Liebe Leserinnen und Leser
Von Erich Maria Fink und Thomas Maria Rimmel
Papst Franziskus setzt einen Akzent nach dem anderen. Da ist zunächst das Heilige Jahr 2025, auf das wir mit großen Schritten zugehen. Es beginnt am 24. Dezember 2024, dem Fest der Geburt des Herrn, mit der Öffnung der Heiligen Pforte der Petersbasilika im Vatikan. Der Papst hat das Jubiläumsjahr, das bereits jetzt eine große Dynamik zu entfalten beginnt, unter das Thema gestellt: „Spes non confundit“, übersetzt „Die Hoffnung enttäuscht nicht“. In dieser von Angst und Gewalt erschütterten Zeit will er der ganzen Menschheit eine neue Zuversicht und Perspektive vermitteln, ein Licht der Hoffnung aufstrahlen lassen. Doch woher kommt „die Hoffnung, die nicht enttäuscht“? Papst Franziskus lenkt die ganze Aufmerksamkeit auf Jesus Christus. Allein von ihm kann Hoffnung kommen.
In diesem Sinn dürfen wir auch einen weiteren Akzent verstehen, der für erhebliches Erstaunen gesorgt hat. Am 24. Oktober 2024 legte Papst Franziskus seine vierte Enzyklika vor, die den Titel trägt: „Dilexit nos (Er hat uns geliebt) – Über die menschliche und göttliche Liebe des Herzens Jesu Christi“. Der Dogmatikprofessor Dr. Roman Anton Siebenrock stellt diese Herz-Jesu-Enzyklika vor. Er betrachtet sie als Vermächtnis dieses Pontifikats, in dem uns der Papst Einblicke in seine Spiritualität, ja, „in sein eigenes Herz“ gebe.
Und schließlich hat die Bischofssynode zum Thema „Für eine synodale Kirche – Gemeinschaft, Teilhabe und Mission“ ihren Abschluss gefunden. Am 26. Oktober 2024 verabschiedeten die 355 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Synodenversammlung ein 54-seitiges Schlussdokument, das Papst Franziskus noch am selben Abend als offizielles Ergebnis der 16. Bischofssynode mit ihrem synodalen Prozess seit 2021 in Kraft setzte. Er erklärte, er werde kein eigenes nachsynodales Schreiben veröffentlichen, vielmehr gelte dieser Text als Teil des ordentlichen Lehramts. Der aus Italien stammende Bischof Christian Carlassare MCCJ, der für das Bistum Bentiu im Südsudan zuständig ist, sowie Prof. Dr. Roman Siebenrock fassen die Ergebnisse zusammen und geben eine erste Bewertung dieser Frucht der Synode ab. Beide sehen darin ein historisches Ereignis, das die Handschrift des Heiligen Geistes trägt und für die Zukunft der Kirche von größter Bedeutung ist.
Der synodale Prozess hat viel Staub aufgewirbelt. Angesichts des „Synodalen Weges“ in Deutschland betrachteten viele die Initiative des Papstes als unnötiges Verwirrspiel, ja zahlreiche Bischöfe reagierten auf die Ankündigung eines solchen Wagnisses auf weltkirchlicher Ebene mit größter Besorgnis. Doch ihre Befürchtungen haben sich nicht erfüllt. Vielmehr entwickelte sich ein gemeinsamer Weg, der nach dem Zeugnis der Teilnehmer ganz vom Gebet und der Gegenwart Gottes geprägt war. Die Synode mündete in einen mächtigen Aufruf zur Umkehr und zur Mission ein, ganz im Gegensatz zum großen Kampf um Geschäftsordnungen und zu den Versuchen, mit moralisch sozialem Druck bestimmte Agenden durchzusetzen. Die Frucht der Synode ist ein Sauerteig, der das Antlitz der Kirche verwandeln und ihr Leben auf Jahrhunderte hin neu prägen wird. Entgegen allem Achselzucken gilt es nun, die Synode umzusetzen, ganz im Geist der letzten Worte des Dokuments. Es schließt mit einem Gebet an die Jungfrau und Gottesmutter Maria, der die Ergebnisse dieser Weltsynode anvertraut werden: „Lehre uns, ein Volk von missionarischen Jüngern zu sein, die gemeinsam vorangehen: eine synodale Kirche!“
Liebe Leserinnen und Leser, in diesem Sinn wünschen wir Ihnen einen gesegneten Advent und einen gnadenvollen Eintritt in das Heilige Jahr 2025. Schon jetzt sagen wir Ihnen für Ihre großherzige Weihnachtsgabe ein aufrichtiges Vergelt’s Gott (IBAN: DE46 7116 0000 0001 1905 80, BIC: GENODEF1VRR).
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 12/Dez.2024+1/Jan.2025
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
Zum Schlussdokument der Bischofssynode über die Synodalität der Kirche
Von den Armen lernen
Der aus Italien stammende Bischof Christian Carlassare MCCJ (geb. 1977) ist für das Bistum Bentiu im Südsudan zuständig (vgl. seinen Artikel auf S. 10). Es handelt sich um eines der ärmsten Gebiete auf der ganzen Welt. Bischof Carlassare sieht im Schlussdokument der Synode zur Synodalität einen starken Ruf zu Umkehr. In seinem Beitrag bricht er eine Lanze für den eingeschlagenen Weg, zu dem er keine Alternative sieht. Er ist überzeugt, dass die Kirche in Zukunft ihrem Auftrag der Evangelisierung nur dann fruchtbar nachkommen kann, wenn sie die Ausübung der Autorität auf synodale Weise vollzieht und so zum wahren Dienen fähig wird. Auf dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrung kann er besonders der Option für die Armen, wie sie sich Papst Franziskus zu eigen gemacht hat, nur beipflichten.
Von Bischof Christian Carlassare MCCJ, Bentiu
Vor einiger Zeit hatte ich die Gelegenheit, den Heiligen Vater mit einer Gruppe von Bischöfen aus Diözesen der Erstevangelisierung zu besuchen. Eine Reihe afrikanischer Bischöfe äußerte vorsichtig ihre Besorgnis über die Synode zur Synodalität, da einige Bischofskonferenzen recht kontroverse Meinungen vertreten würden.
Eine klare Haltung des Glaubens
Der Heilige Vater hörte sich ihre Fragen geduldig an und antwortete nicht nur mit großer Klarheit, sondern vor allem auch mit einer eindeutigen Haltung des Glaubens und des Vertrauens auf den Beistand des Heiligen Geistes im Synodenprozess.
Ich kann seine genauen Worte nicht wiedergeben, da ich sie nicht aufgezeichnet habe. Dennoch kann ich die folgenden Einsichten weitergeben, da sie mir in Erinnerung geblieben sind.
Erstens: Der Synodale Prozess ist eine Gelegenheit, durch Zuhören und Gebet die Einheit in der Kirche zu suchen. Der Heilige Vater sprach nicht viel über Entscheidungsfindung, sondern über Zuhören und Beten. Ich denke, das ist der entscheidende Punkt. Der Grad der Komplexität in der modernen Gesellschaft war noch nie so hoch wie heute. Unterschiede sind eine selbstverständliche Tatsache. Der Heilige Vater bringt dies zum Ausdruck, indem er unseren Zustand mit der Figur eines Polyeders (= vielflächiger Körper) vergleicht. Die Gesellschaft kann nicht mehr als Kugel dargestellt werden, in deren Zentrum die Kirche steht. Heutzutage gleicht die Gesellschaft eher einem Polyeder mit mehreren Flächen oder Seiten, die dennoch zu einem Stück zusammenpassen können. Die Synode zur Synodalität hat ein Forum eröffnet, in dem der Heilige Geist am Werk sein kann, um Einheit zu schaffen.
Zweitens kann die Einheit nicht dadurch erreicht werden, dass wir die Menschen dazu überreden, gleichförmig zu werden. Das mag einfacher aussehen, ist aber nicht die Lösung. Es wird immer jemanden geben, der sich anpassen wird. Darüber hinaus aber gibt es auch jemanden, der einen anderen Standpunkt vertritt, aber im Gewissen den Werten des Evangeliums treu bleibt. Hier können wir auch das ökumenische Engagement sehen. Der Synodale Prozess legt nahe, dass Einheit über eine formale gemeinsame Identität hinausgeht – die Art und Weise, wie wir uns kleiden, wie wir Versammlungen und Liturgien abhalten – und vielmehr auf eine tiefere Gemeinschaft in Christus abzielt, die die Vielfalt einschließt. Vielfalt sollte niemals gleichbedeutend mit Spaltung sein. Das Werk des Heiligen Geistes bringt Gemeinschaft in der Vielfalt.
Drittens: Trotz der Polarisierung in der Welt ist die katholische Kirche weder progressiv noch konservativ. Sie ist die Kirche, und das ist alles. Die Teilnehmer der Synode können entweder progressiv oder konservativ sein. Sie werden ihre Position darlegen, aber sie sind nicht die Hauptakteure. Der Heilige Geist ist der Hauptakteur. Außerdem schafft der Heilige Geist Harmonie, weil er Harmonie in sich selbst ist. Deshalb darf ein progressiver Mensch seine Position nicht radikalisieren. Auch eine konservative Person darf seine Position nicht radikalisieren. Der Heilige Geist wird helfen, eine Synthese aus allem zu schaffen, was die Mitglieder der Kirche zum Ausdruck bringen. Zu Pfingsten muss es viel Lärm gegeben haben, als die Apostel all diese verschiedenen Sprachen gesprochen haben (vgl. Apg 2,1-11). Es herrschte jedoch Harmonie unter ihnen, weil sie auf den Heiligen Geist antworteten, der das Band der Gemeinschaft unter ihnen war. Das ist es, was ich von diesem Gespräch in Erinnerung habe.
Eine positive Erfahrung des Zuhörens, des Dialogs und der gegenseitigen Liebe
Nach Abschluss der Synode hatte ich die Gelegenheit, mit einigen Synodenteilnehmern über ihre Eindrücke zu sprechen. Sie bestätigten, dass die Synode eine positive Erfahrung des Hörens auf den Heiligen Geist im Gebet und des gegenseitigen Zuhörens war. Vor allem haben sich die Synodenväter Zeit genommen, um das Verständnis der Identität der Kirche als synodale Gemeinschaft und als Familie Gottes zu vertiefen. In der Tat ist es das Familienleben, in dem die Menschen durch gesunde Beziehungen zu einer Vielzahl von Menschen – jungen und alten, männlichen und weiblichen, starken und schwachen, körperlich fitten und kranken oder behinderten Menschen – zu menschlicher Reife heranwachsen; obwohl sie unterschiedlich sind, hat jeder Mensch innerhalb derselben Familie dieselbe Würde. Die Kirche ist nach dem Synodalen Prozess aufgefordert, ihre Identität als Familie Gottes deutlicher zum Ausdruck zu bringen.
In Afrika ist dieses Bild von der Kirche als Familie Gottes sehr präsent. Es hat die Überlegungen in den letzten beiden afrikanischen Synoden und die pastorale Arbeit in den letzten fünfzig Jahren inspiriert. In diesem Jahr wird die pastorale Methode der Kleinen Christlichen Gemeinschaften fünfzig Jahre alt. In „Ecclesia in Africa“ lesen wir: „Die Zukunft der Welt und der Kirche führt über die Familie.“ Daher ist „die Evangelisierung der afrikanischen Familie eine der wichtigsten Prioritäten, wenn man will, dass sie ihrerseits die Rolle eines aktiven Subjekts im Hinblick auf die Evangelisierung der Familien durch die Familien wahrnehme“ (Nr. 80). Die wichtigsten Werte in einer Familie sind Zuhören, Dialog und schließlich gegenseitige Liebe.
Daher fährt „Ecclesia in Africa“ fort: „Die Dialoghaltung ist die Verhaltensweise des Christen innerhalb seiner Gemeinschaft sowie gegenüber den anderen Gläubigen und Menschen guten Willens. Der Dialog muss vor allem in der Kirche als Familie gepflegt werden, und zwar auf allen Ebenen: zwischen Bischöfen, Bischofskonferenzen oder Versammlungen der Hierarchie und Apostolischem Stuhl, zwischen den Bischofskonferenzen bzw. Bischofsversammlungen der verschiedenen Nationen desselben Kontinents und jenen der anderen Kontinente und in jeder Teilkirche zwischen dem Bischof, dem Presbyterium, den Ordensleuten, den pastoralen Mitarbeitern und den gläubigen Laien; sowie auch zwischen den verschiedenen Riten innerhalb ein und derselben Kirche.“
Mir scheint, dass sich die Kirche in Afrika in vielerlei Hinsicht, vielleicht ohne es zu merken, auf die Synode zur Synodalität vorbereitet hat. Der missionarische Charakter der Kirche erfordert eine synodale Struktur, die in der Lage ist, Dialog, Teilhabe und Gemeinschaft zu fördern.
Ein wachsender Klerikalismus in Afrika
Das Leben ist oft widersprüchlich. Es kommt vor, dass das, was zunächst eine große Inspiration und Vision ist, zum Hindernis und zur Schwäche für eine Gemeinschaft werden kann. Die Kirche in Afrika erlebt einen wachsenden Klerikalismus, der ein Hindernis für Dienst und Mission darstellt. Er entspringt einem Missverständnis der göttlichen Berufung, das dazu führt, dass das Sakrament der Weihe eher als Privileg denn als Dienst verstanden wird. Leider ist der Klerikalismus eine Haltung, die sich nicht nur im Klerus, sondern auch bei Laien zeigen kann. Klerikalismus äußert sich in einem Lebensstil, der die Person über die Menschen erhebt. Klerikalismus führt dazu, dass die Person ihre Führung ohne die Möglichkeit einer Revision oder Rechenschaftspflicht ausübt. Niemand kann einen klerikalisierten Leiter in Frage stellen. Das Schlussdokument der Synode zur Synodalität weist darauf hin, dass „eine klarere Verteilung der Aufgaben und Verantwortlichkeiten, eine mutigere Unterscheidung dessen, was zum ordinierten Amt gehört und was an andere delegiert werden kann und muss, eine spirituell gesündere und pastoral dynamischere Art der Ausübung jedes Amtes in der Kirche begünstigen wird. Diese Perspektive wird sicherlich Auswirkungen auf die Entscheidungsprozesse haben, die durch einen klareren synodalen Stil gekennzeichnet sind. Sie wird auch dazu beitragen, den Klerikalismus zu überwinden, der als Machtausübung zum eigenen Vorteil und als Verzerrung der Autorität der Kirche verstanden wird, die Dienst am Volk Gottes ist“ (Nr. 74).
Rückblick auf das Schlussdokument der Synode zur Synodalität
Ich finde es sehr passend, dass das Schlussdokument der Synode zur Synodalität an die Notwendigkeit einer evangeliumsgemäßen Umkehr erinnert. Der Heilige Geist Gottes ruft zur Umkehr auf: zu einer tiefgreifenden Veränderung der Art und Weise, wie wir in der Kirche unserer Beziehungen, unserer Prozesse, unserer Bindungen leben.
