Aktuelle Verbrechen verlangen nachhaltige Konsequenzen

Der Genozid an den syrischen Christen

Prof. Dr. Martin Tamcke (geb. 1955) ist evangelischer Theologe und einer der bedeutendsten deutschen Wissenschaftler auf dem Gebiet des Christlichen Orients. Er ist Professor für Ökumenische Theologie und Orientalische Kirchen- und Missionsgeschichte an der Georg-August-Universität Göttingen. Seit seiner Studienzeit beschäftigt er sich mit den christlichen Kirchen im Nahen Osten, die ihm eine zweite Heimat geworden sind. Heute setzt er sich besonders dafür ein, das Schicksal und den Leidensweg der syrischen Christen aufrichtig zu benennen und ernsthafte Konsequenzen daraus zu ziehen. Er spricht ausdrücklich von einem Genozid, um an die Verantwortung der internationalen Völkergemeinschaft zu appellieren. Angesichts der Verbrechen an den Christen im Nahen Osten dürfe man nicht zur Tagesordnung übergehen, sondern müsse man eine globale Hilfsaktion in die Wege leiten. Besonders die weltweite Christenheit sei gefordert, ihren Schwestern und Brüdern zu Hilfe zu eilen.

Von Martin Tamcke

Seit mehr als hundert Jahren stehen die syrischen Christen unter massivem Druck. Im 19. Jahrhundert ereigneten sich erste schreckliche Pogrome und Massaker.

Beginn der Massaker im 19. Jahrhundert

1848/49 trafen solche Massaker die ostsyrischen Christen (Angehörige der Assyrischen Apostolischen Kirche des Ostens) im Bereich des Hakkari-Gebirges in der heutigen Südosttürkei, 1860 die Maroniten im Zug der maronitisch-drusischen Spannungen in Damaskus in Syrien, ab dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts die Armenier im Osmanischen Reich. Alles gipfelte in den Völkermorden während des Ersten Weltkriegs, denen Armenier, Syrisch-Orthodoxe (die sich heute auch Aramäer nennen), Assyrer und Pontus-Griechen zum Opfer fielen, aber auch die Glaubensgemeinschaften der mit Rom unierten Kirchen der Syrer, Chaldäer und Armenier sowie die der protestantischen Gemeinschaften.

Anerkennung der Verbrechen als Völkermord

Mit Recht sagen manche Forscher, dass es sich hier praktisch um einen Völkermord an fast allen christlichen Glaubensgemeinschaften handelte.

Es hat ein Jahrhundert gebraucht, ehe sich auch die Bundesrepublik Deutschland dazu bekannte, dieses als Völkermord – Genozid – zu verstehen, und sich zu ihrer Mitschuld an diesem Vorgang bekannte. Die Mitschuld war dabei nicht unbedingt die einer aktiven Teilnahme am Geschehen, aber doch die Mitschuld des Wegsehens, zumindest die Schuld, die dadurch entstand, dass eine Vorzensur eine vorurteilsfreie und freie Berichterstattung zum Völkermord gar nicht erlaubte.

Unberechtigter Vorwurf der „Islamophobie“

Wenn ich heute landauf, landab Vorträge zu den orientalischen Christen halte, dann habe ich oft mit der Skepsis eines Teiles der Zuhörer zu kämpfen, weil sie Hinweise auf solche dunklen Seiten der Geschichte islamischer Gesellschaften und Staaten aufgrund der Situation in Deutschland sofort mit der Assoziation verknüpfen, hier spräche ein „Islamophober“. Über die Berechtigung solcher Skepsis lässt sich trefflich streiten.

Aber solch ein Streit führt in der Regel nicht zu größerer Akzeptanz für die vorzutragenden Fakten. Darum aber muss es gehen. Ganz besonders, wenn wir die Vorgänge heute in einer historischen Kette betrachten und verstehen lernen.

Heutige Vorgänge in einer historischen Kette

Die antichristlichen Maßnahmen des IS bei Mossul im Irak, in der Khabur-Region in Syrien und überall, wo die Islamisten die Herrschaft übernahmen, wo die Häuser der Christen gekennzeichnet wurden, um sie den Eroberern sichtbar anzuzeigen, wo mit massiver Gewalt gegen christliche Minderheiten vorgegangen wurde, wo ganze christliche Dörfer in die Gefangenschaft verschleppt, Frauen vergewaltigt oder versklavt wurden, die Maßnahmen sind eben nicht etwas, das sich erstmalig und als etwas ganz Neues in der Region ereignete, sondern ein bis heute nicht wirklich aufgearbeitetes Muster, das nur durch eine möglichst unvoreingenommene historische Aufarbeitung wenigstens ansatzweise korrigiert werden könnte.

Aber genau dazu ist es nie gekommen, wie sich nur zu schnell anhand der einschlägigen Schulbücher in den Ländern der Region erweisen ließe.

Persönliche Bekanntschaft mit einer Märtyrerkirche

Ich persönlich arbeite seit über vierzig Jahren in dieser Region, mit Menschen der Region, forsche über sie, profitiere von ihnen. Wann immer ich daher zur gegenwärtigen Lage in diesen Ländern zu sprechen habe, verweise ich auf Menschen dieser Region, die mir viel bedeutet haben und deren Schicksal ungewiss ist, oder die gar ermordet worden sind. Manch einer, der dabei als Märtyrer starb, wurde bis heute nicht als Märtyrer kanonisiert, weil dies die politischen Rahmenbedingungen nicht zulassen. Da ist nur zu hoffen, dass man diese Menschen im Gedächtnis behält, damit ihnen eines Tages Gerechtigkeit widerfahren kann, damit aber auch das, was sie lebten und was nicht durch die Kräfte von Terror, Diktatur und Fanatismus zu verdunkeln ist, in seiner Vorbildhaftigkeit erkennbar wird.

Eindrücklich steht mir vor Augen, wie mir Bischöfe aus Syrien ihre Not bekannten, nicht ihrem Gewissen folgend handeln zu können, sondern klug und pragmatisch die Lage für jetzt zu akzeptieren, um zugleich auf eine andere Zukunft auch für ihre Kirche hoffen zu können.

Bekenntnis der 21 in Libyen ermordeten Kopten

Mir und meinen Studierenden ging es ans Herz, als wir gerade auf einer Exkursion in Ägypten waren, als uns die Nachricht von der Hinrichtung von 21 jungen Kopten in Libyen erreichte. Wenige Stunden später erreichte uns am selben Tag ein Anruf aus dem Sitz des Papstes der Koptischen Orthodoxen Kirche, wo die Würdenträger und die um sie versammelten Intellektuellen Ägyptens gerade die Ankunft des ägyptischen Staatspräsidenten erwarteten. Ob wir bereit wären, zu kommen und zu kondolieren? Wir sagten sofort zu und erschienen – noch in den Kleidern, die wir für die Exkursion anhatten – im Empfangssaal. Als ich ansetzte, mein Mitgefühl auszudrücken, korrigierte mich Bischof Raphael, der Sekretär der Heiligen Synode. Eigentlich, so sagte er, seien die Ermordeten ein Segen für das Land. Ich stutzte. Das war nun doch ein wenig befremdlich. Aber dann verwies er darauf, dass das Video, das der IS zur Hinrichtung der Männer verschickt hatte, deutlich zeigte, wie die jungen Leute einen Moment, bevor sie der Säbel traf und enthauptete, noch einmal Jesus anriefen.

Tatsächlich sahen sich nun viele Kopten das Video immer wieder genau wegen dieser Szene an. Als ich dann wiederholt Interviews im ägyptischen Fernsehen geben musste, lief ununterbrochen das Video mit den schrecklichen Bildern hinter mir und versetzte mich in eine emotional unangenehme Lage, ja machte mir das Sprechen noch schwerer, als es ohnehin schon war. Die Kirche aber sah in den Ermordeten Märtyrer. Das tat sie nicht, weil sie das Unrecht zu leugnen suchte, das da geschehen war. Und keinesfalls empfinden koptische Christen ihren Schmerz, ihre Trauer, ihre Verzweiflung weniger als Menschen anderswo. Aber dem sinnlosen Sterben durch die Hände kalter Gewalt wird damit doch die Botschaft des Glaubens entgegengestellt. Dem scheinbar Sinnlosen wird ein Sinn zugesprochen, der in dieser Situation die Menschen in ihrer Menschlichkeit nicht allein lässt, sondern sich ihrer Menschlichkeit annimmt. Und möglicherweise ist eben dieser Sinn in der Lage, sie vor Verbitterung und Hass zu schützen. Das ist jedenfalls die erklärte Absicht etwa von Bischof Thomas, wenn er rechtfertigt, warum die Kirche diese um ihres Glaubens willen Sterbenden als Märtyrer anerkennt.

Exodus der Christen aus der Region

Doch wäre es naiv zu glauben, mit solchen Mitteln allein ließe sich der Exodus der Christen aus der Region stoppen. Eine Diskussion, die meine Studierenden mit geflohenen Jugendlichen aus der Khabur-Region führten, die vom IS überrannt worden war, zeigte dies leider nur zu klar. Die Jugendlichen und ihre Familien waren in den Libanon gegangen. Dort hatten sie sich zäh um Visa zur Auswanderung aus der Region bemüht. Sie waren erfolgreich. Auf unsere Frage, ob sie denn jetzt nicht helfen wollten, die zurückeroberten Gebiete wieder aufzubauen, antworteten sie: Nein. Sie hätten das Gefühl, in diesen Ländern nicht willkommen zu sein. Und sie verwiesen dazu auf die Geschichte ihres Volkes und den anhaltenden Verfolgungen, denen sie seit Mitte des 19. Jahrhunderts ausgesetzt waren.

Sie waren nicht die einzigen, die so auf die Geschichte steter Verfolgung verwiesen. Ein Erzpriester der Assyrischen Apostolischen Kirche des Ostens schrieb mir gleich zu Beginn der Invasion des IS in die Khabur-Region: „Wisst ihr, wer das ist, der da angegriffen wird?“

Leidensweg der syrischen Christen

Das sind die Überlebenden der Massaker von Semile aus dem Jahr 1933, als irakisches Militär Dutzende assyrischer Dörfer im Irak zerstörte, dem Patriachen die Staatsbürgerschaft aberkannte und die Flüchtlingstrecks, die sich in Richtung syrischer Grenze bewegten, niederschoss. Und diese Leute waren wiederum die Überlebenden des Völkermords von 1915, der das gesamte Volk auf die Flucht in Richtung Kaukasus gezwungen hatte, das dort wegen der russischen Revolution umkehrte und Rettung in den Armen der Engländer im Süden des Iran suchten. Zwei Patriarchen starben auf dieser Flucht, tausende Gläubige der Kirche, die auf dem Weg immer wieder angegriffen worden waren und immer mehr zu einem ärmlichen Rest von Überlebenden dieses Volkes zusammenschrumpften.

Und nach dem Krieg wurde ihnen nicht geholfen. Ihre Ansiedlung in Kanada wurde vom Völkerbund erwogen. Schließlich wurden sie im Irak angesiedelt und als Polizeitruppen verwandt, was ihre Stellung in der Gesellschaft des jungen Staates schwierig machte.

Heutiger Genozid angesichts nie aufgearbeiteter Geschichte

So aktiviert der Völkermord von heute die historischen Traumata, die nirgends so bearbeitet werden konnten, dass die betroffenen Gesellschaften derartige Vorgänge als Teil der eigenen Geschichte verstanden hätten.

Ist das heute wirklich ein Völkermord? Billigt man dem IS eine gewisse Staatlichkeit zu, so entspricht dessen auf Beseitigung des christlichen Elements in den Gesellschaften der Region ausgerichtete Politik tatsächlich den Bestimmungen der Völkermordkonvention. Die Verurteilungen, wo sie folgerichtig ausgesprochen worden sind, tun damit dem bestehenden Recht Genüge, das durchaus nicht etwa die Ausrottung einer Gemeinschaft voraussetzt, sondern die Absicht zu deren Auslöschung. Wenn Häuser gekennzeichnet werden, wenn Christen zum Verlassen einer Region bei Androhung der Tötung genötigt werden, wenn führende Repräsentanten wie Mar Gregorios Yuhanna Ibrahim, der Metropolit von Aleppo, und der Bruder des rum-orthodoxen Patriarchen, der für seine Kirche ebenfalls als Metropolit in Aleppo gewirkt hat, entführt und – möge es nicht so sein – vermutlich ermordet worden sind, dann zielt das auf die Auslöschung der christlichen Gemeinschaften ab.

Notwendigkeit nachhaltiger internationaler Konsequenzen

Zwar konnte Raphael Lemkin, der Initiator der Konvention gegen Völkermord, in der Resolution nach dem Zweiten Weltkrieg nicht – wie ursprünglich von ihm vorgesehen – auch den kulturellen Genozid verankern (Verbot von Sprache, Zerstörung von Kulturgut), aber auch so schon ist den Bestimmungen der Konvention Genüge getan. Man mag das anders sehen, aber es einmal eindeutig so zu benennen hilft, auch Schieflagen in der Wahrnehmung der Situation der orientalischen Christen zu erkennen und daraus Schlüsse zu ziehen, die nachhaltig sind.

Nach dem Massaker von Semile mit über 9000 umgekommenen Assyrern (1933) schrieb der deutsche Islamwissenschaftler Rudolf Strothmann (1877-1960), es sei zu befürchten, dass die Kirchen nach vorübergehendem Aufschrei wieder zum Tagesgeschäft übergehen und die Opfer vergessen würden. Genau dies artikulierten viele der Betroffenen jetzt. Klar positionierte Benennung kann hier helfen, dass sich das nicht wiederholt.  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2017
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Das Deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts

Zeugen für Christus

Im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz hat Prälat Dr. Helmut Moll (geb. 1944) das sog. „deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ herausgebracht. Es trägt den Titel „Zeugen für Christus“ und ist inzwischen in sechster Auflage erschienen. Am 15. April 2015 konnte er diese neueste, um 101 Zeugen erweiterte Ausgabe Papst Franziskus persönlich überreichen. Als ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet der Martyrologie hat Prälat Moll beim diesjährigen Treffen der beiden Schülerkreise von Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. em. ein Hauptreferat über die Kriterien des Martyriums gehalten. Das Treffen stand unter dem Thema „Christenverfolgung und Martyrium“. Es fand vom 31. August bis 3. September 2017 in der Villa Fatima in Rom statt. Unter den Eindrücken dieser Veranstaltung gab Prälat Moll „Kirche heute“ nachfolgendes Interview.

Interview mit Prälat Helmut Moll

Kirche heute: Hochwürdigster Herr Prälat, das „deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ kann als Ihr persönliches Lebenswerk bezeichnet werden. Wie kamen Sie zu dem Auftrag, im Namen der Dt. Bischofskonferenz ein solches Verzeichnis mit Lebensbildern zu erstellen?

Prälat Moll: Papst Johannes Paul II. hatte 1994 in seinem Apostolischen Schreiben „Tertio millennio adveniente“ alle Ortskirchen dazu aufgerufen, ein Blutzeugenverzeichnis des 20. Jahrhunderts auf den Weg zu bringen. Da derselbe Papst mich zum Konsultor an der römischen Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsverfahren ernannt und ich diese Aufgabe bereits über zehn Jahre wahrgenommen hatte, verpflichtete mich der Vorsitzende der Liturgie-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, Joachim Kardinal Meisner, das „deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ federführend zu erarbeiten.

Kh: Mit welchen Vorgaben vonseiten der Deutschen Bischöfe haben Sie sich an die Arbeit gemacht?

Moll: In vielfältigen Gesprächen mit Kardinal Meisner konnten aus allen 27 Diözesen geeignete Fachleute gewonnen werden, ihre Glaubenszeugen/innen nach verbindlichen Maßstäben auszuarbeiten, ferner alle Orden und Kongregationen. Die Lebensbilder sollten nicht umfangreicher als fünf Seiten sein, damit die Bände am Ende erschwinglich blieben.

