Zur Vitalität einer Botschaft

Wie aktuell ist Fátima?

Bei seinem Besuch in Fatima am 13. Mai 2010 sagte Papst Benedikt XVI.: „Wer glaubt, dass die prophetische Mission Fatimas beendet sei, der irrt sich.“ An diesen Worten knüpfen Wolfgang und Dorothea Koch an, um die Aktualität der Fatima-Botschaft für unsere Zeit herauszustellen. Sie vergleichen die Nachkriegszeit unter Konrad Adenauer, in der Deutschland nicht nur äußerlich in Trümmern lag, sondern auch geistlich-religiös zusammengebrochen war, mit der Glaubenskrise und dem neoliberalistischen Säkularismus der Gegenwart. Wie der marianische Aufbruch vor 70 Jahren eine vollkommen unerwartete Wende herbeigeführt habe, so sehen sie das mütterliche Eingreifen Mariens in Fatima vor 100 Jahren auch als Angebot für die krisengeschüttelte Welt von heute. Dabei bringen sie die Verheißung der Gottesmutter vom Triumph ihres Unbefleckten Herzens in Erinnerung, deren Erfüllung noch ausstehe. Selbst Benedikt XVI. habe in seiner Predigt 2010 öffentlich bekundet, wie sehr er sich nach diesem Sieg zu Ehren der Allerheiligsten Dreifaltigkeit sehne. Insbesondere aber bauen Wolfgang und Dorothea Koch auf das Wort von Schwester Lucia aus dem Jahr 1940: „Deutschland wird noch in den Schafstall des Herrn zurückkehren; … und die Herzen Jesu und Marias werden dann mit Glanz herrschen.“

Von Dorothea und Wolfgang Koch

Die Jahrhundertfeier der Marienerscheinungen von Fátima konfrontiert uns mit einer himmlischen Botschaft voll unbändiger, nicht auszuschöpfender Erneuerungskraft. Sie kann die Not auch unserer Zeit lindern und die Zukunft zu unserem Heile wenden. 2017 begehen wir jedenfalls kein historisches Gedenkjahr, das bestenfalls „sehr konservative und rückwärtsgewandte"[1] Katholiken sentimental berührt. „Wer glaubt, dass die prophetische Mission Fatimas beendet sei, der irrt sich“, predigt Benedikt XVI. am 13. Mai 2010 im größten Wallfahrtsort der katholischen Kirche und bringt aller Welt ins Bewusstsein, wie sehr sich Maria in Fátima auch an uns wendet.

Wie kann die „Stadt des Menschen“ gerettet werden?

Bewegend und bewegt schildert der jetzige Papa emeritus den „Kreislauf des Todes und des Schreckens“, den zu entfesseln dem Menschen gelungen sei und den er nicht mehr zu durchbrechen vermöge. Um die „Stadt der Menschen“ zu retten, frage die Muttergottes in Fátima: „Wollt ihr euch Gott hingeben, um alle Leiden ertragen zu können, die er euch aufzubürden gedenkt, als Sühne für die Sünden, durch die er geschmäht wird, und als flehentliche Bitte um die Bekehrung der Sünder?“ Unsere gebenedeite Mutter sei vom Himmel herabgekommen, mahnt Benedikt, „um all jenen, die sich Ihr anvertrauen, voller Hingabe die göttliche Liebe ins Herz zu legen, die auch in Ihrem Herzen brennt“.

In der Cova da Iria, einem Weidegrund, den „Maria erwählt hat, um in unserem modernen Zeitalter zu uns zu sprechen“, erschien die „Königin des heiligen Rosenkranzes“ drei Hirtenkindern von Mai bis Oktober 1917.

„Möge in den Jahren, die uns noch vom hundertsten Jahrestag der Erscheinungen trennen, der angekündigte Triumph des Unbefleckten Herzens Mariens zu Ehren der Allerheiligsten Dreifaltigkeit näherkommen“, beschließt der Papst beschwörend seine Predigt in Gegenwart des portugiesischen Staatspräsidenten und Vertretern des öffentlichen Lebens.[2]

Der Dritte Weltkrieg hat „stückweise“ schon begonnen

Und tatsächlich bedürfen wir wie in kaum einer früheren Epoche der Hoffnung und des Mutes, die aus übernatürlichen Quellen schöpfen. Immer wieder spricht Papst Franziskus vom Wirken des Teufels in einer „zerbröckelten Welt“, von der „diabolischen Gender-Ideologie“, von einem schrecklichen Dritten Weltkrieg, der „stückweise“ schon begonnen habe.[3] Gerade dieser Papst weiß, wie er die Resonanzfrequenzen der medialen Welt anregt, die seine Formulierungen mit Fátima in Verbindung bringt und aufgeschreckt ist. Angesehene politikwissenschaftliche Journale diskutieren längst Szenarien, an denen sich ein Dritter Weltkrieg schneller, als wir wahrhaben möchten, auch militärisch entzünden kann.[4]

Bei allem äußeren Wohlstand unseres Landes, der vielleicht doch nicht auf so sicheren Fundamenten ruht, wie wir zu ahnen beginnen, stehen Katholiken heute inmitten eines umfassenden Glaubensverlustes. Er sollte uns noch viel mehr aufstören als alle äußeren Faktoren: „Wir verlieren unsere Wurzeln – warum löst der gigantische Niedergang noch immer keinen Aufschrei aus?“ fragt beschwörend der Journalist Peter Seewald den Passauer Bischof Stefan Oster im Vorjahr des Fátima-Jubiläums.

Wahrscheinlich sei es so etwas wie eine schleichende Betäubung, lautet die bischöfliche Antwort, etwas wie ein schleichendes Gift, das sich nach und nach ausbreite, ohne dass man es zunächst merke: „Das Salz ist schal geworden. Die Leute latschen drüber. Keiner braucht noch die Kirche.“ Die Talsohle des „Säkularisierungsschubs“ sei aber noch nicht erreicht: Schon in den nächsten Jahren sieht Oster ein Austrittspotential von bis zu 20 Millionen Menschen für beide Kirchen: „Es könnte sein, dass es irgendwann sogar in unserem Land keine wahrnehmbare Kirche mehr gibt."[5] Ein halbes Jahrhundert nach den kirchlichen Umbrüchen seit dem Ende der 1960er Jahre beschreibt auch Walter Kardinal Kasper den kirchlichen Alltag katholischer Laien: „Doch was sie dort erfahren, ist nicht der große Aufbruch und nicht der kirchliche Frühling, den damals viele erwarteten. Zumindest in Europa deutet vieles auf eine winterlich ausschauende Kirche mit deutlichen Zeichen einer Krise."[6]

Der Marienfrühling der jungen Bundesrepublik

Für nachgeborene Katholiken, die in der „winterlich ausschauenden Kirche“ familiär und beruflich Verantwortung tragen und nach der Bedeutung von Fátima für unser Land fragen, ist der Marienfrühling der jungen Bundesrepublik eine unerwartete Entdeckung: Galten jene Jahre doch als Inbegriff der Restauration, unfrei, dumpf und eng. Überrascht lernen sie, wie sehr die Wiedergeburt Westdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, nach einem materiellen, moralischen, geistigen und geistlichen Untergang, mit der Verehrung Unserer Lieben Frau von Fátima verbunden war. Fátima-Frömmigkeit war auch eine Kraftquelle Konrad Adenauers, des ersten Bundeskanzlers.[7] Der greise Papa emeritus ist „nach wie vor ein überzeugter Adenauerianer“.[8]

Auf Deutschland bezieht sich im Gesamtkontext der Botschaft von Fátima auch eine spezifische Verheißung. Sie scheint eng mit der Russland-Prophetie verknüpft zu sein und ist wie diese bislang noch nicht vollständig erfüllt. Schwester Lucía hatte einem deutschen Priester und Professor am Josefstag 1940 geschrieben: „Deutschland wird noch in den Schafstall des Herrn zurückkehren; … und die Herzen Jesu und Marias werden dann mit Glanz herrschen."[9]

Unter der NS-Herrschaft und im Übermaß des Leides im und nach dem Zweiten Weltkrieg schien auch das Christentum unterzugehen. Unter dem Druck einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft außerhalb der Kirche sah der protestantische Theologe Martin Niemöller das Christentum in existentieller Gefahr. „Die Welt, in der wir leben und handeln, ist aus den Fugen, nicht nur hier und dort, sondern überall, und Unordnung vermehrt sich mit alarmierender Geschwindigkeit“, analysiert der führende Vertreter der Bekennenden Kirche: „Wir sprechen schon von einer nachchristlichen Ära, in der wir leben, und wir sehen, wie der Prozess des Verfalls die christlichen Kirchen selber angreift."[10] Mit seismographischer Sensitivität detektieren aber auch innerhalb der Kirche Intellektuelle wie Ida Friederike Görres, Tochter einer japanischen Mutter und eines Reichsgrafen, ein „unmerkliches Sterben der Kirche in den Seelen“.[11]

Parallelen zur „nachchristlichen Ära“ der Gegenwart

Bei allen Unterschieden, vor allem hinsichtlich der nach 1945 noch weitgehend intakten kirchlichen Strukturen und der kirchlichen Bindung großer Bevölkerungsteile, zeigen sich Parallelen zwischen der Gegenwart und unmittelbaren Nachkriegszeit, die dem Anbruch eines von marianischer Frömmigkeit befeuerten Neuanfangs, eines Marienfrühlings, vorausgeht.

Sie gelten einerseits für die Gesellschaft außerhalb der Kirche, so dass man heute noch zutreffender von einer „nachchristlichen Ära“ sprechen könnte, andererseits aber auch für einen „Prozess des Verfalls“, der die christlichen Kirchen selber angreift, so dass es auf dem Spiel steht, „ob Europa christlich bleibt, oder ob Europa heidnisch wird“, wie Adenauer mit prophetischer Sensibilität wahrnahm.[12] Aber auch innerkirchlich liest sich die prophetische Warnung der Ida Friederike Görres aus dem Jahr 1946 heute wie eine Situationsbeschreibung: „Es gibt das ‚Erwachen der Kirche in den Seelen‘. Es gibt auch das Sterben der Kirche in den Seelen. Wir erleben es rund um uns, mitten unter uns, selten als plötzlichen Zusammenbruch unter dem Blitzschlag einer Katastrophe…, sondern das langsame, schleichende, unmerkliche Sterben an Erkältung und Verarmung, an geistlicher Unterernährung und Verhärtung“.

Erneuerung im marianischen und eucharistischen Geist

Was konnte jenes „Sterben der Kirche in den Seelen“ unmittelbar nach dem äußeren Untergang nicht nur aufhalten, sondern in ein nicht zu erwartendes Aufblühen des kirchlichen Lebens verwandeln? Den Schlüssel zu einer Antwort bietet Joseph Kardinal Ratzinger als Münchener Erzbischof, der von zwei Kräften spricht, die „beide in gewissem Sinn – wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise – ‚charismatische Züge‘ trugen“.[13]

Auf der einen Seite habe die liturgische Bewegung gestanden, „deren Ursprünge in der von Solesmes ausgehenden Erneuerung des benediktinischen Mönchtums, aber auch in der eucharistischen Idee Pius‘ X. zu suchen sind“. Sie habe unter Pius XII. amtliche Bestätigung und persönliche Unterstützung erfahren. Die marianische Bewegung auf der anderen Seite, „die mit dem Pontifikat Pius‘ XII. ihren die ganze Kirche erfassenden Höhepunkt erreichte“, habe sich von den Erscheinungen der Gottesmutter ansprechen lassen und „war viel stärker durch die Tradition des Mittelalters und der Neuzeit gestaltet“.

Der kirchliche Aufbruch der Nachkriegsjahre war also von den beiden Triebkräften getragen, die auch die Ereignisse von Fátima kennzeichnen: In der dritten Engelserscheinung habe der Engel in der linken Hand einen Kelch gehalten, erinnert sich Schwester Lúcia und beschreibt eine liturgisch-eucharistische Handlung: „Darüber schwebte eine Hostie, aus der einige Blutstropfen in den Kelch fielen. Der Engel lies den Kelch in der Luft schweben, kniete sich zu uns nieder“. Er ließ die Kinder dreimal das bekannte Anbetungsgebet wiederholen. „Danach erhob er sich, ergriff den Kelch und die Hostie, und teilte das Blut im Kelch zwischen Jacinta und Francisco auf."[14] Das Motiv der Engelkommunion ist Besuchern des Wohnhauses Konrad Adenauers vertraut: Ein großes, ungewöhnliches Gemälde über dem Biedermeier-Sofa im Wohnzimmer zeigt im Stile Caravaggios einen Engel, der einer Heiligen die Hostie reicht. Dargestellt ist Franziska von Rom (1384-1440), Ehefrau, Mutter von sechs Kindern und Gründerin der caritativ tätigen Collatinerinnen.

Der Passauer Katholikentag im September 1950 formuliert die Triebkräfte des Marienfrühlings der jungen Bundesrepublik besonders prägnant. Er lässt das Geheimnis sichtbar werden, aus dem Deutschland wieder jenes „Etwas“ wurde, von dem Golo Mann sprach: „Was war Europa einmal gewesen?“, fragte er. „Alles“, antwortet er sich selbst und seinen Lesern. „Was war es jetzt? Nichts. Was sollte es wieder werden? Etwas. Und es wurde wieder etwas."[15]

In seiner Festrede analysiert der Eichstätter Theologieprofessor Rudolf Graber die Ausgangslage. Für den späteren Bischof von Regensburg, der 1969 Joseph Ratzinger an die dortige Universität berief und dem der heutige Präfekt der Glaubenskongregation Gerhard Ludwig Kardinal Müller nachfolgte, ist das „hervorstechende Kennzeichen der Neuzeit die unaufhaltsame Säkularisierung, Mechanisierung und Veräußerlichung“, die „auch vor dem Heiligsten nicht haltmacht. … Wir müssen den Mut haben, es uns einzugestehen, dass es, aufs Ganze gesehen, rückwärts geht und dass wir mit unserer ganzen pädagogischen und seelsorglichen Kunst zu Ende sind."[16]

Vor diesem an die Gegenwart erinnernden Hintergrund verweist Graber auf Maria als „Zeichen zur Verinnerlichung, zur Hingabe an Gott“. Mit der Weihe der Menschheit an Maria würden die Menschen „einem Herzen überantwortet, in dem das Gespür für Gott zur lodernden Flamme geworden ist“. Alle Geheimnisse des Glaubens vom ersten Fall der Menschheit bis zur letzten Wiederherstellung am Ende stünden in enger Beziehung zu ihr. Aber auch im Hinblick auf die äußere Behauptung und das Wachstum des Reiches Gottes bereite Maria in der Geschichte ihrem Sohne den Weg. Schon in vielen „scheinbaren Endsituationen der Kirche“ sei Maria aufgetreten. Und es sei bemerkenswert, dass auch seine Zeit in steigendem Maße marianisch geprägt sei.

Die Botschaft Mariens und das Zeichen, das sie uns immer wieder gebe, heiße: Metanoia, Verinnerlichung und Buße. Und so sei sie auch eine Gewähr gegen die dritte Verfallserscheinung, die uns neben der Säkularisierung und der Müdigkeit bedrohe: „gegen die Angst, von der wir befallen sind“. Dies zeige auch die Tatsache, dass die marianische Bewegung parallel laufe mit einer Hinwendung der Gläubigen zum Herzen des Erlösers und mit einem neuen Erlebnis der Eucharistie, zu der Maria uns hinweise.