Ich trage in meinem Herzen, was der Heilige Vater mir und einer Gruppe von Bischöfen bei einem privaten Treffen gesagt hat: „Wie ihr die Eucharistie behandelt, so behandelt ihr auch das heilige Volk Gottes.“ Hier sehe ich einen Aufruf zu einer radikalen Umkehr in der Kirche. Wir glauben an die Unfehlbarkeit des Heiligen Vaters, wenn er ex cathedra spricht. Dennoch sagt uns die Synode, dass auch das heilige Volk Gottes die Salbung des Heiligen Geistes und die Unfehlbarkeit in credendo hat – empfangen als göttliches Geschenk durch aufrichtigen Glauben an Gott und sein Evangelium. Das Schlussdokument der Synode zur Synodalität erklärt, dass alle Gläubigen kraft der Taufe einen Instinkt für die Wahrheit des Evangeliums besitzen, den sogenannten sensus fidei. Wenn das Volk Gottes im Gebet vereint ist, auf die Lehre der Apostel hört und großherzig Nächstenliebe gegenüber den Armen übt, hat es die Fähigkeit, intuitiv zu erfassen, was mit der Wahrheit der Offenbarung in der Gemeinschaft mit der Kirche übereinstimmt. Deshalb kann die kirchliche Hierarchie nicht anders, als auf die Erfahrung und den Geist des heiligen Gottesvolkes zu hören. Der sensus fidei – daran erinnert das Schlussdokument – ist nicht mit der öffentlichen Meinung zu verwechseln. Der sensus fidei der Gläubigen ist immer mit der Urteilskraft der Hirten auf den verschiedenen Ebenen des kirchlichen Lebens verbunden und muss zum consensus fidelium – zum Konsens der Gläubigen – werden.
Die Kirchenväter haben bereits drei wesentliche Elemente im kirchlichen Entscheidungsprozess aufgezeigt. Keines der drei darf fehlen. Keine Entscheidung ohne den Bischof, keine Entscheidung ohne den Rat der Priester, keine Entscheidung ohne die Zustimmung des Volkes Gottes (vgl. Nr. 98). Wenn wir vom Lehramt der Kirche sprechen, meinen wir gewöhnlich die Lehre des Papstes und der Bischöfe. Jetzt, mit dem Synodalen Prozess, nehmen wir eine neue Haltung des Hörens auf das Volk Gottes ein, indem wir zuerst zuhören und voneinander lernen. Der Papst, die Bischöfe, die Kirche können nicht mit Autorität lehren, ohne auf das Volk Gottes zu hören und seine Probleme zu verstehen. Jesus hat die Armen im Geiste selig gepriesen: „Ihnen gehört das Reich Gottes“ (vgl. Mt 5,3). Das ist eine radikale Aussage. Sie bedeutet, dass uns die Armen etwas zu lehren haben. Wir müssen von ihnen lernen. Wir können jetzt vom Lehramt der Armen sprechen. Die Armen öffnen uns die Augen, sie bekehren uns, sie helfen uns, unser Leben und unsere kirchlichen Strukturen zu ändern. Sie evangelisieren uns. Erkennen wir die evangelisierende Kraft der Armen an? Erlauben wir ihnen, uns zu bekehren? Die Armen sind kein soziales Problem. Sie haben einen theologischen Status, weil Gott sich mit ihnen identifiziert hat: „Ich war hungrig und durstig, und ihr habt mir zu essen und zu trinken gegeben“ (vgl. Mt 25, 35-40). Wir lernen Gott tatsächlich kennen, wenn wir uns mit den Armen, den Ausgegrenzten und den Ausgeschlossenen solidarisch zeigen. Gott baut sein harmonisches Reich, wenn die Mächtigen von ihren Thronen herabsteigen und wenn die Würde der Armen endlich anerkannt wird.
Diese Lehre liegt dem Heiligen Vater sehr am Herzen. In „Evangelii Gaudium“ schreibt er und zitiert dabei auch Papst Benedikt XVI.: „Die Kirche hat eine Option für die Armen gefällt, die zu verstehen ist als ,besonderer Vorrang in der Weise, wie die christliche Liebe ausgeübt wird; eine solche Option wird von der ganzen Tradition der Kirche bezeugt‘. Diese Option, lehrte Benedikt XVI., ist ,im christologischen Glauben an jenen Gott implizit enthalten, der für uns arm geworden ist, um uns durch seine Armut reich zu machen.‘ Aus diesem Grund wünsche ich mir eine arme Kirche für die Armen. Sie haben uns vieles zu lehren. Sie haben nicht nur Teil am sensus fidei, sondern kennen außerdem dank ihrer eigenen Leiden den leidenden Christus. Es ist nötig, dass wir alle uns von ihnen evangelisieren lassen. Die neue Evangelisierung ist eine Einladung, die heilbringende Kraft ihrer Leben zu erkennen und sie in den Mittel-punkt des Weges der Kirche zu stellen. Wir sind aufgerufen, Christus in ihnen zu entdecken, uns zu Wortführern ihrer Interessen zu machen, aber auch ihre Freunde zu sein, sie anzuhören, sie zu verstehen und die geheimnisvolle Weisheit anzunehmen, die Gott uns durch sie mitteilen will“ (Nr. 198).
Die Synode zur Synodalität ruft die Kirche zur Umkehr auf, um eine stärkere Rücksichtnahme auf das heilige Volk Gottes und insbesondere auf die Armen zu fördern. Die Synode zur Synodalität lädt die Kirche ein, Freund der Armen zu werden, die die privilegierten Kinder des heiligen Gottesvolkes sind. Freunde der Armen zu sein, bedeutet nicht nur, ihnen zu helfen, sondern sie, ihre Werte und ihren Glauben zu schätzen. Es bedeutet, ihnen zuzuhören und Gott zu betrachten, der in ihnen und in ihrem Ringen um menschliche Würde gegenwärtig ist.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 12/Dez.2024+1/Jan.2025
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Wagnis einer neuen Kultur der Beteiligung und der Mitentscheidung
Zum Schlussdokument der Bischofssynode
Die 16. Ordentliche Bischofssynode in Rom behandelte das Thema „Für eine synodale Kirche – Gemeinschaft, Teilhabe und Mission“. Sie wurde als weltweiter synodaler Prozess durchgeführt, der 2021 auf der Ebene der Ortskirchen begann und in die beiden Synoden-Versammlungen 2023 und 2024 in Rom einmündete. Am 26. Oktober 2024 verabschiedeten die 355 Mitglieder der Versammlung mit großer Mehrheit ein 54-seitiges Abschlussdokument. Noch am selben Abend wurde es von Papst Franziskus als offizielles Ergebnis des synodalen Prozesses bzw. der Bischofssynode in Kraft gesetzt. Er werde abweichend von der üblichen Praxis kein eigenes Nachsynodales Schreiben veröffentlichen, so der Papst. Der Text gelte bereits als Teil des ordentlichen Lehramtes der katholischen Kirche. Unter dem Motto „Gemeinsam auf dem Weg (bleiben)“ stellt der Dogmatikprofessor Dr. Roman Anton Siebenrock (geb. 1957) das Dokument vor. „Mit dem Abschluss der Weltsynode beginnt der Weg einer synodalen sich erneuernden Kirche“, so Siebenrock. Und in seiner zusammenfassenden Wertung hebt er hervor: „Wir haben eine pneumatologische Ekklesiologie im Vollzug erlebt, die theologisch und kanonisch erst noch eingeholt werden will.“
Von Roman A. Siebenrock
„Synodalität ist das gemeinsame Gehen der Christen mit Christus und auf das Reich Gottes zu, in Einheit mit der ganzen Menschheit … sie ist ein Weg der geistlichen Erneuerung und der Strukturreform, der es der Kirche ermöglicht, partizipativer und missionarischer zu sein, damit sie mit jedem Mann und jeder Frau gehen und das Licht Christi ausstrahlen kann“ (Nr. 28).
Immer neu sucht die Kirche in den Wandlungen der Geschichte den Willen Christi und weiß sich gerufen, das Evangelium des auferstandenen und daher immer gegenwärtigen Christus zu bezeugen und zu verkünden (Nr. 14). Dabei sollte der Kirche immer bewusst bleiben, dass sie die arme Sünderin bleibt, die der Umkehr und Reform bedürftig ist. Deshalb geht sie, wie es das Zweite Vatikanische Konzil sagt, im Blick auf den armen Jesus immer den Weg der Erneuerung (Lumen gentium 8). Das sicherste Kennzeichen für diese Gegenwart ihres Herrn ist daher ihre Bereitschaft, umzukehren. Nur so vermag sie der innigsten Vereinigung mit Gott und der Einheit der Menschen zu dienen (Lumen Gentium 1: Nr. 56). Zu diesen unverzichtbaren Kennzeichen der wahren Kirche gehört ihr Dienst an allen Brüdern und Schwestern, denen wir zum Nächsten werden sollen (Mt 25,44). Ich halte den synodalen Weg der katholischen Kirche (2021-2024) deshalb für ein Geschenk des Geistes Christi, weil die Synode die Gestaltung von „Gemeinschaft, Teilhabe und Sendung“ mit dem Ruf in die Umkehr und der ehrlichen Bitte um Vergebung verbunden hat. Petrus ist der Fels, weil er umkehrt und über seinen Verrat weint und die Vergebung des Herrn und auch seiner Schwestern und Brüder zu empfangen vermag.
Andererseits müssen wir uns auch vor Augen führen, dass in diesem jahrelangen Prozess der Versuch gewagt worden ist, auf den verschiedensten Ebenen möglichst alle einzubinden, weil die verschiedensten Etappen des gesamten Prozesses immer wieder alle Glaubenden seit 2021 integrierte: in den Diözesen und den Gemeinden, den kontinentalen Treffen und den drei Treffen in Rom. Schon aus diesem Blickwinkel ist es wohl der umfassendste Konsensprozess der Geschichte, weil mehr als 1,2 Milliarden Menschen aus allen Kulturen und Kontinenten direkt angesprochen worden sind und beim abschließenden Treffen in Rom tatsächlich auch in den Entscheidungsphasen die Kirche als Volk Gottes repräsentiert war. Wenn die offenen Gesprächsprozesse dabei beachtet werden, dann ist dieser Prozess ein Beispiel dafür, wie in einer konfliktiven und immer mehr auseinanderfallenden Menschheit Einheit und Zusammengehörigkeit gestaltet und Solidarität mit allen Menschen gefördert werden kann. Denn diese Synode hat sich als offen für alle Menschen, grundlegend ökumenisch und engagiert im inter-religiösen Dialog erwiesen. Ich frage: Wenn Jürgen Habermas als Kriterium der Wahrheit die ideale Kommunikationssituation anführt, was könnte dem in dieser so konfliktreichen Situation mehr entsprechen, als die hier erstmals in aller Breite und Tiefe eingeübte spirituelle Gesprächskultur? Die runden Tische in der Audienzhalle werden immer in Erinnerung bleiben und dieses synodale Wagnis zu einer grundlegenden Haltung der Kirche werden lassen.
Deshalb ist das Wagnis, eine neue Kultur der Beteiligung und der Mitentscheidung in das Leben der Kirche einzustiften, wichtiger als die Frage, welche konkreten Entscheidungen jetzt getroffen worden sind. Und ob dieses Wagnis gelungen ist und nachhaltig werden kann, das liegt – ganz im Sinne einer grundlegenden Synodalität – an uns, an allen Glaubenden, den Diözesen, den verschiedensten Gemeinschaften und immer auch an mir. Denn Synodalität kann nicht verordnet werden, sondern reift allein durch die Bereitschaft zu hören, zu unter-scheiden und reifend die Entscheidung im Heiligen Geist zu erbitten und zu erspüren. Niemand kann gezwungen werden, im Geist zu hören, und die Aufnahme des Anderen in das eigene Herz kann nicht befohlen werden! Erstmals, so meine ich, wird spirituelle Feinfühligkeit in der Mitte des institutionellen Entscheidungsprozesses manifest. Ich habe den Eindruck, dass diese „Revolution“ kaum wahrgenommen und noch weniger verstanden worden ist, wenn von Macht, Intrige und Reform im Sinne verschiedener Interessensgruppen die Rede ist; aber ebenso wenig, wenn tiefgreifende Erneuerung von vornherein ausgeschlossen wer-den. Der Geist wird auch weiterhin wehen, wo er will (Joh 3,8); und uns dorthin führen, wohin wir (vielleicht nicht so gern) wollen (Joh 21,19)! Wir haben eine pneumatologische Ekklesiologie im Vollzug erlebt; diese will erst noch theologisch und kanonisch eingeholt werden.
In diesem Sinne möchte ich hier das Schlussdokument der Synode blitzlichthaft vorstellen, das der Papst unmittelbar in seinem Schlusswort in Kraft gesetzt hat. Wer dies bedauert oder damit gar den ganzen synodalen Prozess für beliebig erklärt, hat von Synodalität nichts verstanden. Wie es der ganze Prozess und Papst Franziskus immer wieder betont, ist zu beachten: Wenn Synodalität das Wesen der Kirche angemessen beschreibt, dann werden sich Bestimmungen des kanonischen Rechts ändern müssen. Weil das kanonische Recht, wie es der CIC selber sagt, das Leben der Kirche nicht in Gänze abbildet, ist er offen für neue Entwicklungen (Nr. 92!). Denn immer galt schon: Das Heil der Seelen ist das höchste Gesetz und die Grundausrichtung allen kirchlichen Tuns.
Synodalität als neue Phase der Konzilsrezeption
„Jeder neue Schritt im Leben der Kirche ist eine Rückkehr zur Quelle“ (Nr. 1). Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil weiß sich die Kirche der ständigen Erneuerung verpflichtet, die immer darin ihre Mitte findet, auf das Wort Gottes zu hören und Christus zu suchen. War die erste nachkonziliare Phase mitunter durch wildes Experimentieren geprägt, so begann in der Bischofssynode von 1985 mit der Idee der „Communio“ eine neue Phase der Konzilsrezeption. Die Bestimmung von Communio als Gemeinschaft greift diese dreistufige Synode auf, verstärkt aber nun die Frage nach den Methoden und Strukturen, die einer Kirche als Communio entsprechen. Dazu greift sie auf die uralte Idee der „Synodalität“ zurück, die immer drei Aspekte aufweist (Teil I, Nr. 30).
Grund und Mitte aller Synodalität ist der dreieine Gott selbst, der mit uns und der ganzen Schöpfung auf dem Weg ist und bleibt. Deshalb bezeichnet Synodalität das Leben und die Sendung der Kirche als Pilgerin, die hinausgerufen worden ist, das Evangelium zu bezeugen, und „gemeinsam auf dem Weg“ mit Gott und allen Menschen und Geschöpfen bleiben soll.
Zweitens bezeichnet der Begriff eine bestimmte Perspektive auf Strukturen und theologische Prozesse.
Schließlich können mit „Synodalität“ auch punktuelle Ereignisse und spezifische Prozeduren verstanden werden. Damit solche Prozesse glaubhaft ankommen, sind wir zur Umkehr gerufen: wir selbst (Teil I), in unseren Beziehungen (Teil II), unseren Prozessen (Teil III) und in unseren Bindungen (Teil IV). Nur so, in dieser vierfachen Umkehr wird missionarische Nach-folge möglich, die ein „Fest für alle Völker“ zu bereiten vermag (Nr. 152-154).
