Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen…

Zu den christlichen Grundlagen politischen Handelns

Dorothea und Wolfgang Koch (geb. 1962) erinnern an große Politiker wie Konrad Adenauer, die ihre Entscheidungen auf der Grundlage christlicher Werte getroffen haben. Sie waren sich ihrer Verantwortung für das Volk bewusst und versuchten ihr vor Gott und den Menschen gerecht zu werden. Staatliches Handeln braucht immer ein sittliches Fundament. Es gibt keine Politik ohne Werte. Die Frage ist nur, welchen Werten sie dient. Darf sie alle Werte zur Disposition stellen und durch Mehrheitsentscheid bestimmen lassen? Wenn eine Demokratie den Staat über den Menschen stellt und das Naturrecht aufgibt, ist sie zum Scheitern verurteilt. Dr. Koch unterstützt Angela Merkel darin, dass sie den Gründungsimpuls der CDU beschwört, doch ermahnt er sie gleichzeitig, die Konsequenzen daraus zu ziehen. Seinen Beitrag hat er vor der Bundestagswahl am 24. September 2017 verfasst.

Von Dorothea und Wolfgang Koch

Christen beten für Regierende im Sinne einer uralten Karfreitagsfürbitte: „Allmächtiger ewiger Gott, in Deiner Hand liegt die Macht und das Recht aller Völker. Schaue gütig auf jene, die uns kraft ihres Amtes regieren, damit überall auf Erden unter dem Schutz Deiner Rechten gewahrt bleibe die Unversehrtheit der Religion und die Sicherheit des Vaterlandes.“ Gerade nach Bundestagswahlen erinnern sie aber auch an Grundlagen politischen Handelns, gemäß denen sie die Regierungsarbeit mittragen können.

Inmitten der Migrationskrise beschwört Angela Merkel den „Gründungsimpuls der Christlich Demokratischen Union“, der uns auch heute Kompass sein könne: „Die Idee der Gründung der CDU war eigentlich eine ungeheuerliche Idee: eine Partei, die im ‚C‘ ihre Grundlage findet, also in der von Gott gegebenen Würde jedes einzelnen Menschen."[1] Sie antwortet damit Kritikern, die fragen: „Wie kann sie sagen: ‚Wir schaffen das‘?“: „Ich kann das sagen, weil es zur Identität unseres Landes gehört, Größtes zu leisten.“

Verantwortungsbewusstes Regierungshandeln muss benennen, was im Hinblick auf das Gemeinwohl wie „geschafft“ werden soll, vor allem aber, unter welchen Voraussetzungen eine fremde Lebensweise und Religion mit „dem christlichen Verständnis vom Menschen und seiner Verantwortung vor Gott"[2] vereinbar sein können. Aber wie auch immer man zu all dem steht: Es ist keine Option, sich den bereits bestehenden Herausforderungen nicht zu stellen. Und aus dem beschworenen Gründungsimpuls wurde tatsächlich „Größtes“ geleistet. Aus ihm kann weiterhin „Größtes“ vollbracht werden, wenn er in seiner Tragweite erfasst, vermittelt und regierungspraktisch umgesetzt würde.

Merkels Hinweis auf die Grundlagen politischen Handelns kann daher Wege öffnen. Ob ihr eigenes Handeln dem beschworenen „Gründungsimpuls“ entspricht, müsste sich zeigen, ebenso ob sich darin christliche Standpunkte widerspiegeln, zu denen sie sich bekennt.[3] Wahltaktische Manöver napoleonischer Genialität, welche die christliche Ehe und Familie zur Disposition stellen, sind jedoch verstörend. Die Frage nach einer Heimat in Merkels Partei und ihrer barocken Schwester stellt sich für Christen schon lange,[4] die mangels akzeptabler „Alternativen“ umso schmerzlicher ist. Umso lieber folgen sie ihrem Hinweis auf den „Gründungsimpuls der Christlich Demokratischen Union“.

Nach Adenauers Wahl zum Vorsitzenden der CDU in der britischen Zone war in der Tat „Größtes“ zu leisten. Was bot in der jungen Bundesrepublik Orientierung? Der Sozialdemokrat Willy Brandt schreibt über Adenauer: „Wenn manche Zeitgenossen spottend meinten, ‚der Alte‘ habe wie ein Relikt lang vergangener Zeiten bis ins Europa der Nachkriegsepoche überdauert, dann gaben sie damit zugleich unfreiwillig Aufschluss über seine Wirkung: Der Uralte hatte Werte bewahrt, die sich als unverbraucht erwiesen."[5] „Unverbrauchte Werte“ – bietet dieser Mann auch heute Orientierung?

Adenauer habe die nur locker miteinander vernetzten Gründerkreise und Landesverbände der CDU überhaupt erst zu einer Partei mit Profil und Schlagkraft gemacht, urteilt sein Biograph: „Das Profil war allerdings weitgehend sein eigenes, und die Schlagkraft bezog diese Supernova unter den Nachkriegsparteien weitgehend aus dem Umstand, dass sie die Kanzlerpartei war."[6] Vor 4000 Hörern setzt Adenauer am 24. März 1946 jenen „Gründungsimpuls“, den seine siebte Nachfolgerin so eindrucksvoll beschwört.[7]

Die „ungeheuerliche Idee“ einer Partei, die „in der von Gott gegebenen Würde jedes einzelnen Menschen“ ihre Grundlage findet, formuliert Adenauer prägnant: „Der Fundamentalsatz des Programms der CDU, der Satz, von dem alle Forderungen unseres Programms ausgehen, ist ein Kerngedanke der christlichen Ethik: die menschliche Person hat eine einzigartige Würde und der Wert jedes einzelnen Menschen ist unersetzlich.“ Aus diesem Satz ergebe sich eine Staats-, Wirtschafts- und Kulturauffassung, nach der weder der Staat, noch die Wirtschaft, noch die Kultur Selbstzweck seien; sie hätten vielmehr eine dienende Funktion gegenüber der Person. Die materialistische Weltanschauung mache dagegen den Menschen unpersönlich, „zu einem kleinen Maschinenteil in einer ungeheuren Maschine, sie lehnen wir mit der größten Entschiedenheit ab“.[8]

Der beschworene Impuls erwächst aus einer Gewissenserforschung darüber, wie der „Absturz des deutschen Volkes bis ins Bodenlose möglich“ gewesen sei, „damit wir den richtigen Weg finden zum Wiederaufstieg“. Adenauer benennt einen wesentlichen Grund: „Das deutsche Volk krankt seit vielen Jahrzehnten in allen seinen Schichten an einer falschen Auffassung vom Staat, von der Macht, von der Stellung der Einzelperson. Es hat den Staat zum Götzen gemacht und auf den Altar erhoben. Die Einzelperson, ihre Würde und ihren Wert, hat es diesen Götzen geopfert.“ Der Nationalsozialismus sei nichts anderes gewesen „als eine bis ins Verbrecherische hinein vorgetriebene Konsequenz der sich aus der materialistischen Weltanschauung ergebenden Anbetung der Macht und Missachtung, ja Verachtung des Wertes des Einzelmenschen“. Diese Auffassung von der Vormacht, von der Allmacht des Staates, von seinem Vorrang vor der Würde und der Freiheit des Einzelnen widerspreche dem christlichen Naturrecht: „Wir wollen die Grundsätze des christlichen Naturrechtes wiederherstellen“.

Adenauers Programmatik wurzelt also in naturrechtlichem Denken, an das Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag im September 2011 appelliert, als er von der „Ökologie des Menschen“ sprach: „Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur achtet, sie hört und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit."[9]

Noch 1964 versucht Adenauer eine derartige Ökologie als konfessionsübergreifendes Fundament zu sichern: „Diese Weltanschauung über Freiheit und Würde des Menschen hat sich im Laufe der Jahrhunderte auf christlichem Boden entwickelt; sie ist gemeinsames Gut der beiden großen christlichen Konfessionen. Unsere Partei – ich wiederhole es – steht fest und unverbrüchlich auf dem Boden dieser, der christlichen Weltanschauung, dass es für den Menschen Normen gibt, die aus dem Wesen und Sein Gottes selber fließen und daher unverbrüchlich sind und nicht angetastet werden dürfen. Wenn man das Bestehen solcher Normen nicht anerkennt, dann gleitet ein Volk abwärts in Diktatur und Gewalt."[10]

Aus all dem ergibt sich für Adenauer ein politischer Erziehungsauftrag, der „insbesondere allen jüngeren Menschen in ihnen bisher verschlossene, jedoch allgemein gültige menschliche Überzeugungen und Haltungen öffnen“ soll: „In der heimatlosen, durcheinandergeschobenen, atomisierten Masse, als die sich jetzt unser Volk darstellt, muss jedes Einzelwesen angesprochen und zu Selbstbewusstsein und Verantwortungsgefühl geführt werden. Wie weit das gelingt, ist heute die Schicksalsfrage unseres Volkes.“ Demokratie erschöpft sich für ihn nicht in der Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit: „Sie ist eine Weltanschauung, die ebenfalls wurzelt in der Auffassung von der Würde, dem Wert und den unveräußerlichen Rechten eines jeden einzelnen Menschen, die das Christentum entwickelt hat“.

Auf dieser Grundlage bekennt Adenauer: „Wir nennen uns Christliche Demokraten, weil wir der tiefen Überzeugung sind, dass nur eine Demokratie, die in der christlich-abendländischen Weltanschauung, in dem christlichen Naturrecht, in den Grundsätzen der christlichen Ethik wurzelt, die große erzieherische Aufgabe am deutschen Volk erfüllen und seinen Wiederaufstieg herbeiführen kann. Wir nennen uns Union, weil wir alle diejenigen, die auf diesem Boden stehen, zu politischer Arbeit zusammenführen wollen."[11]

Möge jener Gründungsimpuls wieder wirksam werden!

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)


[1] A. MERKEL (2015): Rede auf dem 28. Parteitag der CDU, 14.12.2015.
[2] § 1: „Unsere Politik beruht auf dem christlichen Verständnis vom Menschen und seiner Verantwortung vor Gott“, CDU Grundsatzprogamm vom 3.12.2007.
[3]A. MERKEL (2013): Daran glaube ich: Christliche Standpunkte, Leipzig 22017.
[4] M. LOHMANN (2009): Das Kreuz dem C. Wie christlich ist die CDU?, Kevelar.
[5] W. BRANDT (1976): Konrad Adenauer. Ein schwieriges Erbe für die deutsche Politik, in: Konrad Adenauer und seine Zeit, Stuttgart 1976, 107.
[6] H.-P. SCHWARZ (2004): Anmerkungen zu Adenauer, Pantheon 2007, 60.
[7] K. ADENAUER (1946): Grundsatzrede am 24. 3.1946, in: Konrad Adenauer – Reden 1919-1967, Stuttgart 1975, 82ff.
[8] Grundsatzrede, 86.
[9] BENEDIKT XVI. (2011): Ansprache beim Besuch des Deutschen Bundestags am 21.9.2011.
[10] K. ADENAUER (1964): Eröffnungsrede zum 12. Bundesparteitag der CDU in Hannover am 15.3. 1964. www.kas.de/upload/ACDP/CDU /Protokolle_Bundesparteitage/1964-03-14-17_Protokoll_12.Bundesparteitag_Hannover.pdf
[11] Grundsatzrede, 87f.

Ein großes ökumenisches Hoffnungszeichen

Jedes Kind ist ein Segen

Der „Marsch für das Leben 2017“ in Berlin am Samstag, 16. September 2017, bestand aus drei Teilen: Er begann mit einer Kundgebung auf dem Platz der Republik vor dem Reichstag in Berlin, führte anschließend auf einer Strecke von etwa fünf Kilometern als Schweigemarsch durch die Berliner Innenstadt und endete mit einem ökumenischen Gottesdienst wieder vor dem Reichstagsgebäude. Geleitet wurde die abschließende Feier von Präses Ekkehart Vetter, dem 1. Vorsitzenden der Evangelischen Allianz, während der katholische Bischof Dr. Rudolf Voderholzer von Regensburg eine Predigt hielt. Nachfolgend eine leicht gekürzte Fassung der ermutigenden Ansprache, die von den Teilnehmern des Marsches mit viel Applaus bedacht wurde.

Von Bischof Rudolf Voderholzer, Regensburg

Vergelt’s Gott, dass Sie in so großer Zahl nach Berlin gekommen sind, um dem Lebensrecht auch der Schwächsten eine Stimme zu verleihen. Danke, danke aus ganzem Herzen auch an alle Polizistinnen und Polizisten! Sie haben uns beschützt und somit das staatsbürgerliche Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigt. Danke auch, dass wir durch das Brandenburger Tor ziehen durften! Das war nicht selbstverständlich! Aber das Anliegen, das uns verbindet, entspricht diesem Symbol der Freiheit und der Einheit des deutschen Volkes.

Das lautstarke Geschrei und die Obszönität des Protestes, der uns entgegenschlägt, ist ein untrüglicher Beweis dafür, dass wir etwas Wichtiges zu sagen, etwas Notwendiges zu vertreten, etwas Heiliges zu schützen haben!

Für mich ist dieser ökumenisch getragene „Marsch für das Leben“ ein großes ökumenisches Hoffnungszeichen, ein Stück schon verwirklichter sichtbarer Einheit der Kirche – und das in diesem Jahr, da wir 500 Jahre Reformation gedenken. Danke für dieses ökumenisch ermutigende Zeichen!

Wir sind gekommen, um zu beten; zu beten für Frauen in schwierigen Entscheidungssituationen, dass sie die richtigen Ratgeber bekommen; zu beten für Familien, die sich schwertun zu überleben – materiell und ideell; zu beten für die Beraterinnen; zu beten auch für die Frauen, die unter einem Post-Abortion-Syndrom leiden – wovon nur wenig gesprochen wird. Wir beten für alle, die heimatlos sind, kein Dach über dem Kopf haben und sich nach einer lebenswerten Heimat sehnen. Wir beten für alle, die Dienst tun in den Hospizen und auf den Palliativstationen, um Menschen einen lebenswürdigen Lebensabend zu schenken, damit sie nicht durch die Hand anderer, sondern gehalten von der Hand anderer den letzten Weg antreten können.

Uns verpflichtet nicht erst unser christlicher Glaube, die Stimme zu erheben für das Leben, insbesondere für die Schwächsten in unserer Gesellschaft, sondern schon die Vernunft und das natürliche Sittengesetz, das uns als Handlungsregel nahelegt, mit anderen so umzugehen, wie wir selbst es für uns wünschten – die Goldene Regel. Darüber hinaus hat das Grundgesetz unseres Landes unter dem Eindruck der Folgen einer menschenverachtenden Ideologie im 1. Artikel festgehalten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung der staatlichen Gewalt. Und in Artikel 2 heißt es: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich.“

Diese Rechte gelten für das Leben jeder menschlichen Person vom ersten Augenblick der Empfängnis bis zum letzten Atemzug, unabhängig davon, ob die betreffende Person den ästhetischen, ökonomischen oder sonstigen Erwartungen und Vorstellungen anderer oder der Gesellschaft entspricht. Jede menschliche Person ist ein Zweck an sich selbst, darf dementsprechend auch nicht anderen Interessen geopfert werden.

