher Glaube, das gemeinschaftliche Miteinander, das Schauen aufs Kreuz.

Mein persönlicher Glaube

Der persönliche Glaube lebt vom Gebet. Alle Visionen und Planungen bleiben tot, wenn ich das Gebet und die Anbetung vernachlässige, wenn ich sprachlos im Glauben geworden bin oder höchstens noch über Gott spreche, allerdings nicht mehr mit ihm. In der Begegnung mit ihm im Gebet wird mir seine Gegenwart bewusst. Hierbei erfahre ich, dass ich ihm nicht gleichgültig bin, sondern dass er mich liebt. Dies gibt mir Kraft.

Das gemeinschaftliche Miteinander

Glaube setzt Gemeinschaft voraus. Die Gemeinschaft der Gläubigen kann froh machen und sie hilft, den Glauben zu bezeugen. Es ist schwer, alleine zu glauben. Wir benötigen Weggemeinschaften. Wir brauchen die Liebe und die Unterstützung anderer: Wir sind auf gegenseitiges Verständnis angewiesen. Das bedeutet, dass wir hinhören, miteinander reden und die Beweggründe des anderen zu verstehen suchen. Wir brauchen den Zusammenhalt in der Kirche: mit dem Papst, mit den Bischöfen und mit allen Glaubensschwestern und -brüdern. Je mehr wir füreinander da sind, umso dichter wird unser Miteinander. Das verlangt eine stets neu zu vollziehende Bekehrung, ein Umdenken vom Ich zum Wir.

Das Schauen aufs Kreuz

Die Wüste zu erfahren bedeutet in diesen unseren Tagen wie schon immer durch die gesamte Heilsgeschichte hindurch: das Kreuz zu erfahren. Jeder Mensch trachtet danach, seine Schwierigkeiten zu lösen, die sich ihm unerbittlich stellen; mehr oder weniger ausgeprägt. Dass aber gerade im Kreuz, im Kreuz selbst die Lösung unserer Probleme liegt, ist manchmal schwer einzusehen. Doch wer sich mit dem leidenden Herrn vereint, der kann erfahren, dass sich das Leidvolle in Wertvolles verwandelt und auch das Schwere einen Sinn hat. Es ist nicht irgendein Sinn, sondern in vielen Fällen zeigt sich hier der Sinn, der Sinn schlechthin. Allerdings ist es leicht, mit dem Mund schöne Worte über das Kreuz zu finden – aber schwer, diese in das eigene Leben und in das der Kirche hinein zu buchstabieren. Gott nimmt niemandem das Kreuz ab. Doch er schenkt ihm die Kraft, es zu tragen.

Die Beschaffenheit des Glaubens

Der Glaube ist oft beschrieben worden. Mit ihm ist es wie mit einem Fallschirm. Die meisten Menschen möchten, dass er sich beim ersten Absprung bereits im Flugzeug öffnet. Aber da ist einfach kein Platz. Man muss erst durch die enge Luke hindurch, alle Sicherheit hinter sich lassen und springen. Dann erst mitten im freien Raum der Ungewissheit und des Wagnisses kann sich der Fallschirm entfalten. Dann trägt er sicher, bis man Boden unter den Füßen hat. Es ist neuer und fester Boden.

Ähnliches gilt für das Wagnis des Glaubens. Der Glaube lässt sich nicht mit menschlicher Geschicklichkeit erzeugen. Er lässt sich nicht durch Argumente und Emotionen herbeizwingen. Und doch gibt es so etwas wie Glauben lernen. Aber ebenso wenig wie man das Schwimmen durch Zuschauen, kritisches Beobachten und theoretische Diskussion erlernt, sondern nur durch das Tun, durch die Übung im Wasser, so auch das Glauben. Das Tun des Glaubens, das Tun der Glaubenswahrheit festigt den Glauben.

Auf solchem Hintergrund bedacht wird auch klar: Wenn wir bei der Weitergabe des Glaubens aus dem ständigen Hinterfragen der christlichen Glaubens- und Sittenlehre nicht mehr herauskommen und so das Bewusstsein der Unbestimmtheit im suchenden Menschen wachhalten, mehren und anstacheln, wenn unsere Verkündigung wiederholt in ein Übermaß von Fragen und Zweifeln mündet, wenn sie die Formulierungen und an die Grenzen gehenden, ja gelegentlich auch die Grenzen bewusst berührenden und überschreitenden Überlegungen bis zum Überdruss vermehrt, das Wesentliche des Glaubens aber nicht zum Ausdruck bringt, dann erfüllt sie nicht mehr ihren eigentlichen Zweck.

Von der Bewährung des Glaubens

Die Kraft des Geistes verleiht dem mündigen Christen Standfestigkeit und die Gabe der Unterscheidung der Geister, so dass er nicht „dem Spiel der Wellen“ ausgeliefert ist und nicht „vom Widerstreit der Meinungen hin und her getrieben“ (Eph 4,14) wird. Der mündige Christ ist nicht der, der möglichst in der ersten Reihe sitzt und sich möglichst laut vernehmen lässt, sondern vielmehr, der erkennt, was der Wille Gottes ist und was aus der Selbstgefälligkeit des Menschen stammt. Er hat den klaren Blick dafür, ob etwas aus dem Geist der Kindschaft Gottes (Röm 8,16) oder aus dem Geist der Knechtschaft (Röm 8,15) durch die Elemente der Welt kommt.

Zu dieser Unterscheidung sollen wir fähig und auch befähigt sein, damit sich unser Glaube nicht zuletzt in der Politik, in der politischen Dimension unseres Lebens, bewähre. Dabei sind wir uns bewusst, dass unser politisches Wirken nur dann genuin christlich ist und eine Art geistespolitisches Gespür zeigt, wenn wir dies in der erwähnten Kraft der Unterscheidung der Geister vollziehen. Sie bedarf stets neu des Gebetes und der Orientierung an der Lehre der Kirche. Wir müssen in der politischen Auseinandersetzung im Namen des Schöpfers und gemeinsamen Vaters aller Menschen Anwälte echter Menschlichkeit sein und dieser Menschlichkeit in Wort und Tat Geltung verschaffen; wir müssen im Namen Jesu Christi, in dem uns die Menschenfreundlichkeit Gottes erschienen ist, den Mitmenschen in ihren Nöten und Problemen beistehen und ihnen von der Hoffnung künden, die in uns lebt (vgl. 1 Petr 3,15); wir müssen uns im Namen des Geistes Gottes, der zu Frieden und Einheit bewegt, einsetzen für Gerechtigkeit und Freiheit, für Gemeinschaft und wohlwollende Verbundenheit der Menschen in unserem Land wie in aller Welt. Wir müssen uns dabei nicht als blauäugige, sondern als realistische Idealisten bewähren.

Ein Blick auf den Stellenwert des Glaubens in unserer Gesellschaft zeigt: Der Glaube ist für viele unwichtig geworden. Sie meinen, auch ohne ihn auskommen zu können. Es hat eine Zeit gegeben, da musste sich der Nichtgläubige wegen seines Unglaubens rechtfertigen. Gläubig zu sein galt als selbstverständlich. In unseren Tagen trifft immer mehr das Gegenteil zu. Der Glaubende ist angehalten, zu „beweisen“, dass er in die moderne Welt passt, obwohl er glaubt.

Ressourcen für den Glauben

An unserer Armut an der Glaubensfreude kann man unsere Armut an christlicher Glaubenssubstanz ablesen. Nur in der ungebrochenen Glaubensfreude vermag die Kirche auf ihrem Weg in die Zukunft voranzuschreiten. Wir werden uns deshalb immer wieder die Frage stellen, ob unsere Verkündigung Glaubensfreude ausstrahlt und in den anderen zu wecken vermag. Es kommt darauf an, den Glauben als Licht und Freude vorzuleben und andere Menschen lehren, ihn so zu verstehen: „Selig, wer an den heiligen Worten und Werken Gottes seine Freude hat und dadurch die Menschen in Fröhlichkeit und Freude zur Liebe Gottes hinführt“ (hl. Franz von Assisi).

Solange wir unseren Glauben und unsere Erfahrung mit Gott in uns versperren wie Schmuck und Wertpapiere im Tresor, versperren wir uns selber und anderen den Weg zu jener Freude, die uns der Glaube erschließen will und die aus dem Magnifikat strömt (vgl. Lk 1,46-55). Glaube und Freude sind miteinander verbunden, sie stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander. Je mehr Glaube, umso mehr Freude, nicht oberflächliche, sondern tiefwurzelnde, bleibende Freude. Dabei kommt uns eben zugute, dass Glaube und Freude untrennbar miteinander verbunden sind. Sie stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander. Je mehr Glaube, umso mehr Freude. Wir Christen sollten durch unser Verhalten zeigen, dass die Freude in unserem Leben etwas mit dem Glauben an Gott zu tun hat. Glaube entzündet sich am Glaubenden, Freude wird entzündet an dem, der mit frohem Herzen in Gott verankert ist. Fröhlich machen kann jedoch unser Glaube, kraft dessen wir, trotz aller Bedrängnis, immer wieder ein Ja der Zuversicht zum Weg der Kirche sprechen. Dies ist nicht so sehr möglich dadurch, dass wir überkommene Formen ändern und sie durch neue Strukturen ersetzen, sondern vor allem durch unsere geistige und geistliche Erneuerung werden wir fähig, dieses frohe Ja zu vollziehen und durchzuhalten. Der Weg der Kirche durch die Zeit steht unter dem Zeichen einer Hoffnung, die wir uns nicht selbst geschaffen haben: unter dem Zeichen des Kreuzes und der Auferstehung Christi – einer Hoffnung wider alle menschliche Hoffnung.

