Von Sinn und Sendung des Abendlands

Europa in der Krise

Seit Jahren torkelt Europa von Krise zu Krise. Die hausgemachten Streitigkeiten und die von außen hereindrängenden Probleme scheinen einfach zu groß, die politischen Eliten zu orientierungslos. Ist Europas Zeit abgelaufen? Ist das Projekt der europäischen Einigung, das dem Kontinent Jahrzehnte in Frieden und Freiheit schenkte, an sein Ende gekommen? Stephan Baier, Journalist, Sachbuchautor und langjähriger Wegbegleiter Otto von Habsburgs, ist überzeugt: Europa hat Zukunft. Dann nämlich, wenn es erkennt, dass alle seine Krisen in einer tieferen Identitätskrise wurzeln. Papst Johannes Paul II. hat die Europäer einst aufgerufen, die „Seele Europas“ wiederzuentdecken. Diese Spurensuche ist zugleich der Weg aus der Krise Europas. Nachfolgend ein kurzer Auszug aus seinem neuen Buch „Die Seele Europas – Von Sinn und Sendung des Abendlands“.[1]

Von Stephan Baier

Die Vielfalt ist ein konstitutives Element der europäischen Identität. Würde ein EU-Gipfel heute Esperanto zur alleinigen Amts- und Arbeitssprache in der EU erheben, alle gewachsenen Sprachen und Dialekte ab sofort verbieten, alle Fahnen und Abzeichen außer dem Sternenkranz auf blauem Grund verbieten, Europa-Skeptiker ins Gefängnis werfen, alle nationalstaatlichen und regionalen Verwaltungseinheiten aufheben und das vereinte Europa auf dem Reißbrett neu gliedern – dann könnte dieser zentralistische Einheitsstaat noch Europa heißen, aber es wäre nicht mehr Europa.

Coudenhove-Kalergi: gemeinsames Erleben historischer Bewegungen und Epochen

Die europäische Identität hat schon ganz andere anti-europäische Ideologien hervorgebracht, überlebt und überwunden. Der Nationalismus und der Kommunismus waren missratene Sprösslinge Europas, Perversionen des Selbstverständnisses unseres Kontinents. Wir Europäer neigen nun einmal dazu, uns selbst und unser Erbe in Frage zu stellen, zu leugnen, zu verdrängen. Im Vergleich zu anderen Kulturkreisen (etwa dem arabisch-islamischen) und anderen Erdteilen (etwa dem afrikanischen) weisen die Sitten und Gebräuche, die Traditionen und Ehrbegriffe, auch die Unsitten und Moden, die Verfallserscheinungen und Trends Europas mehr Gemeinsames als Trennendes auf.

Der Politiker und Gründer der Paneuropa-Union Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi meinte: „Europa ist eine historische Gemeinschaft: das römische Europa; das karolingische Europa; das päpstliche Europa, das napoleonische Europa waren politisch geeinigt. Gemeinsam waren die europäischen Erlebnisse der Bekehrung zum Christentum, der Völkerwanderung, der Gotik, des Rittertums, der Kreuzzüge, des Humanismus und der Renaissance, der Reformation und Gegenreformation, des Absolutismus und des Barock, der Aufklärung und der Romantik, des Nationalismus, der Demokratie und des Sozialismus. Alle diese Bewegungen hat Europa gemeinsam durchlebt – über alle Grenzen und Sprachen hinweg. Sie haben die europäische Seele zu dem gemacht, was sie heute ist. Sie haben Europa zu einer unbewussten Nation gestaltet, zu einem besonderen Zweig der Menschheit, zu einer großen Familie von Völkern.“

Papst Johannes Paul II.: Christentum als Ursprung der Identität Europas

Papst Johannes Paul II. hatte recht, als er bei einer Ansprache in Santiago de Compostela 1982 sagte, „dass das europäische Wesen unverständlich ist ohne das Christentum“. Er fuhr fort: „Auch noch in unseren Tagen ist die Seele Europas eins, denn sie hat neben ihrem gemeinsamen Ursprung genau die gleichen christlichen und menschlichen Werte; hierzu gehören etwa die der menschlichen Würde, des tiefen Gefühls für Gerechtigkeit und Freiheit, der Arbeitsamkeit, der Unternehmungsfreude, der Liebe zur Familie, des Respekts vor dem Leben, der Toleranz und der Sehnsucht nach Zusammenarbeit und Frieden.“ Europa sei der Kontinent, der „am meisten zur Entwicklung der Welt beigetragen hat: ebenso auf dem Gebiet des Denkens und des Arbeitens, wie auch auf dem der Wissenschaft und der Künste“. Johannes Paul II. wusste zugleich um die Schattenseiten und hat sie in seinem Pontifikat oft genug angeprangert: die sich ausbreitende „Kultur des Todes“ mit ihren vielen Facetten, den Verfall des Familienbewusstseins, Intoleranz, Unfrieden und Ideologien der Unfreiheit. Der Papst aus Polen wusste um die Schattenseiten der europäischen Geschichte und Gegenwart, aber auch um die zu mobilisierenden Kräfte, die geistigen Ressourcen, die immateriellen Rohstoffe Europas.

Tatsächlich ist Europa bis heute ohne die Kenntnis des Neuen Testaments, der griechischen Philosophie, des römischen Rechts- und Staatsdenkens nicht zu begreifen. Vermutlich ist auch Amerika nicht ohne die Pilgrims zu verstehen, China nicht ohne Konfuzius und die arabische Welt nicht ohne Mohammed. Ganz sicher ist, dass sich quer durch alle Verschiedenheit und bunt-schillernde Vielfalt des alten Kontinents die gemeinsame Farbe des christlichen Erbes – und seiner Bestreitung – zieht. Es war die Christianisierung Europas, die aus dem Vorgefundenen – einschließlich griechischer Philosophie und römischen Rechts – jenen Kontinent geformt hat, den wir Europa nennen. Das Christentum ist deshalb heute nicht nur ein gemeinsames Erbe der Europäer, denn zu diesem Erbe gehören auch Hypotheken wie die Weltkriege oder der Kommunismus, sondern es bleibt eine identitätsstiftende Größe. Ohne Christentum hätte es weder die Aufklärung noch den Sozialstaat noch die Idee unveräußerlicher Menschenrechte gegeben.

Paolo Prodi: dynamische Spannung zwischen der Sphäre des Heiligen und der Macht

Der liberale italienische Rechtshistoriker und -philosoph Paolo Prodi meinte vor einigen Jahren: „Unsere Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit der Freiheiten und Garantien, konnte sich im Abendland aufgrund der historischen Koexistenz verschiedener Ordnungen entwickeln, das heißt aufgrund der Konkurrenz verschiedener Normenordnungen, aufgrund einer Pluralität von Foren, vor die der Mensch gerufen wurde, um über seine Handlungen Rechenschaft abzulegen.“ Die Geschichte des Abendlandes war, so beobachtet Prodi richtig, eine ständige und facettenreiche Konkurrenz „zwischen der Sphäre des Heiligen und der Macht“. Prodi schreibt: „Es war ausschließlich die Spannung, die das gregorianische Papsttum und der Investiturstreit mit sich brachten, die die Öffnung zur Moderne und die Geburt des abendländischen Rechts als dynamische Struktur unserer Kultur ermöglichte.“ Doch gerade diese Spannung und Dynamik sieht Prodi heute durch die eindimensionale Norm und die Reduktion auf das eine – das staatliche – Forum gefährdet. Prodi sieht den Rechtsstaat als „die einzigartige Erfahrung des Abendlands“, als eine Frucht des dynamischen Gleichgewichts von „sakraler Anbindung des Eids und Säkularisierung des politischen Abkommens“, also des Dualismus von geistlicher und weltlicher Macht, wie sie nur im abendländischen Christentum reifte.

Tatsächlich ist es kein Zufall, dass Aufklärung und Rechtsstaatlichkeit auf dem christlichen Humus des Abendlandes gediehen. Dies ist ein Erbe jener Gewaltenteilung, die Jesus selbst seine Jünger lehrte, als er sagte: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört; und Gott, was Gott gehört!“ (Matthäus 22, 21). Weder der alte Orient noch die antike Welt, weder die außerchristlichen Kulturräume unserer Tage noch die totalitären Ideologien im Abendland kannten oder kennen diese Trennung von politischer und religiöser Autorität. Diese Unterscheidung begrenzt jede staatliche Macht, befreit die Politik von der Irrationalität des Mythischen und Numinosen. Der Staat ist nicht mehr das Absolute, sondern hat den Menschen in seiner Gott-gegebenen Würde zu respektieren und zu achten. Dies ist ein ganz spezifischer Beitrag des Christentums zur Identität Europas: Fundament wahrer Rechtsstaatlichkeit, persönlicher Freiheit und gesellschaftlicher Gerechtigkeit.

Robert Schuman: Würde der Person und natürliche Gleichheit aller Menschen

Robert Schuman sagte in einem Vortrag vor Abgeordneten des Europäischen Parlaments 1959: „Die Demokratie verdankt ihre Entstehung und Entwicklung dem Christentum; sie wurde geboren, als der Mensch berufen wurde, die Würde der Person in individueller Freiheit, den Respekt vor dem Recht des anderen und die Nächstenliebe gegenüber seinem Mitmenschen zu verwirklichen. In der Zeit vor Christus waren solche fundamentalen Grundsätze und Ideen noch nie formuliert oder inhaltliche Substanz eines Herrschaftssystems geworden… Erst das Christentum hat die natürliche Gleichheit aller Menschen ohne Unterschied von Klasse und Rasse gelehrt… Diese fundamentalen Werte, die sich aus der Ebenbildlichkeit des Menschen mit seinem Schöpfergott ableiten, sind im Laufe der Zeit grundlegende Elemente der Kultur bis in unsere Tage hinein geworden.“ In einer Rede vor der christdemokratischen Fraktion des Europäischen Parlaments meinte Schuman 1958: „Europa hat über ein Jahrtausend Christentum benötigt, um seine christlich geprägte Kultur in inneren Läuterungen, Verstrickungen und der Suche nach Wahrheit herauszubilden.“

Joseph H. H. Weiler: Festlegung von Werten in einer verbindlichen Rechtsordnung

Europas Identität kann nur in der Synthese liegen: Im Miteinander verschiedener Völker und Volksgruppen, die entschlossen sind, sich nicht länger gegeneinander ausspielen zu lassen; im Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Glaubens, verschiedener Herkunft und Sprache; im Bekenntnis zu den Höhen und Tiefen, den Wegen, Irrwegen und Umwegen der eigenen Geschichte. Doch eine Synthese, so weit und umfassend sie auch angelegt sein mag, kann nicht alles umfassen. Identität bedeutet immer auch Abgrenzung.

Europa muss sich geographisch definieren und damit neben den heutigen auch künftige und endgültige Außengrenzen festlegen. Wo diese sein sollen, ist weniger eine Frage des politischen Willens einzelner Politiker, sondern eine Folge der Identität. Europa wird auch nur dann seine gemeinschaftlichen Interessen in einer zunehmend globalisierten Welt vertreten können, wenn diese nicht nur als Addition nationaler, mitgliedstaatlicher Interessen definiert werden.

Die Europäische Union hat auch diese Aufgabe: Europas Ideale und seine Interessen in der Welt zu vertreten und zu verteidigen. Immer neu gilt es, darüber nachzudenken, wie sich Europas Identität und seine Werte in seiner Ordnung und Verfassung spiegeln sollen. Die Verfassung ist nämlich nicht nur eine Herausforderung, sondern auch „eine Art von Depot, das Werte, Ideale und Symbole, die in einer Gesellschaft geteilt werden, widerspiegelt und schützt“, wie der Professor für Völker- und Europarecht Joseph H. H. Weiler formulierte. Europa muss seine innere Ordnung, seinen notwendigen Wertekonsens, seine verbindliche Rechtsordnung definieren. Europa kann nämlich kein Raum der Indifferenz, der Unverbindlichkeit, der Willkür und Beliebigkeit sein oder werden. Neben einer äußeren braucht es auch eine innere, neben der politischen und rechtlichen eine gesellschaftliche und geistige Ordnung.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2018
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)


[1] Stephan Baier: Die Seele Europas – Von Sinn und Sendung des Abendlands, geb., 193 S., 8,95 Euro, ISBN 978-3-863571-94-8, Tel. 07563-6089980, E-Mail: info@fe-medien.de

Einfluss der Kirche auf das gesellschaftliche Leben

Entwicklungen in Ost und West

Protojeréj Alexander Stepanov (geb. 1956) ist Erzpriester der Russisch-Orthodoxen Kirche und leitet seit 20 Jahren den offiziellen Radiosender „Grad Petrov“ der Russisch-Orthodoxen Diözese St. Petersburg. Für seine Tätigkeit hat er unzählige Auszeichnungen erhalten. In der Unterstützung der Kirche durch den Staat sieht er gewisse Vorteile, doch hat er angesichts der aktuellen Entwicklung in Russland auch erhebliche Bedenken. Er befürchtet, dass die Kirche für einen „Patriotismus“ instrumentalisiert wird, der inzwischen bereits Züge einer Ideologie angenommen habe. Dadurch verliere die Kirche ihre Freiheit sowie die Möglichkeit, korrigierenden und gestaltenden Einfluss auf Staat und Gesellschaft auszuüben. Doch die Wurzeln dieser Abhängigkeit reichen seiner Meinung nach bis ins 5. Jahrhundert zurück, als im oströmischen Reich das Verhältnis zwischen Staat und Kirche definiert worden sei. Ganz anders habe sich die katholische Kirche entwickelt. Darauf ging Stepanov in einem ausführlichen Vortrag ein, den er am 10. November 2017 im Priesterseminar der Russisch-Orthodoxen Kirche in Perm vor einem zahlreichen Publikum gehalten hat. Nachfolgend eine gekürzte Fassung.

Von Alexander Stepanov

Es gibt heute in Russland ganz offensichtliche Probleme: das ungeklärte Verhältnis zwischen Mensch und Macht, zwischen Unternehmern und Staat, die Frage nach der Ehrlichkeit und Unabhängigkeit der Gerichte usw. All dies stellt auch jeden Einzelnen vor eine moralische Herausforderung: „Entweder erfolgreich oder rechtschaffen sein!“ Wie soll man damit umgehen? Sollte die Kirche Verantwortung für das Leben der Gesellschaft übernehmen? Was sagt die Tradition dazu? – Verschiedenes.

Blick in die frühe Geschichte der Kirche

Die Haltung der Christen in der frühchristlichen Zeit ist am besten im „Diognetbrief“ ausgedrückt: „Jede Fremde ist für sie Vaterland und jede Heimat ist für sie Fremde“ (5.5). Die Kirche ist zu dieser Zeit vollkommen von eschatologischen Erwartungen eingenommen. Die Gestaltung des Lebens hier in dieser Welt betrachtet sie nicht als ihre eigentliche Aufgabe.

Die frühe konstantinische Periode ist von der Utopie geprägt, ein christliches Reich errichten zu können, ja sogar ein tausendjähriges Reich Gottes. Dies manifestiert sich im Engagement von Bischöfen wie Ambrosius, Basilius dem Großen, Johannes Chrysostomus u.a. Sie versuchen alle, durch ihre Predigt die christliche Moral zu festigen und heidnische Werte zu überwinden (wie Gier nach Reichtum und Sensationen), sie prangern gesellschaftliche Laster an (Korruption, unfaire Gerichtsverfahren usw.) und sie rufen dazu auf, gegebenenfalls auch den Kaiser zu tadeln – ganz nach dem Grundsatz: „Fürchtet Gott, aber keinen Menschen!“

J. Chrysostomus bietet ganze Projekte zur Überwindung der Armut in Konstantinopel an, und zwar mit konkreten Finanzierungsplänen: Wenn die Reichen nur ein wenig von ihrem Überfluss abgäben, ließen sich 50.000 arme Menschen leicht ernähren.

Basilius der Große baut in Cäsarea von Kappadokien einen ganzen Stadtteil mit wohltätigen Einrichtungen auf, eine Klos-terstadt mit Spitälern und Altersheimen.

Ambrosius tadelt Kaiser Theodosius für das Massaker von Thessaloniki und droht ihm die Exkommunikation an, was zu einem Präzedenzfall für zukünftige Ansprüche des Papstes auf Macht über Monarchen wird.

So ergibt sich im 4. Jahrhundert für Ost und West ein ziemlich einheitliches Bild von den Bemühungen der Kirche, eine Gesellschaft aufzubauen, die nach den Gesetzen der christlichen Moral lebt. Dabei geht eine solche Gesellschaft aus den ernsthaften Auseinandersetzungen zwischen weltlicher und geistlicher Macht hervor.

Im 5. Jahrhundert dagegen beginnt sich die Situation in Ost und West im Zusammenhang mit der Eroberung Roms und dem Fall des Weströmischen Reiches auf unterschiedliche Weise weiterzuentwickeln.

Entwicklung im Oströmischen Reich

Im östlichen Teil des Reiches, wo die Tradition der römischen Zivilisation fortbesteht, wird eine rechtliche Lösung für die Kollision von weltlicher und geistlicher Macht gefunden. Im 6. Jahrhundert wird eine „Symphonie“ gebildet, d.h. die Befugnisse der Behörden werden abgegrenzt, mit der Betonung einer Zusammenarbeit bei der Verwirklichung des geistlichen Ziels, nämlich der Erlösung des Menschen. Im 9. Jahrhundert vergleicht die „Eisagogē“ (früher fälschlich „Epanagogē“), ein mittelbyzantinisches Gesetzbuch, diese Einheit mit der Einheit von Körper und Seele im Menschen. Diese Einheit hat ihr Plus und ihr Minus. Es gibt keine Konflikte wie z.B. die Auseinandersetzung zwischen Chrysostomus und Kaiserin Aelia Eudoxia wegen ihres luxuriösen Lebensstils. Denn es ist nicht Sache der Kirche zu entscheiden, wie die Mächtigen der Welt zu le-ben haben, welche Gesetze die weltliche Macht erlässt und welche Strafen sie für schuldige Täter festlegt (außer, dass sie „bedauern“ kann – ein Wort, das die äußerste Passivität zum Ausdruck bringt; „seufzen und sich dabei auf die Wange stützen“ – das ist jedenfalls ganz und gar nicht die Art eines Chrysostomus oder eines Nikolaus, des Wundertäters). So wird die Kirche von der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, der Kaiser und die staatliche Verwaltung übernehmen in diesem Bereich die gesamte Verantwortung. In der Theorie soll sich der Staat umgekehrt auch nicht in die Angelegenheiten der Kirche einmischen (Fragen des Glaubens und Kirchenrechts), was aber bekanntlich im Interesse der Bewahrung der Einheit des Reiches sehr oft verletzt wurde.