Diese elementaren Einsichten, erarbeitet vor allem von der großen deutschen Philosophie, sind der menschlichen Vernunft evident und sie gehören zum Fundament unserer freiheitlichen Gesellschaft. Wir sollten sie und ihren philosophisch einsichtigen Geltungsanspruch nicht leichtfertig preisgeben und uns nicht zu früh auf die Position des Glaubens stützen. Das Thema Lebensrecht ist nicht erst ein christliches Thema. Es ist ein Menschheitsthema. Es geht um das Recht, um die Anerkenntnis des Rechtes anderer, die meinem Handeln Grenzen setzen. Es geht letztlich um das Funktionieren des Rechtsstaates.

Wir stehen in diesem Zusammenhang vor dem Paradox, dass postnatal große und größte Anstrengungen unternommen werden für die Inklusion, für die Integration von behinderten Menschen in unserer Gesellschaft, um sie teilhaben zu lassen an unserem Leben. Und ich kann hier nur allen Einrichtungen in unserem Land, den kirchlichen und den staatlichen, mit ihren tausenden von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Herzen danken, dass sie mithelfen, dass unsere Gesellschaft ein so menschliches Antlitz zeigt. Noch nie wurde Menschen mit Behinderung so viel Fürsorge zuteil wie in unseren Tagen und in unserem Land – postnatal. Pränatal haben wir gleichzeitig eine unbarmherzige und gnadenlose Exklusion und Selektion.

Ich stelle die Frage: Kann man wirklich gleichzeitig Tränen der Rührung vergießen beim Verlesen eines Briefes aus dem Jahr 1943 durch einen Schauspieler mit Downsyndrom – so geschehen hier neben uns, in diesem Hohen Hause, am 27. Januar, dem Tag der Opfer des Nationalsozialismus – und gleichzeitig schweigen über die pränatale Selektion in unseren Tagen? Mindestens neun von zehn Trisomie-21 diagnostizierten Embryos dürfen in unserem Land das Licht der Welt nicht mehr erblicken. Von einem Augenblick zum anderen scheint sich die Rechtsposition einer menschlichen Person um 180 Grad zu verändern. Ist das nicht irrationale Willkür?

Ich kann in diesem Zusammenhang nur unterstreichen, was der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, im Grußwort zum diesjährigen „Marsch für das Leben“ geschrieben hat: „Die modernen vorgeburtlichen Diagnosemethoden entwickeln sich rasant. So wird es in unserer Gesellschaft zunehmend ,normal‘, Kinder während der Schwangerschaft auf ihre Gesundheit zu testen. Den vorgeburtlichen diagnostischen Möglichkeiten entsprechen jedoch nicht immer auch therapeutische Handlungsoptionen, so dass nicht selten eine Abtreibung an die Stelle fehlender Therapiemöglichkeiten gestellt wird. Dem gilt es klar zu widersprechen.“ Wir sind gekommen, denen eine Stimme zu geben, die ihr Selbstbestimmungsrecht über ihre Leiblichkeit und über ihre Sexualität noch nicht selbst zum Ausdruck bringen können. Sie brauchen uns!

Die biblische Botschaft, auf die sich unser christlicher Glaube stützt, hat wesentlich zur Erkenntnis der unveräußerlichen Rechte der menschlichen Person beigetragen. Wenn jeder Mensch ein Bild Gottes ist, berufen zum Dialog und zur Gemeinschaft mit ihm, hat er auch teil an seiner göttlichen Würde. Wenn Gott in seiner Menschwerdung unser aller Menschenbruder geworden ist, unsere menschliche Natur angenommen hat, hat er damit den Menschen erhöht und geadelt – jeden Menschen.

Die Schrifttexte unserer ökumenischen Andacht haben uns zwei herrliche Details der göttlichen Wertschätzung des Menschseins vor Augen gestellt. Psalm 139 beschreibt das Heranwachsen des Kindes im Mutterleib als göttliches Kunstschaffen: „Du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter, Ich danke dir, Gott, dass du mich so wunderbar gestaltet hast“ (Ps 139,13f.). Und weiter geht es mit der Vorstellung, dass jedes menschliche Wesen vom ersten Augenblick seines Daseins an bei Gott Ansehen hat, weil Er auf ihn schaut: „Als ich geformt wurde im Dunkeln, kunstvoll gewirkt in den Tiefen der Erde, waren meine Glieder dir nicht verborgen. Deine Augen sahen, wie ich entstand…“ (Ps 139,15f.).

Unser Ja zum Leben ist der Mitvollzug des göttlichen Ja zum Leben, ist Antwort auf sein Schöpfungshandeln. In diesem Glauben wird in der ganzen jüdisch-christlichen Tradition das Kind als ein Segen betrachtet und jede Geburt als Beweis dafür, dass Gott ein Freund des Lebens ist.

Mit Papst Franziskus rufe ich Ihnen zu: Jedes Leben ist unantastbar! Bringen wir die Kultur des Lebens als Antwort auf die Logik des Wegwerfens und auf den demografischen Rückgang voran! Stehen wir zusammen und beten wir gemeinsam für die Kinder, deren Leben durch einen Schwangerschaftsabbruch bedroht ist, wie auch für die Menschen, die am Ende des Lebens angelangt sind. Jedes Leben ist unantastbar, dass niemand alleine gelassen werde und die Liebe den Sinn des Lebens verteidige.

Rufen wir mit Papst Franziskus die Worte Mutter Teresas in Erinnerung: „Das Leben ist Schönheit, bewundere es! Das Leben ist Leben, verteidige es! Sei es beim Kind, das kurz vor der Geburt steht, sei es bei dem Menschen, der dem Tode nahe ist – jedes Leben ist unantastbar!“

Unser Herr Jesus, der selbst als hilfsbedürftiges und wehrloses Kind in der Krippe geboren wurde, hat noch einmal in besonderer Weise das Kindsein ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit gerückt. Der Herr sagt uns: Der Größte im Himmelreich muss sein wie ein Kind, das dankbar die Gnade der Erlösung annimmt. Schließlich sagt der Herr: Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf. Hier klingt schon die Verheißung des großen Gerichtsgleichnisses von Matthäus 25 auf: „Was ihr dem Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Die Identifizierung des Herrn mit den Schwachen und Hilfsbedürftigen gilt in besonderer Weise im Blick auf die Kinder. Dem wissen wir uns verpflichtet. Und bei all diesem unserm Tun wissen wir uns dem Herrn in besonderer Weise nahe: Ja, wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf – sagt Christus, unser Herr.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)

„Die Schwächsten schützen: Ja zu jedem Kind“

„Marsch für das Leben 2017“

Am 16. September 2017 fand in Berlin der jährliche „Marsch für das Leben“ statt. Das Motto lautete: „Die Schwächsten schützen: Ja zu jedem Kind“. Die Veranstaltung mit 7.500 Teilnehmern war ohne Zweifel ein großer Erfolg. Bei der Kundgebung vor dem Reichstag wurde eine Resolution mit neun Forderungen an den neuen Bundestag verabschiedet, wobei die Teilnehmer ihre breite Zustimmung bekundeten. Nicht zuletzt der aggressive und ausfällige Charakter der Gegendemonstrationen machte deutlich, wie wichtig und unverzichtbar ein solcher Einsatz für die Würde des Lebens in der heutigen Zeit ist. Aktiv beteiligt war Cornelia Kaminski, die seit zwanzig Jahren für die „Aktion Lebensrecht für Alle e.V.“ (ALfA) tätig ist und derzeit das Amt der 2. stellvertretenden Bundesvorsitzenden innehat. Sie unterrichtet als Oberstudienrätin an der Wigbertschule in Hünfeld Englisch und Französisch, ist verheiratet und hat drei Kinder.

Von Cornelia Kaminski

Der unglaubliche Widerspruch

Es ist schon verrückt: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Martin Schulz nutzen Bilder eines ungeborenen Babys für ihre Wahlkampfvideos, alle Parteien fordern, kein Kind zurückzulassen, und für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen setzen sich Politiker aller Couleur vehement ein. Fast scheint es, als sei Deutschland das Land, in dem die Menschenwürde aller Menschen den allerhöchsten Stellenwert einnimmt – wären da nicht auf der anderen Seite 100.000 staatlich finanzierte Abtreibungen jährlich, die von denselben Personen, die ein gesetzliches Verbot des Schlachtens trächtiger Rinder durchgesetzt haben, als Menschenrecht eingefordert werden. Auch Menschen mit Behinderungen können sich erst über ein Eintreten anderer für ihre Rechte freuen, wenn sie schon geboren sind: ein vorgeburtlich diagnostiziertes Down Syndrom führt fast unweigerlich zur Abtreibung des Menschen mit dieser Besonderheit, ein simpler Bluttest erleichtert die Fahndung danach und wird wohl dazu führen, dass – ähnlich wie in Island – demnächst in Deutschland niemand mehr mit Down Syndrom geboren werden wird.

Warum erhebt sich keine Debatte gegen irrwitzige Theorien?

Nun könnte man meinen, dass wir uns an solche Widersprüche derart gewöhnt haben, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen. Oder erhebt sich eine wahrnehmbare Debatte über die irrwitzige Gendertheorie, nach der es gar keine Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt – auch wenn diese für alle sicht- und wahrnehmbar sind? Fragt irgendjemand danach, ob Flüchtlinge, die aus Angst und Schrecken ihre Heimat verlassen haben, überhaupt hier integriert werden wollen oder nicht viel mehr Hilfe von uns dabei erwarten, eine Rückkehr in ihre Heimat schnellstens zu ermöglichen? Fordern nicht unwidersprochen die gleichen Politiker, die für ein Recht auf Abtreibung eintreten, um aus Frauen keine Gebärmaschinen zu machen, jetzt eine Legalisierung der Leihmutterschaft?

Alles gut also im Land der großen Koalition, keine Opposition und keine Debatte –  weder innerhalb des Bundestags noch in den öffentlich-rechtlichen Medien?

Gelten Toleranz und Akzeptanz nur für den herrschenden Mainstream?

Aus rein menschlicher Sicht betrachtet wäre das äußerst bedenklich: man muss nicht einmal genau hinschauen um festzustellen, dass Toleranz und Akzeptanz nur für diejenigen eingefordert werden, die dem gerade herrschenden Mainstream entsprechen. Wer Zweifel äußert, dass ein Geschlecht frei wählbar ist und zudem hierzu neben männlich und weiblich noch zahlreiche weitere Möglichkeiten zur Verfügung stehen, ist homophob; wer darauf hinweist, dass es einen Unterschied gibt zwischen Flüchtlingen und Migranten, ist rassistisch, und wer das Recht auf Leben ungeborener Kinder für schützenswert hält, ist antifeministisch. Die Welt ist klar eingeteilt zwischen Gut und Böse, und es ist auch völlig klar, wer die Bösen sind.

Kampf um die Würde des Lebens mit ungeahnter Vehemenz

Aber auch aus christlicher Sicht wäre es fatal, die Widersprüche zu ignorieren. Schließlich sind wir nicht hier, um uns gemütlich einzurichten in einer Welt, die alles und jeden toleriert, sondern aufgefordert, mitzuwirken am Reich Gottes und seine Gebote zu halten. Und „Du sollst nicht töten“ ist dabei das Gebot, dessen Einhaltung plötzlich wieder alles andere als selbstverständlich ist.

Und an diesem Punkt findet sie statt, mit ungeahnter Vehemenz, die gesellschaftliche Auseinandersetzung in Deutschland. Gegen das schulterzuckende Hinnehmen tausendfacher Tötungen in unserem Land formiert sich alljährlich in Berlin beim „Marsch für das Leben“ Widerstand. Auch am 16. September versammelten sich wieder über 7.500 Menschen in Berlin, um friedlich gegen eine lebensfeindliche Kultur zu demonstrieren und denjenigen eine Stimme zu verleihen, die nicht gehört werden. Immer mehr Kirchenvertreter sind dafür dankbar und zeigen dies entweder durch Grußworte, die sie an die Marschteilnehmer richten, oder durch ihre Präsenz beim Marsch.

Wir müssen unsere Stimme gegen die „Kultur des Todes“ erheben

So war auch Bischof Vorderholzer aus Regensburg wie im Vorjahr mit einer großen Teilnehmergruppe aus seinem Bistum angereist. Er ließ es sich nicht nehmen, beim Abschlussgottesdienst die Predigt zu übernehmen. In seiner Ansprache stellt er fest, dass wir „etwas Wichtiges zu sagen, etwas Notwendiges zu vertreten und etwas Heiliges zu schützen haben: Das Thema Lebensrecht ist nicht erst ein christliches Thema, es ist ein menschliches Thema.“

Er wies auf den Widerspruch zwischen pränataler Selektion und postnataler Integration hin, wie auch Kardinal Marx in seinem Grußwort an die diesjährigen Marschteilnehmer. Gleichzeitig bedankte er sich bei der Berliner Polizei, die die Teilnehmer beschützt und so das Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigt habe. Vor allem aber dankte er den Anwesenden für ihren Einsatz für das im Grundgesetz verbriefte Recht auf Leben und Würde eines jeden Menschen.

Ähnlich hatten viele andere Grußwortschreiber – unter ihnen zahlreiche Politiker und Bischöfe – nachdrücklich ihren Dank für diesen Einsatz zum Ausdruck gebracht.

Obszöne Gegendemonstranten entlarven sich selbst

Kein Wunder: auch die Zahl der Gegendemonstranten nimmt zu und fordert der Berliner Polizei einiges ab. Mehrfach versuchen aggressive Störer, sich unter die Demonstranten zu mischen, immer wieder reagieren Polizisten schnell und umsichtig. Dennoch können sie nicht verhindern, dass mitgeführte Kreuze und Plakate entrissen werden und der Demonstrationszug daran gehindert wird, die eigentlich vorgesehene Route zu nehmen. Anders als vor zwei Jahren, als die Blockade zu einem zweistündigen Stillstand des Marsches führte, erweist sie sich dieses Jahr als Glücksfall: die Lebensrechtler ziehen durch das Brandenburger Tor, ein besonderer und symbolträchtiger Moment. Schließlich steht es wie kein anderes Denkmal Deutschlands für die Freiheit und Einheit des deutschen Volkes.

Blockaden, obszöne Gesten, lautes Geschrei bestimmen das Bild auf der Gegenseite, wobei die skandierten Sprüche wenig originell sind: „Eure Kinder werden so wie wir“, schreit man den Lebensrechtlern jedes Jahr entgegen, oder aber auch „Eure Kinder werden alle queer“. Offensichtlich taugt nur ein gereimter Spruch, was merkwürdig altbacken daherkommt bei einer Truppe, die sich sonst gern als hip verkauft. Deutlich menschenverachtend auch der Lieblingsspruch der Lebensfeinde: „Hätt‘ Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben“, tönt es den Demonstranten entgegen. Kein Lebensrecht für ungeborene Kinder – und keins für die, die es schützen wollen, lautet die Botschaft. Ein seltsamer Kontrast zur Botschaft der Lebensrechtler, die auf ihren Plakaten dazu aufrufen, die Schwächsten zu schützen.

