Hans-Eduard Hengstenberg zur Verehrung des Herzens Mariens

Was besagt die Botschaft von Fatima?

In ihrem Beitrag fassen Dorothea und Wolfgang Koch die Bedeutung der Marienerscheinungen von Fatima zusammen. Sie bringen ein Büchlein in Erinnerung, das der weltbekannte Philosoph und Konvertit Hans-Eduard Hengstenberg 1948 verfasst hat. Indem sie sich an seinen Gedanken orientieren, zeigen sie die umfassende Dimension der Ereignisse von Fatima auf. Die Gottesmutter hat dort der Welt, die sich auf beängstigende Weise dem Abgrund nähert, einen Weg der Rettung angeboten. Angesichts einer „diabolischen Gender-Ideologie“ und einem bereits einsetzenden „schrecklichen Dritten Weltkrieg“, wie sich Papst Franziskus ausdrückt, ist die Botschaft aktueller denn je. So wird der Papst am 13. Mai 2017, dem 100. Jahrestag der ersten Erscheinung Mariens in Fatima, selbst den Ort des Geschehens besuchen und die beiden Seherkinder Jacinta und Francisco heiligsprechen.

Von Dorothea und Wolfgang Koch

Maria offenbart in Fatima ihr Unbeflecktes Herz als Zuflucht und Weg zu Gott. Zugleich sie gibt alle Mittel, um auch heute zu bestehen, die Welt zu retten, unser ewiges Ziel zu erreichen. Ihre Botschaft ist aktueller denn je im entfesselten „Kreislauf des Todes und des Schreckens“, von dem Papst Benedikt am 13. Mai 2010 in Fatima spricht.[1]

Einladung zur Sühne für alle Sünden

„Wollt ihr euch Gott darbieten, um alle Leiden zu ertragen, die Er euch schicken wird, zur Sühne für alle Sünden, durch die er beleidigt wird und als Bitte um die Bekehrung der Sünder?“, fragt Maria die Hirtenkinder am 13. Mai 1917. Als Jacinta, Francisco und Lucia zustimmen, öffnet Maria ihre Hände und hüllt sie in ein Licht, in dem sie sich selbst in Gott schauen, die Heiligste Dreifaltigkeit anbeten und bekennen: „Mein Gott, mein Gott, ich liebe Dich im heiligsten Sakrament.“ Bevor Maria „sich ruhig erhob, in Richtung des Sonnenaufgangs aufstieg und in der Unendlichkeit der Ferne verschwand“, bittet sie, täglich den Rosenkranz zu beten. „Das Licht, das sie umgab, schien einen Weg durch die Himmelswölbung zu öffnen“, beschreibt Lucia.[2]

Himmel, Fegefeuer und Hölle

„Ich bin vom Himmel“, lautet Mariens erste Auskunft in Fatima, ein erschütternder Nachklang jenes „Ehe Abraham ward, bin ich“ ihres Sohnes und der Lesung am Fest ihrer Unbefleckten Empfängnis: „Der Herr besaß mich im Anfang Seiner Wege“. An dieser Auskunft zerschellt jeder Naturalismus, die Wurzel aller Sozialismen, Faschismen und Liberalismen der Moderne. Mariens „Ich bin vom Himmel“ antwortet heute insbes. auf den Trans- und Posthumanismus, die Vorstellung, durch „künstliche Intelligenz“ Wesen zu schaffen, die dem Menschen gleichen, ja überlegen sind. In dunkler Pseudoreligiosität will der gottlos gewordene Mensch selbst Schöpfer werden, ja sich „Götter“ schaffen.[3]

Auch sie kämen in den Himmel, verspricht Maria den Kindern; eine ihrer Freundinnen sei schon dort, eine andere noch nicht: „Sie bleibt bis zum Ende der Welt im Fegefeuer“. Gerade uns erinnert Maria schockierend an heute verdrängte Realitäten und stellt die letzten Dinge an den Anfang ihrer Pädagogik. Am 13. Juli wird Maria den 7- bis 10jährigen Kindern die endgültigen Schrecken der Hölle zeigen und vor schrecklichen Gefahren warnen. „Um das zu verhüten“, kündigt sie an, „werde ich kommen, um die Weihe Russlands an mein Unbeflecktes Herz und die Sühnekommunion an den ersten Samstagen zu fordern“. Dies geschieht am 10. Dezember 1925 und am 13. Juni 1929.[4]

Die Irrlehren Russlands und der Geist unserer Zeit

Die „Irrlehren Russlands“, vor denen Maria warnt, betreffen das Menschenbild. Schon in Lenins Zürich, aus dem er am 19. April 1917 aufbricht, um die Oktoberrevolution zu entfesseln, gab es die Genderrollenvertauschung und die Deutung des Menschen als Maschine.[5] Für Joseph Ratzinger ist der Marxismus nur eine radikale Form der „Verknüpfung von Fortschrittsglauben, verabsolutierter wissenschaftlich-technischer Zivilisation und politischem Messianismus“. Jene seltsame Trinität wolle den Gottesbegriff ersetzen. Mariens Heilmittel antworten so auf den „systematischen Ausschluss des Göttlichen aus der Gestaltung von Geschichte und Menschenleben“, den Ratzinger analysiert.[6]

Was besagt der für Fatima so zentrale Begriff Unbeflecktes Herz Mariens? Was heißt hier Herz? Und was ist eine Weihe an dieses Herz?

Hengstenberg deutet die Weihe an das Herz Mariens

Hans-Eduard Hengstenberg, Philosoph und Konvertit, verfasst 1948 ein von Fatima geprägtes Büchlein über die Marienverehrung, das nichts von seiner männlichen Kraft verloren hat: „Ich erkannte, dass in der Botschaft von Fatima ein besonderer Weg gewiesen war, die moderne Massendämonie zu überwinden."[7] Für Robert Spaemann ist Hengstenberg „der Inbegriff eines von der Leidenschaft des Erkennens ergriffenen Mannes“. Als junger Mann führte er in seinem Vaterhaus lange Gespräche mit ihm. Hengstenbergs Denken sei bis heute in seinem Gewicht unterschätzt: „Er wird gelegentlich mit Dietrich von Hildebrand verglichen, dem er allerdings an Tiefe und Kraft überlegen ist“, erinnert sich Spaemann.[8]

Herz ist der Inbegriff aller seelisch-geistigen Kräfte, die in der individuellen Person zu einer einmaligen Gestalt und Ordnung verbunden sind“, erläutert Hengstenberg. Männer oder Frauen von Herz sind demnach Menschen, die alle Kräfte ihres Willens, Gemüt, Gefühle, Verstand in einer bewegten und gestalteten Ordnung halten. Wenn wir vom Herzen Mariens sprechen, leuchtet dieser Gedanke der Ordnung, des Richtigseins, besonders hell: „Maria aber ist der Kosmos, sofern er in Ordnung ist und nie in Unordnung war. Sie ist die geschöpfliche Ordnung selbst, in personaler Darstellung und Verdichtung. Ihr Herz ist der Ort, in welchem alle natürlichen und übernatürlichen Werte je und immer richtig geliebt, eingestuft und an Gott gebunden waren. Ihr Herz umfasst alle Dinge und Werte in der richtigen Ordnung, in ihm sind alle nach Seele und Geist umgriffen und erfasst, wie Gott es will zu seiner Ehre.“

Eine Weihe an dieses Herz bedeutet eine Besitzübereignung an diese Ordnung, an diesen Kosmos, der immer in Ordnung und nie in Unordnung war: „Eine Besitzübereignung mit dem Ziel, diese intakte Ordnung in der Welt auszubreiten und die Unordnung zu vernichten.“ Marienweihe besagt, „dass wir uns allen Antrieben, die die Gottesmutter an unseren freien Willen ergehen lässt, vorbehaltlos öffnen. Die Freiheit unseres Willens ist also bei all diesen Antrieben vorausgesetzt.“ Die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens sieht Hengstenberg in der Linie des Marienapostolats des heiligen Ludwig Maria Grignion de Montfort, der im Frankreich der jansenistischen Versuchungen wirkte.[9]

Die Geisteskämpfe in einer Welt vor dem Abgrund

„Wer glaubt, dass die prophetische Mission Fatimas beendet sei, der irrt sich“, predigt Benedikt am 13. Mai 2010 in Fatima. Am 13. Mai 2013 lässt Franziskus sein Pontifikat Unserer Lb. Frau von Fatima weihen und wird am 13. Mai 2017 persönlich zur Cova da Iria pilgern. Immer wieder spricht Franziskus vom Wirken des Teufels in einer zerbröckelten Welt, von der diabolischen Gender-Ideologie, von einem schrecklichen Dritten Weltkrieg, der schon begonnen habe. „Wir verlieren unsere Wurzeln – warum löst der gigantische Niedergang noch immer keinen Aufschrei aus?“ fragt beschwörend der Journalist Peter Seewald Bischof Stefan Oster zur Lage der Kirche. Wahrscheinlich sei es so etwas wie eine schleichende Betäubung, lautet die Antwort, etwas wie ein schleichendes Gift, das sich nach und nach ausbreite, ohne dass man es zunächst merke.

Wie sehr Geisteskämpfe selbst in Fatima toben, geht einem Pilger auf, der von der Rosenkranzbasilika über die Cova da Iria blickt. Hinter der Statue des Herzens Jesu, dem Ziel aller Marienfrömmigkeit, befremdet ihn weiß, flach und kreisrund die Trinitätsbasilika. Schroff herausragende Betonelemente lassen den größten Kirchenbau des 21. Jahrhunderts wie ein gestrandetes Raumschiff erscheinen, ein modernes Stonehenge. In abstrakten Formen aus rostigem Stahl ragt daneben das weltgrößte Kruzifix auf. Robert Schad, sein deutscher Schöpfer, erläutert: „Mein Kruzifix ist Teil eines internationalen ästhetischen Konzepts. … Die kirchlichen Auftraggeber in Fatima haben gewagt, mit dem Bau der monumentalen Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit und seinem Kruzifix dem Marienkult ein Gegengewicht entgegenzusetzen."[10]

Ein schaudererregendes Mysterium

Wer nach dem Fatima der Hirtenkinder sucht, findet es noch auf der Weide Valinhos, dem Erscheinungsort vom 19. August 1917, und bei der Felsengrotte Loca do Cabeço. Der Weg dorthin führt zunächst durch hässliche Straßen. Inmitten eines Kreisverkehrs am Stadtrand kommen dem Pilger lebendig gestaltete Skulpturen der Kinder entgegen, als ob sie mit ihren Schafen zur Cova da Iria zögen.

Über sanfte Hügelwellen und durch lichte Oliven- und Eichenhaine schlängelt sich von dort ein Kreuzweg und passiert eine berührende Marienstatue. Sie erinnert an den Wunsch Mariens: „Betet, betet viel und bringt Opfer für die Sünder, denn viele Seelen kommen in die Hölle, weil sich niemand für sie opfert und für sie betet.“ Mariens Begründung macht nachdenklich. Spricht nicht auch Pius XII. von einem „wahrhaft schaudererregenden Mysterium“, das man niemals genug betrachten könne, „dass nämlich das Heil vieler abhängig ist von den Gebeten und freiwilligen Bußübungen der Glieder des geheimnisvollen Leibes Jesu Christi“?[11]

Sühne „soll erstens Gott die verletzte Ehre wiedererstatten und zweitens dem, der diese Ehre verletzte, die verlorene Gerechtigkeit wiedererlangen“, erläutert Hengstenberg. Wirksam könne sie nur in Christus geleistet werden. „Der Sühnende nimmt die Last dort auf die eigene Schulter, wo sie dem Versagenden herabgeglitten war, und trägt die Last nun an Stelle des ersten dem ursprünglichen Ziele entgegen.“ In diesem Sinne ist Buße ein Grenzfall, Sühne für eigenes Versagen. Für uns gebe es keine Sühne (für andere), die nicht zugleich Buße (für eigene Sünden) ist.

Überwindung des Bösen und Aufbau einer neuen Ordnung

Hengstenberg sieht zwei Stufen der „notwendenden Sühne“. Die erste nennt er „Fersesein“ und bezieht sie auf die Verheißung: „Der Same des Weibes wird der Schlange den Kopf zertreten, und die Schlange wird ihn in die Ferse stechen.“ Ohne Opfer, Einbußen, Verluste im natürlichen Bereich, gebe es keinen Sieg: „Die Verletzung der Ferse ist geradezu Bedingung dafür, dass das Haupt der Schlange zertreten wird. Die größte Demut im niedrigsten Dienst, die Ausgeliefertheit und Verletztheit ist die Bedingung dafür, dass wir das Reich Gottes tragen und das Reich des Dämons vernichten. In diesem Fersesein stehen wir aber in einer unauslösbaren Beziehung zu Maria, denn die Ferse besteht nur, weil Feindschaft gesetzt ist zwischen Maria und dem Satan.“

Die zweite Stufe zielt auf den „positiven Aufbau neuer personaler Ordnungen, die auf einem neuen Verhältnis des Menschen zu Gott und den Heiligen und damit des Menschen zum Mitmenschen beruhen“. Dazu gehöre alles, was sich auf die soziale Neuordnung, den Besitz, die Verteilung der Verantwortung im personalistischen Sinne in Wirtschaft und Politik bezieht. „Und diese Ordnung wird uns in weitem und hervorragendem Maße sichtbar und gegenwärtig in Maria. Wir erkennen also die Weihe an ihr Unbeflecktes Herz als einen wesentlichen Bestandteil der positiven Sühne! Das Fersesein ist der Untergrund. Die Weihe erhebt sich darauf, als Hingabe an die Ordnung, die uns ermöglicht, ordnend in der Welt zu wirken.“

Gipfel der Anbetung Gottes im Altarssakrament

In der Nähe liegt Loca do Cabeço, der Ort der ersten und der dritten Engelserscheinung, die bereits 1916 die Botschaft von Fatima andeuten: Glaube, Hoffnung und Liebe, Anbetung des dreifaltigen Gottes und des Altarssakramentes, Sühne gegenüber dem Heiligsten Herzen Jesu und Unbefleckten Herzen Mariens sowie der Friede. Heute erinnern daran berührende Skulpturen der betenden Kinder und des jugendlichen Engels mit Kelch und Hostie, durch dessen Haar ein Windstoß fährt.

Hier habe der Engel in der linken Hand einen Kelch gehalten, erinnert sich Lucia: „Darüber schwebte eine Hostie, aus der einige Blutstropfen in den Kelch fielen. Der Engel ließ den Kelch in der Luft schweben, kniete sich zu uns nieder.“ Dreimal ließ er die Kinder das weltbekannte Gebet wiederholen: Heiligste Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist, in tiefer Ehrfurcht bete ich Dich an und opfere Dir auf den kostbaren Leib und das Blut, die Seele und die Gottheit Jesu Christi, gegenwärtig in allen Tabernakeln der Erde, zur Wiedergutmachung für alle Schmähungen, Sakrilegien und Gleichgültigkeiten, durch die Er selbst beleidigt wird. Durch die unendlichen Verdienste Seines Heiligsten Herzens und des Unbefleckten Herzens Mariens bitte ich Dich um die Bekehrung der armen Sünder. „Danach erhob er sich, ergriff den Kelch und die Hostie, reichte mir die heilige Hostie, und teilte das Blut im Kelch zwischen Jacinta und Francisco auf.“

Der Weg zum Triumph des Unbefleckten Herzens Mariens

Nutzen wir Mariens Heilmittel zu unserem Heile, zum Heil der Unseren, zum Heil der ganzen Welt, auf dass bald ihr Unbeflecktes Herz triumphiere! Weihen wir uns diesem Herzen, beten wir täglich das eine oder andere Rosenkranzgesätz! Und schenken wir Maria, wenn irgend möglich, die jeweils ersten Monatssamstage, indem wir beichten, die heilige Kommunion empfangen, einen Rosenkranz beten und Maria während einer Viertelstunde durch Betrachtung der 15 Rosenkranzgeheimnisse Gesellschaft leisten, um ihr dadurch Sühne zu leisten! Die Botschaft von Fatima stand nach ungeheuren Zerstörungen am Anfang einer völlig unerwartbaren neuen Chance für unser Land.[12] Warum sollte das Unbefleckte Herz Mariens nicht bald triumphieren, was auch immer zuvor noch geschehen mag? Eines ist sicher – es wird triumphieren!