Gleichzeitig müssen wir feststellen, dass sich die Kirche nicht aus dem öffentlichen Leben entfernte, vielmehr wurde sie in das staatliche System eingebunden. Sie war überall an höchsten Ehrenplätzen gegenwärtig, aber sie hatte nicht die Freiheit, das gesellschaftliche Leben zu beurteilen, ähnlich wie ein Staatsbeamter kein Recht besitzt, über das System der staatlichen Macht zu diskutieren oder es gar zu kritisieren. Einfluss konnte sie nur in Vermittlung ausüben, z.B. durch den Einfluss des Patriarchen auf den Kaiser oder durch die Formung des Bewusstseins der Menschen. Die säkulare Macht hingegen benützte die Kirche als Werkzeug zur Ausübung ihrer Politik und zum Erhalt des Reiches, was von ihr traditionell als eigenständiger Wert betrachtet wurde.

Der Westen vom 5. bis 11. Jahrhundert

Im Westen wird die Eroberung Roms durch die Goten im Jahr 410 als Katastrophe empfunden. Eine kirchliche Reflexion über diese Ereignisse bringt der hl. Augustinus in der Schrift „Vom Gottesstaat“ zum Ausdruck: Es hat keinen Sinn, in einer so hinfälligen Welt am Aufbau der Gesellschaft mitzuwirken. Diese Welt (die irdische Stadt) liegt im Bösen und die Aufgabe der Christen besteht nicht darin, sie zu ändern. Die Welt ist als Gegebenheit hinzunehmen, als Aufgabe und Ruf zu verstehen. In ihr sind die Christen berufen, den Weg ihres Lebens mit all seinen Hindernissen in Würde zu gehen, dabei den Glauben zu bewahren, die Gebote Christi zu erfüllen und schließlich die Krone der Erlösung zu erlangen. Sie müssen sich auf ihr geistliches Leben konzentrieren: „Ich möchte Gott und die Seele kennenlernen und weiter nichts.“ Die Kirche begleitet und führt den Menschen auf diesem Weg, indem sie ihm die rettende Hilfe durch die Sakramente und die rechte Lehre anbietet.

So haben sich im Westen (Untergang des römischen Reiches) und im Osten (Fortbestehen der römischen Staatsordnung) unterschiedliche Ansätze in der christlichen Gesellschaftslehre herausgebildet (vgl. Sergej Sergejewitsch Awerinzev, 1937-2004, russischer Literaturwissenschaftler und Slawist). Für Augustinus pilgert die Stadt Gottes wie ein Fremdkörper durch die wechselvolle irdische Stadt, für Dionysius Areopagita hingegen ist die in rechter Weise erbaute irdische Stadt ein Spiegelbild der himmlischen Hierarchie, absolut statisch und unveränderlich. Dem ersten Ansatz liegt eine dramatische Dynamik der Weltordnung zugrunde, dem zweiten die konfliktfreie, starre Struktur eines wohlgeordneten Staates.

Historisch stürzt der Westen für mehrere Jahrhunderte in die Finsternis der Barbarei (dunkles Zeitalter). Eine barbarische Invasion folgt der anderen, verbunden mit Raubüberfällen und Zerstörung. Es herrscht eine Kultur der rohen Gewalt, in der Morde zum üblichen Hintergrund des Lebens werden. Vor dem kurzlebigen Reich Karls des Großen gab es keine stabile staatliche Ordnung. Die Kirche passte sich diesen Existenzbedingungen an und versuchte, unter den Flügeln der Mächtigen dieser Welt Zuflucht zu finden. Allmählich wird sie in das System der Clan- und Feudalbeziehungen integriert. Da die Kirche einen sehr guten Ruf in der Bevölkerung genießt und ansehnliche Reichtümer besitzt, versuchen Könige, Lehnsherren und Grundbesitzer, ihre Kinder und Verwandten in kirchliche Ämter von Bischöfen, Äbten und Priestern zu hieven, um die Untertanen an sich zu binden und die Kontrolle über die Ressourcen sicherzustellen. Im Gegenzug nehmen Vertreter des Klerus an den Aktivitäten der weltlichen Macht teil und sitzen in kommunalen, adeligen und königlichen Räten.

Es ist praktisch unmöglich, kirchliche Strukturen und Interessen von weltlichen zu trennen. Sie sind vollkommen ineinander verstrickt. Durch Nikolaitismus (uneheliches Zusammenleben von Geistlichen) und Simonie (Handel mit Kirchenämtern) wurde die Kirche zu einem Instrument der Klanpolitik und verlor ihre geistliche Autorität. Der Kaiser und die Könige galten als Stellvertreter Christi auf Erden. Ein Monarch hatte viele Bischöfe. Er verlieh dem Bischof die Investitur und übergab ihm Stab und Ring mit den Worten „Accipe Ecclesiam!“ (Empfange die Kirche!). Der Monarch regierte die Kirche auf seinem Territorium (er berief Synoden ein, versorgte den Klerus, baute Kirchen und Klöster und trieb Steuern zugunsten der Kirche ein etc.), die Bischöfe aber beteten. Die Stellung des Papstes war ziemlich bescheiden, er war nur der Vikar des Apostels Petrus, der erste unter den Bischöfen.

Doch niemals stirbt in der Kirche der Geist. In regelmäßigen Abständen traten charismatische Persönlichkeiten auf, die jeweils eine Welle reinigenden Zornes auslösten und den Anstoß gaben, Missstände zu überwinden und das kirchliche Leben wieder nach und nach in Ordnung zu bringen.

Der Westen vom 11. bis 13. Jahrhundert

Der Investiturstreit führte zu einer „päpstlichen Revolution“, die das Ordnungsgefüge im mittelalterlichen Europa radikal veränderte. Es entwickelt sich eine neue Form des Verhältnisses von Staat und Kirche. Unter dem Motto „Freiheit der Kirche“ befreit sie sich vollständig von der weltlichen Macht und unterwirft sie umgekehrt dem Papst. Dahinter steht das einfache und verständliche Ziel, das Amt der Bischöfe dem Zugriff der weltlichen Macht zu entziehen. Verantwortlich für diesen Kampf ist die Abtei Cluny, die im Jahr 910 gegründet wurde und mehr als 1000 in einer einzigen Struktur vereinte. Bis dahin waren die Benediktinerklöster vollkommen unabhängig voneinander, nun wurden sie durch eine einheitliche Charta (Mönchsordnung) und eine bürokratische Verwaltung vereint. Der Klosterverband entfaltete eine rege Bautätigkeit und rief bedeutende Initiativen ins Leben wie z.B. den „Gottesfrieden“. Abt Hildebrand von Cluny, der spätere Papst Gregor VII., 1073-1085, begann den Kampf gegen Kaiser Heinrich IV. um die Investitur, d.h. die Ordinierung der Bischöfe. Er veröffentlichte 1075 den „Dictatus Papae“ und legte in 27 Punkten die Vorrangstellung der Kirche vor jeglicher weltlichen Macht fest. Canossa (1075) bedeutete einen vorübergehenden Sieg. Doch der Kampf dauerte lange und endete mit einem Kompromiss, dem Wormser Konkordat von 1122. Dem Kaiser wurde das Recht entzogen, Bischöfe und Äbte einzusetzen, er konnte sich aber künftig in die Wahlen, bei denen Streit entstanden war, einmischen. Konkordate bedeuteten revolutionäre Veränderungen im Leben Westeuropas. Diese „päpstliche Revolution“ (ein Begriff, den der amerikanische Rechtshistoriker Harold Joseph Berman geprägt hat) brachte verschiedene Entwicklungen in Gang:

• Es änderte sich die Position des Klerus, der ein neues Gemeinschafts- und Verantwortungsbewusstsein entwickelte. Er erlangte Autonomie gegenüber der säkularen Macht und konnte sich frei über die realen Zustände äußern. Dadurch erlangte die Kirche die Möglichkeit, das Leben der Gesellschaft in all ihren Erscheinungsformen zu beeinflussen, den Primat der geistigen Prinzipien in den Vordergrund zu stellen sowie die christlichen Normen der Moral bei der Gesetzgebung zu bekräftigen.

• Der Klerus wurde transnational und transfeudal. Ohne die „päpstliche Revolution“ wäre die Kirche unweigerlich dem Weg des nationalen Etatismus gefolgt.

• Die Notwendigkeit, Diözesen in ganz Europa zu verwalten, zwang das Papsttum zu einer neuen Art von Regierung. Zum ersten Mal entwickelte sich in Europa ein modernes System der bürokratischen Kontrolle, das nicht auf feudalen Verhältnissen, sondern auf klaren Regeln und Zuständigkeiten beruhte. Somit wurde durch die Kirche die „Rechtsstaatlichkeit“ eingeführt.

• Politische Veränderungen: Der Entschluss, Kreuzzüge durchzuführen (Synode von Clermont 1095), vereinigte Europa. Gleichzeitig entstand eine neue politische Achse der Ost-West-Entwicklung mit verschiedenen Migrationsbewegungen.

• Wirtschaftliche Folgen: Das Wachstum der landwirtschaftlichen Produktion verursachte einen Anstieg der Bevölkerung und die Entstehung von Städten. Damit einherging die Entwicklung von Handwerk und Handel.

• Kulturelle und intellektuelle Konsequenzen: Es entstanden Universitäten, die auf der Grundlage der neuentwickelten „scholastischen Methode“ arbeiteten. Nach dieser Methode entfalteten sich Recht, Theologie und Philosophie. Es wurde so das wissenschaftliche Verständnis der modernen Zeit geboren. Großartige Kathedralen wurden gebaut (romanische, dann gotische) und Latein erfuhr als gemeinsame Sprache von Wissenschaft und Kultur eine Modernisierung. Gleichzeitig bildeten sich moderne Nationalsprachen, in denen herrliche Werke epischer Poesie geschaffen wurden.

• Eine weitere wichtige Folge war die Schaffung eines Rechts auf der Grundlage der römischen Rechtstradition. Nach der Auffindung das Codex Justinianus (ca. 534 n. Chr.) in Pisa um 1080, begannen systematische Studien an der Universität in Bologna und die Ausarbeitung eines Rechts im Geist des Evangeliums (Seligpreisungen). Dieses logisch aufgebaute Regelwerk wurde im gesellschaftlichen Alltagsleben ein Instrument zur Lösung strittiger Fragen, eine Alternative zur Gewalt. Daraus wurden die Rechte von Königen, Städten, Zünften usw. werden geboren. Das Vertragswesen wurde zum Lebensatem der westlichen Zivilisation.

• Entscheidend wurde außerdem die Idee einer „natürlichen“ Wirklichkeit (Aristoteles) zwischen Göttlichem und Teuflischem, also ein neutraler Bereich, dem Regierung, Recht, Medizin usw. zugeordnet wurden. So entstanden philosophische und theologische Abhandlungen, die sich mit den praktischen Aspekten der Gesellschaft auseinandersetzten: Person als höchster Wert, gleiche Würde aller Menschen, Familie, „angemessener Preis“ im wirtschaftlichen Leben, Markt, unlauterer Wettbewerb und schädliche Transaktionen, Zwangsvollstreckung von Verträgen usf.

Der Vergleich von Ost und West

Die „päpstliche Revolution“ brachte das Konzept der Christianitas (der christlichen Welt) hervor. Der Triumph der rohen Gewalt (Barbarei) wurde allmählich durch den Triumph der Gerechtigkeit (christlich geformte Gesetze) ersetzt. Nachweislich besteht eine Verbindung zwischen den christlichen Grundlagen der europäischen Kultur und dem Wirtschaftswunder Europas. Bis heute beruht das Leben Europas auf dem festen Fundament des mittelalterlichen Christentums.

Während also im Westen das säkulare Recht nicht nur unter dem Einfluss der Kirche, sondern mit ihrer Beteiligung geformt wurde, fehlt diese Entwicklung im byzantinischen Reich vollkommen. Byzanz war gleichsam perfekt und deshalb hoffnungslos unfähig, sich zu verbessern und ein christliches Königreich zu werden. Der Staat fühlte sich nie an die moralischen Grundsätze des Christentums gebunden. Darin liegt auch die innere Ursache dafür, dass Byzanz seine Existenz verloren hat.

Im Westen wurde also die Staatsmacht selbst mit aktiver Beteiligung der Kirche gestaltet. Sie war der einzige Träger der Kultur und Zivilisation. So wurden christliche ethische Normen in die Grundfesten der Staatsstruktur junger westlicher Staaten gelegt. Die Kirche aber blieb präsent und begleitete diese Länder weiterhin auf der Grundlage ihrer Universalität (Unabhängigkeit von Grenzen) und der Autonomie des Papsttums (Unabhängigkeit von jedweder weltlichen Macht).

Die geschichtliche Entwicklung Russlands

Einzelne Momente zeigen den Einfluss des Christentums in der Geschichte Russlands:

1. Nach der Annahme der Taufe änderte Fürst Vladimir seine Lebensführung und Politik. Er erkannte, dass er sich am Geist des neuen Glaubens ausrichten muss, den er angenommen hatte. So hörte er beispielsweise damit auf, Räuber hinzurichten.

2. In der Kiewer Periode übte das Christentum einen nachhaltigen Einfluss auf die Sitten aus: Kriege mit christlichen Nationen wurden abgelehnt, die Kanonisierung von Boris und Gleb brachte einen neuen Typus von Heiligkeit zum Vorschein (Verzicht auf Widerstand, Leidensfähigkeit, Nächstenliebe), die „Belehrung“ des Großfürsten Vladimir II. Monomach forderte zum christlichen Frieden in der Politik auf.

3. Nach der mongolischen Eroberung ging es nur noch um das Überleben. Die Kirche verlor ihren Einfluss gegenüber den Gesetzen des Khan. Die Moskauer Rus richtete sich nach den Tataren aus.

4. Vom 14. bis 16. Jahrhundert stellte die Kirche alle Kräfte in den Dienst des Moskauer Reiches. Tatsächlich trug dieser Einsatz zur Befreiung von der „Goldenen Horde“ und zur Wiederherstellung einer friedlichen Ordnung bei.

5. Nur in Ausnahmefällen hielt man sich an die wahren Ideale: der hl. Metropolit Philipp II. und Ivan IV., der Schreckliche.

6. Im 17. Jahrhundert wirkte statt eines wohltuenden Einflusses ein spalterischer und vereinnahmender Klerikalismus.

7. In der „Synodalen Epoche“ überwand die Kirche ihre nationale Eingrenzung und erweiterte den Horizont ihrer Vorstellungen vom Christentum. Dennoch blieb sie dem Staat untergeordnet und konnte ihre Stimme nicht unabhängig erheben.

8. Das Konzil 1917-18 war der Anfang eines freien Lebens der Kirche, doch leider…

9. In der Sowjetzeit machte die Kirche das Martyrium durch (bzw. das Überleben um jeden Preis). Das erstere hatte Einfluss auf die Autorität der Kirche, doch verlangte es Einsatz zur Stärkung des Einflusses auf das gesellschaftliche Leben. Und hier kehren wir zum „Leviathan“ zurück.

Der Westen heute

Wir erkennen gegenläufige Tendenzen: Einerseits wird im öffentlichen Leben die christliche Vergangenheit geleugnet, das Christentum wird an den Rand gedrängt, traditionelle christliche moralische Normen werden abgelehnt, Kirchen geschlossen. Andererseits führen die Integrierungsprozesse im Vereinten Europa, einem gemeinsamen kulturellen und geschichtlichen Raum, zur Überwindung von Aggression und Revanchismus in den zwischenstaatlichen Beziehungen, aber auch zu einer Sensibilität für humanitäre Fragen und einer Hilfsbereitschaft gegenüber eigenen und fremden Bedürftigen (und dies entspricht gewiss in herausragender Weise dem Evangelium, an das wir glauben).

Die Offenheit, Flüchtlinge aus dem Nahen Osten aufzunehmen, ist aus pragmatischer Sicht politisch absolut selbstmörderisch. Wir müssen zugeben, dass der Westen immer noch nicht vom reinen Pragmatismus geleitet ist, sondern vom christlichen Geist der Barmherzigkeit. Die Menschen spüren: Wenn jemand leidet, können wir ihn nicht einfach vertreiben. Angela Merkel, die Tochter eines protestantischen Pastors, sagt: „Lass sie kommen, wir schaffen es!“ Ich kenne Deutsche, die darüber mit Tränen des Stolzes sprechen. „Die Torheit des Kreuzes“ wird zum Sieg.

Ein anderes Beispiel ist der Kampf gegen die Mafia in Süditalien. Sie ist ein komplexes historisches Phänomen. Nur mit Unterstützung der Kirche wurde es ehrlichen Richtern wie Paolo Borsellino, Giovanni Falcone (beide 1992 ermordet) und vielen anderen möglich, die Situation zu verändern. Der Jesuitenpater Bartolomeo Sorge (geb. 1929) gründete in den 80er Jahren eine Schule für aktive intelligente Jugendliche, aus der bereits Dutzende von Persönlichkeiten hervorgegangen sind, die im öffentlichen Leben wirken (einer wurde Bürgermeister von Palermo, andere Abgeordnete im Parlament). Der Einsatz der Kirche aber kostet große Opfer. So wurde Don Pino Puglisi, der 1993 in Palermo getötet worden war, bereits seliggesprochen.

Diese Beispiele zeigen, dass sich die Kirche im Westen immer noch für das Leben der Gesellschaft verantwortlich fühlt. Sie ist nicht „politisch“, aber sie ermutigt, das Evangelium zu leben.

Man darf jedoch die ernsthaften Gefahren nicht übersehen. Der bereits erwähnte Rechtsgelehrte Harold Berman stellt fest, dass sich der Westen in einer beispiellosen Krise rechtlicher Werte und rechtlichen Denkens befinde. Die gesamte Rechtstradition, die im 11. und 12. Jahrhundert ihren Anfang nahm und auf dem Fundament der christlichen Werte beruht, werde in Frage gestellt. Der Westen verliere den Glauben und zerstöre das Fundament, auf dem die gesamte westliche Zivilisation seit 1000 Jahren beruhe.

Die Situation der Kirche im heutigen Russland

Heute sieht die orthodoxe Kirche in Russland ihre wichtigste gesellschaftliche Aufgabe darin, die bestehende staatliche Macht zu unterstützen und zu stärken. Vollständige und bedingungslose Loyalität zur Macht nennt man „patriotische Erziehung“, sogar zur sowjetischen, gottlosen Macht. Die Erziehung zu einem so verstandenen „Patriotismus“ bildet heute den wichtigsten staatlichen Auftrag der Kirche und wird von unserer Hierarchie als unbedingte Aufgabe akzeptiert. Und das ist sicher nicht nur eine Unterwürfigkeit und der Wunsch, sich in der heutigen Welt vorteilhaft einzurichten, sondern eine tiefverwurzelte geschichtliche Tradition, die von der byzantinischen Symphonie ausgeht und durch die entscheidende Rolle der russischen Kirche bei der Schaffung eines geeinten Moskauer Reiches verstärkt wurde.