Ziel der Angriffe sind Christentum und Rechtsstaat

Allein: eine Debatte ist das nicht. Es fehlen auf der Gegenseite die Inhalte und die Argumente, und es fehlt der Wille zur Auseinandersetzung mit den Positionen der Lebensrechtsbewegung. Diese Erfahrung muss ein Marschteilnehmer machen, der sich nach dem Abschlussgottesdienst mit einer Kiste voller Laugenbrezeln an die Demonstranten der Gegenseite wendet. „Na, ihr ward doch auch den ganzen Tag auf den Beinen. Wollt ihr eine Brezel?“ fragt er freundlich, was mit „Hau bloß ab!“ und wüsten Beschimpfungen quittiert wird. Sichtlich irritiert suchen die Protestierer das Weite, woraufhin ein Polizist fragt, ob er vielleicht eine Brezel haben könnte. Die bekommt er natürlich, was die Gegenseite zu einem weiteren flotten Reim inspiriert: „Polizisten nehmen Brezeln von Christen!“

Auf unfreiwillig komische Weise wird hier deutlich, wogegen sich das Berliner Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, das zur Gegendemo aufgerufen hatte, wirklich wendet. Ziel der Angriffe sind Christentum und Rechtsstaat. Vor diesem Hintergrund ist es äußerst bedenklich, dass der Berliner Bürgermeister Michael Müller eben diesem Bündnis für seine Gegendemo zum „Marsch für das Leben“ ein Grußwort zukommen ließ. Ob er weiß, wem er da für seinen Einsatz dankt?

Den wahren Freunden des Lebens gehört die Zukunft

„Ich verstehe das nicht“, sagte kopfschüttelnd ein Priester aus Kamerun zu mir, der zum ersten Mal beim „Marsch für das Leben“ dabei war. „Es gibt doch Meinungsfreiheit und Demokratie in Deutschland!“ Wohl wahr. Aber der „Marsch für das Leben“ transportiert eine unbequeme Botschaft. „Raise your voice: My body, my choice“ reimen die Protestler auf Englisch – zu Deutsch etwa: „Erhebt eure Stimme: mein Körper, meine Entscheidung!“ Individualismus und Egoismus stecken dahinter. Die Antwort tragen einige der zahlreichen Jugendlichen, die dieses Jahr dabei sind, auf ihren T-Shirts: „It’s a child, not a choice!“ steht da. Um ein Kind geht es, nicht einfach nur um eine Entscheidung, und um deren Zukunft.

Dass diese Zukunft nicht bei den Randalierern liegt, wurde durch die Besetzung des Podiums deutlich, auf dem Jugendliche aus dem In- und Ausland vertreten waren. „Das hier ist ein fröhliches Fest für das Leben“, rief die Studentin Emily Milne den Zuhörern zu. „Wir sind die Pro-Life Generation. Uns gehört die Zukunft!“

„Im nächsten Jahr sind wir natürlich wieder in Berlin“, so einer der jungen Teilnehmer, der aus Fulda angereist war. „Und wir bringen Freunde mit!“ Wir sehen uns also wieder – am 22. September 2018 in Berlin.

 

Neun Forderungen an den neuen Bundestag

1. Seien Sie familienfreundlich: Unterstützen Sie Eltern, die ein Kind erwarten, statt Abtreibung aus Steuergeldern zu finanzieren!

2. Seien Sie gerecht: Das Recht jedes Menschen auf Leben ist grundlegend – ein „Recht auf Abtreibung“ gibt es nicht!

3. Starten Sie eine Bildungsoffensive: Alle sollen wissen, dass der Mensch von der Zeugung an einmalig ist und Menschenwürde hat!

4. Fördern Sie das Recht von Schwangeren auf Information: Kostenlose Ultraschallbilder schon bei Feststellung der Schwangerschaft!

5. Seien Sie ehrlich: Analysieren Sie die hohen Abtreibungszahlen und ziehen Sie die Konsequenzen, um Kinder und Mütter zu schützen!

6. Handeln Sie inklusiv: Gentests an Embryonen (NIPD) sind nur zulässig, wenn sie dem Leben und der Gesundheit von Mutter und Kind dienen!

7. Bewahren Sie das Embryonenschutzgesetz: Verbieten Sie Genmanipulationen und „reproduktive“ Verfahren wie PID, Eizellspende und Leihmutterschaft!

8. Respektieren Sie das Gewissen: Keine Ausgrenzung von Menschen, die in medizinischen Berufen tätig sind und sich nicht an Abtreibung und assistiertem Suizid beteiligen!

9. Achten Sie Alte und Kranke: Weiten Sie die palliative Versorgung für Menschen am Lebensende aus, statt den assistierten Suizid straffrei zuzulassen!

 

Marsch für das Leben 2018

Im kommenden Jahr wird der „Marsch für das Leben“ in Berlin voraussichtlich am 22. September 2018 stattfinden.

Für Fahrten mit Jugendlichen kann man durch die Aktion „Geh Du Für Mich“ der ALfA finanzielle Unterstützung erhalten.

Ausführliche Informationen über den „Marsch für das Leben“ sind zu finden unter:

www.facebook.com/Marsch-für-das-Leben

www.marsch-fuer-das-leben.de

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)

Kampf um das Leben und die Würde der Frauen

Nachruf auf Norma McCorvey

Am 22. Januar 1973 stellte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten mit einer Grundsatzentscheidung den Schwangerschaftsabbruch unter das „Recht auf Privatsphäre“ und legalisierte damit die Abtreibung in allen Bundesstaaten. Als Klägerin trat formal Norma McCorvey (1947-2017) aus Texas gegen Henry Wade, den damals zuständigen Bezirksstaatsanwalt, auf. Initiatoren der Klage waren zwei Anwältinnen, die ursprünglich eine gut situierte Frau suchten, aber keine fanden. So bedienten sie sich Norma McCorvey, einer damals 22-jährigen allein erziehenden Mutter zweier Kinder, die ihre beiden ersten Kinder zur Adoption freigegeben hatte, selbst aber nie im Leben eine Abtreibung vornehmen ließ. Der Prozess wurde ohne sie unter dem Decknamen Jane Roe geführt und ging deshalb als „Roe versus Wade“ in die Geschichte ein. Später bekehrte sie sich und wurde eine entschiedene Gegnerin der Abtreibung in der katholischen Lebensrechtsbewegung. Am 18. Februar dieses Jahres verstarb sie.[1]

Von Manfred M. Müller

Die letzte Abtreibungsklinik, in der sie arbeitet, ist ein „health disaster“:[2] verdreckt, unhygienisch, stinkend. Das desolate ruinöse Äußere, dies wird in Norma McCorveys Schilderung klar, spiegelt die inneren Verzweiflungszustände aller Beteiligten.

Der Tod

McCorvey ist berühmt. Sie hat als Anklägerin in dem berühmten Roe versus Wade-Prozess maßgeblich mit dazu beigetragen, dass die amerikanische Abtreibungsgesetzgebung Abtreibung zu einem legalen Akt macht. Sie ist zum feministischen Aushängeschild für die pro choice-Bewegung geworden, sie wird interviewt, ein Film wird über sie gedreht, sie ist auf Pressekonferenzen. Und doch ist sie zugleich der lebende Widerspruch der Abtreibungsgegenwelt, sie ist „a reluctant icon“.[3]

Junge Frauen, die bei Abtreibungsveranstaltungen auf sie zukommen und ihr überschwänglich dafür danken, dass sie, die berühmte Jane Roe, es möglich gemacht habe, das ehemalige Abtreibungsgesetz zu kippen, lösen in ihr Abwehrreaktionen aus. Worum niemand weiß oder wissen darf, ist ihre zunehmende innere Ambivalenz: „Man erwartete von mir, Jane Roe zu sein, die Superheldin der Abtreibungsbewegung. Man erwartete nicht von mir, schwach zu sein. Wenn Frauen sich bei mir bedankten, dass ich ihnen das Recht verschafft hatte, fünf oder sechs Kinder abzutreiben, dann rechnete man nicht damit, dass ich tiefgehende Gewissensbisse hatte."[4] Das Wort, welches sich durch ihre Autobiografie wie ein roter Faden hindurchzieht, ist dasjenige des Benutztwerdens:

„… Als Heranwachsende traf ich etliche Typen, die mich tatsächlich benutzten. Es war kein Zufall, dass ich damals, als Mädchen in einer Erziehungsanstalt, einen Club mit dem Namen gründete: ,Ich hasse alle Erwachsenen!‘ Wenn sie dem Mann begegnet wären, der mit seinen gierigen Angriffen in meine kindliche Unschuld hineinbrach, und wenn sie den Mann gekannt hätten, der mich schwängerte und mich dann dafür zusammenschlug – dann hätten sie gewusst, was es heißt, benutzt zu werden."[5]

An diesem Benutztwerden ändert die Abtreibungsindustrie nichts, im Gegenteil. Die Anwältinnen, die Norma in den berühmten Prozess einbinden und sich damit, wie es heißt, für die Rechte der Frauen stark machen wollen, setzen rigoros das Benutzen von Norma fort. Die Degradierung der Norma McCorvey, die sie früh erfahren hat und die sich in frühen abusiven Beziehungen, frühen Schwangerschaften und darauffolgenden unglücklichen Adoptionen gleichsam dokumentarisch belegt, geht mit ihrem Eintritt in die Abtreibungsgegenwelt verschärft weiter. Norma wird benutzt und instrumentalisiert, aus Norma McCorvey muss Jane Roe werden. Für diese Funktionalisierung ist den Anwältinnen Normas jedes Mittel recht: Lügen, betrügerische Aussagen, falsche Versprechungen.

In einem späteren Rückblick aus dem Jahre 1997, in dem Norma McCorvey auf die betrügerischen Machenschaften der beiden Anwältinnen zu sprechen kommt und diese im Einzelnen auflistet, wird entlarvt, wie die Lüge, als das durchgängige Instrument der Abtreibungspropaganda, auch juristisch eingesetzt wird:

„Die eidesstattliche Erklärung, die ich abgab, war nicht so klar und einfach, wie ich sie darstellte. Ich log! Sarah Wedding-ton und Linda Coffee[6] benötigten einen extremen Fall, um ihre Klientin möglichst bedauernswert erscheinen zu lassen. Da schien Vergewaltigung genau das Richtige zu sein. Und was machte die Vergewaltigung noch schlimmer? Eine Gruppenvergewaltigung! Es begann alles mit einer kleinen Lüge. Ich sagte, was ich sagen sollte. Doch meine kleine Lüge schwoll an und schwoll an und wurde mit jeder neuen Aussage schrecklicher… Die Lüge wurde in diesen vergangenen 25 Jahren zur Wahrheit."[7]

„Sie belogen mich, wie ich sie belog. Sarah hatte bereits eine Abtreibung hinter sich… Sarah und Linda suchten nach jemandem, nach irgendjemandem, den sie für ihre eigene Agenda benutzen konnten. Ich war einfach ihre willfährigste Betrogene."[8]

„Sarah kannte die Wahrheit, die wirkliche Wahrheit, lange bevor sie 1971 zum Obersten Gerichtshof ging. Ja, der behauptete Grund für meine Abtreibung beruht auf einer Lüge, einer großen Lüge.[9] Die ganze Abtreibungsindustrie beruht damit auf einer Lüge."[10]

„Das heißt, dass der Abtreibungsfall, der jedes Bundesstaatsgesetz, welches die Ungeborenen beschützte, zerstörte, auf einer Lüge basiert."[11]

Wenn wir nicht müde werden, zu konstatieren, dass der Motor der Abtreibungsindustrie die Lüge ist, so ist diesbezüglich der Fall der Jane Roe alias Norma McCorvey das Exemplum katexochen. Der Prozess, in dem Norma die Hauptanklägerin darstellt und der schließlich zu dem infamen Roe versus Wade-Urteil des Obersten amerikanischen Gerichtshofes führt und in Folge, in Art eines Startschusses, zu den sukzessiven parallelen Urteilen der europäischen Staaten, basiert von Anfang an nicht auf Fakten, sondern auf Lügen. Die Hauptanklägerin wird zugerichtet, der Fokus des Prozesses ist nicht sie, nicht die Person Norma McCorvey, sondern die politisch präparierte Abziehfigur Jane Roe. Die reale Norma ist belanglos, sie steht sogar, nachdem sie ihren Zweck erfüllt hat, im Weg, ist persona non grata:

„Ich wurde ausgesucht, weil sie jemanden benötigten, der das Papier unterschrieb und danach im Hintergrund verschwinden würde, der von der Bildfläche verschwand und stets still bleiben würde. In ihren Augen war es geradezu ideal: Ich würde still bleiben, mein Leben fortsetzen, still leiden und vielleicht still mich irgendwann umbringen. Ich wäre für sie weitaus nützlicher gewesen (ganz zu schweigen von der Berühmtheit), wenn ich jung gestorben wäre. Solange ich am Leben war, stellte ich eine Gefahr dar. Ich könnte ja den Mund aufmachen."[12]

Eine ihrer einstigen Anwältinnen, die ihr während der Prozessvorbereitungen versichert hatte, sie würde für sie da sein, äußert sich später in einem TV-Interview: „Norma McCorvey interessiert mich nicht. Mich interessiert Jane Roe. Norma McCorvey war lediglich der Name in einem Sammelklageverfahren."[13]

Damit ist Norma keine Ausnahme in der Abtreibungsgegenwelt. Es ergeht ihr genau gleich wie Sandro Cano, die im Prozess Doe versus Balton, dessen Ratifizierung am selben Tag wie Roe versus Wade stattfand, unter dem Decknamen Mary Doe als Kronzeugin der Anklage herhalten musste. Doe versus Balton komplettierte die amerikanische Abtreibungsgesetzgebung, indem die Justiz die Gesundheit wie die Gefährdung der Gesundheit der Frau nun dermaßen weit fasste, dass im Grunde jeder Grund für eine Abtreibung zu rechtfertigen war. Aber auch dieses Urteil fußt auf lügnerischen Machenschaften. Cano gibt später zu Protokoll: „(Doe v. Bolton) beruht auf einem Betrug und hätte nie passieren dürfen… Ich wollte niemals und hatte auch niemals eine Abtreibung… Ich wurde benutzt und für andere manipuliert… Ich bin pro-life, das war ich immer und werde ich auch immer sein. Ich werde nie aufhören, dafür zu kämpfen, dass dieses schreckliche Gesetz geändert wird."[14]

Der Namenswechsel von Norma zu Jane drückt quasi in symbolisch verdichteter Form das ganze Elend der Person Norma McCorvey aus, die solange benutzt wird, bis ihre Identität hinter Prozessakten verschwindet. Die tatsächliche Norma McCorvey hört in der Abtreibungsgegenwelt zu existieren auf. Statt zu leben spielt sie die Rolle, die von ihr erwartet wird: „Abtreibung würde fortan mein Lebensinhalt sein."[15]