Kh: Wie kann man sich das Zustandekommen eines solchen monumentalen Geschichtswerks vorstellen? Wie haben Sie Kontakte zu Mitarbeitern aufgebaut? Wie viele Autoren haben an diesem „Martyrologium“ mitgewirkt?

Moll: Durch den Kontakt mit den 27 deutschen Diözesen war eine feste Grundlage geschaffen. Bistümer wie z.B. Berlin, München oder Köln mussten weit mehr als 20 Lebensbilder erstellen, so dass die Diözesanbeauftragten weitere Fachleute um ihre Unterstützung gebeten haben. Am Ende waren es über 160 Männer und Frauen, die sich der Arbeit verschrieben, ein historisch korrektes und spirituell geprägtes Lebensbild zu entwerfen, das an der Kölner Arbeitsstelle von drei Fachleuten gegengelesen und geprüft wurde.

Kh: Wann begann die konkrete Arbeit?

Moll: Nachdem die Deutsche Bischofskonferenz in ihrer Herbst-Vollversammlung 1995 grünes Licht gegeben und mir den Auftrag erteilt hatte, konnte die konkrete Arbeit am 1. Januar 1996 beginnen.

Kh: Und wann erschien die erste Ausgabe?

Moll: Da Papst Johannes Paul II. das Martyrologium mit Blick auf das Jubiläumsjahr 2000 anvisiert hatte, mussten die Arbeiten im Sommer 1999 fertiggestellt werden – eine Herkulesarbeit, zumal neben den NS-Glaubenszeugen auch die des Kommunismus und der Weltmission hinzukamen. Am 18. November 1999 machte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann, in meiner Gegenwart die Erstauflage Papst Johannes Paul II. im Vatikan zum Geschenk.

Kh: Wie beurteilt die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse in Rom das Werk?

Moll: Die römische Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsverfahren, der ich die Erstauflage zum Geschenk machte, zeigte sich hocherfreut und dankbar für die geleistete Arbeit. Sie bildet für sie eine Fundgrube weiterer Forschungen, konnten doch inzwischen mehr als einhundert Seligsprechungsverfahren aus dem deutschen Martyrologium offiziell eingeleitet werden.

Kh: Wer gilt nach römisch-katholischer kirchenamtlicher Definition als Märtyrer? Könnten Sie kurz darauf eingehen, wie sich die entsprechenden Kriterien im Lauf der Geschichte entwickelt haben?

Moll: Papst Benedikt XIV. (1740-1758), einer der gelehrtesten Oberhirten der katholischen Kirche, hat in einem vierbändigen Werk drei Hauptkriterien auf der Grundlage von Schrift und Tradition zusammengestellt, die bis in unsere Gegenwart von Bedeutung sind: 1. die Tatsache des gewaltsamen Todes, 2. das Zeugnis für den christlichen Glauben, 3. die Bereitschaft, für diesen Glauben den Tod auf sich zu nehmen.

Kh: Papst Franziskus spricht sich im Mo-tu Proprio „Maiorem hac dilectionem“ vom 11. Juli 2017 für das neue Kriterium „Hingabe des Lebens“ aus. Hat dieses Apostolische Schreiben eine Bedeutung für Ihre weitere Arbeit am Deutschen Martyrologium?

Moll: Dieses neue Kriterium grenzt sich deutlich von einem Martyrium ab. Es würdigt Formen der christlichen Nächstenliebe mit der Folge eines bevorstehenden Sterbens, so z.B. bei Krankenschwestern in heikler Mission (z.B. bei Ansteckungsgefahr) oder bei Militärgeistlichen in Situationen eines akuten Krieges.

Kh: Wie ist das Martyrologium gegliedert?

Moll: Das Deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts basiert auf einer vierfachen Gliederung: die Glaubenszeugen/-innen der NS-Zeit, die christlichen Gewaltopfer des Kommunismus insbesondere unter Stalin und Tito, das Reinheits- oder Keuschheitsmartyrium sowie die Blutzeugen aus den Missionsgebieten.

Kh: Wie viele Personen sind in der neuesten Ausgabe aufgeführt?

Moll: Die sechste, erweiterte und neu strukturierte Auflage des deutschen Martyrologiums enthält über 100 neue Lebensbilder. Sie stammen vor allem aus den Missionsgebieten Asiens. Insgesamt liegen damit knapp 1000 Lebensbilder vor, die vor dem Vergessen bewahrt werden konnten.

Kh: Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches größer sein. Lässt sie sich in etwa einschätzen?

Moll: Angesichts der Tatsache, dass der Auftrag zur Erstellung des Martyrologiums relativ spät erfolgte, konnten die Kirchenhistoriker etliche Namen nicht mehr mit einem Lebensbild erstellen. Darüber hinaus müssen wir vor allem bei den Gewaltopfern aus dem Kommunismus von einer Dunkelziffer ausgehen, die nicht exakt bestimmt werden kann. Aber die biografisch erarbeiteten Personen stehen stellvertretend für die vielen unbekannten Katholiken.

Kh: Wie viele Lebensbilder haben Sie selbst verfasst?

Moll: Aus allen vier genannten Bereichen habe ich gerade solche verfasst, die schwer zu erarbeiten waren und an deren Erstellung keiner sich so recht heranwagte. Insg. konnten mehr als 80 Lebensbilder nach monatelangen Forschungen zusammengestellt werden.

Kh: Wie viele der aufgeführten Personen sind inzwischen offiziell selig- bzw. heiliggesprochen worden?

Moll: Jedes Jahr wächst die Zahl der von der Kirche zur Ehre der Altäre erhobenen Katholiken. Unter den inzwischen heiliggesprochenen Blutzeugen ragt im dt. Martyrologium die Karmelitin Sr. Teresia Benedicta a Cruce (Dr. Edith Stein) hervor, unter den seliggesprochenen Märtyrern der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg, der Münsteraner Neupriester Karl Leisner, der Familienvater Nikolaus Groß, der Dresdner Kaplan Aloys Andritzki, der Würzburger Pfarrer Georg Häfner, der schlesische Kaplan Gerhard Hirschfelder sowie der Mariannhiller Missionar P. Engelmar (Hubert) Unzeitig.

Kh: In die Sammlung haben Sie bewusst auch russlanddeutsche und donauschwäbische Glaubenszeugen und Gewaltopfer aufgenommen, also „Volksdeutsche“, die schon seit Generationen keinen Bezug mehr zum geographischen bzw. politischen Deutschland hatten. Kann man sagen, dass sich das deutsche Martyrologium an einem ethnischen Verständnis der „deutsche katholische Glaubenszeugen im In- und Ausland“ orientiert?

Moll: Sowohl die Visitatur der Russlanddeutschen als auch die der Donauschwaben plädierten nachdrücklich für eine Aufnahme in das Deutsche Martyrologium. Diese sog. Volksdeutschen wussten sich uns durch Sprache, Kultur und Glaube eng verbunden.

Kh: Johannes Paul II. hat von der „Ökumene der Märtyrer“ gesprochen. Papst Franziskus betont immer wieder den ökumenischen Aspekt der Märtyrer unserer Zeit. Kommt dieser Aspekt auch im Deutschen Martyrologium zum Tragen?

Moll: Kardinal Meisner bat mich, bei der Erarbeitung von „Zeugen für Christus“ die ökumenischen Widerstandsgruppen aus der Zeit des Nationalsozialismus gemeinsam und würdigend herauszustellen, so z.B. die „Weiße Rose“, der „Kreisauer Kreis“, die „Märtyrer des Lübecker Christenprozesses“. Gleichfalls rief er die christlichen Konfessionen dazu auf, ihr eigenes Martyrologium des 20. Jahrhunderts zu erarbeiten. Christen aller Konfessionen waren und sind durch das Martyrium verbunden.

Kh: Sie heben hervor, es sei ein dringendes Anliegen von Papst Johannes Paul II. gewesen, das Andenken an die Märtyrer des 20. Jahrhunderts wachzuhalten. Konnten Sie sich mit Johannes Paul II. über Ihre Arbeit austauschen?

Moll: Die herausragenden Veröffentlichungen des polnischen Papstes „Tertio millennio adveniente“ (1994), „Ut unum sint“ (1995) oder „Novo millennio ineunte“ (2001) boten reichhaltige Ansatzpunkte, um die Blutzeugen vor dem Vergessen zu bewahren.

Kh: Waren Sie auch mit Papst Benedikt XVI. bezüglich Ihrer Arbeit im Gespräch?

Moll: Papst Benedikt XVI., mein akademischer Lehrer in Tübingen und Regensburg, darüber hinaus mein Vorgesetzter in der römischen Kongregation für die Glaubenslehre, gab mir wertvolle Impulse für die Erarbeitung des deutschen Martyrologiums des 20. Jahrhunderts.

Kh: Für wen ist dieses Werk gedacht? Wer sollte sich Ihrer Meinung nach mit diesem Martyrologium beschäftigen?

Moll: Papst Johannes Paul II. beabsichtigte, einer oft müde gewordenen Christenheit lebendige Vorbilder für unsere Gegenwart vorzustellen. „Zeugen für Christus“ wird daher in den Pfarrgemeinden, in den Bildungsstätten, in den Exerzitienhäusern sowie in den Klöstern mit Eifer rezipiert und in den Mittelpunkt gerückt. Gegenwärtig konnten mehr als 8000 Exemplare des zweibändigen Hauptwerkes verkauft werden; darüber hinaus existierte eine italienische Version für die Zeit des Nationalsozialismus.

Kh: Was können wir grundsätzlich aus diesem ergreifenden und auch erschütternden Zeugnis für Gegenwart und Zukunft lernen?

Moll: Christlicher Glaube darf nicht verbürgerlicht werden. Er fordert jetzt und gerade heute unser ungeteiltes Zeugnis für die Menschen dieser Zeit, die auf unser Vorbild warten.

Kh: Was hat Sie bei der Beschäftigung mit diesen Glaubenszeugnissen persönlich am meisten beeindruckt?

Moll: Mein persönlicher Glaube wurde durch das mutige Bekenntnis unzähliger Männer und Frauen gestärkt.

Kh: Wie haben Sie das Ratzinger-Schülertreffen zum Thema „Christenverfolgung und Martyrium“, das vor wenigen Tagen zu Ende gegangen ist, erlebt? Wie wurde Ihr Grundsatzreferat aufgenommen? Wurde auch über Ihr Martyrologium diskutiert?

Moll: Papst em. Benedikt XVI. persönlich hat auf der Grundlage der von seiner Schülerschaft vorgetragenen Vorschläge das Thema „Christenverfolgung und Martyrium“ ausgewählt, weil es für ihn Priorität hat. Mein Grundsatzreferat „Gehalt und Gestalt des Martyrologiums des 20./21. Jahrhunderts – Eine historisch-theologische Erörterung“ bildete den Ausgangspunkt für eine ebenso lebhafte wie konstruktive Aussprache, die länger als eine Stunde dauerte. Zahlreiche Facetten von Mitgliedern beider Schülerkreise kamen zum Tragen, basierend auf den Einsichten und Erfahrungen ihrer Länder und Kontinente. Ein Desiderat blieb, die „Ökumene der Märtyrer“ inhaltlich in den Fokus zu nehmen und die gemeinsame Schnittmenge stärker auszumachen.

Kh: Das Deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts offenbart einen gewaltigen Schatz, der uns nicht nur ermutigt, sondern auch eine klare Richtung für unseren Weg in die Zukunft aufzeigt. Was können wir heute dafür tun, dass dieser Schatz unserer Kirche nicht in Vergessenheit gerät?

Moll: Jeder Mensch sucht glaubwürdige Vorbilder für sein Leben. Der Christ sucht zwar nicht das Martyrium, aber wenn es dennoch auf ihn zukommt, soll er die natürliche Todesfurcht überwinden und Zeugnis für seine Überzeugung ablegen – nötigenfalls bis zum blutigen Tod.

Kh: Verehrter Herr Prälat, vielen herzlichen Dank für das Gespräch! Es hat uns einen wunderbaren Einblick in Ihre Arbeit gegeben. Gerne möchten wir an dem Auftrag mitwirken, „die Blutzeugen des 20. Jahrhunderts vor dem Vergessen zu bewahren“. Ihnen wünschen wir Licht und Kraft des Heiligen Geistes für eine erfolgreiche Fortsetzung dieses großartigen Lebenswerks.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)

Tragfähiges Fundament für die Glaubensverkündigung in unserer krisenvollen Zeit

Monumentales Geschichtswerk

Prof. Dr. Otto Paul Hornstein (geb. 1926) ist emeritierter Professor für Dermatologie und Venerologie und ehemaliger Direktor der Dermatologischen Klinik der Universität Erlangen-Nürnberg. Nach seiner Emeritierung engagierte er sich verstärkt karitativ und wirkte beispielsweise bei der Planung und Organisation eines deutsch-indischen medizinischen und karitativen Hilfswerks für HIV-positive Mütter und Schwangere und deren Kinder als ärztlicher Berater mit. Das Deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts betrachtet er als „bewundernswürdige publizistische und herausgeberische Gemeinschaftsleistung“ und nennt es ein „monumentales Geschichtswerk“. Nachfolgend eine Rezension aus dem Jahr 2009 zur vierten Auflage, die 2006 erschienen war.

Von Otto Paul Hornstein

Am Beginn des neuen Jahrtausends, nach dem von gottlosen Ideologien mit entsetzlichen Folgen heimgesuchten 20. Jahrhunderts, sucht die großenteils einem materialistischen Relativismus verfallene Gesellschaft ihre postmoderne „autonome“ Zukunft nicht zuletzt im mentalen Verdrängen politisch scheinbar überwundener Menschheitsverbrechen zu finden. So wurde es für Papst Johannes Paul II. in seinen offiziellen Veröffentlichungen ein dringendes Anliegen, im bleibenden Gedenken an zahlreiche christliche (meist katholische) Glaubenszeugen aus diesem zwiespältigen Jahrhundert ihr „besonders beredtes Zeichen für die Wahrheit der christlichen Liebe“ vor dem Vergessen zu bewahren. Seinen Aufrufen folgend entstand in Deutschland 1999 ein wahrlich monumentales Geschichtswerk mit den erschütternden Biogrammen von mehr als 700 „Zeugen für Christus“, seither in weiteren Auflagen noch erweitert und aktualisiert. Die seit dem 18. Jahrhundert kanonisierten drei Martyriumskriterien – gewaltsamer Tod, gegnerischer Glaubens- und Kirchenhass, bewusste Annahme des Todes – sind hier nur auf deutsche katholische Glaubenszeugen im In- und Ausland bezogen (in Einzelfällen auch ökumenische Aspekte einschließend), die Dunkelziffer aber dürfte um ein Vielfaches größer sein.

Sorgfältig, sprachlich prägnant und historisch mustergültig sind vom Herausgeber und 160 Co-Autoren die Lebens- und Todesschicksale von (überwiegend) Weltpriestern und Ordensleuten, aber auch opfermutigen Laien dargestellt, kulminierend zur Zeit der NS-Diktatur mit Höhepunkt im Zweiten Weltkrieg. Zeitlich weiträumiger sind auch russlanddeutsche und donauschwäbische Glaubenszeugen des kommunistischen Terrors, ferner männliche und weibliche Missionare in außereuropäischen Missionsgebieten erfasst. Ein eigenes Kapitel gilt den sog. Reinheitsmartyrien von Mädchen, Ordensschwestern, Frauen und ihren priesterlichen Beschützern, die alle bei der Abwehr sexueller Verbrechen tödlich verletzt wurden. Die hierzu oft nur lückenhafte „Oral history“ ist zumeist überlebenden Zeitzeugen aus KZs, GULAGs und anderen Orten der Drangsal zu verdanken. Die klare Darstellung aller in dem Riesenwerk dokumentierten Märtyrerschicksale (jeweils mit literarischen Quellenangaben, meist mit Porträt) ist eine bewundernswürdige publizistische und herausgeberische Gemeinschaftsleistung einschließlich der jeweiligen Diözesanbeauftragten. Zugleich bringen die authentischen Schilderungen des zeitgenössisch antireligiösen Umfelds das Gesamtwerk dem historischen Verständnis der Leserschaft näher, heutzutage eine nicht zu unterschätzende Notwendigkeit.