Mit der Kirche glauben

Wenn die Kirche seit beinahe zwei Jahrtausenden den Völkern der ganzen Welt das Evangelium Jesu Christi bringt, ist das weder ein Hobby noch eine Kompetenzüberschreitung. Vielmehr erweist sich gerade in der Mission die Kirche als das umfassende Sakrament des Heils, wobei Heil stets die Gemeinschaft mit Gott und gleichzeitig die Einheit der Menschen untereinander bezeichnen möchte. Weil der missionarische Dienst der Kirche ein selbstverständlicher Ausdruck des Glaubens ist, ist er ein Dienst eines jeden Christen. Er kann nicht einigen Spezialisten und Missionsfreunden vorbehalten bleiben. Die Kirche existiert nicht für sich selbst. Jede Gemeinde, jeder Christ, die sich nicht an dieser Sendung beteiligen, leben im Widerspruch zum Wesen der Kirche.

Glauben als Unterwegssein zur Heiligkeit

Auf dem Weg zur Heiligkeit besteht Chancengleichheit für alle Glieder des Gottesvolkes. Wegweiser dazu sind die Heiligen, vor allem Maria, die „Magd des Herrn“ (Lk 1,38). Ihr Mut zum Dienen ist vorbildlich für uns alle, ob wir nun ein Amt in der Kirche innehaben, oder ob wir in der uns allen, gemeinsamen Christenwürde unsere Berufung erfüllen. Diese Gesinnung des Daseins für die anderen soll immer mehr unsere Zusammenarbeit in der Kirche, nicht zuletzt in der Kirche an Ort und Stelle: in der Ortskirche bestimmen. Dann brauchen wir unsere Zeit und Kraft nicht mit innerkirchlichen Grundsatzdiskussionen (wenn es denn überhaupt welche sind) sowie endlosen Debatten zu vergeuden und können wieder zur ungebrochenen Freude des Glaubens zurückfinden.

Maria als der heile Kern der Kirche

Maria, gerade schon erwähnt, ist nach der Lehre vieler Kirchenväter der ersten Jahrhunderte der tiefe Urgrund und der heile Kern der Kirche. An ihrer Gestalt gewinnt der wahre Glaube seine Ausrichtung. Sie, die Überwinderin aller Häresien, wird sich auch in der gegenwärtigen Glaubensnot als sieghaft erweisen.

Nicht zuletzt als Unsere Liebe Frau von Fátima geht uns Maria mit ihrem Glauben voran. Sie ist ein Weckruf an die Kirche, der an uns alle ergeht und uns zu einem bewusster gelebten Glauben hin ruft. Durch ihre Botschaften in Fátima will die Gottesmutter den Glauben vertiefen und stärken, will sie zu einem reinen, demütigen, dankerfüllten und lebendigen Glauben führen. Nicht von ungefähr leitet der Engel die drei Hirtenkinder, die er auf das Kommen der Gottesmutter in Fátima vorbereitet, bei seiner ersten Erscheinung im Frühjahr 1916 zu einem Gebet an, dessen erste Bitte auf den Glauben zielt: „Mein Gott, ich glaube an dich, … ich bitte um Verzeihung für jene, die nicht an dich glauben.“ Über Fátima strahlt dieser marianische Stern. Auch von dort geht das Leuchten der ersten Verkündigerin des Evangeliums aus. Viele finden bei der Verehrung „Unserer Lieben Frau von Fátima“ den Glauben an Jesus Christus wieder. Wir erhalten dort neue Kraft für den Glauben.

Über allem und in allem: die Liebe

Maßstab für das Gericht Gottes ist vor allem die Liebe zum Nächsten. Sie kann nur dauerhaft sein, wenn sie gespeist wird von einem starken Glauben. Denn der Glaube ist der Quellgrund der echten Liebe. Wo wahrer Glaube, dort auch wahre Liebe. Derselbe Herr, der das neue Gebot seiner Liebe verkündete, sprach das ernst stimmende, ja das sehr ernste Wort: „Wer nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Mk 16,16). So sehr ist der Glaube die Grundlage unseres Christseins, dass man uns einfach die Gläubigen nennt, um damit etwas Wesentliches unserer Stellung vor Gott und den Menschen zu kennzeichnen. Seien wir es also!

Was zu tun ist

Wir rechnen nicht nur mit unseren menschlichen Energien, sondern mehr noch mit der Kraft Gottes. Denn wir sind in der Hand Gottes. Das Widrige und das Böse mögen stark erscheinen. Gott aber ist der Stärkere. Wenn wir davon überzeugt sind, dürfen wir die Erfahrung machen, dass es der Herr ist, der durch den Dienst der Hirten und durch die lebendige Zusammenarbeit aller Glieder der Kirche in unseren Tagen sein Volk führt. Dies mag uns Gelassenheit schenken und Freude, von der wir den anderen etwas abgeben können. Denn „alle sollen sich freuen, die auf dich vertrauen“ (Ps 5,12).

Der Glaube gewinnt aus dem Vertrauen auf die Wahrhaftigkeit Gottes eine Festigkeit der Überzeugung, die gesichertem Wissen nicht nachsteht; vielmehr wird er selbst gesichertes Wissen. Er ist nämlich getragen „durch die Urgewalt eines Wissens“, demzufolge der Apostel bekennen kann: „Ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe“ (2 Tim 1,12) – dem Sohn Gottes, Jesus Christus. Er ist der gesamte Inhalt unseres Glaubens. Im persönlichen Bezug zu seiner Person, in der lebendigen Begegnung mit ihm wurzelt der Glaube des Christen. Der Herr selbst ist der tragende Grund und das eigentliche Ziel unseres Glaubens. „In Ihm zu leben“, ist darum alles.

Uns wird bewusst: Wir müssen alle Müdigkeit ablegen, mit neuer Begeisterung unseren Glauben bezeugen und ihn den Mitmenschen weitervermitteln. Alle Aktivitäten und Dienste der Kirche sollen stärker auf die lebendige Mitte des Glaubens ausgerichtet werden; auf die Sorge um die unverkürzte Weitergabe des Glaubens und seine Vertiefung. Wir haben stets zu prüfen, ob das, was in den verschiedenen Bereichen der Kirche – in unseren Pfarrgemeinden, kirchlichen Verbänden und Ordensgemeinschaften – geschieht, wirklich in die innerste Mitte unseres Glaubens führt.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 8/9 August/September 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)

Wäre die Öffnung der Priesterweihe für verheiratete Männer eine Lösung?

Der Papst zum Priestermangel

Mary Rezac, katholische Journalistin und Mitarbeiterin von Catholic News Agency bzw. EWTN News, ist der Frage nachgegangen, ob die Öffnung der Priesterweihe für verheiratete Männer das Problem des Priestermangels lösen würde. Anlass waren Aussagen des Papstes zum Thema Zölibat bei einem Gespräch mit der ZEIT im Frühling dieses Jahres. Zum ersten Mal hatte Papst Franziskus einer deutschen Zeitung ein Interview gegeben, das mit seiner Autorisierung in Nummer 11/2017 der ZEIT veröffentlicht wurde. Der Papst sagte darin sehr eindeutig: „Über den freiwilligen Zölibat wird in diesem Zusammenhang immer wieder gesprochen, vor allem dort, wo es an Klerus mangelt. Doch der freiwillige Zölibat ist keine Lösung.“ Und wie steht es mit den viri probati („bewährte Männer“)? Ein Blick auf den Ansatz des Papstes.

Von Mary Rezac

Das Thema Priestermangel ist akut und die Meinungen dazu sind so kontrovers wie die Lösungsansätze. Doch was sind die Fakten?

Priestermangel nicht nur in Deutschland

Sicherlich ist die Lage in einigen deutschen Diözesen besonders dramatisch. Doch fehlt es nicht nur in Deutschland an Nachwuchs. In vielen Regionen der Weltkirche gibt es zu wenig Priester. Wie eine Untersuchung der Georgetown Universität zeigt, ist die Zahl der Kleriker im Verhältnis zur Zahl der Gläubigen gesunken. Man könnte es auch anders ausdrücken: Die Zahl der Katholiken pro Priester steigt.

1985 kamen auf einen Priester in der Weltkirche im Durchschnitt 1895 Gläubige. Im Jahr 2012 waren es 3126, so eine Studie von Georgetowns „Zentrum für Angewandte Apostolatsforschung“, CARA (Center for Applied Research in the Apostolate).

Aussagen des Papstes zum Zölibat

Papst Franziskus hat sich zum Priestermangel in seinem Interview mit der ZEIT geäußert. Was er sagte, wurde weitgehend ignoriert – bis auf einen Punkt: seine Äußerungen zur Priesterweihe verheirateter Männer. Diese machten Schlagzeilen.