In meinen Hinweisen auf das Dokument kann ich nur auf einige Punkte eingehen. Der Text stellt eine Relecture der Kirche in Lehre und Praxis unter dem Gesichtspunkt der Synodalität dar. Die Lektüre kann ich nur empfehlen, wenn wir damit auch Erfahrungen der Synodalität in unserem Umfeld wagen. Denn alle Teilnehmenden haben von der Erfahrung „geschwärmt“, die diese drei Wochen vermittelt haben. Daher muss als Kriterium gelten: Das „Ergebnis“ ist nicht ohne den Prozess zu würdigen und der Prozess hat seine Würde in sich selbst. Denn in diesem Prozess wird jene Haltung auch institutionell eingeübt, die dem Geist Christi das letzte Wort einräumt. Zu fromm, zu spirituell? Wie man Schwimmen nur im Wasser lernt, kann eine synodale Kirche nur in der Praxis „verschmeckt“ werden.
Eine Kirche, die vom Geist bewegt wird
Die Synode hat den Geist nicht vergessen, im Gegenteil. Die Pneumatologie ist die innere Matrix einer synodalen Kirche, weil sie im Ostermorgen geboren (Nr. 13) und zutiefst trinitarisch geprägt wird, damit Glaube, Hoffnung und Liebe wachse (Nr. 15). Synodale Erfahrungen vermitteln daher den geistlichen Geschmack von der Bedeutung, Volk Gottes zu sein (Nr. 17). Deshalb ist Synodalität entfaltete Taufe, die sich im Glaubenssinn äußert. Der erste Teil des Dokuments liest die Glaubenslehre im Licht des Zweiten Vatikanischen Konzils auf diese Dimension hin. Deshalb stellt die Synodalität den Rahmen für die Interpretation des hierarchisch-bischöflichen Dienstes in der Kirche dar. Wichtiger aber ist die Kultivierung der synodalen Spiritualität, die der Gnade den Vorrang einräumt und damit dem Heiligen Geist institutionell eine Chance gibt (Nr. 43-46).
Eine beziehungsfähige Kirche:
Kirche stellt eine beziehungsreiche Wirklichkeit dar; ja, Beziehung ist die wesentliche Charakterisierung von Kirche: „Während des gesamten Weges der Synode und an jedem Ort und in jedem Kontext wurde der Ruf nach einer Kirche laut, die eine größere Fähigkeit besitzt, Beziehungen zu pflegen: mit dem Herrn, zwischen Männern und Frauen, in der Familie, in der örtlichen Gemeinschaft, zwischen sozialen Gruppen und Religionen, mit der Erde selbst“ (Nr. 50). Der zweite Teil kann vielleicht in einem Wort zusammengefasst werden: neue Beziehungen, die auf Anerkennung und Dienst beruhen, entwickeln und den Versuch wagen, niemanden auszuschließen. Wie soll das möglich sein? Eine kleine Checkliste ist in Nr. 77 zu finden.
Hören auf den Geist: Das Herz der Erneuerung
Der dritte Teil beschreibt das Herz der Synodalität: „Im Gebet und im brüderlichen Dialog haben wir erkannt, dass die kirchliche Unterscheidung, die Sorgfalt bei Entscheidungsprozessen sowie die Verpflichtung zur Rechenschaft und zur Bewertung unserer Entscheidungen Praktiken sind, mit denen wir auf das Wort antworten, das uns die Wege der Sendung weist“ (Nr. 79; siehe auch Nr. 93). Nur annäherungsweise kann der Text die Erfahrung des lebendigen Prozesses vermitteln. Deshalb scheint mir das Dokument die Botschaft an die ganze Kirche zu senden: Wagt es selbst! Wagt Prozesse des Gesprächs in geistlicher Unterscheidung. Eine Orientierung dafür geben die Nummern 83 und 84, die in den folgenden Nummern auch kanonistisch entfaltet werden. Wenn dann viele Erfahrungen in die Erinnerung der ganzen Kirche einfließen, dann wird das zu einem Geschenk für alle Menschen werden können. Dass solche Prozesse keine frommen Selbsttäuschungen werden, dafür sorgt die Pflicht zur Rechenschaft und Transparenz, sowie weitere Ausführungsbestimmungen. Ich stelle mir jetzt vor: Wie würden Entscheidungen über Seelsorgeräume und Besetzungen tatsächlich aussehen, wenn diese Methode angewendet wird? Ausprobieren!
Eine Kirche, die ihren Ort liebt und überschreitet
Der vierte Teil, Umkehr in den Bindungen, würdigt die Situation, den konkreten Ort mit seiner Kultur, ohne darin einfach aufzugehen. Verwurzelung und Ruf in die Pilgerschaft zum Reich des Vaters prägen die Weggestalt dieser Kirche (Nr. 110). Dabei wird betont, dass „Ort“ in dieser digitalen und verstädterten Situation Beziehungen und kulturelle Zugehörigkeit meint (Nr. 111), nicht zuerst eine territoriale Angabe. Es ist selbstverständlich, dass diese Paradoxie, Verwurzelung und Pilgerschaft, in die Solidarität mit allen Menschen und der ganzen Schöpfung eingebettet wird. Dieses Kapitel stellt die deutlichste Verknüpfung mit der Gegenwartskultur dar. Und dennoch geht die Kirche nicht darin auf. In diesem Teil findet sich eine schöne Vorstellung von Katholizität (Nr. 121-123): Austausch von Gaben bedeutet immer Anerkennung!
Einige Einzelthemen
Der Text verdeutlicht, dass die Kirche in den verschiedensten Kulturen und unterschiedlichsten Herausforderungen Antworten auf durchgehende gemeinsame Anfragen und Herausforderungen gegeben hat. Zuerst möchte ich darauf verweisen, dass durchgehend ermutigt wird, Laien und vor allem Frauen stärker auch in verantwortlichen Positionen zu beteiligen (nicht nur Nr. 60). Die Frage des Diakonats der Frau bleibt offen, aber Aufgaben im Richteramt, der Theologie, in der Seelsorge und der Priesterausbildung sollten selbstverständlich werden.
Bemerkenswert ist auch die authentische Beteiligung der Ortskirche an den Bischofsernennungen (Nr. 70). Wie ein „Amt des Zuhörens“ zu gestalten sein wird, ist abzuwarten (Nr. 78). Ebenso wird sich erst noch zeigen, wie die neuen Kompetenzen der Bischofskonferenzen aus-gestaltet werden (Nr. 125) und wie kirchliche Versammlungen (Nr. 126-128) und Partikularkonzilien (Nr. 129) sich bewähren. Dabei wird es von besonderer Bedeutung werden, wie groß das unterschiedliche Tempo der Ortskirchen sein kann (Nr. 124). Sehr detailliert wird über den Bischof von Rom und die römische Kurie gesprochen, die nicht nur in den synodalen Weg integriert werden, sondern diesen garantieren sollen (Nr. 131-139). Der neu zu errichtende Rat aus den verschiedensten repräsentativen Bischöfen könnte Synodalität verstetigen (Nr. 133).
„Die höchste Bedeutung der Synodalität ist das Zeugnis, das die Kirche Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist, geben soll: die Harmonie der Liebe, die sich selbst verströmt, um sich der Welt hinzugeben. Wir können die Gemeinschaft, die erlöst, leben, indem wir auf synodale Weise voranschreiten, in der Verflechtung unserer Berufungen, Charismen und Dienste. Indem wir auf alle Menschen zugehen, um ihnen die Freude des Evangeliums zu bringen, können wir die Gemeinschaft leben, die erlöst: mit Gott, mit der gesamten Menschheit und mit der gesamten Schöpfung. Dann werden wir beginnen, durch das Teilen das Festmahl des Lebens zu erleben, das Gott allen Völkern anbietet“ (Nr. 154).
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 12/Dez.2024+1/Jan.2025
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
Herausforderungen der katholischen Kirche im Südsudan
Dienst an den Ärmsten
Am 8. März 2021 hatte Papst Franziskus den aus Italien stammenden Comboni-Missionar Christian Carlassare (geb. 1977) zum Bischof der südsudanesischen Diözese Rumbek ernannt. Nördlich davon errichtete nun der Vatikan am 3. Juli 2024 das neue Bistum Bentiu, das an der Grenze zum Sudan liegt. Zeitgleich wurde Carlassare als erster Bischof dieser neuen Diözese eingesetzt. In seinem Artikel beschreibt er die Situation in seinem neuen Wirkungsgebiet und geht auf die Herausforderungen ein, denen sich die katholische Kirche in diesem Grenzgebiet zwischen Sudan und Süsudan stellen muss.
Von Bischof Christian Carlassare MCCJ, Bentiu
Im Juli dieses Jahres hat mich Papst Franziskus von Rumbek in die neu errichtete Diözese Bentiu versetzt. Sie erstreckt sich über eine Fläche von knapp 38 tausend Quadratkilometer [zum Vergleich etwas mehr als die Fläche von Baden-Württemberg]. In dem Gebiet leben etwa 1,13 Millionen Menschen, die den beiden ethnischen Gruppen Nuer und Dinka angehören. Die Beziehung zwischen diesen beiden Bevölkerungsteilen ist nicht einfach. Eine vorrangige Aufgabe der Diözese besteht darin, Brücken der Versöhnung zwischen diesen beiden Gruppen zu bauen.
Laienmitarbeiter als Seele der Gemeinden
Es gibt 450.000 Katholiken und etwa 350.000 Protestanten. Die übrigen sind noch immer der traditionellen Religion zugetan. Es gibt auch eine kleine, aber signifikante Präsenz von Muslimen. Die Diözese Bentiu ist in sieben sehr große Pfarreien eingeteilt, zu denen jeweils zahlreiche Kapellen gehören. Derzeit haben wir sieben Diözesanpriester und zwei Diakone. Die Pfarreien sind also auf Katecheten und Laienmitarbeiter angewiesen, welche das Rückgrat der christlichen Gemeinden bilden. In der Stadt Leer, 130 km südlich von Bentiu, gibt es eine Niederlassung der Comboni-Missionare, die in den letzten 30 Jahren viel zur Evangelisierung dieser Region beigetragen haben, vor allem durch ein Katechesezentrum, in dem eine große Zahl von Katecheten ausgebildet worden ist. Wir haben auch eine Gemeinschaft von Kapuzinern, die im Flüchtlingslager von Rubkona tätig ist. Zurzeit haben wir keine Ordensgemeinschaft von Schwestern, doch erwarten wir die Rückkehr der Comboni-Missionsschwestern und hoffen, dass noch weitere Kongregationen zu uns kommen werden.
Flüchtlingselend infolge des Bürgerkriegs
Das Gebiet unserer Diözese gehört zum ärmsten Teil des Landes. Hier leben die am meisten ausgegrenzten Menschen. Durch den Bürgerkrieg in den Jahren 2013 bis 2018 wurde die Stadt Bentiu verwüstet. Erst jetzt beginnt die Rückkehr der Bevölkerung in die Stadt. Doch es fehlt an Baumaterialien für den Wiederaufbau der Häuser. Die Menschen leben in einfachen Unterkünften, für die sie den noch brauchbaren Bauschutt verwendet haben.
In Rubkona, einer Zwillingsstadt von Bentiu, die nördlich des Gazelle-Flusses (einem Nebenfluss des Nils) liegt, befindet sich das größte Vertriebenenlager im Südsudan. Es entstand 2014 infolge des Konflikts und beherbergt 130.000 Flüchtlinge. Obwohl Friedensvereinbarungen getroffen worden sind, können die Menschen noch immer nicht in ihre Heimat zurückkehren. Es sind nun die Überschwemmungen der letzten Jahre, die sie daran hindern. Nach UN-Angaben sind 90 Prozent der Bevölkerung in diesem Gebiet Vertriebene. Außerdem leben in den Lagern von Yida und Jamjang, die sich ebenfalls auf dem Gebiet unserer Diözese befinden, etwa 130.000 sudanesische Flüchtlinge, hauptsächlich ethnische Nuba. Im Flüchtlingslager Jamjang haben wir eine Pfarrei mit Pater Samuel Akoch als Gemeindepfarrer. Die Armut, in der die Bevölkerung lebt, macht sie äußerst verwundbar.
Verschärfung der Situation durch die Klimakrise
Auch der Klimawandel wirkt sich negativ auf die Lage im Südsudan aus. Das Land erlebt sowohl langfristige Veränderungen, z.B. höhere Durchschnittstemperaturen als in der Vergangenheit, als auch häufigere extreme Wetterereignisse. Die saisonalen Niederschläge sind ziemlich unberechenbar geworden. Es gibt Perioden extremer Dürre und extremer Regenfälle. All dies hat Auswirkungen auf die Landwirtschaft, da die Bevölkerung über keine Möglichkeiten der Bewässerung verfügt und vollständig von den Niederschlägen abhängig ist. Der Klimawandel erschwert daher die Erzeugung von Nahrungsmitteln zur Versorgung der Bevölkerung.
In den letzten vier Jahren hat der Anstieg des Nils zu schweren Überschwemmungen geführt, von denen jährlich etwa eine Million Menschen betroffen sind. Große Teile des Ackerlands wurden überflutet. An Krankheiten, die im stagnierenden Wasser entstanden sind, verendeten zahlreiche Tiere. Die Betroffenen mussten aufgrund ihrer bitteren Armut ein neues Zuhause suchen. Die Umsiedlung stieß vielfach auf feindselige Reaktionen der einheimischen Bevölkerung. Gleichzeitig führte der begrenzte Zugang zu Ressourcen zur Verschlechterung der Bodenqualität und zur Abholzung der Wälder, was das Risiko von Konflikten weiter erhöhte.
Zudem droht durch die Überschwemmungen eine gefährliche Umweltverschmutzung. Denn die meisten Ölquellen befinden sich in der Nähe von Flüssen. Im Bundesstaat Unity zum Beispiel wurden 533 der 1352 Ölquellen überflutet und es besteht die Gefahr, dass gefährliche Chemikalien ins Wasser gelangen. Klimawandel und Umweltzerstörung aber rauben der Bevölkerung des Südsudans ihre Widerstandskraft und machen sie umso krisenanfälliger.
Kampf der Eliten um die Öleinnahmen
Seit der Unabhängigkeit des Südsudan im Jahr 2011 bilden die Öleinnahmen, die etwa 85% des Bruttoinlandsprodukts ausmachen, eine gewisse Grundlage für Stabilität, sie sind aber auch der Auslöser von Konflikten. Als der Südsudan unabhängig wurde, hatte er einen so umfassenden Zugang zu den Einnahmen durch die Ölförderung, dass er als Land mit mittlerem Einkommen eingestuft wurde. Man hoffte, dass die Öleinnahmen den Aufbau des neuen Staates unterstützen und die Entwicklung der öffentlichen Infrastruktur finanzieren würden. Leider aber war dies nicht der Fall.
Die „International Crisis Group“, eine unabhängige Organisation für Konfliktprävention und Konfliktlösung mit Sitz in Brüssel, kommt zu dem Ergebnis, dass sich vor allem die herrschende Klasse mit den Öleinnahmen bereichert hat. Dies führte zu Konflikten sowohl innerhalb des Systems als auch zwischen den Begünstigten und den Ausgeschlossenen. Nach den Untersuchungen von Joshua Craze spielte die Frage nach dem Zugang zu den Öleinnahmen die Schlüsselrolle im Bürgerkrieg von 2013 bis 2018.