Die seit 2001 neu ermittelten Glaubenszeugen zeigen als Priester – für ihre Gemeinden trotz Todesgefahr ausharrend, helfend und opferbereit – wiederum einen pastoralen Wesenszug, der sie zu wahrhaft Guten Hirten in der Nachfolge Christi werden lässt. Oft erscheinen ihre Biographien durch die glaubensstarken und kirchentreuen, dem heimtückischen Hass der Nazis widerstehenden Lebenshaltungen geradezu wie auf das Martyrium vorbereitet. Viele – dies gilt auch für die Ordensschwestern – haben ihre Blutzeugenschaft bewusst als Sühne für kirchliche Schwächen und eigenes Versagen demütig aufgeopfert. Demut und Glaubensstärke, Selbstopfer und Vergebungsbereitschaft ihren Mördern gegenüber verbinden sich in den ergreifenden Biogrammen oft wie zu einer Dornenkrone. In ihrer Kleidung als Priester oder Ordensfrauen erkennbar, blieben sie bis zuletzt todesmutig standhaft im Festhalten an ihrer Berufung und ihrer Treue zu Christus und seiner Kirche. Aber auch die Laien – Familienväter und verschiedenen Berufen in oft verantwortungsvoller Stellung angehörend – bezeugten ihr ungebeugt standhaftes „Gott mehr gehorchen als den Menschen“ unter Kerkerhaft, Folter und Hinrichtung mit einer den Leser tief bewegenden Stärke und Klarheit. Statt einzelner Beispiele sollten alle (!), auch die neu ermittelten Biographien, gründlich gelesen werden: Frühes mutiges Bekennertum vor hasserfüllten Kirchengegnern und glaubensstarke Annahme des Martyriums, die aus ergreifenden Abschiedsbriefen und anderen erhaltenen Zeugnissen aufleuchtet. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs hingemordete Ordensfrauen (besonders der St. Katharinenkongregation von Braunsberg/Ostpr., Arme Schulschwestern Unserer Lb. Frau von Neisse/Oberschl.), junge Frauen und ihre ebenfalls umgebrachten priesterlichen Beschützer ergänzen den angefügten Schlussteil des Martyrologiums, den weitere authentische Berichte über ermordete Missionare in China, Philippinen, Ozeanien und Indonesien/Osttimor (vorläufig?) beenden. Auch fünf in Bosnien und Herzegowina ihres Glaubens wegen ihr Leben lassende Priester und Ordensbrüder (Trappisten) sind zu würdigen.

Im Vorwort des Gesamtwerks schreibt Kardinal Meisner, dass die in die Waagschale der Gegenwart geworfenen Glaubenszeugnisse unsere Generation davor bewahren, eine Diktatur über die Glaubensvergessenheit der Kirche auszuüben. Manchen katholischen Laien, Priestern und Theologen möge – diese Hoffnung des Rezensenten sei ausgesprochen – somit tiefere Einsicht in die oft geringschätzig beurteilte „vorkonziliare“ Zeit der neueren katholischen Kirchengeschichte, die von so viel Hass und Feindschaft gegen kirchentreues Christentum geprägt ist, zu einem unvoreingenommenen Umdenken verhelfen. Das Diktum des frühchristlichen Kirchenschriftstellers „Sanguis martyrum semen christianorum“ ließe sich unserem säkularen Relativismus leichter verständlich machen, wenn wir Heutigen den Satz des Philosophen Hermann Lübbe beherzigen: „Herkunftsbewusstsein ist eine elementare conditio sine qua non unserer Zukunftsfähigkeit“ (1987). Auch alle (besonders die katholischen) Religionslehrenden müssten dazu das fundamentale Martyrologium des 20. Jahrhunderts als zeithistorisch unverzichtbare Quelle ihres Lehrens heranziehen. Nur so kann in unserer krisenvollen Zeitperiode dem Glanz der Wahrheit (1993, Enzyklika „Veritatis splendor“ von Johannes Paul II.) wieder ein tragfähiges Fundament zurückgegeben werden, auf das viele nachdenkliche Christen der jungen Generation sehnlich warten.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2017
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Bewegendes Zeugnis des französischen Predigers Erino Dapozzo

Vater, vergib ihnen!

Christliches Martyrium muss immer im Licht der Vergebung gesehen werden. Seinen Mördern und Peinigern verzeihen zu können, verlangt übermenschliche Kraft. Aber gerade eine solche Haltung offenbart das Wirken der Gnade. Ehrendomherr Pfarrer Dr. Franz Weidemann, Dortmund, erinnert an ein Zeugnis, das Erino Dapozzo (1907-1974), ein evangelischer Christ, niedergeschrieben hat. Dapozzo war Italiener, wuchs in der Schweiz auf, lebte in Frankreich und war im Zweiten Weltkrieg Gefangener in einem deutschen Lager. Wegen seiner Sprachkenntnisse war er von der deutschen Kommandantur als Übersetzer von Denunzierungsbriefen verpflichtet worden. Er folgte jedoch seinem Gewissen und versuchte, Menschen zu retten, gerade auch Juden, die er heimlich vor dem drohenden Unheil warnte – bis er selbst verraten wurde. Nach seiner wunderbaren Freilassung arbeitete er viele Jahre lang als Prediger in Italien.

Von Franz Weidemann

Jesus fordert seine Jünger dazu auf, immer und immer wieder zu verzeihen. Da ist es leicht zu verstehen, dass Petrus noch einmal zurückfragt: „Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben?“ (Mt 18, 21-22).

Die Frage könnte auch von uns stammen: Wie oft muss ich demjenigen vergeben, der mich jeden Tag aufs Neue ärgert und mir auf die Nerven geht, der mich verletzt hat und schlecht über mich redet, der mir das Leben schwer macht?

Wir neigen dazu zu sagen: „Irgendwann ist Schluss!“ Oder wir sind versucht zu denken: „Wie du mir, so ich dir.“ Wie können wir bereit sein, immer zu verzeihen, ohne zu zählen?

Wir können es nur, wenn wir verstehen, dass Gott uns immer wieder vergibt. Wir leben von seiner Vergebung. Darum gilt ein ganz neuer Maßstab: „Wie Gott mir, so ich dir.“

Die Vergebung ist das Zentrum unseres christlichen Glaubens. Und das eigentliche Wunder besteht darin, dass auch wir die Fähigkeit erlangen können, so zu vergeben, wie Gott vergibt.

Der französische Missionar Erino Dapozzo hat ein berührendes Zeugnis niedergeschrieben. Er erzählt:

„Jahrelang habe ich um meines Glaubens willen in einem deutschen Konzentrationslager gelitten. Ich wog nur noch 45 Kilogramm, und mein ganzer Körper war mit Wunden bedeckt. Mein rechter Arm war gebrochen und ohne ärztliche Behandlung gelassen. Am Weihnachtsabend 1943 ließ mich der Lagerkommandant rufen. Ich stand mit bloßem Oberkörper und barfuß vor ihm. Er saß an einer reichgedeckten, festlichen Tafel. Stehend musste ich zusehen, wie er sich die Leckerbissen schmecken ließ. Da wurde ich vom Bösen versucht: ,Dapozzo, glaubst du immer noch an den 23. Psalm: Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang!‘ Im Stillen betete ich zu Gott und konnte dann antworten: ,Ja, ich glaube da-ran!‘ Der Kellner brachte Kaffee und ein Päckchen Kekse. Der Lagerkommandant aß sie mit Genuss und sagte zu mir: ,Ihre Frau ist eine gute Köchin, Dapozzo!‘ Ich verstand nicht, was er meinte. Er erklärte es mir: ,Seit Jahren schickt Ihre Frau Pakete mit kleinen Kuchen, die ich immer mit Behagen gegessen habe.‘ Wieder kämpfte ich gegen die Versuchung an. Meine Frau und meine vier Kinder hatten von ihren ohnehin kargen Rationen Mehl, Fett und Zucker gespart, um mir etwas zukommen zu lassen. Und dieser Mann hatte die Nahrung meiner Kinder gegessen. Der Teufel flüsterte mir zu: ,Hasse ihn, Dapozzo, hasse ihn!‘ Wieder betete ich gegen den Hass an um Liebe. Ich bat den Kommandanten, wenigstens an einem der Kuchen riechen zu dürfen, um dabei an meine Frau und meine Kinder zu denken. Aber der Peiniger gewährte mir meine Bitte nicht. Er verfluchte mich.

Als der Krieg vorüber war, suchte ich nach dem Lagerkommandanten. Er war entkommen und untergetaucht. Nach zehn Jahren fand ich ihn schließlich und besuchte ihn zusammen mit einem Pfarrer. Natürlich erkannte er mich nicht. Dann sagte ich zu ihm: ,Ich bin Nummer 17531. Erinnern Sie sich an Weihnachten 1943?‘ Da bekam er plötzlich Angst. ,Sie sind gekommen, um sich an mir zu rächen?‘ ,Ja‘, bestätigte ich und öffnete ein großes Paket. Ein herrlicher Kuchen kam zum Vorschein. Ich bat seine Frau, Kaffee zu kochen. Dann aßen wir schweigend den Kuchen und tranken Kaffee. Der Kommandant begann zu weinen und mich um Verzeihung zu bitten. Ich erzählte ihm, dass ich ihm um Christi willen vergeben hätte. Ein Jahr später bekehrte sich dieser Mann und seine Frau zu Christus.“

 „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“, schreibt der hl. Apostel Paulus im Römerbrief (12,21). Unser Glaube an Gott kann uns von Groll und Rachegelüsten befreien, die unsere Seele zerfressen. Jesus gab uns ein Beispiel, als er am Kreuz betete: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Und er lehrte uns beten: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2017
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Klare Abgrenzung zur Kreuzzugsmentalität

Martyrium und Gewaltlosigkeit

Prof. Dr. Klaus Schatz SJ (geb. 1938), em. Professor für Kirchengeschichte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen, Frankfurt am Main, veröffentlichte in der Vierteljahresschrift „Theologie und Philosophie“ im Jahr 2016 eine Rezension zur sechsten Auflage des deutschen Martyrologiums (91. Jahrgang, Heft 2, S. 303f.). Darin geht er auch der Frage nach, inwieweit man bei NS-Opfern von einem Martyrium im Sinn der Kirche sprechen kann. Die Thematik ist in verschiedener Hinsicht aktuell. Nachfolgend einige Auszüge, die mit dieser Frage in Berührung stehen.

Von Klaus Schatz SJ

Die 6. Auflage des deutschen Martyrologiums des 20. Jahrhunderts ist um 62 Namen erweitert. Neu sind unter anderem 18 Opfer des NS. Darunter sind acht Priester und Ordensleute: Pfarrer Franz Vaaßen aus dem Erzbistum Köln, Vikar Ernst Henn aus dem Bistum Münster, Pfarrvikar Anton Spieker aus dem Erzbistum Paderborn, der geistliche Religionslehrer Stanislaus Zuske aus dem Erzbistum Posen-Gnesen, Erzpriester Vinzenz Brauner aus dem Erzbistum Breslau, der Kapuzinerpater Josef Leonissa Lumpe, der 1999 seliggesprochene Oblatenpater Josef Cebula und der Pallottinerbruder Pawel Krawcewicz.

Hier wird man fragen: Wie kommt es, dass diese erst jetzt auftauchen, da doch, so sollte man denken, Diözesen und Orden am ehesten und vollständigsten das Gedächtnis ihrer Märtyrer bewahren? Die Antwort dürfte lauten, dass bei der Hälfte dieser Personen (Vaaßen, Henn, Spieker, Brauner) Umstände und Ursachen des Todes (Folgen der Haft?) nicht von vornherein klar waren (zumal bei Vikar Ernst Henn aus der Diözese Münster, der, um Löningen zu schonen, am 11.04.1945 die weiße Fahne hisste und wohl von einem englischen Granatsplitter getroffen wurde: S. 521). Bei den anderen vier (Zuske, Lumpe, Cebula, Krawcewicz) war die „nationale“ Zuordnung (Deutsche, Polen oder Tschechen?) unklar.

Für den „Martyriumsbegriff“ bedarf die bekannte „Grauzone“, die besonders, aber nicht nur, für die NS-Zeit akut wird, einer speziellen Reflexion und Klärung. Faktisch geht der Herausgeber von folgendem Prinzip aus: Ein von seinem Glauben überzeugter, mit der Kirche verbundener und praktizierender Katholik, der infolge einer von seinem Gewissen getroffenen Entscheidung in Konflikt mit dem Regime und dann zu Tode kam, ist als christlicher Märtyrer anzusehen. Persönlich sehe ich auch keine bessere Definition, die vor allem auf Laien anzuwenden wäre.

Aber ist sie generalisierbar, ohne dass man in neue Schwierigkeiten gerät, vor allem in politisch problematischen Kontexten, in denen die Betreffenden dennoch guten Gewissens gehandelt haben? Kommt man dann am Ende nicht auf die von den Kreuzzugspredigern propagierte Vorstellung zurück, dass, wer im Kreuzzug falle, als Märtyrer sofort in den Himmel eingehe? Oder muss Gewaltlosigkeit hier eine unbedingte Grenze bilden?

Grundsätzlich gilt zur neuen Auflage des Martyrologiums anzumerken: durchweg hervorragende Recherchierung und Dokumentierung der Einzelbiographien, reichhaltige Literatur- und Quellenverweise. Auch problematische Seiten und mögliche Fragezeichen, aufgrund deren man im Einzelfall zu einem anderen Gesamturteil oder einem „Non liquet“ kommen mag, werden nicht unterschlagen.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2017
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Wie viele Jahrhunderte wollt Ihr noch protestieren?

Jesus will die Einheit

Dr. Johannes Hartl, der Gründer und Leiter des Gebetshauses Augsburg, hat sich in einer humorvollen Stellungnahme an protestantische Mitchristen gewandt, die ihm den Vorwurf machen, subtil katholische Inhalte vermitteln zu wollen. Er bekennt darin, ein charismatischer Katholik zu sein, doch betone er stets Inhalte, die für jeden Christen relevant sein müssten. Es gehe ihm um die Begegnung mit Jesus Christus im Gebet, schwärme von Jesus und wolle, dass sich die Menschen inniger in Jesus verliebten. Weihbischof Dr. Andreas Laun nimmt diese Auseinandersetzung zum Anlass für eine deutliche Anfrage an seine protestantischen Schwestern und Brüder.

Von Weihbischof Andreas Laun

Eigentlich habe ich den Text von Johannes Hartl „An die geschätzten Protestanten unter meinen Kritikern“ (kath.net, 5.10.2017) erschüttert gelesen, so sehr mir sein Witz und seine Gedanken fast ganz und gar gefallen haben. Es drängt mich, eine Art Ergänzung zu schreiben, und zwar ausgehend von einer Kritik an Hartl, über die wir bei unserem Kennlernen sicher einig werden können. Er will antworten auf den „Vorwurf“, es ginge ihm „um eine subtile Vermittlung katholischer Inhalte“. Das gewährt Hartl auch und ich möchte dazwischenrufen: Natürlich, hoffentlich!