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)


[1] Benedikt XVI. anlässlich seiner Apostolischen Reise nach Portugal (2010). Online: www.vatican.va
[2] Vierte Erinnerung, in: Schwester Lucia spricht über Fatima. Fatima 92007. Online: www.pastorinhos. com/_wp/wp-content/uploads/MemoriasI_de.pdf
[3] R. Kurzweil: Menschheit 2.0: Die Singularität naht, 2005, Berlin 22014.
[4] Anhang 1 u. 2, in: Sr. Lucia spricht über Fatima.
[5] A. Solschenizyn: Lenin in Zürich, München 1990.
[6] J. Ratzinger: Europa – Hoffnungen und Gefahren. In: Wendezeit für Europa?, Freiburg 1991.
[7] H.-E. Hengstenberg: Die Marienverehrung, Dettelbach 21996.
[8] R. Spaemann: Über Gott und die Welt, Stuttgart 2012, 54f.
[9] F. Kolfhaus: Ganz Dein, Maria. Zwölf Tage zur Vorbereitung auf die Weihe an die Mutter Gottes und zur Vertiefung des geistlichen Lebens nach den Schriften des heiligen Ludwig Maria Grignion von Montfort, Augsburg 2014.
[10] Ein Kreuz für Fátima, siehe online: robertschad.eu/de/skulpturen/ein-kreuz-fuer-fatima/
[11] Pius XII. (1943): Mystici Corporis, in: Heilslehre der Kirche, Freiburg/Schweiz 1953, Nr. 788, 489.
[12] D. u. W. Koch: Zur Bedeutung Fatimas für die junge Bundesrepublik, in: Fatima – 100 Jahre danach, hrsg. v. Manfred Hauke, Regensburg 2017.

Naturschauspiel zum Fatima-Jubiläum

Ein großes Zeichen am Himmel

Msgr. Florian Kolfhaus geht in seinem Beitrag auf ein Naturschauspiel ein, das im Lauf dieses Jahres zu beobachten ist. Es handelt sich um außergewöhnliche Konstellationen der Gestirne. Tatsächlich zeigen sich überraschende Zusammenhänge, die durchaus als Zeichen der göttlichen Vorsehung gedeutet werden können. Kolfhaus jedenfalls ist überzeugt, dass in diesem Jahr „die Sterne von Maria sprechen“. Und für ihn ist es kein Zufall, dass dieses Zeichen ausgerechnet im Jubiläumsjahr „100 Jahre Fatima“ erscheint. Er lässt seine interessante Betrachtung, die er bereits letzten August in der deutschsprachigen Ausgabe der internationalen Catholic News Agency vorgelegt hat, in den Ruf einmünden: „Möge das Reich Mariens kommen!“

Von Florian Kolfhaus

Die Kirche feiert die Aufnahme Mariens mit Leib und Seele in den Himmel. Sie blickt nach oben und sucht das „große Zeichen“, von dem die Liturgie spricht, wenn sie aus der Offenbarung des Johannes zitiert: „Es erschien ein großes Zeichen am Himmel, eine Frau bekleidet mit der Sonne, der Mond zu ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt“ (Offb 12,1).

Die Kirche blickt auf Maria, die schon zur Vollendung gelangt ist, die wir alle erhoffen. In der Dunkelheit der irdischen Pilgerschaft ist sie das große Zeichen der Hoffnung und des kommenden Sieges über Sünde, Tod und Teufel. Ja, sie zertritt, wie das erste Buch der Bibel verheißt, den Kopf der Schlange (Gen 3,15). Festen Fußes hält sie das Böse nieder, das im Bild des Mondes, des unstetigen Gestirns der Nacht, angedeutet ist. Wir blicken auf zum Himmel, um uns von Maria genau dorthin führen zu lassen.

Ein Blick nach oben

Diese Zeilen sind in einem geistlichen Sinn gemeint. Wohl kaum ein Katholik wird das Fernglas nehmen und den Himmel absuchen, um dort das „große Zeichen“ zu finden, von dem der hl. Johannes spricht. Und doch dürfen wir das Wort des Apostels im Lauf dieses Jahres ganz wörtlich nehmen, um tatsächlich am Firmament das kosmische Bild zu suchen, von dem er in der Offenbarung spricht.

Am 20. November 2016 ist der Planet Jupiter in das Sternzeichen der Jungfrau eingetreten und bleibt dort bis zum 23. September 2017. Jupiter ist das Symbol des höchsten Gottes, des großen Königs, des Herrn des ganzen Universums. Er verweilt etwas mehr als neun Monate in der „Jungfrau“: die Zeit, in der ein Kind unter dem Herzen der Mutter heranwächst. Wie sollte man als Christ darin nicht eine Anspielung auf die Menschwerdung des Gottessohnes erkennen, der im Schoß Mariens heranwachsen wollte, um dann von ihr geboren zu werden?

Die Schrift bezeugt uns, dass die Magier aus dem Orient in den Sternen die Geburt eines Herrschers in Israel erkennen konnten. Hier geht es nicht um Astrologie – also um abergläubische Zukunftsdeutung –, sondern um die Beobachtung der Gestirne und die Frage, welche Botschaft der Herr durch seine Schöpfung uns sagen möchte. Vielleicht wollte es Gott seit der Erschaffung der Welt, als er damals schon an den neuen Adam und die neue Eva gedacht hatte, dass in unserer Zeit der Himmel ganz buchstäblich auf Jesus und Maria hinweist. Ihretwegen ist ja, wie die franziskanische Schule des sel. Duns Scotus lehrt, der gesamte Kosmos erschaffen worden.

Interessant ist in der Tat, dass diese außergewöhnlichen Ereignisse mit der 100-Jahrfeier der Erscheinungen von Fatima zusammenfallen. Am 13. Oktober 1917, als sich Maria zum letzten Mal den drei Kindern zeigte, hat sie sich in gewisser Weise als die von Johannes geschaute Frau offenbart und ein weithin sichtbares Sonnenwunder gewirkt.

Ende des Heiligen Jahres, Ende der Barmherzigkeit?

Jupiter trat am 20. November 2016 in das Sternbild der Jungfrau. Es war der letzte Sonntag im Kirchenjahr, das feierliche Ende des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit. Als die pilgernde Kirche auf Erden die Pforten geschlossen hat, die als offene Türen des Vaterhauses die Menschen eingeladen haben, zu Gott heimzukehren und sich mit ihm zu versöhnen, hat sich gewissermaßen der Himmel geöffnet.

Auch das sagt der heilige Johannes in den Versen unmittelbar vor der Vision des „großen Zeichens“: „Der Tempel Gottes im Himmel wurde geöffnet, und in seinem Tempel wurde die Lade seines Bundes sichtbar“ (Offb 11,9). Die Bundeslade, die Gottes Thron und Ort seiner geheimnisvollen Anwesenheit war, ist Maria. Sie hat wirklich Gott getragen. Das Jahr der Barmherzigkeit ist zu Ende gegangen, aber der Himmel bleibt allen offen, die nach Hause finden wollen und Vergebung suchen. Es hat ein „marianisches Jahr“ begonnen – so könnten wir vielleicht sagen – in dem Maria, wie sie es ja in Fatima getan hat, dazu aufruft, sich zum Herrn zu bekehren.

Ihr Zeichen wird am Himmel sichtbar, damit endlich der Sieg der Liebe, der „Triumph ihres Unbefleckten Herzens“, anbreche, den sie vor 100 Jahren verheißen hat und den wir gerade heute, in dieser Zeit des Unfriedens und der Verwirrung, so sehr ersehnen.

Zwölf Sterne krönen die Jungfrau

Am 23. September 2017, dem Tag also, an dem die außergewöhnliche Planetenkonstellation enden wird, also Jupiter aus der „Jungfrau“ heraustritt, kommt es dazu, dass sich die Sonne hinter dem Sternbild der Virgo erhebt, während unterhalb der Mond sichtbar sein wird. Über der „Jungfrau“ formen die neun Sterne des „Löwen“ zusammen mit den Planeten Venus, Merkur und Mars eine Krone. Diese Konstellation entspricht genau dem, was Johannes als „großes Zeichen“ am Himmel geschaut hat: die Jungfrau bekleidet mit der Sonne, der Mond zu ihren Füßen und eine Krone von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.

Adveniat Regnum Mariae – Möge das Reich Mariens kommen!

Die moderne Wissenschaft hat es möglich gemacht, die Bahn der Sterne und die Konstellationen, die sie auf ihrem Lauf bilden, genauestens zu berechnen und „vorherzusehen“. Falsch wäre es, würde man nun in apokalyptische Zahlenspielchen verfallen, um Ereignisse der Zukunft vorhersagen zu wollen. Vielmehr sollten uns die wunderbaren Zeichen am Himmel – wie übrigens jedes Naturschauspiel, sei es ein herrlicher Sonnenaufgang in den Bergen, sei es ein in allen Farben des Regenbogens glitzernder Wasserfall – in Staunen über die Schönheit und Güte ihres Schöpfers versetzen.

Wieso sollten wir nicht annehmen dürfen, dass Gott diese außergewöhnlichen Sternenkonstellationen dieses Jahres geplant hat, um auf seine Tochter, Mutter und Braut zu verweisen und uns an die „mit der Sonne bekleidete Frau“, die vor 100 Jahren in seinem Auftrag zur Erde kam, zu erinnern und ihre Botschaft erneut zu bestätigen? Unser staunender Blick zum Himmel – im buchstäblichen und geistlichen Sinn – zeigt uns Maria, die Mutter der Barmherzigkeit, deren Mission mit dem Abschluss dieses Heiligen Jahres nicht enden wird.

Tun wir, wozu sie uns in Fatima aufgerufen hat: „Betet täglich den Rosenkranz und hört auf, Gott zu beleidigen, der schon so sehr beleidigt worden ist.“ Erwarten wir voller Freude den Triumph ihres Unbefleckten Herzens, den Sieg der wahren Liebe. Sie hat’s versprochen. Adveniat Regnum Mariae – Möge das Reich Mariens kommen!

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2017
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Die Lehre Johannes Pauls II. von der Miterlösung im Licht Fatimas

Die Mitwirkung Mariens bei der Erlösung

Der bekannte Mariologe Prof. Dr. Manfred Hauke (geb. 1956) zeigt auf, inwieweit Papst Johannes Paul II. in seinen Lehraussagen die Frage nach der Mitwirkung Mariens am Erlösungswerk Christi berührt hat. Dabei geht er von den Ereignissen in Fatima aus, die verschiedene Anknüpfungspunkte für die Thematik der „Miterlöserschaft“ Mariens bieten. Der nachfolgende Artikel ist ein Auszug aus dem Beitrag „Der heilige Johannes Paul II. und Fatima“, den Prof. Hauke für den Internationalen Mariologischen Kongress vom 6. bis 11. September 2016 in Fatima geliefert hat. Veröffentlicht wurde er im Tagungsband des Kongresses, den Hauke selbst unter dem Titel „Fatima – 100 Jahre danach“ als „Mariologische Studien 25“ im Pustet Verlag, Regensburg, herausgegeben hat (vgl. S. 269-273).

Von Manfred Hauke

Johannes Paul II. hat eine reichhaltige Lehre über die Mitwirkung Mariens bei der Erlösung vorgelegt. Dabei gebrauchte er auch (als erster Papst nach Pius XI.) mehrere Male die Begriffe „Miterlösung“ und „Miterlöserin“.[1]

Gebet des Engels von Fatima

In der Botschaft von Fatima findet sich ein kräftiger Ausdruck für die Miterlösung[2] bereits in dem Gebet des Engels, das er die Seherkinder bei seiner dritten Erscheinung im Herbst 1916 lehrte. Der Engel kniete sich vor dem Kelch mit dem Blut Christi und einer Hostie nieder und betete:

„Heiligste Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist, (in tiefer Ehrfurcht bete ich Dich an und) opfere Dir auf den kostbaren Leib und das Blut, die Seele und die Gottheit Jesu Christi, gegenwärtig in allen Tabernakeln der Erde, zur Wiedergutmachung für alle Schmähungen, Sakrilegien und Gleichgültigkeiten, durch die Er selbst beleidigt wird. Durch die unendlichen Verdienste Seines Heiligsten Herzens und des Unbefleckten Herzens Mariens bitte ich Dich um die Bekehrung der armen Sünder."[3]

Johannes Paul II. erinnert an dieses Gebet bei der Generalaudienz vom 17. Mai 2000, als er über seine dritte Pilgerreise nach Fatima spricht, die mit der Seligsprechung der Seher Francisco und Jacinta verbunden war: „Die Eltern hatten sie zum Gebet erzogen, und der Herr zog sie enger an sich durch die Erscheinung eines Engels, der in den Händen einen Kelch und eine Hostie hielt und sie lehrte, sich mit dem eucharistischen Opfer zur Wiedergutmachung der Sünden zu verbinden."[4]

Das Gebet des Engels verbindet den heilshaften Verdienst der Gottesmutter mit dem unendlichen Verdienst Jesu. Die Erlösung geschieht durch die freie Hingabe des menschlichen Willens Jesu, eine Hingabe, die wegen der Verbindung mit der Person des göttlichen Sohnes einen unendlichen Verdienst begründet. Auch Maria wurde von Christus erlöst, aber sie empfing die heilshafte Gnade bereits im ersten Augenblick ihres Lebens, damit sie am Erlösungswerk ihres Sohnes mitwirken konnte.

Papst Pius X. im Jahr 1904

Zwölf Jahre vor der Erscheinung des Engels hatte Papst Pius X. in seiner Marienenzyklika Ad diem illum (1904) den erlöserischen Verdienst Mariens als „Angemessenheitsverdienst“ (meritum de congruo) bezeichnet, im Unterschied zum „Würdigkeitsverdienst“ Jesu (meritum de condigno), der allen Forderungen der Gerechtigkeit entspricht. Wörtlich heißt es in der Enzyklika: „Aufgrund dieser Schmerzens- und Willensgemeinschaft zwischen Maria und Christus aber ‚verdiente‘ sie, ‚dass sie aufs würdigste die Wiederherstellerin (reparatrix) des verlorenen Erdkreises wurde‘ [Eadmer], und deshalb die Verwalterin aller Gaben, die uns Jesus durch seinen Tod und sein Blut bereitete. … Weil sie … von Christus zum Werk des menschlichen Heiles herangezogen [wurde], verdient sie für uns – wie man sagt – der Angemessenheit nach (de congruo), was Christus [eigener] Würdigkeit nach (de condigno) verdiente, und ist die erste Dienerin beim Austeilen der Gnaden."[5] An sich reicht für die Erlösung der überreiche Verdienst Christi, aber Gott wollte für die Vollständigkeit des Erlösungswerkes auch Maria einbeziehen.

Der „Verdienst“ Mariens ist ein zentraler systematischer Gesichtspunkt in der Diskussion über die Mitwirkung der Gottesmutter an der Erlösung.[6] Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass im gleichen Jahr 1916 Pater Alberto Lepidi OP im Auftrag des Heiligen Offiziums ein Gutachten abgab über die Bitte der belgischen Bischöfe (1915), das Dogma der allgemeinen Gnadenmittlerschaft Mariens zu verkünden auf der Grundlage ihrer Mitwirkung am Heil. Dabei leugnete er die Lehre (Papst Pius‘ X.!) über den heilshaften Verdienst Mariens und ihre Mitwirkung am Erlösungswerk.[7]

Papst Johannes Paul II. über die Teilnahme Mariens am Erlösungsopfer

Johannes Paul II. konzentriert sich nicht auf die systematischen Gesichtspunkte des „Verdienstes“, aber er verwendet die einschlägige Begrifflichkeit bei seinem Besuch im Marienheiligtum von Guayaquil (Ekuador) 1987: „Indem Maria für die Kirche litt, verdiente sie es, die Mutter der Jünger ihres Sohnes zu werden, die Mutter ihrer Einheit."[8] Auf besonders deutliche Weise behandelt der Papst das Thema in der Marianischen Katechese vom 9. April 1997: „Die Mitwirkung der Christen zum Heil ereignet sich nach dem Geschehen von Kalvaria, dessen Früchte auszuteilen sie sich bemühen durch Gebet und Opfer. Die Mitwirkung Mariens dagegen hat sich während des Geschehens selbst ereignet in ihrer Eigenschaft als Mutter; sie erstreckt sich folglich auf die Ganzheit des Heilswerkes Christi. Nur sie wurde auf diese Weise dem Erlösungsopfer beigesellt, welches das Heil aller Menschen verdient hat. In Einheit mit Christus und ihm untergeordnet, hat sie mitgewirkt, der gesamten Menschheit die Gnade des Heiles zu erlangen."[9]

Eine weitere klare Bezeugung der Mitwirkung Mariens an der Erlösung in der Botschaft von Fatima ist die Erscheinung am 13. Juni 1917: die Kinder sahen ein Herz, das von Dornen umgeben war. „Wir verstanden, dass dies das Unbefleckte Herz Mariä war, verletzt durch die Sünden der Menschheit, das Sühne wünscht."[10] Die „Dornen“ können wir beziehen auf die Mitwirkung Mariens am Erlösungswerk Christi auf Erden. Auch am 13. Juli 1917 sagte die himmlische Mutter: „Opfert euch auf für die Sünder und sagt oft…: O Jesus, das tue ich aus Liebe zu Dir, für die Bekehrung der Sünder und zur Sühne für die Sünden gegen das Unbefleckte Herz Mariens."[11]    

Sühne für die Sünden gegen das Unbefleckte Herz Mariens

Die Sühne richtet sich also auch an Maria, wie ihre Botschaft in Pontevedra am 10. Dezember 1925 bestätigt: „Habe Mitleid mit dem Herzen deiner heiligsten Mutter, umgeben von Dornen, mit denen die undankbaren Menschen es ständig durchbohren, ohne dass jemand einen Sühneakt machen würde, um sie herauszuziehen."[12]

Mit Hinweis auf eine Erscheinung Jesu zwischen dem 29. und 30. Mai 1930 erklärt Lucia die fünf Samstage als Sühne für fünf „Arten der Beleidigungen und der Lästerungen gegen das Unbefleckte Herz Mariens“: „Lästerungen gegen die Unbefleckte Empfängnis Mariens, gegen ihre Jungfräulichkeit, ihre Gottesmutterschaft (und geistliche Mutterschaft gegenüber den Menschen); die Verbreitung von Gleichgültigkeit, Verachtung und sogar Hass unter den Kindern gegenüber Maria; die Schmähung ihrer heiligen Bilder."[13] Dieser Gesichtspunkt wird, so scheint es, im marianischen Lehramt Johannes Pauls II. nicht entwickelt.[14]       

Die „zwei Altäre“ auf Kalvaria

Das Bild des von Dornen umgebenen Herzens ähnelt der Weissagung des Simeon über das Schwert, das die Seele Mariens durchbohren wird (vgl. Lk 2,35). Es ist das Schwert der Schmerzen am Fuße des Kreuzes, ein Leiden, das während des ganzen Lebens der Gottesmutter vorbereitet wurde. Da Maria tatsächlich an der Erlösung mitwirkt, von der Verkündigung des Engels bis zum Tode Jesu auf dem Kalvarienberg, kann auch das „Durchbohren“ des Herzens Mariens als Veranschaulichung bezogen werden auf diese Teilnahme am Heilswerk.