„Staatlichkeit“ und „Nationalität“ wird von der überwiegenden Mehrheit der Gläubigen als wahrhaft orthodoxe Position anerkannt. Jeder Versuch, das Verhältnis dieser Position zum Evangelium zu diskutieren, wird als verdächtiger Einfluss des Westens und geradezu als Abweichung vom wahren Glauben empfunden. Meiner Meinung nach könnte die Kirche in Russland einen großen Beitrag zur Bildung einer neuen russischen Staatlichkeit leisten, die historisch mit der Zarenzeit der russischen Geschichte verbunden ist. Die entschiedene Ablehnung des sowjetischen Antichristentums, der atheistischen Vergangenheit, und die Bekräftigung der evangeliumsgemäßen ethischen Normen im öffentlichen Leben könnten zur Aufgabe unserer Kirche in Bezug auf das zeitgenössische gesellschaftliche und politische Leben in Russland werden. Leider wurde diese Aufgabe von der Kirche in den 80er und 90er Jahren nicht wahrgenommen, und die Gelegenheit, das historische Paradigma der Beziehungen von Kirche und Staat zu korrigieren, wurde verpasst.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2018
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)

Europa kann seine Probleme nur gemeinsam lösen

Ein riesiges Potential

Anian Christoph Wimmer (CNA) sprach mit Stephan Baier über sein neues Buch „Die Seele Europas“.[1] Das Interview beschäftigt sich mit der Frage, wie es mit Europa weitergehen soll. Woran krankt der europäische Kontinent? Hat der Einigungsprozess eine Zukunft? Brauchen wir überhaupt die Europäische Union? Was ist von der Idee der „Vereinigten Staaten von Europa“ oder von der Forderung nach einer „Neuerfindung Europas“ zu halten? Baier sieht viele Entwicklungen kritisch wie die Entstehung von Ersatzreligionen, doch steht am Ende die Hoffnung, dass Europa den Weg aus der Krise finden wird.

CNA-Interview mit Stephan Baier

Herr Baier, in Ihrem neuen Buch über „Die Seele Europas“ warnen Sie davor, den Staat als Religionsersatz zu behandeln und bezeichnen diesen sogar – viele katholische Leser werden schmunzeln – als Folge der Erbsünde. Das ist griffig formuliert, aber was ist damit gemeint?

Wann immer wir uns vom wahren Gott entfernen, werden irdische Wirklichkeiten zu Ersatz-Göttern erhoben: die Nazis machten die Rasse zum Götzen, die Kommunisten offiziell die Arbeiterklasse, tatsächlich aber ihre Partei – und bis heute glauben viele Europäer an die Weisheit und Allmacht des Staates oder des Marktes. Tatsächlich ist der Staat ein Instrument, das wir nicht bräuchten, wenn wir alle Heilige wären. Wären wir alle immer nur selbstlos, altruistisch und gemeinwohlorientiert, dann bedürfte es keiner Macht, die mit Gesetzen und Sanktionen die Gesellschaft ordnet – insofern ist der Staat eine Folge der Erbsünde. Seine Dienstfunktion besteht darin, das Zusammenleben der Menschen gemäß dem Recht zu ordnen. Leider ist diese naturrechtliche Orientierung heute dünn geworden. Stattdessen spielen sich die Staaten – beziehungsweise die politische Klasse – immer mehr als Erzieher und Vormund der Bürger auf, denken Sie nur an die Absurditäten der Gender-Ideologie und die schöpfungswidrige Umdeutung der Ehe.

Nun hat der deutsche SPD-Politiker Martin Schulz erklärt, er will bis 2025 die „Vereinigten Staaten von Europa“ schaffen. Ist das die „Redimensionierung“ des Staates, von der Sie schreiben? Wie kann – wie soll –  eine solche aussehen?

Macrons „Neuerfindung Europas“ oder Schulz‘ „Vereinigte Staaten von Europa“ – das sind leider nur leere Phrasen, denn eine konkrete Vision steht nicht dahinter. Die Lösung liegt im Subsidiaritätsprinzip: Wir brauchen tatsächlich mehr Europa! Dort nämlich, wo die Nationalstaaten einfach zu klein geworden sind, um zu nützen und zu schützen. Das betrifft die Außen- und Sicherheitspolitik, die Rolle Europas in der Welt. Andererseits braucht kein Mensch EU-Vorschriften für jedes Detail seines Alltags. Subsidiarität meint: Was die Gesellschaft ohne Staat regeln kann, darf nicht staatlich geregelt werden. Und wo wir den Staat brauchen, da bitte so bürgernah wie möglich; was die Region zufriedenstellend leisten kann, darf der Nationalstaat nicht an sich ziehen; was der Einzelstaat leisten kann, darf die EU nicht an sich ziehen. Im globalen Kontext aber brauchen wir Europäer tatsächlich ein stärkeres Europa, um unsere Interessen und unsere Ideale in der Welt kraftvoll zu vertreten. Zu unserem eigenen Schutz, denn seit Jahrzehnten schwappen Krisen von außen zu uns herein. Die Finanzkrise 2008 und die Migrationskrise 2015 sind nur die Vorboten größerer globaler Krisen, gegen die wir uns wappnen sollten.

Welche Rolle spielt dabei das Christentum? Welche Rolle sollte es spielen – Sie gehen mit der Säkularisierung sehr scharf ins Gericht…

Die Identität Europas entspringt einer historischen Begegnung: Als das Christentum den von hellenischer Philosophie und römischem Staatsverständnis geprägten Raum nach und nach mit seinem Gottes- und Menschenbild erfüllte, wuchs das, was wir Abendland nennen. Alles Europäische verdanken wir dieser Verbindung: die Toleranz, die Aufklärung, die Menschenrechte, den Rechtsstaat, die europäische Kultur der Dame und des Gentleman. Und all das demoliert ein hirn- und herzloser Laizismus, der seit der Französischen Revolution unser Europa immer und immer wieder in Fieberschübe versetzt. Die Demontage von Ehe und Familie ist das augenfälligste Beispiel dafür. Benedikt XVI. hat uns Europäer aber auch – mit vollem Recht! – gewarnt, dass eine Vernunft, die sich Gott verschließt, unfähig wird zum Dialog der Kulturen. Die Sprachlosigkeit Europas gegenüber der islamischen Welt hat genau hierin ihren Grund: Erst wenn wir Europäer unsere christliche Identität wiederentdecken, werden wir auch die Kraft zum interkulturellen Dialog und zur Integration von Menschen aus fremden Kulturkreisen wiedergewinnen.

Gleichzeitig argumentieren Sie im Buch, dass Europa eine „nicht delegierbare Verantwortung für den gesamten Mittelmeerraum“ habe, und hier quasi als Ordnungsmacht diesen sichern soll. Wie ist das zu verstehen?

Ohne Frieden im Mittelmeerraum gibt es keine Sicherheit für Europa. Schon die alten Römer wussten, dass das „mare nostrum“ für ihre Macht und ihren Frieden wichtiger ist als alles, was sich nördlich der Alpen abspielt. Heute ist das „mar mediterraneo“, dieses „Meer zwischen den Ländern“, eine Wohlstandsgrenze, eine Kulturgrenze und eine Fertilitätsgrenze: Südlich dieses Meeres liegt ein demografisch pulsierendes Afrika, dessen Bevölkerung rasch wächst, nördlich ein langsam vergreisendes Europa. Afrika ist gezeichnet von Armut, Gewalt, Unsicherheit und korrupten Eliten – Europa lebt trotz aller Probleme in Rechtssicherheit, Wohlstand und Frieden. Wir sollten ja nicht glauben, das Mittelmeer sei unser schützender Burggraben: Millionen Afrikaner sitzen auf gepackten Koffern! Und im Orient tobt eine Art Dreißigjähriger Krieg innerhalb der islamischen Welt – ein Krieg um Macht und Deutungshoheit. Wenn wir Europäer unseren südlichen und östlichen Nachbarn im Mittelmeerraum nicht helfen, ihre Probleme zu bewältigen, dann kommen diese Probleme zu uns!

Sie zitieren Otto von Habsburg: „Europa muss eine Supermacht des Friedens werden“. Wie ist das zu verstehen – ja, zu realisieren – angesichts der politischen und gesellschaftlichen Realitäten zum Jahresende 2017?

Der Egoismus ist zum Leitstern der Außenpolitik der Weltmächte geworden: Donald Trump predigt „America first“ – was für den Rest der Welt ja sicher kein Ideal ist. China ist mit seinem unersättlichen Hunger nach Rohstoffen und Absatzmärkten global präsent und zur modernen Kolonialmacht geworden. Putin dehnt Russlands Macht- und Einflusszone gewaltsam aus, in Nahost ebenso wie im Kaukasus und in Syrien. Europa soll und kann eine Macht anderer Art sein, denn es vertritt Interessen, die auch seinen Nachbarn wohltäten – und es vertritt Ideale, an denen auch andere Kulturkreise und Kontinente genesen könnten. Europa hat über Jahrhunderte Gutes und Schlechtes in die Welt exportiert. Heute, in einer chaotischer gewordenen, gefährlichen Welt könnte es sich auf das Gute konzentrieren.

Einer drängenden Realität – dem Kindermangel – widmen Sie ein ganzes Kapitel, und plädieren für ein zukunftsfrohes, zuversichtliches Europa, auch mit Rückgriff auf Papst Benedikt – denn Zukunft bedeutet für Sie nicht nur christliche Wurzeln, sondern Blüte. Was würden Sie einem jungen Menschen, einem jungen Paar sagen, das sich fragt, ob und wie viele Kinder es bekommen soll?

Nur Mut! Das möchte ich jungen Paaren zurufen: Kinder sind ein Segen! Und sie bringen Farbe ins Leben! Die Kinderlosigkeit unseres Kontinents ist eine wahre Tragödie: gesamtgesellschaftlich, bald auch wirtschaftlich, jedenfalls aber individuell. Vereinsamung und Altersarmut werden die großen sozialen Herausforderungen unserer vergreisenden Gesellschaft. Doch eine Politik, die immer nur bis zum Tellerrand der nächsten Wahl blickt, belohnt weiterhin Singledasein und Kinderlosigkeit, bestraft systematisch Familienbildung und Kinderreichtum. Ohne Kinder keine Zukunft! Das gilt für die ganze Gesellschaft, für unsere durch Renten und Pensionen, Gesundheits- und Pflegekosten bald heillos überforderten Sozialsysteme. Es gilt aber auch ganz persönlich: Das Ja zu Kindern ist eine Wette auf die Zukunft.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2018
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)


[1] Stephan Baier: Die Seele Europas – Von Sinn und Sendung des Abendlands, geb., 193 S., 8,95 Euro, ISBN 978-3-863571-94-8, Tel. 07563-6089980, E-Mail: info@fe-medien.de

„Ich liebe die Kirche“

Von Weihbischof Andreas Laun

Vor kurzem erhielt ich ein E-Mail, dessen Inhalt in dem Satz gipfelten: „Ehrlich, lieber Laun, auch als Bischof sollten Sie daran denken, aus Ihrer Kirche auszutreten, einfach um sich wieder in den Spiegel sehen zu können.“

Nun, der Schreiber rechnet wohl kaum damit, dass ich das tue. Dennoch will ich mich der Frage tiefer stellen: Unerwartete Hilfe fand ich dabei in einer kleinen, wohl bei den meisten Menschen längst vergessenen Schrift von Hans Küng mit dem Titel: „Warum bleibe ich katholisch?“ Küng hatte geschrieben mitten in seiner dramatischen Auseinandersetzung mit Rom, im Laufe derer ihm das Attribut „katholischer Theologe“ per Dekret abgesprochen wurde. Dann stellte er sich für seine Leser die Frage: „Warum ich unter diesen Umständen katholisch bleibe?“ Die entscheidenden Argumente Küngs sind in den folgenden Sätzen enthalten:

„Sehr früh habe ich auch die katholische Kirche als die weltumfassende erfahren und in ihr von ungezählten Menschen und Freunden in aller Welt unendlich viel empfangen und lernen dürfen; seither weiß ich noch deutlicher, dass die katholische Kirche nicht einfach mit der katholischen Hierarchie oder gar der römischen Bürokratie verwechselt werden darf.“ Und nochmals weiter unten heißt es: „Nach dem ursprünglichen Wortsinn und der alten Tradition kann sich katholischer Theologe jeder nennen, der sich in seiner Theologie der „katholischen“, und das heißt der „ganzen, der „allgemeinen, umfassenden, gesamten“ Kirche verpflichtet weiß. Und dies in zwei Dimensionen: der zeitlichen und der räumlichen. … Katholisch ist der Theologe, der sich mit der gesamten Kirche, also mit der Kirche aller Zeiten verbunden weiß.“

Mir scheint, Küngs Antworten – Kindheitserinnerungen und Kirche als Heimat – greifen zu kurz. Der entscheidende Punkt, den Hans Küng verfehlt hat, ist: Die Kirche ist das „Haus“, in dem Gott selbst Wohnung genommen hat an dem Tag, an dem das Wort Fleisch geworden ist. Modern gesprochen: Sie ist die „WG“, die Wohngemeinschaft (wie bei Studenten) mit Gott selbst. Wenn ich die Kirche verlasse, wenn auch nur äußerlich, soweit es überhaupt möglich ist, wende ich Gott den Rücken zu und nicht nur bestimmten Menschen, die mich stören. Und: Der fleischgewordene Sohn Gottes ist der Herr der Kirche, nicht ich, nicht der Papst oder sonst jemand. Und wenn die Kirche heute wieder, wie schon oft in der Geschichte, aus vielen Wunden blutet, dann gilt: Jesus Christus ist der Hirte und Arzt, Er wird sich heilend und tragend um Seine Kirche kümmern mit Hilfe Seiner Heiligen: In der Geschichte waren es eigentlich immer die Heiligen und Zeugen, die zu einer wahren Reform führten. Das wird wieder so sein, und hat auch schon begonnen. Wenn die Kirche Haus Gottes und Jesus ihr Herr und Bräutigam ist, wie könnte ich mich von ihr trennen?

Dieser einzigartige Gott der Juden und Christen: Er wollte nicht nur „von oben“ uns beobachten, loben, strafen oder auch nur belächeln, sondern Er betont schon im Alten Testament und dann als Höhepunkt im Neuen Testament: Er kommt auf Grund Seiner brennenden Liebe zu uns, um bei uns zu wohnen, nicht nur auf kurzen Besuch, sondern auch um zu bleiben! Mein Vater sagte mir kurz vor seinem Tod: „Ich liebe Deine Mutter, wie am Tag unserer Hochzeit, aber noch mehr liebe ich die Kirche!“ Was würde er mir sagen, wenn ich die Kirche verlassen hätte, und was könnte ich dann antworten?

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2018
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Fatima und die junge Bundesrepublik (Teil 3)

Zusammenspiel marianischer Kräfte

Ob sich Deutschland nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs in geistlicher Hinsicht erholen würde, war alles andere als klar. Das gilt sowohl gesellschaftspolitisch als auch innerkirchlich. Ida Friederike Görres sprach 1946 von einem alarmierenden „Sterben der Kirche in den Seelen“. Wird Europa christlich bleiben, oder aber wird es heidnisch werden? Das stand für Konrad Adenauer auf dem Spiel. Es war die Fatima-Botschaft, die seinen Blick für den Ernst der Lage schärfte. Als Mitglied der Blauen Armee Mariens war er überzeugt, dass nur die geistigen Waffen des Gebets und des Gottvertrauens eine Wende herbeiführen und den Frieden sichern können. Das Ehepaar Koch geht in seinem dritten Beitrag der Artikelserie über die Erneuerung Deutschlands in der Nachkriegszeit den Hinweisen auf die marianische Prägung Adenauers nach. Gleichzeitig schlägt es die Brücke zum Pontifikat Pius‘ XII., der die „marianische Bewegung“ in Verbindung mit einer Vertiefung der eucharistischen Frömmigkeit zu einem neuen Höhepunkt geführt habe.  

Von Dorothea und Wolfgang Koch

In kaum überbietbarer Weise bekennt sich Papst Pius XII. zu Maria, als er das Dogma von Mariä Himmelfahrt am Allerheiligentag 1950 verkündet: „Wir, die Wir Unser Pontifikat unter den besonderen Schutz der Allerseligsten Jungfrau stellten, zu der Wir in so vielen traurigen Wechselfällen Unsere Zuflucht genommen haben; Wir, die Wir Ihrem Unbefleckten Herzen die gesamte Menschheit öffentlich und feierlich weihten und Ihren wirksamen Schutz immer und immer wieder erfuhren: Wir hegen das feste Vertrauen, diese feierliche Verkündigung und Definition der Aufnahme Marias in den Himmel werde nicht wenig zum Wohl der menschlichen Gesellschaft beitragen."[1] Seine Radioansprache am 31. Oktober 1942 schloss mit der Weihe der Welt an das Unbefleckte Herz Mariens,[2] die von den Bischöfen mitvollzogen wurde und die Kriegswende einleitete.

Fatima und Papst Pius XII.

Mit Fatima ist die Laufbahn Eugenio Pacellis eng verwoben. Am 13. Mai 1917 empfängt er in der Capella Sixtina die Bischofweihe: „Zur selben Stunde geschah indes auf dem Berge von Fatima die erste Erscheinung der Weißen Königin des heiligsten Rosenkranzes“, stellt Pius XII. selbst einen Zusammenhang her, „so als habe die Mutter der Barmherzigkeit dadurch anzeigen wollen, dass Wir in den stürmischen Zeiten, in denen Unser Pontifikat ablaufen sollte, inmitten der großen Krisen der Weltgeschichte, doch stets den mütterlichen und wachsamen Beistand der großen Siegerin in allen Schlachten Gottes haben würden“.[3] Unmittelbar nach seiner Weihe geht Pacelli als päpstlicher Nuntius nach München. Seine enge persönliche Bindung an Deutschland besitzt also auch eine marianische Dimension. Das Buch „Fatima und Pius XII.“ des seinerzeit viel gelesenen und in der NS-Zeit verfolgten Publizisten Johannes Maria Höcht befindet sich mit persönlicher Widmung in Adenauers Privatbibliothek.