Er erklärt, was ihm seine protestantischen Freunde dabei vorwerfen: Katholiken glauben an die schrecklichsten Dinge, „zum Beispiel, dass man neben Gott auch noch die Himmelskönigin anbeten, mit Toten kommunizieren und sich den Himmel durch Ablassbriefe verdienen solle“. Das zu hören, ist für mich geradezu tröstlich, weil diese Vorwürfe offenbar immer dieselben sind, bei allen Protestanten. Mein liebster protestantischer Freund sagt auch immer eben dies: dass wir Katholiken Maria anbeten usw. Tröstlich ist das nur, weil die Vorwürfe so harmlos, so leicht widerlegbar wären, wenn, ja wenn sie nicht so „praktisch“ für die Kritiker wären, ganz beruhigt weiter Protestanten bleiben zu können und sich nicht einmal die Frage stellen zu müssen, ob und wo Jesus „Kirchen“ (in der Mehrzahl) auf einen, mehrere oder eben doch nur einen Felsen – welchen eigentlich? – bauen wollte.

Ich antworte immer: Seit Jahrhunderten erklären wir euch, dass wir Maria verehren, wie der Erzengel Gabriel auch, und nicht anbeten, wie der Engel auch nicht, und dass wir keine Toten „beschwören“ wie Saul den Propheten Samuel (1 Sam 28,13) und nicht mit ihnen „kommunizierend“ Spiritismus betreiben, sondern uns verhalten wie die Jünger auf dem Berg Tabor, die lebendigen Heiligen, Mose und Elia, und nicht Toten begegnet sind und wissen, dass diese bei Gott und daher nicht im heidnischen Sinn „tot“ sind, auch nicht was ihre Liebe zu uns angeht.

Und übrigens: Manche konnten, durften bei der Auferstehung Jesu aus den Gräbern kommen! Ach ja, ich will gar nicht anfangen aufzuzählen, was viele, viele Würdenträger in ihrer lutherischen Gemeinschaft (nicht „Kirche“) längst leugnen, obwohl es in der Bibel steht, die sie als ihren einzigen Maßstab so gerne hervorheben.

Vor allem aber, liebe evangelische Schwestern und Brüder, fehlt mir bei euch – vielfach auch bei uns Katholiken – die brennende Sehnsucht nach Einheit, brennend wie die Sehnsucht des hl. Paulus nach der Einheit mit seinen jüdischen Brüdern, die auch unsere sein sollte – nachzulesen im Römerbrief, statt der „Feier“ der Scheidung von den Katholiken! Liebe lutherische Freunde, wie lange, wie viele Jahrhunderte wollt Ihr noch protestieren? Ist das nicht geradezu pubertär? Und wie lange wollt Ihr Euren Luther verehren trotz seiner menschlichen Defizite, trotz seines Judenhasses und anderer Entgleisungen? Dass es auch bei den Katholiken Irrtum und Sünde gab und gibt, wissen wir und geben es auch zu. Aber der Verweis auf „andere, die doch auch…“ ist eine Strategie von streitenden Kindern. Sie ändert nichts an der kritischen Anfrage: „Wie lange noch?“!

An dieser Stelle noch eine Richtigstellung zu dem, was Hartl geschrieben hat: Natürlich wünsche ich mir, dass alle Menschen katholisch werden, und ich würde natürlich gerne den Dalai Lama und alle anderen Würdenträger anderer Religionen taufen und zu Christus bringen. Die Menschen anderer Religionen werde ich immer achten und ehren, aber wünschen würde ich mir, gerade weil ich sie achte, dass sie sich von Jesus finden lassen, dass sie Jesus finden und katholisch werden, dass sie im Licht leben dürfen und nicht im Schatten ihrer Irrtümer, die in jeder anderen Religion enthalten sind.

Ist nicht Jesus unser aller Maßstab? Und Er hat Seine Kirche gegründet, nur eine Kirche, und ihr Seine Ordnung mitgegeben mitsamt der Thora, also dem Gottesrecht. Heißt Ökumene nicht, dass wir uns nach Wiedervereinigung sehnen und wirklich leiden unter der Wunde unserer Scheidung, die so viel Unglück über die Welt gebracht hat?

Wenn wir die Reformation feiern, kommt es mir vor, als ob wir die erste Atombombe, einen Tsunami oder ein Erdbeben „feiern“ würden. Ohne die Trauer über das Geschehene und ohne die Sehnsucht nach einer neuen, nein: nach der alten Einheit wird Ökumene ihr Ziel niemals erreichen, weil sie dann kein Ziel mehr hat, ihr Ziel verloren hat. Ein gemeinsamer Besuch des Oktoberfestes, um ein Bild von Hartl aufzugreifen, ohne dass wir uns dabei die Krüge auf den katholischen oder lutherischen Kopf schlagen, weil wir doch ökumenisch sind, ist ein Fortschritt und heute vielleicht lustig, aber viel zu wenig! Jesus wollte mehr, Er wollte die Einheit der Seinen im Glauben, auch – aber nicht nur – in der Liebe.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2017
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Professor Dr. Alma von Stockhausen wurde 90

Verbindung von Glaube und Vernunft

Am 30. September feierte Prof. Dr. Alma von Stockhausen ihren 90. Geburtstag. Ihr Vater Franz Eduard von Stockhausen war Jurist und Historiker, der dem damals herandämmernden braunen Zeitgeist konterte und Hitlers „Mein Kampf“ das epochale Werk „Europas Kampf um Christus. Die Geschichte der christlichen Bewegung“ entgegensetzte. Ihre evangelische Mutter, eine geborene Gräfin von Bernstorff, hatte Philosophie studiert und war zum katholischen Glauben konvertiert.

Von Michael Hesemann

Die Philosophin Prof. Dr. Alma von Stockhausen wurde am 30. September 1927 im westfälischen Münster geboren. Ab 1946 studierte sie in Münster, dann in Göttingen und Freiburg Philosophie, Theologie und Geschichte, wurde Schülerin des großen Martin Heidegger, den sie später widerlegte, und fand ihren wahren Meister in Gustav Siewerth, dessen christliche Metaphysik auf Thomas v. Aquin zurückging. Auch Alma von Stockhausen hatte bereits 1954 bei Max Müller über Thomas v. Aquin promoviert. Nach ihrer Habilitation lehrte sie ab 1962 an der Universität Freiburg Philosophie, wo sie 1968 in die Turbulenzen der Studentenrevolte geriet. Immer wieder wurden ihre Vorlesungen von linken Studenten gesprengt, bis eine geregelte Lehrtätigkeit unmöglich wurde. Sie reagierte auf ihre Weise und lud die überzeugten Marxisten zunächst zum Essen, dann in ihr Haus im Südschwarzwald ein, wo sie ihnen dezidiert Marx widerlegte und ihnen den christlichen Glauben nahebrachte – nicht wenige wurden damals bekehrt. Aus diesen privaten Seminaren, zu denen sie immer häufiger namhafte Wissenschaftler, Philosophen und Theologen einlud, entstand schließlich die Gustav-Siewerth-Akademie.

So hochkarätig wie Alma von Stockhausens wissenschaftliches Wirken war auch die Feier ihres 90. Geburtstages, ausgerichtet vom Rektor der Gustav-Siewerth-Akademie, Albrecht Graf von Brandenstein-Zeppelin, zu der über hundert Gäste aus ganz Europa angereist kamen. Die Festmesse, bei der auch Priester aus ihrem Schülerkreis mitwirkten, zelebrierte der bekannte Liturgiewissenschaftler Pater Prof. Dr. Bernhard Vosicky OCist, Subprior des Klosters Heiligenkreuz, die Laudatio hielt Msgr. Winfried König vom vatikanischen Staatssekretariat. In einem Telegramm, das während des Pontifikalamtes verlesen wurde, gratulierte Papst Franziskus der Jubilarin zu ihrem segensreichen Wirken für die Philosophie und Theologie und würdigte ihren Beitrag zur Priesterausbildung. In einem persönlichen Schreiben erinnerte sich der emeritierte Papst Benedikt an die vielen persönlichen Gespräche in Bierbronnen, „in denen Sie ihre philosophische Vision entwickelten, die schließlich bis ins Geheimnis des lebendigen Gottes hineinreicht, die die Vernunft des Glaubens als Frucht der Anstrengung des Denkens sichtbar werden lässt. So ist dann in Bierbronnen die Gustav-Siewerth-Akademie entstanden, die vielen jungen Menschen Wegweisung wurde und trotz aller Schwierigkeiten noch immer einen wichtigen Dienst für das Zueinander von Denken und Glauben leistet“.  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2017
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Deutschlands Wiedergeburt nach dem Untergang (Teil 1)

Fatima und die junge Bundesrepublik

Prof. Dr. Wolfgang Koch und seine Frau Dorothea haben sich intensiv mit der Geschichte der Bundesrepublik beschäftigt. Eine zentrale Rolle bei der Wiedergeburt Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg spielte Bundeskanzler Konrad Adenauer. Durch langjährige Forschung kam das Ehepaar Koch zur Überzeugung, dass in der Anfangszeit der Republik das christliche Fundament Adenauers für alle großen politischen Weichenstellungen entscheidend war. Doch stießen sie auf einen weiteren Zusammenhang, von dem das Schicksal der deutschen Nation abhängen sollte, nämlich die Verbindung zu Fatima, der Blick auf die Gottesmutter. In einer Artikelserie, die mit nachfolgendem Beitrag beginnt, versuchen sie das Geheimnis der Wiedergeburt Deutschlands nach dem Untergang herauszuarbeiten – als Zeichen der Hoffnung für unsere Zeit.

Von Dorothea und Wolfgang Koch

Welch unerwartete Entdeckung ist der Marienfrühling der jungen Bundesrepublik! Im Schatten des Reformationsjubiläums zeigt Fatimas Jahrhundertfeier, wie wichtig Unsere Liebe Frau von Fatima für die Wiedergeburt Westdeutschlands wurde. Nach einem Untergang ohne Beispiel steht Maria also am Anfang unserer langen Epoche des Friedens und Wohlstands.

Zwischen der Gegenwart und der unmittelbaren Nachkriegszeit zeigen sich Parallelen – trotz aller Unterschiede. Daher interessiert uns Nachgeborene, was ein „Sterben der Kirche in den Seelen“, das Ida Friederike Görres 1946 diagnostiziert,[1] in unerwartetes Aufblühen verwandelte. Für Deutschland gilt zudem eine kühne, kaum bekannte Verheißung. Wie die Russlandprophetie Fatimas ist sie noch nicht erfüllt und weckt auch heute Hoffnung. Dachte der deutsche Papst Benedikt an sie, als er 2010 predigte: „Wer glaubt, dass die prophetische Mission Fatimas beendet sei, der irrt sich“?[2]

Der sorgenvolle Ruf der Gottesmutter in Fatima

Als Maria 1917 drei Kindern am äußersten Rand Europas erscheint, versuchen Freimaurer das Christentum in Portugal auszulöschen, foltern Priester und Ordensleute, bedrohen auch die Kinder mit dem Tod, senden Soldaten gegen Pilger, sprengen die Kapelle, die Maria errichten ließ. Es tobt ein Krieg nie gekannter Schrecken, Vorspiel des schrecklicheren Weltenbrands, der aus Deutschland hervorbrechen sollte. Wegen der Sünden werde er kommen, kehrten die Menschen nicht um, prophezeit Maria. Kurz vor ihrem ersten Erscheinen bricht Lenin auf, um die Fackel der Revolution in eine morsche Welt zu werfen. Unendliches Leid werde aus den Irrtümern entstehen, die sich von Russland verbreiten.

Hinreißend schön erscheint Maria inmitten aller Bedrängnis mit Menschenmaß übersteigender Liebe, weckt Gegenliebe in den Kindern und Gläubigen, die bald in großer Zahl kommen, und das Verlangen nach Sühne, „teilnehmender Miterlösung“. Denn jeder ist gerufen, an der Erlösung seiner selbst, der Nächsten, der Welt opfernd mitzuwirken. Aus Liebe zeigt Maria die Schrecken der Hölle, Folge der Sünde, des zerstörenden Missbrauchs der Freiheit, und bietet ihr Unbeflecktes Herz als Zuflucht und Weg, der zu Gott führt.

Die Hoffnungslosigkeit im zerstörten Nachkriegsdeutschland

In die Ruinen Deutschlands, eines nach zwölf Jahren verbrecherischer Gewaltherrschaft und sechs Jahren brutalsten Krieges zerstörten Landes, strömen nach 1945 zwölf bis fünfzehn Millionen traumatisierte Flüchtlinge und Vertriebene,[3] die von einer nicht weniger traumatisierten, ausgebombten und verelendeten Ortsbevölkerung anderer Mentalität, oft auch verschiedener Konfession, aufgenommen und integriert werden mussten. Hunderttausende innerlich gebrochene, halb verhungerte Kriegsgefangene, oft versehrt oder verstümmelt, kamen hinzu. Rund eine Million Wehrmachtsangehörige galt als vermisst. Und in all dies Elend der schwer zerstörten und übervölkerten Heimatorte kehren mehrere Millionen Mütter und ihre Kinder allmählich zurück, die vor den Luftangriffen in Sicherheit gebracht worden waren, so sie denn überlebt hatten.[4]

Im kalifornischen Exil schildert Thomas Manns Roman Doktor Faustus das Verhängnis der deutschen Geistesgeschichte von der Reformation bis zum Untergang Deutschlands, das dennoch wiedergeboren werden sollte: „Heute stürzt Deutschland, von Dämonen umschlungen, über dem Auge die Hand und mit dem anderen ins Grauen starrend, hinab von Verzweiflung zu Verzweiflung. Wann wird es des Schlundes Grund erreichen? Wann wird aus letzter Hoffnungslosigkeit, ein Wunder, das über den Glauben geht, das Licht der Hoffnung tagen? Ein einsamer Mann faltet seine Hände und spricht: Gott sei eurer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland."[5]

Der erschütternde Schluss des Romans ist von dem Verdammten inspiriert, der auf Michelangelos Altarfresko der Sixtinischen Kapelle den Betrachter mit einem aufgerissenen Auge verzweifelt anstarrt. Der Gedanke an die Höllenvision der Hirtenkinder am 13. Juli 1917 drängt sich auf und der Wunsch Mariens vom 19. August: „Betet, betet viel und bringt Opfer für die Sünder, denn viele Seelen kommen in die Hölle, weil sich niemand für sie opfert und für sie betet."[6] 1947 wird Doktor Faustus den deutschen Lesern zugänglich und zur Weltliteratur. Auf den letzten Seiten begegnet dem Leser eine anrührend gezeichnete Muttergestalt, „entschlossen, ihr verirrtes Kind in die Kindheit zurückzuholen“. Der im Wahnsinn versunkene Leverkühn, ein literarisches Bild Friedrich Nietzsches, des Endpunktes einer bösen Entwicklung mit innerer Logik, lag „lang bebend an der Brust der Frau, die er Mutter und Du nannte, […] und sie sprach ihm zu mit ihrer immer noch melodischen Stimme“ – eine säkulare Pietá.

„Eines der religionslosesten und unchristlichsten Völker Europas“

Auch das Christentum schien unterzugehen. Vor seinem unerwarteten Wiederaufblühen hält Adenauer die Deutschen des Jahres 1946 „für eines der religionslosesten und unchristlichsten Völker Europas. Das war schon so vor 1914."[7] Der Zeithistoriker Andreas Rödder deutet die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als „erste Globalisierung“ und sieht überraschende Analogien zur Gegenwart,[8] die nach den Weltkriegen und dem Ende des Kalten Krieges an diese Epoche anknüpfe. Adenauers Situationsanalyse ist illusionslos: „Das deutsche Volk ist zurzeit in einem derartigen geistigen und seelischen Zustand, es ist derartig alles, schlechthin alles, in ihm zusammengebrochen, die Erziehung der jüngeren Generation ist so vernachlässigt, […] dass man schon die tiefsten Kräfte, die in jedes Menschen Seele schlummern, wecken muss: das sind die religiösen, um es wieder der Gesundung entgegenzuführen. In erster Linie ist das Sache der Kirchen. Aber bei unseren chaotischen Zuständen überschneiden sich noch mehr als sonst öffentliches Leben und religiöse Bereiche.“ Damals gelang es offenbar, jene „tiefsten Kräfte“ zu wecken.