Als Kommentar können wir die Worte des Arnaldo von Bonneval zitieren (eines Schülers des hl. Bernhard), die Johannes Paul II. in seinen Mariologischen Katechesen anführt: da ist die Rede von „zwei Altären“ auf Kalvaria, dem einen im Herzen Mariens, dem anderen im Leibe Christi. Jesus Christus opferte seinen Leib, Maria ihre Seele.[15] Es gibt also einen tiefgründigen Gleichklang zwischen der Botschaft Fatimas über die Miterlösung[16] und dem päpstlichen Lehramt Johannes Pauls II.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)


[1] Vgl. Manfred Hauke: Die mütterliche Vermittlung (2004), 139-142; Mark Miravalle: „With Jesus”. The Story of Mary Co-Redemptrix, Goleta, CA 2003, 189-212.
[2] Über die Lehre der Miterlösung in der Botschaft von Fatima vgl. Stefano M. Manelli: Fatima tra passato, presente e futuro (Maria Corredentrice, X), Frigento 2007, 65-168; Manfred Hauke: Die Weihe der Welt an die Gottesmutter Maria, in: Sedes Sapientiae 14 (2/2010), 67-91 (79-85); ders.: Die Marienweihe in der deutschsprachigen Theologie (20. Jh.), in: Sedes Sapientiae 14 (2/2010), 5-66 (61-64); Maria Grazia Palma: Consacrazione alla Vergine Maria nel messaggio di Fatima, in: AA. VV.: La Consacrazione alla Vergine Maria nel 50o della Consacrazione dell’Italia al Cuore Immacolato di Maria, Frigento 2011, 359-384 (369-371). Das Thema der Miterlösung ist auch in dem verwandten Motiv der „Wiedergutmachung” enthalten: vgl. Stefano de Fiores: Riparazione, in: Moreira Azevedo-Cristino (2010) 407-418 (407-412).
[3] Sr. Lucia: Zweite Erinnerung II, 2 (S. 84). Vgl. dazu Manfred Hauke: Die Engelserscheinungen von Fatima 1915-1916. Historische und theologische Bestandsaufnahme, in: Theologisches 46 (2016) 323-354 (343-347).
[4] Johannes Paul II.: Generalaudienz, Rom, 17. Mai 2000: Inseg XXIII, 1 (2000) 867. Schon am 12. Mai 1982 in Fatima, in dem ersten Gebet nach dem Gruß vor dem Heiligtum, erinnert Johannes Paul II. an das Gebet des Engels, das bei der ersten der drei Erscheinungen 1916 gelehrt wurde: „O mein Gott, ich glaube an Dich…“ (vgl. Sr. Lucia: Zweite Erinnerung II,2, S. 83): Begegnung mit dem Bischof von Fatima, Rede in der Erscheinungskapelle, 12. Mai 1982, Nr. 1: Inseg V,2 (1982) 1543.
[5] Vgl. DH 3370.
[6] Vgl. Manfred Hauke: Maria als mütterliche Mittlerin in Christus. Ein systematischer Durchblick, in: Sedes Sapientiae. Mariologisches Jahrbuch 12 (2/2008) 13-53 (28-34).
[7] Vgl. Manfred Hauke: Die Weihe der Welt an die Gottesmutter Maria (2010), 81f; ders.: Die Bittschrift von Kardinal Mercier für die dogmatische Definition der universellen Gnadenmittlerschaft Mariens (1915), in: Sedes Sapientiae. Mariologisches Jahrbuch 14 (2-2010) 128-168 (138f); Andrea Villafiorita Monteleone: Alma Redemptoris Socia. Maria e la Redenzione nella teologia contemporanea (Collana di Mariologia, 8), Lugano – Varese 2010, 15-21.
[8] Johannes Paul II.: Rede im Marienheiligtum von Guayaquil, 31. Januar 1987: Inseg VIII, 1 (1987) 315-321 (318f). Zu diesem Thema in der päpstlichen Lehrverkündigung vgl. Ilzo Daniel (2011) 179f.
[9] Marianische Katechese 48, 4. April 1997, Nr. 2: Inseg XX,1 (1997) 621f.
[10] Sr. Lucia: Vierte Erinnerung II,4 (S. 188).
[11] Sr. Lucia: Vierte Erinnerung II,5 (S. 189).
[12] Schwester Lucia spricht über Fatima, 206.
[13] Brief Lucias an ihren Beichtvater, P. José Bernardo Gonçalves SJ, 12. Juni 1930, Tuy: Documentação crítica de Fátima V,5, Fátima 2012, 279 (Doc. 1593).
[14] Vgl. De Belfont (2011) 159; 176, wonach der Papst in seinen Predigten vom 13. Mai 1982 und vom 13. Mai 2000 bewusst einige Sätze der Botschaft von Fatima ausgelassen hätte. Es ist jedoch nicht beweisbar, dass es sich um entschieden gewollte Auslassungen handelt. Niemals ist es möglich, alles zu sagen.
[15] Vgl. Arnaldo von Bonneval: De septem verbis Domini in cruce (PL 189, 1694f); Johannes Paul II.: Marianische Katechese 3, 3 (25.10.1995): Inseg XVIII (1995) 935; vgl. Manfred Hauke: Die mütterliche Vermittlung (2004) 136.
[16] Siehe dazu Bertone (2007) 47, über das letzte Buch von Sr. Lucia: Die Aufrufe der Botschaft von Fatima, Fatima 2002: „Ein roter Faden des Buches von Sr. Lucia war, wenngleich in nüchterner Form, die These, Maria als ‚Miterlöserin‘ der Menschheit anzuerkennen“. 

Aufruf der Gottesmutter an die ganze Welt

Die Erscheinungen von Kibeho

Ruanda ist ein kleiner Binnenstaat im Herzen Afrikas mit etwa 12 Millionen Einwohnern. Es ist das christlichste Land des ganzen afrikanischen Kontinents. Über 90 Prozent der Bevölkerung sind getauft, etwa 55 Prozent bekennen sich heute zur katholischen Kirche. In Kibeho, einem kleinen Dorf auf 1900 Metern Höhe im bergigen Südwesten des Landes, begannen 1981 Erscheinungen der Gottesmutter. Sie stellte sich nach und nach drei Mädchen einer katholischen Internatsschule im Alter von 16, 17 und 20 Jahren als „Nyina wa Jambo“ („Mutter des Wortes“) vor. Im Folgejahr wurden vier weitere Mädchen und ein Junge in die Erscheinungen miteinbezogen. In ihren Botschaften rief Maria zu Umkehr, Buße, Gebet und Versöhnung auf. Auch zeigte sie den Mädchen Himmel, Fegefeuer und Hölle.

Am 15. August 1982 kündigte sie in Anwesenheit von 20.000 Pilgern mit detaillierten Visionen Morde an Millionen von Menschen an. Zwölf Jahre nach den Vorhersagen begann am 6. April 1994 ein unvergleichlicher Völkermord. Innerhalb von drei Monaten töteten Angehörige der Hutu-Mehrheit etwa 75 Prozent der in Ruanda lebenden Tutsi-Minderheit. Fast eine Million Menschen fielen den Massakern zum Opfer, darunter 25.000 Flüchtlinge, die in Kibeho Zuflucht gesucht hatten.

2001 erkannte der zuständige Bischof Augustin Misago die Erscheinungen an. Er nannte Kibeho „ein Leuchtfeuer der Hoffnung, ein Licht für ganz Afrika und für die Welt“. Gleichzeitig bestätigte die Glaubenskongregation unter Joseph Kardinal Ratzinger dieses Urteil für die Weltkirche. Nachfolgend einige Auszüge aus einem Buch von Immaculée Ilibagiza, das nun in deutscher Sprache vorliegt.[1] Sie ist Zeugin vieler Wunder, die in Kibeho geschehen sind, und hat die Seherinnen persönlich kennengelernt.  

Von Immaculée Ilibagiza

Vom Jahr 1981 an erschienen die Jungfrau Maria und ihr Sohn Jesus ‒ so unglaublich dies auch klingen mag ‒ einer Gruppe junger Leute in einem Dorf namens Kibeho, das im Süden Ruandas liegt. Die Seher überbrachten himmlische Botschaften, die für die ganze Welt bestimmt waren: Botschaften der Liebe und Anweisungen für ein besseres Leben, ein fürsorglicheres Miteinander und ein effektiveres Beten. Außerdem aber gingen mit diesen Botschaften düstere, apokalyptische Warnungen einher: Hass und Sündhaftigkeit würden Ruanda und den Rest der Welt in einen finsteren Abgrund stürzen. Dass die Jungfrau Maria den Völkermord des Jahres 1994 vorhersagte, ist einer der Hauptgründe dafür, dass die katholische Kirche den Erscheinungen von Kibeho eine solche Aufmerksamkeit schenkte.

Kirchliche Anerkennung

Im November 2001 erkannte die Kirche in einem außergewöhnlichen Schritt die Marienerscheinungen der drei Schülerinnen Alphonsine, Anathalie und Marie-Claire offiziell an. Zuvor hatten Ärzte, Wissenschaftler, Psychiater und Theologen die Mädchen aufs Strengste befragt und untersucht. Doch keine Untersuchung konnte die wunderbaren und übernatürlichen Ereignisse erklären, die geschahen, wenn die selige Jungfrau Maria den Mädchen erschien. Es war unumstößlich erwiesen, dass es sich um eine echte Erscheinung handelte, und der Ortsbischof sagte, in Ruanda habe sich zweifellos ein Wunder ereignet. Also bestätigte der Vatikan jene Stätte, die heute als „Heiligtum Unserer Lieben Frau der Schmerzen“ bekannt ist. Es ist der einzige anerkannte Erscheinungsort in ganz Afrika.

Bislang hat die Kirche nur die Visionen von Alphonsine, Anathalie und Marie-Claire anerkannt und bestätigt, die zwischen 1981 und 1989 stattgefunden haben. Einige andere Seher haben jedoch sowohl die selige Jungfrau Maria als auch Jesus gesehen und sind von demselben Expertenteam untersucht worden. Zehntausende von Augenzeugen – viele von ihnen Priester und Wissenschaftler – haben die Erscheinungen von mindestens fünf dieser anderen Seherinnen und Seher miterlebt. Die kirchliche Anerkennung dieser Erscheinungen steht zwar noch aus, doch dieses Kapitel sei, so der zuständige Bischof, noch nicht abgeschlossen, auch wenn die Ermittlungen zurzeit ausgesetzt seien. Es ist also durchaus denkbar, dass die Kirche in Zukunft noch weitere Seher anerkennen wird.

Tränen und Ströme von Blut

Eigentlich hatte es ein fröhlicher Anlass sein sollen: ein Fest zur Feier des Tages, an dem die Muttergottes diese Welt verlassen hatte und in den Himmel aufgenommen wurde, um dort wieder mit ihrem Sohn vereint zu sein. Das Fest Mariä Himmelfahrt fällt immer auf den 15. August, und 1982 versprach die Muttergottes, genau an diesem Tag in Kibeho zu erscheinen.

Über zwanzigtausend Menschen kamen zum Fest und erwarteten, dass die Seherinnen frohe himmlische Lieder singen und sie an Erscheinungen teilhaben lassen würden, die zur Feier des Tages besonders liebevoll ausfielen. Die Felder rund um das Seherpodium sahen aus wie bei einem großen Picknick der Kirchengemeinde, zumal Tausende auch ihre kleinen Kinder mitgebracht hatten. Einige der Jungen und Mädchen waren krank; ihre Eltern hofften auf Wunderheilungen, weil die Muttergottes an diesem Tag für die Gebete der Kinder besonders empfänglich sein soll.

Andere waren davon überzeugt, dass die Jungfrau Maria ihnen ein weiteres Wunderzeichen am Himmel schenken würde: vielleicht ein Bild ihrer selbst, wie sie an den Perlentoren stand, sodass ihre irdischen Kinder darüber nachdenken konnten, wie sie ins Paradies eingegangen war. Stattdessen zeigte sie ihnen die Hölle auf Erden.

Von Anfang an waren der Ton und die Atmosphäre der Erscheinung an jenem Tag anders als sonst. Als Alphonsine in Ekstase verfiel, öffnete sich ihr Herz und sie sang Unserer Lieben Frau das Willkommenslied. Doch schon nach drei Wörtern wurde sie von der Muttergottes unterbrochen. „Ich bin zu traurig, um meinen Kindern beim Singen zuzuhören“, sagte die selige Jungfrau Maria zu ihr. Später gab Alphonsine zu Protokoll, dass sie die Jungfrau Maria gefragt habe, warum sie ihre Lieblingslieder nicht hören wollte; daraufhin habe sich das Gesicht der Jungfrau vor Schmerz verzerrt, und ihre Augen hätten sich mit Tränen gefüllt. Nach minutenlangem, kummervollem Schweigen sei die Himmelskönigin schließlich in Tränen ausgebrochen. Alphonsine fragte erschrocken und betroffen: „Warum zeigst Du mir Deine Tränen? Was bedeuten sie, Mutter? Deine Trauer tut mir weh; ich sollte weinen, nicht Du!“ Doch anstelle einer Antwort vergoss die Jungfrau Maria noch mehr Tränen.

Endlich antwortete die Muttergottes dem völlig verstörten Mädchen und bat es, ein bestimmtes Lied zu singen. Die zwanzigtausend Menschen, die der sichtbar bestürzten Alphonsine lauschten, konnten die Stimme der Jungfrau Maria nicht hören, aber sie hingen an den Lippen der Seherin. Diese erfüllte die Bitte Unserer Lieben Frau und sang Naviriye ubusa mu Ijuru („Ich bin vergeblich vom Himmel gekommen“). Dann vergingen viele Minuten in Stille. Alphonsine hörte zu und lauschte der Botschaft, die Maria ihr anvertraute, um sie weiterzugeben. Dann sagte das Mädchen: „Ja, Mutter, ich werde sie genau so wiederholen, wie Du es mir aufgetragen hast. Du sagst den Menschen auf der Erde dreimal: Du hast die Tür geöffnet und sie haben sich geweigert einzutreten. Du hast die Tür geöffnet und sie haben sich geweigert einzutreten. Du hast die Tür geöffnet und sie haben sich geweigert einzutreten … Ja, Mutter, ich sage es ihnen: Du hast gesehen, dass die Welt in einer schlechten Verfassung ist, und Du bist gekommen, um uns zu retten, aber wir wollten nicht hören.“

Alphonsine fuhr fort. „Ja, ich werde weiter zu ihnen sprechen. Du willst, dass ich sie dreimal frage: Worauf warten sie? Worauf warten sie? Worauf warten sie?“ Dann bat die Jungfrau Maria sie, „Die Königin des Himmels und der Erde“ zu singen, ein Lied, das sie Alphonsine persönlich beigebracht hatte. Der Text des Liedes erklärt den Menschen, wie und warum sie bereuen und beten sollen, und eine Zeile davon sollte die Seherin auf Wunsch Unserer Lieben Frau siebenmal wiederholen: sodass wir Jesus helfen können, die Welt zu retten.