Beschäftigung findet sie bezeichnenderweise in Abtreibungskliniken. Die notorischen Verzweiflungszustände, die sie dort tagein tagaus erlebt, beschleunigen den Zusammenbruch in ihrer eigenen Biografie. Sie schämt sich zusehends, wenn sie die Auswirkungen des von ihr mitgetragenen Gerichtsurteils in der Abtreibungsklinik unmittelbar vor Augen sieht: „Ich fühlte mich dafür verantwortlich. Mein Name stand auf der eidesstattlichen Erklärung. Mein Pseudonym, Jane Roe, war es, welches benutzt worden war, um mit nichts als heißer juristischer Luft ein ,Recht‘ auf Abtreibung zu kreieren. Was Sarah Weddington und Linda Coffee mir jedoch nie mitgeteilt hatten, war, dass das, was ich da unterzeichnete, Frauen gestatten würde, Abtreibung als eine Form der Geburtenkontrolle zu benutzen."[16]

Die Routine in den Abtreibungsstätten, in denen sie arbeitet, ist Routine des alltäglichen Horrors: „Du siehst die abgetriebenen Körperteile, hörst das Weinen der Frauen, und du kannst dich nicht länger belügen – wenigstens nicht ohne künstliche Stimulierung."[17]

Sie ist nicht Norma, sondern ein Rädchen im Getriebe, das sich letzte Reserven an Menschlichkeit bewahren will. Die Fassade des eigenen Lebens, das krampfhaft als ein geglücktes sich erweisen soll, splittert und entpuppt sich als ein mühsames, gequältes Überleben ohne Zukunft und Hoffnung. Die ist drogen- und alkoholsüchtig. Depressionen und manische Zustände wechseln. Im Grunde ist sie seelisch, geistig, körperlich am Ende angekommen. Mit kruden, bösen Späßen und aggressiven Rundumschlägen versucht sie ihre Verzweiflung zu überspielen. Später, darauf angesprochen, gesteht sie: „Die einzige Antwort, die ich darauf geben kann, ist: Ich arbeitete in einer Abtreibungsklinik und nahm Drogen, das beraubte mich meiner Gefühle… Man sieht daran, dass Abtreibung ein Geschäft ist, das von Natur aus entmenschlicht. Du musst einen Teil deiner Seele absterben lassen oder zumindest betäuben, um weitermachen zu können."[18]

McCorvey, die im Übrigen als Kind selbst hätte abgetrieben werden sollen, dokumentiert als Insiderin, dass die Entwertung der menschlichen Person die Gegenwelt der Abtreibung dominiert. Die Dehumanisierung, die bis in die Wortwahl hineingeht („Gewebe war in unserer Klinik das Codewort für Körper"[19]), wird subventioniert durch tendenziöse Medieninszenierungen, in denen, wie McCorvey aus eigener Erfahrung berichtet,[20] das „dehumanizing business"[21] schlichtweg ausgeblendet wird: „The media never wants to shot the dark side or divisions in the abortion movement."[22]

Das Leben

Das Finden zur ursprünglichen Würde geht für McCorvey zusammen mit der Wiederentdeckung der Person: der Person des Anderen, der eigenen Person und der Person Gottes. Die Begegnung mit einem siebenjährigen Mädchen, „ein Mädchen namens Emily“,[23] welches Norma immer wieder besucht, bringt die Wende. Im Antlitz des Kindes, in dessen liebevoller unverdienter Zuwendung, scheint die Größe und das Wunder der menschlichen Person auf. Und eines Tages, in einer überwältigenden blitzhaften Erleuchtung, sieht sie Emily noch einmal: „Ich sah Emily nicht als das kleine Kind, sondern als winziges, abgetriebenes Baby …"[24] Sich Rechenschaft gebend über den außergewöhnlichen Vorgang, kommt sie zu dem Schluss: „Es war das erste Mal, dass die Abtreibung für mich ein Gesicht bekam."[25] Von da ist es nur mehr ein kurzer Übergang zu der augenöffnenden Wahrheit, die ihr das verschafft, was sie „meine vollständige pro life-Bekehrung“ nennt:

„Es war so, als ob Binden von meinen Augen abfallen würden, und plötzlich erkannte ich die Wahrheit. Es ist ein Baby! Ich war niedergeschmettert. Es ging mir so schlecht, dass ich am liebsten davongerannt wäre… Ich hatte der schrecklichen Realität ins Auge zu schauen. Abtreibung hatte nichts mit ,Gewebeklumpen‘ zu tun, nichts mit ,ausgebliebenen Blutungen‘. Es ging um Kinder, die im Schoß ihrer Mütter getötet wurden."[26]

Mit der Öffnung für die Personwürde des Anderen beginnt die Öffnung für die eigene Würde und für das Sich-Anschauen im Blick Gottes. Gott ist es, der die unverlierbare Würde verleiht – die Würde Emilys, die Würde Normas und die Würde eines jeden –, und in der Hinwendung zu diesem Gott als dem Schöpfer seines Ebenbildes wird Norma McCorvey ihrer wahren Identität wieder ansichtig: „Vor Gott war ich nicht Jane Roe. Wenn ich Gott von Angesicht zu Angesicht sehe, dann erinnert Er mich nicht an meine Rolle in der Legalisierung der Abtreibung. Er nimmt mich einfach in Seine Arme und nennt mich Sein kleines Mädchen."[27]

Am 17. August 1998 wird Norma Mc Corvey, die sich in ihrem kurzen Rechenschaftsbericht My Journey into the Catholic Church selbst als ehemaliges „poster-girl for he pro-death movement“ bezeichnet,[28] von Father Frank Pavone, dem Gründer der Vereinigung Priests for Life, in die katholische Kirche aufgenommen.

Schon Jahre zuvor beginnt sie sich für den Lebensschutz stark zu machen. Das Leben zu verteidigen, das Leben zu schützen, den wehrlosen Ungeborenen eine Stimme zu geben – das ist bis zu ihrem Tod ihr sie verzehrendes Anliegen. Ihr Einsatz wird von Bischöfen und Kardinälen honoriert. Sie betet vor Abtreibungskliniken, spricht auf Kongressen, ist Buchautorin und unermüdliche Verbreiterin der Botschaft des Lebens. Ihr Leben widmet sie einer einzigen Aufgabe: dem Kampf, dass das furchtbare Unrecht, welches den Namen Roe vs. Wade trägt, aus der Welt geschafft wird. Sie, die ehemalige Vorzeigeabtreibungsbefürworterin, wird zum veritablen Zeichen des Widerspruchs und genaugenommen zum prophetischen Mal. Denn an ihrem Leben wird sichtbar, was Abtreibung und was die Abtreibungsgegenwelt ist: Aber an ihr wird auch sichtbar, dass die Abtreibung ohne jeden Zweifel einmal ein Ende hat.

Als Father Pavone sie eines Tages zu einer Radiosendung einlädt, in der sie über ihren Werdegang berichten soll, drückt sie ihren tiefgreifenden Lebenswandel, der von der Erniedrigung zur Würde führte, in den prägnanten Worten aus: „Das erste Mal, als Father Frank Pavone mich für dieses Radioprogramm interviewte, begann er mit den Worten: ,Sie sind also die Jane Roe von Roe vs. Wade.‘ ,Nein, Father‘, so gab ich zur Antwort, ,ich war die Jane Roe von Roe vs. Wade, aber jetzt bin ich eine neue Schöpfung in Christus. Ich bin nie mehr Roe!"[29] – Heuer, am 18. Februar 1917, ist Norma McCorvey heimgegangen. Requiescat in pace!

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)


[1] Der Beitrag ist zuerst erschienen in: Medizin & Ideologie, Informationsblatt der Europäischen Ärzteaktion, Nr. 01/17, 26-31.
[2] Norma McCorvey (with Gary Thomas): Won bei Love. Norma McCorvey, Jane Roe of Roe v. Wade, speaks out for the unborn as she shares her new conviction for life, Nashville 1997, 6.
[3] Ebd., 15.
[4] Ebd., 16.
[5] Ebd., 37. Das Kapitel, dem die Textpassage entnommen ist, trägt den Titel „Being Used“.
[6] Die Namen der beiden Anwältinnen, welche McCorveys Anklage vor Gericht vertraten.
[7] McCorvey: Won bei Love, 241.
[8] Ebd., 242.
[9] Denn tatsächlich hatte Norma McCorvey nie eine Abtreibung.
[10] Ebd., 241.
[11] Ebd., 231.
[12] Ebd., 34.
[13] Ebd., 194.
[14] Ebd., 236.
[15] Ebd., 42.
[16] Ebd., 53.
[17] Ebd., 63.
[18] Ebd., 53f.
[19] Ebd., 61.
[20] S. etwa die Schilderung ihrer Medienkontakte im Kapitel „Media Mayhem“, 180-192, wo es (189), im Blick auf ihre Konversion von der Abtreibungsanhängerin zur Lebensschützerin, resümierend heißt: „Die Haltung der Medien mir gegenüber änderte sich. Zunächst, als Jane Roe, Klägerin im Prozess Roe vs. Wade, war ich so etwas wie der Liebling der Medien. Die Mehrzahl der nationalen Reporter ist strikt abtreibungsbefürwortend oder zumindest das, was sie ,gemäßigt pro-choice‘ nennen. Interviews wurden normalerweise mit Wohlwollen geführt. Doch jetzt war ich ,Norma McCorvey, die christliche Fundamentalistin‘ – der Feind.“
[21] Ebd., 54.
[22] Ebd., 46.
[23] S. ebd. das gleichnamige Kapitel, 90-99.
[24] Ebd., 154.
[25] Ebd.
[26] Ebd., 194f.
[27] Ebd. 173.
[28] Norma McCorvey with Fr. Frank Pavone: My Journey into the Catholic Church, Staten Island, NY, 6.
[29] Ebd., 10.

„10 Tage, 10 Städte für Ehe & Familie“

„Bus der Meinungsfreiheit“ in Deutschland

Mit einem „Bus der Meinungsfreiheit“ haben Eduard Pröls, Direktor für die deutschsprachigen Länder bei „CitizenGO“, und Hedwig von Beverfoerde, die Sprecherin des Aktionsbündnisses „Demo für Alle“, ihre Kampagne für Ehe und Familie vom 6. bis 15. September 2017 nun auch in Deutschland durchgeführt. Ihre Idee für den Kampf gegen die Bemühungen der Gender-Ideologen, der LGBTI-Gruppen und des Establishments, das diese Kräfte unterstützt, ist im Grunde genommen sehr einfach. Mit einem knallig-orangefarbenen Bus, der die Aufschrift „Bus der Meinungsfreiheit“ trägt, fahren sie durch ausgewählte Städte und halten an eigens dafür genehmigten Plätzen kurze Kundgebungen ab. Strichmännchen-Figuren auf dem Bus verdeutlichen, dass eine Ehe aus Mann und Frau besteht. Darunter stehen Sprüche wie „Lass dich nicht verunsichern!“ Auf der Rückseite des Busses heißt es: „Jungs sind Jungs. Mädchen sind Mädchen. Ehe bleibt Ehe.“ Die Reaktionen der Gegner sind heftig. Aber gerade sie verhelfen der Kampagne zu einem ungeahnten Erfolg.

Von Eduard Pröls

Wütendes Geschrei, viele hasserfüllte Gesichter und teils auch Gewalt sind die täglichen Begleiterscheinungen, wenn der „Bus der Meinungsfreiheit“ auf Tour geht. Nach Spanien, den USA, Kolumbien, Mexiko und Chile gab es diese Reaktionen vom 6. bis 15. September auch in Deutschland. Das deutsche Team von CitizenGO und Demo für Alle hat sie während der am Freitag, 15. September 2017, mit einer Kundgebung vor dem Bundeskanzleramt in Berlin zu Ende gegangenen Rundfahrt Tag für Tag hautnah erlebt.

Woher kommt dieser Hass?

Woher kommen diese Wut und dieser Hass? Denn an den Botschaften, mit denen der Bus während der „10 Tage, 10 Städte für Ehe & Familie“-Rundfahrt durch Deutschland unterwegs war, kann es nicht gelegen haben. „Ein Junge ist ein Junge“ und „ein Mädchen ist ein Mädchen“ wiederholt einfache biologische Tatsachen. Liegt es also am Zusatz: „Lass Dich nicht verunsichern“, dass Linke, Grüne, SPD, Antifa und verschiedene andere linke Gruppen in helle Aufregung gerieten, als die Kampagne angekündigt wurde?

Oder sind die Feststellungen, dass aus unserer Sicht (die sich im Übrigen mit der persönlichen Überzeugung von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel deckt) Ehe die auf Dauer angelegte Verbindung eines Mannes mit einer Frau ist, aus der Kinder hervorgehen, die dann zusammen mit ihren Eltern eine Familie bilden, der Grund dafür, dass manche Redakteure und Kommentatoren von einem „Hass-Bus“ oder gar einem „Bus des Grauens“ geschrieben haben?

Überraschungsaktion vor der Bundestagswahl

Die deutsche Kampagne mit dem „Bus der Meinungsfreiheit“ war von Beginn an sehr erfolgreich, denn wann ist es jemals zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik einer kleinen Gruppe von Menschen gelungen, von München bis Kiel und von Düsseldorf bis Dresden und Berlin so viel Aufmerksamkeit hervorzurufen? Alleine durch die Ankündigung einer 10-tägigen Rundfahrt?

Die gesamte Aktion war – wie in den anderen Ländern auch – nicht darauf angelegt, große Menschenmengen zu versammeln. Hedwig von Beverfoerde, der Sprecherin des Aktionsbündnisses Demo für Alle, und mir als Direktor für die deutschsprachigen Länder bei CitizenGO, die wir von einer Gruppe junger Leute begleitet und unterstützt wurden, ging es vielmehr darum, mit einer Überraschungsaktion die gemeinsamen Themen „Ehe bleibt Ehe“, Einsatz für die Zweigeschlechtlichkeit, gegen Gender und Sexualisierung und die damit verbundenen Positionen vor der Bundestagswahl noch einmal in den öffentlichen Fokus zu rücken.

Grundrecht der freien Meinungsäußerung und der Demonstrationsfreiheit

Bereits vor Beginn der Rundfahrt war es eines der erklärten Ziele der Organisatoren, mit Unterstützern, Bürgern, Journalisten und möglichst auch Politikern ins Gespräch zu kommen, nachdem die vergangenen Monate und Jahre gezeigt haben, dass all diejenigen, die in unserem Land für Ehe und Familie eintreten, in immer stärkerem Maße eingeschüchtert, diskreditiert, angepöbelt und mundtot gemacht werden.

Unter Berufung auf das Grundrecht der freien Meinungsäußerung und der Demonstrationsfreiheit gehen „Antifaschisten“, SPD, Grüne und Linke, die sich als angeblich bunte, Freiheit und Vielfalt liebende Koalition präsentieren, immer und immer wieder auf die gleiche Weise vor: sie nutzen rechtliche Spielräume, um in Form angeblicher „Spontandemonstrationen“ (die meist aus Kundgebungen hervorgehen, die an anderer Stelle angemeldet und dann frühzeitig für beendet erklärt werden) alle Veranstaltungen, die nicht ihrem Weltbild entsprechen, zu stören oder zu verunmöglichen.