„Papst Franziskus öffnet ein Fensterchen zur Freiheit“, titelte etwa der Münchner Merkur. „Papst Franziskus bringt frischen Wind in Zölibatsdebatte“, meldete der Wiener Standard.

Nun schlug der Papst natürlich nicht vor, dass Pfarrer Huber von nebenan sich eine Ehefrau suchen sollte. Vielmehr sagte Franziskus, er halte eine mögliche Prüfung für sinnvoll, ob viri probati, wörtlich „bewährte Männer“, die verheiratet sind, in bestimmten Situationen zum Priester geweiht werden könnten. Derzeit können verheiratete katholische Männer, wenn sie mindestens 35 Jahre alt sind, unter Umständen zum Diakon geweiht werden, aber nicht zum Priester.

Diese „Prüfung einer Möglichkeit“ war aber nicht der erste Vorschlag, den der Papst zur Lösung des Problems des Priestermangels machte. Tatsächlich stand die Überlegung ganz am Ende. Zunächst erwähnte der Papst die Frage nach der Möglichkeit von verheirateten Priestern überhaupt nicht. Erst als er noch einmal konkret darauf angesprochen wurde, sagte er, dass eine Abschaffung des Pflichtzölibats nicht die Lösung sei, aber diskutiert werde. Warum aber hält die lateinische Kirche eigentlich trotz des Priestermangels an der Tradition des Zölibats fest, obwohl er möglicherweise potentielle Priesteramts-Kandidaten abschreckt?

Warum ist der Zölibat kirchliche Norm?

Gary Selin, Priester und Dozent am Thomas Aquinas College in California, hat die Grundlagen des Zölibats untersucht und im Jahr 2016 das Buch mit dem Titel „Priestly Celibacy: Theological Foundations“ herausgebracht.

Die Diskussion werde oft auf pragmatische Fragen reduziert, so Pater Selin, etwa ob verheiratete Priester genug Zeit hätten, sich der Gemeinde zu widmen. Doch gehe es auch um die theologischen Fundamente dieser Tradition. Einer der Hauptgründe für deren 2000 Jahre alte Geschichte sei christologischer Art. Sie gehe auf den ersten zölibatären Priester zurück – Jesus. „Jesus Christus selber hat nie geheiratet. Und das Leben unseres Herrn gänzlich nachzuahmen, ist etwas sehr Attraktives“, so Pater Selin. Als Grund für den Zölibat werde Jesus interessanterweise jedoch praktisch nie erwähnt.

Jesus Christus, der „sein Haus und seine Familie in Nazareth verließ, um als Wanderprediger zu leben“, so Pater Selin, blieb nach seinem eigenen Zeugnis ohne feste Behausung: „Der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“ (Mt 8,20). Jesus lobt den zölibatären Weg an mehreren Stellen des Neuen Testaments. In Matthäus 19,11-12 antwortet er auf eine Frage seiner Jünger über die Ehe, indem er jene, die fähig sind, um des Himmelsreiches willen darauf zu verzichten, zur Ehelosigkeit ermutigt. „Von den drei Möglichkeiten, unfähig zur Ehe zu sein, sexuell aktiv zu sein, ist nur die dritte freiwillig: ,Eunuchen, die sich selber zu Eunuchen machen‘. Diese Menschen tun es ,um des Himmelreichs willen‘, mit anderen Worten, für das Reich, das Jesus verkündet und eingeleitet hat“, erklärt Pater Selin. Dennoch habe es lange gedauert, bis die „Kultur des Zölibats“ in der frühen Kirche Anklang gefunden hat.

Christus kam zur Welt in einer jüdischen Kultur und einem Volk, dem seit seinen ersten Eltern, Adam und Eva, gesagt wurde: „Seid fruchtbar und vermehrt euch“ (Gen 1,28; 9,7), und dem versprochen wurde, dass ihre Nachkommen zahlreich „wie die Sterne am Himmel“ und „wie der Sand am Meeresstrand“ (Gen 22,17) sein würden. Unverheiratet oder kinderlos zu sein, war aus praktischen wie religiösen Gründen zu vermeiden und wurde als Fluch betrachtet oder zumindest als mangelndes Wohlwollen Gottes.

Auch die Apostel, davon ist auszugehen, waren jüdische Männer, die dieser Kultur entstammten. Vom heiligen Petrus zumindest ist auch bekannt, dass er zu einem bestimmten Zeitpunkt verheiratet gewesen sein muss, denn die Heilige Schrift erwähnt seine Schwiegermutter (Mt 8,14-15). Nur der Evangelist Johannes werde von den Kirchenvätern als zölibatär lebend betrachtet, was der Grund dafür sei, dass Christus eine besondere Liebe für ihn empfunden habe. Bei den anderen Aposteln gehe man davon aus, dass sie, gemäß jüdischem Brauch, verheiratet waren, doch freiwillig enthaltsam lebten. Im ersten Korintherbrief begrüßt auch der heilige Apostel Paulus den zölibatären Lebensstil, den er auch selbst verwirklicht hat (1 Kor 7,7-8).

Nachdem Heiraten ein so wesentlicher Bestandteil der jüdischen Kultur war, auch für die Apostel, waren viele, aber nicht alle Kleriker der frühen Kirche verheiratet. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass diese gebeten wurden, nach der Weihe enthaltsam zu leben: Priester, deren Frauen nach der Weihe schwanger wurden, konnten sogar bestraft werden, so Pater Selin.

Von frühester Zeit an wurden in der Kirche die Bischöfe aus den Reihen der zölibatär lebenden Priester gewählt. Diese Tradition ist noch älter als der Pflichtzölibat. Bis heute praktizieren dies die Ostkirchen, von denen die meisten ihren Priestern die Ehe erlauben. Deren Bischöfe aber kommen ausschließlich aus den Reihen zölibatärer Geistlicher.

Nachdem die „Kultur des Zölibats“ Fuß gefasst hatte, wurde sie in der Kirche mehr und mehr zur Norm. Schließlich mussten sich verheiratete Männer, welche die Weihe anstrebten, an den Papst wenden, um eine Sondererlaubnis zu erhalten.

Im 11. Jahrhundert verfügte der hl. Gregor VII., dass alle Priester zölibatär leben mussten, und bat die Bischöfe, dies durchzusetzen. Seitdem ist der Zölibat in den Kirchen des lateinischen Ritus die Norm, auch wenn es Ausnahmen gibt – etwa für anglikanische oder protestantische Pastoren, die sich zum Katholizismus bekehren.

Zeichen für das kommende Reich Gottes

Ein weiterer Grund dafür, warum der Zölibat in der Kirche hoch geschätzt wird, ist, dass er Zeugnis abgibt für etwas, das größer ist als diese Welt, erklärt Pater Selin. Papst Benedikt XVI. sagte einmal zu Priestern, dass der Zölibat die Welt so beunruhige, weil er ein Zeichen des kommenden Königreichs sei. „Es ist wahr, dass für die agnostische Welt, die Welt, in der Gott keine Rolle spielt, der Zölibat etwas ist, das großen Anstoß erregt, weil gerade er zeigt, dass Gott als Wirklichkeit betrachtet und erlebt wird. Mit dem eschatologischen Leben des Zölibats tritt die zukünftige Welt Gottes in die Wirklichkeiten unserer Zeit. Und das soll beseitigt werden!“

Christus selbst sagte, dass niemand im Himmel heirate oder verheiratet werde. Deshalb ist der Zölibat ein Zeichen der Gottesschau (vgl. Mt 22,30-32). „Das Eheleben wird vergehen, wenn wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen, und wir alle werden Teil der Kirche als Braut“, sagt Pater Selin. „Dafür ist der zölibatär Lebende ein unmittelbarer Ausdruck.“

Ein weiterer Wert des Zölibats: Er ermöglicht Priestern, die imitatio, die Nachfolge Christi, besser zu leben, Gott noch näher zu kommen und es ihm gleich zu tun. „Der Priester ist geweiht, um für andere Jesus zu sein. Er muss in der Lage sein, sich mit Leib und Seele erst einmal Gott selbst zu widmen und aus dieser Einheit mit Jesus dann der Kirche dienen zu können.“ Das könne nicht umgedreht werden.

Aus rein finanziellen oder praktischen Gründen sei die Tradition des Zölibats nicht aufrecht zu erhalten: „Das reicht nicht aus, und das wird auch dem Kern des Zölibats nicht gerecht, denn wer diesen lebt, sucht erst einmal die Nähe zu Gott. Der Zölibat ist zuerst einmal eine große und tiefe Intimität mit Christus.“

Sicht eines verheirateten Priesters

Eine Ausnahme in Person – und Ausnahmen bestätigen die Regel – ist Douglas Grandon. Er ist also ein verheirateter katholischer Priester. Zunächst hatte er als Priester der amerikanischen Anglikaner geheiratet. Als er und seine Familie sich vor 14 Jahren entschieden, katholisch zu werden, erhielt er von Papst Benedikt XVI. die Erlaubnis, auch katholischer Priester zu werden. Trotz des Priestermangels befürwortet Pfarrer Grandon nicht die Öffnung der Weihe für verheiratete Männer. Er sieht darin eben nicht die Lösung zur Überwindung der Ursachen des Priestermangels. „Aus meiner Sicht besteht die Lösung des Priestermangels in einem stärkeren Engagement für das, was George Weigel als ,evangelikalen Katholizismus‘ bezeichnet hat“, so Grandon, Priester, Ehemann und Vater.