Hoffnung für Deutschland

Die Katholiken nutzten die sich ihnen bietende Chance und prägten das politische Gemeinwesen, in dem sie lebten: Ihnen „fiel die schnelle Identifikation mit der Bundesrepublik leichter als den Protestanten“, resümiert Gebhardts Handbuch der deutschen Geschichte, das Standardwerk der deutschen Geschichtsschreibung. „Die katholische Kirche begriff Westdeutschland von Anfang an als ‚ihren‘ Staat und wollte ihn umfassend mitgestalten. … Sie besaß ein klares Konzept, das auf dem christlichen Naturrecht sowie auf der katholischen Soziallehre basierte und im Europabild eines ‚christlichen Abendlands‘ gipfelte. … Wie nie zuvor und niemals danach vermochten die Katholiken einer Zeit in Deutschland so sehr den Stempel aufdrücken, wie der Epoche zwischen der Gründung der Bundesrepublik und dem Ende von Adenauers Kanzlerschaft. Dennoch wurde Westdeutschland zu keinem klerikalen Staat, auch nicht zu einem mit rheinisch-süddeutsch-katholischer Dominanz, wie es in protestantischen Kreisen zunächst befürchtet worden war."[17]

Das Geheimnis des Marienfrühlings Unserer Lieben Frau von Fátima ließ also wider alle Wahrscheinlichkeiten jenes „Etwas“ Golo Manns entstehen, das Deutschland nach 1945 über den materiellen Wiederaufbaus hinaus so bald wieder wurde. In den geistigen und geistlichen Ruinenlandschaften der Gegenwart, die der schon lange währende Wintereinbruch des neoliberalistischen Säkularismus und der postkonziliare Umbruch hinterlässt, können auch wir von seinen Triebkräften lernen. Möge nach allen Leiden „als Sühne für die Sünden“, die von uns noch gefordert sein werden, in vollem Maße die Verheißung Unserer Lieben Frau in Erfüllung gehen: „Deutschland wird noch in den Schafstall des Herrn zurückkehren; … und die Herzen Jesu und Marias werden dann mit Glanz herrschen.“

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2017
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[1] Guido Horst (2016): Kirche in Klischees gepresst. Besprechung einer Biographie über Papst Franziskus, in: Die Tagespost, 3.12.2016, Nr. 144, 12.
[2] www.vatican.va
[3] „Ein Segen für uns alle“. Politiker und katholische Amtsträger gratulieren dem Papst zum 80. Geburtstag und würdigen sein Wirken, in: Die Tagespost, 17.12.2016, Nr. 150, 1.
[4] P. D. Miller (2016): How World War III Could Begin in Latvia. Foreign Policy, 16.11.2016. http:// foreignpolicy.com/2016/11/16/how-world-war-iii-could-begin-in-latvia/
[5] Stefan Oster/Peter Seewald (2016): Gott ohne Volk? Die Kirche und die Krise des Glaubens, München, 75, 77, 71, 83, 27.
[6] Walter Kardinal Kasper (2012): Erneuerung aus dem Ursprung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.9.2012, Nr. 228, 5.
[7] Vgl. Dorothea und Wolfgang Koch (2013): Konrad Adenauer. Der Katholik und sein Europa, Taschenbuchausgabe, Kißlegg 2015.
[8] Benedikt XVI. (2016): Letzte Gespräche mit Peter Seewald, München, 141.
[9] Übersetzt nach: A. M. Martins (Hrsg.): Documentos de Fátima, Porto 1976, 465.
[10] Kundgebung der Amsterdamer Kirchenkonferenz 1948, in: Herder Korrespondenz, 3. Jahrg., Nov. 1948, 95.
[11] Ida Friederike Görres (1946): Brief über die Kirche, in: Frankfurter Hefte 1 (1946), 715-733.
[12] „Jeder von uns und namentlich jeder von uns katholischen Christen ist verpflichtet, mitzutun und mitzuhandeln, denn, glauben Sie, es geht darum, ob Europa christlich bleibt, oder ob Europa heidnisch wird“. In: Europa steht auf dem Spiel. Ansprache in Bamberg am 20. Juli 1952, in: Konrad Adenauer. Reden 1919-1967. Eine Auswahl, hrsg. von H.-P. Schwarz, Stuttgart 1975, 162.
[13] Joseph Ratzinger (1980): Erwägungen zur Stellung von Mariologie und Marienfrömmigkeit im Ganzen von Glaube und Theologie, in: Maria – Kirche im Ursprung, hrsg. von Joseph Ratzinger und Hans Urs von Balthasar, Freiburg i.Br. u.a., 15-40.
[14] Lúcia dos Santos (1935-1941): Schwester Lúcia spricht über Fatima. Bd. I. Memórias I-IV, Fátima 92007, 83 f.
[15] Golo Mann (1976): Konrad Adenauer – gewandeltes Bild. Der Staatsmann der Sorge, in: Golo Mann. Zeiten und Figuren. Schriften aus vier Jahrzehnten, Frankfurt a. M. 1979, 342ff.
[16] Rudolf Graber (1950): Maria und unsere Zeit. Festrede auf dem 74. Katholikentag, in: Herder Korrespondenz, 5. Jahrg., Okt. 1950, 17.
[17] Edgar Wolfrum (2005): Die Bundesrepublik Deutschland 1949-1990, Kapitel VIII, in: Gebhardt. Handbuch der Deutschen Geschichte, Band 23, Stuttgart 102005, 109ff.

Papstbotschaft zum Weltfriedenstag 2017

Ist Gewaltlosigkeit eine Illusion?

Papst Franziskus zeigt in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2017 die „aktive Gewaltfreiheit“ als Weg zum Frieden auf. Jeder Gläubige sei gerufen, die eindeutige Forderung des Evangeliums nach Gewaltlosigkeit in seinem Leben umzusetzen. Was auf der Ebene des familiären Zusammenlebens beginne, müsse aber auch die Politik auf nationaler und internationaler Ebene prägen. Mit seinem Aufruf sieht sich Papst Franziskus ganz auf der Linie seiner Vorgänger. Einige Auszüge.

Von Papst Franziskus

Jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind wünsche ich Frieden und bete, dass das Abbild und die Ähnlichkeit Gottes in jedem Menschen uns gestatten, einander als heilige Gaben zu erkennen, die mit einer unermesslichen Würde ausgestattet sind. Respektieren wir vor allem in Konfliktsituationen diese „tiefgründigste Würde“ und machen wir die aktive Gewaltfreiheit zu unserem Lebensstil.

Papst Paul VI. vor 50 Jahren

Dies ist die Botschaft zum fünfzigsten Weltfriedenstag. In der ersten dieser Botschaften (1. Januar 1968) wendete sich der selige Papst Paul VI. an alle Völker – nicht nur an die Katholiken – mit unmissverständlichen Worten: „Es hat sich endlich ganz klar herausgestellt, dass der Friede der einzig wahre Weg menschlichen Fortschritts ist (nicht die Spannungen ehrgeiziger Nationalismen, nicht die gewaltsamen Eroberungen, nicht die Unterdrückungen, die eine falsche zivile Ordnung herbeiführen)“. Er warnte vor der „Gefahr zu glauben, dass die internationalen Streitigkeiten nicht auf dem Weg der Vernunft, d.h. der auf Recht, Gerechtigkeit und Gleichheit gegründeten Verhandlungen zu lösen seien, sondern nur auf dem der Abschreckung und der tödlichen Gewalt“. Mit einem Zitat aus der Enzyklika Pacem in terris seines Vorgängers Johannes XXIII. pries er dagegen „den Sinn und die Begeisterung für den auf Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit und Liebe gegründeten Frieden“. Die Aktualität dieser Worte, die heute nicht weniger wichtig und dringlich sind als vor fünfzig Jahren, ist beeindruckend. …

Mögen unsere Art, in zwischenmenschlichen, gesellschaftlichen und internationalen Beziehungen miteinander umzugehen, von Liebe und Gewaltfreiheit geleitet sein.

Benedikt XVI. nennt den Weg realistisch

Wahre Jünger Jesu zu sein, bedeutet heute, auch seinem Vorschlag der Gewaltfreiheit nachzukommen. Er ist, wie mein Vorgänger Benedikt XVI. sagte, „realistisch, denn er trägt der Tatsache Rechnung, dass es in der Welt zu viel Gewalt, zu viel Ungerechtigkeit gibt; eine solche Situation kann man nur dann überwinden, wenn ihr ein Mehr an Liebe, ein Mehr an Güte entgegengesetzt wird. Dieses ‚Mehr‘ kommt von Gott“. Und mit großem Nachdruck fügte er hinzu, dass „Gewaltlosigkeit für die Christen nicht ein rein taktisches Verhalten darstellt, sondern eine Wesensart der Person und die Haltung dessen, der so sehr von der Liebe Gottes und deren Macht überzeugt ist, dass er keine Angst davor hat, dem Bösen nur mit den Waffen der Liebe und der Wahrheit entgegenzutreten. Die Feindesliebe bildet den Kern der ‚christlichen Revolution‘.“ Zu Recht wird das Evangelium von der Feindesliebe (vgl. Lk 6,27) „als die Magna Charta der christlichen Gewaltlosigkeit betrachtet; sie besteht nicht darin, sich dem Bösen zu ergeben […], sondern darin, auf das Böse mit dem Guten zu antworten (vgl. Röm 12,17-21), um so die Kette der Ungerechtigkeit zu sprengen“ (Angelus, 18. Februar 2007).

Historischer Beitrag Johannes Pauls II.

Wir dürfen auch das epochale Jahrzehnt nicht vergessen, das mit dem Sturz der kommunistischen Regime in Europa endete. Die christlichen Gemeinschaften leisteten dazu ihren Beitrag durch inständiges Beten und mutiges Handeln. Einen speziellen Einfluss übten der Dienst und das Lehramt des heiligen Johannes Paul II. aus. In seinen Gedanken über die Ereignisse von 1989 in der Enzyklika Centesimus annus (1991) hat mein Vorgänger hervorgehoben, dass ein epochaler Umbruch im Leben der Völker, der Nationen und der Staaten „durch einen gewaltlosen Kampf erreicht wurde, der nur von den Waffen der Wahrheit und der Gerechtigkeit Gebrauch machte“. Dieser Weg eines politischen Übergangs zum Frieden wurde auch ermöglicht dank „dem gewaltlosen Engagement von Menschen […], die sich stets geweigert hatten, der Macht der Gewalt zu weichen, und Schritt für Schritt wirksame Mittel zu finden wussten, um von der Wahrheit Zeugnis abzulegen“.

Und so kommt Johannes Paul II. zu dem Schluss: „Mögen die Menschen lernen, gewaltlos für die Gerechtigkeit zu kämpfen, in den internen Auseinandersetzungen auf den Klassenkampf zu verzichten und in internationalen Konflikten auf den Krieg“ (Nr. 23).

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2017
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Zur Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariens

Ganzhingabe an Gott mit Maria

Für den 24. Internationalen Mariologisch-Marianischen Weltkongress in Fatima (6.-11. September 2016) verfasste Professor Dr. Johannes Stöhr einen Beitrag zum Thema „Maria und die Kirche im Lichte der Botschaft von Fatima“. Am Ende wird die Bedeutung der Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens behandelt, die als „Ganzhingabe an Gott mit Maria“ zu verstehen ist. Die von der Gottesmutter selbst gewünschte Weihe sei das von Gott angebotene Mittel zur Rettung der Seelen sowie der Weg zur Erneuerung von Kirche und Welt in unserer Zeit. Zur Veranschaulichung dient ein Weihegebet, das Papst Benedikt XVI. am 12. Mai 2010 in Fatima bei einer Begegnung mit Priestern gesprochen hat. Dabei äußerte der Papst die Bitte, dass „der Vater und der Sohn über uns den Heiligen Geist wie in einer neuen Sendung ausgießen“. Und er nannte Maria die „Fürsprecherin und Mittlerin der Gnaden“, die „ganz hineingenommen“ sei „in die einzige universale Mittlerschaft Christi“.

Von Johannes Stöhr

Das von Gott angebotene Mittel der Rettung

Die beiden ersten Teile des sog. „Geheimnisses von Fatima“ wurden durch Schwester Lucia auf Bitten von Don José Alves Correira da Silva, Bischof von Leiria, erst 1941 aufgeschrieben. Der erste Teil war die Vision der Hölle; der zweite Teil bezieht sich auf die Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariens.[1] Im ersten Teil sind genannt: die Strafen Gottes für unsere Sünden – in dieser Welt: ein schrecklicher Krieg, Hunger, Religionsverfolgung, Irrtümer, welche durch Russland über die ganze Welt verbreitet werden, verschiedene Nationen werden vernichtet werden – im anderen Leben: Höllenqualen, wovon die Kinder eine erschreckende Vision hatten. Der zweite Teil nennt die Mittel, um diese Strafen zu vermeiden: die Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariens mit der Sühne an den ersten Samstagen und der Weihe Russlands.

Von Anfang an im Zentrum der Fatima-Botschaft

Im Oktober 1918 wurde Jacinta krank. Sie erzählte Lucia, die zu Besuch kam, Maria habe ihr angekündigt, sie würde für die Bekehrung der Sünder, als Sühne für die Sünden gegen das Unbefleckte Herz Mariens und aus Liebe zu Jesus leiden. Sie starb am 4. April 1919.

Die Herz-Mariä-Verehrung gehört zweifellos von Beginn an zum Zentrum der Fatima-Botschaft. Neben dem Rosenkranzgebet wird sie genannt in den Erscheinungen vom 13. Mai, 13. Juni und 13. Juli 1917. Tiefer begründet wurde sie dann bei den Erscheinungen Jesu und Mariens in Pontevedra (10. Dezember 1925 und 15. Februar 1926) und Tuy (13. Juni 1929), knüpft jedoch an frühere Andeutungen an.[2]

Es geht nicht an, sie als eine Art von späterem frommen Phantasieprodukt Lucias zu bezeichnen. Der belgische Jesuit Édouard Dhanis (1902-1978) hat zwar die Marienerscheinungen von 1917 als solche anerkannt, aber die später von Sr. Lucia erwähnten Geschehnisse, vor allem bezüglich der Verehrung des Herzens Mariens und der Weihe Russlands an das Unbefleckte Herz, als unzuverlässig verdächtigt. „Fatima I“ und „Fatima II“ (die angeblichen späteren Zuwüchse) werden gegeneinander ausgespielt. Insbesondere sei es nicht glaubwürdig, dass das Herz-Marien-Thema schon bei den Engelserscheinungen von 1916 auftauche. Dhanis trug seine Thesen seit dem Jahr 1944 vor; er dozierte seit 1949 an der römischen Jesuitenuniversität Gregoriana und wurde 1963 deren Rektor. Sein Einfluss hat auch Skepsis bezüglich der Erscheinungen des Engels befördert.[3]

Schon der Engel sagte zu den Kindern: „So sollt ihr beten. Die Herzen Jesu und Mariens hören auf eure Bitten.“ „Sagt Jesus oft, vor allem wenn ihr irgendein Opfer bringt: O Jesus, das tue ich aus Liebe zu Dir, für die Bekehrung der Sünder und zur Sühne für die Beleidigungen, die dem Unbefleckten Herzen Marias zugefügt werden."[4] Gleich nach der Höllenvision wird vom Unbefleckten Herzen Marias gesprochen: „Ihr hattet die Hölle gesehen, wohin die Seelen der Armen Sünder kommen. Um sie zu retten will Gott in der Welt die Andacht zu meinem Unbefleckten Herzen begründen."[5] Am 24. Oktober 1940 schrieb Lucia einen langen Petitions-Brief an Papst Pius XII.[6]

Erfüllung der prophetischen Worte über Russland

Die Weihe von 1984 hat einen für 1985 drohenden Atomkrieg verhindert.[7] Der Moskauer Putsch am 19. August 1991, der das Ende der Sowjetunion einleitete, fiel auf den Jahrestag der vierten Marienerscheinung in Fatima. Als Dank für die friedliche Revolution und den Fall des Kommunismus initiierte „Kirche in Not“ zusammen mit katholischen wie orthodoxen Kirchenvertretern und mehr als 150 russischen Fernseh- und Radiosendern am 13. Oktober 1991 eine Liveübertragung der Wallfahrtsfeierlichkeiten aus Fatima. Präsident Jelzin hatte sein Einverständnis dazu gegeben. 40 Millionen Menschen in Russland konnten die Übertragung mit verfolgen.[8]

Die letzte Seherin von Fatima, die Ordensschwester Maria Lúcia dos Santos, starb 2005 im Alter von fast 98 Jahren, sieben Wochen vor Papst Johannes Paul II. Sein Nachfolger Benedikt XVI. setzte für sie die vom Kirchenrecht vorgesehene Fünf-Jahres-Frist zur Einleitung eines Seligsprechungsverfahrens außer Kraft; es wurde am 13. Februar 2008, ihrem dritten Todestag, eröffnet. Erwartet wird, dass Papst Franziskus im Jubiläumsjahr 2017 möglicherweise die Seligsprechung leitet, verbunden mit seinem geplanten Fatima-Besuch.

Verheißungen für die Annahme im Geist der Sühne

Im Mittelpunkt von Fatima steht die Aufforderung, Sühne zu leisten für die Sünden der Menschen und durch die Weihe an das Unbefleckte Herz tatkräftig besorgt zu sein für das Wachstum der Kirche.

Das Wesentliche der Botschaft von Fatima besteht in den Worten der Heiligen Jungfrau an Schwester Lúcia am 13. Juni 1917: „Jesus möchte sich deiner bedienen, damit die Menschen mich erkennen und lieben. Er möchte auf Erden die Verehrung meines Unbefleckten Herzens begründen. Wer sie annimmt, dem verspreche ich das Heil, und diese Seelen werden von Gott geliebt wie Blumen, die von mir hingestellt sind, um seinen Thron zu schmücken.“

Als pastoral segensreich erwiesen hat sich die Gestaltung der ersten Monatssamstage gemäß der von Schwester Lúcia übermittelten Verheißung: in der Todesstunde werde ein jeder die Gnaden für sein ewiges Heil erhalten, der an fünf aufeinanderfolgenden ersten Monatssamstagen beichte, die heilige Kommunion empfange, den Rosenkranz bete und 15 Minuten die Geheimnisse des Rosenkranzes betrachte, im Geist der Sühne gegenüber den Herzen Jesu und Mariens.