Die Erscheinungen von Fatima prägen auch die Lehrverkündigung dieses Papstes. Am 19. August 1917 mahnt Maria in der Weide Valinhos: „Betet, betet viel und bringt Opfer für die Sünder, denn viele Seelen kommen in die Hölle, weil sich niemand für sie opfert und für sie betet.“ Dieser Wunsch entspricht der nachdenklich machenden Passage in seiner Kirchenenzyklika, die von einem „wahrhaft schaudererregenden Mysterium“ spricht, das man niemals genug betrachten könne, „dass nämlich das Heil vieler abhängig ist von den Gebeten und freiwilligen Bußübungen der Glieder des geheimnisvollen Leibes Jesu Christi“. Er nennt Hirten und Gläubige und „besonders die Familienväter und -mütter“.[4] Wie sehr „Mystici Corporis“ von Fatima her geprägt ist, zeigt ihr Schluss: „Ihrem unbefleckten Herzen haben Wir vertrauensvoll alle Menschen geweiht.“

Fatima-Spuren bei Adenauer

Wie sehr Adenauers Ringen mit „Russland“ und seinen „Irrtümern“ eine Fatima-Dimension besitzt, belegt seine Mitgliedschaft in der Blauen Armee Mariens. Der deutsche Zweig dieser internationalen Organisation, 1947 in den USA von dem Publizisten John M. Haffert und Prälat Harold V. Colgan gegründet, wurde 1951 durch Pfarrer Andreas Fuhs gegründet. Blau wurde als Farbe der Gottesmutter in bewusster Entgegensetzung zur Roten Armee gewählt. Ihre Mitglieder versprechen, sich persönlich dem Unbefleckten Herzen Mariens zu weihen, eine marianische Medaille zu tragen, täglich den Rosenkranz zu beten, ihre Berufspflichten gewissenhaft zu erfüllen und alle Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, als Bußwerke aufzuopfern. Wenn immer möglich, halten sie die Herz-Mariä-Sühnesamstage.

Am 30. Mai 1954 nimmt Adenauer den ersten Friedenspreis der Blue Army im Palais Schaumburg entgegen, seinem Bonner Amtssitz. Die Statuette der Fatima-Madonna, die ihm dabei überreicht wird, trägt auf ihrem Sockel die Inschrift „für hervorragende Verdienste im Kampf gegen den gottlosen Kommunismus und für den Weltfrieden“. Der Kanzler antwortet Prälat Colgan: „Wenn Sie sagen, dass wir mit geistigen Waffen gegen den Kommunismus kämpfen müssen, und dass wir nur so einen dauernden Frieden erlangen können, haben Sie vollkommen recht. Ohne die Hilfe des Gebetes, ohne die Hilfe von oben, können wir das Böse nicht besiegen. Wenn wir alle zusammenhalten im Vertrauen auf Gott, dann können wir dieses Ziel erreichen.“ Pfarrer Fuhs‘ Buch in Adenauers Rhöndorfer Privatbibliothek beschreibt diese Begebenheit und enthält eine sehr persönliche Widmung.[5] Die große Bedeutung der Marienfrömmigkeit für Konrad Adenauers religiöses Leben, aber auch ihre ‚diskrete‘ Natur wurde kürzlich dargestellt.[6]

Medaille, Gebetsstuhl, Rosenkranz

Auf Adenauers Schreibtisch im Arbeitszimmer seines Wohnhauses, einer mittelalterlichen Kreuzigungsszene gegenüber, lagen bis Ende 2016 einige Gegenstände, wie sie Adenauer hinterlassen hat. Darunter eine „Wunderbare Medaille“ aus Aluminium. Die Vorderseite zeigt Maria auf der Weltkugel, um die sich eine Schlange windet, während von ihren Händen Strahlen ausgehen. Umgeben ist sie von den Worten „O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir unsere Zuflucht zu dir nehmen“. Auf der Rückseite umgibt ein Kranz aus zwölf Sternen die stilisierten Herzen Jesu und Mariens sowie den Buchstaben M mit einem Kreuz darüber. Wie diese Medaille in Adenauers Besitz gelangte und warum sie nach seinem Tod über Jahrzehnte an einem so prominenten Platz lag, war bisher nicht zu ermitteln. Möglicherweise geht sie auf seine Mitgliedschaft in der Blauen Armee Mariens zurück.

In Adenauers Arbeitszimmer befand sich unter einem nicht mehr dort hängenden Wandkreuz auch ein Gebetsstuhl, den Adenauer benutzte. Sein jüngster Sohn Georg berichtete der Verfasserin, dass er seinen betenden Vater dort überrascht habe: „Ich habe die Tür dann sofort wieder leise geschlossen.“ Er fällt auch dem Journalisten Rudolf Augstein (1923-2002) auf, als er ihn 1948 zu einem Interview besucht: „Ein Gebetsstuhl trägt die Aufschrift Maria Laach 1933-34“ berichtet der katholisch erzogene Gründungsherausgeber des „Spiegel“ seinen Lesern.[7] Noch heute liegt in der obersten Schublade seines Nachtschränkchens neben seinem Sterbebett stets griffbereit Adenauers Rosenkranz.

Eucharistische und marianische Kräfte

Überraschend sind Parallelen zwischen der Gegenwart und der unmittelbaren Nachkriegszeit vor dem Anbruch des Marienfrühlings. Sie betreffen die Gesellschaft außerhalb der Kirche, so dass man heute noch zutreffender von einer „nachchristlichen Ära“ sprechen könnte, so dass es für Adenauer auf dem Spiel steht, „ob Europa christlich bleibt, oder ob Europa heidnisch wird“.[8] Aber auch innerkirchlich liest sich der Aufschrei von Ida Friederike Görres aus dem Jahr 1946 wie eine heutige Situationsbeschreibung: „Es gibt das ‚Erwachen der Kirche in den Seelen‘. Es gibt auch das Sterben der Kirche in den Seelen. Wir erleben es rund um uns, mitten unter uns, selten als plötzlichen Zusammenbruch unter dem Blitzschlag einer Katastrophe…, sondern das langsame, schleichende, unmerkliche Sterben an Erkältung und Verarmung, an geistlicher Unterernährung und Verhärtung."[9]

Was konnte jenes „Sterben der Kirche in den Seelen“ nach dem äußeren Untergang nicht nur aufhalten, sondern in ein nicht zu erwartendes Aufblühen des kirchlichen Lebens verwandeln, jenes „Wunder“, das für Thomas Mann „über den Glauben geht“?

Einen Schlüssel bietet Joseph Kardinal Ratzinger als Münchener Erzbischof, der von zwei Kräften spricht, die „beide in gewissem Sinn – wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise – ‚charismatische Züge‘ trugen“.[10] Auf der einen Seite habe die liturgische Bewegung gestanden, „deren Ursprünge in der von Solesmes ausgehenden Erneuerung des benediktinischen Mönchtums, aber auch in der eucharistischen Idee Pius‘ X., zu suchen sind“. Sie habe unter Pius XII. amtliche Bestätigung und persönliche Unterstützung erfahren. Die marianische Bewegung auf der anderen Seite, „die mit dem Pontifikat Pius‘ XII. ihren die ganze Kirche erfassenden Höhepunkt erreichte“, habe sich von den Erscheinungen der Gottesmutter ansprechen lassen und „war viel stärker durch die Tradition des Mittelalters und der Neuzeit gestaltet“.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2018
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)


[1] PIUS XII. (1950): Munificentissimus Deus, In: Heilslehre der Kirche, Freiburg/Schweiz 1953, 328.
[2] PIUS XII. (1942): Radiobotschaft an Portugal am 31. Oktober 1942, online: www.vatican.va
[3] J. M. HÖCHT (1950): Fatima und Pius XII., Wiesbaden 61957, 57.
[4] PIUS XII. (1943): Mystici Corporis, in: Heilslehre der Kirche, Nr. 788, 489.
[5] A. J. FUHS (1959): Maria und der Friede, St. Augustin, 189f.
[6] W. KOCH (2014): Mariens Spuren in Adenauers Welt, in: Sedes Sapientiae, Jg. 18 (2014), Bd 2, 92ff.
[7] Der Spiegel, 16.10.1948, Nr. 42/1948, 5.
[8] Ansprache am 20. Juli 1952, in: Konrad Adenauer – Reden 1919-1967, Stuttgart 1975, 162.
[9] I. F. GÖRRES (1947): Gespräch über die Kirche, in: Frankfurter Hefte 2 (1947), 280.
[10] J. RATZINGER (1980): Erwägungen zur Stellung von Mariologie und Marienfrömmigkeit im Ganzen von Glaube und Theologie, in: Maria – Kirche im Ursprung, Freiburg i.Br., 15-40.

Neue Studie eines portugiesischen Russlandexperten

Die Botschaft von Fatima in Russland

Der bekannte Dogmatikprofessor und Mariologe Dr. Manfred Hauke hat die wichtigsten Informationen eines neuen Buchs über „die Botschaft von Fatima in Russland“ zusammengefasst. Die Rezension ist umso wertvoller, als eine deutsche Übersetzung des portugiesischen Originals bislang nicht vorliegt. José Milhazes, der Autor der Publikation, verfügt über einzigartige Erfahrungen und Kontakte zu Zeitzeugen. Er bringt Ereignisse und Gestalten in Erinnerung, die auch im Westen Beachtung verdienen und einem intensiveren Brückenschlag in den Osten dienen können.  

Von Manfred Hauke

José Milhazes ist ein portugiesischer Journalist, der 1984 in der früheren Sowjetunion über die Geschichte Russlands seine Lizentiatsarbeit schrieb und später in Portugal promovierte. Seit Jahren veröffentlicht er Beiträge über die Beziehung zwischen Russland und Portugal. Von daher ist es interessant, sein Werk über „die Botschaft Fatimas in Russland“ zur Kenntnis zu nehmen. In seiner Einleitung, datiert auf den 15. August 2015 in Moskau und Lissabon (S. 15), weist er darauf hin, dass in das Jahr 2017 das hundertjährige Gedenken zwei der wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts fällt: der Erscheinungen von Fatima in Portugal (Mai) und der kommunistischen Revolution in Russland (November). Angesichts der anscheinend kommunistischen Sozialisation des Verfassers überrascht es nicht, dass er die Forderung der Gottesmutter nach einer Weihe Russlands an ihr Unbeflecktes Herz in ihrer geschichtlichen Wirklichkeit einklammert (vgl. S. 13); ihm gehe es nicht um die Erscheinungen, sondern um deren Einfluss in Russland; in philosophische und theologische Diskussionen wolle er dabei nicht eintreten (S. 14-15).

Das erste von sechs Kapiteln befasst sich mit der ökumenischen Frage: „Wann vollzieht sich die Einheit der beiden Schwesterkirchen?“ (nämlich der katholischen und der orthodoxen Kirche) (S. 17-35). Dabei wird vor allem auf die Kontakte von Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus mit dem orthodoxen Patriarchat von Moskau Bezug genommen (noch vor dem Treffen zwischen dem Heiligen Vater und dem russischen Patriarchen am 12. Februar 2016 in Kuba, das am Ende des Buches behandelt wird).

Wann gelangte die Botschaft von Fatima nach Russland?

Im zweiten Kapitel geht es um das Bekanntwerden der Botschaft von Fatima in Russland (S. 37-58). Ein Blick auf fünf wichtige Zeitungen Russlands zwischen dem Mai und Dezember 1917 ergibt keinerlei Hinweis auf die Ereignisse im fernen Portugal von Mai bis Oktober (S. 41). Die 1975 veröffentlichten „Erinnerungen“ von Charles Gibbs, dem englischen Hauslehrer der Zarenfamilie, nehmen Bezug auf eine Information des Zaren, der im Oktober 1917 Zeitungen aus dem Juni und Juli über das Wunder von Fatima erhalten habe, allerdings ohne eine Erwähnung Russlands (die in der Tat erst 1942 in der Öffentlichkeit bekannt wurde, nach der Erscheinung der Gottesmutter in Tuy 1929) (S. 44-49). Interessant ist der Hinweis, dass die russisch-orthodoxe Kirche im Jahre 2000 Zar Nikolaus II. und die ermordeten Mitglieder seiner Familie als Heilige kanonisierte, aber die treue Dienerschaft (die ebenfalls von den Bolschewiken umgebracht wurde) davon ausschloss, weil ein Katholik dazugehörte (Aloisius Trupp) (S. 56).

Die ersten Russen, die mit großem Interesse die Botschaft der Gottesmutter von Fatima über Russland zur Kenntnis nahmen, waren die vor der Roten Revolution geflohenen „Weißen“ im Ausland. Als Beispiel nennt Milhazes den russischen Schriftsteller und Philosophen Dmitri Merejkovski (1865-1941), der am Ende der 30er Jahre den portugiesischen Staatspräsidenten Salazar anschrieb, um in Portugal die Ereignisse von Fatima studieren zu dürfen. Eine Antwort erhielt er nicht (S. 57f).

Das dritte Kapitel beschreibt die Verfolgung der orthodoxen Kirche in Russland und die Entwicklung der Situation bis zur „Perestroika“ Gorbatschows (S. 59-90). Konkrete Daten über die Rezeption der Botschaft von Fatima in Russland finden wir dann in dem Kapitel über das Geschick der katholischen Kirche in der Sowjetunion nach der Oktoberrevolution 1917 (S. 91-127). Erwähnt wird die Bedeutung des ungarischen Ordensmannes P. Luis Kondor SVD (1928-2009), dem späteren Vize-Postulator für die Seligsprechung Franciscos und Jacintas (seit 1960). Am Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte er den Einmarsch der Roten Armee in Ungarn und floh bald nach seinem Ordenseintritt (1948) nach Deutschland, wo er 1953 zum Priester geweiht wurde (S. 101f). Pater Kondor sorgte dafür, dass die (ersten vier) „Erinnerungen“ Sr. Lucias ins Polnische und Russische übersetzt wurden; Bücher und Bilder der Gottesmutter von Fatima gelangten durch die Vermittlung des ungarischen Steyler Missionars in verschiedene Orte jenseits des Eisernen Vorhangs (S. 102). Als im März 1984 Papst Johannes Paul II. die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens vornahm (mit einem besonderen, nicht ausdrücklichen Gedenken an Russland), vollzog der slowakische Bischof Pavel Hnilica auf geheime Weise die gleiche Weihe im Kreml (S. 108).

Ein katholischer Priester wurde 1984-87 in ein sowjetisches Konzentrationslager verbracht mit dem Vorwurf, antisowjetische Propaganda verbreitet zu haben; dazu gehörte insbesondere die Botschaft von Fatima mit dem Anliegen des Gebetes um die Bekehrung Russlands (S. 113). Hinweise gibt es aber auch auf orthodoxe Geistliche, denen die Bekanntschaft mit der Botschaft von Fatima half, ihre schwere Zeit zu überstehen. Der russisch-orthodoxe Priester Mikhail Turkhanov, der fünfzehn Jahre im GULAG verbrachte, schrieb (im Jahre 2011): „Die Nachricht von der Erscheinung der heiligen Gottesmutter in Fatima bezeugte, dass sie Russland liebt. Sie half uns, in den Konzentrationslagern zu überleben“ (S. 115). Zwei bekannte Dissidenten, der Priester Gleb Jakunin sowie der Historiker und Philosoph Lev Reguelson, erinnern 1975 an die Botschaft der Gottesmutter von Fatima, „dass sich Russland erneut Gott zuwenden und Friede auf der Erde herrschen wird“ (S. 116). Jakunin erwähnt, dass die Veröffentlichung eines Fatima erwähnenden Briefes im Jahre 1979 einer der Gründe für seine Verurteilung zu fünf Jahren Gefängnis war (S. 117). Wie der orthodoxe Priester beschreibt, entfalteten die Katholiken im Untergrund ei-ne eifrige Tätigkeit, um die Botschaft heimlich zu verbreiten; zu den im Ausland lebenden Russen gehörten auch orthodoxe Christen, die der Botschaft von Fatima Glauben schenkten. Der 1990 umgebrachte orthodoxe Priestertheologe (jüdischer Herkunft) Alexander Mem „legte großen Wert auf die Verbreitung der Botschaft von Fatima in der UdSSR“. Er glaubte fest daran und besaß zahlreiche Bücher über Fatima (S. 118). In der (orthodoxen) Untergrundzeitschrift „Obschina“ („Gemeinschaft“) fand sich in der zweiten Nummer 1977 ein Artikel zum 60jährigen Jubiläum der Marienerscheinungen von Fatima (S. 119).

Hochinteressant sind die Hinweise auf den Metropoliten Nikodim, der 1960-1972 für die internationalen Beziehungen der russisch-orthodoxen Kirche zuständig war. Er leitete die russisch-orthodoxen Beobachter auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil und begann danach die ersten offiziellen Gespräche zwischen katholischen und orthodoxen Theologen. Der gegenwärtige Patriarch Kyrill II. wirkte früher als Sekretär des Archimandriten Nikodim, der am 5. September 1978 während einer Audienz bei Papst Johannes Paul I. starb (S. 119-121). Nikodim gehört zu den wenigen russisch-orthodoxen Würdenträgern, die eine Pilgerreise nach Fatima unternahmen (S. 122). Am 22. Mai 1975 besuchte er dort das Fatima-Apostolat („Blaue Armee“, in der „Domus Pacis“) und verbrachte etliche Stunden im Gebet an den von den Erscheinungen geheiligten Stätten; ganz besonders gefiel ihm der Ort, an dem der Engel von Portugal den Seherkindern das Allerheiligste Sakrament zur Anbetung darbot (S. 122). Nach dem Zeugnis des in Fatima wirkenden orthodoxen Erzpriesters Jean Mowatt hegte Nikodim eine tiefe Zuneigung zum Papsttum und zur katholischen Kirche. Den wenigen Bürgern der Sowjetunion, die nach Portugal reisen konnten, rieten die Autoritäten ihrer Heimat ab, die „Cova da Iria“ zu besuchen (S. 123). Nichtsdestoweniger begab sich 1967, anlässlich des Besuches von Papst Paul VI. in Fatima, der berühmte sowjetische Dichter Evgueni Evtuchenko an den Ort der Marienerscheinungen und schrieb daraufhin ein langes Gedicht mit dem Titel „Fatima“ (S. 123-125). Als am 25. April 1974 Portugal mit der Sowjetunion diplomatische Beziehungen aufnahm (nicht zuletzt unter dem Einfluss der kommunistischen Partei Portugals), nahm die Zahl der russischen Besucher in Fatima zu. Ein in Portugal tätiger KGB-Offizier kennzeichnete die Portugiesen mit drei „F“: „Fatima, Fußball und Fado“ („Fado“ steht für melancholische portugiesische Volkslieder) (S. 125).

Nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums im Dezember 1991 konnte die Botschaft von Fatima auch in Russland auf legale Weise verbreitet werden. Der russische Denker Mikhail Shterenberg berichtet, wie 1997 eine Statue der Gottesmutter von Fatima auf eine Pilgerreise nach Russland gesandt wurde, wobei sie von St. Petersburg und dem russischen Ostpreußen bis nach Moskau gelangte, in die katholische Kirche von der Unbefleckten Empfängnis. Katholische und orthodoxe Christen nahmen gemeinsam die Weihe Russlands an das Unbefleckte Herz Mariens vor; der Erzbischof von Fatima, Serafim, war dabei anwesend; gleichzeitig betete Sr. Lucia in ihrem Kloster (in Coimbra) (S. 127).

Fatima und die Marienikone von Kasan

Das fünfte Kapitel beschreibt die bemerkenswerte Verbindung einer Ikone der Gottesmutter von Kasan mit Fatima (S. 129-155). Dieses vom russischen Volk ganz besonders verehrte Gnadenbild geht nach der überlieferten Erzählung auf einen wunderbaren Fund im Jahr 1579 zurück. Zar Ivan der Schreckliche (sic) ließ ein Frauenkloster errichten, um die Ikone aufzunehmen, und die russisch-orthodoxe Kirche führte für den 8. (bzw. 21.) Juli das Fest der Gottesmutter von Kasan ein. Als im 17. Jahrhundert während eines russischen Bürgerkrieges polnische Truppen Moskau besetzten, ließ der russische Patriarch die Ikone von Kasan in die Hauptstadt bringen; Moskau sei deshalb von der polnischen Besetzung befreit worden. Im Anschluss daran wurde die Ikone in einer Dankprozession nach Kasan zurückgebracht. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts zerstörten die Bolschewiken das Marienheiligtum, das erst nach der Wende der 90er Jahre wieder aufgebaut wurde.

Am Beginn des 19. Jahrhunderts gab es vier Ikonen der Gottesmutter von Kasan: das Original, das 1904 geraubt wurde und als verschollen gilt; Kopien in Moskau, St. Petersburg und Diveev (einer Stadt im Süden des Landes). Nach allen vier Himmelsrichtungen sollte Russland auf diese Weise beschützt werden. Die in St. Petersburg aufbewahrte Kopie wurde von den Kommunisten zerstört. Die Moskauer Kopie hingegen wurde aus der in den 30er Jahren zerstörten Kirche in die Kathedrale überführt und blieb dort während des Zweiten Weltkriegs. Berichtet wird von einer Erscheinung der Gottesmutter vor dem orthodoxen Metropoliten des Libanons, Elias, die ihm die Bedingungen für eine Rettung Russlands in der Kriegsgefahr genannt habe: im ganzen Land seien Kirchen, Klöster, Priesterseminare und theologische Akademien wieder zu errichten. Das Gnadenbild der Gottesmutter von Kasan sollte eine Pilgerreise durch das Land machen und an der Front die Soldaten unterstützen. Stalin selbst habe dem russischen Patriarchen gegenüber diesem Verlangen zugestimmt, um den „Großen Vaterländischen Krieg“ zu gewinnen (S. 135f). Der Metropolit Elias wurde immerhin 1947 von Stalin mit Ehren in Moskau empfangen (S. 137).

Vor dem russischen Angriff auf Königsberg soll angeblich (nach einem Buch von Mikhail Shterenbert) das ganze deutsche Heer im Himmel eine Erscheinung der Gottesmutter gesehen haben, woraufhin die deutschen Waffen nicht mehr funktioniert hätten (S. 136f). Dergleichen Berichte dürfen wohl mit einem Fragezeichen versehen werden, es sei denn, sie würden von historischen Quellen (deutscher Herkunft) bestätigt. Der Einfall der Roten Armee in Ostpreußen ist von den Betroffenen im Übrigen nicht gerade als Besuch der Gottesmutter empfunden worden.

Eine in den Wirren des kommunistischen Regimes verschwundene Kopie der Ikone (nicht das Original) gelangte in die USA und wurde dort auf der New Yorker Weltausstellung 1964 dem Publikum gezeigt. Vielleicht ist es die Kopie, die 1923 aus dem Kloster von Diveev entfernt wurde und während des Zweiten Weltkriegs ins Ausland gelangte (S. 144). Sie wurde jedenfalls von der „Blauen Armee“ gekauft und in deren Zentrum nach Fatima gebracht („Domus Pacis“), wo sie am 21. Juli 1970 eintraf und in der byzantinischen Kapelle aufgestellt wurde. 1993 übertrug das Fatima-Weltapostolat („Blaue Ar-mee“) das Besitzrecht an der Ikone dem Heiligen Stuhl. Johannes Paul II. hätte gerne die Ikone dem russischen Patriarchen übergeben anlässlich eines Besuches in Russland. Ein solcher Besuch kam den orthodoxen Hierarchen nicht gelegen, aber immerhin brachte Kardinal Kasper im Jahr 2004 die Ikone in den Kreml während eines Besuchs beim Patriarchen. Nicht alle Orthodoxen waren davon begeistert. Einige Extremisten mutmaßten, die Ikone sei von Mikroben der katholischen Mafia infiziert und darum ohne jeden religiösen Wert. Ein lebhaftes Interesse an der Ikone hatte hingegen die aus Muslimen bestehende Regierung der Tatarenrepublik, deren Hauptstadt Kasan bildet (S. 150). Johannes Paul II. hat ein Gebet an die Gottesmutter von Kasan verfasst (S. 153-155).

Das sechste Kapitel schließlich widmet sich der Begegnung von Papst Franziskus und dem Patriarchen Kyrill II. in Havanna (S. 157-170). Der Patriarch schenkte dabei dem Papst eine Kopie des Gnadenbildes der Gottesmutter von Kasan (S. 170). Eine andere Kopie befindet sich heute in der byzantinischen Kapelle des „Domus Pacis“ in Fatima (S. 171).

Das Büchlein von José Milhazes ist eine ertragreiche Lektüre für alle, die der portugiesischen Sprache mächtig sind, und bildet eine gute Ergänzung für die verdienstvolle Studie des in Russland (Beresniki) wirkenden Augsburger Diözesanpriesters Erich Maria Fink („Die Rezeption der Botschaft von Fatima in Russland“, in: Manfred Hauke (Hrsg.): Fatima – 100 Jahre danach, Mariologische Studien 25, Pustet Verlag, Regensburg 2017, S. 222-245).

Anmerkung: Bibliographische Angaben zum besprochenen Buch: José Milhazes: A mensagem de Fátima na Rússia, Alêtheia Editores, Lisboa (Portugal) 2016, ISBN 978-989-622-669-5, Paperback, 188 Seiten, EUR 13,–.  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2018
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Stellungnahme zum Treffen des Weltärztebundes

Kein assistierter Suizid!

Anlässlich der Verabschiedung des neuen Gesetzes zum assistierten Suizid (§ 217 StGB) im November 2015 hat sich noch im selben Monat ein Ärztebündnis formiert, das sich für die Erhaltung des ärztlichen Ethos in der hippokratischen Tradition einsetzt. Es nennt sich Liga der Ärzte in Ehrfurcht vor dem Leben und hat sich als Motto das bekannte Wort des Friedensnobelpreisträgers Albert Schweitzer (Bild) gewählt: „Ohne Ehrfurcht vor dem Leben hat die Menschheit keine Zukunft“. Nachfolgend die Stellungnahme des Bündnisses zum Europäischen Regionaltreffen des Weltärztebundes am 16./17. November 2017 im Vatikan.

Von Liga der Ärzte in Ehrfurcht vor dem Leben

Trotz der ungünstigen Erfahrungen in Nachbarländern, trotz der fatalen Erfahrungen aus der deutschen Geschichte und trotz der Warnungen aus der Suizidforschung wird unter den Titeln „Assistierter Suizid“ und „Tötung auf Verlangen“ für Euthanasie geworben.

Die in der Öffentlichkeit geführte Diskussion darüber, ob ein Arzt Beihilfe zur Selbsttötung leisten darf, richtet im Gemüt der Menschen großen Schaden an. Durch diese Debatte werden elementare ethische Grundlagen unseres Zusammenlebens in Frage gestellt. Wenn es „den behandelnden Ärzten in die Hand gegeben wird, einem Tötungswunsch zu entsprechen, wird die Arzt-Patienten-Beziehung tief erschüttert."[1]

Es ist höchste Zeit, dass wir Ärztinnen und Ärzte uns positionieren:

Der moralische Stand einer zivilisierten Gesellschaft misst sich daran, wie sie mit den Schwächsten umgeht. Der Lebensschutz ist in der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 verankert.

Oberstes Gebot ärztlichen Handelns ist es, dem Patienten nicht zu schaden. Der Arzt ist Beschützer des Lebens, er darf nicht zur Gefahr für das Leben seiner Patienten werden. Es widerspricht zutiefst dem seit 2400 Jahren gültigen ärztlichen Ethos und der Menschlichkeit eines jeden, einem leidenden Menschen Beihilfe zum Suizid zu leisten.

Jeder psychisch oder physisch kranke Mensch braucht fachgerechte medizinische Hilfe und echte mitmenschliche Zuwendung sowie die Gewissheit, dass der Arzt alles tun wird, um seine Krankheit zu heilen oder, wo dies nicht möglich ist, sein Leiden zu lindern. Der Wunsch nach Beihilfe zum Suizid entsteht nicht in erster Linie aus Angst vor unstillbaren Schmerzen, sondern aus der Sorge, anderen zur Last zu fallen, ausgeliefert zu sein, die Kontrolle zu verlieren oder allein zu sein. Patienten, die einen Suizidwunsch äußern, erwarten in aller Regel nicht, dass ihr Tod herbeigeführt wird. Überwiegend ist der Wunsch nach assistiertem Suizid ein Hilferuf und vorübergehender Natur.

Ausgehend vom aktuellen medizinisch-psychiatrischen Verständnis ist Suizidalität in den allermeisten Fällen Symptom einer psychischen Erkrankung beziehungsweise mit einer psycho-sozialen Krise verknüpft. Daher ist der Wille des suizidalen Menschen nicht im positiven Sinne des Wortes „frei“; vielmehr muss der Betroffene sowohl vor einer Kurzschlusshandlung als auch vor Handlungen Dritter, nämlich denen der Sterbehelfer, geschützt werden.

Es gibt keine Rechtfertigung für die ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung eines Patienten. Aufgrund des medizinischen Fortschritts und der sozialen Verbundenheit sind wir heute in der Lage, schwer kranke und sterbende Menschen so zu versorgen, dass sie nicht unerträglich leiden müssen, sondern sich aufgehoben fühlen.

Es liegt in der Natur des Menschen, dass wir auch am Lebensende auf unsere Mitmenschen angewiesen sind. Eine Einschränkung unserer Autonomie oder unserer Selbstbestimmung liegt darin nicht begründet.

Der assistierte Suizid setzt voraus, dass ein Menschenleben von einem Dritten, nämlich dem Sterbehelfer, als lebensunwert beurteilt wird. Damit ist aber bereits die Grenze zur Euthanasie überschritten. Die Eskalation der Tötung mit – und ohne – Verlangen des Patienten in den Niederlanden seit den 1990er Jahren muss uns hier eine Warnung sein.

Wenn der Arzt das Leiden eines schwer kranken, sterbenden Menschen nicht unnötig verlängern will und er daher eine medizinische Maßnahme unterlässt, reduziert oder abbricht, macht er sich nicht strafbar. Ebenso ist es ihm erlaubt, eine indizierte lindernde Behandlung auch dann durchzuführen, wenn durch sie ungewollt das Leben des Patienten möglicherweise verkürzt werden könnte. Angesichts dieser Alternativen muss niemand die Sorge haben, dass im Fall einer schweren, unheilbaren und tödlich verlaufenden Krankheit das Leiden des Patienten unnötig verlängert würde. Auch eine gute Palliativversorgung kann suizid-präventiv wirken.

Wir Ärztinnen und Ärzte in Deutschland haben aufgrund unserer Geschichte eine besondere Verpflichtung, für den Schutz des Lebens unserer Patienten einzutreten.

Wir schließen uns der gültigen Position des Weltärztebundes (WMA) an,

„… dass Euthanasie und ärztlich assistierter Selbstmord unethisch sind, und wir sagen, dass sie von der Ärzteschaft verurteilt werden müssen. Wir fordern die Ärzte dringend auf, sich nicht an der Euthanasie zu beteiligen, selbst wenn das nationale Recht dies zulässt oder unter bestimmten Bedingungen entkriminalisiert.“ (Dr. Ardis Hoven, Chair WMA-Council)

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2018
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[1] Prof. Dr. med. Dr. h.c. Uwe Henrik Peters: Vorwort, in: Arbeitsbündnis „Kein assistierter Suizid in Deutschland!“ (Hrsg.): Eine Auswahl der Publikationen, hrsg. anlässlich des Weltpsychiatriekongresses in Berlin, Oktober 2017, Köln 2017, 3. 

Worum geht es in meinem neuen Buch?

Das „Sündenregister“ der katholischen Kirche

Der katholische Publizist Dr. Josef Bordat (geb. 1972) widmet sich Fragen im Spannungsfeld von Ethik, Politik und Recht sowie zum Verhältnis von Religion und Wissenschaft. Er ist verheiratet, lebt in Berlin und engagiert sich in zahlreichen Bereichen akademischer Forschung und kirchlichen Lebens. Dieses Jahr brachte er ein Buch heraus, in dem er sich auf knapp 300 Seiten mit 36 gängigen Klischees über die katholische Kirche auseinandersetzt („Von Ablasshandel bis Zölibat“).[1] Es sind seiner Meinung nach immer ähnliche „Angriffsformationen“ gegen die Kirche, denen man in den Medien, in sozialen Netzwerken oder auch in Gesprächen am Arbeitsplatz begegnet. Doch werden die Töne zunehmend lauter und aggressiver, so als müsste man das größte Hindernis für den Aufbau einer humanen Gesellschaft und Weltordnung überwinden. Als gläubiger Katholik bemüht sich Bordat um eine sachliche Auseinandersetzung und widerlegt kirchenkritische Thesen bzw. ungerechte Vorwürfe. Dabei liefert er wertvolle Argumente für Diskussionen und Glaubensgespräche, kann aber auch gleichzeitig „den Anspruch erheben, sich auf der Höhe des akademischen Diskurses zu befinden“. Er stellt selbst seine Veröffentlichung vor.

Von Josef Bordat

Das Sündenregister in den Augen der Welt

Auf einem weißen Blatt sieht man nur den schwarzen Punkt. So sagt es ein chinesisches Sprichwort. Die Kirche (als von Christus gegründete und vom Heiligen Geist geführte Glaubens- und Weggemeinschaft) ist dieses weiße, reine Blatt, das in der geschichtlichen Entwicklung der Kirche (als Institution mit Menschen) den einen oder anderen schwarzen Punkt abbekommen hat. Vor dem idealen weißen Hintergrund des Christentums sieht man die realen schwarzen Flecken der Christenheit nur zu deutlich. Wäre bereits das Blatt grau oder braun, fielen die schwarzen Punkte nicht weiter auf. So aber ergibt sich aus dem starken, ja, maximalen Kontrast von Idealbild und Realität ein besonders deutliches Missempfinden, das auch entsprechend artikuliert wird – von innen und von außen. Vor allem von außen.

Denn das „Sündenregister“ der katholischen Kirche ist in den Augen des modernen, „aufgeklärten“, religionsfernen Menschen lang. Inquisition, Kreuzzüge, Hexen – keine Diskussion ohne diese Trias der Kirchenkritik. Viele Fragen ranken sich zudem um systematische Besonderheiten (Zölibat, Liturgie, Sexualmoral) und historische Entwicklungen (Priesteramt, Hierarchie, Unfehlbarkeit), die vonseiten anderer Konfessionen oder der säkularen Gesellschaft an die katholische Kirche herangetragen werden, gerade in einem Gedenkjahr wie 2017, ein halbes Jahrtausend nach Martin Luthers 95 kirchenkritischen Thesen.

Die katholische Sicht auf die Kirche

Es ist nötig, auch einmal die katholische Sicht auf die Kirche – ihre Geschichte und ihr Wesen – sachlich und unaufgeregt auszuformulieren. In insgesamt 36 Kapiteln versuche ich die wichtigsten Streitthemen von A (wie Ablasshandel) bis Z (wie Zölibat) aufzugreifen und Argumente für Diskussionen über die Kirche zu sammeln – gerade auch den virtuellen, um den dort virulenten Fakes mit historischen und theologischen Fakten zu begegnen. Jedes Kapitel beginnt mit einem Vorwurf, wie er mir so oder ähnlich schon begegnet ist. In einer Darlegung der historischen und systematischen Sachverhalte soll die kirchenkritische These widerlegt werden. Die angegebene Literatur ermöglicht eine vertiefende Recherche.

Es mag ungerecht sein, an höchsten Ansprüchen gemessen zu werden, doch es ist für die Kirche der einzige Weg, um Institution und Gemeinschaft möglichst weit zur Deckung zu bringen. Insoweit hat die starke, manchmal auch überzogene Kritik an der Kirche, wie sie gerade in den Neuen Medien ungefiltert und in Echtzeit formuliert wird, ihren ganz eigenen Wert. Dennoch muss es erlaubt sein, in diesem Zusammenhang an zwei Dinge zu erinnern: erstens an die Tatsache, dass nur die Idealfolie das reale Versagen erkennbar macht und zweitens an die Tatsache, dass viele der identifizierten schwarzen Punkte bei genauerer Betrachtung gar keine Schmutzflecken sind, sondern heute nicht mehr gut lesbare und da-her missverstandene Zeichen. Beides aufzuzeigen ist Anliegen dieses Buches.

Unterscheidung zwischen historischen und hysterischen Darstellungen

Bei der Rezeption unterschiedlicher Betrachtungen der Kirche in Geschichte und Gegenwart ist es zunächst sehr hilfreich, zwischen historisch und hysterisch zu unterscheiden. Hysterische Darstellungen zur Geschichte und Gegenwart der Kirche gibt es vor allem aus den Reihen von Kirchenkritikern, deren Forschungsprämisse nichts anders war und ist als „Hass auf die Kirche“ (so Karlheinz Deschner zu seinem Motiv, eine umfangreiche „Kriminalgeschichte des Christentums“ zu verfassen). Ihre Werke genügen nicht immer den Standards der Geschichtswissenschaft, die dem Forscher nahelegt, nicht nur diejenigen Quellen heranzuziehen, die die eigene These stützen, sondern alle Quellen, die verfügbar sind.

Insoweit ist es sinnvoller, sich seriösen historischen Darstellungen zuzuwenden. Eine große Hilfe war mir Arnold Angenendts „Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“, ein 2007 erschienenes Werk des Münsteraner Kirchenhistorikers, das den neuesten Stand der geschichtswissenschaftlichen Forschung umfassend und leicht verständlich festhält. Diese und andere einschlägige Arbeiten (wie etwa die Forschungen Wolfgang Behringers zum Thema Hexen) liegen meiner Darlegung zugrunde, die insoweit den Anspruch erhebt, sich auf der Höhe des akademischen Diskurses zu befinden.