Plötzlich stieß Alphonsine einen herzzerreißenden Schrei aus, der wie ein Rasiermesser durch die erschrockene Menge schnitt. „Ich sehe einen Strom aus Blut! Was bedeutet das? Nein, bitte nicht! Warum zeigst Du mir so viel Blut? Zeig mir einen Bach aus klarem Wasser, nicht diesen Strom aus Blut!“, schrie die Seherin, als die Muttergottes ihr eine entsetzliche Vision nach der anderen offenbarte. Die junge Frau war so vielen Bildern von Zerstörung, Folter und schrecklichen Massakern ausgesetzt, dass sie flehte: „Hör auf, bitte, hör auf! Warum, Mutter? Warum zeigst Du mir das? Die Bäume gehen in Flammen auf, das Land brennt! Bitte, Mutter, Du machst mir Angst … Oh nein! Nein! Warum töten diese Menschen einander? Warum schlagen sie aufeinander ein? Ich bin nicht stark genug, um zuzusehen, wie Menschen einander töten.“

Tränen strömten aus Alphonsines Augen und sie begann haltlos zu zittern angesichts der Szenen, die wie ein Film vor ihren Augen abliefen. Sie zwang ein Lied auf ihre Lippen und versuchte, die Bilder wegzusingen, doch schon bald verstummte sie wieder und war vor Furcht wie erstarrt. Maria offenbarte ihr immer noch mehr entsetzliche Bilder – zum Beispiel einen immer größer werdenden Berg abgetrennter menschlicher Köpfe, aus denen das Blut quoll. Der Anblick wurde noch grausiger, als Unsere Liebe Frau Alphonsines Gesichtsfeld erweiterte, bis sie ein ganz großes Tal überblickte, in dem sich die Überreste von Millionen verwesender, kopfloser Leichen türmten: Und niemand war übrig geblieben, der sie hätte begraben können.

Die selige Jungfrau Maria warnte die Menge, die sich um die Seherin geschart hatte, vor dem Grauen, das Ruanda erwartete. Und sie benutzte so anschauliche und drastische Bilder, dass viele Eltern ihre traumatisierten Kinder auf den Arm nahmen und Kibeho fluchtartig verließen.

Als die Vision allmählich verschwand, bat Maria die erschöpfte Alphonsine, ein weiteres Lied zu singen, wobei sie diesmal zwei Zeilen je siebenmal wiederholen sollte:

Die erste Zeile lautete: Von unterhalb der Erde wird ein Feuer ausbrechen und alles verzehren, was auf der Erde ist…

Und in der zweiten hieß es: Wenn Du kommst, um die zu Dir zu holen, die Dir gedient haben, Gott, dann, so bitten wir Dich, hab’ Erbarmen mit uns…

„Wie soll ich heute Nacht ruhig schlafen, nachdem Du mir all diese entsetzlichen Dinge gezeigt hast?“, jammerte die junge Frau. „Wie werde ich jemals wieder schlafen können?“

Dann betete Alphonsine, dass das, was sie gesehen hatte, niemals wahr werden würde, nicht in Ruanda und auch sonst nirgends auf Gottes weiter Welt. Sie betete für alle Menschen, die sie kannte, und dann für alle Menschen, die sie nicht kannte, und bat Jesus, dass er sie vor einem solchen Übel bewahren möge. Sie sang noch ein weiteres Lied, in dem sie Jesus anflehte, barmherzig zu sein und den Sündern zu vergeben. Dann brach sie auf dem Podium zusammen.

Die Welt steht am Rande einer Katastrophe

Alphonsines schaurige Erscheinung hatte die Tausende, die mit angehört hatten, wie sie dieses unaussprechliche Grauen beschrieb, zutiefst erschüttert, und sie versuchten sich ein Land vorzustellen, das derart in Schwierigkeiten geraten war, dass dort solch entsetzliche Dinge geschehen konnten.

Eine Seherin nach der anderen trat auf das Podium, und die weinende Jungfrau zeigte ihnen allen dieselben Bilder. Stunde um Stunde hallten ihre Entsetzensschreie über die Hügel, beschrieben sie Ströme aus Blut, grausame Morde und die verwesenden Überreste Hunderttausender von Menschen. Für manche muss es erschreckenderweise offensichtlich gewesen sein, dass die Seherinnen von Ruanda sprachen. Die Bilder waren ein alarmierender Blick in die nahe Zukunft. Wieder und wieder wurden die über zwanzigtausend Menschen, die an jenem Tag in Kibeho zusammengekommen waren, gewarnt, dass der Hass auf ihre Nächsten, der in ihren Herzen schwelte, sie in den Untergang stürzen würde.

Als Marie-Claire die Bilder gezeigt wurden, weinte sie ununterbrochen und flehte ihre Landsleute an, die Appelle und Warnungen der Muttergottes zu beherzigen, ehe es zu spät war. „Unsere Liebe Frau sagt: ‚Vergesst nicht, dass Gott mächtiger ist als alles Böse in der Welt. … Die Welt steht am Rande einer Katastrophe. Reinigt eure Herzen durch das Gebet. Gott ist der einzige Weg. Wenn ihr nicht zu Gott eure Zuflucht nehmt, wo wollt ihr euch dann verstecken, wenn sich das Feuer überall ausgebreitet hat?‘“ Doch leider waren es nicht genug, die beteten, und zu wenige reinigten ihre hasserfüllten Herzen.

Das Feuer kam und eine Million unschuldiger Seelen fanden kein Versteck und ihre Körper wurden in Stücke gehauen, als der Genozid im Frühling 1994 die Menschen verschlang. Tausende und Abertausende Leichen wurden in die Flüsse geworfen, die voll von menschlichem Blut waren. Alphonsines apokalyptische Vision war von einer so grausamen Präzision, dass schließlich jeder – vom Bauern bis hin zum Papst – an Marias Botschaft glaubte und sie akzeptierte. Doch da war es schon zu spät.

Kibeho blüht wie eine schöne Blume

Wie ganz Ruanda hatte der Völkermord auch Kibeho nahezu vollständig dezimiert.

Doch weil die Liebe der seligen Jungfrau Maria ewig ist und sich nicht unterdrücken lässt, brach ihr Geist durch die verbrannte und verkrustete Erde und wuchs zum Himmel empor wie eine schöne Blume, die in tausend Wundern erblüht. Heute ist nach Kibeho wieder das Leben zurückgekehrt und es herrscht dort dieselbe Inbrunst und Leidenschaft, die die Ruander einst, in der Hochphase der Erscheinungen in den 1980er-Jahren, zu Hunderttausenden dorthin strömen ließ. Wieder kommen die Pilger in Scharen an jenen Ort, wo jedem Herzen, das dafür offen war, ein uneingeschränkter Strom an Botschaften und Wundern zugeflossen ist. Heute kommen die Gläubigen nicht nur aus Ruanda, sondern aus ganz Afrika und von noch weiter her – sogar aus Europa und Amerika. Inzwischen hat sich definitiv herumgesprochen, dass in Kibeho etwas im wahrsten Sinne des Wortes Wunderbares geschieht.

Endlich können die, die nach Gott verlangen, die Früchte dieser Erscheinungen kosten. Es hat mehr als eine Generation gedauert, bis diese Ernte herangereift ist, und 2001 ist es schließlich wahr geworden. Nach 20 langen Jahren der Untersuchungen hat die Kirche offiziell erklärt, dass die Beweise, die man über die Erscheinungen gesammelt habe, zu stichhaltig seien, als dass man sie ignorieren könnte: Maria ist in Kibeho erschienen, das Wunder ist real, ihre Botschaften sind wahr, und die Welt darf auf ihre Worte hören und die Liebe spüren, an der die Himmelskönigin uns teilhaben lassen wollte.

Bischof Augustin Misago erklärte die Erscheinungen der drei ursprünglichen Seherinnen von der Kibeho High School – Alphonsine, Anathalie und Marie-Claire – für echt. Die Botschaften, die die anderen Seher erhalten hatten, würden in Zukunft noch genauer untersucht und womöglich ebenfalls anerkannt werden, doch mit dem Bau der Kapelle, die Unsere Liebe Frau der Seherin Anathalie beschrieben hatte, sollte unverzüglich begonnen werden.

Drei Tage nach der Erklärung des Bischofs nahm der Vatikan Kibeho auf die sehr kurze, sehr elitäre Liste der anerkannten Marienerscheinungsorte auf, zu denen auch Fatima und Lourdes gehören. Nach so vielen Jahren der schmerzvollen und bitteren Spaltung haben sich die Ruander nun Maria zuliebe wieder zusammengetan. Wieder vereinigen sich ihre Stimmen zu einem Chor, um die Lieder zu singen, die die Muttergottes ihnen zu diesem Zweck selbst aus dem Himmel mitgebracht hat.

Sechs Monate nach der Erklärung des Bischofs nahmen mindestens 50.000 meiner Landsleute im strömenden Regen an einer besonders festlichen Dankmesse teil. Voller Freude feierten sie den 25. Jahrestag der ersten Erscheinung der „Mutter des Wortes“, die Alphonsine in der Highschool gehabt hatte.

„Unsere Liebe Frau von Kibeho ist ein Leuchtfeuer der Hoffnung, ein Licht für ganz Afrika und für die Welt!“, rief Bischof Misago den Tausenden, die zu der Feier herbeigeströmt waren, ergriffen zu.

Die Seher von Kibeho

Alphonsine Mumureke (geb. 1965), die erste Seherin, wurde Klausurnonne mit dem Namen „Alphonsine vom Glorreichen Kreuz“ und lebt heute in der Republik Benin.

Anathalie Mukamazimpaka (geb.1964), die zweite der drei ursprünglichen Seherinnen, führt ein demütiges Leben der Frömmigkeit und des Gebets in Kibeho, hilft unermüdlich in der Pfarrei mit und beantwortet getreu und geduldig die Fragen der Pilger und Reporter.

Marie-Claire Mukangango (geb. 1961), die dritte Seherin, hatte 1987 geheiratet und war nach Kigali gezogen. Beim Genozid eilte sie ihrem Mann zu Hilfe und wurde auf der Stelle getötet.

Die weiteren fünf Seher:

Segatashya, ein ehemals heidnischer Junge, der des Lesens und Schreibens nicht kundig war und den Jesus vom Bohnenfeld geholt und in einen beredten Prediger verwandelt hatte, wurde von einer Todesschwadron in den Kopf geschossen.

Stephanie, die jüngste der marianischen Seherinnen, verschwand während des Völkermords. Man hat nie wieder von ihr gehört.

Valentine lebt heute in Belgien, wo ihr bis heute die Muttergottes erscheint.

Agnes ist verheiratet und lebt in Butare, wo sie zwei Kinder großzieht und noch immer Erscheinungen von Jesus hat.

Vestine, die mit ihrem Wanderstock Tausende von Kilometern durch Afrika gewandert war und Gottes Wort verkündigt hatte, überlebte den Genozid, wurde jedoch bald darauf krank und starb.  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2017
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Reformation von apokalyptischem Denken beeinflusst (Luther verstehen – Teil 10)

Wie sehen Protestanten die „Letzten Dinge“?

„Eschatologie“ heißt im kirchlichen Sprachgebrauch die Lehre von den „Letzten Dingen“. Dabei geht es vor allem um die Frage, welches Bild die christliche Offenbarung vom Leben nach dem Tod zeichnet. Ein entscheidender Unterschied zwischen katholischer und protestantischer Auffassung besteht darin, dass Luther die Möglichkeit einer Reinigung nach dem Tod abgelehnt hat. Fegfeuer oder Gebet für die Verstorbenen kann es demnach grundsätzlich nicht geben. Die katholische Lehre sieht den Tod als Augenblick, in dem sich für den einzelnen Menschen bereits die Wiederkunft Christi mit persönlichem Gericht vollzieht. Die endgültige Wiederkunft mit der Auferstehung des Leibes und der Umgestaltung der ganzen Schöpfung wird zwar geglaubt, spielt jedoch keine existentielle Rolle für das irdische Leben des Christen. Denn Jesus selbst hat die Jünger dazu aufgefordert, die Frage nach der Wiederkunft der göttlichen Vorsehung zu überlassen. Luther und seine Anhänger aber waren stark von apokalyptischen Vorstellungen geprägt. Sie erwarteten die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft Christi zum Endgericht. In diesem Licht kann man die reformatorische Bewegung besser verstehen.  

Von Andreas Theurer

Ein in der Geschichte des Protestantismus immer wiederkehrendes Thema ist die Erwartung des nahen Weltendes. Schon Luther rechnete mit der bald bevorstehenden Wiederkunft Christi und hielt auf diesem Hintergrund den Papst für den in der Heiligen Schrift für die allerletzte Zeit vorhergesagten „Antichrist“. Auch den scheinbar unaufhaltsamen Ansturm der heidnischen Türken auf das christliche Abendland deutete er als endzeitliches Strafgericht Gottes über die lau gewordene Christenheit. Ähnlich sahen das damals die meisten Vordenker und Anhänger der reformatorischen Bewegung – insbesondere auch die schwärmerischen Gruppen.

Apokalyptische Züge des Protestantismus

Im 18. Jahrhundert war es Johann Albrecht Bengel (1687-1752), einer der führenden Denker des neu aufkommenden Pietismus und Vorreiter der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Bibel, der aus der Heiligen Schrift das Jahr 1836 als Zeitpunkt der Wiederkunft Christi errechnete. Seither gab es immer wieder Gruppen, die aufgrund einer solchen Berechnung neue „Kirchen“ gründeten (z.B. Adventisten – 1844), oder Christus entgegen nach Osten zogen (z.B. die große pietistische Auswanderungswelle in den Kaukasus 1817/20 und sogar nach Israel um 1870). Unter allen falschen Alarmen am bekanntesten sind in unserer Generation sicher noch die falschen Vorhersagen des neuapostolischen „Stammapostels“ Bischoff († 1960), zu seiner Lebenszeit werde die Entrückung (1 Kor 15,51-52; 1 Thess 4,17) stattfinden, sowie die Ankündigung der „Zeugen Jehovas“, 1975 komme die Schlacht von Harmagedon (Apk 16,16). Diesen Gruppen gelang es erstaunlicherweise, im Nachhinein ihren Anhängern plausible Erklärungen zu liefern, warum das erhoffte Ereignis nicht eingetroffen ist bzw. in welcher Weise es unsichtbar und anders doch geschehen sei.

Der Strom des „Chiliasmus“

Alle diese Bewegungen gehören zum breiten Strom des „Chiliasmus“ (vom griechischen Wort „Chilia“, d.h. „Tausend“), der sich in unterschiedlicher Weise mit der Erwartung des Tausendjährigen Reiches (Offb 20,1-10) beschäftigt und von dem große Teile des weltweiten Protestantismus tief geprägt sind. Seit dem Mittelalter deutet die Kirche das „Tausendjährige Reich“ als eine symbolische Größe und als den (unbestimmt langen) Zeitraum, in dem die Kirche das Evangelium verkündet – bis zur Wiederkunft des Herrn. Die Chiliasten dagegen nehmen die 1000 Jahre eher wörtlich und erwarten ihren Anbruch erst in der (nahen) Zukunft. Dabei gibt es mehrere Interpretationsmöglichkeiten, die auch im Chiliasmus zu Spaltungen geführt haben.

Vor allem im freikirchlichen Bereich gab es leidenschaftliche Diskussionen und Trennungen um die Frage, ob die Entrückung vor, während oder nach der „großen Bedrängnis“ (Offb 7,14) geschehen würde (Prä-, Medio- bzw. Posttribulationismus). Auch zwischen Prämillenaristen und Postmillenaristen taten sich große theologische Gräben auf. Die einen erwarten die Wiederkunft Christi vor dem 1000-jährigen Reich („Millenium“), die anderen danach.

Traditionelle Mahnung zur Wachsamkeit

Die traditionelle Theologie (katholisch, orthodox, altorientalisch) vermeidet klugerweise schon immer klare Aussagen über die Deutung der in der Offenbarung des Johannes genannten „Tausend Jahre“ oder die Reihenfolge der endzeitlichen Ereignisse und beschränkt sich (wie auch der heutige protestantische Mainstream) auf die Mahnung, allzeit wachsam und bereit zu sein für die nahende Wiederkunft des Herrn, ohne sich dabei auf bestimmte Zeiterscheinungen zu fokussieren oder aufgeregt nach Zeichen zu suchen, die das unmittelbar bevorstehende Ende bestätigen könnten.

Die Lehre Luthers vom Leben nach dem Tod

Was aber erwartet uns gemäß protestantischer Vorstellung nach dem Tod bzw. Weltende? Die lutherische Lehre lehnt sowohl das Purgatorium wie die Erwartung des Tausendjährigen Reichs vor der Wiederkunft strikt ab. Der „doppelte Ausgang“ des Gerichts – wie in der Bibel vielfach bezeugt – ist für sie aber selbstverständliches Glaubensgut. Im Augenblick des Todes fällt die Entscheidung, ob der Betreffende in den Himmel oder in die Hölle kommt, auch wenn dieses Urteil erst am Jüngsten Tag im Weltgericht verkündet und vollzogen wird.

In den Himmel kommt demnach, wer allein auf Christus sein Vertrauen gesetzt und ihn aufrichtig um Vergebung der Sünden gebeten hat – in die Hölle dagegen, wer das nicht zu Lebzeiten tat. (Die lutherische Polemik der ersten Jahrhunderte vertrat daher auch folgerichtig die Erwartung, dass Katholiken – wie alle Nichtchristen – wohl in die Hölle kommen würden, da sie ja nicht allein auf Christus, sondern auch auf ihre Werke, oder den Ablass, oder die Hilfe der Heiligen vertrauten.) Fürbitte für die Toten wäre demnach natürlich völlig überflüssig und wird daher auch grundsätzlich nicht praktiziert, da sie weder denen im Himmel noch denen in der Hölle noch irgendeinen Nutzen bringen könne. Und ein Purgatorium gibt es – wie gesagt – im protestantischen Weltbild nicht.