Auch heute bildet sie die Hauptantriebskraft für den Wettbewerb zwischen den Eliten innerhalb des politischen Systems des Landes. Das Öl habe die Gewalt auf lokaler Ebene angeheizt. Dabei hätten die Eliten die ethnischen Gemeinschaften vor Ort mobilisiert, um sich so den Zugang zu den Einnahmen zu sichern. Gleichzeitig habe das Öl aber auch dazu beigetragen, neue Konflikte zu verhindern, da die Machthaber mit den Öleinnahmen die Loyalität potenzieller Herausforderer erkaufen konnten. Bis heute sind die Eliten nicht bereit, die Wirtschaft so umzustellen, dass mit den Öleinnahmen andere produktive Sektoren angekurbelt werden und auf die ökologische Nachhaltigkeit geachtet wird.
Der Konflikt im Sudan seit 2023
Der Konflikt im Sudan, der im April 2023 ausgebrochen ist, steht im Zusammenhang mit Machtgleichgewichten oder vielmehr Ungleichgewichten, bei denen bestimmte Eliten und militärische Gruppen um den Zugang zu den Ressourcen konkurrieren. Das hat schwerwiegende Auswirkungen auf den Südsudan, denn die beiden Länder sind stark voneinander abhängig. Viele Südsudanesen lebten früher im Sudan, weil es dort gute Möglichkeiten für Arbeit, Studium und medizinische Versorgung gab. Dies ist jetzt nicht mehr der Fall. Die meisten von ihnen sind in den Südsudan zurückgekehrt, haben jedoch alles verloren und stehen jetzt ohne Möglichkeit da, in ihrer Heimat neu zu beginnen. Insgesamt hat der Südsudan seit Beginn des Konflikts mehr als 800.000 Flüchtlinge aufgenommen. Im Flüchtlingslager Jamjang haben wir eine Pfarrei mit Pater Samuel Akoch als Gemeindepfarrer.
Marie-Helene Verney, UNHCR-Vertreterin im Südsudan, erklärte: „Wir gehen davon aus, dass das Schlimmste noch bevorsteht. Der Konflikt im Sudan hat schwerwiegendere Auswirkungen auf den Südsudan als auf jedes andere Land in der Region, was die immensen Herausforderungen, mit denen das Land bereits konfrontiert ist, noch vergrößert.“
Die anhaltende Krise im Sudan hat die Ölförderung im Südsudan verlangsamt, da der Transport über die Pipeline nach Port Sudan unsicherer geworden ist. Die Wirtschaft wurde weiter geschwächt, die Landeswährung verlor noch mehr an Wert und die Inflation stieg sprunghaft an. Die Preise für lebenswichtige Güter, einschließlich Lebensmittel, sind in die Höhe geschnellt, was die Kaufkraft und die verfügbaren Ressourcen einschränkt.
Neben dem Sudan ist eine besorgniserregende Destabilisierung in allen Ländern am Horn von Afrika zu beobachten. Die Spannungen machen diese Länder zu hervorragenden Kunden für den Waffenmarkt, auch für den illegalen. Wenn Waffen in einem Land ankommen, gehen sie leicht von Hand zu Hand über die Grenzen hinweg und destabilisieren weite Regionen. Im Sudan sind auch ausländische Rekruten und Söldner anzutreffen, weil der Konflikt eine Gelegenheit für Plünderungen und Waffenbeschaffung bietet.
Verantwortung für das Gemeinwohl aller Bürger
Am 6. September kündigte Präsident Salva Kiir Mayardit die Verlängerung der Regierungszeit um weitere 24 Monate an und verschob die für dieses Jahr geplanten Wahlen auf Dezember 2026. Tatsächlich ist der Südsudan fast völlig unvorbereitet. Zudem handelt es sich nicht nur um Routinewahlen, wie sie in anderen Ländern regelmäßig abgehalten werden.
Es gab in der Bevölkerung die Meinung: „Eine schlechte Wahl ist besser als keine Wahl“. Auch religiöse Führer brachten nach der Ankündigung des Präsidenten ihre Enttäuschung über die Verlängerung der Regierung der nationalen Einheit zum Ausdruck und bezeichneten dies als eine Verlängerung des Leidens des Volkes.
Doch müssen die Wahlkonsultationen zugunsten eines wahren demokratischen Prozesses so gut wie möglich vorbereitet und durchgeführt werden. Daher halte ich es für wichtiger, sich jetzt auf den Prozess bis zu den Wahlen als auf das Ergebnis zu konzentrieren. Wir werden uns um die politische Bildung der Wahlberechtigten bemühen, zusammen mit der allgemeinen Bildung in den Schulen. Der Prozess muss zur Bildung eines nationalen Bewusstseins und zum Aufbau der Nation auf der Grundlage des Gemeinwohls aller Bürger führen. Im Licht des Evangeliums und aus der Kraft unseres christlichen Glaubens werden wir diesen Prozess begleiten.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 12/Dez.2024+1/Jan.2025
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
Vorstellung der neuen Herz-Jesu-Enzyklika von Papst Franziskus
Christus selbst ist das Herz der Welt
Am 24. Oktober 2024 legte Papst Franziskus seine vierte Enzyklika vor. Sie trägt den Titel „Dilexit nos – Über die menschliche und göttliche Liebe des Herzens Jesu Christi“. Professor Dr. Roman Anton Siebenrock (geb. 1957), der von 2006 bis 2022 an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck Dogmatik doziert hat, stellt die Enzyklika vor. Dabei geht er auch auf das bekannte Herz-Jesu-Bild in der Innsbrucker Jesuitenkirche ein, mit dem das „Herz-Jesu-Gelöbnis“ des Landes Tirol im Jahr 1796 in Verbindung gebracht wird. Siebenrock scheut sich nicht, in seine Ausführungen auch ein persönliches Glaubenszeugnis einfließen zu lassen, zumal er feststellen kann, dass „Papst Franziskus in seinem Schreiben zur Herz-Jesu-Verehrung Einblicke in sein eigenes Herz gibt“.
Von Roman A. Siebenrock
Anlässlich der 350-jährigen Wiederkehr der Visionen der französischen Ordensfrau Margareta Maria Alacoque in Paray-le-Monial hat Papst Franziskus ein sehr persönliches Schreiben, ja eine Art persönlichen Brief an die Kirche und alle Menschen guten Willens geschrieben. Dieser Brief hat die Form einer Enzyklika, eines universalen Lehrschreibens also, und wurde am 24. Oktober 2024 mit dem Titel veröffentlicht: „Dilexit nos“ – „Er hat uns geliebt“. Das bedeutet für mich, dass Franziskus in die kirchliche Lehre das eigene Herz integriert sehen möchte, damit wir und alle Menschen ermutigt werden, mit dem Herzen zu denken und in Übereinstimmung mit unserer innersten in Gott gegründeten Mitte in Berührung zu bleiben. Botschaft und die Person als Zeugin der Wahrheit können nicht getrennt werden. Der Papst ist dabei von der Sorge berührt, ja aufgewühlt, dass die Menschheit in den aktuellen Entwicklungen ihre innerste Herzensmitte verlieren könnte.
Dieses Schreiben trägt eine tief biblische Mystik, die gerade am Beginn der Moderne neu erwacht war, von vielen Frauen und Männern aus allen Gruppen und Geschlechtern moduliert und vertieft wurde. Diese Frömmigkeitstradition, in der die konkrete „Herz-Jesu-Verehrung“ eine mögliche, wenn auch überaus hilfreiche Ausprägung darstellt, kann auch uns heute ansprechen und heilend verändern. Wie kann man diesem Wunsch des Papstes entsprechen, da ja die allgemeine Meinung im deutschen Sprachraum eher dazu neigte, diese Tradition zu verabschieden. In seinem Schreiben zitiert Franziskus das Kardinalsmotto von John Henry Newman: „cor ad cor loquitur/ Das Herz spricht zum Herzen“ (Nr. 26). Mit dem eigenen Herzen antworten! Also wage ich es hier, persönlich zu antworten, soweit es in der Öffentlichkeit sinnvoll sein kann. Denn Newman sagte auch: „secretum meum mihi est/Mein Geheiminis gehört mir“.
Sich berühren lassen
Die Herz-Jesu-Verehrung ist mir nicht in die erste katholische Sozialisation geschrieben worden, auch wenn ich im spätbarocken Oberschwaben durch Gerüche, Inszenierungen und Bilderwelten, vor allem marianische, geprägt wurde. Ich habe die Herz-Jesu-Tradition erst studiert und eingeübt in Tirol: im Raum der ignatianisch-jesuitischen Exerzitientradition. Mit Rahner, der zitiert wird (Nr. 15, Anm. 10), habe ich diese Tradition vertieft. In der Übung der Schlussbetrachtung der „Geistlichen Übungen“, der „Contemplatio de Amore / Betrachtung zur Erlangung der Liebe“, hat sie mein Leben zu prägen begonnen, auch wenn mir manche Bilder fremd geblieben sind. Doch das Herz-Jesu-Bild in Innsbruck, eine Kopie des Bildes von Pompeo Botoni in „Il Gesú“ aus dem Jahre 1760, spricht und schaut mich an und ich frage zurück: Woher kommt Dein Mut und Deine Kraft, trotz aller Verletzung und Folter allen Menschen und so auch mir Dein Herz anzubieten und zu einer besonderen Weggemeinschaft, ja Freundschaft einzuladen? Warum legst Du nicht einen Panzer an, ziehst Dich zurück oder drohst mit Rache? Von der Dornenkrone verletzbare Liebe, die immer wieder neu entflammt. Dieses verletzte und gleichzeitig zutiefst lebendige Herz zeigt mir einen Weg und eine Haltung, den verwickelten und so gefährlichen Knoten leben zu können, der einer menschlichen Grunderfahrung entspringt: Mit der Öffnung und Nähe zum Anderen, auf die wir ganz angewiesen sind, steigt mit scheinbarer Notwendigkeit die Gefahr der Verletzbarkeit. Weil niemand so tief und genau mich verletzen kann, wie jene Person, der ich mein Herz geöffnet habe, scheint es Liebe, Anerkennung und Nähe nur um den Preis der Passion, des möglichen Missbrauchs und der Gefährdung zu geben.
Liebe mit Liebe beantworten
Mit diesen Voraussetzungen und Fragen habe ich die Enzyklika gelesen, die in fünf Kapiteln aus verschiedenen Perspektiven dazu einlädt, sich auf solche Herzensöffnung und Heilung einzulassen. Sie hat meiner Ansicht nach nicht die konzentrierte Dichte der letzten Enzyklika zu diesem Thema, von Papst Pius XII., „Haurietis Aquas“ (1956). Das ist auch nicht nötig, weil Franziskus keine Lehrentwicklung festschreiben will. „Dilexit nos“ hat keine neuen Quellen erschlossen oder gar aktuellen Frömmigkeitsbewegungen Orientierung gegeben. Nein, er will mit diesem Schreiben, wie schon gesagt, mit allen teilen, was ihn selbst berührt und im Innersten deshalb auch motiviert, um auf seine sehr persönliche Weise neu dazu zu ermutigen, sich auf diese Frömmigkeitstradition, die Innerlichkeit und politisches Engagement verbindet, einzulassen. Ja: Wir berühren in diesem Schreiben die Innenseite seines Pontifikats, das vor allem durch soziale Fragen und Kirchenerneuerung geprägt war. Er zeigt uns die Quellen, an denen sein Lieblingsbegriff „Gaudium/Freude“ sich nährt (Nr. 217). Und ich erkenne in diesem Schreiben, das wohl seine letzte Enzyklika sein wird, eine Tiefenverbindung zur ersten Enzyklika von Papst Benedikt XVI.: „Deus caritas est“ (2006).
Das Schreiben beginnt mit einer biblischen Grundlegung bei Paulus (Röm 8) und Johannes, also mit den ältesten und den jüngsten Schriften des Neuen Testaments. Die bei beiden Aposteln bezeugte Christusmystik ist die Mitte der Schrift und des Glaubens. „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).
Das erste Kapitel bietet eine anthropologisch-philosophische Grundlegung, in dem mit zahlreichen Dichtern und Philosophen eine Zeitdiagnose vorgelegt wird, die die Bedeutung entfaltet, mit dem Herzen zu sprechen: „In dieser flüssigen Welt ist es notwendig, wieder vom Herzen zu sprechen, als dem Ort, wo in jedem Menschen, gleich welcher Herkunft und Lebensbedingung, alles zusammenkommt, wo all die anderen Kräfte, Überzeugungen, Leidenschaften und Entscheidungen der konkreten Menschen entspringen und verwurzelt sind. Aber wir bewegen uns in Gesellschaft von Serienkonsumenten, die in den Tag hineinleben und von den Rhythmen und dem Lärm der Technologie beherrscht werden, ohne viel Geduld für die Prozesse, die die Innerlichkeit erfordert. In der heutigen Gesellschaft läuft der Mensch ,Gefahr, den Mittelpunkt, seine eigene Mitte zu verlieren‘. ,Der Mensch von heute ist oft zerstreut, gespalten, fast ohne ein inneres Prinzip, das in seinem Denken und Handeln Einheit und Harmonie schafft. Vielverbreitete Verhaltensmodelle verschärfen die technologisch-rationelle oder, umgekehrt, triebmäßige Dimension‘. Es fehlt das Herz“ (Nr. 9). Und doch ist es so notwendig, unsere innerste Mitte, die das Herz symbolisiert, nicht zu vernachlässigen. Durch das Herz werden die Bruchstücke verbunden, eine persönliche Geschichte möglich, ja es verweist darauf, dass „das Innerste der Wirklichkeit Liebe ist“ (Nr. 16), und zwar deshalb, weil Christus selbst das Herz der Welt ist (Nr. 31). Deshalb kann sich allein vom Herzen her die Welt verändern, denn: „Das Herz ernst zu nehmen, hat soziale Konsequenzen“ (Nr. 29).
Das zweite, biblisch-christologische Kapitel geht dem Herzen des Erlösers nach und lädt zu einer Betrachtung des Handelns Jesu ein, seiner Gesten, seiner Worte, seines Blickes (Nr. 32- 47). Deshalb ist alle Herz-Jesu-Verehrung die Vereinigung mit der Person Christ selbst, mit dem, was ihn selbst zutiefst geprägt und bewegt hat: Gottes Wesen, das Liebe ist, trinitarische Liebe (Nr. 64-77).
Das dritte Kapitel stellt die theologische Grundlegung der Verehrung des Herzens Jesu dar. Nach einer Einleitung über die Verehrung des Bildes, das nicht beliebig ist, aber auch nur stellvertretend für die Person steht (Nr. 52-58), wird mit den Kirchenvätern (Nr. 62-63) und den jüngsten lehramtlichen Äußerungen (Nr. 78-81) die trinitarische Dimension dieser Frömmigkeit herausgestellt, die sich auch in der Verehrung der Eucharistie gegen jansenistische Strömungen richtete, die auf das Menschliche, Körperliche und Affektive herabschauten (Nr. 86). Deren Ausläufer sind noch heute zu spüren, da sie „die Zartheit des Glaubens, die Freude hingebungsvollen Dienstes, den Eifer für die Mission von Mensch zu Mensch, das Überwältigtsein von der Schönheit Christi, die emotionale Dankbarkeit für die Freundschaft, die er anbietet, und den letzten Sinn, den er dem persönlichen Leben gibt, vergessen hat“ (Nr. 88).