Natürlich schreibe ich auch dann noch mit der Feder des gläubigen Christen katholischer Prägung und Überzeugung, wenn ich die Werke Angenendts oder Behringers auswerte. Auch das wird dem Leser nicht entgehen. Aber ich hoffe doch, trotz meiner Voraussetzungen als gläubiger katholischer Christenmensch und meinem Interesse, die Kirche aus dem allzu schlechten Licht in ein helleres zu rücken, das schärfer konturiert, eine angemessene Darstellung zu den einzelnen Themen vorzulegen. Ob mir das gelungen ist, mag die Leserin, mag der Leser beurteilen.

Breit angelegte Desinformationskampagnen

Eine große deutsche Zeitung hat auf ihrer Internetseite kürzlich die Frage gestellt, was ihre Leserinnen und Leser mit der katholischen Kirche verbinden. Neben einigen wohlwollend-kritischen und den für das Medium üblichen flapsigen Bemerkungen („Nichts!“), gab es auch Kommentare, die eine ziemlich deutliche Aversion mit Tendenz zur Aggression zeigten – für das Internet ebenfalls nicht unüblich. Ein Kommentator schreibt: „Die katholische Kirche war in den letzten 2000 Jahren der Weltgeschichte die verbrecherischste Organisation der Welt. Kriege, ständige Ermordung Andersdenkender, Anhäufung eines unermesslichen Reichtums, Ablasshandel, Unterdrückung und Ermordung ganzer Völker in Südamerika usw.“ Ein anderer meint: „Lüge, Betrug, Pädophilie, Scheiterhaufen, Völkermord, Hilfe für flüchtende Nazis, den Anspruch der Unfehlbarkeit und das absolute Wissen um die Entstehung der Menschheit, obwohl klar widerlegt, und nicht zuletzt Geldgier, Prunksucht und Unterdrückung Andersgläubiger.“ Zwei durchaus repräsentative Meinungen über die katholische Kirche – zumindest dann, wenn man die Kommentarbereiche deutschsprachiger Online-Medien als Forschungsfeld zugrunde legt. Hysterie statt Historie.

Schauen wir auf die gängigen Vorhaltungen, dann stellen wir fest, dass oft in sehr allgemeiner Weise behauptet wird, die Kirche sei als gewaltsame Schreckensmacht in die Weltgeschichte eingedrungen und habe der Welt nur (oder: überwiegend) Schlechtes gebracht. Eine internationale Theologenkommission des Vatikans, die von 2009 bis 2014 den vermeintlichen Konnex von christlichem Monotheismus und Gewalt untersuchte, sieht in diesem sehr schlichten Denken das gewünschte Ergebnis einer breit angelegten Desinformationskampagne mit dem Ziel, das „katholische Christentum“ als das „niederzuringende Hindernis“ zunächst einmal ganz bewusst aufzubauen und den Menschen in den Weg zu stellen, gewissermaßen als neues Feindbild in einer entideologisierten westlichen Welt. Die öffentliche (also: medial veröffentlichte) Meinung protegiert dabei eine bestimmte Konstellation im Verhältnis dieser Welt zum Christentum: Die katholische Kirche gilt als letzte globale Instanz, die sich der angestrebten „Diktatur des Relativismus“ (Papst Benedikt XVI.) widersetzt – und damit muss sich die Welt ihr widersetzen. Sie wird im Diskurs gezielt zu diskreditieren versucht, indem man ihre Geschichte auf Gewalt reduziert. Die populären Erzählungen zur Kirchengeschichte erschöpfen sich dann in dem berühmt-berüchtigten Dreiklang „Inquisition, Kreuzzüge, Hexen“. Kommentatoren wie die oben zitierten sind in diesem Licht betrachtet zunächst und vor allem Opfer einer gegenwärtig besonders wirkmächtigen antiklerikalen Diskursströmung.

Notwendigkeit einer sachlichen Auseinandersetzung

Man muss in diesem Strom des Zeitgeists keine Belege mehr liefern. Man sagt einfach im Kommentarbereich, die Kirche habe im Laufe Ihrer Geschichte millionenfach Greueltaten begangen. Das reicht. Die Zustimmung ist garantiert. Wer wollte auch zu widersprechen wagen? Nachfragen, was man mit „die Kirche“ genau meint, was eine „Greueltat“ ist und woher die Zahlenangaben kommen? Das trägt einem nichts weiter ein als den Vorwurf der Geschichtsklitterung mit dem unterstellten apologetischen Ziel einer Verharmlosung der Kirchengeschichte – mit ihren millionenfachen Greueltaten; gegen zirkuläres Denken ist kein Kraut gewachsen. Manchmal räumt auch die „offizielle“ Kirche dem Zeitgeist und seiner Deutung der Geschichte viel zu viel Bedeutung ein. Man fällt damit den Menschen „an der Basis“ in den Rücken. Sicher, ein Bischof will nicht immer widersprechen. Das klingt ja auch immer nach Entschuldigung, nach Apologie. Aber manchmal spricht die historische Wahrheit (oder zumindest die Redlichkeit) eben doch für die Kirche. Dann sind Zugeständnisse eher hinderlich für eine richtige Sicht auf die Dinge. Dann gibt es keinen Grund für Opportunismus. Eigentlich.

Wer im Internet über religiöse Themen schreibt, wie ich seit etwa zehn Jahren beinahe täglich, steht unter hohem Rechtfertigungsdruck. Das ist gut so, denn das kann das Profil des Glaubens nur schärfen. Es muss argumentiert werden – und im Begründungsdiskurs ist die Kirche nur ein Akteur unter vielen Gleichberechtigten, die sich ohne Rangunterschiede und Statusvorteile austauschen. Die Kirche hat darin Erfahrung. Ihre Argumentation entwickelte sie bereits in der Scholastik des Hochmittelalters – also lange vor Entstehung des partizipativen Internet als Massenphänomen. Ein Markenzeichen ihrer Auseinandersetzung mit den Anfragen an den christlichen Glauben (Anfragen der menschlichen Vernunft oder auch Anfragen anderer Religionen und Weltanschauungen) ist seit Petrus Abaelardus und spätestens seit Thomas von Aquin die philosophische Methode des scholastischen Sic et non, einer Erörterung von Positionen des christlichen Glaubens, die weitestgehend von dessen Offenbarungsgehalt absieht, um anschlussfähig zu bleiben. Dazu gehört, die Gegenargumente ernst zu nehmen, sie – durchaus auch zugespitzt – weiterzudenken und sie dann nachvollziehbar zu widerlegen, mit den Mitteln der Vernunft, die sich jedoch nicht absolut setzt, sondern in Gott gegründet weiß. Diese rationale Begründungsleistung ist heute im Internet nötiger als je zuvor. Hier sollte die Kirche eingedenk der fast tausend Jahre währenden Übung darin gut bestehen können.

Beispiel „Kreuzzüge“

Mit Klischees über die Kirche müssen sich viele Menschen in Diskussionen auseinandersetzen. Bei Gesprächen am Arbeitsplatz, in der Mensa oder bei Familienfeiern, aber auch in den sozialen Kommunitäten im Internet begegnen einem die immer gleichen Angriffsformationen. Ein Beispiel: „Die Kreuzzüge waren imperialistische Eroberungskriege der Christenheit!“ So wurde es mir mal kurz und bündig mitgeteilt. Was dieser Haltung fehlt, ist ein Blick auf die Fakten. Folgende Sachverhalte illustrieren sehr gut die Realität im Nahen Osten in der Zeit vor den Kreuzzügen: Die Christen sahen sich mit einem seit dem 7. Jahrhundert aggressiv expandierenden Islam konfrontiert. In etwas mehr als einem Jahrhundert (nämlich vom Tod Mohammeds im Jahr 632 bis Mitte des 8. Jahrhunderts) hatte sich der Islam von der Arabischen Halbinsel über den Nahen Osten und Nordafrika im Westen bis nach Spanien ausgebreitet, im Osten über Persien bis nach Indien. Seit 966 kam es nach der Rückeroberung von Teilen Syriens durch die Byzantiner zu Übergriffen der Muslime auf Christen in Jerusalem. 969 drangen die Fatimiden, Berber aus Marokko, in Ägypten, Syrien und Palästina ein. Bei der Eroberung Jerusalems durch den Kalifen Ibn Moy (979) wurde die Auferstehungskirche in Brand gesetzt, ihre Kuppel stürzte ein, der Patriarch kam in den Flammen ums Leben. Unter dem Kalifen Abu Ali al-Mansur al-Hakim (996-1021) gerieten die Christen immer stärker unter Druck: Öffentliche Prozessionen wurden verboten, Christen zur Annahme des Islam gezwungen und etwa 30.000 Kirchen enteignet, viele davon geplündert und zerstört, darunter die Auferstehungskirche. 1056 wurden 300 Christen aus Jerusalem ausgewiesen, und europäischen Pilgern wurde es verboten, die Grabeskirche zu betreten. Als 1065 der Erzbischof von Mainz und die Bischöfe von Utrecht, Bamberg und Regensburg zu einer Pilgerreise ins Heilige Land aufbrachen, war dies nur noch in bewaffneter Begleitung möglich. Die Pilgerwege waren nicht mehr sicher, Übergriffe auf friedliche Wallfahrer an der Tagesordnung. Das ist die Lage am Vorabend der Kreuzzüge, das sind die Rahmenbedingungen, unter denen sie begannen.

Die Kreuzzüge begannen – so wird häufig gesagt – mit der berühmt-berüchtigten „Deus lo vult“-Rede Urbans II. auf der Synode von Clermont (1095). Das stimmt so nicht. Abgesehen von der langen Vorgeschichte – zum Ersten Kreuzzug kam es erst nach der Besetzung Byzanz’ durch die Seldschuken, auf die der Hilferuf Ost-Roms folgte. Die Seldschuken, ein Steppenvolk aus dem Gebiet des heutigen Turkmenistan, Vorfahren der Türken, brachen mordend, plündernd und brandschatzend über den Orient herein. Obwohl sie selber Muslime waren, fielen sie Anfang 1055 in Persien ein und stürzten am Ende desselben Jahres den Kalifen von Bagdad. 1071 schlugen sie die Byzantiner und nahmen Kaiser Romanus IV. gefangen. 1076 eroberten sie Syrien, 1077 Jerusalem. Die Rede Urbans war eine Reaktion auf diese Situation und den Hilferuf aus Byzanz. Er rief also nicht willkürlich zu einem Kreuzzug auf, etwa um die Muslime zu missionieren oder deren Gebiete zu erobern, sondern forderte als einen Akt der Nothilfe das, was wir heute eine „Humanitäre Intervention“ nennen und für ähnliche Fälle in Erwägung ziehen. Das sollte man wissen. Dies – und vieles andere – lässt sich im „Sündenregister“ nachlesen.  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2018
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[1] Josef Bordat: Von Ablasshandel bis Zölibat – Das „Sündenregister“ der Katholischen Kirche, geb., 296 S., 17,90 Euro, ISBN 978-3-942605-16-8, Tel. 03586-3087495, Fax: 0911-3084444344, E-Mail: info@lepanto-verlag.de

Evangelisierung in der heutigen Welt

„Denken Sie an das Geheimnis der Rose!“

Für den indischen Prämonstratenserpater Dr. Antony John D’Cruz, der im Bistum Regensburg als Pfarrvikar tätig ist, bedeutet der Auftrag Jesu in der Bergpredigt „Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt!“ radikale Nachfolge Jesu. Denn die beiden Bildworte brächten zuallererst die Existenz und Hingabe Jesu für uns zum Ausdruck. Damit verbindet P. Antony einen Rat von Mahatma Gandhi an christliche Missionare in Indien, sie sollten „duften“ wie Rosen.

Von Antony John D’Cruz OPraem

„Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt“ (vgl. Mt 5,13-16). Mit diesen Worten bringt Jesus in der Bergpredigt zum Ausdruck, wie er sich das Volk, das ihm gehört, seine Kirche, vorstellt. Er benützt die Metaphern „Salz“ und „Licht“, um zu beschreiben, was und wie christliche Existenz sein soll.

In den Evangelien findet man das Wort „Kirche“ nur zwei Mal, nämlich in Matthäus 16,18 und 18,17. Bei der ersten Stelle handelt es sich um die Verheißung Jesu an Petrus, seine Kirche auf diesen Felsen zu bauen, und zwar nachdem Petrus bekannt hatte, dass Jesus der Messias ist. „Seine Kirche“ ist also die Gemeinde, die bekennt, dass Jesus der Messias ist. Die zweite Stelle ist nicht minder bedeutend. Bei ihr geht es um die Vollmacht der Kirche, Sünder aus ihrer Gemeinschaft auszuschließen. Seine Jünger verstanden sich als Kern des neuen Israel, der sich um Jesus versammelt. Und Jesus verheißt ihnen: „Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Matt 18,20). Nach Matthäus geht also Jesus fest davon aus, dass die Jünger, die sich in seinem Namen treffen, genau wissen, was „Kirche“ bedeutet. Und sie soll Licht und Salz für die Welt sein.

Was ist der Sinn der beiden Bildworte „Licht“ und „Salz“? Licht erhellt und wärmt, Salz bewahrt, würzt und macht schmackhaft. Aber letztlich zeigen diese Metaphern das wahre Wesen Jesu selbst auf. Salz kann das Essen nie schmackhaft oder haltbar machen, wenn es für sich bleibt. Es muss seine Substanz aufgeben und sich im Essen auflösen. Dadurch verleiht es dem Essen Geschmack und Haltbarkeit. So ist es auch bei Öllampen und Kerzen, den Lichtern zur Zeit Jesu, als es noch keine elektrische Beleuchtung gab. Sie verzehren sich, um für die Umgebung Licht zu werden. In einem Spruch heißt es: Die Kerze verzehrt sich selbst, indem sie anderen leuchtet.

Salz und Licht sind also Metaphern für Jesus, der am Kreuz für uns gestorben ist. Und in diesem Sinn hat er gelehrt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ (Joh 12,24). Jesus geht es um einen Weg, nicht um eine Lehre, die sich in Forderungen erschöpft. Und seine Botschaft muss durch seine Boten ins Le-ben übersetzt werden.

Nach dem indischen Theologen G. Soares Prabhu SJ muss das Wort „Ihr seid das Salz für die Erde, … ihr seid das Licht der Welt“ (Mt 5,13.14) mit dem Missionsbefehl zusammengelesen werden: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern…!“ (Mt 28,19) Die Worte Jesu an seine Jünger sind nicht nur ein Auftrag für die Mission, sondern unterstreichen die missionarische Dimension der christlichen Existenz überhaupt. Und diese ist ein „Weg“, auf dem die Christen Jesus Christus nachgehen müssen, d.h. sie sollen Jesus nicht nur mit Worten verkündigen, sondern in Wort und Tat. Wie der Missionsbefehl ein Licht auf die Jüngerschaft und die christliche Existenz wirft, so macht die Bergpredigt deutlich, worin das Wesen und das Ziel dieser Jüngerschaft bestehen. Ziel der Mission ist also: „Euer Licht soll vor den Menschen leuchten.“ Salz und Licht zeigen die wesentliche Aufgabe der Gemeinschaft Jesu auf, nämlich die Welt zu verwandeln. Alles aber muss zur größeren Ehre Gottes geschehen: „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“

In beiden Texten geht es also um die Nachfolge Jesu. Und die Aussagen über die Mission zielen letztlich auf das Sein und die Qualität des christlichen Lebens ab, denn niemand kann anderen vermitteln, was er nicht selbst besitzt (nemo dat quod non habet). „Der heutige Mensch“, so Papst Paul VI. 1975 im Apostolischen Schreiben „Evangelium Nuntiandi“, „hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn ihr auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind“ (Nr. 67).

Der Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, Mahatma Gandhi, wurde einmal von christlichen Missionaren in Indien gefragt, was sie tun müssten, damit die Inder Jesus besser verstehen könnten. Mahatma Gandhi antwortete den Missionaren mit einem interessanten Bild. „Denken sie an das Geheimnis der Rose“, meinte Gandhi, „sie tut gar nichts, aber sie duftet. Und deshalb wird sie von allen geliebt. Duften Sie also, meine Herren!“ Das hat uns als Gemeinde doch auch etwas zu sagen! Was Mahatma Gandhi hier ausgesprochen hat, beschreibt eine tiefe Wahrheit, die an Gültigkeit nichts verloren hat.

Papst Franziskus sagt, die Missionare müssten „den Geruch der Schafe“ annehmen. Die Christen kann man in erster Linie am Geruch erkennen, den sie verströmen, und nicht an ihren Worten. Wir können auch sagen: Was wir ausstrahlen und wie wir auf andere wirken, geschieht meist unbewusst. Es kommt aus unserem Inneren. Wir strahlen aus, was in uns ist, wie Liebe, Freundlichkeit, eine grundlegende Überzeugung unseres Glaubens, oder wir zeigen in unserem Gesicht Unzufriedenheit und Gleichgültigkeit. Leider ist dies den Christen vielfach nicht bewusst.

Wir können heute von unserem Glauben nur dann fruchtbar Zeugnis geben, wenn wir selbst ganz zu Christus gehören und sei-ne Botschaft auch leben. Unsere junge Generation hat dafür ein sehr feines Gespür und braucht nichts dringender als überzeugende Vorbilder. Es gibt viele negative Din-ge an der Kirche, von denen sich die Menschen abgestoßen fühlen. Die Gefahr ist groß, dass in der Kirche alles gut funktioniert, aber dass sie keinen „Duft“ verströmt. Wir müssten mehr darauf achten, dass Christus der Duft des kirchlichen Lebens ist, wie es Papst Franziskus ebenfalls gesagt hat.

„Wo habt Ihr Eure Liebe versteckt?“, fragte einmal ein Mann die Christen. Ja, wo haben wir unseren „Rosenduft“? Jesus sagt: „An eurer Liebe zueinander wird jeder erkennen, dass ihr meine Jünger seid“ (Joh 13,35).

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2018
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Konkursverwaltung oder Aufbruch in eine neue Zukunft? (Teil1)

Gemeindepastoral heute

Pfarrer Wolfgang Marx (geb. 1935) hat mit dem sog. „Neokatechumenalen Weg“ in der Pfarrei St. Philipp Neri in München-Neuperlach wunderbare Erfahrungen gemacht. In den 70er Jahren war es dort die erste Gemeinschaft, welche die Bewegung mit seiner Unterstützung in Deutschland gründen konnte. Kinderreiche Familien, Berufungen zum Priestertum und lebendiger Glaube im Alltag, das sind die Früchte dieser Form von pastoraler Arbeit. Wo immer Pfarrer Marx kann, legt er Zeugnis vom segensreichen Wirken dieses „Weges“ ab, wie auf dem diesjährigen Kongress „Freude am Glauben“ (vgl. „Der Fels“ Nr. 11/2017, S. 319ff.). Seinen Vortrag, der Aufmerksamkeit verdient, veröffentlichen wir auch hier in zwei Teilen.