Die Herz-Mariä-Verehrung schießt ein Bekenntnis ein zum Vorrang des inneren Lebens, zum christlichen Bußgeist und zum liebenden Vertrauen auf unsere Mutter und Mittlerin.[9]

Bedeutung der gelebten Hingabe an Gott durch Maria

Zur Praxis der Marienweihe sagte Elia Angelo Kardinal Dalla Costa: „Es ist notwendig, die weltweite Bedeutung dieser Weihe  zutiefst zu erfassen und voll und ganz bewusst zu leben. Es besteht die Gefahr, dass wir uns bei unserer Weihe mit bloßen Worten begnügen, die keinen Wert haben, wenn sie nicht verbunden sind mit der Hingabe an Gott – der Hingabe in vollbewusster Freiheit, der Hingabe des Herzens und der Seele, der Hingabe des Lebens. Man bedenke wohl, dass die Weihe nicht darin besteht, eine Gebetsformel abzulesen; sie ist vielmehr ein Programm christlicher Lebensführung und eine feierliche Verpflichtung, es unter dem besonderen Schutz Mariens zu verwirklichen."[10]

Die theologisch-systematische Begründung der Weihehingabe ist in den letzten Jahrzehnten weiter vertieft worden.[11] Bis zu einer „theologia cordimariana“ – Theologen wie J. Galot SJ, J. Solano SJ, P. M. Lustrissimi OSM, F. Juberías CMF haben die gesamte Mariologie von der Theologie des Herzens her konzipiert.[12] Sie verstehen Maria als Herz des mystischen Leibes der Kirche. Das Herz ist ein leibliches Organ; der Titel „Seele der Kirche“ passt auf den unsichtbaren Heiligen Geist mit seinen Gnaden, nicht auf Maria. So entsprechen sich die Liebe zur Kirche und die Liebe zu Maria.

Weihegebet von Papst Benedikt XVI. für Priester

Papst Benedikt XVI. verrichtete auf seiner Apostolischen Reise nach Portugal anlässlich des 10. Jahrestags der Seligsprechung der Hirtenkinder von Fatima, Jacinta und Francisco, in der Dreifaltigkeitskirche von Fatima am Mittwoch, den 12. Mai 2010, zusammen mit den dort versammelten Priestern ein Gebet, einen Akt des Anvertrauens und der Weihe an das Unbefleckte Herz Mariä:[13]

„Maria, Unbefleckte Mutter, an diesem Ort der Gnade, an dem die Liebe deines Sohnes Jesus, des Ewigen Hohenpriesters, uns Söhne im Sohn und seine Priester zusammengerufen hat, weihen wir uns deinem mütterlichen Herzen, um treu den Willen des Vaters zu erfüllen.

Wir sind uns bewusst, dass wir ohne Jesus nichts Gutes vollbringen können (vgl. Joh 15, 5) und dass wir nur durch ihn, mit ihm und in ihm für die Welt Werkzeug des Heils sein können.

Braut des Heiligen Geistes, erwirke uns die unschätzbare Gabe der Umgestaltung in Christus. In derselben Kraft des Geistes, der dich überschattet und zur Mutter des Erlösers gemacht hat, hilf uns, dass Christus, dein Sohn, auch in uns geboren werde. Die Kirche möge so von heiligen Priestern erneuert werden, die von der Gnade dessen verwandelt wurden, der alles neu macht.

Mutter der Barmherzigkeit, dein Sohn hat uns berufen, so zu werden wie er selbst: Licht der Welt und Salz der Erde (vgl. Mk 5, 13.14).

Hilf uns mit deiner mächtigen Fürsprache, dass wir dieser erhabenen Berufung nie untreu werden, dass wir unserem Egoismus nicht nachgeben, noch den Schmeicheleien der Welt und den Verlockungen des Bösen. Bewahre uns mit deiner Reinheit, beschütze uns mit deiner Demut und umfange uns mit deiner mütterlichen Liebe, die sich in vielen Seelen widerspiegelt, die dir geweiht sind und uns zu echten Müttern im Geiste geworden sind.

Mutter der Kirche, wir Priester wollen Hirten sein, die nicht sich selbst weiden, sondern sich Gott hingeben für die Brüder und Schwestern und darin ihre Erfüllung und ihr Glück finden. Nicht nur mit Worten, sondern mit unserem Leben wollen wir demütig Tag für Tag unser „Hier bin ich“ sagen.

Von dir geführt, wollen wir Apostel der Göttlichen Barmherzigkeit sein und voll Freude jeden Tag das heilige Opfer des Altares feiern und allen, die darum bitten, das Sakrament der Versöhnung spenden.

Fürsprecherin und Mittlerin der Gnaden, du bist ganz hineingenommen in die einzige universale Mittlerschaft Christi, erflehe uns von Gott ein völlig neues Herz, das Gott mit all seiner Kraft liebt und der Menschheit dient wie du.

Sprich zum Herrn noch einmal dein wirkungsvolles Wort: ‚Sie haben keinen Wein mehr‘ (Joh 2,3), damit der Vater und der Sohn über uns den Heiligen Geist wie in einer neuen Sendung ausgießen.

Voller Staunen und Dank für deine ständige Gegenwart in unserer Mitte will auch ich im Namen aller Priester ausrufen: ‚Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?‘ (Lk 1,43).

Maria, seit jeher unsere Mutter, werde nicht müde, uns zu ‚besuchen‘, uns zu trösten, uns zu stützen. Komm uns zu Hilfe und errette uns aus allen Gefahren, die uns drohen.

Mit diesem Akt des Anvertrauens und der Weihe wollen wir dich auf tiefere und vollständigere Weise, für immer und ganz in unser Leben als Menschen und Priester hineinnehmen.

Deine Gegenwart lasse die Wüste unserer Einsamkeit neu erblühen und die Sonne über unserer Dunkelheit leuchten und bringe nach dem Sturm die Ruhe zurück, damit jeder Mensch das Heil des Herrn sehe, das den Namen und das Gesicht Jesu trägt, der sich in unseren Herzen widerspiegelt, da sie stets eins mit dem deinen sind. – Amen.“

Erneuerung von Kirche und Welt durch Maria

Verwiesen sei noch auf die Papstaudienz vom Mittwoch, den 13. Mai 2016:[14] Papst Franziskus lädt alle Pilger ein, sich mit Rücksicht auf das kommende 100-jährige Jubiläum mit Gebet, Buße und Werken der Barmherzigkeit und mit einer guten Beichte vorzubereiten.

Am 13. Mai wird der „Gedenktag der seligen Jungfrau Maria von Fatima“ (Memoria Beatae Mariae Virginis de Fatima) gefeiert. Das neue lateinische „Missale Romanum“ in der 3. Auflage von 2002 bringt die Oration: „Herr, unser Gott, Du hast Maria, die Mutter deines Sohnes, auch uns zur Mutter gegeben. Gib, dass wir, durch ihre Ermahnungen belehrt, im Geist der Buße und des Gebetes der Ausbreitung des Reiches deines Sohnes mit noch größerem Eifer dienen, um die Welt zu erneuern.“

Die Liebe zur Kirche ist untrennbar verbunden mit der Liebe zu Maria.[15] Man kann die Kirche nicht ganz ohne Vorbehalt und Einschränkung und nicht mit voller Hingabe lieben, wenn man sie nicht von Maria, der jungfräulichen Gottesmutter, her versteht, die personal den schärfsten Gegensatz zur Sünde darstellt. Die Gottesmutter ist für uns nicht einfach fernes Objekt, „Gegenstand“ des Glaubens, auch nicht nur ein Mysterium unserer Kontemplation, sondern sie stellt ein Geheimnis dar, das selbst im Mittelpunkt der Kirche lebt. Denn die jungfräuliche Gottesmutter bestimmt die Gestalt unseres Glaubens, unserer Liebe, unseres Tuns von innen her.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)


[1] Luís Kondor SVD (Hrsg.): Schwester Lucia spricht über Fatima. Erinnerungen der Schwester Lucia, Postulação, Fatima 31977, vgl. 3. Erinnerung, Nr. 5.
[2] Vgl. Anton Ziegenaus: Blick auf Fatima, Regensburg 2013, 55-63.
[3] Vgl. dazu Michel de la Sainte Trinité I, 11-40; Anton Ziegenaus: Das sogenannte Problem von Fatima I und II auf dem Hintergrund der neueren historischen Diskussion, in: Ders.: Verantworteter Glaube. Theologische Beiträge II, Buttenwiesen 2001, 205-224 = Actas do congresso internacional de Fátima. Fenomenologia e teologia das aparições, Fátima 1998, 65-79; Ders. in: Forum Katholische Theologie 11 (1995) 299-310; (2013) 8-14; Gérard R. Mura/Martin A. Huber: Fatima – Rom – Moskau. Durch die Weihe Russlands zum Triumph Mariens, Stuttgart 2010, 165-173. Unter den Stellungnahmen von E. Dhanis vgl.: A propos de Fatima et la Critique, in: Nouvelle Revue Théologique 74 (1952) 580-606; Sguardo su Fatima e bilancio di una discussione, in: La Civiltà Cattolica 104 (1953, II) 392-406. Beide Aufsätze beziehen sich auf Ders.: Bij de verschejningen en het geheim van Fatima, Bruxelles 1945.
[4] 2. Erinnerung, Nr. II, 2 (nach Anton Ziegenaus: ebd., 55).
[5] 3. Erinnerung, Nr. 2.
[6] Michel de la Sainte Trinité: Toute la vérité sur Fatima, t. II, 1984, 468-472.
[7] Carlos Evaristo: Fatima. Soeur Lucia t´émoigne. Le message authentique, Paris 1999, 100.
[8] Presse Kirche in Not.
[9] Leo Scheffczyk: Die Verheißung des Herzens. Fatima als Ruf zur Herz-Mariä-Verehrung, in: Maria – Mutter und Gefährtin Christi, Augsburg 2003, 337-348.
[10] Luis Gonzaga da Fonseca: Maria spricht zur Welt,  Dietenheim 161973, 46.
[11] Manfred Hauke (Hrsg.): Die Herz-Mariä-Verehrung. Geschichtliche Entwicklung und theologischer Gehalt, in: Mariologische Studien, 22, Regensburg 2011; Ders.: Die Weihe der Welt an die Gottesmutter Maria, in: Sedes Sapientiae, Mariologisches Jahrbuch 14 (2010) 67-91; Johannes Stöhr: Sapientia cordis. Zu den theologischen Grundlagen der Weihehingabe, in: Sedes Sapientiae, Mariologisches Jahrbuch 1 (1997), Bd. 1, Kisslegg 1997, 74-118; Ders.: Neuere Impulse zur Theologie und Verehrung des Herzens Mariä, in: De cultu Mariano Saeculi XX. Maria, mater Domini, in mysterio salutis quod ad orientis et occidentis ecclesiis in Spiritu Sancto hodie celebratur, in: Acta congressus Mariologici Mariani in sanctuario Mariano Czestochoviensi anno 1996 celebrati, Vol. II, Città del Vaticano 2000, 397-427; B. de Margerie SJ: Heart of Mary, Heart of the Church, Washington N. J. 1992.
[12] J. Solano SJ (ed.): Sociedad teológia de los estudios teológicos sobre los sagrados corazones, vol. 2: El corazón de María. Problemas actuales, Madrid 1961.
[13] w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/travels/2010/index_portogallo.html
[14] es.radiovaticana.va/news/1228969
[15] Vgl. Johannes Stöhr: Unsündliche Heiligkeit der Kirche, in: Albrecht Graf von Brandenstein-Zeppelin/Alma von Stockhausen (Hrsg.): Die Kirche als Corpus Christi mysticum, Weilheim-Bierbronnen 2002, 97-121; Ders.: Die Heiligkeit der Immakulata und die Sündenlosigkeit der irdischen Kirche, in: Mariologisches Jahrbuch 3, 1 (1999) 10-32.

Länder dürfen nicht über ihre Kapazitäten aufnehmen!

Papst Franziskus zur Flüchtlingskrise

Auf dem Rückflug von seiner Apostolischen Reise nach Schweden gab Papst Franziskus am 1. November 2016 im Flugzeug eine Pressekonferenz. Gleich zu Beginn ging es um die Flüchtlingsproblematik. Elin Swedenmark von der schwedischen Agentur TT stellte die Frage:

„Gestern haben Sie, Heiliger Vater, von der Revolution der Zärtlichkeit gesprochen. Gleichzeitig sehen wir, dass immer mehr Menschen aus Ländern wie Syrien oder dem Irak in den europäischen Ländern Zuflucht suchen. Einige aber reagieren mit Angst, oder es gibt sogar Menschen, die meinen, dass die Ankunft dieser Flüchtlinge die Kultur des Christentums in Europa bedrohen könnte. Was ist Ihre Botschaft für die Menschen, die sich vor dieser Entwicklung der Situation fürchten, und was ist Ihre Botschaft für Schweden, das nach einer langen Tradition der Aufnahme von Flüchtlingen nun beginnt, seine Grenzen zu schließen?“

Von Papst Franziskus

Zunächst möchte ich als Argentinier und Südamerikaner Schweden für diese Aufnahme sehr danken, denn zur Zeit der Militärdiktaturen wurden viele Argentinier, Chilenen, Uruguayer in Schweden aufgenommen. Schweden hat eine lange Tradition der Aufnahme. Und es geht dabei nicht nur darum, aufzunehmen, sondern zu integrieren, sofort Wohnung zu suchen, Schule, Arbeit … in einem Volk zu integrieren. – Wie viele Einwohner hat Schweden? Neun Millionen? Von diesen neun Millionen – hat man mir gesagt – seien 850.000 „neue Schweden“, das heißt Migranten oder Flüchtlinge oder deren Kinder. Das ist das erste.

Zweitens: Man muss zwischen Migrant und Flüchtling unterscheiden, nicht? Der Migrant muss nach bestimmten Regeln behandelt werden, denn Auszuwandern ist ein Recht, aber ein sehr geregeltes Recht. Flüchtling sein hingegen ergibt sich aus einer Lage von Krieg, Furcht, Hunger, aus einer schrecklichen Situation, und der Status eines Flüchtlings benötigt mehr Sorge, mehr Arbeit. Auch darin hat Schweden immer ein Beispiel gegeben, bei der Unterbringung, beim Erlernen der Sprache, der Kultur und beim Integrieren in die Kultur.

Drittens: Über diesen Aspekt der Integration der Kulturen brauchen wir nicht erschrecken, denn Europa wurde durch eine beständige Integration von Kulturen gebildet, von vielen Kulturen… Ich denke – und dies sage ich nicht auf beleidigende Weise, nein, sondern als eine Kuriosität – die Tatsache, dass in Island ein Isländer praktisch mit dem heutigen Isländisch seine Klassiker von vor tausend Jahren ohne Schwierigkeit lesen kann, bedeutet, dass es ein Land mit wenigen Immigrationen ist, mit wenigen „Wellen“, wie es bei Europa der Fall war. Europa hat seine Gestalt durch die Migrationen erhalten.

Weiter, was denke ich von den Ländern, welche die Grenzen schließen: Ich meine, in der Theorie kann man das Herz nicht vor einem Flüchtling verschließen, aber es braucht auch die Klugheit der Regierenden. Die müssen sehr offen sein, um sie aufzunehmen, aber auch Berechnungen anstellen, wie man sie unterbringen kann, denn einen Flüchtling muss man nicht nur aufnehmen, sondern man muss ihn integrieren. Und wenn ein Land die Kapazität zur Integration von – nennen wir es so – zwanzig Einheiten hat, soll es bis dahin gehen. Wenn ein anderes eine größere Kapazität hat, soll es mehr tun. Doch stets mit einem offenen Herzen: Es ist nicht menschlich, die Türen zu schließen, es ist nicht menschlich, das Herz zu verschließen, und auf lange Sicht bezahlt man dafür.

Hier bezahlt man politisch, wie man auch eine Unvorsichtigkeit bei den Berechnungen, bei der Aufnahme von mehr Menschen, als integriert werden können, politisch bezahlen kann. Was ist nämlich die Gefahr, wenn ein Flüchtling oder ein Migrant – dies gilt für beide – nicht integriert wird, nicht integriert ist? Es sei mir der Ausdruck erlaubt – vielleicht ist es ein Neologismus –, er gettoisiert sich bzw. er begibt sich in ein Getto. Und eine Kultur, die sich nicht in Beziehung mit der anderen Kultur entwickelt, das ist gefährlich. Ich meine, der schlechteste Ratgeber der Länder, die dazu neigen, die Grenzen zu schließen, ist die Angst, und der beste Ratgeber ist dagegen die Klugheit.

Ich konnte in diesen Tagen mit einem Beamten der schwedischen Regierung reden, und er sprach von manchen Schwierigkeiten zurzeit – dies gilt für Ihre letzte Frage –, von manchen Schwierigkeiten, weil so viele kommen, und man sie nicht rechtzeitig unterbringen kann, nicht dabei unterstützen kann, Schule, Wohnung, Arbeit zu suchen und die Sprache zu erlernen. Die Klugheit muss diese Berechnung anstellen. Schweden hingegen…, ich denke nicht, dass Schweden, wenn es seine Aufnahmekapazitäten verringert, dies aus Egoismus tut oder weil es diese Fähigkeit verloren hat; wenn es etwas dieser Art gibt, dann ist es wegen der Sache, die ich zuletzt genannt habe. Heute blicken viele auf Schweden, denn sie kennen seine Aufnahme, aber zum Unterbringen fehlt die Zeit, die für alle benötigt wird.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2017
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Plädoyer für eine christliche Diskussionskultur

Die Seele sehnt sich nach der Wahrheit

Vier herausragende Kardinäle haben Anfragen an das päpstliche Schreiben „Amoris laetitia“ veröffentlicht und damit heftige Diskussionen ausgelöst. Besorgt um die Einheit der Kirche geht Weihbischof Dr. Andreas Laun auf die angespannte Situation ein. Er ergreift in der Auseinandersetzung keine Partei, mahnt aber eine christliche Diskussionskultur an, die auf unsachliche Angriffe verzichtet. Einerseits fordert er das Recht auf Argumente ein, ohne die alles zum Stillstand komme, andererseits erinnert er an die Gewissenspflicht, sich auf der Suche nach der Wahrheit an der Lehre der Kirche zu orientieren.