Kapitel vier eröffnet einen Gang durch die theologische Vertiefung dieser Tradition, die wiederum mit einer biblischen Grundlegung beginnt (Nr. 93-101) und deren Auslegung nachgeht. Hervorgehoben wird, nachdem ausdrücklich auf die Frauenmystik des Mittelalters (Nr. 110), Ludolf von Sachsen (Nr. 111) und Johannes Eudes (Nr. 113) verwiesen wird, Franz von Sales (Nr. 114-118), natürlich Margareta Maria Alacoque (Nr. 119-124) und Claude de la Colombière (Nr. 125), Charles de Foucauld (Nr. 129-132) und Theresia vom Kinde Jesu (Nr. 133-142), und natürlich der Widerhall in der Gesellschaft Jesu (Nr. 143-147). Aus dieser langen Tradition des inneren Lebens erwacht Tröstung (Nr. 151), eine Gemeinschaft mit dem Herrn auf seinem Weg zu Passion und Kreuz (Nr. 152-153), die auch den Glaubenssinn der Glaubenden trägt (Nr. 154). All diese Tradition erweist sich nicht als frommer Narzissmus, sondern als Motivation und Beweggrund, die Erfahrung der Liebe mit anderen, ja allen zu teilen: Liebe kann allein mit Liebe erwidert werden.
Kapitel fünf sieht schon im Ursprung der Visionen von Margareta Maria Alacoque den Wunsch, die Liebe auf die Schwestern und Brüder auszudehnen. In diesem Abschnitt wird nun die innere Kohärenz dieses päpstlichen Lehrers greifbar: „Wir müssen zum Wort Gottes zurückkehren, um einzusehen, dass die beste Antwort auf die Liebe seines Herzens die Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern ist; es gibt keine größere Geste, die wir ihm anbieten können, um seine Liebe mit Liebe zu erwidern“ (Nr. 167). Es folgt eine Reihe von biblischen Zitaten und kleinen biblischen Kommentierungen, die die Selbstverständlichkeit dieser Beziehung verkünden, nicht nur begründen. Das findet sich auch in der Geschichte der Spiritualität: Eine Quelle für die anderen sein (Nr. 172-176); Geschwisterlichkeit und Mystik (Nr. 177-180), die in eine umfassende soziale Verantwortung mündet, die nicht eine Anwendung, sondern eine mys-tisch-politische Vereinigung mit dem Christus unter uns darstellt, der vor allem in seinen geringsten Schwestern und Brüdern erkannt werden will. Matthäus 25 zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Kapitel.
Mensch: Maschine oder Herzenssache
Am Beginn der Moderne steht die Idee, dass der Mensch wie eine Maschine sei, der deshalb mathematisch und technisch vermessen werden könnte. Heute, nach dem Ende des mechanistischen Zeitalters, stehen wir immer noch in der Bannkraft dieser Idee, weil wir von einem Posthumanismus sprechen, in dem Roboter und künstliche Intelligenz uns nicht nur überholen werden, sondern uns ein digitales ewiges Leben versprochen wird. Die alte Verachtung des Körpers und des Sinnlichen seit der alten Gnosis! Doch können Algorithmen fühlen? Werden sie meine eigene, unverwechselbare Perspektive wirklich aufnehmen können, oder werden die künstlichen Wesen nur reden wie hochkomplexe Papageien? Mit Recht fragen daher Philosophen und Theologinnen wieder nach der körperlichen Dimension unseres Geistes und suchen Wege, auf neue Weise mit dem Herzen zu denken. Christi Herz ist ein guter, ja heilender Widerspruch zu den Mechanismen dieses Zeitalters: „Heute ist alles käuflich und bezahlbar, und es scheint, dass Sinn und Würde von Dingen abhängen, die man durch die Macht des Geldes erwirbt. Wir werden getrieben, nur anzuhäufen, zu konsumieren und uns abzulenken, gefangen in einem entwürdigenden System, das uns nicht erlaubt, über unsere unmittelbaren und armseligen Bedürfnisse hinauszusehen. Die Liebe Christi steht außerhalb dieses abartigen Räderwerks, und er allein kann uns von diesem Fieber befreien, in dem es keinen Platz mehr für eine bedingungslose Liebe gibt. Er ist in der Lage, dieser Erde ein Herz zu verleihen und die Liebe neu zu beleben, wo wir meinen, die Fähigkeit zu lieben sei für immer tot“ (Nr. 218).
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 12/Dez.2024+1/Jan.2025
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Die Menschen wollen beten!
Programmdirektor Pfarrer Dr. Richard Kocher geht von der Feststellung aus, dass die höchsten Einschaltquoten auf Radio Horeb bei der Übertragung von Gebetszeiten und Hl. Messen zu verzeichnen sind. Warum sehnen sich die Menschen gerade nach dieser Art von Glaubenshilfe? Dadurch werde „in der Welt etwas ins Gleichgewicht gebracht“, so zitiert Dr. Kocher aus der FAZ.
Von Richard Kocher
In der gegenwärtigen Zeit mit ihren vielfachen Auflösungserscheinungen werden Ordnungs- und Strukturelemente für den Tagesablauf immer wichtiger. Regelmäßige Gebetszeiten wie etwa das Stundengebet der Kirche sind hierfür eine große Hilfe. Sie sind die innere Achse, um die herum unser Radio-Programm aufgebaut ist. Untersuchungen zur Stundenreichweite bei Radio Maria Italien belegen, dass die Tageseinschaltquoten bei der Übertragung der Hl. Messe, dem Stundengebet und dem Rosenkranzgebet am höchsten sind. Die Menschen wollen beten! Die Beziehung zu Gott gibt uns die Kraft, mit den Anforderungen des Alltags fertig zu werden. In einer aufgewühlten Zeit vermitteln Gebetszeiten innere Ruhe und Gelassenheit. „Der ordentliche Weg der Gnadenvermittlung geschieht durch das Gebet“, so kann man in jedem Lehrbuch der Dogmatik nachlesen.
Uwe Ebbinghaus schrieb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 28. März 2024 bei seinem Besuch des Zisterzienserklosters Neuzelle in Brandenburg: „Man muss nicht gläubig sein, um bei der Betrachtung des fein abgestimmten Sprechgesangs in lateinischer Sprache zu verstehen, dass hier eine rituelle Routine in großer Konzentration stattfindet, durch die etwas in der Welt ins Gleichgewicht gebracht werden soll. Insgesamt sieben Mal erklingen die Choräle des Stundengebets täglich bis 20 Uhr.“ An der Aussage, dass etwas ins Gleichgewicht gebracht werden muss, bin ich hängen geblieben. Denn dies ist eine spirituelle Deutung: Eine Welt, die aus den Fugen geraten ist und ihre innere Mitte verloren hat – was letztlich eine Folge des Glaubensverlustes ist –, braucht ein Gegengewicht, braucht Menschen, die stellvertretend vor Gott stehen und im Gebet für sie eintreten.
Das ist biblisch. Bei der Fürsprache Abrahams für Sodom ging es um nichts Anderes. Aufgrund ihrer schweren Vergehen war diese Stadt reif für das Gericht Gottes. Nach Art eines Orientalen handelte Abraham Gott herunter, bis der ihm schließlich versprach, Sodom zu verschonen, wenn es dort noch zehn Gerechte gibt (Gen 18,16-33). Sodom und Gomorra sowie das ganze Umland wurden jedoch mit Feuer und Schwefel vernichtet, was durch neuere archäologische Untersuchungen in beeindruckender Weise bestätigt wurde. Über mehrere Jahrhunderte gab es dort keine Vegetation mehr aufgrund eines thermischen Großereignisses mit über 5.000 °C, bei dem die Sandoberfläche verglast wurde. Man schätzt, dass 40.000 bis 60.000 Menschen den Tod fanden.
Offensichtlich kann eine große Zahl von Menschen so verdorben sein, dass nicht einmal mehr zehn Gerechte dort vorzufinden sind. Dabei bräuchte es doch nur so wenig Menschen, um ein Gleichgewicht herzustellen! Das ist der Sinn dieser Geschichte. Sie ermutigt uns, unbeirrt am Glauben und am Gebet festzuhalten, mögen die äußeren Umstände noch so widrig und düster sein. Es werden wieder andere und bessere Zeiten kommen.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 12/Dez.2024+1/Jan.2025
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Beitrag zum Heiligen Jahr 2025
Christliche deutschsprachige Märtyrer des 21. Jahrhunderts
Auf Initiative von Papst Franziskus stellte Prälat Prof. Dr. Helmut Moll, der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für das Martyrologium des 20. Jahrhunderts, Nachforschungen an, welche deutschsprachigen Märtyrer im ersten Quartal des 21. Jahrhunderts ihr Leben für Christus hingegeben haben. Die bewusste Erinnerung an die Blutzeugen unserer Tage bildet einen Beitrag zum Heiligen Jahr 2025. Dabei sollten alle christlichen Konfessionen berücksichtigt werden. Prälat Moll konnte 15 Personen aus dem deutschsprachigen Raum ausfindig machen.
Von Helmut Moll
Am 9. Juli 2023 rief Papst Franziskus die Ortskirchen dazu auf, im Hinblick auf das Heilige Jahr 2025 alle christlichen Märtyrer aus dem ersten Viertel dieses Jahrhunderts zu sammeln und aufzugreifen, um sie im Heiligen Jahr 2025 in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu heben. Er bat, „ein Verzeichnis all derer zu erstellen, die ihr Blut vergossen haben, um Christus zu bekennen und sein Evangelium zu bezeugen. Die Märtyrer sind in der Kirche Zeugen jener Hoffnung, die aus dem Glauben an Christus kommt und zur wahren Nächstenliebe drängt.“ Und weiter: „Es geht darum, diese historische Erfassung fortzusetzen, um Lebenszeugnisse bis hin zum Blutvergießen dieser unserer Schwestern und Brüder zu sammeln, damit das Ge-denken an sie als von der christlichen Gemeinschaft gehüteter Schatz hervortreten kann. Die Erforschung beschränkt sich nicht nur auf die katholische Kirche, sondern sie wird sich auf alle christlichen Konfessionen erstrecken.“
Bereits in seiner Neujahrsansprache für das Diplomatische Korps betonte Papst Franziskus am 8. Januar 2024: „Ebenso besorgniserregend ist die Zunahme der Verfolgung und Diskriminierung von Christen, vor allem in den vergangenen zehn Jahren. Dabei geht es […] nicht selten um eine schleichende Marginalisierung und den Ausschluss vom politischen und sozialen Leben und von der Ausübung bestimmter Berufe selbst in traditionell christlichen Gebieten. Insgesamt erfahren mehr als 360 Millionen Christen weltweit ein hohes Maß an Verfolgung und Diskriminierung aufgrund ihres Glaubens, und immer mehr sind gezwungen, aus ihrer Heimat zu fliehen.“
Das Gebetsanliegen von Papst Franziskus für den Monat März 2024 lautete: „Für die neuen Märtyrer: Wir beten, dass diejenigen, die in verschiedenen Teilen der Welt ihr Leben für das Evangelium riskieren, die Kirche mit ihrem Mut und ihrer missionarischen Begeisterung anstecken“. Angesichts einer im 21. Jahrhundert konstatierten krisenhaft geschüttelten Welt, die mitten in kriegerischen Auseinandersetzungen steht, und einer zunehmenden Erosion des christlichen Glaubens auf allen Ebenen muss die Botschaft des Evangeliums von Versöhnung und Frieden umso glaubhafter verkündet werden.
In seiner Verkündigungsbulle Spes non confundit zum Heiligen Jahr 2025 vom 9. Mai 2024 wurde Papst Franziskus im Hinblick auf das Leitwort „Pilger der Hoffnung“ konkreter: „Das glaubwürdigste Zeugnis für diese Hoffnung geben uns die Märtyrer, die in ihrem festen Glauben an den auferstandenen Christus in der Lage waren, sogar auf ihr irdisches Leben zu verzichten, um ihren Herrn nicht zu verraten. Es gibt sie in allen Zeiten, und in unseren Tagen sind sie vielleicht zahlreicher denn je, als Bekenner eines Lebens, das kein Ende kennt. Wir müssen ihr Zeugnis in Ehren halten, um unsere Hoffnung fruchtbar zu machen. Diese Märtyrer, die verschiedenen christlichen Traditionen angehören, sind auch Samen der Einheit, weil sie die Ökumene des Blutes verkörpern. Daher ist es mein sehnlicher Wunsch, dass es in diesem Heiligen Jahr auch eine ökumenische Feier geben wird, sodass der Reichtum des Zeugnisses dieser Märtyrer deutlich wird.“
Schon Papst Johannes Paul II. hatte in seinem Apostolischen Schreiben Tertio millennio adveniente zur Vorbereitung auf das Jubeljahr 2000 vom 10. November 1994 deutlich gemacht: „Das Zeugnis für Christus bis hin zum Blutvergießen ist zum gemeinsamen Erbe von Katholiken, Orthodoxen, Anglikanern und Protestanten geworden, wie schon Paul VI. in der Homilie bei der Heiligsprechung der Märtyrer von Uganda betonte. […] Der Ökumenismus der Heiligen, der Märtyrer, ist vielleicht am überzeugendsten. Die communio sanctorum, Gemeinschaft der Heiligen, spricht mit lauterer Stimme als die Urheber von Spaltungen.“ Die ökumenische Dimension will demnach mit angesprochen werden.
Papst Benedikt XVI. (1927-2022) betonte während der Ansprache an die Vertreter der Evangelischen Kirche Deutschlands im Augustinerkloster in Erfurt am 23. September 2011 angesichts der Herausforderung der säkularisierten Welt wie folgt: „Wie uns die Märtyrer der Nazizeit zueinander geführt und die große erste ökumenische Öffnung bewirkt haben, so ist auch heute der in der säkularisierten Welt von innen gelebte Glaube die stärkste ökumenische Kraft, die uns zueinander führt, der Einheit in dem einen Herrn entgegen.“
Bei seiner Reise auf den afrikanischen Kontinent vom 25. bis 30. November 2015 sah das Programm am 29. November 2015 eine Begegnung mit evangelischen Gemeinschaften in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik vor. Bei dieser Gelegenheit hob Papst Franziskus besonders den Aspekt des gemeinsam getragenen Leides der Christen hervor: „Gott macht keine Unterschiede unter uns Leidenden. Ich habe das oft als die Ökumene des Blutes bezeichnet. Alle unsere Gemeinschaften leiden unterschiedslos unter der Ungerechtigkeit und dem blinden Hass, den der Satan entfesselt.“
Bei der Ökumenischen Gebetsvigil mit den Synodenteilnehmern auf dem Platz der ersten römischen Märtyrer im Vatikan betonte Papst Franziskus am 11. Oktober 2024: „An diesem Ort hier erinnern uns die Protomärtyrer daran, dass heute in vielen Teilen der Welt Christen unterschiedlicher Glaubenstraditionen ihr Leben gemeinsam für den Glauben an Jesus Christus hingeben und damit eine Ökumene des Blutes leben. Ihr Zeugnis ist stärker als jedes Wort, denn die Einheit kommt vom Kreuz des Herrn.“
Die von Papst Franziskus eingesetzte Kommission „Neue Märtyrer – Zeugen des Glaubens“ ist dem Dikasterium für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse angegliedert. Ihr Vorsitzender hat inzwischen allen Bistümern einen Fragebogen zugesandt, damit die infrage kommenden Personen rechtzeitig gemeldet werden können.