„Egal ob du Protestant oder Katholik bist: Berufungen entspringen der sehr starken Verpflichtung, die grundsätzliche Anweisung Jesu zu befolgen, das Evangelium zu predigen und die Menschen zu Jüngern zu machen. Wo auch immer ein starkes evangeliumsgemäßes Engagement vorhanden ist, wo immer Priester sich dafür einsetzen, dass die Menschen ihren Glauben vertiefen, zu ernsthaften Jüngern werden, da gibt es Berufungen. Darin liegt wirklich der Schlüssel.“

Douglas Grandon sagte auch, er sei zwar dem hl. Papst Johannes Paul II. „unendlich dankbar“ dafür, dass er im Jahr 1980 Ausnahmen vom zölibatären Priestertum genehmigt habe, so dass also protestantische Pastoren wie er Priester werden können, dennoch sehe er auch den unersetzbaren Wert des zölibatären Priestertums und plädiere nicht dafür, den Pflichtzölibat abzuschaffen. „Wir glauben wirklich, dass die zölibatäre Berufung etwas Wunderbares ist, dass es hochgeschätzt werden sollte, und wir wollen nicht, dass irgendetwas dies untergräbt“, so Grandon. „Jesus lebte zölibatär, Paulus lebte zölibatär, einige der Zwölf waren zölibatär, somit ist das ein besonderes Geschenk, das Gott der katholischen Kirche gemacht hat.“

Ein weiterer verheirateter Priester ist Joshua J. Whitfield. Er lebt in Dallas und schreibt unter anderem auch Kolumnen für die Dallas Morning News. Kürzlich gab er darin seine Erfahrungen als verheirateter Priester wieder, betonte aber gleichzeitig, dass er es nicht befürworten würde, wenn die Kirche die Norm des Zölibats änderte. „Was wir brauchen, ist ein neues Pfingsten. So wurde der erste ,Mangel‘ gelöst. Die Zwölf warteten auf den Heiligen Geist und er goss seine Gaben aus.“ Man werde der Sache nur gerecht, wenn man die Krise der Priesterberufungen spirituell betrachte. „Nur so werden wir sie richtig lösen. … Ich bin einfach nicht überzeugt, dass [die breite Einführung verheirateter Priester] ein Wachsen des Klerus oder der Kirche zur Folge hätte.“

Ansatz von Papst Franziskus

Papst Franziskus glaubt auch nicht, dass die Einführung der Ehe für Priester das Problem des Priestermangels lösen würde.

Das Gebet

Bevor der Papst im ZEIT-Interview über den Zölibat sprach, betonte er das Gebet. Er spreche als gläubiger Mensch. Und deshalb sei seine erste Antwort das Gebet. Es werde zu wenig gebetet, so Franziskus.

Die Geburtenrate

Die zweite Lösung des Priestermangels, so der Papst weiter, sei in einer höheren Geburtenrate zu suchen. Ohne Kinder gebe es keine Berufungen. Wiederholt hat er den Kindermangel in Deutschland, Italien und anderen europäischen Ländern angesprochen. Schlagzeilen gab es dazu in der weltlichen Presse keine.

Je mehr Eheschließungen, desto mehr Priesterweihen? Die sinkende Rate der Eheschließungen korreliert jedenfalls mit der sinkenden Priesterzahl, so Pater Samuel Ward. Er ist der stellvertretende Leiter der Stelle für Berufungen in der größten Diözese der USA, Los Angeles, deren Priesterrate fast doppelt so hoch ist wie der Landesdurchschnitt. Ward ist nicht nur überzeugt vom „großen Wert des zölibatären römisch-katholischen Priestertums“, er ist auch zuversichtlich, was die Zukunft der Berufungen betrifft. Denn die Zahl der Anwärter und Seminaristen sei in letzter Zeit wieder gestiegen.

Zum Zusammenhang zwischen der Berufung zur Ehe und der Berufung zum Priester betonte er: „Sie ergänzen einander und hängen voneinander ab. Wenn wir keine Familien haben, haben wir als Priester nichts zu tun. Die Familien brauchen Priester für die Predigten und die Sakramente.“

Die Jugend

Nicht nur im Interview mit Medien, sondern auch im direkten Kontakt mit den Jugendlichen hat Franziskus immer wieder hervorgehoben, wie wichtig das Gespräch über Berufung ist.

Viele Priester kamen durch Gespräche und Einladungen, oft eines Priesters, zu ihrer Berufung. Andere entdeckten ihren Weg durch das Zeugnis guter und heiliger Geistlicher, die eine wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt haben. „Ein ehemaliger Berufungsdirektor hat einmal eine informelle Umfrage gemacht und gefragt: ,Wie bist Du auf die Idee gekommen, über eine Berufung als Priester nachzudenken?‘ Und fast alle haben geantwortet: ,Weil mich mein Pfarrer darauf angesprochen hat‘“, so Pater Selin. „Bei mir war es das Gleiche. Wenn ein Priester seine Berufung mit großer Freude und Treue lebt, dann ist er der effektivste Berufungs-Promoter. Denn dann kann sich ein junger Mann in ihm sehen.“

Eine wichtige Rolle spielen hier auch gute katholische Schulen – das ist zumindest die Erfahrung der Erzdiözese St. Louis. Deren Leiter für pastorale Planung, John Schwob, betonte, große, aktive Schulen, in denen der Glaube unterrichtet werde, hätten gemeinsam mit dem diözesanen Priesterseminar und den Erzbischöfen, welche Berufungen als pastorale Priorität betrachteten, eine „Kultur der Berufungen“ geschaffen. Die Folge: Das Erzbistum St. Louis hat eine der höchsten Priesterraten des Landes.

In der Diözese Lincoln (Nebraska) hat man ähnliche Erfahrungen gemacht. Der Generalvikar des Bistums, Monsignore Timothy Thorburn, stellt fest: „Wir haben keine Berufungskrise.“ Das gelte für Männer wie für Frauen, so der Generalvikar. Berufungsdirektor Pater Robert Matya fügt hinzu: Wichtig ist dabei der Kontakt mit Priestern und Ordensfrauen. „Das Einmalige bei uns in Lincoln ist, dass der gesamte Religionsunterricht von Priestern oder Nonnen gehalten wird, was nicht üblicherweise der Fall ist. … Die Schüler haben mehr Umgang mit Priestern und Schwestern als ein Kind, dass irgendwo anders eine High School besucht.“

Zwei Schwesterngemeinschaften beten gemeinsam um Berufungen

Dabei geht es jedoch nicht nur darum, dass man der Jugend zeigt, wie eine Berufung freudig und treu gelebt werden kann, dass man sie „authentisch und treu im Glauben unterrichtet“ und persönlich auf das Thema anspricht, so betonte Msgr. Thorburn weiter. Aus eigener Erfahrung habe er gelernt, dass es vor allem auch ums Gebet gehe. In den späten 1990er Jahren kamen Unbeschuhte Karmeliterinnen in die Diözese und bauten dort ein neues Kloster auf. Gemeinsam mit den ebenfalls dort ansässigen Schwestern der Anbetung des Heiligen Geistes, bekannt als die „Pink Sisters“, die „Rosa Schwestern“, beteten sie besonders für die Priester und um Berufungen. „Praktisch über Nacht“ seien in der Diözese zwei neue Priesterseminare entstanden, so Msgr. Thorburn, ein diözesanes und ein Seminar der Petrusbruderschaft. „Gott beruft in der Westkirche eine ausreichende Zahl an Männern, denen er nach unserer Tradition mit der Berufung auch die Gabe des Zölibats schenkt. Wir müssen nur Platz schaffen, damit diese Samen auf fruchtbare Erde fallen.“

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 8/9 August/September 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)

Wie gelangt die menschliche Person zur Reife?

Das Ruhegebet im Alltag

Einhundert aufschlussreiche Kurzgeschichten hat Dr. Peter Dyckhoff in einem neuen Buch zusammengestellt und für den Alltag erklärt. Jede dieser Perlen erschließt er aus dem konkreten Leben heraus und lässt sie im Licht des Ruhegebets aufleuchten. Nach Dyckhoff ist das Ruhegebet, diese alte Gebetsweise des Christentums, mit der er sich seit vielen Jahrzehnten beschäftigt, eben keine Flucht in eine wirklichkeitsferne Oase. Sie will den Menschen im Gegenteil ermutigen, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen und an ihnen zu reifen. Doch dies kann nur gelingen, wenn er dabei den Frieden im Herzen erlangt und mit seinem Leben immer vollkommener versöhnt wird. Einen solchen Weg im Glauben und in der persönlichen Beziehung mit Gott zu gehen, ist letztlich der tiefste Sinn des Ruhegebets. Zwei Beispiele aus dem neuen Buch „Das Ruhegebet im Alltag"[1].