Folgerichtige Ablehnung des Ablasses an sich

Die Kritik am Ablasshandel wiederum, die vor 500 Jahren die Reformation auslöste, hat sich sehr schnell zu einer Kritik am Ablass an sich weiterentwickelt, sodass es Protestanten bis heute meistens empört, wenn sie erfahren, dass es den Ablass selbst immer noch gibt. Da sie nicht zwischen zeitlichen und ewigen Sündenstrafen unterscheiden, erscheint ihnen der Ablass als geradezu gotteslästerlicher Versuch, durch fromme Leistungen sich oder anderen die Sündenvergebung und damit das Heil zu erkaufen. Eine ökumenische Verständigung, die den enormen Wert des Ablasses für die Gemeinschaft zwischen kämpfender, leidender und triumphierender Kirche in den Vordergrund stellen könnte, scheint besonders bei dieser Frage in weiter Ferne.

Protestantische Thesen vom Schlaf des Todes

Soweit die klassische evangelische Position. Die heutige Situation kann – wie in fast allen anderen wichtigen Fragen – auch in dieser nicht auf einen einfachen Nenner gebracht werden. In konservativen Kreisen wird nach wie vor ganz klar betont, dass nur bekehrte Christen in den Himmel kommen. Unklar bleibt aber oft, wie sich das persönliche und das allgemeine Gericht zueinander verhalten. Fallen sie aus Sicht des Verstorbenen zusammen, weil es Zeit nur innerhalb der Schöpfung gibt, nicht aber im Jenseits? Sind die Verstorbenen jetzt schon im Himmel bzw. in der Hölle, oder gibt es einen völlig passiven Ruhezustand zwischen Tod und Gericht, vielleicht sogar eine vorübergehende Nicht-Existenz?

Die moderne „Ganztod-Theorie“

Sehr viele protestantische Theologen folgen heute der (erst im 20. Jhdt. aufgekommenen) „Ganztod-Theorie“, nach der die Seele im leiblichen Tod ebenfalls stirbt und der Mensch im Endgericht Gottes neu geschaffen wird. Daraus folgt, dass es zwischen Tod und Auferweckung keine Existenz gibt und natürlich auch kein fürbittendes Anteilnehmen vom Jenseits aus an den Schicksalen der Irdischen oder gar ein Gereinigtwerden. Im Kirchenvolk ist diese Lehre dagegen nach meiner Beobachtung nicht sehr verbreitet. Zu tröstlich ist doch die viel beliebtere Vorstellung, dass der verstorbene Angehörige immer noch irgendwie erreichbar ist und uns „von oben“ freundlich zuschaut oder sogar auf uns aufpasst.

Aber auch nach der „Ganztod-Theorie“ folgt auf die Auferstehung das persönliche Endgericht, in dem dann das Urteil für die Ewigkeit fällt.

Verbreitung der Allerlösungs- oder Allversöhnungslehre

Wie im heutigen Katholizismus ist auch in weiten Kreisen des Protestantismus die Allversöhnungslehre populär. Dabei sollte man freilich zwischen zwei Grundströmungen unterscheiden: Die ältere geht in ihren Anfängen auf Origenes (185-254 n. Chr.) zurück und verbreitete sich besonders durch den Pietismus. Demnach wird es am Ende der Äonen („Ewigkeiten“) schließlich eine Reinigung und Versöhnung aller Lebewesen geben, sogar des Teufels, sodass schließlich „Christus alles in allem“ ist und nichts und niemand von dieser „Wiederbringung aller Dinge“ (Apokatastasis panton, Apg 3, 21) ausgenommen bleibt. Diese von biblischem Ernst getragene (wenngleich der Lehre der Kirche – auch der lutherischen oder reformierten! – stets widersprechende) Auffassung sollte man gerechterweise nicht in eins werfen mit der modernen Vulgärform der Allversöhnungslehre, die einfach nicht mehr mit dem Gericht Gottes rechnet, sondern davon ausgeht, dass es genügt zu sterben, um auch (sofort) in den Himmel zu kommen, weil der barmherzige Gott ja ohnehin allen alles vergibt.

Sinkt die Hölle ins Nichts zurück?

Seit einigen Jahrzehnten breitet sich im Protestantismus – auch im evangelikalen Bereich – als mittlere Position zwischen Allversöhnung und der traditionellen Lehre vom „doppelten Ausgang“ der „Annihilationismus“ aus, also die Vorstellung, dass die Verdammten nicht ewige Qual leiden, sondern einfach mitsamt der Hölle ausgelöscht werden und auf diese Weise die biblische Verheißung erfüllt werde, dass am Ende alles in Christus vereint sein soll.

Chiliasmus, (Prä- und Post-)Millenarismus, Ganztod-Theorie, Leugnung des Purgatoriums, Allversöhnungslehre und Annihilationismus widersprechen zwar der Lehre der Kirche, wie sie seit dem frühen Mittelalter immer wieder von Konzilien und päpstlichen Entscheidungen bekräftigt wurde. Das darf freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele dieser Vorstellungen – wie jeder aufmerksame Beobachter weiß – auch schon längst in die katholische Kirche eingedrungen sind und eine Auseinandersetzung mit ihnen nötig und geboten erscheinen lassen.   

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2017
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Benedikt XVI. hat das Tor für eine neue Epoche geöffnet

Das Petrusamt in neuem Licht

Benedikt XVI. hat mit seinem Rücktritt im Jahr 2013 den petrinischen Dienst nicht verlassen. Dieser Ansicht ist kein Geringerer als Erzbischof Georg Gänswein, der Präfekt des Päpstlichen Hauses. Es gebe zwar nur einen Papst, nämlich dessen Nachfolger Franziskus, Benedikt jedoch habe mit seinem epochalen Schritt das Petrusamt erweitert und nehme nun auf kontemplative Weise daran teil, während Franziskus das Amt aktiv ausübe. Anlass für diese ungewöhnlichen Überlegungen zur kollegialen Dimension des petrinischen Dienstes war die Vorstellung des Buchs „Jenseits der Krise der Kirche“ über das Pontifikat Benedikts XVI. von Prof. Roberto Regoli am 20. Mai 2016 an der Päpstlichen Universität Gregoriana. Nachfolgend einige Auszüge aus der Rede von Erzbischof Gänswein nach der deutschen Fassung von CNA.  

Von Erzbischof Georg Gänswein

Beginn einer neuen Epoche

In all den Jahren durfte ich Papst Benedikt XVI. aus nächster Nähe als einen klassischen „homo historicus“ erleben, als einen Abendländer schlechthin, der den Reichtum der katholischen Tradition des Westens verkörperte wie kein Mensch sonst, der mir in den Sinn kommt – und der doch gleichzeitig so überaus kühn das Tor für einen neuen Abschnitt jener Zeitenwende geöffnet hat, wie es sich vor dem 11. Februar 2013 noch kaum einer vorstellen konnte. Seitdem leben wir in einer historischen Epoche, die in der 2000-jährigen Kirchengeschichte ohne Beispiel ist. Wie seit den Tagen des Petrus kennt die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche zwar auch heute immer noch nur einen einzigen rechtmäßigen Papst. Doch heute leben wir mit zwei lebenden Nachfolgern Petri unter uns – beide konkurrenzlos untereinander, doch beide mit einer außerordentlichen Präsenz! Hinzufügen dürfen wir noch, dass der Geist Joseph Ratzingers davor ja auch schon das lange Pontifikat des heiligen Johannes Paul II. entscheidend geprägt hat, dem er für fast ein Vierteljahrhundert treu als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre diente. Viele empfinden diese neue Situation heute immer noch als eine Art göttlichen Ausnahmezustandes.

Benedikt XVI. hat den Namen nicht zurückgegeben

Ich war ja dabei, als Benedikt XVI. am Ende seiner Amtszeit seinen Fischerring ablegte, wie es nach dem Tod eines Papstes üblich ist, obwohl er in diesem Fall selbst noch lebte! Ich war dabei, als er entschied, seinen Namen hingegen nicht mehr zurückzugeben. Er ist nicht mehr zu Joseph Ratzinger geworden, wie Papst Coelestin V., der am 13. Dezember 1294 nach wenigen Monaten im Amt wieder zu Pietro di Morrone wurde.

Seit dem 11. Februar 2013 ist das Papstamt deshalb nicht mehr, was es vorher war. Fundament der katholischen Kirche wird es bleiben. Doch diesen Grund hat Benedikt XVI. nachhaltig verändert in seinem Ausnahmepontifikat, von dem der nüchterne Kardinal Sodano gleich nach der überraschenden Rücktrittserklärung in einer ersten Reaktion überaus bewegt und fast fassungslos ausrief, die Nachricht habe „wie ein Blitz aus heiterem Himmel“ unter den versammelten Kardinälen eingeschlagen. Das war am Morgen jenes Tages, an dessen Abend tatsächlich ein kilometerlanger Blitz mit unglaublichem Getöse in die Spitze der Kuppel des Petersdoms über dem Grab des Apostelfürsten einschlug. Dramatischer ist wohl selten eine Zeitenwende aus dem Kosmos begleitet worden. Doch am Morgen dieses 11. Februar beendete Kardinaldekan Angelo Sodano seine Antwort auf die Erklärung Benedikts XVI. auch schon mit einer ersten und ähnlich kosmischen Einschätzung von dessen Pontifikat, als er am Ende sagte: „Gewiss, die Sterne des Himmels werden immer weiter funkeln und so wird auch immer der Stern Ihres Pontifikats unter uns leuchten.“

Der epochale Rücktritt war ein Schritt nach vorn

Ich muss gestehen, dass auch mir, als einem Zeugen aus nächster Nähe, für diesen spektakulären und unerwarteten Schritt Benedikts XVI. nur immer wieder neu jene berühmte und geniale Formel einfällt, mit der Johannes Duns Scotus im Mittelalter Gottes Ratschluss für die Unbefleckte Empfängnis der Gottesmutter begründete: „Decuit, potuit, fecit.“ Das heißt auf Deutsch: Es geziemte sich, weil es sinnvoll war. Er (Gott) konnte es, also tat er es. – Übertragen auf den Entschluss zum Rücktritt lese ich diese Formel so: Es geziemte sich, weil Benedikt XVI. gewahr wurde, dass ihm die nötige Kraft für das überschwere Amt abhanden kam. Er konnte es, weil er die Möglichkeit emeritierter Päpste für die Zukunft schon seit langem theologisch grundlegend durchdacht hatte. So tat er es dann.

Im Wesentlichen war der epochale Rücktritt des Theologenpapstes deshalb ein Schritt nach vorn, als er am 11. Februar 2013 auf Lateinisch vor den überraschten Kardinälen die neue Institution eines „Papstes emeritus“ in die katholische Kirche mit den Worten einführte, dass seine Kräfte nicht mehr ausreichten, „den Petrusdienst in angemessener Weise auszuüben“. Das Schlüsselwort dieser Erklärung ist der Begriff Munus Petrinum, der hier – wie meistens – als Petrusdienst übersetzt wurde. Doch das lateinische Munus hat eine vielfältige Bedeutung. Es kann Dienst, Aufgabe, Leitung oder Geschenk heißen bis hin zu Wunderwerk. Als Teilhabe an einem solchen „petrinischen Dienst“ aber verstand und versteht Benedikt seine Aufgabe vor und nach dem Rücktritt bis heute. Er hat seinen Stuhl geräumt, doch diesen Dienst hat er mit seinem Schritt vom 11. Februar 2013 eben nicht verlassen. Er hat das personale Amt stattdessen ergänzt um eine kollegiale und synodale Dimension, als einen quasi gemeinsamen Dienst, als wollte er damit auch noch einmal die immanente Einladung jenes Mottos wiederholen, das Joseph Ratzinger sich schon als Erzbischof von München und Freising gab und als Bischof von Rom natürlich beibehalten hat: „cooperatores veritatis“. Das heißt auf Deutsch „Mitarbeiter der Wahrheit“. Denn es ist kein Singular, sondern eine Pluralform, entnommen dem 3. Johannesbrief, wo es im Vers 8 heißt: „Darum sind wir verpflichtet, solche Männer aufzunehmen, damit auch wir zu Mitarbeitern für die Wahrheit werden.“

Erweitertes Amt mit aktivem und kontemplativem Teilhaber

Seit der Wahl seines Nachfolgers Franziskus am 13. März 2013 gibt es also keine zwei Päpste, aber de facto ein erweitertes Amt – mit einem aktiven und einem kontemplativen Teilhaber. Darum hat Benedikt XVI. weder den weißen Talar noch seinen Namen abgelegt. Darum ist seine korrekte Anrede auch heute noch „Heiliger Vater“ (in Italiano: Santità), und darum zog er sich auch nicht in ein abgelegenes Kloster zurück, sondern in das Innere des Vatikans – als sei er nur beiseitegetreten, um seinem Nachfolger und einer neuen Etappe in der Geschichte des Papsttums Raum zu geben, den er mit diesem Schritt bereichert hat um das Kraftwerk seines Gebets und Mitleidens in den Vatikanischen Gärten.

Kardinal Ratzinger hatte diesen „am wenigsten erwarteten Schritt im zeitgenössischen Katholizismus“ als eine Möglichkeit schon am 10. August 1978 in München in einer Predigt aus Anlass des Todes Pauls VI. öffentlich reflektiert. 35 Jahre später ist er dann selbst vor dem Petrus-Amt nicht geflohen, was ihm nach seiner irreversiblen Annahme des Amtes im April 2005 völlig unmöglich gewesen wäre. Er hat dieses Amt stattdessen erneuert und in einem Akt außerordentlichen Wagemutes (auch gegen wohlmeinende und durchaus kompetente Berater), und mit letzter Kraft, potenziert, wie ich hoffe. Dies kann aber nur die Geschichte erweisen.

Evangeliumsgemäße Vertiefung des Petrusamtes

Doch das wird bleiben in der Kirchengeschichte, in der der weltberühmte Theologe auf dem Stuhl Petri im Jahr 2013 zum ersten „Papa emeritus“ der Geschichte wurde. Seitdem ist seine Rolle – schon wieder – auch völlig anders als etwa die des heiligen Papstes Coelestin V., der nach seinem Rücktritt im Jahr 1294 wieder Eremit werden wollte und stattdessen Gefangener seines Nachfolgers Bonifaz VIII. wurde (dem wir heute die Einführung der Jubeljahre in der Kirche verdanken). Einen Schritt wie den von Benedikt XVI. hat es eben noch nie gegeben. Darum wundert wieder nicht, dass er darum von manchen als revolutionär empfunden wurde oder aber als überaus evangeliumsgemäß, während andere das Papsttum dadurch säkularisiert sehen wie nie zuvor und damit kollegialer und funktionaler oder auch einfach menschlicher und weniger sakral. Wieder andere sind der Ansicht, dass Benedikt XVI. das Amt mit diesem Schritt – theologisch und historisch-kritisch gesprochen – quasi entmythologisiert hat.

Christus und nicht der Papst ist Besitzer des Schiffleins Petri

Bei seiner letzten Generalaudienz am 27. Februar 2013 fasste der scheidende Papst auf dem Petersplatz sein Pontifikat zum Abschied unter unvergesslich makellosem, blauem Himmel in folgenden Worten zusammen: „Es war eine Wegstrecke der Kirche, die Momente der Freude und des Lichtes kannte, aber auch Momente, die nicht leicht waren; ich habe mich gefühlt wie Petrus mit den Aposteln im Boot auf dem See Genezareth: Der Herr hat uns viele Sonnentage mit leichter Brise geschenkt, Tage, an denen der Fischfang reichlich war, und es gab Momente, in denen das Wasser aufgewühlt war und wir Gegenwind hatten, wie in der ganzen Geschichte der Kirche, und der Herr zu schlafen schien. Aber ich habe immer gewusst, dass in diesem Boot der Herr ist, und ich habe immer gewusst, dass das Boot der Kirche nicht mir, nicht uns gehört, sondern ihm. Und der Herr lässt sie nicht untergehen; er ist es, der sie lenkt, sicherlich auch durch die Menschen, die er erwählt hat, denn so hat er es gewollt. Das war und ist eine Gewissheit, die durch nichts verdunkelt werden kann.“

Persönlich, muss ich gestehen, könnten mir bei diesen Worten jetzt noch die Tränen kommen, zumal ich aus nächster Nähe bezeugen kann, wie unbedingt Papst Benedikt die Worte des heiligen Benedikt für sich und seinen Dienst übernommen hat, gemäß denen der „Liebe zu Christus nichts vorzuziehen ist“ (nihil amori Christi praeponere), wie es in jener Regel heißt, wie sie uns von Papst Gregor dem Großen überliefert wurde. Als Zeitzeuge aber bin ich jetzt noch fasziniert von der Präzision dieser letzten Analyse auf dem Petersplatz, die so poetisch klang und doch nichts anderes als prophetisch war. Denn es sind ja Worte, die heute auch Papst Franziskus ohne weiteres sofort unterschreiben könnte und würde. Nicht die Päpste, sondern Christus, der Herr selbst und kein anderer ist der Besitzer des Schiffleins Petri in den sturmgepeitschten Wellen, wo wir immer wieder neu befürchten, der Herr sei eingeschlafen und er nehme keinen Anteil an unserer Not – der doch jeden Sturm mit einem einzigen Wort zum Verstummen bringen kann, wo uns allerdings mehr als die hohen Wellen und das Heulen des Windes wohl vor allem unser Unglaube, unser Kleinglaube und unsere Ungeduld immer wieder neu in Panik versetzen.    