Der Bus überragte die lärmende Schar der Gegendemonstranten

Offensichtlich ist es dabei gezielte Absicht, Passanten und jeden, der nicht von vornherein willens ist, ohrenbetäubendem Lärm standzuhalten, zu verschrecken. Wie „bunt“ und vielfältig eine Gesellschaft ist, in der nur noch die Meinung von lautstarken gesellschaftlichen Gruppen, die andersdenkende durch ihr Gebrüll und Gelärm sprachlos machen, ist eine Frage, die nicht gestellt wird. Vielmehr ist feststellbar, dass Schlagworte wie „gegen Rechts“, gegen „mittelalterliche Ansichten“ und „Ihr seid gegen den Fortschritt“ offensichtlich zu Auslösern reflexhaften Verhaltens werden, das nicht hinterfragt wird.

Von Beginn an wurde die oben beschriebene Vorgehensweise gegen den „Bus der Meinungsfreiheit“ angewandt: die Kundgebung am ersten Halt des Busses am Münchener Karlsplatz begann zwar damit, dass viele Gespräche mit interessierten Passanten stattfanden, aber bereits nach kurzer Zeit kamen die Gegendemonstranten und begannen den Bus und die Anwesenden einzukreisen, während sie ein ohrenbetäubendes Konzert mit Trillerpfeifen veranstalteten. Doch der orangefarbene „Bus der Meinungsfreiheit“ überragte die lärmende Schar, der es nicht gelang, seine Botschaft zu verdecken.

Auch eine brüllende Menge ist eine Botschaft an Passanten

Dass die Taktik von Antifa, SPD, Grünen, Linken & Co. nicht aufging, zeigte sich noch viel mehr in Stuttgart, wo es einer unablässig feministische und antifaschistische Losungen brüllenden Menge nicht gelang, den Bus und seine Botschaft der öffentlichen Aufmerksamkeit zu entziehen. Die Störer kreisten zwar die Kundgebung der Businsassen ein und nur ein massives Polizeiaufgebot verhinderte die völlige Einkesselung der Kundgebungsteilnehmer, aber der Bus überragte die schreiende, lärmende Menge und weitum blieben Passanten stehen, beobachteten und machten sich ihre Gedanken.

Drei Tage später, in Köln, feierte die „bunte“ Koalition (angeführt von der SPD-Bundestagsabgeordneten und stellvertretenden Kölner Bürgermeisterin Elfie Scho-Antwerpes und offensichtlich zumindest wohlwollend geduldet von der Kölner Stadtpolizei) bereits einen vermeintlichen Erfolg und war der Überzeugung, unsere Kundgebung verhindert zu haben, doch die Bereitschaftspolizei ermöglichte uns kurzfristig, nach mehrstündiger Blockade des Busses, doch noch an den Veranstaltungsort auf dem Bahnhofsvorplatz zu gelangen und unsere Kundgebung durchzuführen. Dass sie uns dadurch sogar noch zu einer ungeplanten, publikumswirksamen „Ehrenrunde“ an der Domplatte verholfen hatten, ärgerte die Gegner dann so sehr, dass es schien, sie wollten sich vor lauter Erregung und Wut auf uns fast die Seele aus dem Leib schreien.

Nach der ersten Hälfte verstummte das Geschrei

Erstaunlich war, dass sich während der zweiten Hälfte der „10 Tage, 10 Städte für Ehe & Familie“ die Situation grundlegend änderte. In Düsseldorf war zum ersten Mal eine weitgehend störungsfreie Kundgebung möglich, bei der Besucher die Redebeiträge wirklich hören konnten. Von da an wurden die Gegenproteste von Tag zu Tag schwächer und es kam immer häufiger zu der Situation, dass sich Gegendemonstranten die Kundgebungen ohne zu stören, anhörten und anschließend ruhige, sachliche Gespräche mit den Begleitern des Busses und Unterstützern führten.

220.000 Unterzeichner fordern Überprüfung der „Ehe für alle“

Zum Abschluss der Rundfahrt präsentierten die Organisatoren im Namen des Aktionsbündnisses Demo für Alle und des deutschen Teams von CitizenGO in Berlin die mehr als 220.000 Unterschriften der an Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel gerichteten Petition „Ehe bleibt Ehe“. Sie erneuerten dabei die Forderung nach einer Überprüfung des am 30. Juni 2017 in einer Eilabstimmung durch den Bundestag gebrachten Gesetzes zur Ehe-Öffnung durch das Bundesverfassungsgericht, die sie bereits zu Beginn der Tour an die Bayerische Staatsregierung gerichtet und bei der Kundgebung vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe bekräftigt hatten.

Dabei machten die beiden Organisatoren, die während der gesamten Rundfahrt von einer Gruppe engagierter Jugendlicher begleitet und unterstützt worden waren, kein Hehl aus ihrer Enttäuschung darüber, dass weder die bayerische Staatskanzlei noch das Bundeskanzleramt auf die mehrfachen Anfragen zur Übergabe der jeweiligen Petitionen reagiert hatten und betonten, dass sie daraufhin beschlossen haben, ihre Petition weiterzuführen und noch mehr Unterschriften zu sammeln. Sie kündigten an, den Widerstand gegen die „Ehe für alle“ so lange weiterzuführen, bis dieses Gesetz zurückgenommen wird.

Der gewaltige Erfolg der Kampagne ermutigt zum Weitermachen

Hedwig von Beverfoerde und ich, wir ziehen nach der „10 Tage, 10 Städte für Ehe & Familie“-Tour mit dem Bus der Meinungsfreiheit eine positive Bilanz und sehen diese Kampagne als einen vollen Erfolg, und zwar als einen Erfolg, der durch die Erfolge in anderen Ländern eindeutig bestätigt wird. Wie erfolgreich die internationale Kampagne mit dem „Bus der Meinungsfreiheit“ ist, zeigt sich beispielsweise auch daran, dass der Multi-Milliardär George Soros, der ein erklärter Förderer und Unterstützer der Gender-Ideologie ist, kürzlich seinen Ärger über die Kampagne öffentlich geäußert und vor dem „Bus der Meinungsfreiheit“ gewarnt hat. Derweil haben wir bereits angekündigt, dass wir weitere gemeinsame Aktionen dieser Art nicht ausschließen.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2017
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Umkehr ist die einzige Lösung

Welt ohne Gott

Jeder Mensch sehnt sich nach Glück. Doch die Menschheit scheint zu vergessen, dass es nur eine einzige Sonne gibt, die unser Herz erwärmen und zufriedenstellen kann, nämlich Gott, der uns erschaffen hat. Und so baut sich die moderne Gesellschaft eine Zivilisation ohne Gott, was besonders in den staatlichen Gesetzen sichtbar wird, die sich bewusst gegen die Schöpfungsordnung richten. Der Mensch aber, der sein eigener Erbauer werden will, gerät unausweichlich in eine Sackgasse. Es gibt nur eine Lösung für die globalen Probleme der Menschheit, nämlich die Rückkehr zu Gott.

Von Weihbischof Andreas Laun, Salzburg

Dass Menschen auch ohne Gott leben können, beweist die Erfahrung. „Ohne Gott“ heißt dabei natürlich nur, dass sie nicht an ihn glauben. Man könnte sagen: Sie können ohne Gott leben, aber Gott nicht ohne die Menschen. Sie sind und bleiben „in der Gefahr“, dass Gott in ihr Leben eindringt. Er wird sie niemals „vergewaltigen“. Er lässt ihnen auf jeden Fall den freien Willen, so dass sie im schlimmsten aller denkbaren Möglichkeiten sich auch endgültig gegen Ihn entscheiden können. Aber bis zu diesem Zeitpunkt wird Gott sie umwerben und versuchen, sie zu gewinnen.

Auch für bekennende Atheisten gilt:
„Er hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die ganze Erde bewohne. Er hat für sie bestimmte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnsitze festgesetzt. Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern. Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir, wie auch einige von euren Dichtern gesagt haben: Wir sind von seiner Art“
(Apostelgeschichte 17,26-28).

Nietzsches Wort vom Tod Gottes

Nietzsche hat diese Unterschiede nicht bedacht, wenn er in seinem berühmten Wort konstatiert, wir, die Menschen, hätten Gott getötet. Was er damit sagen will, hat er mit eindringlichen Bilder beschrieben: Die Menschen hätten die Erde von ihrer Sonne abgekoppelt, eigentlich müssten wir schon die eisige Kälte des Universums eindringen spüren. Aber die Menschen haben dieses schlimmste aller Ereignisse im Gegenteil als Befreiung und daher als Grund zur Freude gedeutet und leben jetzt entsprechend.

Blickt man auf den heutigen Zustand der Welt, kann man ihm eigentlich nur recht geben: Gott wird totgeschwiegen und das Wort trifft das, was Nietzsche gesagt hat. Einige Stichworte machen das anschaulich:

• Schöpfung: Wir reden nur noch von Zufall und Evolution, obwohl wir keine Beweise dafür haben. In Filmen bewundern wir die Tiere und ihre unglaublichen Fähigkeiten, aber wir sprechen unbeugsam von Evolution – und Gott wird nicht einmal als möglicher Schöpfer beim Namen genannt.

• Ehe und Familie: Wir behaupten, wir könnten durch Gesetze bewirken, dass auch Homosexuelle „heiraten“ können, ja überlassen ihnen gegen alle Erfahrungen sogar Kinder, die sie angeblich „genauso gut“ lieben und erziehen können wie Vater und Mutter.

• Mütter: Wir halten sie für nicht besonders wichtig, weil wir ihnen die Kinder wegnehmen und sie – weil „genauso gut“ – in KITAS stecken, trotz aller schlimmen Erfahrungen mit diesem System, die die kommunistischen Länder damit gemacht haben, sodass es leicht wäre zu erkennen, dass KITAS eine Notlösung sind für Notfälle wie ein Spital für die Kranken, aber nicht ein guter Normalplatz für kleine Kinder. Würde es endlich gelingen, auch Männer ein Kind „austragen“ zu lassen, würde es unsere Welt als Durchbruch zur Gleichberechtigung feiern.

• Frauen: Wir achten sie angeblich besonders, aber zugleich signalisieren wir ihnen ihre Wertlosigkeit: Sowohl für die Kinder als auch für den Gatten sind sie unwichtig, austauschbar. Indem wir ununterbrochen ihre Gleichberechtigung betonen, nehmen wir ihnen ihre Weiblichkeit als Mütter und Gattinnen.

• Sexualität: Man genießt sie wie die Befriedigung irgendeines anderen körperlichen Bedürfnisses. Von Liebe und Bindung zu reden, ist politisch eigentlich nicht mehr korrekt.

• Beziehung zu Gott: Wenn Gott nur irgendeine Kraft ist und es zudem gleichgültig ist, an welchen Gott jemand glaubt, weil ja alle Religionen eigentlich „dasselbe“ meinen, dann ist Gott vergleichbar einem Wolf, den man zum Schoßhund heruntergezüchtet hat und der daher auch nicht mehr wirklich stören kann, weder durch von ihm geforderte Gottesfurcht, noch durch Gebote, die die Lebenslust stören könnten und uns hindern, unsere eigene Welt zu bauen.

• Demokratie: Schon das Wort enthält die Häresie des Turmbaus von Babel: Wir bauen unseren Staat ohne Gott. Wir anerkennen nur unsere Mehrheiten im Parlament, kein Naturrecht, kein höheres Recht Gottes. Gott bekommt für diese Menschenwelt kein Visum und kein Asylrecht mehr.

Robert Kardinal Sarah schreibt: „Ohne den Bund mit Christus wird sich die Kluft zwischen seinem Wort und den Völkern, ganz besonders in den westlichen Völkern, nicht mehr beseitigen lassen können. Die neuen Gesetze gehen von anthropologischen Grundlagen aus, die der Lehre Jesu entgegengesetzt sind. Sie sind der treffende Ausdruck für die Spaltungen, die heute die Männer Christi voneinander trennen.“

Und weiter unten sagt der Kardinal: „Ich glaube, dass der ungeheure ökonomische, militärische, technische und mediale Einfluss eines Abendlandes ohne Gott für die Welt eine Katastrophe sein könnte.“ Das Schlimme dabei ist: „Die entchristlichte Kultur möchte den Bereich ihres Kampfes gegen Gott unbedingt ausweiten.“

Die Lösung durch Gott

Die Antwort unseres Glaubens können wir auf die Formel bringen: Gottesmord durch Abfall von Gott, Auferstehung Gottes durch Umkehr zu Gott. Die Lösung kann nur sein: Neuevangelisierung. Einen ersten Schritt dazu hat Gott selbst getan durch die vielen bekannten und noch mehr die unbekannten Heiligen, die er unserer Zeit geschenkt hat: Päpste wie Johannes Paul II., Heilige wie Mutter Theresa, Märtyrer im Reich Stalins und Hitlers, Heilige aus Seinem ersten Volk, den Juden, wie Edith Stein und ihre Schwester Rosa, Kardinal F. Thuan, neue Kirchenlehrer wie Benedikt XVI. und viele, viele Unbekannte. Sie alle sind uns vorausgegangen – für neue Liebe und neue Katechese. An uns liegt es, ihnen nachzugehen.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2017
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„Maria bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen“ (Lk 2,51)

Der Kern der Fatima-Botschaft

Vor 27 Jahren entstand in Schnaitheim bei Heidenheim eine kleine Kapelle zu Ehren der Schmerzensmutter. Seitdem treffen sich dort jeden Monat Gläubige zum gemeinsamen Rosenkranzgebet. Am 19. Juli 2017 feierte Abt Thomas Maria Freihart OSB vom Kloster Weltenburg mit dem Gebetskreis einen Gottesdienst zum Jubiläum „100 Jahre Fatima“ und krönte dabei die dortige Fatima-Statue. Freihart, der 1960 als ältester Sohn einer Bauernfamilie mit acht Kindern in Raitenbuch bei Berching geboren wurde, trat 1980 in die Benediktinerabtei Plankstetten ein. 1998 wurde er zum Abt des Klosters Weltenburg gewählt und vom Regensburger Bischof Manfred Müller geweiht. Nachfolgend die Festpredigt, die Abt Thomas Maria Freihart in Schnaitheim gehalten hat.

Von Abt Thomas M. Freihart OSB, Weltenburg

Aufruf zur Umkehr

Das Jahr 1917 war für Europa und für die ganze Welt ein schicksalsschweres Jahr. Durch die Oktoberrevolution ging im Osten Europas, in Russland, das Licht des Glaubens aus. Bevor es dort ausging, ging das Licht des Glaubens aber am äußersten Teil von Westeuropa, in Portugal, neu auf. In Fatima brachte Maria den drei Kindern die Botschaft von der Überwindung des Bösen durch das Gute, die Überwindung von Panzern und Kanonen durch das Gebet. Maria hat in Fatima gleichsam einen Brückenkopf gefunden, von dem aus der Unglaube überwunden werden sollte.

Der Kern der Botschaft der Mutter Gottes in Fatima ist der Aufruf zur Umkehr. So begann auch Jesus sein öffentliches Wirken mit dem Ruf: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium. Denn das Himmelreich ist nahe.“ Im griechischen Urtext des Evangeliums heißt das Wort umkehren „metanoiete“! Das bedeutet: Denkt um! Denkt anders! Ändert euer Denken! Ändert eure Gesinnung! Umkehr beginnt also im Inneren, im Herzen, und zeigt sich dann im Verhalten, in den Taten!