Von Peter Dyckhoff

Mittel zur Reife

Zwei Mönche dachten daran, das Kloster zu verlassen. Als der Abt sie nach dem Grund ihrer Unzufriedenheit befragte, erklärten sie übereinstimmend: „Wir haben uns das Leben hier brüderlicher vorgestellt. Es gibt in unserer Gemeinschaft welche, die uns nicht leiden können. Denn sie kritisieren ständig unser Tun und Lassen.“

Nach einer längeren Pause sagte der Abt: „Für unsere Reife sind Gegner oft wertvoller als Freunde.“ Sprach es und entließ die beiden mit seinem Segen. (Roland Breitenbach)

Eine trennende und abspaltende Bewegung geschieht zunächst im Herzen eines Menschen besonders dann, wenn er zu wenig Anerkennung und Bejahung von seiner Umwelt erfährt. Oft sucht sich ein unzufriedener und enttäuschter Mensch jemand anderen, der ein ähnliches Schicksal erfährt. Beide verbünden sich dann in ihrem sogenannten Leid und tragen es ständig vor sich her.

Es gibt jedoch genügend Fälle, in denen ein Rückzug und ein Neuanfang an anderer Stelle lebensnotwendig sind. Es kommt häufiger vor, dass Menschen aus oberflächlichen Gründen „die Flinte ins Korn werfen“, resignieren und enttäuscht und verletzt eine Gemeinschaft verlassen oder eine Zugehörigkeit aufgeben. Und gerade zu diesen Menschen spricht der Abt in unserer Geschichte das entscheidende und treffsichere Wort: „Für unsere Reife sind Gegner oft wertvoller als Freunde.“ Wenn die beiden Mönche dieses Wort richtig verstanden hätten, wären sie bestimmt in ihrem Kloster geblieben und hätten die Chance und die Herausforderung einer schnelleren Reife angenommen. Der Abt hat sie nicht am Gehen gehindert, sondern ihnen den Segen gegeben und sie auf ihren Wunsch hin entlassen.

Vor etwas Unangenehmem davonzulaufen, ist momentan einfach, doch auf die Dauer beschwerend und die Seele belastend. Wenn das Ego und die Eitelkeit so stark in den Vordergrund treten, darf man davon ausgehen, dass es an einem tragfähigen Glauben mangelt. Wenn wir einmal einen Weg gewählt haben – vorausgesetzt er steht im Einklang mit dem Guten –, wird uns der Herr Zeichen wie aber auch Menschen schicken, die unseren Weg durchkreuzen. Gerade sie haben uns unendlich viel zu sagen, da sie wesentlich an unserer Reifung beteiligt sind. Ein entscheidendes Wort von Carl Gustav Jung lautet: „Man ändert nur das, was man annimmt.“

Nur allein durch gute Absicht und unser Wollen wird es uns kaum gelingen, manche von Gott verantwortete Zeichen, die er auf unseren Lebensweg stellt, zu beachten und anzunehmen. Das Gebet der Hingabe oder Ruhegebet weicht alle Verhärtungen in uns auf. Das beginnt im körperlichen Bereich, setzt sich im emotionalen Bereich fort und wirkt bis in die Seele hinein. Hinzu kommt als zweite Phase im Ruhegebet, dass sich uns neue Zusammenhänge offenbaren und uns etwas einleuchtet, was vorher in Dunkel gehüllt war. Manche Erkenntnis auf dieser Ebene lässt uns sogar dankbar eine Situation oder einen Menschen aushalten, vor dem wir früher weggelaufen wären.

Ein wichtiges Moment kommt beim Ruhegebet noch hinzu: Unser Glaube wird durch Bestätigung und Erfahrung derart gestärkt, dass er zu einem festen Fundament wird, das tragfähig und belastbar ist. Es fällt dann leicht, von dieser Ebene aus wichtige Entscheidungen zu treffen, denn sie geschehen durch ihn und mit ihm und in ihm (S. 165-167).

Wer das Joch trägt, den trägt es

In einer alten Überlieferung von den Fischern der Lofoten, der Inselgruppe vor der Küste Nordnorwegens, heißt es: Wenn die großen Stürme erwartet werden, machen viele Fischer ihre Schaluppen, das sind ihre Boote, am Strand fest und begeben sich in ihre Behausungen. Andere Fischer dagegen machen eilig ihre Schaluppen seetüchtig und fahren mit ihnen aufs Meer hinaus. Diesen mutigen Schritt wagen sie, denn sie wissen, dass bei großen Stürmen ihre Boote auf hoher See sicherer sind als am Strand. Die ans Ufer rollenden hohen Wogen zerschmettern allzu schnell und leicht die dort vertäuten Schaluppen und zerstören damit die Existenz der Fischer. Durch die Kunst der Navigation sind selbst bei den heftigsten Stürmen die Fischerboote auf hoher See eher zu retten als die am Strand liegenden. Für die Fischer auf See beginnt jetzt ein besonders hartes Leben: Sie riskieren alles in der Hoffnung, ihre Schaluppen unbeschädigt durch Wind und Wogen zu navigieren.

„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last leicht“ (Mt 11,28-30).

Ein Joch ist ein Geschirr, das vornehmlich Lasttieren wie Ochsen um den Hals gelegt wurde, um schwere Lasten zu ziehen. Auf den Menschen bezogen wurde das Wort „Joch“ oft auch im Sinn von „Kreuz tragen“ verwandt.

Wenn wir annehmen, was der Herr uns aufgibt – also ein unabwendbares Schicksal –, werden wir Ruhe finden für unsere Seele. In ganz besonderer Weise lädt Jesus all die Menschen ein, zu ihm zu kommen, die ein schweres Schicksal zu tragen haben. Er verspricht ihnen Entlastung und innere Ruhe. Ja, in jeder Not, aber auch generell in jedem Augenblick unseres Lebens dürfen wir zu ihm kommen. An diese Einladung sollten wir uns immer erinnern – in guten und in schlechten Tagen. Wenn es uns gut geht und wir mit vielem beschäftigt sind, vergessen wir ihn allzu leicht; und in schlechten Tagen, wenn uns etwas belastet oder uns eine Pflicht ruft, die unser Planen durchkreuzt, sind wir teilweise so gefordert und besetzt, dass Jesus und sein liebendes Entgegenkommen uns nicht gegenwärtig ist.

Dieser wunderbaren und entlastenden Zusage Jesu sollten wir uns immer bewusst sein, besonders wenn wir an einen Punkt in unserem Leben gekommen sind, an dem wir nicht mehr weiterwissen. Jesus Christus weiß um unsere Not. Um uns zu helfen und den Weg neu mit uns zu gehen, ist er vom Vater gesandt und in die Welt gekommen. Er verspricht uns: Ich werde euch Ruhe verschaffen, ich werde euch ausruhen lassen von allem Schweren, das ihr zurzeit durchmachen und ertragen müsst.

Gerade dann, wenn wir uns am Ende unserer Kraft fühlen, keine Lösung für ein brennendes Problem wissen oder uns eine schwere Last zu Boden drückt, sollten wir Vertrauen haben, aufschauen und um Gottes helfende Gnade bitten. Die göttliche Ruhe und Gelassenheit wie auch die Kraft zum Weitergehen wird Jesus Christus uns schenken, wenn wir uns bittend an ihn wenden. Die größten Kraftquellen, aus denen wir immer wieder seine Gnade empfangen dürfen, sind die heilige Eucharistie und das Ruhegebet. Doch hilft er uns auch mit unsichtbaren Gnaden gerade da, wo wir am wenigsten damit rechnen. Er möchte uns zu sich ziehen, um uns teilhaben zu lassen an seinem göttlichen und ewigen Leben. Jesus sehnt sich danach, dass wir uns nicht nur in unserer Not und Bedrängnis an ihn wenden, sondern uns immer ihm anvertrauen. Wir dürfen dann der Erfahrung sicher sein, dass wir Ruhe für unsere Seele finden und sich das vielleicht schwere Joch, das wir tragen müssen, in ein leichteres verwandelt.

Durch das Ruhegebet lernen wir zu lieben, zu vergeben und zu verzeihen; wir lassen uns in den Willen und die Liebe Gottes hineinfallen und werden durch Christus und in Christus und mit Christus reif für den Himmel und für Gott, in den hinein wir verwandelt werden (S. 162-164).

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 8/9 August/September 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)


[1] Peter Dyckhoff: Das Ruhegebet im Alltag, Herder 2017, geb., Schutzumschlag, 13 x 21 cm, 320 S., 20,00 Euro (D), 20,60 Euro (A), ISBN 978-3-451-31145-1, E-Mail: presse@herder.de

2. Europäisches Pro-Life-Forum am 27. Mai 2017 in Budapest

Wir können einen Wandel herbeiführen

Ende Mai fand in Budapest das 2. Europäische Pro-Life-Forum mit über 600 Repräsentanten verschiedener Lebensrechtsbewegungen aus ganz Europa statt. Kristijan Aufiero (geb. 1969) hielt eine vielbeachtete Rede zum Thema: „Was heißt es, ‚pro life‘ zu sein?“ Er brachte seine Überzeugung zum Ausdruck, dass wir hinsichtlich der Abtreibung auch in Europa einen Wandel herbeiführen können. Entscheidend sei es, Frauen in Not wirklich unter die Arme zu greifen. Er spricht sich für eine „radikale Solidarität“ mit Schwangeren in Konfliktsituationen aus. Die Erfahrung zeige, dass sich dadurch unzählige Abtreibungen verhindern ließen. Wir dürften uns von diesem Engagement auch dann nicht abbringen lassen, wenn wir dafür als „Radikale“ und „Fundamentalisten“ verfolgt würden. Aufiero ist Politikwissenschaftler und Vater von zwei Kindern. Als Vorsitzender der Beratungs- und Frauenhilfsorganisation Pro Femina e.V. hat er 2009 das Projekt 1000plus ins Leben gerufen. Nachfolgend eine deutsche Übersetzung seiner auf Englisch gehaltenen Rede.