Von Wolfgang Marx

Das Thema ist bewusst provokant formuliert. Gott hat schon längst einen neuen Aufbruch gemacht mit den vielen Charismen und Bewegungen, die in unserer Zeit entstanden sind. Aber es gibt nach wie vor ein Sorgenkind für die Pastoral, das ist die Pfarrei. Das Neokatechumenat ist keine „Bewegung“, sondern ein Charisma für die Pfarrei – darum wird diese Problematik besonders im Blick sein.

„Konkursverwaltung“

Jahr für Jahr wird mit großem Aufwand auf die Kommunion und Firmung vorbereitet, und dann sind am nächsten Sonntag alle Kinder verschwunden. Man hält Taufen und Trauungen in einem total entchristlichten Milieu, die dann einfach untergehen. Diese Form der Sakramentenverwaltung – ganz gleich welche neuen Modelle man dazu erfindet – nenne ich „Konkursverwaltung“. Dafür steht auch ganz aktuell der Schritt von Thomas Frings aus der Diözese Münster, seine Pfarrei zu verlassen, obwohl sie den Vergleich mit anderen nicht zu scheuen braucht (dokumentiert in seinem Buch „Aus – Amen – Ende?“). Er wollte mit diesem Schritt ein deutliches Signal setzen: „So kann man nicht mehr weitermachen!“ Ich benütze dafür gern das Bild: Wir sind dabei, ständig Pflanzen zu begießen, deren Wurzeln schon abgestorben sind. Darauf werde ich noch zurückkommen.

Aufbruch in eine neue Zukunft

Dazu erst ein paar biografische Daten: 1969 haben wir, eine Gruppe von vier Priestern, in der Trabantenstadt Neuperlach in München angefangen, Pfarreien aufzubauen in der Illusion, wir könnten als neue nachkonziliare Generation etwas ausrichten, standen aber sehr schnell vor einer immer stärkeren Polarisierung progressiv/konservativ, die die Situation eher noch schwieriger gemacht hat. Gleichzeitig haben wir unsere Fühler ausgestreckt nach neuen geistlichen Bewegungen, in wie weit sie eine Hilfe sein könnten. Das fing an mit der Bewegung der Fokolare, wo einige Mitbrüder eingestiegen sind. Dann kam plötzlich die Begegnung mit etwas völlig Unbekanntem: dem Neokatechumenat, geschickt vom damaligen Prof. Ratzinger aus Regensburg, der Pfarrer Gartner, den Mentor unserer Priestergruppe, kannte. Ich kann hier nicht näher auf die Entstehung des Neokatechumenalen Weges eingehen. Dazu habe ich in einem Interview mit Radio Horeb einiges gesagt. Hier geht es darum, wie sich der Weg in der Pfarrei entwickelt hat. Ich hatte ihn so nicht gesucht, aber ich habe gespürt, dass Gott dieses Angebot geschickt hat, und war bereit, in meiner Pfarrgemeinde St. Philipp Neri diesen Weg zu beginnen – und das wurde wirklich ein Aufbruch in die Zukunft.

Das Neokatechumenat ist ein Weg zur Wiederentdeckung der Taufe für die Pfarrei und fängt an mit einer Reihe von Katechesen für Erwachsene. Sie werden von Katechisten gehalten, die Laien sind, keine Profis; damals ein Rechtsanwalt mit seiner Frau aus Venedig und ein unverheirateter Physiker aus Rom. Ganz anders als üblich hat es mit zwei biblischen Begriffen begonnen, die fundamental sind, die man aber so kaum hört:

Verheißung und Erfüllung

Das Evangelium ist ein machtvolles Wort, das als eine Verheißung verkündet wird, die sich für den erfüllt, der glaubt; eine Verkündigung, die in den großen Zusammenhang der Heilsgeschichte stellt: von Abraham, dem Vater des Glaubens, über die Sklaverei der Israeliten unter dem Pharao in Ägypten und ihre Rettung am Schilfmeer bis zum Pascha Jesu als Erfüllung aller Verheißungen. Aber immer existentiell, für mich persönlich. Wer ist Gott für Dich? In welcher Situation auf dem Glaubensweg Abrahams siehst Du Dich? Wer ist Dein Pharao? Gibt es schon einen Moses für Dich, der dich in die Freiheit führt?

Es waren etwas über 50 Personen, die damals kamen. Gleich nach den ersten Katechesen im Pfarrsaal von St. Philipp Neri war klar: eine so existentielle, aber auch provozierende Sprache hatte man noch nie gehört. Hier war man persönlich herausgefordert und sehr schnell bildeten sich verschiedene „Fraktionen“: solche, die sehr tief angesprochen waren und für ihr Leben neue Perspektiven entdeckten und in fast ausweglosen Situationen neue Hoffnung bekamen; andere, die mit den Achseln zuckten und feststellten: bisher ist es auch ohne dies gegangen; und wieder andere, die kräftig protestierten, für die das Ganze ein Ärgernis war („Wer wird denn die Bergpredigt so wörtlich nehmen, das ist ja alles völlig übertrieben.“). Es gab dann noch eine Bußliturgie mit Agape, eine feierliche Bibelübergabe und als Abschluss ein Wochenende mit einer Einführung in die Eucharistie. Danach waren ca. 25 Teilnehmer bereit, den Weg zu beginnen. Man trifft sich zweimal wöchentlich zu einer Wortliturgie und zur Eucharistie und alle 5-6 Wochen zu einem Gemeinschaftstag am Sonntag.

Einer solchen Realität gegenüber taucht gern eine verfängliche Frage auf: „War denn das alles nichts, was wir bisher gemacht haben?“ Schon brechen irrationale Emotionen auf, die kaum steuerbar sind. Der Schlüssel dazu ist das Gleichnis in Lk 15; im Grunde ist es die Frage des älteren Bruders. Er hat viel geleistet, aber es blieb eine Beschäftigung ohne wirkliche Beziehung zum Vater, die ihn in der Tiefe nicht gesättigt hat. Und da ist jetzt einer, der nichts beigesteuert, aber alles verspielt hat, und plötzlich eine tiefe Erfahrung macht. Das Geschenk einer Fülle, die Begegnung mit einer Liebe, die dem Leben eine neue Richtung gibt. Da steigt auf einmal eine Eifersucht auf – aus einer irrationalen und unkontrollierbaren Tiefe. Es gibt das Sprichwort: „Das Gute ist der Feind des Besseren.“ Ich erinnere an die Reformversuche von Teresa von Avila bzw. Margareta Maria Alacoque. Da konnte es passieren, dass aus frommen Ordensfrauen Furien werden, die ihrer Mitschwester die Haare ausreißen und sie mit Fäusten schlagen.

Dazu kommt noch, dass die Pfarrei meist von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern lebt, die das Gefühl haben, die Kirche ist der Patient, dem sie zu Hilfe kommen; d.h. sie retten die Kirche, die dann aber nach ihren Vorstellungen funktionieren soll. Wie soll man vermitteln, dass die Kirche der Ort ist, wo Christus uns rettet? (Auch wir sind als junge Kapläne mit einer solchen Haltung angetreten.) Hier geht es letztlich darum, sich auf einen geistlichen Kampf einzulassen. Es ist etwas Anderes, ob ich mich langsam plattwalzen lasse, wenn ich eine dritte und vierte Pfarrei übernehmen muss und irgendwann in einen Burnout getrieben werde, oder ob ich den Kairos erkenne, wo Gott mich auffordert, in einen geistlichen Kampf einzutreten. Bei jedem geistlichen Kampf muss man in gewisser Weise sein Leben aufs Spiel setzen (ohne das passiert nichts Ernsthaftes in der Kirche); aber dabei erlebe ich dann auch ein Eingreifen Gottes: dass mir Umstände zu Hilfe kommen und Gott unerwartete Wendungen schaffen kann. Man erfährt dabei, dass einem Kräfte zuwachsen und erlebt vielleicht zum ersten Mal, was Glaube eigentlich bedeutet.

Zurück zur Gemeinde

Ein Beispiel dafür ist die Entstehung der 2. Gemeinschaft. Es gab einen Familienkreis, der von der Katechese zunächst nichts wissen wollte, aber nachdem bei einer Familie die Ehe am Zerbrechen war und sich eine andere in schwerer Krise befand, waren sie bereit, auf die persönliche Einladung des Pfarrers hin, die nächste Katechese zu hören. Und sie sind geblieben. Eine Gemeinschaft mit über 40 Personen ist entstanden, mit vielen jungen Ehepaaren, eine Gemeinschaft, die entscheidend wurde für die weitere Entwicklung des Weges in der Pfarrei.

Die Ehe

Die Ehe ist ein Musterbeispiel für mögliche Entfremdung. Manchmal eine schleichende Entwicklung, bei der man aus allen Wolken fällt, wenn der Partner die Koffer packt und geht; oder ein eskalierender Konflikt mit unerträglichen Spannungen, der die ganze Ohnmacht und Unfähigkeit zur Liebe aufdeckt. Die Erfahrung einer Schmerzgrenze, die mir Angst macht. Ich beginne mit gutem Willen ein Gespräch, aber drei Sätze genügen, und schon eskaliert der Konflikt, und alles ist schlimmer als vorher. „Das Wollen ist bei mir vorhanden, aber ich vermag das Gute nicht zu verwirklichen, denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will“ (Röm 7,18). Ich erlebe mich gefangen in einem Teufelskreis, den ich selbst nicht durchbrechen kann. Hier beginnt man zu verstehen, dass das Christwerden zuerst ein Weg nach unten ist: zuerst entdecken, dass wir alle Sünder sind, sonst ist immer der andere schuld, und man ist blind für die eigenen Fehler. So wird langsam bewusst, dass ich Rettung brauche (in den alten christlichen Taufbrunnen führen 7 Stufen nach unten in die Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten, und erst danach gehen die Stufen nach oben in die Gemeinschaft mit dem auferstandenen Jesus Christus). Katechumenat ist ein Weg in einer Gemeinschaft, in der sich letztlich zeigt, dass wir alle Sünder sind, unfähig zu lieben, damit wir bereit werden zu einem ernsthaften Weg der Umkehr (Mk 7,21: „Aus dem Herzen des Menschen kommen die bösen Gedanken, Ehebruch, Bosheit, Habgier, Eifersucht“).

Weil wir in der Pfarrei keinen wirklichen Weg der Umkehr haben, hat der Glaube oft kein tieferes Fundament mehr. Wenn es wahr ist, dass in unserer säkularisierten Gesellschaft die Wurzeln des Glaubens abgestorben sind, dass der Prozentsatz derer, die nicht mehr an Inkarnation, Auferstehung, ewiges Leben, ja an einen personalen Gott glauben, auch unter den Katholiken ständig steigt, dann nützt es wenig, bildlich gesprochen, Pflanzen nur zu begießen: einen Augenblick scheinen sie erfrischt, aber das Absterben wird dadurch nicht verhindert. Ein großer Teil unserer pastoralen Bemühungen geht deswegen ins Leere, weil wir eifrig Pflanzen begießen, ohne wahrhaben zu wollen, dass die Wurzeln schon abgestorben sind.

Die Grundform des Neukatechumenalen Weges ist der Dreifuß: eine Synthese von Wortliturgie, Eucharistie und Gemeinschaftstag. Jeweils vor oder nach dem Gemeinschaftstag wird die Wortliturgie als Bußgottesdienst, als Liturgie der Versöhnung gefeiert. Es ist erstaunlich, wie diese Kombination Schritt für Schritt zu einer echten Umkehr führt, wie sie das Leben der Familien tiefgreifend verändert, Beziehungen heilt, Ehen stabilisiert, ermutigt, Kinder anzunehmen, und Eltern befähigt, den Glauben an ihre Kinder weiterzugeben.

Noch einmal die Frage: Was ermöglicht diese positive Entwicklung? Was ist die treibende Kraft, die den Glauben in der Existenz verwurzelt und das Leben wirklich verändert? Wie geschieht das? Antwort: Es geschieht durch das Kerygma – die gute Nachricht. Im Zentrum jeder Evangelisierung muss das Kerygma stehen. Was ist das? Es geht um das, was Petrus in der Pfingstpredigt sagt und Paulus, wenn er in Antiochien seine Mission beginnt. Der Glaube entsteht durch das Hören und die Annahme der Botschaft unserer Rettung, indem das Christusereignis einbricht in dein Leben.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2018
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Die christliche Ehe in der Lehrverkündigung Benedikts XVI.

Der göttliche Charakter ehelicher Treue

Professor Dr. Anton Štrukelj (geb. 1952), Mitglied der Internationalen Theologenkommission, stellt angesichts der Verunsicherungen in der heutigen Zeit das christliche Verständnis der Ehe heraus. Auf dem Hintergrund der biblischen Offenbarung greift er auf die Lehrverkündigung Benedikts XVI. zurück und lässt abschließend Gedanken des Theologen Hans Urs von Balthasar einfließen, über dessen christliche Ständelehre er 1980 seine Dissertation fertiggestellt hatte.

Von Anton Štrukelj

Ehe und Familie im Plan Gottes

Gott hat den Menschen, den er aus Liebe erschaffen hat, auch zur Liebe berufen. Sie ist die angeborene, grundlegende Berufung eines jeden Menschen. Der Mensch ist nach dem Bild Gottes erschaffen, der die Liebe ist. „Die innige Gemeinschaft des Lebens und der Liebe in der Ehe wurde vom Schöpfer begründet und mit eigenen Gesetzen geschützt. … Gott selbst ist Urheber der Ehe“, sagt das Zweite Vatikanische Konzil (GS 48,1). Die Berufung zur Ehe liegt schon in der Natur des Mannes und der Frau. Die Ehe ist in der Schöpfung grundgelegt.

In einem frühen Hirtenbrief des Münchner Erzbischofs Joseph Kardinal Ratzinger findet sich in einer Fußnote das vielleicht Schönste, was er jemals zu Ehe und Familie gesagt oder geschrieben hat: „In den hebräischen Worten für Mann und Frau stecken jeweils die beiden Buchstaben, die zusammen das Wort Feuer ergeben. Jedes dieser beiden Worte hat aber auch einen Buchstaben, den das andere nicht hat.“ Kombiniert man diese beiden Buchstaben, dann „ergibt sich die Abkürzung des Gottesnamens (JH)“. Für den Theologen Ratzinger bedeutet das: „Wo Mann und Frau sich einander geben, ist Gegenwart Gottes; wo sie in sich bleiben, ist Feuer."[1]

Das Zitat macht deutlich, dass Ehe und Familie für Papst Benedikt XVI. alles andere als eine „soziologische Zufallskonstruktion“ oder als „das Ergebnis besonderer historischer und wirtschaftlicher Situationen“ sind. Vielmehr handelt es sich um eine Grundkonstellation des Menschseins, die tief in der „Wahrheit vom Menschen“ wurzelt. „Gott ist Liebe“ – das schrieb der spätere Papst Benedikt XVI. schon über 25 Jahre vor seiner gleichnamigen Enzyklika. „Die Bestimmung zur Liebe ist der eigentliche Kern der Gottebenbildlichkeit des Menschen.“

Bereits auf den ersten Seiten der Bibel entdecken wir eine „Definition der Liebe und der Ehe“: Mann und Frau „werden ein Fleisch, eine Existenz“. Die Ehe, also der auf Dauer geschlossene, für Kinder offene Bund von Mann und Frau, ist nach Überzeugung Benedikts XVI. die Keimzelle der Gesellschaft und auch der Kirche. Hier handelt es sich nicht etwa um „die Auferlegung einer Lebensform von außen im privatesten Bereich des Lebens, sondern um die Form, die dem Ernst und Anspruch einer solchen Verbindung einzig angemessen ist“. Das Ja der Eheleute zueinander zeugt von der Reife, „sich für eine endgültige Hingabe zu entscheiden“, und schafft einen „Raum der Treue“; es gehört „zu den Aufstiegen der Liebe“, dass sie „Endgültigkeit“ und „Ewigkeit“ will.[2]

Die Schönheit der Ehe und Familie

Das Alte Testament hat zur menschlichen Geschlechtlichkeit, zur Liebe zwischen Mann und Frau, zur Ehe und Zeugung ein sehr unbefangenes und positives Verhältnis. „Die Propheten sahen den Bund Gottes mit Israel unter dem Bild einer ausschließlichen, treuen ehelichen Liebe (vgl. Hos 1-3; Jes 54; 62; Jer 2-3; 31; Ez 16; 23) und führten so das Bewusstsein des auserwählten Volkes zu einem tieferen Verständnis der Einheit und Unauflöslichkeit der Ehe (vgl. Mal 2,13-17). Die Bücher Rut und Tobit bieten berührende Zeugnisse der hohen Auffassung von der Ehe, der treuen, zärtlichen Gemeinschaft zwischen den Gatten. Die Überlieferung erblickte im Hohenlied stets einen großartigen Ausdruck der menschlichen Liebe als eines reinen Widerscheins der Liebe Gottes, einer Liebe, die ,stark ist wie der Tod‘ und die ,auch mächtige Wasser … nicht löschen‘ können (Hld 8,6-7)“ (KKK 1611).

Das Verhältnis von Mann und Frau ist für die Bibel Widerschein der Gottähnlichkeit. Dieses Geheimnis ist so tief, dass der Bund zwischen Mann und Frau ein Bild und Gleichnis für den Bund Gottes mit den Menschen, ein Abbild von Gottes Liebe, Treue und Schöpferkraft ist. Damit ist der Ehe eine kaum mehr zu überbietende Würde zugesprochen, die alle Geschlechtsfeindlichkeit von vornherein ausschließt.