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2017
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Großer Wallfahrtstag am 13. Mai 2017 in München

100 Jahre Patrona Bavariae

„Ganz Bayern feiert! Am 13. Mai 2017 feiern wir die stärkste Frau Bayerns!“ So lädt die offizielle Webseite der Erzdiözese München und Freising zur großen Sternwallfahrt auf den Münchener Marienplatz anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Festes Patrona Bavariae ein. Mit einem Wallfahrtsreigen durch die bayerischen Diözesen wurde das Fest seit dem Jahr 2011 vorbereitet. Nun findet der mehrjährige Pilgerweg an der Mariensäule seinen feierlichen Abschluss.   

Von Werner Schiederer

Mitten im Leben

Das außerordentliche Glaubensfest, das am 12. und 13. Mai 2017 in der Münchener Innenstadt gefeiert wird, steht unter dem Leitgedanken: „Mit Maria auf dem Weg – mitten im Leben“. Reinhard Kardinal Marx, der Erzbischof von München und Freising, erklärt ihn mit den Worten:

„Maria fasziniert die Menschen über alle Zeiten hinweg. Was ist das Besondere an ihr, so dass wir sie mitten im Leben anrufen, sie bitten, ihr vertrauen? Sie verbindet Menschen und Gott: Denn Maria hat eine besonders innige Beziehung zu ihrem göttlichen Sohn und wir können an ihr erkennen, wie dies das Leben grundlegend ändert.

Und zugleich war ihr, als einer Frau aus dem einfachen Volk, kein menschliches Problem fremd: Jung und ohne Ehemann wurde sie schwanger, sie musste ihr Kind in einer Behelfsunterkunft zur Welt bringen, war mit ihrer kleinen Familie auf der Flucht, hatte ihre Familie zu versorgen wie jede andere Frau, ertrug Spannungen, sah ihren Sohn leiden und sterben.

Die Art, in der Maria Krisen und Herausforderungen ihres Lebens meisterte, ohne je ihr Vertrauen in Gott zu verlieren, macht sie zu einem großen Vorbild, das unserem Leben nahe sein kann. Darum wenden sich Menschen seit jeher mit ihren Sorgen, in Not und Leid, an sie. Bei Maria finden sie Trost, Zuwendung und spüren sie Gottes Nähe. Sie ist die große Zeugin der Menschennähe und Menschenfreundlichkeit Gottes. Bitten wir gemeinsam Maria, die Patronin Bayerns, um ihren Schutz für alle Menschen, die sich mit ihr auf den Weg machen, Gott zu suchen und zu finden – mitten im Leben.“

Geschichtlicher Hintergrund

An der Stelle des heutigen Freisinger Doms stand die am frühesten bezeugte Marienkirche in Bayern. Als der heilige Korbinian um das Jahr 724 nach Freising kam, war diese Kirche auf dem Burgberg bereits vorhanden. Das Patrozinium wurde am Fest Maria Geburt, also am 8. September, gefeiert.

Unzählige Kirchen und Kapellen in Bayern sind der Gottesmutter geweiht. Einen großen Anteil an der alteingewurzelten Marienverehrung hatte das bayerische Herrscherhaus der Wittelsbacher. So hat Kaiser Ludwig der Bayer (1314-1347) beispielsweise Ettal gegründet.

Im Zeitalter der Reformation proklamierte Herzog (seit 1623 Kurfürst) Maximilian I. (1597-1651) Maria in spezieller Weise als Patronin seines Landes. In tiefer persönlicher Frömmigkeit fühlte er sich ganz als Diener Mariens, die er als die eigentliche Regentin seines Landes betrachtete.

1610 ließ er eine Medaille prägen, die Maria als Schutzherrin über der Landeshauptstadt zeigt, begleitet von dem Gebetsruf „Sub tuum praesidium“ (Unter deinen Schutz).

1616 – während sich die Konflikte zwischen den Konfessionen im Vorfeld des Dreißigjährigen Kriegs bedrohlich zuspitzten – wurde in einer Nische an der Fassade der Münchener Residenz eine überlebensgroße Bronzestatue aufgestellt. Sie zeigt die gekrönte Gottesmutter, auf der Mondsichel stehend, in der Linken das Zepter, im rechten Arm das Christuskind, das sich allen segnend zuwandte, die vom nahen Schwabinger Tor her in die Stadt kamen. Ein Schild darüber trägt die Inschrift „Sub tuum praesidium confugimus, sub quo secure laetique degimus“ (Unter deinen Schutz fliehen wir, unter dem wir sicher und froh leben). Die Bezeichnung zu Füßen der Madonna stammte vom Herzog selbst: „Patrona Boiariae“. Damit erklärte er Maria zur Schutzherrin seines Herzogtums; vielleicht meint die humanistische Namensform „Boiariae“ sogar das weit darüber hinaus reichende alte bayerische Stammesgebiet. Unter der Figurennische brennt ein Ewiges Licht.

Auch der vom Herzog gestiftete barocke Hochaltar der Frauenkirche wurde 1620 der Patronin Bayerns geweiht – zum Dank für den Sieg des bayerischen Heeres in der Schlacht am Weißen Berg.

Die Mariensäule in München

1637/38 ließ Kurfürst Maximilian auf dem Münchener Schrannenplatz (seit 1854: Marienplatz) die Mariensäule errichten, in Dankbarkeit für die Bewahrung der beiden Hauptstädte München und Landshut vor der Plünderung durch die Schweden. Der Kurfürst selbst sprach die Weiheformel an die „gütigste Herrin Bayerns und mächtigste Schützerin“. Die Mariensäule wurde Ort zahlreicher Andachten und Ziel von Prozessionen. Sie war symbolischer Mittelpunkt des Landes, von dem aus die Entfernung der Orte gemessen wurde. Nachahmung fand sie nicht nur im nahen Freising (errichtet 1674 durch Fürstbischof Albrecht Sigmund von Bayern), sondern zuvor schon in Wien (1645) und Prag (1650).

Kurz vor dem Ende der bayerischen Monarchie, in den Nöten des Ersten Weltkriegs, richtete König Ludwig III. (1913-1918) zusammen mit seiner Gemahlin Marie Therese an Papst Benedikt XV. die Bitten, „1. dass die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria als Patronin der Bayern durch den Apostolischen Stuhl erklärt werde, 2. dass ein besonderes Fest dieser Jungfrau Maria unter dem Titel Patrona Bavariae alljährlich im Marienmonat, am 14, Mai, in ganz Bayern gefeiert werden dürfe unter einem entsprechenden Ritus und mit einem besonderen Offizium“. Durch Dekret der Ritenkongregation genehmigte der Papst dies am 26. April 1916. Am 14. Mai 1916 wurde das Fest in München erstmals begangen, 1917 in allen bayerischen Diözesen. Gemäß Beschluss der Freisinger Bischofskonferenz von 1970 ist der Festtermin nun am 1. Mai und bildet so den Auftakt zum Marienmonat.

Maria als Schutzfrau Bayerns ist auf der Mariensäule – in Anlehnung an die apokalyptische Frau der Bibel (Offb 12,1) – auf der Mondsichel stehend dargestellt. Sie ist gekrönt, hält ein Zepter und auf ihrem Arm das segnende „Jesuskind“.

Der Wallfahrtsreigen

Das Jubiläum wurde mit einem Wallfahrtsreigen durch die bayrischen Diözesen vorbereitet, der bereits viel in Bewegung brachte und zu einer reichen Erfahrung an kirchlicher Gemeinschaft und Glaubensfreude führte.

Den Anfang machte die Diözese Passau unter dem Motto „Mit Maria auf dem Weg“. Am 7. Mai 2011 kamen 10.000 Gläubige nach Altötting, davon über 7.000 Personen zu Fuß. Zum Teil waren die Pilger drei Tage unterwegs. Für die Diözese Passau erneuerte Bischof Wilhelm Schraml die Weihe an Maria. Damit erhielt die Wallfahrt der Diözesanjugend einen besonderen Akzent.

Die zweite Etappe führte am 1. Mai 2012 in das Erzbistum Bamberg. Über 1.500 Gläubige pilgerten nach Vierzehnheiligen. In Anlehnung an das 1000-jährige Domjubiläum, das in Bamberg gefeiert wurde, lautete das Motto „Mit Maria dem Himmel entgegen“. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, der die Erzdiözese der Fürsprache Mariens anvertraute, erinnerte daran, dass „Maria die Mittlerin sei, um mit Christus zusammenzufinden.“ Das Zweite Vatikanische Konzil betone ebenfalls die Marienverehrung. „Durch Maria kommen wir zu Christus – dem Himmel entgegen“, so der Bamberger Oberhirte.

Die dritte Diözese war Regensburg. Am 1. Mai 2013 kamen mehr als 8.000 Pilger auf den Bogenberg an der malerischen Donauschleife. Die meisten von ihnen gingen gemeinsam in einer langen Reihe den gewundenen Weg vom Ort Bogen herauf. Auf dem Bogenberg wird seit dem 13. Jahrhundert ein Abbild Mariens in der guten Hoffnung – also einer schwangeren Maria – verehrt. Deshalb lautet das Motto für die diesjährige zentrale Pilgerfahrt „Mit Maria voll Hoffnung leben“. Nach dem Gottesdienst im Freien wurde das Weihegebet von Bischof Rudolf Voderholzer mit allen bayerischen Bischöfen in der Wallfahrtskirche gebetet.

Die Diözese Würzburg wählte als Ort Retzbach am Main. Unter dem Motto „Mit Maria unterwegs – einmütig im Gebet“ versammelten sich am 17. Mai 2014 rd. 6.000 Pilger. Würzburgs Bischof Friedhelm Hofmann erneuerte die Weihe der Diözese an die Gottesmutter: „Dich, o Mutter Maria, erwählen wir heute aufs Neue als unsere Schutzfrau und Schirmherrin.“

Das fünfte Pilgerziel war am 9. Mai 2015 das Bistum Augsburg unter dem Leitwort „Mit Maria auf dem Weg – ein Ja, das befreit“. Die „Wallfahrt zur Knotenlöserin“ führte in die Kirche St. Peter im Perlach, direkt gegenüber dem Rathaus gelegen. In diesem Gotteshaus befindet sich die Darstellung Mariens, wie sie Knoten in einem Band löst. Nach dem Pontifikalgottesdienst im Augsburger Mariendom – der auch ins Freie übertragen wurde – zogen über 4.000 Gläubige in einer langen Prozession zum Rathausplatz. Zum Abschluss des Wallfahrtstages nahm Bischof Konrad Zdarsa vor dem Bild der „Maria Knotenlöserin“ die Weihe des Bistums Augsburg und Bayerns an die Gottesmutter vor.

Die sechste Etappe war schließlich das Bistum Eichstätt. Am 7. Mai 2016 kamen unter dem Motto „Mit Maria auf dem Weg – offen für Gottes Wort“ 4.500 Pilger auf dem Residenzplatz zum Pontifikalgottesdienst zusammen. Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke begrüßte neben allen bayerischen (Erz-)Bischöfen und Weihbischöfen auch Erzbischof Simon Ntamwana aus Gitega in Burundi und Bischof Valerian D’Souza aus Poona in Indien. Ebenso nahm der koptisch-orthodoxe Bischof Anba Damian als Gast am Gottesdienst teil. Unter den Ehrengästen war Herzog Franz von Bayern, der dem Haus Wittelsbach vorsteht. Nach der Eucharistiefeier lud Bischof Gregor Maria Hanke dazu ein, sich der Weihe des Bistums Eichstätt und Bayerns an die Gottesmutter anzuschließen, die vor dem Gnadenbild der „Dreimal Wunderbaren Mutter“ vollzogen wurde.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2017
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Wie Takashi Nagai den Atombombenabwurf erlebte

Ein Lied für Nagasaki

Am 1. Mai 1951 starb Paul Takashi Nagai im Alter von 43 Jahren infolge überhöhter Strahlung an Leukämie. Er war japanischer Radiologe in Nagasaki und hatte den Atombombenabwurf am 9. August 1945 überlebt. Bis zu seinem Tod verfasste er zahlreiche Schriften und setzte sich für Frieden und Versöhnung ein. Aus einer shinotoistischen Familie stammend war er als Medizinstudent zunächst Atheist geworden, hatte aber in einer christlichen Familie Quartier bezogen und durch sie den Weg zum katholischen Glauben gefunden. Später heiratete er deren tiefgläubige Tochter Midori, der er kurz vor einem Blinddarmdurchbruch das Leben gerettet hatte.

Diesem japanischen Arzt widmete der aus Australien stammende Maristenpater Paul Glynn (geb. 1928) das Buch: „Ein Lied für Nagasaki. Über das Leben von Takashi Nagai“. Es erschien 1988 in englischer Sprache und vergangenes Jahr auch auf Deutsch.[1] P. Glynn arbeitete 25 Jahre lang als Missionar in Japan und zog für sein Buch die autobiographischen Schriften von Nagai heran. Von der Kirche wurde Takashi Nagai inzwischen als „Diener Gottes“ anerkannt. Doch er galt bereits zu Lebzeiten als Heiliger. Denn nach dem Krieg, als er bettlägerig geworden war, führte er ein intensives Leben des Gebets und der Verkündigung. Nachfolgend Auszüge aus dem bewegenden Buch.   

Von Von P. Paul Glynn S.M.

Atombombenabwurf über Nagasaki

Major „Chuck“ Sweeney hatte einen extrem riskanten Start vor Sonnenaufgang gehabt, beladen, wie der Bomber war, mit der 4,5 Tonnen schweren Atombombe Fat Man („Dicker Mann“ – Deckname des Mk.3-Kernwaffen-Designs). Nun waren sie über ihrem vorrangigen Ziel, der Stadt Kokura. Er hatte dreimal über der hoffnungslos bewölkten Stadt gekreist, als er eine schockierende Entdeckung machte: Die zusätzliche Benzinleitung war blockiert. Wenn sie die Bombe nicht bald abwerfen würden, kämen sie nie mehr nach Hause. Er wendete sein Flugzeug nach Südwesten in Richtung ihres zweitens Zieles: „Nagasaki, Stadtgebiet“. Seine B-29 flog kurz vor elf Uhr morgens über Shimabara. Ein Radiosprecher sah dies und sendete aufgeregt eine Warnung. Die Menschen in Nagasaki, die ihn hörten, rannten schnell in ihre Schutzbunker. Einige Momente später sahen Sweeney und seine Mannschaft Nagasaki direkt unter sich durch eine Öffnung in der Wolkendecke und sie erkannten sofort den Urakami-Fluss und den Sportplatz von Matsuyama. Das hieß, sie waren mehr als drei Kilometer nordwestlich von ihrer geplanten Abwurfstelle entfernt, doch die Zeit war abgelaufen. Der Berufsoffizier Kermit löste die Bombe aus. Es war gerade elf Uhr morgens, als Fat Man auf die Stadt mit den 200.000 Seelen hinabstürzte, von denen mehr als 70.000 sterben sollten, viele davon ohne eine Spur von sich zu hinterlassen.

Die Bombe aus Plutonium-239 explodierte in Nagasaki mit einer Kraft, die mit 22.000 Tonnen konventionellem Sprengstoff vergleichbar ist, doch mit enormen Unterschieden. Abgesehen von der tödlichen Strahlung der Atombombe entstand eine intensive Hitze, die am Explosionszentrum mehrere Millionen Grad Celsius erreichte. Die gesamte Masse der riesigen Bombe war ionisiert und erzeugte einen Feuerball, der die Luft um sie erhellte und ultraviolette Strahlung und Infrarotstrahlen abgab. Dies verursachte noch knapp einen Kilometer vom Epizentrum entfernt Wölbungen auf den Dachziegeln. Menschliche Haut, die dieser Strahlung ausgesetzt war, wurde noch in vier Kilometern Entfernung versengt. Elektrische Straßenlaternen, Bäume und Häuser wurden durch die Druckwelle in einem Umkreis von dreieinhalb Kilometer völlig verkohlt. Die Geschwindigkeit der Druckluft, die vom Epizentrum ausging, betrug mehr als 1,6 Kilometer pro Sekunde, das war sechzig Mal schneller als der größte Wirbelsturm. Dies erzeugte im Epizentrum ein Vakuum. Ein weiterer Wirbelsturm bewegte sich in die umgekehrte Richtung, angezogen von diesem Vakuum, und nahm dabei riesige Mengen Staub, Schmutz, Schutt und Rauch mit, die die aufsteigende Pilzwolke verdunkelten.