Von Kristijan Aufiero

Ohne jeden Zweifel befinden wir uns derzeit in schwierigen Zeiten im guten, alten Europa. Repressive Ideologien, undemokratische Intoleranz und eine beängstigende Gottvergessenheit bedrohen die Zukunft unserer überlieferten Kultur.

Abtreibung: Die Wunde in den Herzen unserer Völker

Um es ganz offen zu sagen: Nichts kann die Lücke schließen, die Millionen von Abtreibungen in den letzten Jahrzehnten in die Herzen unserer Völker gerissen haben und noch jeden Tag aufs Neue reißen. Keine Worte können beschreiben, welch verheerende Folgen dies für unsere Gesellschaft hat. Und keine größere Schuld lastet auf unseren Schultern als der Tod von Millionen ungeborenen Kindern, denen wir das Leben verwehrt haben.

Aber – und ich bitte Sie heute, dies niemals zu vergessen: Es gibt nichts Europäischeres als die Überwindung himmelschreiender Ungerechtigkeit, als die Besinnung auf unsere wahren Wurzeln und den Wiederaufbau unserer Kultur auf den Trümmern ideologischen Irrsinns, des Totalitarismus und der Unterdrückung!

Mein persönlicher Weg als Europäer

Heute stehe ich vor Ihnen als wirklicher Europäer: Sohn eines italienischen Vaters und einer kroatischen Mutter, die in den späten 60ern nach Deutschland kamen, auf der Suche nach Arbeit und einer besseren Zukunft. Mein Vater war 20 und meine Mutter gerade erst 19 Jahre alt, als sie mit mir schwanger war. Ein bescheidenes Einkommen, eine Menge Überstunden und Entbehrungen bestimmten ihr Leben als junge Familie. Deshalb verbrachte ich die meiste Zeit mit meinen Großeltern, bevor ich ins Schulalter kam. Also wuchs ich in Deutschland, in Italien und in Kroatien auf. Ich ging in verschiedenen Ländern zur Schule, studierte in München und ging als Erasmus-Student nach Siena in Italien. Auf diese Weise habe ich eine Menge darüber lernen können, was uns als Europäer gemeinsam auszeichnet – auch wenn wir unterschiedliche Sprachen sprechen.

Die Werte unserer Kultur in Europa

Ich habe gelernt, dass es unveräußerliche Wahrheiten, Werte und Überzeugungen gibt, die unsere Kultur konstituieren: die Unantastbarkeit des Rechts auf Leben; eine Rechtsstaatlichkeit, die auf dem Fundament des Naturrechts steht; und subsidiäre Solidarität mit den Schwächsten und mit jedem einzelnen Mitglied unserer Gesellschaft, das unserer Unterstützung bedarf.

Wir sind heute nicht nur dazu aufgerufen, uns an diese Wahrheiten zu erinnern, sondern vor allem dazu, unsere Werte und Überzeugungen zu erneuern. Und zu bezeugen, dass es keine größere Ungerechtigkeit, keine schmerzvollere Wunde und keine größere Herausforderung gibt als die Tatsache, dass Millionen Frauen Jahr für Jahr keinen anderen Ausweg für sich sehen als die Abtreibung ihres Kindes.

Wo das Leben angegriffen wird

Um es klar zu sagen: Wenn ein junges Paar keine Wohnung bekommt, weil sie zwei kleine Kinder haben und ihr drittes Kind erwarten – das beeinträchtigt meine Lebensqualität und verletzt meinen Gerechtigkeitssinn, auch wenn es nicht meine Kinder sind.

Wenn eine alleinerziehende Mutter keine Arbeit findet, weil sie erneut schwanger ist und um 17 Uhr Feierabend machen muss, um ihr Kind vom Kindergarten abzuholen – das macht mein Leben arm, auch wenn es nicht mein Enkelkind ist.

Wenn ein 19-jähriges Mädchen sagt, dass sie sich für eine Abtreibung entscheiden muss, weil ihr Freund sie bedroht und bedrängt – das verletzt auch meine Menschenwürde!

Verurteilt von den Ideologen

Während wir im Rahmen unserer Arbeit und unseres Einsatzes alles dafür tun, um unseren Dienst an Frauen und Familien im Schwangerschaftskonflikt zu leisten, gibt es viele Leute da draußen, die uns „Radikale“, „Fundamentalisten“ und noch Schlimmeres heißen.

Sie verurteilen uns, weil wir uns um das 17-jährige Mädchen in Amsterdam kümmern, der man sagt, sie würde ihre Zukunft zerstören, wenn sie ihr Kind zur Welt bringt. Oder um die alleinerziehende Mutter in Paris, die nicht weiß, wie sie ein normales Leben führen soll, wenn sie sich dafür entscheidet, ihr zweites Baby leben zu lassen. Wir werden verurteilt, weil wir uns um den jungen Familienvater mit drei kleinen Kindern in Madrid sorgen, der zwei Jobs hat und es mit der Angst zu tun bekommt, weil seine Frau erneut schwanger ist und sie sich kein weiteres Kind leisten können.

Ideologen verurteilen uns, weil wir wirklich davon überzeugt sind, dass das Leben IMMER die bessere Wahl ist – nicht Abtreibung. Sie verurteilen uns, weil wir sie je-den Tag daran erinnern: Wer sagt, eine Abtreibung sei der einfache Weg aus einem Schwangerschaftskonflikt, ist nicht ehrlich zu diesen Frauen und Familien!

Helden der Barmherzigkeit

Aber: Was auch immer manche Menschen sagen und was immer sie uns heißen mögen, bitte lassen Sie mich sagen, was ich sehe, wenn ich hier ins Publikum blicke: Ich sehe eine große Menge von Helden, die für die Idee einer gerechten Gesellschaft, einer freien Gesellschaft und einer solidarischen Gesellschaft aufstehen und kämpfen; für eine Gesellschaft, die sich um schwangere Frauen und ihre Familien kümmert und ihnen einen Ausweg aus der furchtbarsten Krise ihres Lebens aufzeigt.

Für mich sind Sie wahre Helden der Barmherzigkeit. Und Sie tun all dies und wir tun das alles gemeinsam, weil wir FÜR DAS LEBEN sind!

Ja, wir glauben daran, dass die Menschenwürde unantastbar ist und dass alle staatliche Gewalt sicherstellen muss, dass geborene und ungeborene Babys das gleiche Recht auf Leben haben. Deshalb sind wir „pro life“!

Ja, wir glauben daran, dass sich Dinge zum Besseren wenden können. Deswegen bestärken wir schwangere Frauen darin, mutige Entscheidungen zu treffen, auch wenn eine andere Wahl zunächst einfacher erscheint. Wir helfen dabei, die Entscheidungen zu treffen, auf die diese Frauen für den Rest ihres Lebens stolz sein können! Das ist es, was es heißt, „pro life“ zu sein!

Und ja, wir sind davon überzeugt, dass Liebe und Hoffnung Angst und Verzweiflung überwinden können. Wir sind davon überzeugt, dass wir mit objektiven Informationen, ehrlicher Beratung und konkreter Hilfe für jede Schwangere in Europa eine bessere Alternative als Abtreibung bieten können! Und wir glauben das, weil wir für das Leben sind!

Millionenfach Mut zum Leben machen

Und bitte – seien Sie gewiss: Künftige Generationen werden uns nicht an der Größe unserer Wirtschaft oder am Umfang unseres Wohlstandes messen, noch an der Zahl der christlichen Prinzipien, die wir infrage gestellt haben, oder daran, wie viele unserer Werte wir über Bord geworfen haben!

Sie werden uns fragen, was wir aufgebaut, nicht wie viel wir zerstört haben. Sie werden uns fragen, wie sehr wir geliebt haben und wie aufrichtig diese Liebe war, wenn zur gleichen Zeit Millionen Babys nicht leben durften, weil wir ihre Mütter und Väter im Stich gelassen haben.

Hier und heute glaube und hoffe ich fest, dass unsere Bewegungen Millionen Menschen Mut machen können und wir stark genug sind, um unsere Länder in eine Zukunft zu führen, in der sich keine einzige Schwangere mehr gezwungen sieht, abtreiben zu müssen. Eine Zukunft, in der jeder, der sein Herz am rechten Fleck hat, verstehen wird, dass das Massenphänomen der Abtreibung in Wirklichkeit ein Phänomen der massenhaft unterlassenen Hilfeleistung gegenüber Frauen in Not ist!

Für eine radikale und fundamentale Solidarität mit ungewollt Schwangeren

Deshalb werden wir auch weiterhin radikal und fundamental solidarisch mit Frauen im Schwangerschaftskonflikt bleiben: Denn echte Barmherzigkeit in allem, was wir tun, mit allem, was wir sagen, und mit jedem unserer Gedanken – das ist der Weg, der zu einem Ja zum Leben führt.

Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Aufmerksamkeit! Danke für alles, was Sie dafür tun, dass die Herzen von Frauen im Schwangerschaftskonflikt unversehrt und ihre ungeborenen Kinder am Leben bleiben! Gott schütze Sie alle und Gott schütze die Menschen dieses wunderbaren Kontinents!

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 8/9 August/September 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)

„Kirche in Not“ zum Tod von Joachim Kardinal Meisner:

„Einen Fürsprecher auf Erden verloren, aber einen im Himmel gewonnen“

Dem Nachruf von Karin Maria Fenbert, Geschäftsführerin von „Kirche in Not“ Deutschland, zum Tod von Joachim Kardinal Meisner am 5. Juli 2017 sollen Worte aus seinem Geistlichen Testament vom 25. März 2011 vorangestellt werden: „Das ist meine letzte Bitte an Sie alle um Ihres Heiles willen: Stehen Sie zu unserem Heiligen Vater. Er ist der Petrus von heute. Folgen Sie seiner Wegweisung. Hören Sie auf sein Wort. Petrus will nichts für sich, sondern alles für den Herrn und für seine Schwestern und Brüder. Sie wissen alle, die Spanne meines Lebens umfasste drei gesellschaftliche Systeme: das zwölfjährige Hitlerreich, die vierundvierzigjährige Herrschaft des Kommunismus und schon jetzt über zwanzig Jahre die freiheitliche Demokratie. In allen drei Lebensepochen hat mir der Dienst des Papstes immer Orientierung, Ermutigung und Beistand geschenkt. Haltet immer zum Papst, und ihr werdet Christus nie verlieren!“

Von Karin Maria Fenbert

Die Päpstliche Stiftung „Kirche in Not“ hat der Tod Joachim Kardinal Meisners tief getroffen. Wir trauern um einen hochgeschätzten Freund unseres Werkes.

Kardinal Meisner verband eine lebenslange und intensive Freundschaft mit dem Gründer von „Kirche in Not“, Pater Werenfried van Straaten OPraem. Beiden war die Sorge um die verfolgte und notleidende Kirche hinter dem Eisernen Vorhang und weltweit ein Herzensanliegen. Beide verband die Treue und Liebe zum Papst, insbesondere zum heiligen Johannes Paul II. Mit ihm arbeiteten sie intensiv zusammen – verschieden in der Position, geeint in der Mission. Beide verband die Liebe zur Wahrheit des Evangeliums und zum klaren, eindeutigen Wort. Daran nahmen die einen Anstoß, den anderen gab es Orientierung im Meer der Meinungen und Parolen. Auch deshalb wird uns Kardinal Meisner sehr fehlen, gerade jetzt.

Als gebürtiger Schlesier teilte Kardinal Meisner das Los von Millionen heimatvertriebenen Deutschen. Ein Los, das unseren Gründer Pater Werenfried vor genau 70 Jahren bewog, mit einer gigantischen Hilfsaktion den leiblichen wie geistlichen Hunger der Entwurzelten zu stillen. Einer von ihnen war Joachim Meisner, wie er selbst wiederholt erzählte: Als 14-Jähriger hörte er in der thüringischen Diaspora zum ersten Mal vom „Speckpater“ Werenfried van Straaten. Die Unterstützung eines Niederländers für die ehemaligen deutschen Feinde nach dem noch nicht vernarbten Krieg rührte ihn derart, dass er das Foto des Gründers von „Kirche in Not“ ausschnitt und an die Wand seines kärglichen Mansardenzimmers hing, neben das der Bischöfe Alojzije Stepinac und József Mindszenty – beide Märtyrer der kommunistischen Kirchenverfolgung hinter dem Eisernen Vorhang. In der Rückschau bekannte Meisner einmal: „Das großartige Werk ,Kirche in Not‘ ist nicht zuerst unter die großen Hilfswerke der katholischen Kirche in Europa zu zählen, sondern es gehört zu den geistlichen Bewegungen, die in der Kirche nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges aufgebrochen sind.“

Als aus dem jungen Heimatvertrieben Meisner ein Priester und Bischof in der Diktatur der DDR geworden war, sind er und der „Speckpater“ sich häufig begegnet. Gemeinsam versuchten sie der verfolgten Kirche im Kommunismus und in vielen anderen Regionen der Welt zu helfen – so diskret wie möglich, aber so konkret wie nötig.

Als Mauer und Stacheldraht fielen, war Kardinal Meisner bereits Erzbischof von Köln. Über die Freude an der wiedergewonnenen Freiheit mischte sich die Sorge um Gottesvergessenheit, moralische Beliebigkeit und einen menschenvergessenen Materialismus. Diese Einsicht, zusammen mit der Sorge um die Neuevangelisierung Europas, war ein weiteres einigendes Band zwischen Kardinal Meisner, Papst Johannes Paul II. und dem Gründer unseres Werkes. Dieses Band übersteht den Tod. Als Pater Werenfried im Jahr 2003 starb, war es Kardinal Meisner, der unserem Werk wertvolle Impulse gab, um das Charisma des Ursprungs weiterzutragen.

So zelebrierte der Erzbischof in seiner Kölner Kathedrale Jahr für Jahr bis zu seiner Emeritierung 2014 einen Gedenkgottesdienst für den Gründer von „Kirche in Not“ und erinnerte die anwesenden Wohltäter in mitreißenden Predigten an das Erbe Pater Werenfrieds. In einer dieser Predigten sagte er: „Gottes Werkzeuge sind oft arm und verachtet. Kaum jemand kennt ihren Namen. Aber sie wirken große Dinge, wenn sie glauben. Wir sind mit der Gnade Gottes einem solchen Giganten des Reiches Gottes in Pater Werenfried auf die Spur gekommen.“ Nun dürfen wir auch von Kardinal Meisner sagen: Ein ganz Großer der Kirche in Deutschland und weit darüber hinaus ist heimgekehrt in das Vaterhaus.

Ein gern gesehener, regelmäßiger Teilnehmer war Kardinal Meisner auch bei den Kongressen „Treffpunkt Weltkirche“, die „Kirche in Not“ seit 2004 veranstaltet. Seine klare Analyse der Zeichen der Zeit, seine unverkürzte, lehramtstreue Verkündigung und seine zugewandte, offene Art haben ihn dort wie auch bei anderen Gelegenheiten die Herzen vieler Menschen gewinnen lassen.

2016 war Kardinal Meisner zum letzten Mal bei „Kirche in Not“ zu Gast. Auf einem Begegnungstag in Köln sprach er über die Bedeutung der Marienerscheinungen von Fatima für den Fall der Mauer – auch dies ein Thema, dass ihn als ehemaligen Bischof des geteilten Berlin mit dem Papst aus Polen und dem „Speckpater“ aus den Niederlanden verband. Dass er jetzt im Fatima-Jahr verstorben ist, sei ihm persönliche Erfüllung der Verheißung, der er ein Leben lang geglaubt hat.

Joachim Kardinal Meisner hatte sich nach dem Tode unseres Gründers einen Kugelschreiber als „Erbstück“ erbeten. Mit ihm hatte er „Kirche in Not“ ins Stammbuch geschrieben: „Werden Sie keine Behörde, die das Geld der Geber für die Nehmer nur verwaltet, sondern bleiben Sie eine Bewegung, die Menschen in die Nähe Gottes ruft und damit auch in die Nähe zu den anderen. Für jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter darf nicht die Spaltung ihres Lebens in privat und öffentlich anstehen, wie das sogar auch Politiker in christlichen Parteien für sich in Anspruch nehmen. … Das christliche Menschenbild kennt keine derartige Differenzierung.“

Diesem Erbe wissen wir uns verpflichtet. Mit Joachim Kardinal Meisner haben wir einen großen irdischen Fürsprecher verloren, aber einen Fürsprecher im Himmel gewonnen. Wir werden seiner im Gebet und bei der Feier der heiligen Messe gedenken. Der „treue Knecht“ (vgl. Mt 25,23) möge teilhaben an der nie endenden Freude Seines Herrn!  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 8/9 August/September 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)

Fahrt zum Grab des Einheitskanzlers Helmut Kohl

Ein Gigant Europas

P. Notker Hiegl OSB vom Benediktinerkloster Beuron fühlt sich in vielfacher Hinsicht mit Altbundeskanzler Dr. Helmut Kohl verbunden. Zum einen hat P. Hiegl Jahrzehnte lang durch Einkehrtage für Politiker daran mitgewirkt, christliche Werte in die Gesellschaft hinein zu vermitteln. Zum anderen liegt ihm die Europa-Idee am Herzen, für die er sich im Rahmen der Gebetsgemeinschaft „Maria – Mutter Europas“ engagiert. Vier Tage nach der Beerdigung Kohls fuhr P. Hiegl selbst nach Speyer, um den Kaiserdom und das Grab „des Einheitskanzlers und großen Europäers Dr. Helmut Kohl“ zu besuchen. Sein Bericht spiegelt die große Hochachtung wider, die er für Helmut Kohl hegt.