Wie schwer eine Wiedergeburt werden würde, wusste Papst Pius XII., der zum Symbol eines geistigen und religiösen Neubeginns werden sollte, so wie Adenauer den Wiederaufbau Deutschlands versinnbildlicht. In seiner Radiobotschaft zum Heiligen Abend 1945 fragt Pius XII. die Welt: „Haben wir nun Frieden, den wahren Frieden? Nein. Nur die Nachkriegszeit. Wieviel Zeit wird erforderlich sein, um die sittliche Not zu beheben, welche Mühen, bis so viele Wunden vernarbt sind? Heute, wo es um den Aufbau geht, beginnen die Menschen einzusehen, wieviel Umsicht, Ehrlichkeit und guter Wille notwendig sind, um die Welt aus den physischen und geistigen Ruinen wieder zum Recht und zum Frieden zu führen?"[9]

Fatima wird zum Anker und Neubeginn

In all dieser Aussichtslosigkeit wird Fatima-Frömmigkeit für viele Katholiken zum Anker und Neubeginn – auch für Konrad Adenauer, den ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik, ein Mitglied der Blauen Armee Mariens. Thomas Manns Sohn Golo, der große Historiker und selbst ohne religiöse Bindung, spricht von Adenauer als „einem Staatsmann der Sorge“, als „dem Christen, der in einer historisch informierten, schlichten, starken Philosophie Rat fand“, „der die historisch beispiellose Situation von 1945 früh und klar verstanden“ hatte. „Tapfer und neugierig“ sei er den Wiederaufbau Deutschlands angegangen, der dennoch keine „Wiederherstellung“ gewesen sei: „Was war Europa einmal gewesen?“, fragt er. „Alles“, antwortet er sich selbst und seinen Lesern. „Was war es jetzt? Nichts. Was sollte es wieder werden? Etwas. Und es wurde wieder etwas."[10]

Dem Geheimnis dieses „Etwas“ möchte eine hiermit beginnende Artikelserie nachspüren, das aus den Trümmerlandschaften wenigstens in Westdeutschland erstaunlich bald wieder erwuchs. Adenauer spricht von den „bitteren, harten Zeiten“ und schildert bewegt und noch heute bewegend, wie ihn der Anblick der Maria in den Trümmern erschüttert habe, wie die gotische Statue der jungfräulichen Mutter mit ihrem göttlichen Sohn im rheinischen Stil genannt wurde. Sie war als Einziges einer Kirche inmitten der Trümmerwüste übrig geblieben. So wie das Köln des Jahres 1945 das Symbol des zerstörten christlichen Abendlands war, werden das mütterliche Marienbild und mit ihm Unsere Liebe Frau von Fatima zur Quelle religiöser Erneuerung, die weit in die Gesellschaft ausstrahlte.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2017
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[1] I. F. GÖRRES (1946): Brief über die Kirche, in: Frankfurter Hefte 1 (1946), 715-733.
[2] BENEDIKT XVI. (2010): Predigt am 13. Mai 2010, online: www.vatican.va
[3] Vergl. Ray M. DOUGLAS: „Ordnungsgemäße Überführung“ – Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, München 32012.
[4] D. GEPPERT (2002): Die Ära Adenauer, Darmstadt, 32012, 79.
[5] Th. MANN (1947): Doktor Faustus – Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, Frankfurt a. M. 2007, 738.
[6] L. DOS SANTOS (1935-1941): Schwester Lúcia spricht über Fatima, Bd. I. Memórias I-IV. Fátima, 92007, 192.
[7] K. ADENAUER (1946): Grundsatzrede am 24.3.1946, in: Reden 1919-1967, hrsg. von H.-P. SCHWARZ, Stuttgart 1975, 88f.
[8] A. RÖDDER (2015): 21.0 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart, München, 42ff.
[9] PIUS XII. (1945): Radiobotschaft vom 24.12.1945, www.vativan.va
[10] G. MANN (1976): Konrad Adenauer – Der Staatsmann der Sorge, in: Ders.: Zeiten und Figuren, Frankfurt a. M. 1979, 342ff.

Aus dem Erfahrungsschatz eines leidenschaftlichen Seelsorgers

Bruder Tod

Kurienkardinal Vincenzo Paglia ist Mitbegründer der 1968 entstandenen geistlichen Gemeinschaft Sant’Egidio. Seit dieser Zeit engagierte er sich in der Betreuung von Alten, Kranken, Behinderten und Armen, besonders jedoch für den Frieden und die Überwindung jeder Form von kriegerischen Auseinandersetzungen. Johannes Paul II. ernannte ihn 2000 zum Bischof von Terni, Benedikt XVI. 2012 zum Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Familie und Papst Franziskus am 15. August 2016 zum Großkanzler des Päpstlichen Instituts „Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie“ und zum Präsidenten der Päpstlichen Akademie für das Leben. In seinem neuen Buch „Bruder Tod – In Würde leben und in Würde sterben"[1] setzt er sich auf dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit dem Sinn von Leben und Tod auseinander. Im Horizont einer für alle nachvollziehbaren humanistischen Sicht geht er besonders auf das Problem der Euthanasie ein. Nachfolgend eine Zusammenstellung ausgewählter Abschnitte, die einen ersten Einblick in die Art dieses wertvollen Werkes gewähren.

Von Erzbischof Vincenzo Paglia

Ich möchte hervorheben, wie viel die Gemeinschaft Sant‘Egidio durch ihren Erfahrungsschatz zu diesen Seiten beigesteuert hat. Ihre langjährige aufmerksame, liebevolle und fürsorgliche Begleitung alter Menschen und Sterbender, unter denen aufgrund der hohen Sterblichkeitsrate wegen AIDS auch viele Jüngere waren, machte es dringend erforderlich, geeignete Gesten und Worte zu finden, die in der Lage sein würden, die Herzen zu erwärmen und den Menschen in den schwierigsten Momenten des Lebens und des Todes Trost zu spenden, vor allem, wenn sie von bitterem Leid gezeichnet waren. Die aus der Begleitung dieser Menschen gewonnenen Erfahrungen haben zu einem reichen Wissensschatz geführt, der dabei hilft, den Menschen, die an der Schwelle zum Tod stehen, leidenschaftlich und folglich mit größter Aufmerksamkeit beizustehen.

Anderen zur Last fallen

Oft habe ich von alten Menschen gehört, dass sie niemandem zur Last fallen wollen und sich deshalb wünschen, früh zu sterben, sich still und leise von dannen zu machen, eben um keine Umstände zu bereiten, um keine Bürde zu sein. Diesen wiederkehrenden Refrain hört man regelmäßig, ohne sich der darin verborgenen Traurigkeit bewusst zu werden. Diese geschwächten und hilfsbedürftigen Alten – die vielleicht selbst unglaubliche Opfer gebracht haben, um Familienangehörigen zu helfen – scheinen es aufgrund ihres Gewissens für richtig zu halten, Hilfe abzulehnen, doch in Wahrheit rührt dieser Gedanke von der mangelnden Großzügigkeit der anderen her. Aber wie kann es sein, dass man sich schuldig fühlt, wenn man in einem Moment der Schwäche Hilfe benötigt? Und wenn man sich der Tatsache bewusst wird, dass einer von fünf Menschen im Alter von 85 Jahren nicht mehr selbstständig und somit auf Hilfe angewiesen ist, begreift man auch die Grausamkeit einer solchen Überzeugung, die aus der Kaltherzigkeit jener erwächst, die weder helfen noch Beistand leisten wollen. Leider rechtfertigt die Härte der Gesunden die Resignation der Alten. Nicht wenige Alte (und auch Jüngere, die gerade erst anfangen, in die Jahre zu kommen) werden unter anderem durch diesen Gedanken dazu getrieben, an Sterbehilfe zu denken.

Marina Sozzi erzählt von einer öffentlichen Versammlung, bei der über Euthanasie und Leben im Alter diskutiert wurde. Eine Frau mittleren Alters berichtete von der langen und ungemein anstrengenden Betreuung ihrer Mutter. Und sie schloss damit, sie würde niemals zulassen, dass ihre eigenen Kinder auf ihr Leben verzichteten, um sie zu pflegen. Deshalb trat sie für die Legalisierung der Euthanasie ein. Die Autorin kommentiert dies mit den Worten: „An jenem Abend herrschte eine seltsame und schwer zu beschreibende Stimmung – ein krasser Enthusiasmus angesichts der Themen Euthanasie und Selbstmord, wo doch beides immer den Tod eines Menschen bedeutet, wenn auch einen gewollten. Die Verbindung zwischen der Krankheit alter Menschen und Euthanasie, die diese Frau sah, beunruhigte mich, denn es erschien ein bisschen so, als wolle man einen Tod nach Plan für alte Menschen festlegen.“ Sie schließt mit den Worten: „In den Überzeugungen dieser Frau schwingt für mich die Gefahr mit, dass sich das Recht zu sterben in eine Pflicht zu sterben verwandeln könnte, die insbesondere für die Alten gilt."[2] Viele sagen inzwischen, sie würden ihren Kindern keine Bürde sein wollen, und wären daher bereit, sollten sie später einmal krank und dadurch abhängig von ihnen werden, den Weg des assistierten Selbstmords oder der aktiven Euthanasie zu beschreiten. Eine solche Denkweise ist Teil einer extrem individualistischen Auffassung der menschlichen Existenz, die nicht bedenkt, dass es unerlässlich ist, für einander da zu sein. Niemand ist eine reine Bürde für den anderen, ohne dabei nicht auch gleichzeitig ein Geschenk zu sein. Dieses Bewusstsein muss mit größerem Nachdruck gefördert werden, um die Gesellschaft menschlicher und das Leben würdevoller zu gestalten.

Die Altersdemenz

Ein besonderer, aber gleichwohl bedeutender Aspekt des Zustandes im Alter ist der Gedächtnisverlust oder, allgemeiner, der Verlust der kognitiven Fähigkeiten. Demenz (Alzheimer und andere Krankheitsbilder) tritt sehr häufig auf: Allein in Italien sind davon schätzungsweise 500.000 Personen betroffen. Es liegt auf der Hand, dass wir es hier mit einem Zustand zu tun haben, der vor allem in den fortgeschrittenen Stadien zu einer nahezu vollständigen Abhängigkeit führt. Kaum ein Zustand erschreckt uns mehr als der Verlust des „Verstandes“, der Verlust der Ausdrucks- und Beziehungsfähigkeit, das Urteil, vollkommen von jemand anderem abhängig zu sein beziehungsweise den anderen in allem unterstützen zu müssen. Also beschließen wir, dass dies kein würdevolles Leben mehr sei.

Doch fragen wir uns zunächst einmal: Deckt sich der Verstand mit dem Gehirn? Mit der Persönlichkeit? Mit dem Gewissen? Mit der Seele? Neurowissenschaftler tendieren heute eher zu der Annahme, dass es vielmehr die Gesamtheit der synaptischen Verbindungen des Gehirns und der Körperperipherie (das sogenannte „Konnektom“) sei, die den Verstand ausmache.[3] Dabei spielt, wie inzwischen erkannt wurde, insbesondere das periphere Nervensystem, das für die Wahrnehmung sensorischer Signale zuständig ist, eine immens wichtige Rolle bei dem, was als Verkörperung des Verstandes bezeichnet werden kann. Dieser ist tatsächlich niemals – das wird bei genauerer Betrachtung offensichtlich – eine abstrakte unkörperliche Entität, losgelöst von der Körperlichkeit der Beziehungen und Verbindungen mit eben dem Körper und dem ihn umgebenden Umfeld. Können wir sicher sein, dass ein Demenzkranker keine Empfindungen oder Wünsche hat, dass ihm Gefühle wie Schmerz, Sehnsucht, Wut, Traurigkeit über seinen Zustand, seine Behandlung und das, was er um sich herum sieht oder hört, fremd sind? Ist es denn nicht so, dass die Anwesenheit anderer Menschen zu einem Rettungsanker wird, der dabei hilft, die Bruchstücke der Erinnerungen an das eigene Leben und folglich der eigenen Identität wieder zusammenzufügen, um nicht in einem Zustand der völligen Orientierungslosigkeit zu versinken? Ein jeder von uns ist und existiert nicht nur im Zusammenhang mit den eigenen Gedanken, sondern auch mit der physischen Umgebung sowie dem persönlichen sozialen Netz, der eigenen Zugehörigkeit, den Interaktionen mit unseren Liebsten. Daher erweist es sich als umso wichtiger, einen Menschen, der mit schwerwiegenden kognitiven und kommunikativen Beeinträchtigungen zu kämpfen hat, nicht sich selbst zu überlassen.

Die über 14 Millionen allein in Europa an Demenz erkrankten Menschen wollen als das betrachtet werden, was sie sind, nämlich als Menschen, gezeichnet von einem Mysterium, das über ihren aktuellen Zustand hinausgeht, als Menschen, die leiden und einen großen Wunsch nach Freundschaft, Mitgefühl und Verständnis verspüren. Es ist eine Frage, auf die wir eine Antwort finden und die wir im Herzen bewahren müssen. Die Heilige Schrift fordert zu Recht, dass Vater und Mutter nach wie vor zu ehren seien, auch wenn sie den Verstand verlieren sollten: „Mein Sohn, nimm dich deines Vaters im Alter an. […] Auch wenn sein Verstand abnimmt, sieh es ihm nach, und verachte ihn nicht, wenn du in der Blüte deiner Jahre stehst. […] Ein Frevler ist, wer seinen Vater im Stich lässt, und vom Herrn verflucht, wer seine Mutter erzürnt“ (Sir 3,12–16).

Euthanasie und Martyrium

Einer weitverbreiteten Meinung zufolge ist die Debatte um die Sterbehilfe von Unbestimmtheit, Mehrdeutigkeit und Verwirrung geprägt. Wir befinden uns inmitten eines babylonischen Gewirrs aus Bedeutungen, und man darf getrost behaupten, dass es wohl keinen schwammigeren Begriff als den der Euthanasie gibt. Und doch ist seine etymologische Bedeutung unzweifelhaft belegt: „schöner, leichter Tod“.

Seit mehr als zweitausend Jahren, seitdem er Eingang in die griechisch-römische Welt fand, wurde er stets im Sinne von „schöner Tod“ und niemals als Tötung eines Patienten durch einen Arzt gebraucht, und das, obwohl Selbstmord keineswegs als anrüchig galt. Das wohl am häufigsten in diesem Zusammenhang zitierte Beispiel dürfte das des Geschichtsschreibers Sueton sein, der sich des Begriffs „Euthanasie“ bediente, als er den Tod Kaiser Augustus‘ schilderte, der heiter in den Armen seiner Gemahlin entschlief, nachdem ihm eben jene euthanasian zuteilgeworden war, die er sich stets für sich und die Seinen erhofft hatte. Von Anfang an haftete diesem Terminus eine gelehrte Konnotation an, doch war er mitnichten so negativ aufgeladen wie heute.

Marco Cavinas kürzlich erschienene Abhandlung über die Geschichte der Euthanasie beinhaltet etliche Denkanstöße. Er vertritt die Auffassung, dass es entgegen der vorherrschenden Meinung seit der Antike bis heute in der Geschichte Europas heimlich weitverbreitete Kulturen – wiewohl in der Minderheit – gegeben habe, die die Euthanasie billigten.[4] Solch eine Behauptung verlangt eine aufmerksamere Betrachtung, will man nicht Gefahr laufen – wie es meiner Ansicht nach Cavina ergangen ist –, die Begriffe Euthanasie, Selbstmord und Martyrium in unzulässiger Weise zu vermischen.