Das Unheil bricht über Nagai herein

Dr. Nagai hatte den Luftschutzbunker des Krankenhauses verlassen, als am 9. August um zehn Uhr das Entwarnungssignal ertönte. Er zog seinen Stahlhelm und die schwere Montur des Luftschutzhelfers aus und war froh, wieder frische Luft zu atmen und Sonnenlicht zu sehen. Für einen Moment blieb er stehen und erlaubte seinen müden Augen, die roten Blüten des Oleanders und des Blumenrohrs (Canna) zu bewundern, die im Garten des Krankenhauses blühten, sowie das dunkle Violett der Ziegeldächer aufzunehmen. Er schaute hinunter in die Bucht von Nagasaki, die wunderschön vom sommerlichen Grün des Inasa-Berges und den reinen, weißen Wolken umrahmt wurde, die über dem blauen Himmel schwebten. So friedlich sah die Landschaft aus und was für ein Kontrast zu der vom Krieg zerrissenen Welt, dachte er, und dabei kam ihm ein Sprichwort des alten chinesischen Dichters Tohō in den Sinn: Kuni yaburete sanga ari („Obwohl die Nation zerstört ist, bleiben die Berge und Flüsse bestehen“). Doch die Arbeit wartete auf ihn! Mit Bedauern wendete er seinen Blick von der immer wieder erfrischenden Schönheit der Natur ab und eilte zurück ins Krankenhaus. Eine Stunde später saß er in seinem Büro und bereitete eine Vorlesung vor.

„Es war kurz nach elf Uhr, als es einen grellen Lichtblitz gab. Ich dachte: Eine Bombe ist direkt vor den Eingang der Universität gefallen! Ich wollte mich sofort auf den Boden werfen, doch noch bevor ich dies tun konnte, splitterte das Fensterglas und flog mit einem furchterregenden Geräusch nach innen. Eine riesige Hand schien mich zu packen und schleuderte mich drei Meter weit. Glasscherben flogen umher wie Blätter in einem Wirbelwind. Meine Augen waren geöffnet und ich konnte einen Blick nach draußen werfen – Bretter, Balken und diverse Kleidungsstücke vollführten einen irrwitzigen Tanz in der Luft. Auch sämtliche Gegenstände in meinem eigenen Zimmer hatten sich diesem Tanz angeschlossen und ich spürte, dass das Ende gekommen war. Mein rechtes Auge wurde von einer Glasscherbe getroffen und das warme Blut floss mir die Wangen und den Nacken hinunter. Die gigantische unsichtbare Faust rastete aus und zertrümmerte alles in meinem Büro. Diverse Gegenstände fielen auf mich und ich hörte dabei ganz seltsame Geräusche – wie Berge, die sich vor- und zurückbewegten. Dann wurde es stockfinster, als ob das Stahlbetongebäude des Krankenhauses ein Schnellzug wäre, der gerade in einen Tunnel raste. Bis dahin hatte ich noch keinen Schmerz verspürt, doch nun wurde mein Herz von Panik erfasst, als ich knisternde Flammen hörte und beißenden Rauch roch. Ich war mir meiner Sünden bewusst, besonders der drei, die ich am Nachmittag beichten wollte, und ich richtete meine ganze Aufmerksamkeit auf den Herrn, unseren Richter, und bat ihn um Vergebung.“

Nagai murmelte: „Midori, das ist das Ende; ich sterbe.“ Doch dieser Krankenhauszug auf Rädern schoss wieder aus dem Tunnel heraus und er konnte sehen, zumindest mit dem linken Auge. Das umherfliegende Glas hatte die Arterie an seiner rechten Schläfe verletzt und das Blut spritzte überallhin und bedeckte auch sein rechtes Auge. Nagai versuchte sich zu bewegen, doch er war unter all dem Schutt eingeklemmt. Die Temperatur fiel sehr stark und eine eiskalte Furcht durchflutete sein Herz: Lebendig begraben zu sein? Was für ein bizarrer Tod! Er versuchte erneut aufzustehen, doch er stellte fest, dass er in einem Meer aus zerbrochenem Glas gefangen war. Eine Schicht lag direkt unter seinem Gesicht, sodass er nur liegen bleiben und laut „Hilfe, Hilfe“ rufen konnte.

Die Befreiung aus den Trümmern

Schwester Hashimoto befand sich nebenan im Röntgenzimmer. Gegen die Wand gedrückt und von einem fest verankerten Schrank abgeschirmt, beobachtete sie, wie die beweglichen Gegenstände im Raum durcheinandergewirbelt wurden. Als es wieder ruhig wurde, ging sie ans Fenster, blickte hinaus und taumelte zurück. Das Häusermeer unter ihnen war verschwunden! Das strahlende, sommerliche Grün auf dem Inasa-Berg gegenüber der Bucht war weg. Übrig geblieben war nur noch eine rote Fläche. Egal, wohin sie auch blickte, überall waren das Gras und die Bäume verschwunden. Alles schien blank und öde zu sein. Sie schaute hinunter zum Haupteingang und musste würgen, als sie nackte Körper sah, die durcheinander in den Trümmern auf dem verwüsteten Gelände lagen. Es war kein einziges Geräusch zu hören.

War die ganze Welt tot? Sie bedeckte ihre Augen mit den Händen, um den Horror auszublenden. „Ich sehe die Hölle! Die Hölle!“, schrie sie innerlich auf. Sie öffnete ihre Augen erneut, doch es sah immer noch wie in Dantes Inferno aus. Dann begann sich Dunkelheit über alles herabzusenken, als ob diese sämtliche Hoffnungen verhüllen wollte, und die siebzehnjährige Krankenschwester war sich sicher, dass ihr Ende nahte. Sie begann krampfhaft zu zittern und wimmerte wie ein kleines Kind. Plötzlich hörte sie Worte, die sie wie zwei Schläge ins Gesicht trafen und sie daran erinnerten, dass sie erwachsen war: „Hilfe, Hilfe!“ Es war Dekan Nagai! Sie versuchte, in sein Zimmer zu kommen, doch der Weg war durch die zertrümmerten Gerätschaften hoffnungslos blockiert, und ihr wurde bewusst, dass sie Hilfe brauchte. Während sie sich durch den unbeleuchteten Flur vorwärtstastete, stieß sie auf etwas Weiches. Sie bückte sich und ihre Hand wurde feucht und klebrig. Sie fand einen Arm und suchte nach dem Puls. Da war keiner mehr. Nachdem sie ihre Hände zu einem kurzen Gebet gefaltet hatte, ging sie weiter. Plötzlich durchbrach ein Licht von roten Flammen die Dunkelheit. Heftig knackende Geräusche sagten ihr, dass sie sich beeilen musste. Die Atombombe hatte dieses Krankenhaus aus Stahlbeton, das etwa 800 Meter vom Epizentrum entfernt stand, zwar nicht dem Erdboden gleichgemacht, doch 80 Prozent der Patienten und Mitarbeiter waren umgekommen. Die Röntgenabteilung lag im südöstlichen Teil und war deshalb maximal geschützt gewesen. Schwester Hashimoto spürte fünf Mitarbeiter des Röntgenteams auf und ging mit ihnen zurück. Sie bildeten eine menschliche Leiter, stiegen durch das Fester ein und befreiten Dr. Nagai.

Retten, was zu retten ist

Seine Kriegserfahrung in China leistete ihm nun gute Dienste und seine Ruhe beruhigte auch die anderen. Zusammen gingen sie auf die Suche nach den übrigen Mitarbeitern der Abteilung und sie waren schockiert, als sie entdeckten, dass viele von ihnen tot waren. Ihre Körper waren aufgedunsen und ihre Haut hatte sich geschält wie bei überreifen Pfirsichen. Andere begannen sich zu bewegen und schon bald hörte man ein herzzerreißendes Geschrei: „Mizu, Mizu! (,Wasser, Wasser!‘) Ich verbrenne. Gebt mir Wasser. Schüttet Wasser über mich. Mizu, Mizu!“ Nagai war sprachlos und er konnte auch nicht klar denken. Deshalb blickte er um sich und betrachtete die Gesichter der anderen. Er sagte zu sich selbst: Nein, wir dürfen nicht in Panik verfallen, doch wenn wir untätig bleiben, werden wir verbrennen.

Vor dem Krankenhaus war ein nervenzehrendes Chaos ausgebrochen. Körper hingen kopfüber auf Steinwänden und Zäunen, Köpfe und Gliedmaßen fehlten ihnen. Eine wild dreinblickende Mutter rannte vorbei und klammerte sich an ein Kind, dessen Kopf fehlte, während zwei Kinder ihren Vater den Hügel hinaufzogen. Über der Straße tanzte ein Mann auf dem Dach eines brennenden Hauses und sang dabei – er war wahnsinnig geworden. Ein heiteres altes Paar ging Hand in Hand den Hügel hinauf und ließ das tosende Flammenmeer hinter sich. Doch Nagai und seine Gruppe konnten nur hilflos dastehen, während sich die Flammen überall im Krankenhaus ausbreiteten. Weitere Mitarbeiter der Röntgenabteilung schlossen sich ihnen an und einer fragte: „Sollen wir versuchen, die Geräte herauszuschleppen?“ „Nein“, antwortete Nagai, „vergesst es. Es gibt Stationen, auf den Patienten in der Gefahr sind, bei lebendigem Leib zu verbrennen. Geht zuerst dorthin. Geht!“

Er selbst rannte hinunter zu dem unterirdischen Not-OP. Die Rohre waren geborsten und überall floss Wasser herum. Instrumente, Medikamente und Bahren waren zerschmettert und lagen in einem totalen Chaos verstreut. „Ich fühlte mich wie eine Mücke mit herausgerissenen Beinen.“ Er wusste, dass sie den Tiefpunkt erreicht hatten, und dachte: Alles, was wir noch haben, ist unser Wissen, unsere Liebe und unsere bloßen Hände. Er ging wieder nach oben und schaute unbehaglich die merkwürdige Pilzwolke an, die unheilvoll über Nagasaki schwebte. In der Zwischenzeit hatten seine Schwestern nasse Handtücher über ihre Gesichter gebunden und waren in die mit Rauch gefüllten Stationen gestürzt, um die Patienten herauszuholen. Es war inzwischen Nachmittag geworden.

Als Nagais Schläfenarterie durch das umherfliegende Glas verletzt wurde, war das Blut zuerst „wie rote Tinte aus einer Wasserpistole“ geschossen. Seine Mitarbeiter hatten die Wunde tamponiert und ihm einen festen Verband angelegt. Dieser stoppte die Blutung jedoch nicht und nun war er ein Mann, der einen roten Turban trug. Der Westwind trieb das Feuer näher zu dem Ort, an dem die geretteten Patienten auf dem Boden lagen. Nagai rief: „Schnell, bringt sie weiter den Hügel hinauf.“ Er selbst brachte zwei von ihnen in Sicherheit, doch dann begannen seine Beine nachzugeben. Die Oberschwester Hisamatsu packte ihn am Arm, um seinen Puls zu messen, und keuchte, als sie die Auswirkungen des Blutverlusts und der Leukämie bemerkte. Seine Mitarbeiter zwangen ihn, sich hinzusetzen, während sie die Evakuierung der Patienten zu Ende führten. Als seine Brust sich nicht mehr so schnell hob und senkte, schaute er umher und sah, dass jede Form von Organisation zu zerfallen drohte. Immer mehr Menschen kamen aus der Stadt unter ihnen, weil sie dachten, dass sie Hilfe bekämen, wenn sie es bis zu dem großen Krankenhauskomplex schaffen würden. Nichts konnte weiter von der Wahrheit entfernt sein – das Personal konnte sich hier kaum um die eigenen Patienten kümmern und Panik breitete sich langsam auf ihren Gesichtern aus.

Wenn in der Vergangenheit Schwieriges zu bewältigen war, hatte Nagai stets Trost und Ermutigung bei Mutter Natur gefunden. Nun war er entsetzt, als er entdeckte, dass die Bombe sogar diese durcheinandergebracht hatte. Schwarzer Regen begann zu fallen, große Tropfen, die dunkle, schlimme Flecken hinterließen. Die Luft roch ebenfalls schlecht. Die weitreichenden Brände, die Sauerstoff verbrauchten, stießen so viel Kohlenstoffdioxyd aus, dass Nagai und seine Mitarbeiter wie Hunde hechelten und nach Atem rangen. Es war nun vier Uhr nachmittags, fünf Stunden nach der verhängnisvollen Explosion, und die Feuer brannten immer noch überall heftig. Die Patienten stöhnten, einige vor Schmerz, andere vor Schreck, doch die Krankenhausmitarbeiter konnten nur wenig für sie tun, außer die Glassplitter oder Holz- und Zementstückchen zu entfernen, häufig mit einfachen Instrumenten. Dann trugen sie ein wenig Jod auf und verbanden die größeren Wunden. Sie holten große Wassermengen aus Brunnen und einem nahe gelegenen Bergbach, in dem Versuch, die Schreie nach Mizu, Mizu zu stillen.

„Midori, vergib mir!“

Nagais Augen füllten sich mit Tränen, als er den Präsidenten der Universität fand, der elend auf einem Feld lag, sein weißer Kittel mit schwarzem Regen verunreinigt. Er gab dem apathischen Präsidenten einen kurzen Bericht und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Als er den Röntgentechniker Umezusan fand, der zusammengekrümmt und völlig durchnässt auf dem Boden lag, zog Nagai seinen Mantel aus und bedeckte ihn damit. Seit der Mittagszeit, als Nagai erkannt hatte, dass der gesamte Vorort von Urakami brannte, hatte er einen großen Drang verspürt, dorthin zu laufen und nach Midori zu suchen. Doch er wusste, dass dies völlig falsch wäre. Er war eine der wenigen Autoritätspersonen, die noch auf den Beinen war, und die Situation verschlimmerte sich immer mehr, da viele Menschen von den Vororten heraufwankten. Er warf diesen Menschen von Zeit zu Zeit verstohlene Blicke zu, da er hoffte und betete, dass Midori sich unter den Flüchtenden befinden möge. Doch es wurde sechzehn Uhr und von Midori war immer noch keine Spur in Sicht. Da überfiel ihn eine große Niedergeschlagenheit. Er hielt in seiner Tätigkeit inne und blickte nach Urakami hinunter. Alles, was dort jetzt noch zu sehen war, waren die beschädigten Mauern der Kathedrale sowie schwarze Betongerippe, die von einigen öffentlichen Gebäuden stammten. Das gesamte Gebiet um sein Haus war platt gewalzt, eine rauchende Wüste aus Asche. In diesem Moment traf ihn die Gewissheit über ihren Tod wie ein Schlag in den Magen. Sein Verstand und sein Körper waren bereits über dem Limit, das man normalerweise ertragen konnte. Plötzlich gaben seine Beine nach und er knickte ein. Während er auf die Erde sank, hörte ein Kollege ihn murmeln: „Sie wäre jetzt schon gekommen. Sie ist tot, sie ist tot. Midori!“ Mit einer Hand zerdrückte er geistesabwesend eine Handvoll Erde und dann wurde er ohnmächtig, vor allem aufgrund des hohen Blutverlusts. Er erlangte sein Bewusstsein wieder, als Professor Fuse nervös rief: „Faden. Pinzette. Verbandmull. Verband. Pressen Sie … das Ende der Arterie ist hinter den Knochen gerutscht!“ Nagai wurde wieder ohnmächtig, doch die Blutung war gestoppt worden. Als er das nächste Mal seine Augen öffnete, schaute er auf eine Mondsichel über dem kargen, entblößten Inasa-Berg.