Von Weihbischof Andreas Laun

Im Gespräch mit einer belgischen Zeitschrift beschrieb Papst Franziskus den Umgangston der Synodenteilnehmer fast idyllisch so: Jeder konnte sagen, „was er dachte, ohne Angst, verurteilt zu werden. Alle haben eine Haltung des Zuhörens angenommen, ohne zu verurteilen. Und dann hat man brüderlich in den Gruppen diskutiert. Eines ist, brüderlich zu diskutieren, und etwas anderes, von vornherein zu verurteilen. Es bestand eine große Freiheit, sich auszudrücken. Und das ist schön“ (Tagespost, Dez. 2016, Das Dokument, 15).

Besorgte Fragen zu „Amoris laetitiae“

Wirklich schön, aber manche „Andere“ scheinen diesen Geist nach der Synode schnell vergessen zu haben. Denn als einige verdiente, höchst sachkundige Kardinäle höfliche und besorgte Fragen zu „Amoris laetitiae“ stellten, bedrohte sie ein anderer Kardinal mit „Absetzung“, und wieder ein anderer forderte sie auf zu beichten, weil er solche Fragen zu stellen offenkundig für sündhaft hielt. An den Imageschaden der Kirche, den solche zwar lächerliche, aber doch auch autoritäre Verhaltensweisen bewirken, dachten die Herren offenbar nicht. 

Wir brauchen das Argument

Nein, nein und nochmals nein, der wahre Geist der katholischen Kirche ist ein ganz anderer! Von Nikolaus von der Flüe erzählt man, er sei einmal gefragt worden, was die größte Gabe Gottes an seine Menschen gewesen wäre, und er habe geantwortet: „Die Vernunft!“

Das hätte auch von Thomas von Aquin kommen können. Untrennbar von der Vernunft sind Diskussion und Argument! Jeder, der bestimmte Diskussionen schon erlebt hat, weiß, wie auch beste Argumente an einer Mauer von Dummheit und vor allem Verhärtung abprallen können. Beispiele dazu erzählt unter anderem das Johannes-Evangelium: So treffend Jesus auch antwortete und argumentierte, Er konnte das Nicht-Wollen Seiner Gegner nicht aufweichen und nicht durchbrechen.

Und doch oder erst recht gilt: Wir brauchen das Argument, liebevoll und geduldig vorgetragen, ja, aber ohne Argument kommt alles zum Stillstand. Darf es auch harte Argumente geben? Ja, aber das Argument soll dabei nicht das Gegenüber zerstören, sondern nur dessen Irrtum, es soll das Wahre in seiner Position würdigen und ihn auch in der Widerlegung nicht bloßstellen! Bei all dem dürfen auch Emotionen hochkommen, solange sie nicht „zu hoch“ kommen und das weitere Gespräch unmöglich machen oder durch gegenseitige Vergebung zurückgenommen werden.

„Schlagwörter“ ersetzen Wahrheitssuche

Alle Begegnung tragend und leitend sind auf der einen Seite die Liebe, auf der anderen Seite die bedingungslose Liebe zur Wahrheit, ebenso kritisch gegen sich selbst wie kritisch gegen die andere Position. Eines der ganz großen Übel unserer Zeit sind die Pseudo-Argumente, die nicht einmal Vorurteile sind, weil ein urteilender Prozess „nur“ Irrender nie stattgefunden hat, sondern wirkliche „Schlagwörter“, die nur „schlagen“ wollen und ihrerseits resistent gegen jede Differenzierung und kritische Prüfung sind. Sie bedienen ideologische Gruppen und politische Ziele. Mit Wahrheitssuche haben sie nichts mehr zu tun.

Die „Nazi-Keule“ nimmt absurde Formen an

Eine ebenso häufig eingesetzte wie wirkungsvolle Waffe dieser Art, die vor allem in Mainstream-Diskussionen eingesetzt wird, ist die sogenannte „Nazi-Keule“. Eingesetzt wird sie als Behauptung, der jeweils Andersdenkende sei ein Nazi, denke wie ein Nazi, vertrete typische Nazi-Positionen und sei daher unmöglich als Gesprächspartner anzunehmen. Im Gegenteil, die Ansichten eines solchen Unmenschen dürfe man nicht einmal tolerieren, obwohl die Tugend der Toleranz sonst als neue Kardinaltugend überall und immer gepredigt wird.

Die Keule lässt sich – besonders absurd – sogar einsetzen, um wirkliche Nazi- und Kommunismus-Ideologie, die im angeblich so rechtsstaatlichen heutigen Europa weiterlebt, zu verteidigen: Man nennt Abtreibungsgegner Nazis und Faschisten, ignoriert dabei aber, dass die Nazis Programme entwickelten, um die slawischen Völker klein zu machen und wenn möglich auszurotten – durch Abtreibung nämlich!

Und während man „natürlich“ die Allmacht der „Führer“ und „Parteien“ verurteilt, verteidigt man die Allmacht des Staates, der mit seiner Mehrheit Unsinniges (wie Gender)  und Unmenschliches (wie Abtreibung als Menschenrecht) beschließen können soll!

Andersdenkende werden sozial ausgegrenzt

Eine Variante solcher Unkultur ist das Totschweigen, das Ausgrenzen des Anderen. Es ist besonders gefährlich, weil es scheinbar friedlich und sogar als christlich getarnt auftritt, aber zugleich wirkungsvoll ist. In früheren Zeiten gab es die „Verbannung“, heute schließt man den vermeintlichen Gegner gesellschaftlich aus, redet nicht mit ihm und antwortet nicht, wenn er unbequeme Fragen stellt, und behandelt ihn als „nicht existent“. Leider muss man zugeben: Diese Art von Diskriminierung ist auch in Kreisen der Kirche weit verbreitet, weil ihre Sündhaftigkeit nicht in die Augen sticht!

Die „Gewissens-Keule“ rechtfertigt die Sünde

Es gibt in mehr religiös geprägten Milieus ein Pendant zur Nazi-Keule, das man „Gewissens-Keule“ nennen könnte. Diese wird anders eingesetzt, nicht um den Anderen zu erschlagen, sondern um sich in allem und jedem, was immer man tut oder vertritt, als moralisch gut in einem Licht erscheinen zu lassen, das durch keinen Wahrheitsanspruch, durch kein Gottesgebot abgedunkelt oder gar ausgelöscht werden kann: Und siehe da, die Dinge sind vernetzt, man spricht bei Verbrechen wie Abtreibung von „Gewissensentscheidung“, ebenso bei Wahlentscheidungen, auch wenn man dabei gegen Gottes Ordnung stimmt, oder auch bei der Entscheidung für eine Religion oder Gruppe, in deren Programm der Hass gegen die Christen mehr oder weniger fest verankert ist.

Besonders beliebt ist diese „Waffe“ auch zur Selbstverteidigung der eigenen Lebensweise: zur Rechtfertigung einer Scheidung, eines homosexuellen Lebens, eines Austretens aus der Kirche. Eigentlich scheint es dann nur wenige Sünden zu geben, die wirkliche Sünden sind, wenn man sie irgendwie als Gewissensentscheidung verkaufen oder bewerben kann.

Die Lehrautorität des Papstes ist von Gott gegeben

Die katholische Lehre vom Gewissen hingegen sagt etwas ganz anderes: Gott hat Sein Gebot ins Herz jedes Menschen geschrieben, das Gewissen hilft ihm, es zu lesen, liest es ihm manchmal geradezu lästig und aufdringlich vor, befiehlt ihm, darüber nachzudenken und beurteilt das Denken und Handeln des Menschen im Licht des Gottesgebotes.

John Henry Newman hat einmal gesagt, er würde zwar auch auf den Papst anstoßen, zuerst aber auf das Gewissen. Richtig, aber nicht, weil er die Autorität des Papstes dem Gewissen unterordnen wollte, sondern umgekehrt: Dessen Autorität gründet auf dem Gewissen, das die Lehrautorität des Papstes im Licht des Glaubens als von Gott gegeben und darum als verpflichtend erkennt! Das tut das Gewissen gemäß der Lehre der Kirche über die päpstliche Autorität, die auch Kritik am Papst in vielfacher Weise zulässt, weil keineswegs alles, was ein Papst sagt, unter dem Anspruch der Unfehlbarkeit steht!

Die besorgten, zweifelnden Fragen von Kardinälen, Bischöfen und vielen anderen Christen in Bezug auf „Amoris laetitia“ sind zum Beispiel legitim und dürfen sehr wohl gestellt werden!

Die Seele sehnt sich nach der Wahrheit

Dass sich Päpste neben ihrem Lehrcharisma, an diesem vorbei, auch schon geirrt haben und irren können, gehört zur katholischen Gewissensbildung, die kritisches, unterscheidendes Denken nicht aus-, sondern einschließt. Und zur Sicherheit auch noch dies: Das Gewissen ist der Wahrheit verpflichtet, es fordert, die „Gottesschrift im Herzen“ zu lesen, es versucht, auch die eigenen „Lesefehler“, also ein „irrendes Gewissen“, zu korrigieren, aber es will und kann nicht neue Gottesgebote „machen“, wie „goldene Kälber“, um die herum man endlich wirklich freie Partys feiern könnte, nach den Vorgaben der „eigenen“ – weil eigenen, darum unantastbar heiligen – Meinung. „Was ersehnt die Seele mehr als die Wahrheit“, sagt Augustinus, und der Psalm ergänzt: „Meine Seele sehnt sich nach Gott wie der Hirsch nach der Quelle!“

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2017
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Wie definiert man den Begriff „Sakrament“? (Luther verstehen – Teil 7)

Abkehr von der Siebenzahl der Sakramente

Die Frage nach den Sakramenten hängt eng mit dem Verständnis des Priestertums zusammen. Ein wichtiges Beispiel ist das Bußsakrament. Dabei geht es um die Frage, ob mit dem apostolischen Amt die Vollmacht zur Sündenvergebung verbunden ist. Doch ist die Lehre von den Sakramenten auch eine Frage nach der Definition des Begriffs. Zum ersten Mal wurde er im heutigen Sinn vom Kirchenlehrer Hieronymus (347-420) verwendet. Doch die Lehre von der Siebenzahl bildete sich erst im 13. Jahrhundert klar heraus. Und bereits hundert Jahre später wurde dieses Denken vom englischen Theologen John Wyclif (um 1330-1384) angefochten. An ihn wiederum hatte sich Jan Hus (um 1370-1415) angelehnt, der als Vordenker und Wegbereiter der Reformation bezeichnet werden kann. Wie Martin Luther darauf aufbauend die Sakramente verstanden hat und wie sie heute von den Protestanten gesehen werden, darauf geht Andreas Theurer in der siebten Folge seiner Artikelserie zum Reformationsgedenken ein.

Von Andreas Theurer

Vielen ist bekannt, dass die Protestanten nur zwei Sakramente kennen, während die katholische Kirche davon sieben zählt. Doch woran liegt das?

Sieben oder zwei Sakramente?

In erster Linie handelt es sich dabei um einen Unterschied in der Definition des Begriffs „Sakrament“. Nach protestantischem Verständnis werden nur solche heiligen Handlungen als „Sakrament“ bezeichnet, für die es im Neuen Testament einen klaren Befehl Jesu zur Wiederholung gibt und die mit einem materiellen Zeichen und einem deutenden Wort verbunden sind. Demnach werden nur Taufe und Eucharistie, für die der Auftrag Jesu „Tut dies“ überliefert ist und die aus Wort und Materie (Wasser, bzw. Brot und Wein) bestehen, Sakramente genannt.

Ob die Beichte ein Sakrament ist, war bei den Reformatoren umstritten, weil es für sie zwar einen Auftrag Christi gibt, aber keine Materie (nach katholischer Lehrtradition bilden Reue, Bekenntnis und Genugtuung, näherhin die gebeichteten Sünden, eine Quasi-Materie). Die übrigen katholischen Sakramente Weihe (bzw. Ordination), Firmung (bzw. Konfirmation), Krankensalbung und Ehe haben zwar in der Praxis der evangelischen Kirchen durchaus ihren Platz, gelten aber – da sie die oben genannten Kriterien nicht erfüllen – nicht als Sakramente und werden auch inhaltlich teilweise anders verstanden.

Weihe und Eucharistie haben wir hier bereits behandelt und die Ehe folgt noch. Schauen wir uns heute Taufe, Firmung, Beichte und Krankensalbung im ökumenischen Kontext an.

Die Taufe im ökumenischen Kontext

Die Taufe ist zwischen Katholiken und landeskirchlichen Protestanten nicht wirklich umstritten und wird wechselseitig anerkannt. Es gibt freilich viele Freikirchen, die – aufgrund ihres extremen Biblizismus (Taufe ist im Neuen Testament immer Folge einer Glaubensentscheidung und von Kindertaufen wird nirgends explizit berichtet) – die Kindertaufe ablehnen und gegebenenfalls später die Taufe wiederholen. Die „Täufer“ wurden übrigens in der Reformationszeit nicht nur von den Katholiken, sondern auch von den protestantischen Landeskirchen massiv verfolgt und größtenteils zur Auswanderung gezwungen. Deshalb ist ihr Anteil in Ländern mit früher theologischer Toleranz (bsd. Niederlande, USA) bis heute relativ groß. Diejenigen Freikirchen, die eine solche Tauftheologie vertreten (v.a. Baptisten und Mennoniten) haben deshalb ihre Wurzeln zumeist in Amerika. Aber auch im landeskirchlichen Pietismus mit seiner besonders starken Orientierung am „Allein die Schrift“ lassen heute viele Eltern ihre kleinen Kinder nur segnen. Getauft werden sollen sie erst, wenn sie es selbst wünschen und selbständig ihren Glauben bekennen können.

Landeskirchliche Taufen geschehen (wenigstens theoretisch) auf den Namen des Dreieinigen Gottes. Während es früher weithin üblich war, dabei dem Täufling dreimal mit angefeuchtetem Finger ein Kreuz auf die Stirn zu zeichnen, wird erfreulicherweise heutzutage mehr darauf geachtet, dass auch wirklich Wasser fließt. Die weiteren in der katholischen Liturgie üblichen Riten (Salbung mit Katechumenenöl und Chrisam, Taufwasserweihe, Effata-Ritus) sind in der evangelischen Praxis dagegen völlig unbekannt.

Nur äußerliche Ähnlichkeit von Firmung und Konfirmation

Die Firmung ähnelt rein soziologisch betrachtet in vielem der evangelischen Konfirmation. Freilich hat diese – wenn man genau hinschaut – doch weithin andere Inhalte. Während es bei der Firmung in erster Linie um die Verleihung des Heiligen Geistes geht, soll die Konfirmation vor allem das für den erstmaligen Empfang des Heiligen Abendmahls nötige religiöse Grundwissen sicherstellen und die Vollmitgliedschaft in der Kirche gewähren.

Deshalb gehörte zur Konfirmationsvorbereitung seit der Einführung dieses Festes (16.-18. Jhdt.) ein früher oft zweijähriger, heute fast überall nur noch einjähriger wöchentlicher Unterricht, in dem die (zumeist 14 Jahre alten) Jugendlichen in die wesentlichen Glaubenslehren eingeführt werden. Am Ende des Konfirmandenunterrichts (in manchen Landeskirchen wird das erste Jahr als „Katechumenen-Unterricht“ bezeichnet, obwohl dieser Begriff traditionell eigentlich die Taufbewerber meint!) legen die Konfirmanden eine Prüfung ab (vor dem Fest oder im Gottesdienst), bei der sie wesentliche Bibelverse und Teile des (lutherischen bzw. reformierten) Katechismus auswendig aufsagen müssen. Danach bekommen sie einen Bibelvers als „Konfirmationsspruch“ (der viele lebenslänglich begleitet und oft sogar als Grundlage für die Beerdigungspredigt verwendet wird), werden unter Handauflegung gesegnet und empfangen erstmals das Abendmahl. Nun dürfen sie das Patenamt übernehmen und sind in den meisten Landeskirchen auch wahlberechtigt.

So einheitlich stellt sich das Bild heute freilich längst nicht mehr dar. Das Auswendiglernen ist – wie in der Schule – kaum noch durchsetzbar. Der Druck, während der Unterrichtszeit jeden Sonntag in die Kirche zu müssen, ist ebenfalls weitgehend weggefallen und in manchen Landeskirchen (z.B. Württemberg) ist die Verbindung von Konfirmation und erster Abendmahlsteilnahme offiziell aufgehoben – seither dürfen auch Kinder nach angemessener Vorbereitung (z. B. in einem vorgezogenen Unterricht in der 3. Klasse) zum „Tisch des Herrn“ treten.