Mit der Entstehung des Christentums verschwindet der Begriff „Euthanasie“ aus dem Vokabular, während sich gleichzeitig die Begleitung des Sterbenden zur moralischen Pflicht entwickelt. Die zwei Jahrtausende christlicher Geschichte umfassende Abhandlung von Marco Cavina belegt, dass der christliche Gedanke von jeher den Wert des Lebens über alles stellt und jeder Haltung ablehnend gegenübersteht, die Suizid oder Euthanasie befürwortet. Sicherlich gab es im Lauf der Geschichte immer wieder unterschiedlichste Fälle von Selbsttötungen. Doch ändert dies nichts an der Tatsache, dass die christlichen Wertvorstellungen trotz des Wissens um die Qualen unheilbar Kranker stets jede Form von Selbstmord und Beihilfe zum Selbstmord ausschlossen.

Ganz anders verhält es sich mit dem Martyrium, wobei ich dieses Thema nur kurz streifen möchte, um unnötigen begrifflichen Verwirrungen und gefährlichen Fehlinterpretationen vorzubeugen. Denn wie schon der alte Aphorismus Nomina sunt substantia rerum („Wörter sind das Wesen der Dinge“) uns gemahnt, vermag ein Durcheinander der Begrifflichkeiten auch Verwirrung im Leben zu stiften. Lassen Sie mich daher den Begriff des Martyriums, wie er im Christentum verstanden wird, kurz einordnen: Der Märtyrer nimmt sich niemals das Leben, sondern schenkt es Gott. Aus Nächstenliebe und um seinem Glauben treu zu bleiben, geht er bis zum Äußersten – dem Tod. Ganz eindeutig handelt es sich hier also um einen völlig anderen Bereich als den der Euthanasie und des Selbstmords.[5] Gerade in Anbetracht der unfassbaren Zahl an christlichen Opfern, die im 20. Jahrhundert getötet wurden, weil sie ihren Glauben gegen totalitäre Gewalt und mörderische Ideologien verteidigten, kann dieser Bedeutungsunterschied nicht deutlich genug hervorgehoben werden. Man nennt sie auch „Neue Märtyrer des Christentums“, diese riesige Heerschar von Gläubigen, die nicht nur im letzten Jahrhundert, sondern auch heute noch ihren Glauben an Liebe, Gerechtigkeit und Frieden dadurch bezeugen, dass sie sich diktatorischen und blutrünstigen Regimen widersetzen und dafür mit ihrem Leben bezahlen.[6]

Stellvertretend für all jene sei Óscar Arnulfo Romero, der Erzbischof von San Salvador, genannt, der für seine bis zuletzt selbstlose Verteidigung der Armen umgebracht wurde.[7] Seine Geschichte ist das Zeugnis eines Mannes, der Gewaltlosigkeit zur Maxime seines Lebens erhob, selbst wenn er es dadurch verlieren sollte. Genau wie es im Evangelium geschrieben steht: „Eine größere Liebe hat niemand als die, dass er sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh 15,13). Solche Zeugnisse – und vor allem die Opfer, die sie erbracht haben – sind das genaue Gegenteil einer jeden Entscheidung für Gewalt oder, schlimmer noch, für den Terrorismus. Wer diesen Weg wählt, mag sich vielleicht auf Religion berufen (wie im Fall der fanatischen Dschihadisten[8]), aber mit religiösem Glauben hat dies nichts zu tun. Doch das sei nur am Rande erwähnt (wobei dieses Thema durchaus eine eingehendere Betrachtung verdient), um eventuell falschen Schlüssen, die sich aus unklaren Begrifflichkeiten ergeben könnten, vorzubeugen.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)


[1] Erzbischof Vincenzo Paglia: Bruder Tod – In Würde leben und in Würde sterben, Herder Verlag 2017, gebunden mit Schutzumschlag, 304 Seiten, ISBN 978-3-451-37844-7, Euro 25,00.
[2] M. Sozzi: Sia fatta la mia volonta, Bari 2014, 242-243.
[3] Siehe I. Aranyosi: The Peripheral Mind, Oxford 2013.
[4] Vgl. M. Cavina: Andarsene al momento giusto. Culture dell’eutanasia nella storia europea, Bologna 2015, 15
[5] Zur Bedeutung des christlichen Martyriums siehe auch J. C. Larchet: Une fin de vie paisible sans doleur, sans honte…, Paris 2010, 29-37; der Autor schließt mit den Worten: „Insgesamt widersprechen die patristischen Texte eindeutig der Gleichsetzung von Martyrium und Suizid, wie es manche Autoren machen.“ Eine weitere interessante Studie zu diesem Thema ist die von P. Brown: Il riscatto dell’anima. Aldilà e ricchezza nel primo cristianesimo occidentale, Torino 2016, in der der Autor das Martyrium als höchstes Zeugnis der Liebe zu Gott und Glaubenstreue definiert. Bei Marco Cavina ist zu finden, wie Kaiser Julian die Christen verspottet: „Ihr wünscht euch den Tod, wir geben ihn euch; worüber beklagt ihr euch dann?“, vgl. M. Cavina: Andarsene al momento giusto, 65.
[6] Für eine umfassende Betrachtung sei auf die Studie von A. Riccardi: Il secolo del martirio. I cristiani nel Novecento, Milano 2000, verwiesen.
[7] R. Morozzo della Rocca: Primero Díos. Vita di Oscar Romero, Milano 2005.
[8] Ich führe dieses Thema nicht weiter aus und verweise stattdessen auf eine Untersuchung von F. Khosroklhavar: La visione della morte nei giovani jihadisti europei, in: Vedere oltre. La spiritualtià dinanzi al morir nelle diverse religioni, hg. von I. Testoni, G. Bormolini, E. Pace, L. V. Tarca, Torino 2015, 279-306.

„Der Wert des menschlichen Lebens“

Sterbende brauchen unsere Nähe

Im Rahmen des Weltfriedenstreffens, das die katholische Gemeinschaft Sant‘Egidio dieses Jahr in Deutschland organisiert hatte, wurde am 11. September 2017 in Münster das Buch „Bruder Tod – In Würde leben und in Würde sterben"[1] von Kurienerzbischof Vincenzo Paglia vorgestellt. Dr. Manfred Lütz, Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln, hat zu diesem Buch eine Einführung geschrieben. So war er eingeladen, bei der Präsentation einen Vortrag zu halten. Er nützte die Gelegenheit, um „Grundfragen“ anzusprechen, die sich im Zusammenhang mit dieser Thematik stellen. Nachfolgend sein humorvoller Vortrag, der die reiche Lebenserfahrung eines gläubigen Psychotherapeuten widerspiegelt.

Von Manfred Lütz

Schon lange beobachte ich, dass wir inzwischen in einer Gesundheitsgesellschaft leben. Viele Menschen glauben nicht mehr an den lieben Gott, sondern an die Gesundheit und alles, was man früher für den lieben Gott tat, wie Wallfahren, Fasten und gute Werke vollbringen, das tut man heute für die Gesundheit.

Ernste ethische Konsequenzen der herrschenden Gesundheitsreligion

Es gibt Menschen, die leben überhaupt nicht mehr richtig, sondern die leben nur noch vorbeugend und sterben dann gesund. Aber auch wer gesund stirbt, ist leider definitiv tot. Die unbändige Sehnsucht der Menschen nach ewigen Leben und ewiger Glückseligkeit ist ungebrochen, aber sie spielt sich heute oft nicht mehr in den klassischen Religionen, sondern in Medizin und Psychotherapie ab. Bei Nichterfüllung: Klage, versteht sich. Gesundheit gilt allenthalben als höchstes Gut und zugleich als herstellbares Produkt: Man muss etwas tun für die Gesundheit, von nichts kommt nichts, wer stirbt, ist selber schuld. Und so rennen die Leute durch die Wälder, essen Körner und Schrecklicheres – und sterben dann doch. Die Sakralisierung der Gesundheit und zugleich ihre Unerreichbarkeit sind aber ökonomisch höchst attraktiv. Ein erreichbares Ziel ist wirtschaftlich uninteressant. So hat die überholte utopische Definition der Weltgesundheitsorganisation aus den 50-er Jahren, Gesundheit sei „völliges körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden“ unabsichtlich mit beigetragen zu dem grenzenlosen Gesundheits-Hype, der immer noch anhält. Dagegen hat Friedrich Nietzsche pragmatisch definiert: „Gesundheit ist dasjenige Maß an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen“. Und Gesundheit ist zwar ein hohes Gut, doch keineswegs das höchste.

Man mag den herrschenden Gesundheitswahnsinn für unfreiwillig komisch halten oder für den Exzess einer exzessiven Gesellschaft. Doch hat die weitgehend unwidersprochen herrschende Gesundheitsreligion sehr ernste ethische Konsequenzen. Wenn nämlich der gesunde, leistungsfähige, erfolgreiche Mensch der eigentliche Mensch ist, dann ist der kranke, vor allem der unheilbar kranke, der behinderte Mensch ein Mensch zweiter oder dritter Klasse. „Hauptsache gesund“ ist ein gedankenloser üblicher Kommentar, wenn jemand erzählt, er habe ein Kind bekommen. Eine 32-jährige junge Frau schrieb mir, sie habe seit Geburt einen schweren Herzfehler, an dem sie schon sechs Mal operiert worden sei, die These, Gesundheit sei die Hauptsache, sei für sie eine diskriminierende Frechheit. Dann hätte sie ja nie die Hauptsache des Lebens gehabt, aber sie liebe jeden Tag ihres Lebens, sie liebe auch ihre Kinder – von denen die Ärzte ihr wegen ihres Herzfehlers abgeraten hätten. Doch die milliardenschwere Gesundheitsindustrie lebt einerseits formal von der religiösen Verklärung des Gesundheitsbegriffs, andererseits inhaltlich von seiner utopischen Unerreichbarkeit, wodurch niemand wirklich ganz sicher sein kann, ob er tatsächlich gesund ist. „Gesund ist eine Person, die nicht ausreichend untersucht wurde“, unkte einmal ein berühmter Internist. Schon was die psychische Gesundheit betrifft, traue ich mir als Psychiater und Psychotherapeut zu, durch ein 20-minütiges Gespräch über Ihre frühe Kindheit eine kleine Depression bei Ihnen auszulösen – egal wie die frühe Kindheit verlaufen ist.

Christentum als Gegenbild zum heutigen Leistungs- und Erfolgskult

Ein weiteres Problem ist die grassierende Casting-Mentalität. Schon Jugendliche werden darauf getrimmt, dass Leistung und Erfolg entscheidend für ein gelingendes Leben sei. Dabei ist das völliger Unsinn. Als wir zur Feier des Endes der Pubertät unserer beiden Töchter ein großes Fest gegeben haben, hatte ich als Vater ein paar Worte zu sagen. Da habe ich unsere Freude über unsere Töchter zum Ausdruck gebracht, über ihre Liebe zu den Menschen, über ihr soziales Engagement und ich habe ihnen Glück und Gottes Segen für ihr Leben gewünscht – aber ausdrücklich keinen Erfolg. Denn Erfolg ist nicht wichtig im Leben. Man soll vielmehr die Fähigkeiten, die der liebe Gott einem gegeben hat, fleißig einsetzen, doch ob man damit dann Erfolg hat, das hängt von so vielen Zufällen ab, das ist nicht wirklich wichtig im Leben. Junge Menschen werden heute systematisch unglücklich gemacht, indem sie angehalten werden, sich andauernd mit anderen Menschen zu vergleichen, die andere Fähigkeiten haben als sie selbst, deswegen heißten sie ja die anderen. Und in Amerika herrscht zur Zeit ein Präsident, dem man wohl beigebracht hat, dass Erfolg alles ist, selbst wenn man keine Fähigkeiten besitzt.

Das Christentum ist geradezu das Gegenbild zur Gesundheitsreligion und zum Leistungs- und Erfolgskult unserer Tage. Für die Christen waren nicht die starken, die gesunden, die leistungsfähigen die maßgeblichen Menschen, sondern die Armen, die Notleidenden, die Kranken, die Alten und die Schwachen. Das war damals etwas völlig Neues. Das Christentum hat das Mitleid erfunden. Die antiken Heiden kannten kein Mitleid. Wer behindert oder gebrechlich war, den liebten die Götter nicht und es war daher nicht gut, sich allzu sehr mit ihm zu befassen, um nicht auch noch vom Schicksal geschlagen zu werden. Behinderte werden auch heute noch in vielen Kulturen von ihren Familien schamhaft versteckt. Dabei kann Behinderung auch eine Fähigkeit sein. Ich habe vor 35 Jahren in Bonn eine Gruppe von behinderten und nichtbehinderten Jugendlichen ohne professionelle Betreuer gegründet, die noch heute besteht, und da habe ich erlebt, dass viele meiner geistig behinderten Freunde mehr echte menschliche Herzlichkeit besitzen als wir Normopathen. Auch die Gemeinschaft Sant‘Egidio hat diese Erfahrungen gemacht und meine Gruppe hat in Rom mehrfach deren erfolgreiche Behinderten-Initiativen kennenlernen können. Unmündige Kinder, die gar nichts „leisten“, können das Glück einer Familie sein und erfüllen ihre Umgebung überall mit Freude, sicher nicht immer, aber doch zumeist. Auch alte Menschen, die längst nicht mehr im Arbeitsprozess stehen, können mit ihrer Lebensweisheit ihre Mitmenschen zutiefst bereichern. Denn sie wissen mehr vom Leben als jeder gut ausgebildete junge Psychotherapeut. Und manche Menschen, die an Demenz erkranken, werden dann erheblich liebenswürdiger als sie es in gesunden Zeiten waren. Damit soll das Leid, das in all diesen Zuständen auch eintritt, nicht geleugnet oder überspielt werden, aber dies Leid ist eben nicht alles und Leid ist ohnehin unvermeidlich im Leben jedes Menschen. Der Auschwitz-Überlebende Jehuda Bacon, mit dem ich ein Buch gemacht habe, hat mich gelehrt, dass man auch im Leid Sinn erleben kann.

„Ich möchte eines Tages nicht auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sein“

Der widerlichste, der rücksichtsloseste, der menschenverachtendste Satz, den ich kenne, ist der Satz: „Ich möchte eines Tages nicht auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sein.“ Er klingt so ganz harmlos, aber während jemand das sagt, meint er selbst ja, nicht auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen zu sein, doch gleichzeitig braucht der demenzkranke Nachbar Hilfe, die behinderte Nichte, das kleine Kind der Freunde und er will nicht sein wie die. Und in Wahrheit ist dieser Satz auch kompletter Unsinn, denn jeder Mensch ist auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen. Wir könnten uns hier gar nicht treffen, wenn es nicht Menschen gäbe, die Stühle anfertigen, auf denen wir sitzen können etc. Jeder Mensch ist auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen, am Anfang und am Ende des menschlichen Lebens etwas mehr und in der Zeit dazwischen können wir ein bisschen den Menschen am Anfang und am Ende helfen. Das ist der Kern von Menschlichkeit. Der Mensch ist ein soziales Wesen.

Gregor Gysi, der langjährige Vorsitzende der Linken in Deutschland hat in der Evangelischen Akademie in Tutzing gesagt, er sei Atheist, aber er habe Angst vor einer gottlosen Gesellschaft, weil der die Solidarität abhanden kommen könne, Sozialismus sei schließlich nichts anderes als säkularisiertes Christentum. Und deswegen war es kein Wunder, dass es auch Vertreter der Linken waren, die im Deutschen Bundestag gegen die gesetzliche Ermöglichung des ärztlich assistierten Suizids eintraten. Denn wenn eine Gesellschaft ihren leidenden Mitgliedern nicht mehr Mitleid, Beistand und Hilfe leistet, sondern sie drängt, den Ausgang zu wählen, um niemandem mehr zur Last zu fallen, dann wäre es bloß zynisch, das für Selbstbestimmung zu erklären. Es würde eiskalt in einer Gesellschaft, die nicht mehr alles daran setzt, das Leid, sondern den Leidenden abzuschaffen. Wenn es eine gesetzliche Regelung für den ärztlich assistierten Suizid gäbe, der jetzt sozusagen ganz normal „angeboten“ würde, dann würde es letztlich für den alten oder kranken oder behinderten Angehörigen sozusagen wie eine moralische Pflicht wirken, den Suizid zu wählen, um den anderen nicht mehr zur Last zu fallen.