Maria verbindet den Ruf zur Umkehr in Fatima mit dem Ruf zur Verehrung ihres Unbefleckten Herzens. Es ist also eine Einladung: Denkt wie Maria in ihrem Herzen. Macht euch ihre Haltung zu eigen.

Der innere Dialog mit dem Wort

Es ist der Evangelist Lukas, der uns das Geheimnis der Gottesmutter in seinem Evangelium besonders nahe bringt. Er hebt einen Zug an Maria heraus, wenn er dreimal von ihr sagt, dass sie das Wort in ihrem Herzen bedachte und bewahrte.

Es ist in der Stunde der Verkündigung: „Sie erschrak und überlegte in ihrem Herzen, was dieser Gruß zu bedeuten habe“ (Lk 1,30). Den Menschen befällt Furcht, wenn ihn die Nähe Gottes, des „ganz Anderen“, anrührt. Das Wort, das der Evangelist für „überlegen“, „nachdenken“ gebraucht, ist von der griechischen Wurzel „Dialog“ her gebildet, d.h. Maria tritt innerlich mit dem Wort in Zwiesprache. Sie führt einen inneren Dialog mit dem ihr gegebenen Wort, spricht es an und lässt sich ansprechen, um seinen Sinn zu ergründen.

Nachdem die Hirten das Kind angebetet hatten, heißt es von der Mutter Jesu: „Maria aber bewahrte alle diese Worte, sie in ihrem Herzen bewegend“ (Lk 2,19).

Als am Ende der Kindheitsgeschichte der zwölfjährige Jesus im Tempel wieder gefunden war, schreibt der Evangelist ein drittes Mal: „Seine Mutter bewahrte alle diese Worte in ihrem Herzen“ (Lk 2,51).

In ihrem Gedächtnis ist das Wort aufbewahrt; so ist sie zuverlässige Zeugin des Geschehenen. Aber Gedächtnis verlangt mehr als ein bloß äußeres Registrieren, wie man es braucht, um sich Telefonnummern zu merken. Maria nimmt die Ereignisse wachen Sinnes in sich auf und geht inwendig mit ihnen um. So „setzte sie sie zusammen“ sagt Lukas von ihr, oder „sie hielt die Worte zusammen“ (Lk 2,19), sie hielt sie durch (Lk 2,51).

Nur innere Beteiligung ermöglicht Aufnahme und Festhalten eines Wortes. Was mich nicht anrührt, geht auch nicht in mich ein. Die Gottesmutter ist ein innerlicher Mensch, ein Mensch des Herzens, ein Mensch mit Tiefgang. Sie nimmt die Ereignisse in das Herz hinein, in jenen inneren Raum des Verstehens, in dem Sinn und Geist, Verstand und Gefühl ineinandertreten und so über das Einzelne hinaus die Ganzheit sichtbar und ihre Botschaft verständlich wird.

Das wunderbare Beispiel des Magnifikats

Hinter dieser Schilderung Marias wird das Bild des alttestamentlichen Frommen sichtbar, wie ihn die Psalmen beschreiben: Selig der Mann, der über Gottes Weisung nachsinnt bei Tag und Nacht. Es ist für ihn kennzeichnend, dass er das Wort Gottes liebt, in seinem Herzen trägt, ganz von ihm durchdrungen und durchlebt ist.

Maria hat so tief im Wort des Alten Bundes gelebt, dass es beispielsweise im Magnifikat ganz von selbst ihr eigenes Wort wurde. Das Wunderbare am Magnifikat ist ja, dass es ein Geflecht von Worten der Bibel ist, die aber nicht künstlich aneinander gereiht werden. Sie treten aus dem Inneren gelebten Lebens als Einheit hervor. Die Bibel war so sehr von ihr durchbetet und durchlebt, so sehr in ihrem Herzen „zusammengehalten“, dass sie in ihrem Wort ihr Leben und das Leben der Welt sah; so sehr ihr eigen, dass sie darin auf ihre Stunde zu antworten vermochte. Gottes Wort war ihr eigenes Wort geworden, und ihr eigenes Wort war hineingegeben in Gottes Wort.

„Mir geschehe nach deinem Wort!“

Die Verehrung des Herzens Mariens will uns dazu führen, in die Haltung der Gottesmutter hineinzuwachsen: Hörende zu werden wie sie und aus dem Hören zum Gehorchen zu gelangen. Es beginnt damit, den Willen Gottes für sich zu erkennen zu suchen: Was willst du von mir, jetzt in dieser konkreten Zeit, in der ich lebe? Wenn ich den Willen Gottes erkenne, darf ich mich ihm nicht entziehen. Er ist für mich maßgebend. Ihm entspricht nur das eine: Gehorchen! Gerade das steht in unserer Zeit nicht hoch im Kurs. Gehorchen gilt als etwas von vorgestern. Mündig, eigenständig, selbstverantwortlich… sind unsere Vokabeln, die zählen. „Ich will mich selbst verwirklichen, ich lasse mich nicht fremd bestimmen.“

Blicken wir auf Maria und ihr entscheidendes Wort: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort“ (Lk 1,38). Ihr Ja zu Gottes Plan hebt ihre Freiheit nicht auf. Sie ermöglicht Größeres, ja das entscheidendste Ereignis der Geschichte: das Kommen Gottes in unsere Welt. Gottes Wille führt uns immer zum Guten. ER weiß immer, was wirklich und letztlich zum Guten für uns ist. Dass wir uns darauf einlassen, fordert unseren Glauben und unser Vertrauen: „O Gott! Ich glaube, dass du auch dann das Gute für mich willst, auch wenn ich es jetzt nicht oder noch nicht so sehen kann.“ Die Gottesmutter Maria ist uns in dieser Haltung Vorbild: „Selig bist du, die geglaubt hat…“ (Lk 1,45).

Wenn wir in dieser Haltung des Glaubens und Vertrauens unseren Weg gehen, kann auch im Leben eines jeden von uns gleichsam ein Magnifikat erklingen. Es ist das Ineinander des Dankes für persönlich erfahrene Gnade und der Verherrlichung der Taten Gottes in der Geschichte: „Der Mächtige hat Großes an mir getan… Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“ Das Gedenken an Gottes Taten in der Vergangenheit ist aber gleichzeitig immer neu hoffnungsvoller Blick in die Zukunft. Denn Gottes Handeln hört nicht auf. Die Menschwerdung seines Sohnes ist ja der Anfang der Fülle der Zeiten.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)

Krönung der Fatima-Madonna

Aus der Ansprache von Josef Zechmeier

Es ist eine außerordentliche Fügung, dass wir heute das Jubiläum „100 Jahre Fatima“ mit Abt Thomas Maria Freihart OSB vom Benediktinerkloster Weltenburg feiern dürfen. Denn unser kleines Heiligtum verbindet auf besondere Weise Fatima mit dem Kloster Weltenburg.

Die Fatima-Statue, die sich hier befindet, kommt nicht aus einem Laden. Bei einer Pilgerreise nach Fatima durfte ich persönlich dem weltbekannten Pater Ludwig Condor SVD begegnen. In seiner Wohnung übergab er mir diese Statue, die er selbst in der Gnadenkapelle geweiht hatte. Unsere Liebe Frau von Fatima hat uns alle aufgefordert, täglich den Rosenkranz zu beten. Im Geist von Fatima versammeln wir uns vor dieser Fatima-Statue seit 27 Jahren mit unserem Gebetskreis jeden Monat zum gemeinsamen Rosenkranz. Und im Kreis der Familie beten wir ihn jeden Tag.

Unsere Pieta aber, die Schmerzensmutter vom Laiberberg, habe ich vom Abt des Klosters Weltenburg erworben. Sie stammt aus dem dortigen Klostergarten. Abt Dr. Thomas Niggl OSB hat die Pieta-Kapelle am 8. Juli 1990 eingeweiht. Einmal stand er besinnlich vor der Kapelle und sprach halblaut die Worte: „Hier geschehen noch Wunder!“ Das größte Wunder, das hier geschieht, ist wohl die Eucharistie selbst, die wir regelmäßig mit Priestern, Bischöfen oder Äbten feiern dürfen.

Und heute wollen wir, zum 100-jährigen Jubiläum, der Fatima-Madonna mit einer Krone aus Fatima unsere tiefe Liebe und innige Verehrung entgegenbringen. Nur ein Bischof oder Abt darf nach kirchlichem Recht eine Marienstatue krönen. Und so schließt sich ein Kreis, wenn nun Abt Thomas Maria Freihart OSB vom Kloster Weltenburg, wo einst die Schmerzensmutter beheimatet war, unserer Fatima-Madonna die Krone aufsetzen wird.

Ich glaube, wenn wir an diesem einmaligen Geschehen der Krönung der Gottesmutter von Fatima mit einer großen Hoffnung, einem tiefen Glauben und einem liebevollen Vertrauen teilnehmen, werden wir eine Fülle von Gaben empfangen. Wenn wir Sehnsucht haben nach göttlicher Liebe, nach innerer Freude und nach Frieden, wird sich der Himmel öffnen und die ersehnten Gnaden in diese Welt strömen lassen. So kann ein Wunder in unseren Herzen geschehen – das Wunder von Fatima!

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)

Ein afrikanischer Muslim wird katholischer Priester

Warum bin ich Christ geworden?

Adrien Mamadou Sawadogo (geb. 1971) stammt aus dem westafrikanischen Staat Burkina Faso. Er wuchs in einer muslimischen Familie auf, konvertierte mit 22 Jahren zum katholischen Glauben, trat in den Orden der „Weißen Väter“ ein, arbeitete sechs Jahre lang als Missionar in Sambia und erhielt danach in Kairo und Rom eine Ausbildung am Päpstlichen Institut für Arabische und Islamische Studien. Nun leitet er das Zentrum für Glauben und Begegnung in Bamako/Mali, das 2007 gegründet wurde und an die neue Katholische Universität Mali angeschlossen ist. Eine Aufforderung Papst Benedikts XVI. war für ihn ausschlaggebend, in einer kurzen Biographie Zeugnis von seinem Lebensweg abzulegen. In dem Buch „Gott hat mich ergriffen. Vom Islam zum Christentum. Weder Sieg noch Niederlage"[1] beschreibt er sowohl seine Beziehung zum Islam als auch seine mystischen Erlebnisse, die ihn zum Christentum geführt hatten. Ein kurzer Auszug.

Von Adrien Mamadou Sawadogo

Ich bin ein junger Missionar, Mitglied der Gesellschaft der Afrikamissionare, und stamme aus Burkina Faso. Am 8. April 1971 wurde ich in Boboua-Daloa an der Elfenbeinküste als ältester Sohn von al-Hādjdj Issa Sawadogo geboren.

Tiefgläubige muslimische Familie

Mein Vater ist ein Muslim, der in seiner Gemeinde ein hohes Ansehen genießt. Er wird auch von den Mitgliedern der anderen Gemeinden, mit denen er zusammentrifft, sehr respektiert aufgrund seines tiefen Glaubens an Allah, seiner Glaubenspraxis mit der treuen Einhaltung der Riten, seiner Wohltätigkeit gegenüber den sozial am meisten Benachteiligten, wegen seiner Besonnenheit und seiner unablässigen Suche nach Gerechtigkeit und Versöhnung. Papa hat mir den muslimischen Glauben treu weitergegeben, den er selbst von seiner Glaubensgemeinschaft empfangen und durch seine Ausübung gestärkt hat.

Seit meiner frühesten Kindheit habe ich von meinem Vater gelernt, dass Allah der Schöpfer der ganzen Menschheit ist, dass alles, was existiert, Allah gehört und dass ihm unser ganzes Leben geweiht ist. Von meiner Kindheit an habe ich also gelernt, was es heißt, ein Muslim zu sein. Und in der Tat, ich war Muslim seit meiner Geburt und durch meine „Taufe“ (die Zeremonie der Namensgebung), bei der ich den Namen „Mamadou“ erhielt. Dieser Name stammt vom Propheten des Islam.

So bin ich im muslimischen Glauben aufgewachsen bis zum Alter von 22 Jahren, als mich eines Tages ein außergewöhnliches Ereignis erschüttert und mich schrittweise zum Glauben an Christus Jesus, dann zum missionarischen Leben und zum Priestertum bei den Afrikamissionaren (die auch „Weiße Väter“ genannt werden) geführt hat.

Eine Gestalt in strahlendem Weiß

Obwohl ich an der Elfenbeinküste geboren wurde, verbrachte ich das Schuljahr jeweils bei meinem Onkel in Burkina Faso. Eines Abends fuhr ich, nachdem ich meinen Taekwondo-Übungskurs (eine Kampfsportart) beendet hatte, mit dem Fahrrad nach Hause. Da hörte ich plötzlich direkt über meinem Kopf eine Stimme, die mich mit meinem Namen ansprach. Ich hörte: „Mamadou!“ Als ich instinktiv aufblickte, sah ich eine Gestalt wie eine menschliche Person, die in strahlendstem Weiß gekleidet war, von einem Glanz, der einem hellen Licht glich, das man auf ein ganz weißes Tuch projiziert. Meine Augen waren auf diese Person gerichtet, sodass ich nichts mehr außer ihr und mir wahrnahm. Ich war mir weder der Fortbewegung meines Fahrrades noch einer anderen Veränderung um mich herum bewusst; und obwohl sich dies ein paar Kilometer von zu Hause entfernt ereignet hatte, sah ich, als die Person aus meinem Blick entschwand, wie mein Fahrrad in der Garage am üblichen Platz abgestellt war, dort, wo ich es immer abstellte.

Als ich zu mir kam, erfasste mich zunächst ein gehöriger Schreck, doch dann fand ich sofort wieder meinen Frieden. Beim Verlassen der Garage richtete ich meinen Blick nach oben, um zu sehen, ob diese Person noch da sei. Aber sie war nicht mehr da. Und sogleich versuchte ich zu verstehen, was ich erlebt hatte. Ich war erschüttert, gepackt zwischen Zweifel und offensichtlicher Tatsache. Ich wollte die Dinge überprüfen und befragte den Wächter unserer Villa und das Wachpersonal des großen Eingangsportals des Mühlenbetriebes Grands Moulins du Burkina. Dort wohnte ich damals, weil mein Onkel Daniel Sawadogo der technische Direktor dieses Mühlenbetriebes war. Ich wollte wissen, ob sie an jenem Abend auch etwas Außergewöhnliches an meinem Verhalten bemerkt hatten. Zum Beispiel erinnerte ich mich nicht, mich am großen Portal gemeldet zu haben, wie ich es üblicherweise tat, noch die Wächter gegrüßt zu haben. Zu meiner großen Überraschung antworteten mir alle, dass ich mich wie üblich verhalten hatte. Das alles war mir tatsächlich unverständlich und zugleich konnte ich die Tatsachen nicht bestreiten.