Als Sakrament wurde die Konfirmation nie verstanden, auch wenn sie im Bewusstsein der evangelischen Bevölkerung nach wie vor einen sehr hohen Stellenwert hat – auch als Passage-Ritus zum Erwachsenwerden (früher i.d.R. Ende der Schulzeit und Beginn der Berufsausbildung). Die Übermittlung des Heiligen Geistes wie in den klassischen biblischen Belegen (Apg 8,17; 19,6, usw.) steht jedoch üblicherweise nicht im Fokus.

Unsichere Haltung der Protestanten gegenüber der Beichte

Die Beichte wurde in der ersten Zeit nach der Reformation von manchen lutherischen Theologen (v.a. Melanchthon) noch für ein Sakrament gehalten und blieb bis ins 18. Jhdt. vielerorts vor dem Empfang des Abendmahls vorgeschrieben. Erst seit der „Aufklärung“ verlor sie sich im Protestantismus so völlig, dass es sie – von kleinen Gruppen abgesehen – kaum noch gibt, sodass man auch hier von einem vergessenen – nicht abgeschafften! – Sakrament sprechen kann. Die grundsätzliche Schwierigkeit besteht darin, dass nicht recht klar ist, wozu man beichten soll, wenn schon das Gebet „im stillen Kämmerlein“ oder die Teilnahme an der Abendmahlsfeier oder das allgemeine Schuldbekenntnis mit ebenso allgemeiner Lossprechung am Beginn jeder Abendmahlsfeier sündentilgende Wirkung hat. Dass im Protestantismus die Unterscheidung in leichte und schwere Sünden zurückgewiesen wird (die ungeheure Strenge des lutherischen Sündenbegriffs: jede noch so kleine Sünde führt ohne den rettenden Glauben zur Verurteilung durch Gott!), fördert in der allgemeinen Praxis ja eben nicht die Gewissenserforschung und den differenzierten Umgang mit der konkreten Sünde, sondern nivelliert die einzelnen bösen Taten zur Teilhabe an einer allgemeinen Sündhaftigkeit und Schuldverstrickung, aus der – ebenso allgemein – nur der Glaube an die Barmherzigkeit Gottes rettet. Wozu man dann noch die Beichte braucht, ist in der Tat schwer zu vermitteln und die eher psychologischen Argumente, man könne die Vergebung besser glauben, wenn man sie vom Pfarrer höre, oder man müsse die Vergebung zugesprochen bekommen, um der Gefahr zu entgehen, sich einfach nur selbst zu vergeben, tragen theologisch nicht weit.

Übrigens ist im Pietismus mehr als im sonstigen Protestantismus zwar die Beichte üblich; sie geschieht aber meist nicht vor dem Pfarrer, sondern vor frei gewählten Mitchristen. Denn allen evangelischen Beicht-Konzeptionen ist gemeinsam, dass sie keine Schlüsselgewalt (Joh 20,23) beanspruchen, d.h. die Vergebung Jesu wird durch den Zuspruch des Priesters nicht Wirklichkeit, sondern sie wird nur verkündigt. Eine besondere (priesterliche) Vollmacht braucht man dazu folgerichtig nicht.

Renaissance der Krankensalbung ohne ekklesiologischen Bezug

Die Krankensalbung wird zwar im Jakobusbrief empfohlen und hat auch die erforderliche Materie, aber es fehlt die ausdrückliche Anordnung Jesu, weswegen sie im Protestantismus jahrhundertlang nicht mehr praktiziert wurde. Erst seit einigen Jahrzehnten erfreut sie sich wieder wachsender Beliebtheit. Das hängt aber weniger mit theologischer Rückbesinnung auf die Praxis und Theologie der Alten Kirche zusammen, als mit dem neu erwachten Bedürfnis nach erlebbaren Zeichen und Ritualen.

Dementsprechend fehlt bei der protestantischen Renaissance der Krankensalbung völlig der ekklesiologische Bezug, der in den traditionellen Kirchen dadurch hergestellt wird, dass der Bischof die Heiligen Öle weihen muss. Eine Weihe des Krankenöls ist hier gar nicht vorgesehen. Auch der ursprüngliche Zusammenhang mit Beichte und Wegzehrung wird bei modernen evangelischen Krankensalbungen üblicherweise nicht als notwendig erachtet. Allerdings war es früher allgemein üblich, dass der Pfarrer zu Sterbenden kam, um mit ihnen und ihren Angehörigen am Krankenbett das Abendmahl zu feiern (und möglichst eine Art Beichtgespräch zu führen). Aber wie bei vielen Katholiken wird auch von gläubigen Protestanten dieser Ritus aus der falschen Scheu, den Sterbenden mit seinem Sterben zu konfrontieren, viel zu oft so weit hinausgeschoben, bis der Kranke schon bewusstlos ist und gar nicht mehr kommunizieren, geschweige denn beichten kann.

Einigung nicht in Sicht

Zusammenfassend wäre zu sagen: Der wesentliche Inhalt der Taufe ist zwischen (landeskirchlichen) Protestanten und Katholiken unumstritten, mit Firmung (bzw. Konfirmation), Beichte und Krankensalbung verbindet die jeweilige Theologie jedoch so unterschiedliche Vorstellungen, dass eine Einigung und gemeinsame Praxis nicht in Sicht ist. Auch hier liegt die Wurzel der Differenzen letztlich im protestantischen „Sola Scriptura“ – „Allein die Schrift“.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2017
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Katholische Kirche auf den Philippinen

„Kirche will mäßigend auf Regierung einwirken“

Die Philippinen haben in letzter Zeit aufgrund verbaler Ausfälle des neuen Präsidenten Rodrigo Duterte und des rigiden Vorgehens gegen Drogenabhängige für Schlagzeilen gesorgt. Berthold Pelster, Menschenrechtsexperte von „Kirche in Not“ Deutschland, hat kürzlich im Auftrag des Hilfswerks das Land besucht. Dabei hat er auch die andere Seite des Inselstaates erlebt: einen begeisternden Glauben, viel Willen zur Solidarität – aber auch große soziale Gegensätze. Im Interview gibt er Auskunft über seine Eindrücke. Tobias Lehner hat mit ihm gesprochen.

Interview mit Berthold Pelster

Tobis Lehner: Herr Pelster, die Philippinen gelten als eines der katholischen Kernländer. Über 80 Prozent der 100 Millionen Einwohner sind katholisch. Bilder zeigen volle Kirchen und eine lebendige Volksfrömmigkeit. Wie haben Sie das erlebt?

Berthold Pelster: Das Interesse und die Beteiligung der Gläubigen am kirchlichen Leben sind enorm. Sie praktizieren ihren Glauben mit großer Leidenschaft. Ein Beispiel: Als unsere Reisegruppe in der Millionenmetropole Manila an einem Freitagnachmittag einen Gottesdienst besuchen wollte, mussten wir uns auf der Straße in eine lange Schlange von Wartenden einreihen. Dabei gab es dort zu jeder vollen Stunde eine heilige Messe, von morgens bis abends, an einem gewöhnlichen Werktag! Die religiöse Leidenschaft der Filipinos zeigt sich auch in den farbenprächtigen Prozessionen oder in der glühenden Verehrung der Gottesmutter Maria.

Also „paradiesische“ Zustände für Glaube und Religionsfreiheit?

Nach meinen Beobachtungen dürfte das für den größeren Teil der Philippinen zutreffen. Anders sieht es dagegen im Süden des Landes aus. Auf der Inselgruppe Mindanao leben viele Muslime. Unter ihnen gibt es auch separatistische Bewegungen, die für einen eigenständigen islamischen Staat auf Mindanao kämpfen. Eine von ihnen ist die islamistische Terrorbewegung „Abu Sajaf“. Sie verübt seit den 1990er-Jahren immer wieder blutige Attentate und Anschläge auf christliche Einrichtungen. Diese Gruppe hat öffentlich erklärt, alle Christen aus dem Süden der Philippinen vertreiben zu wollen. Eine andere militante Gruppe, die „Bangsamoro Islamic Freedom Fighters“, hat im Dezember 2015 am Heiligen Abend christliche Dörfer überfallen und mehrere Menschen getötet.  

Nun zählt aber ausgerechnet dieses so christlich geprägte Land zu den korruptesten Ländern der Erde. Warum?

Das ist tatsächlich ein Widerspruch und ein Skandal. Auch Papst Franziskus prangerte bei seinem Besuch auf den Philippinen im Januar 2016 diese „skandalöse Ungleichheit“ in der Gesellschaft an. Gelegentlich hört man die Klage, viele Filipinos seien zwar getauft, aber nicht wirklich evangelisiert. Viele würden ein Doppelleben führen, sonntags ihre religiöse Leidenschaft pflegen, werktags dagegen christliche Werte oft ignorieren. Das scheint wohl vor allem für die herrschende Schicht zu gelten. Die wirtschaftliche und politische Macht liegt in den Händen einiger Großfamilien, die wenig Interesse am Wohlergehen der breiten Masse zeigen.

Welche Rolle kann die Kirche für die Überwindung dieser sozialen Ungleichheit spielen?

Papst Franziskus sprach davon, die Kirche auf den Philippinen sei dazu berufen, die Ursachen der vielen sozialen Ungerechtigkeiten zu erkennen und zu bekämpfen, denn diese stünden in krassem Widerspruch zur Lehre Christi. Das Evangelium fordere jeden einzelnen Christen auf, ein Leben in Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit zu führen und sich um das Gemeinwohl zu kümmern. Christliche Gemeinschaften seien dazu berufen, „Zirkel der Rechtschaffenheit“ und „Netzwerke der Solidarität“ zu bilden. Diese könnten durch ihr prophetisches Zeugnis die Gesellschaft mehr und mehr verwandeln.

Der neue Präsident Rodrigo Duterte schlägt nicht nur einen rüden Ton gegenüber ausländischen Regierungen an. Drogenabhängige würde er – Originalzitat – „gern alle abschlachten“. Wie reagiert die Kirche?

Die Kirche hat die Art und Weise, wie der Präsident das Drogenproblem lösen will, scharf verurteilt. Sowohl einzelne Bischöfe als auch die katholische Bischofskonferenz haben insbesondere die Tötung von Verdächtigen ohne jede Gerichtsverhandlung als völlig inakzeptabel bezeichnet. Diese scharfe Kritik scheint allerdings am Präsidenten abzuprallen: Er hat die Bischöfe und Priester als – so wörtlich – „Hurensöhne“ beschimpft. Trotz dieses angespannten Klimas wollen die Bischöfe mit der Regierung weiter im Gespräch bleiben und mäßigend auf sie einwirken, sagten sie uns. Denn das Ziel, die Drogenkartelle zu zerschlagen, die viel Leid und Elend über die Bevölkerung gebracht haben, sei vollkommen berechtigt. Sie wollen darauf hinwirken, gewaltfreie und rechtsstaatliche Lösungen zu finden.

Die Philippinen werden immer wieder von schweren Naturkatastrophen erschüttert. Der Taifun Haiyan im November 2013 war einer der verheerendsten. Tausende starben, über vier Millionen Menschen wurden obdachlos. Wie ist die Lage heute, drei Jahre später?

Bei unserem Besuch der betroffenen Region konnten wir noch heute Spuren der Verwüstung sehen, etwa im Priesterseminar der Erzdiözese Palo. Erschütternd waren auch die Augenzeugenberichte von jungen Seminaristen, die Todesängste ausgestanden haben, als sie in den überfluteten Gebäuden gefangen waren und ihnen das Wasser wortwörtlich bis zum Hals stand. Betroffen waren meine Kollegen und ich, als wir einige Massengräber von Opfern der Wirbelsturmkatastrophe besuchten. Dank internationaler Hilfe konnten viele Schäden inzwischen beseitigt werden. „Kirche in Not“ hat vor allem mitgeholfen, zahlreiche zerstörte Kirchen wiederherzustellen. In einigen Fällen waren die Zerstörungen so groß, dass es sinnvoll war, gleich ganz neue Kirchen zu errichten. Die Freude der Menschen darüber war groß.

Sie haben die Hilfe von „Kirche in Not“ für die Christen auf den Philippinen angesprochen. Kurz nach Ihrer Reise hat das Hilfswerk sein 23. Länderbüro in Manila eröffnet. Also gewissermaßen eine Entwicklung vom Empfänger- zum Geberland?

Die Philippinen zählen zu den Ländern, in denen es sehr große Unterschiede zwischen Reich und Arm gibt. Es gibt Regionen, die bis heute auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen sind. Aber es gibt auch durchaus wohlhabende Katholiken. Übrigens hat die Bischofskonferenz die Eröffnung des neuen Nationalbüros maßgeblich gefördert und unterstützt. Das zeigt, wieviel Vertrauen in den letzten Jahrzehnten gewachsen ist! Wenn „Kirche in Not“ jetzt auch Förderer und Wohltäter auf den Philippinen gewinnen will, dann steht dahinter auch die Absicht, unter den Katholiken den Gedanken der geistlichen Verbundenheit mit der verfolgten Kirche weltweit zu fördern. Bezeichnend dafür ist die Tatsache, dass mit der Eröffnung des neuen Länderbüros in Manila auch eine Konferenz verbunden war, auf der über das Schicksal der verfolgten Christen weltweit berichtet wurde.

Das klingt nach viel Tatendrang und lebendigem Gottvertrauen. Aus Ihren Erlebnissen heraus: Was hat Sie an unseren Glaubensgeschwistern auf den Philippinen am meisten beeindruckt? Was können wir von ihnen lernen?

Neben dem lebendigen Glauben, besonders auch bei vielen jungen Menschen, hat mich vor allem ihr missionarisches Bewusstsein beeindruckt. Viele Christen, die ich getroffen habe, wollen die Gesellschaft bewusst mitgestalten und durch christliche Werte prägen, wobei es da ohne Frage noch viel zu tun gibt. Und ich hatte den Eindruck, dass viele Christen dort wirklich stolz sind auf ihren Glauben und keine Scheu haben, ihn durch Wort und Tat zu bekennen. Diese Begeisterung habe ich als ansteckend und ermutigend empfunden. Eine solche Leidenschaft für Gott bräuchten wir bei uns viel mehr.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2017
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Das Christkönigs-Institut und seine Zeugen

Widerstand mit geistigen Waffen

Der Historiker Dr. Eduard Werner (geb. 1933) stellt in einem neuen Buch über 100 Glaubenszeugen vor, die ihr Leben für ihre christliche Überzeugung hingegeben haben. Unter dem Titel „Helden und Heilige in Diktaturen"[1] leuchtet auf erschütternde Weise der Widerstand der katholischen Kirche gegen den Nationalsozialismus im Dritten Reich auf. Wir haben daraus den Priester Dr. Max Joseph Metzger (Bild) mit seinem Christkönigs-Institut ausgewählt, durch das viele Katholiken einen klaren Blick für die Unvereinbarkeit der Ideologie Hitlers mit dem christlichen Glauben erhalten haben. Es gehört zu den dunklen Seiten der deutschen Nachkriegsgeschichte, dass das Todesurteil gegen Metzger erst 1997 nach verschiedenen juristischen Anläufen aufgehoben wurde. Das Seligsprechungsverfahren, das die Erzdiözese Freiburg 2006 eröffnet hatte, konnte 2015 auf diözesaner Ebene abgeschlossen werden. Derzeit wird die 6000 Seiten umfassende Dokumentation in Rom bearbeitet.

Von Eduard Werner

Wer der katholischen Kirche vorwirft, sie hätte dem Nationalsozialismus keinen Widerstand entgegengesetzt, vermeidet es klugerweise zu definieren, was er unter dem Begriff „Widerstand“ versteht, und er nimmt vor allem auch die Fakten nicht zur Kenntnis. Da die Kirche natürlich keine Armee hatte, konnte sie auch keine Kanonen gegen Hitler ins Feld führen. Sie hatte aber geistige Waffen. Und diese hat sie auch eingesetzt. Die Antwort der Nationalsozialisten war brutal. Aus Rache ließen sie europaweit etwa viertausend katholische Priester ermorden. Die große Zahl der katholischen Laien, die in den zwölf Hitler-Jahren den Tod fanden, lässt sich kaum schätzen. Dass die Katholiken die päpstlichen und bischöflichen Verurteilungen des Nationalsozialismus verstanden haben, zeigen die Stimmenanteile der NSDAP in den katholischen und in den nichtkatholischen Gebieten.

Dr. Max Joseph Metzger und seine tödliche Friedensinitiative

In der grundsätzlichen Ablehnung des Nationalsozialismus waren sich die 25.000 katholischen Priester in Deutschland zu 99,6 Prozent einig. Aber die Formen des Widerstandes waren verschieden. Während die einen dem nationalen Pathos der Nazis die Internationalität der Kirche entgegenhielten, warnten andere vor dem Hass, in dem die staatliche Hitler-Jugend erzogen wurde, und sie versuchten heimlich, die Jugend für Christus zu begeistern. Während Papst Pius XI. und Kardinal Faulhaber schon Jahre vor dem Holocaust den Antisemitismus verurteilten und bekannten: „Geistig sind wir alle Semiten“, setzten andere ihr Leben aufs Spiel und retteten Juden vor dem Zugriff der SS. Einen ganz anderen Weg ging der Freiburger Diözesanpriester Max Joseph Metzger. Er entwarf internationale religiöse Friedenspläne, womit er sich die Todfeindschaft der Nationalsozialisten zuzog.