Auf welcher Grundlage ist die Würde des Menschen unantastbar?

Der agnostische Philosoph Jürgen Habermas hat, um den Menschenwürdebegriff, den zentralen Begriff unserer Gesellschaftsordnung, zu fundieren, gesagt, dass es „rettender Übersetzungen“ der jüdisch-christlichen Begrifflichkeit von der Gottebenbildlichkeit des Menschen bedürfe. Tatsächlich gibt es keinen hinreichenden säkularen Grund, warum ausgerechnet der Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ niemals geändert werden darf. Selbst das Parlament darf nicht darüber bestimmen. Und ebenso kommt Selbstbestimmung da an ihre Grenze, wo das Selbst, das sich da bestimmen will, bestimmt, dieses Selbst zu vernichten. Die Vernichtung seiner selbst ist kein Akt der Selbstbestimmung. Deswegen dürfen wir einen solchen Akt niemandem zumuten und wir dürfen es auch nicht gleichgültig hinnehmen, wenn neben uns ein leidender Mensch sein eigenes Leben für lebensunwert erklärt. Nach Auffassung unseres Grundgesetzes gibt es kein lebensunwertes Leben und nach christlicher Auffassung ist Gott der Herr des Lebens und nicht der Mensch. Deswegen sind wir Christen auch gegen die Todesstrafe, was gerade Sant‘Egidio mit recht immer wieder zum Thema macht.

Wir müssen den Alten, Leidenden und Sterbenden existentiell nahe sein

Wir dürfen aber nicht bloß bei solchen Debatten stehenbleiben. Wir müssen den Alten, den Leidenden und Sterbenden als Christen existentiell nahe sein. Das betont immer wieder Papst Franziskus. Und deswegen ist das Buch von Erzbischof Paglia so wichtig, weil es aus reicher seelsorglicher Erfahrung mit solchen Menschen die christliche Botschaft anfassbar macht. Die Gemeinschaft von Sant‘Egidio hat seit ihren Anfängen die alte christliche Sorge um die Menschen am Rande unserer Gesellschaft und nicht bloß am Rande der Städte in den Mittelpunkt gerückt. Während die Gesundheitsgesellschaft Alte und Behinderte abwertet, hat die Gemeinschaft Sant‘Egidio sie mit besonderer Liebe umsorgt. Wenn die Leistungsgesellschaft Demenz-Kranke als nutzlose Last behandelt, so dass schon die Diagnose einer beginnenden Demenz für viele Menschen ein Horror ist, so geht man mit solchen Menschen bei Sant‘Egidio respekt- und würdevoll um. Es ist auch einfach nicht wahr, dass Demenzkrankheit in jedem Fall eine Katastrophe ist. Es gibt Demenzkranke, die ihr Leben durchaus genießen und wo es übrigens dann die Angehörigen manchmal schwerer haben als die Demenzkranken selber. Man darf jedenfalls nicht immer nur in Negativbegriffen über Demenz reden. Ich habe neulich bei einer Talkshow im Fernsehen gesagt: Ich freue mich, wenn ich dement werde. Dann habe ich all den Mist vergessen und nette Menschen, die mir helfen. Ich habe mich aber das – zugegeben – nur getraut, nachdem ich meine Angehörigen gefragt habe, ob ich das so sagen darf, denn die haben dann ja die Arbeit mit mir…

Und auch was das Sterben betrifft, reicht es jedenfalls nicht, wenn wir Christen bloß theoretisch gegen Euthanasie und ärztlich assistierten Suizid streiten, wir müssen auch praktisch helfen. Ich war befreundet mit dem Gründer des ersten deutschen Hospizes, Dr. Türks in Aachen, und der hat schon damals eine Erfahrung gemacht, die seitdem alle in diesem Bereich Tätigen bestätigen: Wenn ein Mensch anfänglich um Tötung bat, er dann aber echte Zuwendung, Anteilnahme und Hilfe, aber auch gute Schmerztherapie und palliative Pflege erhält, dann habe er keinen einzigen Fall erlebt, wo der Wunsch nach Tötung sich nicht wandelte in einen Wunsch danach, gut begleitet an der Hand und nicht durch die Hand eines Menschen sterben zu können.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2017
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)




[1] Erzbischof Vincenzo Paglia: Bruder Tod – In Würde leben und in Würde sterben, Herder Verlag 2017, gebunden mit Schutzumschlag, 304 Seiten, ISBN 978-3-451-37844-7, Euro 25,00.

Das Antlitz auf dem Turiner Grabtuch

Offenbarung des Göttlichen

Am 8. September 2017 hielt Erzbischof em. Dr. Karl Braun im Diözesanmuseum Bamberg anlässlich der Ausstellungseröffnung des „Turiner Grabtuchs“ eine tiefe geistliche Betrachtung, die er unter das Thema stellte: „Von Angesicht zu Angesicht – Begegnung von außen nach innen“. Er nimmt den Betrachter an die Hand und erschließt ihm durch die Begegnung mit dem „Mann auf dem Grabtuch“ die Schätze einer lebendigen Beziehung zu Christus, dem fleischgewordenen Wort Gottes.

Von Erzbischof em. Karl Braun

Von einem Prälaten, der ein großer Kenner und Förderer der Kunst war, erzählt man folgende Anekdote: Als es mit ihm zum Sterben kam, hielt ihm einer der Anwesenden ein Kruzifix vor Augen, damit er sich im Todeskampf daran erbaue. Der Sterbende schaute es an und sagte mit brechender Stimme: „Niederrheinische Arbeit, spätes 14. Jahrhundert, wenig wertvoll“, und damit schied er aus diesem Leben.

Widerschein einer welttranszendenten Wirklichkeit

Diese etwas makabre Geschichte ist wohl erfunden. Sie kennzeichnet aber treffend einen Umgang mit Kunstwerken, der alles Mögliche über sie zu wissen scheint und dies auch selbstsicher vorbringt, ihren eigentlichen Sinn aber verfehlt, weil er nur nach dem äußeren Zweck und Wert der Dinge fragt, an ihrer inneren Kostbarkeit und Schönheit aber vorübergeht. Auch das Turiner Grabtuch könnte man ausschließlich nach wissenschaftlich-pragmatischen Kriterien anschauen, beurteilen und sich damit begnügen – ohne ein Interesse für seinen Hintergrund, für seine geistig-geistliche Aussage aufzubringen.

Darauf träfe das Goethe-Urteil zu: „Ihr habt die Teile in der Hand; fehlt leider das geistige Band.“ Doch wir wollen uns mit einem „geistigen Band“, das uns vor einem sterilen Verhaftetbleiben an „Teilen“, vor einer Fixierung auf Einzelaspekte bewahrt, dem „Mann auf dem Tuch“ nähern. Ich hege nicht die geringsten Zweifel hinsichtlich der Beziehung des Turiner Grabtuchs zu dem historischen Jesus und zu seinem Todesleiden. Auf die wissenschaftlichen Argumente gehe ich hier jedoch nicht näher ein.

Wenn wir also das Tuch mit den Augen des Glaubens betrachten, zeigt es sich uns im Widerschein einer welttranszendenten Wirklichkeit. Hier denke ich an ein Wort aus den Psalmen: „Ich will in Gerechtigkeit dein Angesicht schauen, mich satt sehen an deiner Gestalt…“ (Ps 17,15). Dieses Sich-satt-Sehen an dem Toten auf dem Tuch und das Schauen seines Angesichts, über dem bereits die Strahlen der Auferstehung liegen, ist ein Voranschreiten auf dem Weg von außen nach innen, um des Geschehens von Karfreitag und Karsamstag neu und tiefer innezuwerden und sich in die unergründliche Liebe des Gekreuzigten zu versenken.

Die Bedeutung von Bildern für den christlichen Glauben

Doch brauchen wir als Gläubige eigentlich ein solches Bild? Kann der Glaube nicht ein äußeres Bild Christi entbehren, genügt nicht eine rein geistig-geistliche Schau und Erkenntnis seiner Person? Hat nicht der Mystiker Gerhard Tersteegen recht, wenn er sagt: „Ach wär mein Geist so rein, so bilderlos und still, gleich wie ein weißes Blatt, worauf man schreiben will, bald würde Gottes Sohn durch seines Lichtes Strahlen sein wunderschönes Bild in meinem Grunde malen?“ Benötigen wir also ein sichtbares Bild Jesu Christi, verstellt oder behindert es nicht die tiefere Schau und den Zugang zur unsichtbaren Wirklichkeit des Urbildes? Genügt deshalb nicht eine bildlose, rein geistige Schau? Und sind dann nicht auf der einen Seite die vollkommeneren, „fortgeschrittenen“ Christen, die der sichtbaren Darstellung Christi nicht bedürfen, und auf der anderen Seite die „Schwachen“, die „primitiveren“ Christen, die noch unfähig sind, Gott im Geist zu verehren?

Eine Antwort auf diese Frage können wir der Definition des Zweiten Konzils von Nizäa im Jahr 787 entnehmen, also aus der Zeit des byzantinischen Bilderstreits. Nach dieser Konzilserklärung ist die bildliche Darstellung Jesu Christi, der durch seine Menschwerdung sichtbare Gestalt in Raum und Zeit angenommen hat, nicht nur erlaubt. Eine diesbezügliche Verehrung, die vom Bild zum Urbild führt, soll vielmehr gefördert werden. Wir Menschen können ja das Geistige nur in den Kategorien von Raum und Zeit erfassen. Wäre die geistige Schau „für sich allein genügend, dann hätte das ewige Wort auch nur auf rein geistige Weise zu uns zu kommen gebraucht“ (J.P. Migne, Hrsg.: Patrologiae cursus, series graeca, Paris 1857 ff., PG 99, 33 6 D, 221). Das verehrende Schauen auf das sichtbare Bild Christi „kommt der geistigen Kontemplation zu Hilfe, so dass durch beide unser Glaube an das Geheimnis des Heils gestärkt wird“ (ebd., 456 BC, 221).

Durch die gesamte Menschheitsgeschichte und in allen Religionen zieht sich die Sehnsucht, Gott möge sich in anschaulicher Weise zeigen. Dieses Sehnen hat sich in Jesus Christus erfüllt. In ihm ist uns tatsächlich der unsichtbare Gott sichtbar geworden – sichtbar in einer individuellen menschlichen Existenz. Unsere Suche nach ihrer authentischen Gestalt wird überzeugend beantwortet im Turiner Grabtuch. Dabei ist festzuhalten: Niemand ist verpflichtet, an die Echtheit des Tuches zu glauben. Die Kirche spricht deshalb hier nicht von einer Reliquie, weil es bisher keine 100-prozentigen wissenschaftlichen Beweise für die Authentizität des Tuches gibt. Sie bezeichnet es vielmehr als „eine mit Blut geschriebene Ikone“, wie Papst Benedikt XVI. sagt, der aber selbst keinen Zweifel daran lässt, dass es sich um das Grabtuch Christi handelt, weil es „in allem dem entspricht, was die Evangelien von Jesus berichten, der gegen Mittag gekreuzigt wurde und gegen drei Uhr nachmittags verschied“ (Meditation vor dem Turiner Grabtuch am 2. Mai 2010).

Erfahrung der Existenz und unmittelbaren Nähe Gottes

Abgesehen von der Frage der Authentizität des Grabtuchs und seiner religiösen Botschaft empfange ich beim Betrachten dieses Tuchs einen Eindruck, den ich den vielen Menschen wünsche, die keinen „klassischen“ Zugang mehr zum christlichen Glauben haben, Menschen, die aber innerlich auf der Suche nach Gott und einer Spiritualität sind, die ihrem Leben Sinn und Erfüllung gibt. Diesen Mitmenschen wünsche ich, dass sie beim Anblick des „Mannes auf dem Tuch“ wahrnehmen: Gott ist nah. Die Materie verhüllt ihn oft nur wie ein papierdünner Vorhang, so dass wir dahinter eine Realität erkennen können, „auf der unser Dasein ruht und aus der es sich immerfort erneuert und ernährt“ (Josef Pieper). Bei der Frage zur Authentizität des Tuches geht es meines Erachtens um die in den sogenannten angewandten Wissenschaften feststellbare Größenordnung der Wahrscheinlichkeit, die nie mit „richtig“ oder „falsch“ beantwortet wird, sondern immer nur eine Zahl nennt, die den Grad der Wahrscheinlichkeit festlegt. In unserem Fall trifft wohl die Schlussfolgerung zu: Es besteht eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Mann des Grabtuches im Sinne des Passionsberichtes einzigartig ist, und demzufolge, dass er Jesus von Nazareth war.

Die Betrachtung des Tuches soll also nicht absolut gesetzt werden und darf keinesfalls das Hören des Wortes Christi behindern. Sie will auch nicht die Ganzheit unserer christlichen Glaubenswelt schmälern, in deren Zentrum das Wort Gottes und die Sakramente – insbesondere die Eucharistie – als primäre Begegnungsorte mit dem Herrn stehen. Das Grabtuch wird nicht um seiner selbst willen verehrt, sondern verweist eindringlich auf den, den es darstellt. Es zielt durch die „Anagogie“, die Emporführung des Bildes über die Grenze des Geschauten auf das noch nicht geschaute Seiende. Das Turiner Grabtuch kann den Glauben an Christus nicht begründen, aber es führt uns zur Begegnung mit ihm, dem Herrn.

Im Antlitz drückt sich die Person schlechthin aus

Den im Grabtuch eingeprägten Leib kennzeichnet ein Antlitz, das uns einlädt: „Sucht mein Angesicht!“ (Ps 27,8). Der hl. Augustinus von Hippo weiß sich von dieser Einladung angesprochen und antwortet: „Ich habe keinen Lohn außerhalb von dir gesucht, sondern dein Antlitz… Beharrlich will ich diese Suche fortsetzen. Denn ich will nichts Unbedeutendes suchen, sondern dein Angesicht, Herr, um dich ungeschuldet zu lieben, da ich nichts Wertvolleres finde“ (Expositiones ad Psalmos, II, 26,1ff.).

Das hebräische Wort für „Antlitz“ bedeutet die Seite, die ein Mensch dem anderen zuwendet, um zu zeigen, dass er sich selbst hinwendet zu ihm. Das Antlitz, das Gesicht des Menschen als bedeutsamster Teil des Leibes, ist Ausdruck der Person schlechthin. In ihm spiegeln sich ihre innersten Regungen, ihre Gedanken, Pläne, Absichten, Neigungen und Gefühle, kurzum das, was sie als lebendige, personale Einmaligkeit ausmacht. Gott ist von seinem Wesen her zwar unsichtbar, und doch eignet ihm die Bibel das Bild des Antlitzes zu. Sie zeigt damit, dass es in Gott gemäß einer wesentlich bildhaften Rede und einer alle unsere Begriffe übersteigenden Weise das gibt, was für den Menschen das Angesicht ist.