Zwei Fragen kamen mir sogleich in den Sinn: Wer ist das? Was hat das zu bedeuten? Und sogleich war ich versucht, alles zu vergessen. Ich habe darüber mit niemandem geredet und sagte mir, dass das alles nur Einbildung gewesen sei. Und dann, nach einigen Tagen, als ich glaubte, der Vorfall sei abgeschlossen, machte ich eine andere Erfahrung mit derselben Gestalt, immer noch gekleidet in strahlendstem Weiß: Die Person stand am Fußende meines Bettes, während ich mich ausruhte, und richtete ihren Blick auf mich. Ich befand mich im Halbschlaf, halb wach und halb schlafend. Ich war vollkommen verblüfft, da ich nicht damit gerechnet hatte, sodass ich mich entschloss, meine Augen zu öffnen, um diese Person zu ertappen und festzustellen, wer diese Person wirklich war. Aber jedes Mal, wenn ich meine Augen öffnete, verschwand sie vor meinem Blick. Und jedes Mal, wenn sie auftauchte, war ihre Gegenwart so real wie beim ersten Mal, sodass ich mich schließlich entschloss, diese Person direkt zu fragen: „Wer bist du? Und was willst du?“

Diese beiden Fragen blieben unbeantwortet bis zu dem Tag, als mich eine Klassenkameradin, Sylvie, die Christin war, besuchte. Nach ihrem Besuch begleitete ich sie nach Hause. Dort hörte ich plötzlich im Zugang zum Hof von Neuem die Stimme, die mich wie beim ersten Mal rief: „Mamadou!“ Unwillkürlich drehte ich meinen Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Da sah ich einen Mann, der einem Kind, das bettelte, zärtlich über den Kopf strich. Es war eines der Kinder der Koranschule, die von Tür zu Tür gehen und um Almosen bitten. Ich kann gar nicht beschreiben, wie schön diese Geste war, die ich hier betrachten durfte. Ich fragte meine Freundin: „Wer ist das?“ – „Das ist Pater Gilles“, antwortete sie. Pater Gilles de Rasilly war ein französischer Priester der Gesellschaft der Afrikamissionare. Sein Einsatzort war Banfora, der Ort, an dem ich lebte und studierte.

Und ich fragte weiter: „Warum behandelt er den Jungen so liebevoll?“ Sie erwiderte: „Er macht das, wozu Jesus ihn beauftragt hat.“ – „Und wer ist Jesus?“, fragte ich weiter. Meine Freundin antwortete: „Jetzt stellst du aber zu viele Fragen!“, und damit entfernte sie sich. Kaum hatte sie aufgehört zu reden, als, vollkommen überraschend und als Antwort auf meine Fragen, die Person erschien, die mich gerufen hatte, und zwar auf eine solch reale Art und Weise, dass ich unsere erste Begegnung wiedererlebte. Und seine Anwesenheit tauchte mich ein in eine tiefe Stille. Wieder existierte nichts anderes mehr als seine Gegenwart und meine. Dann, mitten in der Stille hörte ich seine Stimme, die zu mir sagte: „Du wirst so sein wie er.“ Daraufhin richtete ich meinen Blick auf den Mann, der so liebevoll mit dem Kind umging. Ich verhielt mich still und fragte mich, was das wohl zu bedeuten habe.

Als meine Freundin sah, dass ich immer noch an der Stelle war, kehrte sie zurück und fragte mich, was ich denn da mitten auf der Straße mache. Ich wiederholte ihr gegenüber, was ich gerade gehört hatte, indem ich zu ihr sagte: „Ich muss so sein wie er“, und zeigte auf Pater Gilles.

Meine Freundin brach in lautes Lachen aus und ließ mich wissen, dass ich nicht „wie er“ werden könne, weil Jesu Nachfolger Christen, das heißt seine Jünger seien, während ich ein Muslim sei. Ohne viel darüber nachzudenken, antwortete ich: „Dann werde ich Christ, um ‚wie er‘ zu werden, denn ich muss in Zukunft ‚wie er‘ sein. Nach einigen Schritten fragte ich sie: „Was muss man tun, um Christ zu werden?“ Ich erfuhr sodann von meiner Freundin, dass man dort, wo ich soeben P. Gilles gesehen hatte, Jesus kennenlernen konnte.

Ich ließ meine Freundin allein weitergehen und kehrte wieder zurück, um mich heimlich in diesem Hof niederzusetzen, der das Zentrum für die Jugendlichen von Banfora war, damit ich erfahren konnte, was sie von Jesus erzählten. An jenem Tag begann ein Glaubenskurs und der Pater gab eine Art Zusammenfassung, die von den Verheißungen ausging und bis zur Geburt Jesu, seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung und schließlich zu seinen Erscheinungen reichte. Und ich sagte zu mir selbst: Sie kennen ihn also! Dann wartete ich bis zum Ende des Kurses, um mit dem Pater zu sprechen und ihm meinen Wunsch mitzuteilen: „Ich möchte auch Christ werden.“

Beginn eines Weges mit großen Hindernissen

Der Priester sah mich überrascht an, als er fragte: „Bist du nicht getauft?“ Als ich ihm mit „Nein“ antwortete, fragte er mich nach dem Grund. Und als ich ihm sagte, dass ich Muslim sei, sah ich in seinen Augen, dass er Angst hatte, mich für diesen Kurs einzutragen.

Daraufhin ging ich zum Gymnasium, das ich besuchte, um dort einen meiner Freunde, Serge Noel Zéba, zu suchen. Er war Christ und gehörte zu jenen Mitschülern, die sich gern über mich lustig machten, wenn ich mich zurückzog, um meine Gebetszeiten einzuhalten. Ich sagte ihm, dass ich Christ werden möchte, aber dass der Priester Angst hätte, mich für den Glaubenskurs einzutragen. Überrascht und voller Freude rief er so laut aus, dass es die ganze Klasse erfuhr: „Er will Christ werden!“ Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, sicherte er mir zu: „Keine Sorge, am kommenden Mittwoch werde ich dich begleiten.“

Tatsächlich sind wir am darauffolgenden Mittwoch dort hingegangen. Um den Priester zu überzeugen, sagte er ihm, dass ich sein Freund sei und dass ich bereits an einem einjährigen Glaubenskurs an der Elfenbeinküste teilgenommen hätte, den ich jetzt in Banfora fortsetzen wollte. Das stimmte zwar überhaupt nicht, aber es genügte, um den Priester zu überzeugen, mich für das zweite Jahr des Glaubenskurses zuzulassen. Und so ging ich voran wie ein Insekt, das vom Licht angezogen wird, bis zu dem Tag, als einer meiner Onkel, Boukary Sawadogo, mich zur Rede stellte.

Er hatte erfahren – von wem, weiß ich nicht – dass ich mich bei den Christen aufhielt und dort ihren Glaubenskurs besuchte. Als ob ich aus einem tiefen Schlaf erwacht wäre, wurde mir nun plötzlich bewusst, was durch mein Vorgehen auf dem Spiel stand. Ich erinnerte mich daran, dass entsprechend der Unterweisung, die ich als Muslim erhalten hatte, der christliche Glaube falsch war. Es gab jedoch diese außerordentliche Kraft, die mich unablässig weiter nach vorne zog, um dem Wort zu folgen, das mir durch diese Person gesagt worden war: durch Jesus.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)


[1] Adrien Sawadogo: Gott hat mich ergriffen – Vom Islam zum Christentum – Weder Sieg noch Niederlage, Media Maria 2017, geb., 114 S., 12,95 Euro (D), 13,30 Euro (A), ISBN 978-3-9454014-0-8, www.media-maria.de 

Oswald Sattler veröffentlicht sein siebtes sakrales Album

„Adventskirchentour“ durch ganz Deutschland

Oswald Sattler ist derzeit einer der bekanntesten Vertreter volkstümlicher Musik. Als Solokünstler hat er sich immer mehr der sakralen Musik zugewandt. Offen legt er Zeugnis für seine tiefe Verwurzelung im christlichen Glauben ab. Vergangenes Jahr hat er das Album „Ave Maria – Die schönsten Marienlieder“ herausgebracht, das auch ganz neue Kompositionen enthält. Bald erscheint sein siebtes geistliches Album mit dem Titel „Festliche Lieder“.[1] Im Dezember wird er sich wieder auf eine „Adventskirchentour“ durch ganz Deutschland begeben.

Interview mit Oswald Sattler

Kirche heute: Herr Sattler, was hat Sie zu der Entscheidung bewogen, sich der sakralen Musik zuzuwenden? Was gibt Ihnen die Kraft, in unserer säkularisierten Welt ohne Scheu von Gott zu sprechen und ihn mit Liedern zu preisen?

Oswald Sattler: Es ist mir eine innere Freude, von Gott zu sprechen und ihn mit und in meinen Liedern zu preisen. Jedes Jahr, das ich erleben darf, bringt eine gewisse Erfahrung mit sich. Ich mache mir nicht allzu viele Gedanken über alle möglichen Dinge, sondern tue einfach auch das, wozu ich mich berufen fühle.

Kh: Sie haben einen vollen Terminkalender. Wo und in welchem Rahmen treten Sie hauptsächlich auf?

Sattler: Im Frühjahr, wenn der lange Winter vorbei ist, trete ich eher mit meinem volkstümlichen Programm in Konzerthallen auf, wenn der Herbst und Winter naht, in ausgewählten Gotteshäusern mit meinem sakralen Kirchenkonzertprogramm.

Kh: Wie reagiert in der heutigen Zeit das Publikum auf Ihre Konzerte? Welche Erfahrung machen Sie mit Ihrem religiösen Angebot?

Sattler: Der größte Teil des Publikums reagiert auf meine religiösen Botschaften sehr positiv. Die Menschen hören mir sehr andächtig zu, wenn ich zwischen meinen tiefgründigen Liedern ein paar Erläuterungen spreche. Ein deutliches Zeichen besteht auch darin, dass viele wiederkommen, nachdem ihnen mein Konzert gefallen hat. Das ist meine größte Freude.

Kh: Ihre Auftritte haben einen großen Zulauf. Können Sie ein wachsendes Interesse an geistlichen Werten feststellen?

Sattler: Im Leben gibt es immer wieder ein Auf und Ab – es ist wie eine Wanderung im Gebirge.

Kh: Welcher Personenkreis kommt zu Ihren Veranstaltungen? Welche Menschen fühlen sich durch Ihre Lieder besonders angesprochen? Ist auch die Jugend vertreten?

Sattler: In der Regel sind es vor allem mittlere bis ältere Jahrgänge, aber mittlerweile findet auch die Jugend wieder den Weg in die Kirche, um in der heutigen, eher hektischen und unruhigen Zeit eine Antwort auf ihre Fragen im Wort Gottes zu finden.

Kh: Kommen Sie im Rahmen Ihrer Konzerte auch mit Seelsorgern, mit Pfarrern in näheren Kontakt? Wie gehen diese auf Ihre Art der Verkündigung ein? Finden Sie Verständnis und Anerkennung?

Sattler: Mit den Geistlichen komme ich während meinen Konzerten sehr viel in persönlichen Kontakt. Wir philosophieren und sprechen über Gott und die Welt. Und wie es eben immer ist, es hängt von der Sympathie zwischen den Menschen ab, wie lange so ein Gespräch dauert.

Kh: Was möchten Sie persönlich durch Ihre Lieder und Ihr Singen vermitteln?

Sattler: Ich möchte durch meine Lieder den Zuhörern das Gefühl vermitteln, dass sie in Ihrem ganzen Denken und Tun nicht alleine sind, sondern von Gott begleitet werden.

Kh: Sie haben zu Ihrem 50. Geburtstag den Marienwallfahrtsort Lourdes in den Pyrenäen besucht. Wie kamen Sie auf diesen Gedanken? Was verbindet Sie mit diesem Ort?

Sattler: Es war in erster Linie der Wunsch meiner Frau, zu ihrem 50. Geburtstag an die Stätte zurückzukehren, wo sie als junges Mädchen schon einmal gewesen ist und von dort sehr gute Erinnerungen mitgebracht hat.

Kh: Welche Eindrücke haben Sie von diesem Gnadenort bekommen? Was hat Sie in besonderer Weise angesprochen?

Sattler: Meine Frau und ich – wir waren überwältigt von der großen Zahl der Pilger. Viele Tausende kommen täglich dorthin. Es sind Menschen verschiedener Nationen, die sich dort begegnen. Und man fühlt sich unter Gleichgesinnten, die den Weg zu Gott über Maria suchen.

Kh: Wir feiern dieses Jahr das Jubiläum „100 Jahre Fatima“. Auch dort ist die Gottesmutter erschienen, etwa 60 Jahre nach Lourdes. Sind Ihnen die Ereignisse von Fatima bekannt? Welche Bedeutung messen Sie ihnen bei?

Sattler: Leider war ich noch nie in Fatima. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Ort eine Ähnlichkeit mit Lourdes besitzt. Jedenfalls ist mir bekannt, dass es die Erscheinung der Mutter Gottes war, in der sie besonders zum Gebet aufrief. Und viele Gläubige sind ihr gefolgt.

Kh: Die Fatima-Botschaft zeigt einen Weg zum Frieden auf. Sie enthält vor allem prophetische Worte über Russland, die kommende Christenverfolgung durch ein atheistisches Regime, aber auch die Bekehrung Russlands und den Triumph des Unbefleckten Herzens Mariens. Haben Sie davon gehört oder sich damit näher beschäftigt? 

Sattler: Ja, von der Fatima-Botschaft habe ich gehört und ich bin überzeugt, dass der Mensch durch das Gebet und durch den Glauben vieles bewirken und verändern kann.

Kh: Wie sehen Sie die derzeitige Lage der Menschheit? Worin bestehen die größten Gefahren? Was wäre Ihrer Meinung nach am wichtigsten, um dem Frieden in der Welt näher zu kommen?

Sattler: Die derzeitige Lage der Menschheit ist sehr bedenklich, da es auf der Welt im Moment viele Probleme und Uneinigkeiten gibt, die das Zusammenleben der Menschen nicht gerade leicht machen. Ich bin der Meinung, dass jeder bei sich selbst beginnen muss, um den Frieden auf dieser Erde wiederherzustellen.

Kh: Und was kann der Einzelne dazu beitragen?

Sattler: Jeder Einzelne kann für den Frieden dieser Erde einen Beitrag leisten, wenn er selbst danach lebt.

Kh: Sie haben letztes Jahr das Album „Ave Maria – Die schönsten Marienlieder“ herausgebracht. Wie kam es zu dieser Initiative? Welche Überlegungen standen dahinter?

Sattler: Wir wollten eine etwas andere, außergewöhnliche CD veröffentlichen, die wir in dieser Art noch nicht hatten. So sind wir auf Marienlieder gekommen. Auch bei meinen Konzerten kamen immer wieder Besucher zu mir, die meinten, es wäre doch einmal etwas Besonderes, eine CD mit bekannten Marienliedern einzusingen.

Kh: Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie die Lieder ausgewählt und zusammengestellt?