Papst Benedikt XVI. hat beim Familienkongress in Mailand den versammelten Eheleuten die Würde der christlichen Ehe und Familie mit folgenden Worten vor Augen geführt: „Mann und Frau in der Ehe und Familie sind berufen, ein Bild des einen Gottes in drei Personen zu sein. Denn ,Gott schuf … den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch‘ (Gen 1,27f). Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen, mit gleicher Würde, aber auch mit besonderen und sich ergänzenden Eigenschaften, weil die beiden einander ein Geschenk sein, sich gegenseitig aufwerten und eine Gemeinschaft der Liebe und des Lebens verwirklichen sollten. Die Liebe ist das, was den Menschen zum echten Abbild der Dreifaltigkeit, zum Abbild Gottes macht. Liebe Eheleute, indem ihr die Ehe lebt, schenkt ihr euch nicht irgendeine Sache oder irgendeine Tätigkeit, sondern das ganze Leben. Eure Liebe ist fruchtbar vor allem für euch selbst, weil jeder das Wohl des anderen wünscht und verwirklicht und dabei die Freude des Empfangens und des Gebens erfährt. Sodann ist sie fruchtbar in der großherzigen und verantwortungsvollen Zeugung der Kinder, in der zuvorkommenden Sorge für sie und in der aufmerksamen und weisen Erziehung. Schließlich ist sie fruchtbar für die Gesellschaft, denn das Familienleben ist die erste und unersetzliche Schule der gesellschaftlichen Tugenden – wie die Achtung gegenüber den Menschen, die Unentgeltlichkeit, das Vertrauen, die Verantwortung, die Solidarität, die Zusammenarbeit. Liebe Eheleute, achtet auf eure Kinder und vermittelt ihnen in einer von der Technik beherrschten Welt klar und zuversichtlich den Sinn des Lebens und die Kraft des Glaubens, indem ihr ihnen hohe Ziele vor Augen haltet und sie in ihrer Anfälligkeit stützt. Ihr Kinder aber bewahrt euren Eltern gegenüber immer eine Beziehung tiefer Liebe und aufmerksamer Fürsorge, und auch die geschwisterlichen Beziehungen sollen Anlass sein, in der Liebe zu wachsen."[3]

Die sakramentale Würde der Ehe

Über die Gnade des Sakramentes der Ehe heißt es im Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) unter 1642: „Christus ist der Quell dieser Gnade. Wie ‚Gott einst durch den Bund der Liebe und Treue seinem Volk entgegenkam, so begegnet nun der Erlöser der Menschen und der Bräutigam der Kirche durch das Sakrament der Ehe den christlichen Gatten‘ (GS 48,2). Er bleibt bei ihnen und gibt ihnen die Kraft, ihr Kreuz auf sich zu nehmen und ihm so nachzufolgen, aufzustehen, nachdem sie gefallen sind, einander zu vergeben, die Last des andern zu tragen (vgl. Gal 6,2), sich einander unterzuordnen ‚in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus‘ (Eph 5,21) und in zarter, fruchtbarer übernatürlicher Liebe einander zu lieben. In den Freuden ihrer Liebe und ihres Familienlebens gibt er ihnen schon hier einen Vorgeschmack des Hochzeitsmahles des Lammes. Tertulian schreibt: ‚Wie vermag ich das Glück jener Ehe zu schildern, die von der Kirche geeint, vom Opfer gestärkt und vom Segen besiegelt ist, von den Engeln verkündet und vom Vater anerkannt? … Welches Zweigespann: Zwei Gläubige mit einer Hoffnung, mit einem Verlangen, mit einer Lebensform, in einem Dienst; Kinder eines Vaters, Diener eines Herrn! Keine Trennung im Geist, keine im Fleisch, sondern wahrhaft in einem Fleisch. Wo das Fleisch eines ist, dort ist auch der Geist eins‘ (Tertullian, ux. 2,9) (vgl. FC 13).“

Die Sakramentalität der Ehe ist wesentlich durch die Kreuzeshingabe Jesu Christi grundgelegt. Hans Urs von Balthasar sagt: „Neutestamentlich liegt die ganze Idealität der Ehe nicht in ihr selbst, sondern im übergeschlechtlichen Verhältnis zwischen Christus und der Kirche: an diesem ,großen Geheimnis‘ sich ausrichtend, zu ihm emporstrebend und ihm sich angestaltend hat sie als Sakrament daran teil (Eph 5,32)."[4]

„Christliche Ehe schöpft ihre letzte Bestätigung und Vollendung indirekt vom Kreuz. Als Lebensform ist sie schon in der ersten Schöpfungsordnung grundgelegt. Aber sie war dort bereits mehr als bloß natürliches Geheimnis. Die christliche Ehe kann also nicht verstanden werden, wenn man sie zunächst nur als ein natürliches Institut betrachtet, das nachträglich durch das Sakrament ins Gnadenhafte ‚erhoben‘ wurde. Man muss sie von vornherein von oben her deuten. Der Akt der Eheschließung geht direkt und unmittelbar auf Gott zurück. In das Gelöbnis der Treue an Gott hinein wird das Treuegelöbnis an den Gatten abgelegt. Die Treue, die die Gatten einander gegenseitig geloben, ist nur darum unauflöslich, weil sie auf der Treue Gottes fußt. Das Ehegelöbnis verspricht mehr, als menschliche Kraft zu halten vermochte, weil Gott treu ist und dem Glaubenden die Kraft seiner Treue schenkt."[5]

Die Treue Gottes in der Ehe und Familie

Schon im Alten Testament sind eheliche Treue und göttliche Bundestreue unscheidbar. Treue ist eine unteilbare Eigenschaft: man kann sie nicht Gott halten und seiner Frau brechen, man kann sie aber auch nicht seiner Frau wahren, ohne sie Gott zu halten. Wo Untreue gegen Gott ist, da ist schon Ehebruch, und jede Treue, jeder Verlass, jede Wahrhaftigkeit ist dahin. Im Volke Gottes ist darum auch die Wahrheit unteilbar: die Wahrheit Gottes oder die Lüge. Eine Ehe muss darum in Gott geschlossen sein; sie muss Gott zum Zeugen haben, um innerhalb des Bundes der Verheißung zu stehen.[6]

Es gehört zum höchsten Adel des Menschen, es macht gerade seine Gottähnlichkeit aus, dass er in einer überzeitlichen Freiheit und über seine gesamte zeitliche Existenz verfügend antworten kann. Mann und Frau bei der Vermählung wissen, dass ihre Liebe als endgültige gemeint ist. Die Treue aber ist schwer. Der durchschnittliche Mensch kann aus eigener Kraft nur sehr schwer dem Mitmenschen oder einer ihm vorschwebenden Idee die Treue halten. Um die Treue auf Erden einzugründen, musste Gott seine ewige Treue offenbaren. Mit dem Aufflammen der ewigen, göttlichen Treue rückt auch die menschliche Treue in ein helles Licht. Die Treue ist ein Abbild der ewigen Treue Gottes. Das Herz der Kirche ist die treue Liebe. Das christliche Mysterium ist nicht bloß der Triumph göttlicher Treue über menschliche Untreue, sondern auch das hochzeitliche Mysterium zwischen Christus und seiner Kirche. Die Kinder dieses ewigen Treuebundes sind wir: wir haben Gott zum Vater und die Kirche zur Mutter (Cyprian). Eheliche Treue, Treue zwischen Kindern und Eltern, zwischen Freunden und Bekannten ist auf einen letztbegründenden Ursprung bezogen: auf das Treuegeheimnis zwischen Christus und Kirche. Jede Treue ist Vollendung des Bundes zwischen Gott und der Menschheit. Hans Urs von Balthasar sagt: „So kann auch der Christ mit seinem Herrn und mit der Kirche zusammen ein ,treuer Zeuge‘ sein. Aus dieser doppelten Treue kann er in seinem Alltag allen Misstrauischen um sich her den Beweis liefern, dass Treue auf Erden möglich ist und dass nur sie das Dasein lebenswert macht."[7]

„Bei dem Jawort der Trauung legen Bräutigam und Braut ihre Hände ineinander, die der Priester mit seiner Stola bedeckt. Ich glaube, dies ist ein schönes Bild: In der Gemeinschaft mit Jesus Christus, im Sakrament der Kirche, kann das menschliche Jawort bestehen, kann eine Hand die andere halten. So können Ehe und Familie wachsen, darin sich der Schöpfungsplan Gottes mit dem Menschen erfüllt. So kann im Aufbau der Familie der Mensch aufgebaut werden, die Menschlichkeit und die Welt."[8]

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2018
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)


[1] Joseph Ratzinger: Wer in der Liebe bleibt. Ein Wort über die Ehe, Fastenhirtenbrief, München 41985 = JRGS 4, Freiburg 2014, 650-659, hier 652.
[2] Vgl. Stefan von Kempis: Benedikt XVI. – Lexikon. Von Ablass bis Zölibat, Art. Ehe und Familie, Benno Verlag Leipzig 2007, 60-62.
[3] Benedetto XVI: Per costruire società dal volto umano, in: Insegnamenti di Benedetto XVI, vol. VIII, 1/2012, LEV 2013, 694f.
[4] Hans Urs von Balthasar: Neue Klarstellungen, Johannes Verlag Einsiedeln, 21995, 107f.
[5] Hans Urs von Balthasar: Christlicher Stand, Johannes Verlag Einsiedeln, 1977, 198.
[6] Hans Urs von Balthasar: Christlicher Stand, 187.
[7] Hans Urs von Balthasar: Wo ist die Treue daheim?, in: IkZ Communio 5 (1976) 97-110, hier 110.
[8] Joseph Ratzinger: Wer in der Liebe bleibt, a.a.O., hier 658. 

„Kirche in Not“ über aktuelle Lage der Christenverfolgung

Auch Stillschweigen tötet

Die Welt im Märtyrer-Rot? Ende November 2017 hat eine Aktion des britischen Zweigs der Päpstlichen Stiftung „Kirche in Not“ für Aufsehen gesorgt. Am „Red Wednesday“ („roter Mittwoch“) erstrahlten 30 öffentliche Gebäude im roten Licht. Auch christliche Gemeinden in Irland und auf den Philippinen schlossen sich der Aktion an. In Frankreich und Italien hatten in der Vergangenheit ähnliche Solidaritätskundgebungen stattgefunden.

Von Berthold Pelster und Tobias Lehner

Der „christliche Unterschied“

Der Präsident von Kirche in Not, Mauro Kardinal Piacenza, erklärte zur Aktion „Red Wednesday“: „Die blutrote Farbe, in der die öffentlichen Gebäude beleuchtet werden, soll uns vor allem an eines erinnern: Die christlichen Märtyrer leisten Sühne für alle Menschen, auch für unsere Gleichgültigkeit und sogar für ihre Verfolger und Mörder. Das ist der große Unterschied!“

Seit sieben Jahrzehnten steht Kirche in Not an der Seite von verfolgten und notleidenden Christen, die den „christlichen Unterschied“ leben: Sie erleiden Verfolgung und Tod, ohne ihn gesucht zu haben. Sie versuchen, in einer feindlichen Umwelt Vergebung zu leben. Wir stellen die aktuelle Situation der Christen in einigen Brennpunktländern vor:

In Nigeria werden Kinder zu Terroristen

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram konnte vom Militär zwar weitgehend zurückgedrängt werden. Trotzdem aber kommt es im Nordosten von Nigeria noch fast täglich zu Selbstmordanschlägen. Seit einiger Zeit zwingt Boko Haram vermehrt Kinder dazu, sich in die Luft zu sprengen. Noch immer werden Dörfer überfallen und geplündert und Menschen verschleppt. Rund zwei Millionen Menschen sind auf der Flucht. Weil viele Bauern sich aus Furcht vor den Terroristen nicht mehr auf ihre Felder wagen, leiden die Menschen unter Hunger. Viele Kinder zeigen schwere Mangelerscheinungen.

Da die staatliche Hilfe weitgehend ausbleibt, hilft Kirche in Not den Diözesen, die Menschen zu versorgen. Ein größeres Gewicht wird jetzt auch auf Seelsorge und Therapie gelegt, denn die Menschen sind schwer traumatisiert.

Syrien und Irak: Christen zwischen den Fronten

Nachdem die Terrormiliz Islamischer Staat weitgehend zurückgedrängt ist, beginnt für die Christen im Nahen Osten eine Zeit des Aufräumens und Aufatmens. Doch die Zukunft des Christentums steht weiter auf der Kippe.

Im Irak feierten rund 25.000 Christen Weihnachten wieder in ihrer alten Heimat, den Ortschaften der Ninive-Ebene. Kirche in Not hat mit den lokalen Kirchenvertretern ein Wiederaufbauprogramm auf die Beine gestellt. Denn in der Ninive-Ebene sind rund 13.000 Gebäude beschädigt oder komplett zerstört.

Die Aufbruchstimmung hält an, aber es droht neues Ungemach: Die Auseinandersetzung zwischen Kurden und irakischer Regierung bringt die Christen in eine unheilvolle Situation, denn die territoriale Zugehörigkeit einiger Gebiete in der Ninive-Ebene ist umstritten. „Die ausgeblutete christliche Gemeinde würde eine weitere Teilung nicht mehr verkraften“, warnen irakische Bischöfe.

Auch in Syrien kehrt etwas Normalität ein, doch der Krieg ist nicht vorbei. Gefechtslärm ist Alltag, die Versorgungslage angespannt. Kirche in Not hilft auch hier. Viele Christen sind skeptisch, was die Zukunft betrifft – denn eine gesellschaftliche Lobby haben sie nicht. Darauf wies das Oberhaupt der syrisch-katholischen Kirche, Patriarch Ignatius III. Younan, hin: „Weil wir keine territorialen Ansprüche erheben und keine eigenen Sicherheitskräfte haben, meint jeder, wir seien mit allem einverstanden und man könne uns überrennen.“

Blutige Gewalt in Ägypten

In den vergangenen Monaten ist die terroristische Gewalt in Ägypten erneut aufgeflammt. Am 11. Dezember 2016 wurden bei einem Anschlag auf die Peter-und-Paul-Kirche in Kairo 29 Menschen getötet und 47 verletzt. Zu dem Anschlag bekannte sich der IS.

Am Palmsonntag schlugen die Extremisten erneut zu: In Alexandria entging der koptische Papst Tawadros II. nur knapp einem Bombenanschlag in seiner Kathedrale. Eine weitere Bombe explodierte in der koptischen Sankt Georgs-Kirche in der Stadt Tanta nördlich von Kairo. Bei den Anschlägen wurden insgesamt 44 Menschen getötet und mehr als 120 verletzt.

Am 26. Mai überfielen bewaffnete Terroristen nahe der Stadt Al-Minja einen Bus und erschossen 26 koptische Christen. Mehr als zwei Dutzend Personen wurden teils schwer verletzt. Auch in diesem Fall reklamierte der IS den Anschlag für sich.

Islamistischer Terror jetzt auch auf den Philippinen

Vom IS beeinflusste und zum Teil finanzierte Terrorzellen breiten sich auch in Südostasien aus. Im Mai eroberten islamistische Rebellen die Stadt Marawi im Süden der Philippinen. Dabei besetzten und verwüsteten sie auch die katholische Kathedrale.

Rund 240 Menschen wurden als Geiseln genommen, darunter auch zahlreiche Christen. Auch der Generalvikar des Bistums fiel in die Hand der Islamisten und konnte erst im September befreit werden. Mehr als 240.000 Menschen aus der mehrheitlich von Muslimen bewohnten Stadt und Umgebung ergriffen die Flucht vor dem Terror. Kirche in Not hilft den Flüchtlingen mit elementaren Dingen des täglichen Bedarfs.

Wachsender Einfluss radikaler Islamisten in Indonesien

Das bevölkerungsreichste muslimische Land der Welt war lange für seinen moderaten Islam bekannt. Doch seit einiger Zeit mehren sich die Anzeichen für eine Radikalisierung. Bei einer Serie von Großdemonstrationen Ende 2016 und im Frühjahr 2017 wurden radikale Forderungen nach Errichtung eines Kalifats und der Einführung der Scharia in Indonesien gestellt.

Als der christliche Gouverneur von Jakarta im Wahlkampf die missbräuchliche Verwendung von Koranversen durch seine politischen Gegner kritisierte, wurde ihm das so ausgelegt, als habe er sich abfällig über den Koran geäußert. Der Politiker verlor die Wahl, wurde der Blasphemie angeklagt und im Mai zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. 

China: Christen immer mehr unter Druck

In der kommunistischen Volksrepublik China treten zum 1. Februar 2018 verschärfte staatliche „Vorschriften für religiöse Angelegenheiten“ in Kraft. Der Staat erweitert damit seine Kontroll- und Eingriffsmöglichkeiten.

Schon im Vorfeld kam es zu Verschärfungen: An religiösen Stätten und Gebäuden wurden zahlreiche Überwachungskameras installiert; die Polizei führt zusätzliche Kontrollen während der Gottesdienste durch; selbst Drogenkontrollen mit Spürhunden müssen religiöse Versammlungen über sich ergehen lassen. Diese verschärften Maßnahmen betreffen nicht nur die Untergrundgemeinden, sondern auch die staatlich registrierten religiösen Gruppen.

Religiöse Aktivitäten innerhalb von Untergrundgemeinschaften sind aus Sicht des Staates illegal und werden in Zukunft mit empfindlichen Geldstrafen geahndet. So ziehen für die Katholiken der Untergrundkirche düstere Zeiten herauf.

Brich das Schweigen!

„O Kreuz Christi, auch heute noch sehen wir dich aufgerichtet in unseren Schwestern und Brüdern, die getötet, lebendig verbrannt, denen die Kehlen durchgeschnitten und die geköpft werden mit barbarischen Schwertern und mit dem feigen Stillschweigen.“ Mit diesen eindringlichen Worten in seiner Karfreitagsansprache 2016 machte Papst Franziskus auf einen unheilvollen Zusammenhang aufmerksam: Nicht nur Bedrohung und Gewalt, auch die Gleichgültigkeit der Weltöffentlichkeit ist eine schmerzvolle Erfahrung für die verfolgten Christen.

Kirche in Not tritt dafür ein, das Schweigen zu brechen. Das Hilfswerk fördert heute in über 140 Ländern jährlich rund 5.000 kirchliche Projekte – viele davon langfristig. Das macht den Unterschied zur Krisenhilfe. Über 400.000 Wohltäter aus 23 Ländern bilden eine Gemeinschaft des Gebetes und der tätigen Nächstenliebe.

Beides kommt an, wie ein Brief des chaldäisch-katholischen Patriarchen Louis Raphael I. Sako aus Bagdad zeigt: „Sie haben viel geholfen und wir brauchen diese Hilfe, um zu überleben. ,Kirche in Not‘ ist für uns wie eine Mutter. Deshalb meine Bitte: Beten Sie, damit wir in unserer geliebten Heimat bleiben können. Damit es auch für uns eine Auferstehung aus den Trümmern geben kann.“

Buchtipp: „Christen in großer Bedrängnis – Dokumentation 2016“, 216 Seiten, 1,– Euro. Gebetstipp: Gebetsblatt für die verfolgte Kirche – auch zum Verteilen in der Gemeinde! 0,10 Euro. Preise jeweils zzgl. Versandkosten. Erhältlich bei KIRCHE IN NOT, Lorenzonistraße 62, 81545 München, oder unter Tel. 0 89 – 64 24 88 80 oder info@kirche-in-not.de

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 1/Januar 2018
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