Das fleischgewordene Wort als Ganzes ist Gottes Antlitz

Die gesamte biblische Geschichte enthüllt und veranschaulicht fortschreitend das göttliche Antlitz, bis hin zu seinem vollen Sichtbarwerden in Jesus Christus. In ihm, der sicht-, hör- und spürbar erlebt wurde, hat das Antlitz Gottes ein konkretes menschliches Angesicht angenommen. Auf ihm liegt göttlicher Glanz, strahlt die Herrlichkeit des Vaters auf (vgl. 2 Kor 4,6): „Wer mich sieht, sieht den Vater“ (Joh 14,9). Wohl alle, die sich dem Grabtuch unvoreingenommen und mit Ehrfurcht nähern, werden bestätigen: Das Eindrucksvollste an ihm ist das Angesicht. In diesem liegt etwas Größeres als nur starkes menschliches Selbstbewusstsein. Hier waltet das Wissen des Gekreuzigten, ganz eins zu sein mit dem Vater, in einem Einssein, das mit allen möglichen Arten mystischer Einigung nicht verglichen werden kann.

Wer nicht bloß bei äußerer Betrachtung stehen bleibt, sondern sich von der „Dynamik“ dieses Antlitzes und seiner schweigenden Nähe hineinziehen lässt in die innere Schau mit den Augen der Seele, dem tut sich auf, was Paul Claudel vor dem Turiner Angesicht Christi ausrief: „Es ist nicht nur sein Bild – er ist es selbst.“ Es ist die Offenbarung „des Göttlichen im Menschen und des Menschlichen in Gott“ (Christoph Kardinal Schönborn O.P.). Es ist das unvergleichliche und auf Dauer fesselnde Angesicht, aus dem in gleicher Weise Milde und Forderung, Erbarmen und Gericht sprechen. Es ist das souverän in sich ruhende Antlitz, worin sich alles bündelt, was wahr, gut und heilig ist. Es ist der weithin noch unentdeckte „Stein der Weisen“.

Sich dem Bild aussetzen und von ihm ergreifen lassen

Nur eine Methode gibt es, um dieses Gesicht zu verstehen und wertzuschätzen: nicht versuchen, es in den Griff zu bekommen und zu durchschauen, sondern es einfach schweigend und betend so lange anzublicken und sich ihm auszusetzen, bis man von ihm ergriffen wird und sich selbst darin findet: „… in Seinem Bild / siehst du dich wirklich – geh Ihm nie mehr aus den Augen / sieh dich endlos satt / in Ihm bist du im Bilde – Sein Blick fällt dir ins Auge / verbrennt das falsche Selbstbildnis / Er will sich dir einbilden – nimm dich selbst zurück / bis du durchsichtig geworden bist / und Durchblick gibst auf Ihn – denn wer für Licht / ganz durchlässig geworden ist / wird selbst zu Licht“ (Andreas Knapp).

Solch lichtvolles Schauen – es bedeutet ausgedehntes, ruhendes Sehen und findet seine Vollendung in der mystischen „Schau“ – macht heil, schenkt Kraft. Es bringt eine Kommunikation ohne äußere Worte. Wie von selbst ereignet sich ein inneres Gespräch mit Christus, dessen Antlitz von jedem Betrachter anders wahrgenommen wird. Der Herr erscheint, wie Origenes schreibt, „jedem in der Gestalt, die seinem Vermögen und seinem Heil angemessen ist“ (c. Celsum 6, 77). Immer aber lädt mich dieses Angesicht ein, das Bild zu sein, in dem ich mich „unterbringe“.

Im Zeitalter einer überbordenden „Bilderkultur“

Dazu einladen kann das Turiner Grabtuch im Zeitalter einer überbordenden „Bilderkultur“ und der durch sie beanspruchten „Augenmenschen“ – wir nehmen heute fast 80 Prozent aller Informationen über Bilder auf – auch jene, die sich von der suggestiven Anziehungskraft dieses Antlitzes und von seinen Strahlen der Transzendenz beeindrucken lassen. Im Sinn einer „Bildpastoral“ vermag es wohl dazu beizutragen, „den unsteten Blick der digitalen Nomaden (Selbstdefinition von jungen Menschen heute) zu bannen“ (Patrick Oetterer) und sie aus dem Schauen dieses Bildes anzuleiten, das Leben als im Innersten sinnvoll und zielgerichtet zu sehen, Hoffnung und Vertrauen zu wagen, dass nicht alles ins Leere läuft und die Welt aus dem toten Winkel herauskommt, in den sie derzeit zu geraten scheint.

In diesem Kontext sei auch erinnert an das Apostolische Schreiben „Novo Millennio ineunte“ des hl. Papstes Johannes Paul II., in dem er zu Beginn des dritten Jahrtausends (6. Januar 2001) mit Nachdruck die Gläubigen anregt, das Antlitz des Herrn intensiv zu betrachten, auch um neuen missionarischen Schwung für den geistlichen und pastoralen Einsatz im Rahmen der Neu-evangelisierung zu gewinnen (vgl. besonders Kapitel II, Nr. 16-28).

Vorbereitung auf die endgültige Schau seines Antlitzes

Je intensiver wir auf das Antlitz Jesu blicken, desto mehr nehmen wir auch teil an seiner Sendung für die Menschen. Das Schauen auf ihn ist nicht bloß „informativ“, sondern auch „performativ“, d.h. das Leben umgestaltend. Das Betrachten dieses Antlitzes wird uns zum Auftrag, ihn, der die Leiden von uns allen auf sich genommen hat, in den Gesichtern der Mitmenschen zu erkennen und ihnen helfend und heilend zu begegnen. Das setzt auch voraus, dass wir den Herrn auf unserem Antlitz widerspiegeln, indem wir seine Gesinnungen in uns ausprägen, bis wir schließlich zu seinem Bild gereift sind und ihn „in seiner vollendeten Gestalt darstellen“ (Eph 4,13).

Auf dem Weg dazu bleibt unser Blick unentwegt auf Jesus Christus gerichtet, indem wir ihm voll lebendiger Hoffnung entgegenharren, denn: „Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch alle, die ihn durchbohrt haben“ (Offb 1,7). „Ja wir alle zu Wohl oder Weh werden eines Tages sehen jenes heilige Antlitz, welches Menschen geschlagen und entehrt haben; wir werden sehen jene Hände, die an das Kreuz genagelt wurden; jene Seite, die durchbohrt wurde. Wir werden all dieses sehen; und es wird der Anblick des lebendigen Gottes sein“ (John Henry Newman).

„Sucht mein Angesicht! Dein Angesicht, Herr, will ich suchen“ (Ps 27,8).  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2017
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In Syrien und im Irak beginnen die Christen mit dem Wiederaufbau

Neuanfang und alte Wunden

Auch wenn die Waffen schweigen, ist der Krieg noch lange nicht vorbei. Im syrischen Aleppo und im Nordirak haben jahrelange Kämpfe tiefe Wunden geschlagen. In beiden Ländern haben viele Angehörige der christlichen Minderheit ausgeharrt. Sie wagen jetzt den Wiederaufbau. „Es herrscht Aufbruchstimmung“, sagt Karin Maria Fenbert, Geschäftsführerin von „Kirche in Not“ Deutschland. Sie hat Aleppo und den Nordirak im August besucht. Mit Tobias Lehner hat sie über ihre Eindrücke und neue politische Gefahren für die Region gesprochen.

Interview mit Karin Maria Fenbert

Frau Fenbert, das syrische Aleppo scheint momentan aus den Nachrichten verschwunden. Ist der Krieg dort vorbei?

Das kann ich so nicht bestätigen. Als ich im August dort war, waren nachts noch immer Bombardements zu hören, nur etwa einen Kilometer von Aleppo entfernt. Als ich vom Libanon aus eingereist bin, kreisten etwa 50 Kilometer vor Aleppo nahe der Hauptverkehrsstraße Helikopter über uns. Das heißt, die Rebellen waren sehr nah. Es gab viele Checkpoints, in deren Nähe ich Panzer gesehen habe. Kurz vor Aleppo kamen wir an einem russischen Militärkonvoi vorbei. Also alles in allem keine friedliche Situation.

In Aleppo selber allerdings war es weitgehend ruhig. Ich war bereits im Januar 2017 dort. Und seither ist das Leben in der Stadt deutlich aufgeblüht. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Ich war kurz im Ostteil der Stadt, der am meisten zerstört wurde. Dort ist noch alles ausgestorben. Die meisten Häuser in diesem Stadtteil sind so zerstört, dass sie wohl nicht wiederaufgebaut werden können. In anderen Stadtteilen sind die Aufbauarbeiten angelaufen. Auch immer mehr Christen kommen zurück: In der ersten Jahreshälfte 2016 sollen um die 19.000 Christen in Aleppo gelebt haben, mittlerweile sind es wieder circa 35.000, berichten die Bischöfe. Allerdings ist fraglich, ob sie auch bleiben…

Gibt es Bemühungen, um die Christen zum Bleiben zu bewegen?

Wir arbeiten am Aufbau eines „Welcome back“-Programms, um die Rückkehrer zu unterstützen. Große Knackpunkte sind einträgliche Arbeit und gesicherte Ausbildung. Unsere Hilfen, die wir schon während des Krieges gestartet haben, gehen weiter: Lebensmittelpakete, Zuzahlungen für Mieten, Medikamentenspenden und Stipendien. Sehr hilfreich ist auch ein Projekt, das den Bewohnern die Grundversorgung mit Strom sichert. Wir arbeiten sehr intensiv mit Bischöfen aller Konfessionen zusammen. Diese ökumenische Zusammenarbeit hat es so noch nicht gegeben!

Kommen wir zu ihrem zweiten Reiseziel, dem Irak. Auch dort gibt es einen engen Schulterschluss der Kirchen für den Wiederaufbau in der Ninive-Ebene. Was können Sie darüber berichten?

90.000 Christen leben nach wie vor als Flüchtlinge rund um die Stadt Erbil im Kurdengebiet. Sie wollen nach Hause, in die Ninive-Ebene, wo sie vor drei Jahren vom IS vertrieben wurden. „Zurück zu den Wurzeln“ heißt deshalb unser Hilfsprogramm, das „Kirche in Not“ zusammen mit chaldäisch-katholischen, syrisch-katholischen und syrisch-orthodoxen Bischöfen gestartet hat. Ziel ist der Wiederaufbau in den christlichen Dörfern rund um Mossul. „Kirche in Not“ koordiniert und überwacht die Arbeiten. Der Bedarf ist enorm: Rund 13.000 Gebäude sind zerstört. Der Bedarf für den Wiederaufbau liegt bei über 210 Millionen US-Dollar. Wir sind auf die Gaben unserer Wohltäter angewiesen, aber auch breite Unterstützung von Kirche und Zivilgesellschaft. Deshalb war es ein gutes Zeichen, dass vor kurzem bei einer Konferenz in Rom der „zweite Mann im Vatikan“, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, ausdrücklich unser Projekt gewürdigt und zur Unterstützung aufgerufen hat.

Welchem Ausmaß der Zerstörung sind sie in der Ninive-Ebene begegnet?

Ich war im am meisten zerstörten Ort Batanya und in Telskuf, dem Ort, der am meisten wiederaufgebaut ist. In Batanya fand noch kaum Leben statt. Man sah nur am Kontrollposten am Ortseingang Menschen. Ganz anders in Telskuf: Dort konnten wir trotz 50 Grad Hitze Straßenbauarbeiten sehen. Menschen richteten ihre ausgebrannten Häuser wieder her. Ich habe ein Ordenshaus besucht, das durch Mittel von „Kirche in Not“ wiederhergestellt wurde. Der Kindergarten daneben war noch in ausgebranntem Zustand. Trotzdem gibt es dort schon wieder Katechismusunterricht und ein paar Kindergruppen. Auch in der Kirche wurde eifrig gearbeitet: Junge Leute waren mit Schweißarbeiten beschäftigt. Es ist wichtig für die Christen, dass ihre Gotteshäuser wiedererrichtet werden. Sie sind ihre Kraftquelle und dienen der Identifikation.

Erzählen Sie uns von den Menschen, denen Sie begegnet sind!

In Karakosch, dem Hauptort der Christen in der Ninive-Ebene, habe ich eine Familie getroffen. Sie leben in einem Haus, das „Kirche in Not“ wiederaufgebaut hat. Die Kämpfer des sogenannten „Islamischen Staates“ hatten dort sogar Türen und Fenster geplündert. Alles musste also mit Hilfe von „Kirche in Not“ neu angeschafft werden: Kühlschrank, Sanitäranlagen, Wärmedämmung und Klimaanlage – bei 50 Grad Hitze unbedingt notwendig! Die Familienmitglieder sind dankbar und glücklich, dass sie aus den beengten Flüchtlingsverhältnissen in Erbil raus sind. Dort mussten sie zusammengepfercht mit drei weiteren Familien in ein oder zwei Räumen einer Wohnung hausen.

Stichwort Plünderungen: Auch in den Kirchen ist der „IS“ ja nicht gerade zimperlich vorgegangen.

Das stimmt. Viele Kirchen sind total zerstört. Bei Herz-Jesu- oder Marienfiguren wurden häufig die Köpfe abgeschlagen. Das ist typisch für die Islamisten. Umso bewegender ist der Bekennermut der irakischen Christen. Ein Beispiel dafür: An der Ortseinfahrt von Karakosch haben sie sofort wieder ein riesiges Kreuz errichtet. Während man in Deutschland und Europa das Kreuz immer mehr aus der Öffentlichkeit verbannt, bekennen sich die Christen im Irak ganz demonstrativ zu ihrem Glauben!

Wie viele Christen sind mittlerweile in die Ninive-Ebene zurückgekehrt?

Aktuellen Zahlen unseres Wiederaufbau-Komitees zufolge, sind mittlerweile schon über 14.000 Christen zurückgekehrt. In Karakosch wurde mir gesagt, dass täglich fünf Familien wieder nach Hause kommen. Es herrscht Aufbruchstimmung. Allerdings hat die auch einen Dämpfer bekommen, nämlich die Volksabstimmung vom 25. September in der Kurdenregion. 92 Prozent haben für die Unabhängigkeit vom Irak gestimmt.

Was ist das Fatale an diesem Referendum für die Christen?

Sie sitzen zwischen allen Stühlen: Viele Christen haben im Kurdengebiet Zuflucht gefunden. Sie brauchen aber auch die Zentralregierung in Bagdad, um wieder in Sicherheit leben zu können. Außerdem liegt die Ninive-Ebene genau in der Pufferzone zwischen Irak und dem Kurdengebiet. Die Zugehörigkeit einzelner Ortschaften zur einen oder anderen Seite ist umstritten. Die Bischöfe aus dem Nordirak haben sich deshalb vor kurzem in einem Hilferuf an die Regierungen gewandt. Sie warnen davor, dass die geschwächten Christengemeinden eine Teilung nicht verkraften würden. Die Folge wären weitere Fluchtbewegungen. Die Bischöfe sagen sehr klar: Statt sich gegenseitig zu bekriegen, sollte die kurdische und die irakische Regierung an den Wiederaufbau gehen und mehr für den Schutz der christlichen Minderheit tun. Da gibt es nämlich wenig bis gar keine Hilfe. Umso wichtiger ist der Einsatz von „Kirche in Not“.

Was können wir in Deutschland tun, um den Christen in Aleppo und im Irak zu helfen?

Zum einen ist jeder Cent wichtig, damit diese leidgeprüften Menschen ihr Leben wiederaufbauen können. Sonst werden noch mehr ihr Land verlassen. Zum anderen, das sagen uns die Christen aus dem Nahen Osten immer wieder, sind die Gebete wichtig. Wir müssen beten, dass es irgendwie zu einer friedlichen Lösung kommt. Wenn wir jetzt nicht helfen, brauchen wir in wenigen Jahren nicht mehr von Christen im Irak und Syrien zu sprechen.

Spendenbitte

Um den Christen in Syrien und im Irak beizustehen und damit ihr Überleben in einer der Ursprungsregionen des Christentums zu sichern, bittet „Kirche in Not“ um Spenden – entweder online unter www.spendenhut.de oder auf folgendes Konto: Empfänger: Kirche in Not, LIGA Bank München, IBAN: DE63750903000002152002, BIC: GENODEF1M05, Verwendungszweck: Naher Osten

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2017
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