Die Deutsche Bischofskonferenz hatte mich im Jahre 1995 dazu bestellt, die Märtyrer und Glaubenszeugen des 20. Jahrhunderts zusammenzustellen, was in dem zweibändigen Hauptwerk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ geschehen ist. Daher lag es nahe, nun auch die Personen aus dem ersten Viertel des 21. Jahrhunderts für den deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz und Südtirol) vorzustellen.
Bei der Suche nach möglichen Namen war mir der missionarische Nachrichtendienst der Agenzia Fides des Dikasteriums für die Evangelisierung der Völker eine unschätzbare Hilfe. Denn das Internationale Katholische Hilfswerk Missio Aachen konnte nichts beitragen. Missio München und Missio Österreich bekundeten, keine entsprechenden Namen aus dem ersten Quartal des 21. Jahrhunderts zu kennen. Die Päpstliche Stiftung Kirche in Not mit Sitz in Königstein (Hessen) und München konnte leider auch wenig beisteuern. Der von ihnen herausgegebene „Kalender der Märtyrer und Zeugen der Liebe“ weist keine deutschsprachigen Personen auf. Größere Unterstützung wurde mir bei dem internationalen überkonfessionellen Hilfswerk für verfolgte Christen Open Doors Deutschland e.V. im hessischen Kelkheim bei Frankfurt sowie bei der Hilfsaktion Märtyrerkirche e.V. im badischen Uhldingen-Mühlhofen zuteil, die mir wertvolle Hinweise auf Personen aus dem protestantischen Raum boten.
Die Aufnahmekriterien für die Katholiken waren dieselben wie für das Martyrologium des 20. Jahrhunderts. Papst Franziskus wollte „mit dieser Initiative […] keine neuen Kriterien für die kanonische Feststellung des Martyriums einführen, sondern die begonnene Erfassung derer fortsetzen, die auch heute immer noch getötet werden, nur weil sie Christen sind.“ Die entscheidenden Kriterien sind die Tatsache des gewaltsamen Todes, das Motiv des Glaubens- und Kirchenhasses bei den Verfolgern und die innere Annahme des Willens Gottes trotz Lebensbedrohung. Überdies musste mit den jeweiligen Generalaten der betreffenden Missionsorden bzw. Diözesen Rücksprache genommen werden, ob sie der Aufnahme ihrer Mitglieder nach bestem Wissen zustimmen konnten. Bei den Protestanten stand die neutestamentliche Basis in Verbindung mit der Confessio Augustana aus dem Jahre 1530 im Mittelpunkt ihrer Definition.
Für den deutschsprachigen Raum konnten auf dieser Grundlage fünfzehn Personen ausgemacht werden, die allein oder in Gemeinschaft mit anderen in Asien, Afrika, Lateinamerika und in Europa durch die Hingabe ihres Lebens den christlichen Glauben bezeugt und die „Ökumene des Blutes“ (Papst Franziskus) haben aufleuchten lassen: Fidei-Donum-Priester Luis Lintner aus Südtirol (Brasilien), Claretinerbruder Anton Probst aus dem Bistum Augsburg (Kamerun), Jesuitenpater Otto Messmer mit deutschen Wurzeln (Russland), Übersetzer Tilmann Geske aus Celle (Türkei), Mariannhiller Missionar Ernst Plöchl aus Niederösterreich (Südafrika), Familie Johannes und Sabine Hentschel aus der Oberlausitz (Jemen), Dolmetscherin Daniela Beyer aus Chemnitz (Afghanistan), die Bibelschülerinnen Rita Stumpp und Anita Grünwald aus Wolfsburg (Jemen), die Mariannhiller Missionsschwester Stefanie Tiefenbacher aus Niederösterreich (Südafrika), die Freikirchliche Katrin Waschk aus Lüneburg (in Lüneburg, Deutschland), die Ärztin Simone Beck aus Baden-Württemberg (Afghanistan) und die Missionarin Beatrice Stöckli aus der Schweiz (Mali).
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 12/Dez.2024+1/Jan.2025
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Bartolomé de Carranza (1503-1576)
Opfer der spanischen Inquisition
Im Zuge der Nachforschungen über die Wirkungsgeschichte des heiligen Märtyrers John Kardinal Fisher (1469-1535) machte sich Studiendirektor Jakob Knab auch mit der als „Carranza-Tragödie“ bekannten Geschichte des berühmten spanischen Dominikaners und Theologen Bartolomé de Carranza (1503-1576) vertraut. In Anerkennung seiner gewaltigen Verdienste um die katholische Kirche in Europa wurde Carranza zum Erzbischof von Toledo, der Primatsstadt des spanischen Reiches, ernannt. Am 13. Oktober 1558 trat er sein Amt an, doch erfolgte im August 1559 seine Verhaftung durch die Inquisition. Die Art, wie er fast 17 Jahre lang verfolgt wurde, sollte ehrlich aufgearbeitet werden. Die Kirche ist reif, seine Geschichte im Licht des Weges der synodalen Umkehr zu reflektieren, den sie nun eingeschlagen hat.
Von Jakob Knab
Persönliche Vorbemerkung
Im Frühjahr 2017 war ich Teilnehmer einer Kulturfahrt, die uns u.a. nach Madrid, Salamanca, Avila und Toledo führte. Zusammen mit einem protestantischen Freund aus Südniedersachsen konnte ich in einer Kapelle der Kathedrale von Toledo den Morgengottesdienst nach dem mozarabischen Ritus in stiller Andacht mitfeiern. Zum Programm der Kulturfahrt gehörte auch eine Besichtigung der Kathedrale von Toledo. Am Ende der Führung ergriff ich die Initiative und würdigte an einer Gedenktafel den ehemaligen Erzbischof Bartolomé de Carranza. Denn nur wenn wir Geschichte deuten, dann gewinnt sie für uns auch Bedeutung. Freilich: Niemand unter den Zuhörern konnte ahnen, warum ich mit Herzblut auf den 2. Mai, sein Sterbedatum AD 1567, hinwies; niemand hatte je von Athanasius dem Großen gehört. Ich widme diesen Aufsatz dem anglikanischen Weggefährten John Edwards, der mich auf Carranza aufmerksam machte. Dieser Gelehrte der Universität Oxford (Queen‘s College) starb im Dezember 2023.
Laufbahn zum profilierten und gefragten Theologen
Bartolomé de Carranza wurde im Jahr 1503 im nordspanischen Ort Miranda de Arga (Navarra) geboren. Ein Jahrhundert der Umwälzungen und Konflikte, der Brüche und der Spaltungen nahm seinen Anfang.[1] Schon früh fühlte sich der hochbegabte Bub zur kirchlichen Frömmigkeit hingezogen. Im jugendlichen Alter von 16 Jahren wurde er bei den Dominikanern (ordo praedicatorum) eingekleidet. Seine Leidenschaft und sein Eifer galten dem Studium der Theologie; in noch jungen Jahren wurde er auf einen Lehrstuhl berufen. Seine Studenten in Valladolid waren erstaunt über seine umfassende Bildung, seine individuelle Ausdruckskraft wie auch seine Überzeugungstreue. Früh nahm sein pastoraler Ansatz Gestalt an, der die vorrangige priesterliche Berufung in der Seelsorge für die Gläubigen und in der Für-sorge für die Armen sah.
Schon in jungen Jahren zeichnete er sich als Professor der Theologie aus. Kaiser Karl V. wurde auf den profilierten Dominikaner aufmerksam. 1546 entsandte er ihn zur ersten Session auf das Konzil von Trient. Dort kam er in Kontakt mit führenden Gottesgelehrten seiner Zeit, u.a. mit Reginald Pole.
Geistlicher Begleiter der englischen Königin Maria Tudor
Carranza begleitete im Jahr 1554 Philipp II., den Enkelsohn von Kaiser Karl V., auf dessen Brautfahrt nach England. Dort traten die englische Königin Maria Tudor und Philipp II. von Spanien am Fest des hl. Jakobus, dem Schutzpatron Spaniens, vor den Traualtar in der Kathedrale von Winchester. Die Ehe wurde vom Lordkanzler und Bischof Stephen Gardiner (Kirche heute 7/ 2021) gesegnet, der mit seinem Gutachten Si sedis illa (1535) die Verhaftung des heiligmäßigen Bischofs John Fisher (Kirche heute 11/2023) gerechtfertigt hatte. Carranza wurde der geistliche Begleiter der Königin Maria Tudor; mit unbedingtem Seeleneifer und Tatkraft setzte er sich für den Wiederaufbau der katholischen Kirche in England ein. Er trug auch die Verantwortung dafür, als die Universitäten in Oxford und Cambridge Visitationen unterzogen wurden. In Fragen der Rechtgläubigkeit konnte er sich auf den Dominikaner Pedro de Soto verlassen.
Als heimlicher Lutheraner verdächtigt und verhaftet
Im Juli 1557 verließ Carranza England und begab sich nach Flandern, wo der spanische König weilte. Die dortige Universität Löwen genoss einen hervorragenden Ruf. Indes: Spanische Studenten erwarben dort protestantische Schriften, um sie nach Spanien einzuschleusen. Diesen Bücherschmuggel wollte Carranza unterbinden.
Auch als Anerkennung dafür, reformatorische Bestrebungen in den spanischen Herrschaftsgebieten in den Niederlanden einzudämmen, wurde Carranza das Erzbistum Toledo, das reichste Stift des Königreichs Spanien, anvertraut. Ehe er freilich sein Amt als Erzbischof von Toledo antreten konnte, wurde er zum sterbenden Kaiser Karl V. in das Kloster von Yuste (San Jerónimo de Yuste) gerufen. Der Kaiser hatte bereits die Sterbesakramente empfangen. Carranza betete den Psalm De profundis und hielt jenes Kruzifix hoch, mit dessen Anblick auch Königin Isabella die Katholische gestorben war. Kaiser Karl V. starb am 21. September 1558. Heute ist es nicht nachvollziehbar, warum die letzten Trostworte Anlass zur Anklage gaben, Carranza habe damit die protestantische Lehre der Rechtfertigung zum Ausdruck gebracht. Zudem wollte man in seinem Kommentar zum Katechismus [Comentarios sobre el catechismo christiano, Antwerpen 1558] reformatorische Lehrsätze finden.
Ein Jahr später wurde Carranza verhaftet; er bekreuzigte sich und begab sich in Haft. Langwierige Untersuchungen begannen. Zum Verhängnis wurde ihm auch der Umstand, dass in seinen theologischen Kommentaren eine auffallend genaue Kenntnis von Luthers Schriften erkennbar war. So wurde er als heimlicher Lutheraner verdächtigt. Carranza verbarg auch nicht sein persönliches Wohlwollen für den gemäßigten Reformator Philipp Melanchthon. Das Verbot der Bibelübersetzung wurde unerbittlich umgesetzt. Wer eine andere Auffassung vertrat, musste mit Konsequenzen rechnen.
Denn Bartolomé de Carranza, Erzbischof von Toledo und Teilnehmer des Konzils von Trient, hatte angeregt, die vier Evangelien und die Briefe des Apostels Paulus in die Volkssprache zu übersetzen. Diese Anregung wurde vom Inquisitor Melchior Cano als „unklug und gefährlich“ eingestuft. „Wenn nämlich der Ruf des Geheimnishaften“, so der Dominikaner Cano, „der mit dem Lateinischen beim Volk verbunden werde, verschwinde, ginge auch der Einfluss des Klerus verloren.“
Verurteilung durch die Inquisition und jahrelanger Spießrutenlauf
Vor dem Tribunal der spanischen Inquisition verteidigte sich Carranza auch damit, dass er unter der englischen Königin Maria Tudor (1553-1558) die unbedingte Rekatholisierung Englands „mit Eifer“ vorangetrieben habe. In den Jahren in England war Carranza nicht zufrieden mit Kardinal Reginald Pole, der nach seiner Auffassung im Umgang mit den „Häretikern“ zu sanft war. Carranza unterstützte die katholische Königin Maria Tudor (Kirche heute 7/2021) in ihrem unerbittlichen Vorgehen gegen Thomas Cranmer, den anglikanischen Erzbischof von Canterbury. Indes: Stellen aus Büchern von Reformatoren, die Carranza notiert hatte, um sie zu widerlegen, galten als verdächtige Dokumente. In dieser Tragödie erhob der heute noch namhafte Dominikaner Bartolomé de las Casas (1484-1566) seine Stimme für seinen Mitbruder.
Mittlerweile starb Papst Paul IV.; ihm folgte Pius IV. Das Konzil kam zu der Überzeugung, Carranzas Kommentar sei gut katholisch und wert, von allen Frommen gelesen und beherzigt zu werden. Carranza freilich blieb in strenger Haft in Valladolid.
Papst Pius IV starb, ihm folgte Pius V. Nach acht Jahren in einer engen Zelle wurde Carranza nach Rom überstellt. Er lebte nun abgeschottet in der Engelsburg. Nach weiteren fünf Jahren gelangte das Gericht zum Urteil, Carranza sei nicht der Ketzerei schuldig. Bevor jedoch das Urteil mit dem Freispruch verkündet wurde, traf die Nachricht ein, Papst Pius V. sei tot.
Sein Nachfolger Gregor XIII. wusste um den Freispruch. Er teilte dem spanischen König Philipp mit: „Wir bedauern“, schrieb er, „dass Wir diesen durch Wandel, Gelehrsamkeit und Wohltun ausgezeichneten Mann haben verurteilen müssen und dass Wir nicht, wie Wir gehofft hatten, ihn haben freisprechen können.“
Freispruch wenige Tage vor seinem heiligmäßigen Tod
Carranza unterzog sich der ihm auferlegten geistlichen Buße; er kniete nieder und betete in den sieben Hauptkirchen Roms. Er verspürte heftige Schmerzen. Er bekannte seine Sünden und empfing die Absolution. Vor dem Empfang der Letzten Wegzehrung verzieh er allen, die in den Prozessen gegen ihn aufgetreten waren. Seine letzte Bitte richtete sich an die göttliche Barmherzigkeit. Nur wenige Tage nach seiner Freilassung starb er am 2. Mai 1576 in Rom. Dies war ein Fingerzeig der göttlichen Vorsehung; denn es war der Gedenktag des heiligen Athanasius, dem Bischof von Alexandria, dem standhaften Bekenner gegen den Erzhäretiker Arius und dem Kirchenlehrer der Rechtgläubigkeit.
Bartolomé de Carranza wurde in der römischen Dominikanerkirche Santa Maria sopra Minerva beigesetzt und erhielt die ehrende Grabinschrift: Bartholomaeo Caranza Nauarro, Dominicano, Archiepiscopo Toletano, Hispaniarum Primati, Viro genere, vita, doctrina, Conuersatione, atque eleemosynis claro, Magnis muneribus à Carolo V. Et Philippo Rege Catholico, sibi commiss[is] egregiè functo, Animo in prosperis modesto, Et aduersis aequo. [Dem Bartholomaeus Carranza, Navarrer, Dominikaner, Erzbischof von Toledo, Primas der spanischen Länder, einem Mann, berühmt durch Abstammung, Lebensführung, Lehre, Umgangsformen und Almosen, der die hohen Ämter, die ihm Karl V. und Philipp, der katholische König, übertrugen, hervorragend ausübte, maßvoll in guten Zeiten und gleichmütig in Widrigkeiten.]