Als der 11. August heraufdämmerte, trafen die Ärzte und Schwestern aus dem Militärkrankenhaus ein, um die Verantwortung zu übernehmen. Nagai war endlich frei, um über seine eigene Familie nachzudenken. Seine Kinder und die Großmutter waren an dem Ort in den sechs Kilometer entfernten Bergen sicher. Doch Midori! Während er den Abhang hinunter auf die Aschenwüste zustolperte, die einstmals Urakami war, wurde seine Seele von Reue durchflutet, weil er ihr nicht sofort zu Hilfe geeilt war, nachdem man ihn aus dem Schutt in seinem Büro befreit hatte. Er war nun mittlerweile in der Nähe seines Hauses angekommen, wo die Strahlung sehr viel höher sein konnte, doch er war entschlossen, dafür zu sorgen, dass sie zumindest anständig unter dem Kreuz im Familiengrab bestattet wurde. Mit einigen Schwierigkeiten fand er das Haus. Es stand in einem Bereich, in dem nichts anderes mehr als zerbrochene Dachziegel und weiße Asche vorhanden waren. Was war das für ein schwarzer Klumpen dort drüben? Es war Midori! Von ihrem Schädel, ihren Hüften und ihrem Rückgrat war kaum mehr als Kohle übrig geblieben. Er konnte erkennen, dass sie in der Küche gestorben war, die sie so geliebt hatte. Schluchzend hob er einen von der Hitze verbeulten Eimer auf und kniete sich nieder, um ihre Knochen einzusammeln. Was war das für ein mattes Glitzern zwischen den pulverisierten Knochen ihrer rechten Hand? Auch wenn die Perlen zu einem Klümpchen zusammengeschmolzen waren, erkannte er an der Kette und dem Kreuz, dass es sich um den Rosenkranz handelte, den sie so oft durch ihre Finger hatte gleiten lassen. Er neigte seinen Kopf und schluchzte: „Teuerster Gott, danke, dass du ihr erlaubt hast, betend zu sterben. Schmerzensmutter, danke, dass du in der Stunde ihres Todes bei der treuen Midori warst.“ Als er die Knochen vorsichtig in den Eimer gelegt hatte, murmelte er: „Ach, gnädiger Jesus, unser Retter, du hast einst Blut geschwitzt und das schwere Kreuz zum Kalvarienberg zu deiner Kreuzigung getragen. Und nun hast du ein friedliches Licht in das Geheimnis von Leid und Tod geworfen, in Midoris und in mein eigenes.“ Er stand auf und ging langsam zum Akagi-Friedhof. Plötzlich überwältigten ihn die Gefühle und er hielt an und schaute auf die klägliche Last in dem Eimer hinunter: „Midori, diese heimlichen Wallfahrten, die du früh am Morgen zum Hongochi-Kloster gemacht hast, um für mich zu beten, sind nun vorüber. Vielen Dank dafür – und danke für die unzähligen kleinen Freundlichkeiten. Vergib mir! Vergib mir, dass ich es als selbstverständlich angesehen habe. Du bist zu Hause geblieben, während ich egoistisch meinen Studien nachgegangen und befördert worden bin. Vergib mir, dass ich nicht sofort zu dir gekommen bin, als du gestorben bist. Bitte vergib mir!“ Er ging wieder weiter, doch er stolperte über Schutt, und die Knochen klapperten im Eimer. Er hatte das außergewöhnliche Gefühl, dass das Geräusch der Knochen die Worte formte: „Nein, vergib mir. Ich sollte dich um Vergebung bitten.“ Er wusste, dass dies eine Illusion war, doch seine lebhafte Erinnerung an ihre übliche Großzügigkeit und Bereitschaft, mehr als die Hälfte auf sich zu nehmen, ließ es fast glaubhaft erscheinen, dass sie ihm geantwortet hatte. – Die Geschichte wird in seinem Buch Horobinu Mono Wo beschrieben. Er begrub ihre Knochen in ihrem Grab auf dem Akagi Bochi („dem Friedhof bei dem roten Baum“).

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)


[1] Paul Glynn S.M.: Ein Lied für Nagasaki. Über das Leben von Takashi Nagai, geb., 320 S., 13,5 x 20,5 cm, 18,95 Euro (D), 19,50 Euro (A), ISBN 978-3-9454012-9-3, Verlag Media Maria, Tel. 07303-9523310, Fax: 07303-9523315, E-Mail: buch@ media-maria.de

Einblick in Leben und Glauben eines Experten für sakrales Kunsthandwerk

Christliche Kunst verbindet

Am 5. Mai 2017 feiert der Goldschmied Bernd Cassau seinen 65. Geburtstag. Zugleich sind es 125 Jahre her, dass sein Urgroßvater Hermann Cassau in Paderborn die Gold- und Silberschmiede eröffnet hat. Neben einem Grußwort des Paderborner Bürgermeisters Michael Dreier wird Weihbischof Manfred Grothe eine Laudatio halten und anstelle von Geschenken erbittet der Jubilar eine Spende zugunsten der „Westfälischen Schule für Blinde“ in Paderborn, die ihm seit vielen Jahren ans Herz gewachsen ist. Im Vorfeld der Jubiläumsfeier durften wir ein Interview mit Bernd Cassau führen, der als Anzeigenkunde durch seine treue Verbundenheit mit unserer Zeitschrift auch das Apostolat von Kirche heute unterstützt.   

Interview mit Bernd Cassau

Kirche heute: Herr Cassau, war Ihr Betrieb von Anfang an auf sakrale Kunst spezialisiert oder hat sich die religiöse Ausrichtung erst mit der Zeit herausgebildet?

Bernd Cassau: Seit 1892 war die Gold- und Silberschmiede auf sakrale Kunst spezialisiert und hatte hier auch schon vor dem Krieg weltweit in der Mission ihre großen Auftraggeber. Brasilien und die USA waren Kunden, die wir über Jahrzehnte beliefert haben. Auch heute sind Brasilien, Kuba, Indien, Indonesien und die Philippinen durch die Missionshäuser gute Kunden, die wir zu schätzen wissen und auch fachlich kompetent beraten.

Kirche heute: Wie hat sich im Lauf der Geschichte Ihrer Werkstätte die Zusammenarbeit mit der Kirche entwickelt?

Cassau: Die Kunstwerkstätten haben sich immer zeitgemäß weiterentwickelt und die große Herausforderung der kirchlichen Kunst als Unikate für den besonderen Kirchenraum angenommen. Das Leitwort heißt für uns: bewährte Qualität der heutigen Zeit anpassen.

Die Tradition ist das Fundament, auf dem die Zukunft steht. Das gilt auch, oder gerade auch, für das kirchliche Schaffen. Als Gold- und Silberschmied braucht man das Fundament der Erfahrung der vorausgegangenen Generationen, um seinen eigenen Weg zu finden. Die Freude am Beruf ist ein wesentlicher Grundstock. Das Planen, Entwerfen, Ausführen, der Umgang mit den Materialien müssen einfach Spaß machen. In der Phantasie sind der Kunst keine Grenzen gesetzt. Wir öffnen uns zu kreativen Möglichkeiten und erfüllen Wünsche unserer Kirchenkunden in großer Verbundenheit zur Kirche. Unser Ansporn ist, Schönheiten von Kostbarkeiten mit bleibendem Wert zu schaffen. Tradition verpflichtet.

Kirche heute: Ist das Haus Cassau auch heute noch in das kirchliche Leben eingebunden?

Cassau: Selbstverständlich schöpft unsere sakrale Kunst auch heute noch aus den Quellen des Glaubens. Der feste Glaube an die Botschaft des Herrn und die tiefe Verbundenheit mit ihm geben mir die Kraft, immer wieder Kunstwerke zu schaffen, die unserer Nachwelt erhalten bleiben. Eine besondere Freude ist es für mich, ein eigenes Museum  „Ars Sakrale“ zu haben,  durch die vielen Führungen in einer antiken Welt zu sein, die uns zeigt, was unsere Vorfahren alles geschaffen haben, und gleichzeitig den Erlös der Paderborner Schule für Blinde spenden zu können.

Kirche heute: Wo sehen Sie persönlich Ihren Platz in der Kirche?

Cassau: Als Künstler sehe ich mich im Dienst der Kirche. Ich bin angetrieben von der schöpferischen Begabung und dem Bestreben, der Herrlichkeit Gottes in der heutigen Kirche zu dienen. Ich freue mich, immer wieder in der kirchlichen Kunst Akzente setzen zu können, die eindrucksvoll den Kirchenraum bereichern.

Kirche heute: Wird diese Verbindung bei den Jubiläumsfeierlichkeiten am 5. Mai ihren Ausdruck finden?

Cassau: Viele Priester aus dem ganzen Bundesgebiet werden kommen und an dieser besonderen Jubiläumsfeier teilnehmen. Darüber freue ich mich sehr. Manche Verbindungen sind über Jahrzehnte gewachsen, aus denen auch Freundschaften entstanden sind. Ich freue mich, am 5. Mai viele Gäste persönlich begrüßen zu können.

Kirche heute: Mit welchen kirchlichen Institutionen arbeiten Sie vorrangig zusammen?

Cassau: Mit der katholischen Kirche sind wir weltweit verknüpft. Im Ausland sind es vorrangig Missionen, für die wir arbeiten. Diese guten Beziehungen bestehen schon seit Jahrzehnten und führen immer wieder zu neuen Kontakten. Das verbindet und macht uns stark.

Kirche heute: An welchen konkreten Unternehmungen oder Projekten der Kirche sind Sie derzeit beteiligt?

Cassau: Wir arbeiten gerade an zwei großen Bronzefiguren des heiligen Willibrord, an einem großen Evangelieneinband verziert mit Email-Arbeiten und an besonderen Kelchen mit Märtyrersymbolen wie Stacheldraht. Das sind einzigartige Arbeiten, die in unserem Beruf viel Freude machen. Auch Restaurierungen von Monstranzen sind besondere Herausforderungen. Solche Aufträge bekommen wir aus dem ganzen Bundesgebiet, die von uns detailgetreu ausgeführt werden. Aus einer großen Kirchengemeinde haben wir zurzeit auch zwei Siebenlichtleuchter mit der beachtlichen Höhe von 2,80 Meter in Arbeit. Der Leitfaden in einer Traditionswerkstätte ist, alte kirchliche Kostbarkeiten für unsere Nachkommen zu erhalten.

Kirche heute: Welche Produkte sakraler Kunst sind heutzutage in Ihrem Alltagsgeschäft am meisten gefragt?

Cassau: Unser Alltagsgeschäft ist sehr umfangreich. Deshalb kann man diese Frage nicht einfach beantworten. Mal sind es neue leichte Vortragekreuze, mal sind es größere Ölgefäße oder besondere Krankenpatenen. Die Wünsche sind sehr vielfältig. Zum Beispiel haben wir jetzt auch eine neue Plakette  „Ökumene“ zum Reformationsgedenken entworfen. Hier sieht man auch, dass sich der Kirchenkunde mit großer Freude an uns wendet und gerne Bestellungen aufgibt, wenn wir etwas Neues gestalten.

Kirche heute: 1986 haben Sie die Geschäftsführung des Hauses Cassau übernommen. Wie hat sich die Landschaft der sakralen Kunst in den letzten 30 Jahren verändert?

Cassau: Die sakrale Kunst hat sich insoweit verändert, dass bundesweit nur noch ganz wenige Kunstwerkstätten etabliert sind. Man kann sie an einer Hand abzählen. Den Anforderungen ist manch einer nicht gewachsen. Heute geht es meines Erachtens darum, passende Neugestaltungen für Kirchenräume herzustellen und nicht wie früher einfach einen Osterkerzenleuchter aus dem Katalog zu bestellen, auch nicht vorrangig um den Preis, sondern um die künstlerische Note.

Kirche heute: Wie beurteilen Sie die derzeitige Entwicklung der sakralen Kunst? Worin erkennen Sie das größte Manko? Worin Chancen?

Cassau: Die derzeitige Entwicklung in der sakralen Kunst ist nicht einfacher geworden. Bei den Zusammenlegungen bis zu zehn Pfarreien und mehr haben Priester kein Zeitfenster mehr, um sich in Ihren Kirchen um die Kunst zu kümmern. Kirchenvorstände sind nicht immer in der Lage, sich da ein Bild zu machen. Auch hier werden oftmals bei Katalogbestellungen falsche Entscheidungen getroffen. Für eine Neugestaltung muss man den Kirchenraum kennen. Für mich als Sakralkünstler ist dies der wichtigste Grund, hier die Chancen wahrzunehmen und Kirchenkunden persönlich unverbindlich vor Ort in ihren Kirchen zu beraten.

Kirche heute: Wie sehen Sie den Beitrag der drei Pontifikate Johannes Pauls II., Benedikts XVI. und nun von Papst Franziskus für die sakrale Kunst?

Cassau: Johannes Paul hat „die Welt erobert“, Benedikt die Theologie dazu geliefert und Franziskus lebt in dieser Weise das Christentum.

Kirche heute: Was war in Ihrem Kunsthandwerk Ihr größtes Anliegen? Was wollten Sie vermitteln? Worum ging es Ihnen? Von welchen Visionen haben Sie gelebt?

Cassau: Mein größtes Anliegen war in meinen 51 Berufsjahren, einen eigenen persönlichen Stil zu entwickeln, an dem man auch erkennt, dass die Kunst in Paderborn entstanden ist. Hier möchte ich ausdrücklich viele gute Mitarbeiter erwähnen, die dazu beigetragen haben, dies zu schaffen und zu realisieren. Für mich sind Visionen Ziele, die man sich setzt, um sie zu erreichen.

Durch viele Museumsbesuche in Italien hat man herausragende Vorbilder. So haben wir jetzt auch nach dem Vorbild des Apsismosaiks in der römischen Kirche San Clemente aus dem 13. Jahrhundert ein Vortragekreuz mit dem Lebensbaum und den zwölf Tauben am Stamm neu gestaltet und beidseitig figürliche Gravuren eingearbeitet.

Kirche heute: Können Sie uns eines oder mehrere Werke, die Sie in den letzten Jahrzehnten geschaffen haben, kurz vorstellen?

Cassau: Ich möchte einige wichtige Arbeiten einfach aufzählen: Neugestaltung der Kirche St. Marien in Elmshorn – dazu gehörten Tabernakelstele, Ambo, Ewiglicht und Renovierung des Tabernakels; auch die Glasgestaltung des Kindergartens in Elmshorn; Bischofskreuz für einen der Bischöfe in Vatikan; Evangeliar, geschmückt mit fast 200 Bernsteinen für das Paderborner Priesterseminar; Flammenmonstranz für Moldawien; Monstranz „Brennender Dornenbusch“ mit Herz-Jesu Hostienhaus; die Stadtsilhouette „Paderborn zum Fühlen und Tasten“ für blinde Menschen; ein Reliquiar für die östlichste katholische Kirche in Beresniki/Russland; die große Gedenktafel zum 10-jährigen Todestag von Kardinal Johannes Joachim Degenhardt. Viele andere wunderschöne künstlerische Arbeiten verlassen unsere Kunstwerkstätten.

Kirche heute: Mit 65 Jahren hat man eigentlich das Pensionsalter erreicht. Wie sehen Ihre Lebenspläne aus? Denken Sie daran, den Betrieb in jüngere Hände zu übergeben, oder stehen Sie noch voll in Ihrem Unternehmen?

Cassau: In 51 Berufsjahren hat man nicht nur viel gesehen, sondern auch vieles neu geschaffen. Ich stehe noch voll im Unternehmen. Arbeiten hält jung und macht mir viel Freude. Mein Beruf ist mein Hobby. Sicherlich wird mal der Tag kommen, das Unternehmen in jüngere Hände zu übergeben. Meine Lebenspläne sind, mich in meiner Freizeit und im Urlaub in kunstreichen Gegenden wie der Toskana und Rom zu bewegen und mit dem lieben Gott die Seele baumeln zu lassen.

Kirche heute: Wir erleben heute in unserem Land einen massiven gesellschaftspolitischen Umbruch und rasante Veränderungen im globalen Zusammenleben der Völker. Wie sehen Sie die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland?

Cassau: Die Gesellschaft erlebt sicherlich einen großen Umbruch. Auch hier in der katholischen Kirche sehen wir immer rasantere Umbrüche wie Schließungen von Kirchen, Abrisse, aber auch große Zusammenlegungen, die noch nie so gravierend waren wie jetzt. Zusammen mit der Jugend, den Bischöfen und den Priestern in allen Bistümern werden wir es schaffen, den Wandel zu meistern, wenn wir gemeinsam das Wort Gottes begeistert weitergeben – in Wort und Bild.

Kirche heute: Wie geht es Ihrer Ansicht nach mit dem Christentum in Europa weiter?

Cassau: Es geht nur dann weiter, wenn die Menschen wieder die 10 Gebote beachten und sich in gegenseitiger Liebe begegnen.

Kirche heute: Hat das Vereinte Europa Ihrer Meinung nach überhaupt eine Zukunft?

Cassau: Die ernsthaftesten Herausforderungen sehe ich im persönlichen Egoismus und in der Tendenz, dass der Mensch nur noch eine Nummer ist. Wie soll das weitergehen? Da habe ich meine Bedenken.

Kirche heute: Wo sehen Sie weltweit für die Menschheit die größten Gefahren?

Cassau: Die größten Gefahren weltweit sehe ich in den Kriegen, in denen Menschen sinnlos getötet werden wie jetzt auch in Syrien. In manchen Ländern wünsche ich mir andere Staatspräsidenten, die ihre Nationen regieren.

Kirche heute: Was gibt Ihnen Zuversicht? Worin sehen Sie Hoffnungszeichen?

Cassau: Die Zuversicht nehme ich aus meinem Glauben, der mich täglich festigt und mir die Stärke gibt, in Einheit mit Jesus Christus zu leben. Hoffnungszeichen ist für mich auch die Ökumene, die ständig wächst.

Kirche heute: Was wünschen Sie unseren Lesern?

Cassau: Ihren Lesern wünsche ich die Zuversicht, noch viele Jahre die Zeitschrift  „Kirche heute“ lesen zu können, Impulse daraus zu entnehmen und dadurch im Glauben gestärkt in den Tag zu gehen, Gesundheit und Gottes Segen.

Kirche heute: Wir danken Ihnen ganz herzlich für dieses offene und interessante Gespräch. Für Ihr zukünftiges Schaffen wünschen wir auch Ihnen Gottes reichen Segen, viel Kraft und Erfolg.

Interview: Erich Maria Fink

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)

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