Von P. Notker Hiegl OSB

Trauerfeierlichkeiten wie am Samstag, den 1. Juli 2017, für den verstorbenen Altkanzler Dr. Helmut Kohl haben Deutschland und Europa noch nie erlebt. Er war am 16. Juni im 88. Lebensjahr in seinem Haus in Ludwigshafen-Oggersheim gestorben. Mit dem ersten europäischen Trauerakt in der französischen Stadt Straßburg, einem Trauerzug durch seine Heimatstadt Ludwigshafen und einem Requiem im Kaiserdom von Speyer nahmen unzählige Menschen von ihm Abschied, darunter Spitzenpolitiker aus aller Welt wie Angela Merkel, Bill Clinton, Emmanuel Macron, Dimitrij Medwedew und Felipe Gonzales.

Ich habe noch die Beerdigung von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer – 1967 – in Erinnerung. Sie war ebenfalls eine gewaltige Demonstration internationaler Verehrung für den ersten deutschen Kanzler. Doch die Trauerfeierlichkeit für Kohl übertraf alles Bisherige. Einen ganzen Tag wurden die Verdienste des Kanzlers um die deutsche Wiedervereinigung und die Einheit Europas gewürdigt. Im Europa-Parlament in Straßburg versammelten sich amtierende und frühere Staats- und Regierungschefs, um Kohl die letzte Ehre zu erweisen. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der die Feierlichkeiten inspiriert hatte, würdigte den Verstorbenen als „Nachkriegs-Giganten“ und „kontinentales Monument“. Die ganze Feier war wie ein geistiger Triumphbogen für diesen europäischen Giganten, den „Pater patriae“, den Vater des Vaterlandes, den Vater der deutschen Einheit, den „Ehrenbürger Europas“.

Im geschichtsträchtigen Dom zu Speyer

Noch in der Oktav seines Beerdigungstages wollte ich sein Grab in Speyer besuchen. Am Mittwoch, den 5. Juli, machten wir uns auf den Weg. Nachdem wir die Rheinbrücke überquert hatten, strahlte der mächtige Dom über der Rheinebene auf. Er ist einfach überwältigend. Der weite Domplatz gibt den Blick frei auf die Fassade des größten romanischen Doms der Welt (Bauzeit ca. 1030-1124). Kulturgeschichtlich verkörpert er die Idee des mittelalterlichen Kaisertums. Kunst, Geschichte und katholischer Glauben bilden eine untrennbare Einheit. Der Besucher kommt vom Westen her und schreitet durch den Dom nach Osten, um zu Christus, dem aufgehenden Licht, zu gelangen. Ex oriente lux – aus dem Osten kommt das Licht. Und schon hier, bevor wir durch das riesige, moderne Bronze-Portal in den Dom hineinschreiten, finden wir das erste Zeichen, das uns auf das erst vier Tage zurückliegende Ereignis verweist, eine im Fußboden eingelassene Steinplatte mit dem Text: „In Würdigung der Verdienste von Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl um den Dom zu Speyer als Sinnbild für die christlichen Wurzeln eines geeinten Europas. In Dankbarkeit. Das Domkapitel.“

Beim Gang durch das Mittelschiff mit seinen zwölf Bögen, welche das Fundament der Kirche durch die zwölf Apostel symbolisieren, sahen wir die romanische Baukunst in ihrer vollen Blüte. Sechs große Gewölbe bilden das Mittelschiff, sie stehen gleichsam für die Abfolge der sechs Tage der Schöpfung für die irdische Zeit. Vor vier Tagen wurde hier das gewaltige Requiem für Helmut Kohl gehalten.

Kondolenzbuch für Helmut Kohl

In der Vierung wandten wir uns ins rechte Seitenschiff des Doms, in dem das Kondolenzbuch für den verstorbenen Bundeskanzler auflag. Schlangen von Menschen standen davor. Ein Bild des Verstorbenen stand auf einem einfachen Tischchen mit brennender Kerze neben dem Schreibpult. Hunderte von Verehrern hatten sich schon eingetragen, in großer Hochachtung und Reverenz. Neben einem kleinen Zierkreuz schrieb ich meinen Dank: „Du warst ein ganz Großer, für Deutschland, für Europa, für die katholische Kirche.“

Schon zu seiner Lebenszeit hatte ich mich bei ihm für seinen Dienst für unser Vaterland bedankt mit dem Hinweis, dass in der früheren DDR jetzt wirklich „blühende Landschaften“ zu sehen und zu erfahren seien: Jeder kann hinreisen wohin er will, er kann seine Meinung frei sagen, er kann eine Partei gründen, wenn es ihm danach ist, und hundert andere „Blüten“. Natürlich ist der Frühling, in dem es blüht, noch nicht der Herbst, in dem geerntet werden kann. Aber Frucht ist angesetzt. Helmut Kohl antwortete mir damals: „Ihr Brief gehört in allen Schulbüchern der Gymnasial-Oberklassen dokumentarisch festgehalten.“

Nach diesem mir wichtigen Eintrag des Dankes und der Hochachtung ins Kondolenzbuch durchschritten wir betend nochmals den ganzen Dom, der im Grundriss ein gewaltiges Kreuz darstellt. Das Kreuz ist Marterwerkzeug und zugleich Zeichen der Auferstehung und des Segens. Verweisen die sechs Gewölbekuppen im Mittelschiff auf die sechs Schöpfungstage, so öffnet sich über der Vierung gleichsam der Himmel in einer großen Kuppel. Der siebte Tag der Schöpfung: Und Gott schuf die Ruhe! Für uns Christen ist der Sonntag der Tag der Ruhe, der Tag der Auferstehung als Vollendung der gesamten Schöpfung und Vollendung des Heils in Jesus Christus. Daher steht auch der Altar zentriert in dieser monumentalen Vierung. Rechts davon geht es zu den Kaisergräbern in der Krypta.

Die Botschaft der Kaisergräber

Die Krypta ist der älteste Teil des Doms, das Fundament, auf dem der Gesamtbau ruht. Sie ist die größte romanische Hallenkrypta überhaupt. Insgesamt hat sie eine Breite von 35 Metern und eine Länge von 46 Metern. Die Höhe des Gewölbes beträgt sieben Meter – für eine Unterkirche ein gewaltiges Maß. 1041 wurde die Krypta geweiht. Der wunderbare Rhythmus der Pfeiler und Säulen mit ihren rot-weißen Steinen wie auch das mystisch gedämpfte Licht laden den Besucher zum Stillwerden und Gebet ein. Von der Krypta aus gingen wir zu den Gräbern der Kaiser und Kaiserinnen aus dem Geschlecht der Salier sowie der Könige der Habsburger, Staufer und Nassauer. Der Wunsch, im Dom bestattet zu werden, war Ausdruck der festen Überzeugung, dass die Kaiser im Namen und Auftrag Jesu Christi ihr Amt wahrnahmen. Im Jahr 1024 sagte z.B. der Erzbischof von Mainz bei der Krönung von Konrad II. zum deutschen König: „Du bist der Stellvertreter Christi auf Erden.“ Und in der Kaiserkrone waren die biblischen Worte der Weisheit eingraviert: „Durch mich regieren die Könige der Erde“ (Spr 8,15). Die Kaisergräber erinnern an den tiefen Ernst, mit dem diese Herrscher ihre Macht ausübten. Sie wussten sich nicht nur von Menschen, sondern von Gott in die Verantwortung genommen. Irdische Machtausübung ist nur von Segen, wenn sie an Gott und seinen Geboten Maß nimmt. Das ist die Botschaft, die von den Gräbern ausgeht. Und über diesen Gräbern stand der Sarg des katholischen deutschen Bundeskanzlers Dr. Helmut Kohl.

Bestattung in Einfachheit

Nach dem Requiem im Dom wurde der Sarg des Bundeskanzlers zu dem etwa einen Kilometer weit entfernten Dr.-Konrad-Adenauer-Park gefahren und in der sog. „Prälatenecke“ beigesetzt. Die Erdbestattung fand im engsten Familien- und Bekanntenkreis statt. Die würdige Stätte zierte bei meinem Dortsein, vier Tage nach der Beerdigung, auf dem flach gestalteten Grabhügel der Kranz seiner zweiten Frau, Maike Richter-Kohl, ein Gebinde mit wohl an die 1000 roten Rosen. Die weiße Schleife trägt die einfachen, ergreifenden Worte: „In Liebe, Deine Maike.“ Die Stirnseite ist mit einem einfachen, robusten Holzkreuz geschmückt, auf dem lediglich der Name des Kanzlers und seine Lebensdaten stehen. Rechts und links der Grabeinfriedung sind die Kränze der Mittrauernden aufgestellt, angefangen von Bundeskanzlerin Angela Merkel bis hin zu den großen Staatsmännern Europas, ja der ganzen Welt. Mag die momentane Spannung in der Familie Kohl ob der Trauerfeierlichkeiten irritiert haben, die Größe des Einheitskanzlers für Deutschland und Europa wurde dadurch nicht essentiell berührt. Nachdem ich mein Gebet für Helmut Kohl, auch für seine erste Frau Hannelore sowie für seine beiden Söhne Walter und Peter, beendet hatte, legte ich ihm noch einen kleinen Blumenstrauß vom Kloster Engelthal zu Füßen. Ich denke, dass er eines Tages im Dom zu Speyer, vielleicht im Atrium, seine letzte Grabstätte finden wird.

R.I.P. Er ruhe am Herzen Gottes!

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 8/9 August/September 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)

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