Max J. Metzger wurde 1887 in Schopfheim im südlichen Schwarzwald geboren. 1911 wurde er Priester. Im Ersten Weltkrieg erlebte er als Divisionspfarrer an der französischen Front das grausame Töten vermeintlicher Feinde auf beiden Seiten der Kampflinie. Pfarrer Metzger verzweifelte nicht am Elend der sinnlos Sterbenden, sondern versuchte es abzustellen. Er hoffte, glaubte und betete gegen jede Aussicht auf Erfolg. Er verfasste ein „international religiöses Friedensprogramm“ und sandte es 1917 an den damaligen Papst Benedikt XV. Dieser Papst äußerte sich sehr zustimmend und ergriff selbst die Initiative zu einem groß angelegten Friedensplan. Leider hat nur der österreichische Kaiser Karl diesen Friedensplan positiv aufgenommen, während Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien in seltsamer Einigkeit weiterkämpfen wollten. Pfarrer Metzger ließ sich jedoch nicht entmutigen. In der Weimarer Zeit zwischen 1919 und 1933 arbeitete Pfarrer Metzger auf nationalen und internationalen Friedenskonferenzen weiter für Völkerverständigung und Versöhnung. Die Basis dafür bot ihm die Christkönigsgesellschaft. Sein Ziel war nicht nur der Friede zwischen den Völkern, sondern auch der Friede zwischen den Konfessionen. In der Una-Sancta-Bewegung suchte er ein enges Zusammengehen der katholischen Kirche mit den Protestanten.

Diese Friedensbemühungen standen den Kriegsplänen der Nationalsozialisten natürlich im Wege, denn was im Kaiserreich und in der Weimarer Republik möglich war, galt in der Hitlerzeit als verboten. In den Jahren 1934 und 1939 wurde Metzger wiederholt verhaftet. Trotzdem verfasste er nach der Stalingrad-Katastrophe 1943 heimlich ein Memorandum über die staatliche Neuordnung Deutschlands und die Einbindung Deutschlands in eine Weltfriedensordnung. Diese Denkschrift war an den schwedischen lutherischen Erzbischof Eidem adressiert. Dieser sollte die Denkschrift in Schweden und auch in Großbritannien bekannt machen. Als Kurier diente sich eine Deutsche schwedischer Abstammung an, die sich der Una-Sancta-Bewegung angeschlossen hatte. Pfarrer Metzger ahnte nicht, dass er damit auf einen Lockspitzel der Sicherheitspolizei hereingefallen war. Er wurde verhaftet und zum Tode verurteilt. Am 17. April 1943 wurde er im Zuchthaus Brandenburg-Görden wegen angeblicher Wehrkraftzersetzung durch das Fallbeil hingerichtet. Der Scharfrichter bekannte hernach, er habe „noch nie einen Menschen mit so froh leuchtenden Augen in den Tod gehen sehen, wie diesen katholischen Geistlichen.“

Michael Lerpscher: „In der Bibel steht: Liebet Eure Feinde.“

Nach dem grauenhaften Massensterben in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs erwachte in den europäischen Völkern eine tiefe Friedenssehnsucht. Bücher wie „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque, das neue Bibellesen sowie die pazifistische Christkönigsgesellschaft beflügelten diese Strömung. Sie stand in direktem Gegensatz zur nationalsozialistischen Kriegspropaganda. Niemand weiß, wie viele Männer im Zweiten Weltkrieg darum gerungen haben, ob sie Kriegsdienst leisten sollten oder nicht. Die öffentliche Diskussion darüber war ja seit 1933 verboten.

Auch der Allgäuer Katholik Michael Lerpscher hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht. Er wurde 1905 auf einem Bauernhof in Missen-Wilhams geboren. Als er zehn Jahre alt war, starb seine Mutter. Dieser Verlust hat ihn wohl sein Leben lang geprägt. Früh fiel schon seine tiefe Frömmigkeit auf. In den Jahren 1927 bis 1930 besuchte er die Landwirtschaftsschule des Benediktinerklosters St. Ottilien in Oberbayern. Dort lernte er nicht nur Bodenkunde und Obstbau, sondern auch heimatliche Kirchengeschichte und das Bibellesen. Als Hitler 1935 in Deutschland die allgemeine Wehrpflicht einführte, beschäftigte Michael Lerpscher sich ständig mit der Frage, ob er unter Hitlers Oberkommando Militärdienst leisten dürfte oder ob er den Kriegsdienst verweigern sollte.

Sicherlich erinnerte er sich daran, dass die deutschen Bischöfe 1932 davor gewarnt hatten, die Nationalsozialisten zu wählen. Sie hatten darüber hinaus mehrfach erklärt, dass die nationalsozialistische Weltanschauung mit dem katholischen Glauben nicht vereinbar sei. Der Regierung dieser Partei traute Lerpscher nun wohl nicht zu, dass sie einen gerechten Krieg führen würde, wenn es überhaupt einen gerechten Krieg geben sollte. Das Thema Kriegsdienstverweigerung muss ihn wohl sehr beschäftig haben, weil er nach Auskunft seiner Arbeitskollegen immer wieder darauf zu sprechen kam. Im Kloster St. Ottilien erfuhr Lerpscher auch vom Christkönigs-Institut im schwäbischen Meitingen. Da sich diese Gemeinschaft der biblischen Friedensliebe besonders verpflichtet fühlte, herrschte dort auch eine geschlossene Ablehnung der nationalsozialistischen Politik. Lerpscher trat gern in den Dienst des Christkönigs-Instituts in Meitingen ein.

Als er 1940 zum Militär einberufen wurde, bot er an, als Sanitäter Dienst zu tun. Dies wurde, wie in solchen Fällen üblich, von den Behörden abgelehnt. Folglich wurde Lerpscher verhaftet und am 2. August 1940 vom Reichskriegsgericht in Wien wegen Wehrkraftzersetzung zum Tod verurteilt. Das Urteil wurde am 2. September 1940 im Zuchthaus Brandenburg-Görden vollstreckt. Das war, menschlich gesehen, eine Katastrophe, aber vor Gott bleibt es ein Zeugnis von Wert.

Josef Ruf: „Der Tod kann uns nicht trennen!“

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29) – so der Apostel Petrus vor dem Hohen Rat in Jerusalem. Seinem mutigen Beispiel sind im Laufe von zweitausend Jahren viele Christen gefolgt und haben lieber das Martyrium auf sich genommen, als sich der Mehrheit anzupassen.

Die Härte der Entscheidung ist bis heute geblieben. Heute kapituliert mancher Christ unter dem Druck der Medien und opfert den derzeitig modischen Götzen. Dagegen hatte der schwäbische Schneidergeselle Josef Ruf 1940 den damals braunen Götzen unter Lebensgefahr widerstanden und den Kriegsdienst unter Hitler verweigert. Er hatte sich bereit erklärt, als Sanitäter in der Wehrmacht Dienst zu tun. Aber als Soldat mit der Waffe in der Hand für das Unrechtssystem Hitlers zu kämpfen, lehnte er aus Gewissensgründen ab. Sicher war ihm das Wort der Fuldaer Bischofskonferenz von 1932 bekannt, das die Unvereinbarkeit des Nationalsozialismus mit der katholischen Kirche festgestellt hatte. Auch das päpstliche Rundschreiben „Mit brennender Sorge“ vom 21. März 1937, mit dem Papst Pius XI. und sein Staatssekretär Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., den Nationalsozialismus als inhumane Irrlehre verurteilten, dürfte Rufs Überzeugung vom Unrechtscharakter des Nazi-Regimes bekräftigt haben. Daher kam für Josef Ruf ein Waffendienst für Hitler nicht mehr infrage.

Josef Ruf wurde 1905 in Hochberg in Oberschwaben geboren. Dort war sein Vater Bahnhofsvorsteher. Der religiös erzogene Josef erlernte das Schneiderhandwerk und schloss sich 1925 dem Franziskanerorden an. Das damals wohl sehr strenge Klosterleben erwies sich jedoch für den etwas kränklichen Josef Ruf bald als Belastung. So trat er wieder aus und fand schließlich in dem von Dr. Max Metzger gegründeten Christkönigs-Institut die ihm gemäße religiöse Gemeinschaft.

1940 wurde er zum Militär eingezogen. Als bester Schütze der Kompanie erhielt er die „Kordel“ verliehen. Doch den Fahneneid auf Hitler lehnte er ab. Mehrere Personen versuchten ihn umzustimmen, um ihn vor dem sicheren Todesurteil zu bewahren. Josef Ruf blieb jedoch gefasst und erklärte, dass er seinem Gewissen folgen wolle. Dem Vater schrieb er: „Einmal wird es ein Wiedersehen geben ohne Trennung und ohne Leid.“ Als sein Bruder Karl ihn im Gefängnis Berlin-Moabit kurz vor dem Todesurteil noch umstimmen wollte, erklärte Josef ihm: „Ich bin klar überzeugt, dass ich so handeln muss, um dem Willen Gottes gerecht zu werden. Wäre ich nur im Geringsten im Zweifel über meinen Weg, so hätte ich mich der Allgemeinheit angepasst.“ Nach § 5 der Kriegssonderstrafrechtsverordnung wurde Ruf am 14. September 1940 zum Tode verurteilt. Er starb am 10. Oktober 1940 morgens um 6 Uhr unter dem Fallbeil. In einem Abschiedsbrief an seine Angehörigen hatte er noch die Hoffnung ausgedrückt, „dass wir uns alle einst im Himmel wiedersehen werden, denn auch der Tod kann uns Christen nicht trennen, da wir ja einer Kirche angehören, die eine dreifache ist, eine leidende, eine streitende und eine triumphierende“.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2017
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[1] Eduard Werner: Helden und Heilige in Diktaturen. Schon im Urchristentum wurden die Märtyrer – Glaubenszeugen, die wegen ihrer Glaubenstreue den Tod fanden – als Heilige bezeichnet. Im Hintergrund stand die Überzeugung, dass den Märtyrern gemäß dem Beispiel des hl. Stephanus sofort nach dem Tod der Himmel offen steht. Daneben gab es jedoch auch Glaubenszeugen, welche die Verfolgung überlebt haben, sodass ihnen die Ehrentitel „Märtyrer“ und „Heilige“ nicht zugesprochen wurden. Sie wurden in der christlichen Tradition mit dem Titel „Bekenner“ geehrt. In diesem Buch werden sie neben den heiligen Märtyrern als „Helden“ vorgestellt. Sie mussten während der NS-Zeit die gleiche Seelengröße aufbringen wie die Märtyrer. Geb., 256 S.,  ISBN 978-3-9454013-0-9.

Priester sein zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen

Werkzeug der Liebe Gottes

Dr. Antony D‘Cruz J. O.Praem. (geb. 1976) ist seit September 2016 als Pfarrvikar in der Pfarreiengemeinschaft Burkhardsreuth-Pressath-Schwarzenbach (Bistum Regensburg) tätig. Er kommt aus Kerala in Indien und gehört dem dortigen Prämonstratenser-Orden an. Seine Dissertation verfasste er im Fach Dogmatik, wobei er sich auf die Lehre der Kirche und ihrer Mission spezialisierte. Er beschreibt die entscheidenden Merkmale des priesterlichen Dienstes und legt damit auch ein ganz persönliches Zeugnis ab.

Von Antony J. D‘Cruz

„Mit euch bin ich Christ, für euch bin ich Bischof. Ich will nicht in den Himmel kommen ohne euch.“ Dieses schöne Wort des hl. Augustinus (Predigt 17,2) bringt anschaulich zum Ausdruck, was es für die Existenz des Priesters bedeutet, Seelsorger zu sein.

Das II. Vatikanum sagt über das Verhältnis der Priester zu den ihnen anvertrauten Gemeinden: Üben sie „aufgrund des Weihesakramentes das so überaus hohe und notwendige Amt des Vaters und Lehrers im Volk und für das Volk Gottes“ aus, „so sind sie doch zusammen mit allen Christgläubigen Jünger des Herrn, die dank der Berufung durch Gott seines Reiches teilhaftig geworden sind. … Priester [sind] Brüder unter Brüdern, da sie ja Glieder ein und desselben Leibes Christi sind“ (Prebyterorum ordinis, über Dienst und Leben der Priester, PO, 9).

Doch die Priester, die „mitten unter den Laien leben“ (PO, 9), haben die seelsorgerliche Aufgabe, diese aufgrund des Weihesakraments zu führen. Der Priester ist von Gott erwählt und nicht selbst ernannt. Sein Priestertum ist ein Sakrament und nicht einfach nur eine Beauftragung. „Gott bedient sich eines armseligen Menschen, um durch ihn für die Menschen da zu sein und zu handeln“, betonte Benedikt XVI. am 11. Juni 2010 bei der heiligen Messe zum Abschluss des Priesterjahres.

In drei Schritten versuche ich zu erklären, welche seelsorgerlichen Hauptaufgaben ein Priester zu erfüllen hat.

Der gute Hirte sorgt sich um das Heil der Seelen

Die erste Aufgabe des Priesters ist die Seelsorge, also die Begleitung der Gläubigen auf ihrem Weg zu Gott. Die Liturgie, die Spendung der Sakramente und die geistlichen Gespräche, all dies muss ausgerichtet sein auf den Weg hin zu Gott.

Das deutsche Wort „Seelsorge“ drückt sehr gut aus, was diese Aufgabe meint: die Sorge für jede einzelne Seele während ihrer Lebenszeit. Ich habe in keiner anderen Sprache einen Ausdruck mit einer so tiefen und intensiven Bedeutung für den priesterlichen Dienst gefunden wie das deutsche Wort „Seelsorger“.

Die Bibel verwendet dafür das schöne Bild vom guten Hirten, der für seine Schafe Sorge trägt (Joh 10,11-18). Er geht ihnen mit gutem Beispiel voran, damit sie ihm voll Vertrauen folgen können. Er sorgt für Nahrung und frisches Wasser.

Ein Priester sorgt sich um die geistliche Nahrung der Seelen in seiner Gemeinde. Das bedeutet, es geht ihm wie beim Gebet Jesu im Johannesevangelium darum, dass niemand, der ihm anvertraut wurde, verloren geht (vgl. Joh 17,12).

So ist auch ein Hauptkennzeichen des Priesters, dass er immer auf der Suche nach den verlorenen Schafen ist und dass die größte Freude seiner Mission darin besteht, „die verlorene Seele“ zu finden. In den Gleichnissen vom verlorenen Schaf, von der wiedergefundenen Drachme und vom barmherzigen Vater und seinen beiden Söhnen scheint der Kern des seelsorgerlichen Dienstes auf (vgl. Lk 15,1-32).

Ein Hirte aber soll mitten unter seinen Schafen sein und mit ihnen leben. Diese Verbindung des Priesters mit den Gläubigen seiner Pfarrei setzt ein gutes Miteinander voraus, wie es auch Papst Franziskus sehr realistisch ausdrückt: Der Hirte muss nach seinen Schafen riechen, er soll den Geruch seiner Schafe annehmen.

Der Lehrer verkündet das Reich Gottes in Wort und Tat

Die zweite Aufgabe des Priesters ist die Verkündigung. Er soll immer bereit sein, das Reich Gottes zu verbreiten. Das geschieht im Verkünden des lebendigen Wortes Gottes, der Frohbotschaft, aber auch in Taten der Liebe, die in seinem Leben sichtbar werden. So soll er dazu beitragen, das Reich Gottes zu verwirklichen.

Diese wichtige Aufgabe lässt sich von Jesus ableiten. In ihm war das Reich Gottes vollkommen präsent. Durch ihn selbst hat das Reich Gottes begonnen. Im Gleichnis vom Senfkorn hören wir, dass ein kleiner Anfang genügt, um etwas Großes wachsen zu lassen.

Ein wunderbares Beispiel dafür ist Mutter Teresa, die am 4. September 2016 in Rom heiliggesprochen wurde. Sie hat ihre Arbeit mit 50 Cent in der Tasche angefangen. So ging sie zu den Armen, um ihre Seelen für Jesus wachzurufen und ihnen die Liebe Gottes zu bringen. Schauen wir auf dieses große Werk einer einfachen Schwester! Mit ihrer „seelsorglichen“ Arbeit hat sie Gewaltiges für das Reich Gottes in der ganzen Welt bewirkt.

Im 13. Kapitel des Matthäusevangeliums hören wir: „Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt“ (Mt 13,52). Dieser Auftrag des Herrn gilt besonders für den Priester. Er muss seine Schätze und Fähigkeiten nützen, um das Reich Gottes zu verkünden und unter den Menschen auszubreiten.

Der Diener sucht die Ehre Gottes

Die dritte Aufgabe des Priesters besteht im Dienen. Er muss darauf achten, dass „alles zur größeren Ehre Gottes“ geschieht. „Omnia ad maiorem Dei gloriam.“ Diesen Wahlspruch von Papst Gregor dem Großen, den wir auch in den Beschlüssen des Konzils von Trient finden, hat der Jesuiten-Orden als sein Programm formuliert.