Vor nunmehr drei Jahrzehnten, im Jahr 1993, wurden seine sterblichen Überreste aus der römischen Dominikanerkirche Santa Maria sopra Minerva in die Kathedrale von Toledo überführt.
Pedro de Soto (* 1500 in Salamanca; † 1563 in Trient). Seine Hauptarbeit bestand darin, die katholische Erneuerung voranzutreiben. Dabei war er 1548 maßgeblich an der Abfassung des Interims beim Reichstag zu Augsburg beteiligt. Ein Jahr später wurde er vom Fürstbischof Otto von Waldburg mit der Gründung der Universität Dillingen beauftragt. Als Gründungs-rektor konnte er in Dillingen wichtige theologische Werke wie seinen deutschen und lateinischen Katechismus von 1549 veröffentlichen. Im Jahr 1553 lernte er in Dillingen Reginald Pole kennen, der ihn dann zur Gegenreformation unter Königin Maria Tudor nach England holte. Vorübergehend lehrte Pedro de Soto als Professor an der Universität Oxford (Magdalen College).
[1] Weiterführend Lion Feuchtwanger: Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis, Berlin 1961. In diesem Roman wird Carranza ein ganzes Kapitel (Zweiter Teil, Kapitel 6) gewidmet. – Hubert Jedin: Die Carranzatragödie in neuer Beleuchtung; in: Lorenz Hein (Hg.): Die Einheit der Kirche. Dimensionen ihrer Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität, Wiesbaden 1977, 255-270. – John Edwards: Mary I. England‘s Catholic Queen, Yale University Press 2011.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 12/Dez.2024+1/Jan.2025
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Der erste heilige „Millennial“
Carlo Acutis
Der Heiligsprechung des italienischen Jugendlichen Carlo Acutis steht nichts mehr im Weg. Dennoch wurde er nicht in der Zeremonie am 20. Oktober 2024 einbezogen, in der Papst Franziskus 14 Selige ins Verzeichnis der Heiligen aufgenommen hat, nämlich die elf Märtyrer von Damaskus und drei Ordensgründer. Carlo Acutis sollte in dieser edlen Schar nicht untergehen. Seine Heiligsprechung wird voraussichtlich einen Höhepunkt im Heiligen Jahr 2025 bilden. Die Kirche möchte seine Ausstrahlungskraft besonders in ihrer pastoralen Fürsorge um die jungen Menschen zur Geltung bringen. Inspiriert durch einen Vortrag von Pfr. Tobias Brantl, dem Geistlichen Leiter der „Freunde Carlo Acutis“, in Radio Horeb am 19. September 2024 stellt Klaus-Hermann Rössler diesen ersten heiligen „Millennial“ im Licht des hl. Maximilian Kolbe (1894-1941) vor. Dabei geht er der Frage nach, worin Heiligkeit besteht und ob man von einer Art „Wissenschaft der Heiligen“ sprechen könnte.
Von Klaus-Hermann Rössler
Heiligkeit – Nähe zu Gott
Heilig sein – wie das wohl gehen mag? Die sehnsuchtsvolle Frage ist von Suchenden aller Generationen und sicher auch Kulturen gestellt worden. Blaise Pascal sagte: „Es gibt nur zwei Arten von Menschen, die man vernünftig nennen kann: die, die Gott von ganzem Herzen lieben, weil sie ihn kennen, und die, die ihn von ganzem Herzen suchen, weil sie ihn nicht kennen.“
Der ganzheitliche, heile Mensch ist derjenige, bei dem die heilsame Einheit von Vernunft und Liebe die große Nähe Gottes zu ihm anzeigen – ein Ziel, das in der Tat wohl das tiefste menschliche Verlangen erhellt.
Die weite zeitliche und alltagskulturelle Entfernung, mit der uns zahlreiche Heilige im Kultus der Kirche entgegentreten, und ihr oft nach modernen Maßstäben befremdliches Handeln führen zu einer modernen Schwierigkeit, über das Vorbild der Heiligen den Weg zur Quelle der Heiligkeit, zu Gott, zu finden. Vor allem in Predigten wird dies beklagt. Oft hat man da-her – als gewisse Gegenstrategie – versucht, die Heiligen zu verkannten Helden des jeweiligen Zeitgeistes zu erklären, aber vergebens. Hängt dies vielleicht mit einer besonders entwickelten Erkenntnis Gottes und Selbsterkenntnis der Heiligen auf der Grundlage des Glaubens, wie ihn die Kirche lehrt, zusammen? Schauen nach der Seligpreisung der Bergpredigt nicht diejenigen Gott, die reinen Herzens sind? Gibt es also so etwas wie eine „Wissenschaft der Heiligen“, in die wir alle eingeführt werden können, ja müssen?
Carlo Acutis – „Influencer Gottes“
Wahrscheinlich im Verlauf des Heiligen Jahres 2025 steht die Heiligsprechung des seligen Carlo Acutis an. Mit ihm wird zum ersten Mal ein sogenannter „Millennial“ zur Ehre der Altä-re erhoben, also ein Angehöriger der Generation, die um die Jahrtausendwende geboren worden ist. Carlo Acutis (1991-2006), in London geboren und in Mailand aufgewachsen, stammte aus einem wenig den Glauben praktizierenden Elternhaus, zeigte aber schon früh eine tiefe Hingabe an Jesus Christus, insbesondere in der Eucharistie, die er als seinen „Weg zum Himmel“ bezeichnete.
Im Alter von sieben Jahren empfing er seine erste heilige Kommunion und bemühte sich seit-dem, täglich die heilige Messe zu besuchen; er verbrachte viel Zeit mit der eucharistischen Anbetung, und betete den Rosenkranz. Im Jugendalter engagierte er sich als Gemeindekatechet, wobei er auch selbst erstelltes digitales Lehrmaterial einsetzte, und als ehrenamtlicher Helfer bei karitativen Aufgaben. Carlo war bekannt für seine überdurchschnittlichen Computerkenntnisse und erstellte eine Website mit über 136 eucharistischen Wundern, die zu einem unverzichtbaren Nachschlagewerk geworden ist. Noch 2006 initiierte er ein Online-Verzeichnis von kirchlich anerkannten Marienerscheinungen. Seine Mutter wurde von Carlo inspiriert und vertiefte ihre eigene Glaubenspraxis. Carlo Acutis starb 2006 mit 15 Jahren plötzlich an Leukämie und wurde in Assisi beigesetzt. Er wurde dort am 10. Oktober 2020 in der Basilika des hl. Franz seliggesprochen. In einem Dekret vom 23. Mai 2024 hat Papst Franziskus ein zweites Wunder auf die Fürsprache des italienischen Jugendlichen hin anerkannt und damit den Weg für seine Heiligsprechung geebnet. Er wird als „Patron der digitalen Welt“ und als „Influencer Gottes“ charakterisiert und wegen seiner liebevollen Jugendlichkeit verehrt.
Gelebte Identität und Originalität
Am Lebenszeugnis von Carlo ließen sich viele Bereiche betrachten, die auch das Leben des gewöhnlichen Christen aufbauen und stärken können. Sie geben einen Hinweis darauf, worin die „Wissenschaft der Heiligen“ besteht. Carlos Originalität, Einzigartigkeit, seine gelebte Identität hat die Herzen seiner Mitmenschen erreicht und bewegt. In seiner Einmaligkeit hat er die Menschen begeistert, hat er Liebe verströmt.
Gerade die späte Moderne, in der wir leben, braucht Menschen, die uns helfen, das Geschenk unserer je eigenen Persönlichkeit und Berufung zu entdecken und zu lieben. Im Psalm 139 heißt es: „Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine Werke“ (Ps 139,14). Wir sind einzigartig gemacht, jede Einzelne und jeder Einzelne von uns. Und jeder von uns hat seinen ganz eigenen Ruf von Gott und einen ganz eigenen Platz, an den Gott ihn berufen hat. Wie sehr zweifeln wir Menschen daran, oder haben das überhaupt nicht im Blick, weil wir Gott nicht suchen, ihn nie erfahren haben.
Im Licht des hl. Maximilian Kolbe
Der hl. Maximilian Kolbe sagte 1939: „Beim Streben nach Heiligung kann der Mensch von niemandem ersetzt werden. Ein anderer kann uns lediglich unterstützen. Wir sind jederzeit die Autoren unserer eigenen Ewigkeit.“ Und: „Im Sterben brauchen wir keine Wissenschaft und keine großen Taten, sondern die Heiligung der Seele.“ Genau in diesem Sinne können wir das Leben und das Zeugnis von Carlo als wunderbaren Kommentar zum Evangelium betrachten.
Dazu sei gesagt, dass Einzigartigkeit nicht bedeutet, dass ich mit meinem Anders sein andere Menschen belasten darf oder egoman leben soll. Nein, es bedeutet zu begreifen, dass Gott jeden Einzelnen und jede Einzelne liebt. Carlo hat dieses Zeugnis der Identität zum Segen für viele gelebt. Dadurch kann uns bewusst werden, dass wir alle berufen sind, mit unserer je eigenen Person und Einzigartigkeit ein Segen für andere zu sein. Vielen fällt es vielleicht schwer, die Einmaligkeit, die uns von Gott gegeben ist, bewusst zu leben. Carlo wiederholte immer wieder, dass jeder Mensch das Abbild Gottes in sich trägt. Nicht von ungefähr erinnerte er sich immer: „Unter den Fingerabdrücken gibt es keine zwei, die sich gleichen.“ Damit darfst Du auch anders sein als die Masse, die Dir einen Stempel aufdrücken will, wie Du sein sollst. Woher hatte Carlo diese Worte, die er bis zur Erschöpfung auszusprechen pflegte: „Alle Menschen sind Gottes Geschöpfe. Wir sind alle von Gott geliebt, und niemand ist ausgeschlossen.“
Das Leben als unmittelbarer persönlicher Weg zum Erlöser
In der Betrachtung seiner selbst, in der Auseinandersetzung mit seinem eigenen Leben muss Carlo eine tiefe Erkenntnis Gottes erfahren haben. Gott hat sich Carlo zu erkennen gegeben. „Ich bin der ich bin da“, sagt Gott zu Mose am brennenden Dornbusch. Jesus sagt: „Ich bin es“. Er ist die vollkommene Liebe. Gottes Identität (Erkenntnis über sich selbst) ist vollkommen. Im Gegensatz zu uns selbst, dem eigenen persönlichen Selbstbild, das unvollkommen ist. Also geht es darum, mit Jesus, in der Beziehung mit ihm, im Leben mit ihm, in den Sakramenten, den Weg, die Wahrheit und das Leben zu formen bzw. formen zu lassen in unserer Einmaligkeit von Gott her.
Deshalb sagt Carlo: „Unser Dasein auf dem Planeten Erde hat eine Bedeutung, einen Sinn. Es ist sinnvoll, wenn man es als unmittelbaren persönlichen Weg zum Erlöser versteht. Also, unser Problem, mein und dein Problem ist folgendes: Wir müssen diese Begegnung beschleunigen, verwirklichen, konkretisieren.“ „Ein jeder Tag sollte uns einen größeren Grad der Liebe schenken“, schrieb Pater Kolbe 1939.
Eucharistie – Teilhabe an der Fülle des Reiches Gottes
Die Einzigartigkeit von Carlos Leben zeigt uns so wunderbar, mit welcher Intensität und Klarheit dieser Jugendliche das fleischgewordene Wort Gottes entdeckt und aufgenommen hat. In besonderem Maße galt dies für die Hl. Eucharistie. „Die Eucharistie ist meine Auto-bahn in den Himmel“ sagte Carlo. „Wenn Engel den Menschen um etwas beneiden könnten, dann aus einem Grund: die Heilige Kommunion“, sagte Pater Maximilian Kolbe.
Jesus hat in seiner Liebe am Kreuz einen jeden von uns im Blick. „In ihm sind wir erwählt, heilig und untadelig zu leben...“ Wir sind berufen mit IHM zu SEIN. Wir sind als Abbild Gottes erwählt. Von Anfang an sind wir erschaffen, um mit Gott zusammenzuleben und mit unseren Mitmenschen und darin an der Fülle des Reiches Gottes Anteil zu haben. Das ist unsere christliche Identität, unser Anhaltspunkt, um zu sein. Gott sagt uns in Jesus Christus, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen. Nur durch und mit Gott können wir uns selber erkennen und verstehen als Menschen auf dieser Erde. Wie Jesus sein, Kind des Vaters. Das ist unser volles Potential. An uns liegt es, Ja oder Nein zu sagen. Der Selige Carlo Acutis hat „Ja“ gesagt.
Anwalt der Armen und Friedensstifter
Carlo widmete anderen Menschen sehr viel Zeit. Schlechte Laune verging in seiner Nähe. Er war sehr bescheiden. Viele Zeugnisse bestätigen seine große Offenheit gegenüber anderen Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft oder Religion. Eine Hausmeisterin sagte: „Er diskutierte, mit großer Reife, mit jenen, die nicht mit ihm übereinstimmten, ohne jemals den Respekt und seine entwaffnende Lebensfreude aufzugeben, die wirklich ansteckend war.“ Eine Lehrerin, die Carlo während der Grundschulzeit betreute und wie eine zweite Mutter für ihn war, sagte: „Beim Aufwachsen zeigte sich ein sehr gutes inneres Wesen, da er immer allen helfen wollte, die Hilfe benötigten. Ich bemerkte, dass seine Gutherzigkeit nicht zur Schau gestellt war, im Gegenteil […] Er war bei seinen Mitschülern sehr beliebt und immer gesucht: Manchmal fungierte er als Friedensstifter bei Auseinandersetzungen, […] dieser Einsatz gelang ihm hervorragend.“ Carlo half den Ärmsten, den weniger Begünstigten. Er versuchte außerdem, einige Missionare zu unterstützen.
Ein großes Vorbild, der heilige Franziskus, half ihm sehr konkret, sein Leben in den Augen Gottes tiefer zu verstehen. Er bewunderte die große Demut des Heiligen Franz und versuchte sie nachzuahmen. Nicht umsonst ruhen seine sterblichen Überreste im „Heiligtum der Entkleidung“ (St. Maria Maggiore), in Assisi, dort wo der hl. Franz von Assisi seine vornehmen Kleider als Zeichen der totalen Selbstverleugnung ausgezogen und seinen Verzicht auf irdischen Reichtum sichtbar gemacht hat, um dem Herrn zu folgen.
Freude und vollkommene Hingabe auch im Sterben
Carlo hat Jesus so stark verinnerlicht, um aus ihm zu leben. Es war ihm die größte Freude aus dem Glauben, Jesus sein Herz zu schenken. Darum hatte er eine so große geistliche Kraft und konnte mit Freude und großer Hingabe den Weg des Sterbens gehen.
Das Zweite Vatikanische Konzil sagt in Gaudium et spes: „Ja, wenn der Herr Jesus zum Vater betet, ‚dass alle eins seien ... wie auch wir eins sind‘ (Joh 17,20-22), und damit Horizonte auf-reißt, die der menschlichen Vernunft unerreichbar sind, legt er eine gewisse Ähnlichkeit nahe zwischen der Einheit der göttlichen Personen und der Einheit der Kinder Gottes in der Wahrheit und der Liebe. Dieser Vergleich macht offenbar, dass der Mensch, der auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur ist, sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden kann“ (GS 24,3).