Sattler: In erster Linie haben wir neue Lieder von meinen Autoren und Komponisten schreiben und texten lassen. Daneben haben wir auch ältere Lieder, die während der Marienzeit im Mai immer wieder in Gotteshäusern gesungen werden, neu aufgenommen und von mir eingesungen. Diese Lieder sollen die Menschen ansprechen und zum Zuhören auffordern, ihnen aber auch Freude bereiten und Mut machen.

Kh: Wie ist Ihre Beziehung zur Gottesmutter gewachsen, wie ist sie in Ihrer Kindheit, in Ihrem Leben, in Ihrer Familie verwurzelt?

Sattler: Meine Eltern waren sehr religiös und haben uns dementsprechend erzogen. Wir waren auch regelmäßig jeden Sonntag in der Kirche bei den Gottesdiensten und somit sind wir durch die elterliche Erziehung sehr verwurzelt im Glauben an Gott.

Kh: Was ist für Sie persönlich an dem Marienalbum besonders wertvoll?

Sattler: Für mich ist es das sogenannte Liedgut, wenn man sich also in die Musik und in die Texte hineindenkt und die Hintergründigkeit der einzelnen Passagen entdeckt.

Kh: Wie wurde die CD aufgenommen? Welche Reaktionen sind Ihnen bekannt?

Sattler: Die CD wurde von den Konzertbesuchern sehr gut aufgenommen. Es gibt viele Menschen, die sie mittlerweile zuhause haben und von den einzelnen Liedern ganz begeistert sind. Aber es sind natürlich mehr Leute, die sie noch nicht ihr Eigen nennen können.

Kh: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Sattler: Ich habe gerade mein siebtes sakrales Album eingesungen. Es heißt „Festliche Lieder“ und wird diesen Herbst veröffentlicht. Sodann freue ich mich heute schon sehr auf die kommende Adventskirchentour, die am 1. Dezember dieses Jahres durch ganz Deutschland startet.

Ferner möchte ich anmerken, dass ich bereits in der zweiten Hälfte des Lebens bin, viele Höhen und Tiefen miterlebt habe, und ich wünsche mir, dass es mir gelingt, mich gut in die Endphase einzuleben.

Kh: Was wünschen Sie unseren Lesern? Welche Anregungen möchten Sie Ihnen mit auf den Weg geben?

Sattler: Ihren Lesern wünsche ich, dass alles so in Erfüllung geht, wie sie es sich wünschen, aber dass sie immer einen Schritt nach dem anderen machen. Wir können nicht heute das tun, was morgen ist. Auch morgen und übermorgen ist noch ein Tag. Wir müssen und sollten alle mit mehr Bedacht durchs Leben gehen und ständig die Wichtigkeit unseres Seins und Denkens hinterfragen.

Kh: Herr Sattler, wir danken Ihnen aufrichtig für dieses persönliche und sehr aufschlussreiche Gespräch. Möge Gottes Segen Sie begleiten, damit Sie mit Ihrer Musik viele Herzen anrühren und eine neue Sehnsucht nach dem Geheimnis eines erfüllten Lebens wecken können. 

Sattler: Ich danke Ihnen, Herr Pfarrer Fink, ganz herzlich für die Möglichkeit, mit Ihnen zu kommunizieren, dafür, dass ich diese interessanten Fragen, die Sie mir gestellt haben, beantworten durfte. Und herzliche Grüße an Ihre Leser!  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2017
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[1] „Festliche Lieder“ – Die CD ist ab Herbst im Handel erhältlich. Besuchen Sie auch die Homepage des Sängers: oswaldsattler.com

„Wir müssen aufrüsten mit den Waffen Gottes!“

Aufruf zum Sturmgebet

Vom 10. bis 12. September 2017 fand in den Domstädten Münster und Osnabrück das internationale Weltfriedenstreffen statt, das die katholische Gemeinschaft Sant‘ Egidio jedes Jahr an einem anderen Ort organisiert. 1986 hatte Papst Johannes Paul II. zum ersten Mal Religionsführer aus aller Welt zu einem Weltfriedenstreffen nach Assisi eingeladen und am Ende dazu aufgefordert, in diesem Geist fortzufahren. Sant‘ Egidio fühlte sich dem Ruf des Papstes von Anfang an verpflichtet und baute in den vergangenen Jahrzehnten ein beachtliches Netzwerk an weltweiten Kontakten unter verschiedenen Religionen und Nationen auf. Das diesjährige Treffen mit mehreren tausend Teilnehmern und Vertretern aus 40 Glaubens- und Religionsgemeinschaften stand unter dem Thema: „Wege des Friedens – Religionen und Kulturen im Dialog“. Zur Eröffnung sprachen Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Präsident der Republik Niger, Mahamadou Issoufou, sowie der Präsident des Europäischen Parlaments, Antonio Tajani. Walter Kardinal Kasper richtete beim „Ökumenischen Gebet der Christen“ am 12. September an die Teilnehmer einen ungewöhnlich ernsten Aufruf zu einem „Sturmgebet“ angesichts der „apokalyptischen Situation der Welt“. Er scheute sich nicht, vom Widersacher Gottes zu sprechen, der heute wie ein brüllender Löwe umhergehe, sich in Personen, Nationen und Weltreligionen verstecke und Anschläge des Bösen und der Gewalt verübe.

Von Walter Kardinal Kasper

Epheserbrief 6,13-20: „Darum legt die Rüstung Gottes an, damit ihr am Tag des Unheils standhalten, alles vollbringen und den Kampf bestehen könnt. Seid also standhaft: Gürtet euch mit Wahrheit, zieht als Panzer die Gerechtigkeit an und als Schuhe die Bereitschaft, für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen. Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen. Nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes. Hört nicht auf, zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen, auch für mich: dass Gott mir das rechte Wort schenkt, wenn es darauf ankommt, mit Freimut das Geheimnis des Evangeliums zu verkünden, als dessen Gesandter ich im Gefängnis bin. Bittet, dass ich in seiner Kraft freimütig zu reden vermag, wie es meine Pflicht ist.“

I. Die Botschaft

„Seid bereit für das Evangelium des Friedens zu kämpfen.“ Dafür sollt ihr stehen und widerstehen. Das ist die Botschaft des Textes aus dem Epheserbrief.

Friede, das war schon damals im 1. Jahrhundert die große Sehnsucht, und sie ist es heute im 21. Jahrhundert wieder. Zu allen Zeiten erwarteten Menschen den Friedensfürsten. Jede Thronbesteigung wurde als Anbruch einer Friedenszeit proklamiert. Keine konnte das Versprechen halten. Der Prophet Jesaja prophezeite den Messias als Fürst des Friedens (Jes 9,5) und sah die Friedensboten bereits im Kommen mit der Botschaft: „Dein Gott ist König“ (Jes 52,7f). Der Epheserbrief konkretisiert die Erfüllung dieser Verheißung. „Er, Jesus Christus ist unser Friede“ (Eph 2,14). Er hat keine Mauern gebaut, er hat die trennende Mauer niedergerissen und den Urriss, der die Menschheitsgeschichte durchzieht, wieder geheilt. Er hat die Barrikaden der Vorurteile und der gegenseitigen Schuldzuweisungen abgeräumt. Er hat die Logik der Feindschaft und der gegenseitigen Exklusion durchkreuzt durch die Logik der Versöhnung, der Vergebung, der Inklusion und Integration (Eph 2,13-17). Er hat das All, Himmel und Erde, in sich als Haupt zusammengefasst und eine kosmische Friedensordnung begründet (Eph 1,10; Kol 1,20).

II. Die Situation

Die Entscheidungsschlacht ist durch Kreuz und Auferstehung gewonnen, aber der Endsieg für uns noch nicht erreicht. Im Gegenteil! Die Situation ist bedrängend, die Situation der Welt ist geradezu apokalyptisch. Der Brief will aufrütteln aus Lauheit, Sattheit, Gemütlichkeit und Gleichgültigkeit. Er ist ein Weckruf an eine träge, sorglos gewordene Christenheit, die sich in trügerischer Sicherheit wähnt. Man könnte das Kirchenleid darüber schreiben: „Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit!“ (GL 481).

Die Lage ist ernst. Nicht nur weil die Welt von Waffen strotzt und manche damit in übler Weise auch noch ihre Geschäfte machen. Das ist schon schlimm genug. Es ist sogar von Brandgeschossen die Rede, die schon damals gefährlich waren, und sie sind es heute weit mehr. Doch die Weltangst hat noch tiefere Gründe. Es sind nicht nur Mächte von Fleisch und Blut, die uns Angst und Schrecken einjagen und gegen die wir zu streiten haben. In der Welt wüten Mächte und Gewalten des Bösen. Wir dürfen sie nicht mit Personen, Nationen oder Weltregionen identifizieren. Sie verstecken sich in ihnen, manchmal auch in uns. Es ist von arglistigen Anschlägen des Bösen die Rede. Es gibt den Bösen, der das Böse mit viel List und Tücke gezielt will. Er geht umher wie ein brüllender Löwe, der sucht, wen er verschlingen könne (1 Petr 3,8).

III. Was tun?

Was tun? Wir müssen aufrüsten, aufrüsten mit den Waffen Gottes. Gott allein kann diese bösen Mächte besiegen. Es wird kein neuer Kreuzzug ausgerufen, nicht eine Spirale der Gewalt und der Drohung mit Gewalt ausgelöst. Sie kann im extremen Ernstfall nach Ausschöpfung aller anderen Mittel die ultima ratio sein, und der säkulare Staat muss, soweit es in seinen Kräften liegt, für solche Extremsituationen vorsorgen. Er darf sie aber durch martialische Rhetorik nicht herbeireden. Uns Christen dagegen muss es um das Schwert des Geistes, das Wort Gottes gehen.

Jeder Christ wird in der Taufe in diesen geistlichen Kampf hineingestellt. Bei der Taufe haben wir dem Bösen widersagt. Soldatendienst Christi ist in der Bibel wie bei den Kirchenvätern ein verbreitetes Motiv, das wir in einem allzu verbürgerlichten Christentum verharmlost haben. Da gilt es nachzurüsten.

Zuerst den Gürtel der Wahrheit anlegen. Wahrheit ist das, was beständig ist, was feststeht, was immer und überall gilt und auf was man sich unbedingt verlassen kann, wenn man nicht von jedem Windhauch und jeder Welle der Mode hin und her getrieben werden will (Eph 4,14). Das bedeutet Parrhesia – Freimut, die ohne political correctness die Situation aufdeckt, so wie sie ist, die gegen alle Heuchelei die Dinge beim Namen nennt, den Fake News und Hassparolen Gedanken des Friedens entgegensetzt. Freimut bedeutet nicht hinter den Berg halten, vielmehr öffentlich das Wort ergreifen. Etwas banaler: Macht für die gute Sache des Evangeliums doch endlich mehr und bessere Öffentlichkeitsarbeit!

Dazu der Panzer der Gerechtigkeit. Opus iustitiae pax – Der Friede ist das Werk der Gerechtigkeit (Jes 32,17). Solange in unserer Welt himmelschreiendes Unrecht und menschenunwürdige Lebensverhältnisse herrschen, kann es keinen Frieden geben. Die Erde ist das gemeinsame Haus aller; sie gehört allen, und ihre Güter müssen nicht allen das gleiche, aber allen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Wir haben als Christen dafür keinen Marshallplan. Wir wissen aber: Jeder einzelne zählt. Wer nur einen Menschen rettet, der rettet die Welt.

Schließlich: Bereitschaft. Keiner darf sich feige wegducken und sich verstecken und sich die Not gemütlich im Sessel vor dem Fernseher angucken. Tapferkeit ist gefragt. Sie ist nicht Tollkühnheit, sondern die Bereitschaft etwas zu riskieren, um des Guten willen auch Nachteile, Verwundungen, im Ernstfall den Tod hinzunehmen. jeder muss sich fragen und wird einmal gefragt werden: Was hast du getan, damit die Welt ein bisschen sicherer, ein bisschen friedfertiger wird?

IV. „Hört nicht auf zu beten!“

Die eigentliche Waffe des Geistes ist damit noch gar nicht genannt: Betet immerzu! Wir sind zu einem Sturmgebet aufgerufen. Das Gebet ist die stärkste Macht der Welt, wirksamer jedenfalls als Sonntagsreden – und sei es auf Kirchen- oder Katholikentagen. Zum Feststehen und zum Widerstehen kommt so das fürbittende Einstehen füreinander. Gott allein hat die Fäden des Weltgeschehens in der Hand. Er allein hat Zugang zu den Herzen. Er kann Gedanken des Friedens eingeben. Er hört das Schreien unserer Brüder und Schwestern in Verfolgung und Bedrängnis Auch wir dürfen sie nicht vergessen. Wir dürfen die Christenverfolgungen nicht totschweigen. Zu solchem Gebet sind wir hier versammelt – und das hoffentlich nicht nur hier und heute. Darum: Lasset uns beten!

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)

Der Friedensappell 2017

Bei der Abschlusszeremonie des internationalen Weltfriedenstreffens am 12. September 2017 in Osnabrück wurde wie in der Vergangenheit ein Friedensappel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer verlesen. Nachfolgend einige wichtige Auszüge.

Wir sind Frauen und Männer verschiedener Religionen und haben uns nach intensiven Tagen der Begegnung und Freundschaft hier versammelt, um alle auf das Bedürfnis hinzuweisen, neue „Wege des Friedens“ einzuschlagen. Die Welt braucht sie wie das Brot, damit sie nicht in der Vergangenheit und in Angst gefangen bleibt. Ganze Völker sehnen sich nach Frieden, Völker, die durch endlose Konflikte verarmt und geknechtet sind. Den Frieden erbitten die Opfer der Gewalt und eines erbarmungslosen Terrorismus. Um ihn flehen Flüchtlinge und Vertriebene, die aufgrund von Konflikten und Naturkatastrophen ihre Heimat verlassen haben.

Als Vertreter der Weltreligionen wollen wir den Blick über unsere Horizonte hinaus richten und eine neue Bewegung des Dialogs ins Leben rufen. Die Begegnung und der Dialog entwaffnen und halten die Gewalttäter auf. Denn wir wissen, dass der Krieg niemals heilig ist und dass jene, die im Namen Gottes töten, weder im Namen einer Religion noch im Namen der Menschen handeln.

Voller Überzeugung sagen wir Nein zum Terrorismus, der in den vergangenen Monaten zu viele Länder heimgesucht und zu viele Unschuldige im Norden und Süden der Welt getötet hat.

Wir verpflichten uns, dafür zu arbeiten, dass die Ursachen vieler Konflikte beseitigt werden: die Gier nach Macht und Geld, der Waffenhandel, der Fanatismus und der Nationalismus. Nach dem Ende des Kalten Krieges erscheint zum ersten Mal wieder die Gefahr eines Atomkrieges vom Fernen Osten her. Was können die Gläubigen tun? Vielleicht mehr als sie selbst hoffen und sich vorstellen.

Vor allem können sie beten! Wie heute Abend an verschiedenen Orten dieser Stadt und auf diesem Platz: mit einem großen Friedensgebet. Doch auch unser Zusammensein unter verschiedenen Religionen, das in diesen Jahren gewachsen ist, ist ein Zeichen des Friedens und hat bereits ein Netz zur Vorbeugung von Konflikten geschaffen.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2017
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