Der Priester sollte nicht nach Macht und Ehre streben und den ersten Platz in der Pfarrei einnehmen, sondern der Diener aller sein und in Bescheidenheit leben. Alles geht von Gott aus und fließt zu Ihm zurück (vgl. Lk 1,1-14). Der Priester ist nur ein Werkzeug der unendlichen Liebe Gottes. Je mehr er sich selbst zurücknimmt, umso mehr kann Gott durch ihn bewirken. In diesem Sinn sagt der hl. Apostel Paulus: „Ich rühme mich der Schwachheit, damit Gottes Kraft in mir lebendig wird (2 Kor 12,9).“

„Höhepunkt des christlichen Gebets ist die Eucharistie, die sich ihrerseits als ‚Höhepunkt und Quelle‘ der Sakramente und des Stundengebets erweist.“ So schreibt Johannes Paul II. im Dokument über die Priesterausbildung (Pastores Dabo Vobis, 48) und betont, dass die wichtigste Pflicht des Priesters die Feier der Eucharistie ist: „In ihrer Berufung zum Dienst am Heiligen sind die Priester also vor allem Diener beim Messopfer“ (Nr. 48).  Der Priester feiert in persona Christi die Messe und erfüllt dabei eine große Aufgabe: Er verkörpert die Bescheidenheit und Demut Christ selbst. Denn das Leben Jesu Christi war kein Herrschen, sondern ein Dienen und ein Dasein für alle (Kenosis – Entäußerung). Er wurde ein Sklave und wusch die Füße seiner Jünger. Er gab am Kreuz sein Leben dahin und starb wie ein Verbrecher. Wenn der Priester die Messe feiert, muss er die Aussage aus dem Galaterbrief verinnerlichen und auf sich selbst anwenden: „Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,19-20).

Priesterliche, prophetische und königliche Dimension

Diese drei genannten Aufgaben des Priesters, nämlich Seelsorger zu sein, das Reich Gottes aufzubauen und alles zur größeren Ehre Gottes zu tun, kann man auch in der priesterlichen, prophetischen und königlichen Dimension seines Dienstes beschreiben.

Als Priester feiert er die Eucharistie für andere und/oder sich selbst. Aber er muss es in dem Bewusstsein vollziehen, dass er berufen ist, sein Leben als lebendiges Opfer darzubringen (vgl. Röm 12,1) und seinen Dienst um der Herrlichkeit Gottes willen zu tun. Er ist nichts anderes als Werkzeug der Liebe Gottes. Je mehr er sich zurücknimmt, kann die Würde und Herrlichkeit seines eucharistischen Opfers hervortreten.

Der Priester ist ein Prophet, weil er andere lehrt und sie zu Gott hinführt. Ein Seelsorger ist wie Johannes der Täufer, der die Gläubigen zu Christus führt und sagt: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden“ (Joh 3,30). Der Priester muss immer in dem Bewusstsein sprechen und handeln: „Meine Lehre stammt nicht von mir, ich verbreite nicht meine Ideen oder das, was mir gefällt, sondern ich bin Mund und Herz Christi und vergegenwärtige die einzige und allgemeine Lehre, die die universale Kirche geschaffen hat und die ewiges Leben hervorbringt“ (Benedikt XVI., Generalaudienz am 14.4.2010).

Die königliche Dimension zeigt sich darin, dass der Priester durch seine Weihevollmacht befähigt ist, das Reich Gottes zu bauen, das einem Senfkorn gleicht (vgl. Mt 13, 31). Es ist offensichtlich, dass „die priesterlichen Aufgaben“ von Priester, Prophet und König nicht unabhängig voneinander betrachtet werden können, sondern ineinander übergehen. Nur miteinander verbunden artikulieren sie die dreifache Dimension des Dienstes und der erlösenden Mission Christi. Die Ämter, auf die sich diese drei Titel beziehen, bedingen sich gegenseitig.

Ausblick

Jeder Priester sollte versuchen, die genannten Grundaufgaben zu erfüllen. Inwieweit dies gelingt, hängt von Gott und nicht nur vom Menschen ab. Was wir tun, wird nie vollkommen sein. Die Vollendung erreichen wir erst durch Gott selbst am Ende des Lebens. – Ich möchte meine Gedanken mit den volkstümlichen Worten abschließen, die ich auf einem Grabstein für einen Seelsorger gefunden habe: „Wenn ich getan, was ich gelehrt, so ist der Himmel mein. Wenn ihr getan, was ich gelehrt, so kommt auch ihr hinein.“

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2017
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Mein Weg zum katholischen Glauben

Die Gottesmutter wurde ein Angelpunkt

Wolfgang Koch stammt aus einem liberal-protestantischen Elternhaus, ließ sich mit 14 Jahren in der evangelischen Kirche taufen und fand 1983 über die Priesterbruderschaft St. Pius X. zum katholischen Glauben. Sein Weg ist von der Auseinandersetzung mit der Situation geprägt, wie sie von den „68ern“ geschaffen worden ist und sich nicht nur politisch, sondern auch in den Bereichen Ehe, Familie, Schule, Wissenschaft und Kirche auswirkt. Koch hat in Physik promoviert und ist Privatdozent für Informatik an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Außerdem leitet er eine Forschungsabteilung der Fraunhofer-Gesellschaft in Wachtberg. Zusammen mit seiner Frau Dorothea brachte er 2013 das Buch „Konrad Adenauer: Der Katholik und sein Europa"[1] heraus. Er sehnt sich sehr nach einer Einigung der „Pius-Brüder“, seiner geistlichen Heimat, mit Rom. Seine Lebensgeschichte ist ein bewegendes Glaubenszeugnis.

Von Wolfgang Koch

Mein liberal-protestantisches Elternhaus war von meinem Vater geprägt, der mich, seinen ersten Sohn, Johann Wolfgang nannte, weniger ein Name als ein Programm. Er leitete ein Aachener Rückversicherungsunternehmen und war Professor für Versicherungswesen an der RWTH. Mein Urgroßvater, Arbeiter in Hamburg, war während der Hitlerzeit Mitglied der SPD, aus der er Anfang der 50er Jahre unter Protest ausgetreten sei, eine Geschichte, deren beide Aspekte von seiner Tochter, meiner Großmutter, oft und stolz erzählt wurden.

Meine Mutter entstammt einer oberfränkischen Familie von Porzellanmalern, in der das protestantische Christentum lebendiger war als in der Familie meines Vaters, vielleicht durch die Nähe zum Oberpfälzer Katholizismus. Jedenfalls habe ich durch meine Großmutter mütterlicherseits schon als kleiner Junge viel von Therese Neumann aus Konnersreuth gehört – natürlich als ein Ärgernis, aber als ein sehr präsentes Ärgernis, das den Glauben offenbar auch bei Protestanten lebendig hielt. Mich faszinierte jedoch schon als Kind, was ich hörte. Mein Großvater ist in der Spätphase des Krieges durch Partisanen gefallen. Die vaterlose Kindheit in Münchener Bombennächten haben meine Mutter und ihre kleine Schwester geprägt und eine tief verwurzelte, aber nicht konfessionell greifbare Religiosität reifen lassen.

Mein Vater, der einzige Sohn, besuchte humanistische Gymnasien in Hannoversch-Münden und München. Die Qualität dieser Schulen muss so exzellent gewesen sein, dass ich sie mir aus eigener und mit meinen Kindern erworbener Erfahrung kaum vorstellen kann. Aus meines Vaters Bildungsschatz zehren meine Familie und ich immer noch.

Meine Eltern haben ihre drei Söhne nicht als Kleinkinder taufen lassen. Unter dem Einfluss eines kurz vor der Pensionierung stehenden, lutherische Traditionen authentisch verkörpernden Pfarrers habe ich mich dafür bewusst entschieden. Dies ist im Alter von 14 Jahren durchaus möglich. Es kam sogar der Gedanke auf, selbst evangelischer Pfarrer zu werden. Meine beiden Brüder haben protestantisch-kirchliches Leben durch seinen „68er-Nachfolger“ erlebt. Mit erwachendem eigenem Denken verflüchtigte sich diese protestantisch-lutherische Prägung jedoch rasch und ich hielt mich für einen Atheisten, vielleicht nicht ahnend, was das in letzter Konsequenz bedeutet. Zugleich entwickelte ich eine Allergie gegen alles, was mich in der zweiten Hälfte der 70er Jahre umgab, vor allem gegen die Vergeudung meiner Lebenszeit durch 68er-Lehrer – ein psychologisches Faktum.

Zwei Vorteile hatte der schulische Wahnsinn dennoch: Da mir die Schule ernsthafte Literatur vorenthielt, konnte ich unbelastet in der Bibliothek meines Vaters stöbern und begann, mir selbst Bücher zu kaufen. Im Zuge einer Hesse-Begeisterung kam es zu einer naturgemäß unreifen Nietzsche-Lektüre. Mein zerlesener „Zarathustra“ trägt noch den selbstklebenden Folieneinband, damit er im Schulranzen nicht so sehr leidet. Was wäre aus diesem religiösen Prediger des Atheismus wohl geworden, wäre er einem Ambrosius begegnet? Möglicherweise erhalten diese Assoziationen dadurch etwas Farbe, dass Hermann Hesses Hand auf den aufgeschlagenen Confessiones des Augustinus lag, als er in seinem Bett tot aufgefunden wurde. Mich hat diese Totenszene sehr bewegt.

Der zweite Vorteil jener Öde war meine persönliche Entdeckung der Fächer Mathematik und Physik – die einzigen regulären Fächer, die man respektieren konnte. Mit meinem Freund Ludger Grün haben wir die Anstöße des Unterrichtes außerhalb der Schule vertieft – immer am Rande dessen, was wir intellektuell aushalten konnten. Insofern mich die 68er unbeabsichtigt zu einem erfüllenden Berufslebens geführt haben, sollte ich ihnen dankbar sein.

Dennoch gab es am Aachener Kaiser-Karls-Gymnasium noch für kurze Zeit drei Orchideenfächer, die von „Fossilien“ unterrichtet wurden. In ihnen hatte der Geist der „Alten Schule“ überlebt, bevor er verschwand. Außer Konkurrenz war eine Hebräisch-AG, von einem ehemaligen protestantischen Pfarrer geleitet, den die 68er in seiner Kirche heimatlos gemacht haben – er hatte sich zum jüdischen Rabbi entwickelt. Dass er mich anzog, mag mit freundlichen Erinnerungen an meinen Konfirmandenunterricht zusammenhängen und hatte mit „Glauben“ nichts zu tun. Ich bin immer noch ein wenig stolz darauf, dass mein Abiturzeugnis auch meine Hebräisch-Kenntnisse vermerkt. Neben dem Sprachunterricht weckte er das Gespür für den poetischen Gehalt der Psalmen, in denen sich die conditio humana (Bedingung des Menschseins) in voller Breite zeigt. „Unser Rabbi“ hat uns über Johannes Reuchlin, den großen Hebraisten, auch in die Welt der 15. und 16. Jahrhunderts eingeführt und mit der Kunst Riemenschneiders und Grünewalds bekannt gemacht. Auch Martin Buber haben wir durch ihn kennen und schätzen gelernt.

Den Musikunterricht gab ein Katholik mit jüdischen Wurzeln, Rosenbaum, der in mir einen ersten Sinn auch für Kirchenmusik weckte, vor allem für die Vokalpolyphonie, und meine jugendliche Wagner-Begeisterung im Geiste Nietzsches mit beißendem Spott zersetzte.

Der Griechisch-Leistungskurs war für mich das größte Schulerlebnis, die mich bis heute prägende Begegnung mit der griechischen Welt, mit dem Oidípous Týrannos des Sophokles, vor allem aber Platons Dialogen, aus denen wir große Teile gelesen haben. Besonders bewegend waren die „Schlussmythen“ und die theologische Deutung, die „Zeus“, wie wir unseren Lehrer nannten, ihnen gab.

Die Problematik der 68er-Schule besteht meines Erachtens darin, dass Bildung und Lebenschancen der Kinder vom Bildungsinteresse der Eltern abhängen und davon, ob sie in intakten Familien reifen. Viel ließe sich über meine Erfahrungen mit fünf Kindern schreiben, obwohl kirchliche Schulen in Bonn versuchten, noch das Beste aus der Lage zu machen. Im Sinne von gratia supponit naturam (die Gnade setzt die Natur voraus) haben die Fossilen der „Alten Schule“ aber nicht nur Denken und Widerstandswillen geweckt, sondern mir einen Weg zur Religion eröffnet, der sonst verschlossen geblieben wäre und vielen wohl auch ist.

Mit tatsächlich gelebter Religion wurde ich aber erst gegen Ende der Schulzeit konfrontiert, als mir 1981 mein Freund Ludger Grün wenige Monate vor dem Abitur eröffnete, dass er in ein Priesterseminar in Zaitzkofen eintreten wollte. Natürlich interessierte ich mich für meinen Freund und also auch für das, was ihn bewegte. Ein Spaziergang in Aachener Stadtwald mit ihm endete unvermutet bei „Unserer Lieben Frau von Moresnet“, einem kleinen belgischen Marienheiligtum nahe der Grenze, das von den katholischen 68ern vergessen worden war. Diese Dimension meines Schulfreundes, die mir in dem kleinen Kirchlein mit Votivtafeln, brennenden Kerzen und verrußten Wänden offenbar wurde, als er kniete und betete – für mich und mein Heil, wie ich später erfuhr –, war völlig unerwartet und nicht einzuordnen.

Sein Freundeskreis, zu dem ich bald Zugang fand, Studenten der Chemie, Elektrotechnik, des Maschinenbaus, der Verwaltungswissenschaften und Altphilologie, war völlig unsentimental, rational, unaffektiert und unendlich humorvoll. Betreut wurde diese Gruppe der „Katholischen Jugendbewegung“ von einem „Pius-Bruder“. Schrittweise und in einer Enklave verwuchs ich mit dem katholischen „Way of Life“, einer Lebensform, die mich überaus ansprach. Intellektuelle Nahrung bot das Werk Josef Piepers, den ich verschlungen habe. Ich konnte durch Vermittlung eines „Pius-Bruders“ Pieper sogar persönlich kennenlernen. Unterstützt von dem Altphilologen, der gerade seine später ausgezeichnete Staatsarbeit über „Die Kritik des Aquinaten an der ratio Anselmi“ am Kölner Thomas-Institut schrieb, habe ich mich auch an Thomas herangewagt – ein gedankliches Hochgebirge, in dem ich immer noch manchmal wandere. „Pius-Brüder“ erschlossen uns das theologische Denken des Aquinaten – all dies führte das Platon-Erlebnis der Schule weiter.

Zahlreiche Vorträge über katholisches Denken habe ich auch von dem kürzlich verstorbenen Walter Hoeres gehört, Philosophieprofessor in Freiburg, der bei Adorno über Husserl promoviert hat. Ich erinnere mich gern an Gespräche mit ihm, der für junge Leute ein weites Herz hatte, etwa wenn er von seiner Frankfurter Zeit mit Adorno erzählte und dessen Persönlichkeit, Intelligenz und Musikalität schilderte. Die Grundentscheidungen seien halt andere und dies habe gravierende Folgen… Adorno habe ihn auch nicht verflucht, als er sich wieder der kirchlichen Tradition zugewandt hätte. Bis zuletzt sei das persönliche Verhältnis herzlich gewesen. – Aber kommt man so zum Glauben?

Nein. Entsteht daraus dennoch etwas Positives? Eigentlich schon. Man kann es für vernünftig halten, aufgrund der Zeugnisse Dritter (und nach Reflektion über die Glaubwürdigkeit dieser Zeugnisse) die Sachverhalte des Christlichen Glaubensbekenntnisses für wahr zu halten, einschließlich des Kreuzesopfers und der Auferstehung. Aber diesem sacrificium intellectus folgt das credo-ut-intelligam als Auferstehung. Und natürlich geht es in der Religion zuerst um Schuld und Sühne und das persönliche Verhältnis zu Gott.

Aber meine Geschichte als „Gläubiger“ begann damit noch nicht. Sie beginnt an einem bestimmten Abend bei der „Schwarzen Muttergottes“ in der Kölner Kupfergasse nach einem Kirchentagsbesuch mit den „Pius-Brüdern“ und der „Katholischen Jugendbewegung“. Ihr legte ich den Wirrwarr meines Herzens und die Vorbehalte meines Verstandes ans Herz.

Für mein Gebetsleben wird die Gottesmutter seit dieser Stunde ein Angelpunkt. Auch Wallfahrten mit den „Pius-Brüdern“, etwa nach Lourdes, sprachen mich an. Sie lehrten mich den Rosenkranz beten, jene kurze Zuflucht zum betrachtenden Umgang mit dem Glauben im alltäglichen Trubel. Und als ich mich später mit Pascal beschäftigt habe und die Geschichte mit seinem Zettel im Wams gelesen habe, freute ich mich – denn ich habe lange etwas Ähnliches gemacht mit dem Weihegebet an die Gottesmutter des hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort. Pascal lässt Nietzsche ja gelten, wie auch Ignatius, womit das Thema der Exerzitien angesprochen ist, ein wesentliches Mittel im Apostolat der „Pius-Brüder“.

Danach, besonders nach meiner Aufnahme in die katholische Kirche im Jahr 1983, lernte ich immer mehr, wie sehr das Christentum nicht primär eine Philosophie oder Theologie ist, sondern eine Lebensgemeinschaft mit Christus, die sich im sakramentalen Leben vollzieht, in der regelmäßigen Teilnahme an der wunderbar tiefen lateinischen Liturgie der Kirche, vor allem am heiligen Messopfer, in der Kommunion, in der Beichte, in gelegentlichen Exerzitien, natürlich im persönlichen Gebet, in der Freundschaft mit Priestern und Seminaristen wie mit meinem Schulfreund Ludger Grün, nicht zuletzt in der Ehe, die sich abzuzeichnen begann, vor allem auch im „Tragen des täglichen Kreuzes“. Ich liebte es, die Messe im alten Ritus zu dienen, und entdeckte den Gregorianischen Choral, der alles in sich enthält, auch die jüdische Welt meines „Rabbi“, und den ich heute an fast allen Sonntagen des Jahres singe.

Ich lernte aber auch, dass ich in einer Enklave gelandet war. Um mich herum war die „68er-Kirche“. Eine schwierige Lage – umfassender Zerfall des kirchlichen Lebens im Großen, bei lebendigem Blühen im Kleinen. Orientierung habe ich in den Kirchenvätern der Spätantike gefunden, auch einer Zerfallszeit, mit deren vielfältigen Charakteren ich durch eine intensive und breite Newman-Lektüre bekannt wurde. Man kann sich kaum vorstellen, wie ich mich freute, als ich vom neuen Papst Benedikt hörte, er wolle Newman zum Kirchenlehrer erheben. An der Spitze der Kirche stand nun ein Mann, der so empfand wie ich.

Natürlich gab es einen weiteren Punkt, der mich für Benedikt einnahm. Was ich bei den „Pius-Brüdern“ kennengelernt hatte, war der „außerordentliche“ Ritus. Und nun erlebte ich, dass ich doch kein Nischenkatholik bin, womit ich mich beinahe abgefunden hätte, sondern sehe seit diesem Pontifikat, dass viele mein Erleben teilen und ähnliche Biographien haben.

Dieser Werdegang ist individuell, aber vielleicht nicht untypisch für Gläubige, die mit den „Pius-Brüdern“ seit sehr vielen Jahren verbunden sind.

Von ganzen Herzen sehnen wir uns nach einer „Einigung mit Rom“, wie auch immer sie aussehen mag.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2017
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[1] Dorothea und Wolfgang Koch: Konrad Adenauer – Der Katholik und sein Europa. Wirtschaft, Finanzen und Euro-Debatten prägen das heutige Europa. Die christlich-abendländische Tradition und ihre Werte spielen keine Rolle mehr. Europa fehlt ein geistiges Fundament. Was würden wohl die „Macher“ Europas wie De Gasperi, Schuman und Adenauer zum heutigen Europa sagen, das sich nur über materielle Güter und Wohlstand definiert? Welchen Visionen folgten sie? Wer und wie war Konrad Adenauer wirklich? Die Autoren haben jahrelang akribisch Konrad Adenauer und den christlichen Facetten seiner Persönlichkeit nachgespürt. Pb., 296 S., 10,00 Euro (D), ISBN 978-3-86357-129-0.

Ein Lebensbericht aus Mexiko

Die Kapelle und das kleine Mädchen

Letztes Jahr meldete sich ein zurzeit in Mexiko lebender Deutscher bei der „Aktion Lebensrecht für Alle“ (ALfA), um dort Mitglied zu werden. Aus der schriftlichen Korrespondenz zwischen ihm und der ALfA-Bundesvorsitzenden Alexandra Linder entstand die Niederschrift einer beeindruckenden Lebensgeschichte. Sie entwickelte sich aus der einfachen Nachfrage heraus, warum er unbedingt noch von Mexiko aus in den Verband eintreten und nicht einfach warten wolle, bis er wieder in Deutschland lebe. Der folgende Text darf dankenswerterweise veröffentlicht werden. Doch bleibt der Autor zum Schutz seiner persönlichen Sphäre anonym.

Zeugnis aus der Lebensrechtsbewegung

Was willst du denn in Mexiko? Hier hast du doch alles, was du brauchst: Arbeit, Sicherheit, Freunde.“ Meine Umgebung war sich einig, dass ich mit meinem Umzug in ein fernes, fremdes Land einen großen Fehler machen würde. Und in der Tat, sie hatten gar nicht unrecht: Schon nach kurzer Zeit in der neuen Heimat musste der Traum von einer eigenen Physiotherapie-Praxis an der schicken Strandpromenade der Realität einer einfachen Behandlungsbank im ehemaligen Schlafzimmer meiner Schwiegereltern weichen.

Wir, unsere kleine Familie, Ehepaar mit Tochter, schränkten uns ein, wo wir nur konnten. Aber dennoch überstiegen unsere Ausgaben die Einnahmen bei weitem und schon bald standen wir vor der Entscheidung, mit dem letzten Geld den Rückflug zu buchen oder alles auf eine Karte zu setzen.

So lagen die Dinge, als ich eines Abends mit meiner kleinen Tochter, sie war damals vier Jahre alt, einen Kanister Wasser kaufen ging. Als wir an einer Kapelle vorbeikamen, fragte sie mich, was das denn für ein Haus sei, und ich erklärte ihr, dass da der liebe Gott wohnt – so ähnlich, wie man einem Kind vom Osterhasen erzählt, befürchte ich.

Die Tür stand offen und wir gingen hinein. Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal gebetet hatte. Es war schon sehr lange her. Ich hatte den lieben Gott im Lauf meines Lebens einfach vergessen. Aber jetzt, mit meinem Töchterlein an der Hand, kniete ich vor dem Kreuz nieder und sagte: „Herr, ich bin am Ende und weiß nicht mehr weiter…“

Wir blieben eine ganze Weile in dieser Kapelle. Es war schon dunkel, als wir wieder zuhause ankamen. Wir gingen gerade durch die Tür, da klingelte das Telefon. Am anderen Ende der Leitung wollte jemand wissen, ob ich Interesse hätte, an einer Massage-Schule stundenweise Anatomie und Technik zu unterrichten. So viel Zufall gibt es ja gar nicht, dachte ich. Und tatsächlich, ich bekam die Stelle, trotz meiner damals noch schlechten Spanischkenntnisse. Bendito sea Dios! Bendito sea su Santo Nombre! Von da an begannen sich meine Gedanken neu auf Jesus Christus auszurichten.

Ganz in der Nähe gab es eine Kirche, die zwar noch im Bau befindlich war, aber trotzdem schon benutzt wurde. Nur der Abschnitt, wo der Altar stand, war überdacht. Dort befanden sich auch der Tabernakel und eine wunderschöne Muttergottesstatue der Santa María de Guadalupe. Ansonsten gab es unverputzte Mauern, einen freien Blick auf den Himmel und Plastikstühle auf rauem Betonboden. Seit jenem Abend in der Kapelle ging ich immer öfter dorthin zum Beten, und dort wurde mir auch mit einem Mal der gewaltige Trümmerhaufen meiner Sünden bewusst, der sich zu türmen begonnen hatte, seit Jesus in meinen Gedanken nicht mehr präsent gewesen war. Und ich fragte mich plötzlich: „Was, wenn ich morgen sterbe, oder heute noch?“ Irgendwie war mir immer klar, dass der Teufel existiert und dass es eine Hölle gibt. Aber ich hätte nie für möglich gehalten, dass ich ein Kandidat dafür wäre. Die Hölle war ein Ort für andere, für schlechte Menschen. Das ging mich nichts an. Ich war kein schlechter Mensch! Gut, Fegefeuer – da wird man nicht drum herum kommen. Wird schon nicht so schlimm sein. Aber Hölle? Da, wo es entsetzlich stinkt und die Sünder von den Dämonen auf ewig gequält werden? Aber je länger ich darüber grübelte, desto mehr wurde mir schaudernd bewusst, dass ich schon längst in den tiefsten Tiefen der Hölle versunken war und eigentlich keine Chance mehr hatte, ihr zu entkommen.

Drei meiner Kinder hatte ich in meinem Leben abtreiben lassen. Ich hatte deshalb nicht einmal Gewissensbisse empfunden. Ich bin geschieden und wieder verheiratet. Unzucht, Pornografie, Völlerei, Rock, Rauchen und, und, und… all das gehörte nicht nur zu meinem Alltag, ohne all das wäre mir mein Leben sogar vollkommen sinnlos vorgekommen. Mir wurde immer klarer, wessen Diener ich im Laufe der Jahre geworden war und wessen Willen ich tat.

Einige meiner Freunde sind schon gestorben. Sie haben gesündigt wie ich. Was ist mit ihnen? Wo sind sie? Vielleicht wirklich in der Hölle? Aber ich atme noch! Jeden Abend laufe ich auf der Veranda auf und ab. Ich bete. Aufgewühlt, verzweifelt, Tränen über Tränen. Und immer wieder der Gedanke, dass ich meine eigenen Kinder habe töten lassen. Das wird Gott mir nicht verzeihen!

Ich weiß, ich darf nicht, aber ich gehe trotzdem zur Kommunion. Ich habe nichts mehr zu verlieren, denke ich. Bei jeder Kommunion dasselbe: Die Hostie löst sich von meiner Zunge und klebt an meinem Gaumen fest. Ist das normal? Herr, rette mich! Ich habe keine Hoffnung mehr.

Dann gehe ich zur Beichte. Alles aufgeschrieben, über Wochen. Die Liste ist schier endlos. Der Priester erteilt mir die Absolution. Es fällt ihm schwer, wie mir scheint. Dann sagt er: „Vete, vete!“ („Geh, geh!“) Gott hat mir nicht verziehen, dachte ich. Für den Mord an meinen Kindern gehe ich sicher in die Hölle. Es gibt keine Rettung mehr, so kommt es mir vor. Ich bin verloren.

Ich wusste damals noch nicht, dass der Zweifel an der Barmherzigkeit Gottes schlimmer ist als jede andere Sünde. Ich hatte noch so viel zu lernen und es waren lange Monate der Umkehr und der Versöhnung mit Gott.

Inzwischen haben wir das Haus in zwei Wohnungen aufgeteilt und ich lebe seither keusch wie ein Lamm. Das war am Anfang nicht einfach und ich konnte Gottes Gebot in diesem Punkt auch nicht verstehen. Aber auch wenn ich es nicht verstand, so wollte ich doch nie wieder ungehorsam sein.

Die Keuschheit ist für mich seit langem das Normalste der Welt und ich höre nicht auf, dem Herrn zu danken, dass er mich von dieser abscheulichen Fessel der ständigen Geilheit befreit hat – wie auch von anderen Fesseln der Sucht.

Ich bete den Rosenkranz und besuche fast täglich die Heilige Messe. Die Hostie bleibt jetzt auf meiner Zunge, aber das hat Monate gebraucht. Es hat auch lange gedauert, bis ich begriffen habe, wie gewaltig das Opfer Jesu und wie groß seine Leiden und Qualen gewesen sein müssen, wenn dadurch nicht nur meine Sünden, sondern die Sünden der ganzen Welt hinweg genommen werden können.

„Gepriesen sei die Krise, die uns wieder zu Gott hinführt“, sagte Pater Pio.

Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ist im November zu Ende gegangen. Wie bedauerlich, wenn jemand diese Gnaden-Frist ungenützt verstreichen ließ.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2017
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Post Abortion Syndrome (PAS) bei Männern

Von Alexandra Linder

In den meisten Ländern, in denen Abtreibung offen oder versteckt legalisiert ist, haben die Väter kein Mitspracherecht bei der Entscheidung, ob das Kind geboren wird oder nicht. Entsprechend werden die Folgen einer Abtreibung für Männer (für Frauen gibt es Betroffenen-Vereine und immerhin einige Forschungsarbeiten) praktisch nicht thematisiert. Männer spielen im Abtreibungsgeschehen oft eine fatale Rolle: Sie setzen die Mütter unter Druck oder lassen sie allein, ziehen sich zurück mit dem Argument: „Das musst Du allein entscheiden!“ Andere Männer möchten ihr Kind beschützen und der Mutter helfen, dürfen es aber nicht, weil die Mutter es nicht will oder das Gesetz jegliche Einmischung verbietet. Neben vielen weiteren sind Verdrängung und Schuld normale Folgen einer Abtreibung – für Mütter und Väter. Bei Männern äußert sich das PAS zum Beispiel darin, dass sie sich in gefährliche Hobbies stürzen oder stärker zu Süchten neigen. Angesichts vieler Millionen Abtreibungen besteht eine gesellschaftliche und seelsorgerische Notwendigkeit, sich mit solchen Folgen und daraus entstehenden Problemen ernsthaft zu befassen, anstatt sie zu verdrängen.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2017
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Deutsche Hebammen als „Heldinnen des Lebens“ ausgezeichnet

Europäischer Ehrenpreis für das Leben

Der Europaabgeordnete Arne Gericke (Familienpartei) engagiert sich unermüdlich für den Lebensschutz. Er hat selbst einen Ehrenpreis vorgeschlagen, der europaweit an Personen vergeben werden soll, die sich überzeugt und mutig für die unantastbare Würde des menschlichen Lebens einsetzen. Der Preis trägt den bezeichnenden Namen „European Heroes of Life Award“. Vor kurzem konnte Arne Gericke zusammen mit der christdemokratischen, europäischen Partei ECPM den Preis zum ersten Mal verleihen. Die Wahl der von der ECPM zusammengestellten Jury ist eine echte Sensation. Denn der Preis ging an vier Geburtshelferinnen aus Sachsen, welche aus Gewissensgründen die Mitwirkung an Spätabtreibungen verweigert und damit den Verlust ihres Arbeitsplatzes in Kauf genommen haben. Ein starkes Bekenntnis für das Leben sowohl von Seiten der Hebammen als auch der christlichen Europa-Politiker.

Von Arne Gericke MdEP

Ende November 2016 hat die christdemokratische, europäische Partei European Christian Political Movement (ECPM) erstmals den „European Heroes of Life Award“ vergeben. Ausgezeichnet wurden bei dem Festakt im Brüsseler Europaparlament die vier sächsischen Hebammen Tamar Küchler, Kirsten Zeil, Aline Queck und Andrea Heinert. 2006 hatten die christlichen Hebammen gemeinsam ihren Dienst an einer Frauenklinik gekündigt, nachdem ihnen dort im Kreißsaal die Mitwirkung an Spätabtreibungen abverlangt worden wäre: „Wir sind Hebammen, um Leben zu schenken – nicht, um es zu zerstören“, so das beeindruckende Bekenntnis der Ausgezeichneten. Eine internationale Jury hatte die Hebammen unter zahlreichen Nominierten aus ganz Europa ausgewählt.

Als Europaabgeordneter für die Familienpartei durfte ich die Laudatio halten und betonte den außerordentlichen Mut und das Rückgrat der Hebammen. Als es ernst wurde, haben sie sich gemeinsam für den Lebensschutz entschieden. Sie sind ihrer christlichen Überzeugung gefolgt – und haben ihren an sich sicheren Arbeitsplatz verlassen. Ein Bekenntnis, das die Mitglieder der von der europäischen, christdemokratischen Partei ECPM zusammengestellten Jury sehr schnell überzeugt hat: „Wir hatten mehrere Vorschläge aus ganz Europa – die Entscheidung, den Preis an Tamar Küchler, Kirsten Zeil, Aline Queck und Andrea Heinert zu geben, ist uns im Ende aber sehr leicht gefallen.“ Schön ist es auch zu sehen, dass alle vier nach ihrem mutigen Schritt einen Weg gefunden haben und noch heute mit christlicher Überzeugung ihrem Beruf nachgehen. Sie alle sind Hebammen, wie man sie sich für sein Kind nur wünschen kann.

Die Vorbildfunktion für andere hob auch Leo van Doesburg, politischer Direktor der ECPM, in seinem Grußwort hervor: „Immer wieder werden Christen gerade in medizinischen Berufen in ihrer Religionsfreiheit und der Freiheit des Gewissens eingeschränkt.“ Es komme zu Abmahnungen, teils sogar zu Berufsverboten. „Das darf es in Europa nicht geben.“ Mit dem neuen Ehrenpreis unterstütze die ECPM deshalb ganz ausdrücklich die Freiheit des Gewissens am Arbeitsplatz. „Ihre Geschichte macht Mut – und wir wollen, wir werden sie europaweit erzählen.“ Tamar Küchler, Kirsten Zeil und Aline Queck berichteten in ihrer Dankesrede von ihrem mutigen Schritt und der dahinterstehenden Überzeugung.

Die Entscheidung der vier Hebammen, sich nicht an Abtreibungen zu beteiligen, hatte im eigenen Arbeitsumfeld heftiges Unverständnis und „wütende Ablehnung“ ausgelöst. Und so endete ihr Dank im Brüsseler Europaparlament mit einem Bibelvers und einem berührenden Appell an ihre Kolleginnen: „Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer“ (Sprüche 14,31) – gibt es einen geringeren und schutzbedürftigeren Menschen als ein ungeborenes Kind? Mache ich mich nicht schuldig, wenn ich als Hebamme oder Hebammenschülerin die Vorbereitungen für die Abtreibungen treffe? Die Frau während der Wehen begleite, die das Kind ersticken? Die Frau beim Pressen so anleite, dass das Kind möglichst noch im Mutterleib stirbt? Was ist, wenn sich das Kind nach der Geburt noch bewegt? Wenn die Hebamme es dann in eine Plastikschüssel legt, zudeckt, in den Abstellraum stellt und rausgeht? Tut sie dem Geringen damit keine Gewalt an?“

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2017
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