Wir können also sagen: Je mehr wir uns hingeben, desto mehr finden wir uns. Vielleicht ist das ja die Wissenschaft der Heiligen? Vielleicht stimmen deshalb der junge heilige Millennial und der heroische Heilige des 20. Jahrhunderts, Pater Kolbe – wie schon die angeführten Zitate zeigen –, in so vielem überein trotz ihres jeweiligen Lebenslaufs, der unterschiedlicher kaum sein könnte: im festen Vertrauen auf Jesus Christus und Seine durch Ihn geheiligte Kirche, in der tiefen eucharistischen und marianischen Frömmigkeit, in der Verehrung eines großen Heiligen, in der Freude an Gott auch im Leiden...
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 12/Dez.2024+1/Jan.2025
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Magdalena Gornik: „Für den Himmel muss man leiden“
Auf den blicken, den sie durchbohrt haben
Die Geschichte des Landes Tirol ist auf einzigartige Weise von der Verehrung des Herzens Jesu geprägt. Am 1. Juni 1796 schlossen die Tiroler einen Bund mit dem göttlichen Erlöserherzen. 1570 hatte Erzherzogin Magdalena, die Tochter Ferdinands I., in Hall bei Innsbruck ein Damenstift begründet. Beraten wurde sie dabei vom hl. Petrus Canisius. Doch 1783 löste Joseph II. das Stift auf und ließ die Herz-Jesu-Basilika schließen. Erst 1912 rief Franz Ferdinand, der 1914 in Sarajewo ermordete Thronfolger, das Damenstift wieder ins Leben und siedelte die Kongregation der „Töchter des Heiligsten Herzens“ an. Bis heute versehen die Schwestern den Dienst der immerwährenden eucharistischen Anbetung. Seit 2001 wird jedes Jahr Ende August die große Herz-Jesu-Wallfahrt durchgeführt. Am 24. August 2024 hielt der slowenische Dogmatikprofessor Dr. Anton Štrukelj (geb. 1952) im Rahmen dieser Wallfahrt die Predigt. Nachfolgend leicht bearbeitet.
Von Anton Štrukelj
Wir schulden der Göttlichen Liebe Sühne und Genugtuung
Die Herz-Jesu-Basilika in Hall in Tirol ist wirklich ein Haus des Gebets, ein Ort der ständigen Anbetung des Allerheiligsten und der Herz-Jesu-Verehrung. Die Schwestern der Kongregation der „Töchter des Herzens Jesu“ beten hier unaufhörlich und stellvertretend den Heiland an. Die erhabene Darstellung Jesu Christi mit ausgestreckten Händen lässt uns seine Einladung vernehmen: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“ (Mt 11,28-30).
Es gibt zwei Hauptformen der Herz-Jesu-Verehrung: die Weihe an das Allerheiligste Herz des Erlösers und die Genugtuung. Christus selber „weiht sich“, das heißt, er „opfert sich“ dem Vater, damit auch wir in der Wahrheit geheiligt werden. Christus hat uns durch sein Blut am Kreuz reingewaschen und geheiligt. Aber auch wir müssen Sühne und Genugtuung leisten für die eignen Sünden und für die Verfehlungen der Mitmenschen. Wie oft wird Gott, der Herr, verhöhnt und beleidigt! „Gotteslästerung widerspricht der Ehrfurcht, die man Gott und seinem heiligen Namen schuldet. Gotteslästerung ist in sich eine schwere Sünde“ (KKK 2148).
Ein gläubiger Mensch muss sich fragen, wie es Joseph Kardinal Ratzinger einmal ausgedrückt hat: „Wie gehe ich mit dem heiligen Namen Gottes um? Stehe ich in Ehrfurcht vor dem Geheimnis des brennenden Dornbuschs, vor der unbegreiflichen Weise seiner Nähe bis zur Gegenwart in der Eucharistie, in der er sich wirklich ganz in unsere Hände gibt? Sorge ich mich darum, dass das heilige Mitsein Gottes mit uns nicht Ihn herabzieht in den Schmutz, sondern uns hinaufzieht in seine Reinheit und Heiligkeit?“
Im Herzen Gottes flammt sein Erbarmen auf
Der Prophet Hosea schildert uns die Liebe Gottes zu seinem „Sohn“ Israel (11,1-9). Gott will uns mit den Ketten der Liebe zu sich ziehen und an sich binden. Es ist die Liebe, die sich in jeder Art von Zärtlichkeit äußert. Wie die Eltern das kleine Kind an ihre Wangen heben, es auf die Arme nehmen, ihm zu essen geben, wie sie später dem Kind die ersten Schritte bei-bringen, so hat sich Gott mit seinem erwählten Sohn abgegeben. Aber wie Eltern dafür oft keine Dankbarkeit ernten, so erfährt auch Gott von seinem Kind Undank. Er hat es „mit menschlichen Fesseln an sich gezogen, mit Ketten der Liebe“, aber gerade diese Fesseln und Ketten reizen den Sohn, sich loszuwinden und selbstständig zu machen: nicht von menschlichen Eltern, sondern von Gott, von der Liebe überhaupt. Und nun: Was wird Gott dabei er-fahren? Er, der das Kind in „Ketten der Liebe“ schlagen wollte, findet sich selbst von Ketten gefesselt, weil er nicht nur Liebe hat, sondern die Liebe ist. Wie oft hat Israel den Bund gebrochen! Gott leidet unter den falschen Liebschaften Israels.
Und dann kommt die Wende: „Mein Herz kehrt sich um in mir, mein Erbarmen flammt auf; ich will meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken, Ephraim nicht mehr verlassen. Denn Gott bin ich und nicht ein Mensch, in deiner Mitte der Heilige“ (11,8-9). Was hier aufflammt als Liebe jenseits des Zorns und sich auf die Göttlichkeit Gottes, auf seine Absolutheit bezieht, das offenbart die Herrlichkeit Gottes in einer neuen, unfasslichen Tiefe. Ein Unternehmen Gottes nimmt hier seinen Anfang, das vor Golgotha nicht mehr zur Ruhe kommen wird! Die Durchbohrung der Seite Jesu ist der letzte Beweis für die unendliche Liebe Gottes. Das geöffnete Herz Jesu ist das Letzte, was Gott von sich hergeben kann. Die Wunde bleibt ewig offen, noch am Ende der Welt werden „sie auf den blicken, den sie durchbohrt haben“.
Die slowenische Mystikerin und Dulderin Magdalena Gornik
Auch wir wollen auf den Durchborten schauen und aus den Quellen des Heils freudig das lebensspendende Wasser schöpfen. Auf unserem Pilgerweg des Glaubens unterstützten uns viele vorbildliche Christen, die Heiligen. Ich möchte kurz auf die Dienerin Gottes Magdalena Gornik (1835-1896), eine slowenische Mystikerin,[1] eingehen. Sie lebte im 19. Jahrhundert und sagte selber voraus, sie werde nach sechs Generationen wiederkommen und Wunder wirken. Vor zwei Jahren wurde der Seligsprechungsprozess auf diözesaner Ebene offiziell eröffnet.
Magdalena Gornik erblickte das Licht der Welt in Slowenien am 19. Juli 1835. Sie starb am 23. Februar 1896. In ihrem Leben sind viele mystische Phänomene urkundlich nachgewiesen: Ekstasen, Visionen, die Stigmata, der Schwebezustand und andere Charismen. Sie empfing die mystische Kommunion und lebte 47 Jahre ohne jegliche irdische Speise.
Zuerst ein Wort zu den mystischen Phänomenen und dann zu ihrer Botschaft für uns.
Die Ekstase: Die Verzückung war das häufigste mystische Phänomen im Leben der Dulderin.
Die Visionen: Magdalena hatte bis zum Tod Visionen. Sie schaute und redete mit der Mutter Gottes, mit dem Heiland, mit den Engeln und einigen Heiligen. Die häufigste Schauung in ihrem Leben war die Passion Jesu. Einen Teil seines Leidens durfte auch sie miterleben, miter-fahren. Ihre Visionen waren mit lauten Ermahnungen an die Anwesenden zu Bekehrung und Buße verbunden. Ihre Prophezeiungen erfüllten sich buchstäblich.
Die Stigmen: Das Außergewöhnliche, das Magdalena zur Erfüllung ihrer Mission zu ertragen hatte, waren die Stigmen, „die Wunden“. Sie erhielt die Wundmale als 13-Jährige und trug sie teils bis zum Ende ihres Lebens. Das waren sehr schmerzende und blutende Wunden an Hän-den und Füßen, an der Seite, am Kopf (Wunden der Dornenkrone), an der Schulter (vom Tra-gen des Kreuzes) sowie am ganzen Körper (Geißelung). In der Karwoche öffneten sich alle Stigmen an ihrem Leib.
Ihre starke Botschaft spiegelt die himmlische Schönheit wider
Was will uns der Himmel durch die Stimme dieser einfachen, begnadeten Frau sagen? Ihre Botschaft erinnert uns an die ernsten Wahrheiten des Evangeliums, denn das Christentum ist kein versüßtes Wasser. Es ruft zur ständigen Umkehr auf, zur Buße, zum Gebet und zu den drei göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe.
Die mystischen Phänomene als solche sind nicht entscheidend, sondern die Botschaft, die vermittelt wird. Auf mystische Weise wurde der Dulderin Magdalena eine Fülle an Offenbarungen zuteil, die uns im Glauben festigen und zu Gott führen möchten. Daraus kann man folgende vier Aspekte hervorheben:
Erstens Maria als Mittlerin aller Gnaden. Die Muttergottes war im Leben Magdalenas stets präsent. Schon bei der ersten Erscheinung machte sie das 11-jährige Mädchen mit dem leidenden Christus bekannt und lud sie ein, mit ihm die Leiden auf sich zu nehmen, als Sühne für die Sünden, mit denen die Menschen Gott beleidigen.
Ein zweiter Aspekt ist die Eucharistie, die für Magdalena die „Sonne ihres Lebens“ war. Mit großem Eifer verehrte sie Jesus im Allerheiligsten Sakrament. Als seine Braut teilte sie mit ihm auch sein Leiden.
Als dritter Punkt ist das stellvertretende Leiden zu nennen, das bei Magdalena Gornik zutiefst mit der marianischen Frömmigkeit und der eucharistischen Verehrung verbunden war.
Viertens der Aufruf zur Umkehr, der ein wichtiger Aspekt des Evangeliums ist. Denn die wesentliche Botschaft, die Gott durch Magdalena Gornik den Menschen geben wollte, besteht in der Sorge um das ewige Heil. Magdalena ermutigte die Leute zu einer verantwortlichen Lebensführung. Sie sprach vom Himmel, aber ebenso von der Hölle, von Tod, Fegfeuer und Ge-richt. Magdalena betonte oft: „Für den Himmel muss man leiden.“
In diesem Sinn sagte Papst Benedikt XVI.: „Die sogenannten letzten Dinge sind ein hartes Brot für die Menschen von heute. Sie erscheinen ihnen irreal. Sie möchten stattdessen konkrete Antworten für jetzt, für die Drangsale des Alltags. Aber diese Antworten bleiben halb, wenn sie nicht auch verspüren und erkennen lassen, dass sie über dieses materielle Leben hin-ausreichen, dass es das Gericht gibt, und dass es die Gnade gibt und die Ewigkeit... Wenn die Kirche nicht das ewige Leben verkündet, ist sie nur ein Klumpen Erde, sie ist unnütz.“
Die frische und starke Botschaft Magdalenas spiegelt eine himmlische Schönheit wider. Möge der Herr, der sanftmütig und von Herzen demütig ist, sein heiliges Antlitz auch in unsere Seele einprägen!
[1] Anton Štrukelj: Magdalena Gornik. Eine slowenische Mystikerin (1835-1896), Fe-Medien, Kisslegg 2024, 84 S., A6, geheftet, ISBN/EAN: 978-3-7171-1373-7; € 3,50; Hotline +49 (0) 7563 608 998 0 – www.fe-medien.de
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 12/Dez.2024+1/Jan.2025
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
Nicht immer zum Vergnügen der geistlichen Herren
Kinder bringen es auf den Punkt
Mit 95 Jahren hat Pastor Winfried Henze aus dem Bistum Hildesheim, geb. am 17. Juni 1929, ein humorvolles Büchlein herausgebracht. Es trägt den Titel „Lob der Kalkleiste – und allerlei zum Schmunzeln über ihre Träger. Dazu einiges, was einem beim Nachdenken über längst vergangene Zeiten so alles einfallen kann“. „Kalkleiste“ sei eine „liebevoll-spöttelnde Bezeichnung des römischen Priesterkragens“. Auf 80 Seiten hat Pastor Henze, der am 18. Juli dieses Jahres sein 70. Priesterjubiläum feiern konnte, Anekdoten und Erzählungen zusammengestellt, die wirklich so passiert sind.
Von Winfried Henze
Wenn‘s gar zu feierlich wird mit dem Klerus, sorgen Kinder zuweilen für die unerwartete Korrektur. Lasst mich erzählen.
Robert Marheineke war als Pfarrer von St. Paulus zu Göttingen genau der richtige Mann. In der ganz überwiegend protestantischen Stadt mit der weltberühmten Universität war er nicht nur der Seelsorger seiner Diasporagemeinde, er sah auch die Aufgabe, gute Kontakte mit der evangelisch-lutherischen Kirche zu pflegen und unter den Gelehrten und Spektabilitäten der Georgia Augusta ein wenig als örtlicher Repräsentant der katholischen Weltkirche zu erscheinen, mit Würde, versteht sich. Er war ein Herr und liebte Feierlichkeit, nicht zuletzt auch beim Gottesdienst, den er gern in der Form des „dreispännigen“ Levitenamtes vollzog, zuweilen mit viel Weihrauch und mit einer vorzüglich von seinem Gemeindechor intonierten Messe von Giovanni Luigi da Palestrina. Manchen in der Gemeinde war das allerdings eine Spur zu viel Feierlichkeit und die hatten ihm den Spitznamen verpasst „Unser Fürstdechant“.
Der in der Mitte?
Ausgerechnet in einem solchen Festgottesdienst soll ein Kind, noch keine vier Jahre alt, unru-hig und zappelig geworden sein, sodass die Mutter schließlich, als es zur Wandlung ganz still geworden war in der Kirche, ihr Kind vielleicht ein bisschen zu laut mahnte: „Nun sei mal ein bisschen artig! Hier in der Kirche ist der liebe Gott!“ Darauf der Dreikäsehoch, ebenfalls ein paar Bänke weit noch gut zu hören: „Mama, ist das der in der Mitte?“
Ein andermal ereilte es den ökumenisch eingestellten Dechanten bei der Kinderkatechese. Er hatte das Evangelium von der Heilung der zehn Aussätzigen vorgelesen und fragte nun die Kinder: „Warum kam denn nur einer zurück, um Jesus zu danken?“ Erst gab es eine Weile Schweigen, dann zeigte ein Zweitklässler auf und rief fröhlich: „Herr Dechant, die anderen waren alle evangelisch!“
Fietjes Enthüllung
Die Tücke der Kinderkatechese musste auch der Pfarrer Bernward Neisen erleben. Er war ganz und gar ein Mann des Volkes, neigte nicht zu geistlich-feierlichem Auftreten, eher zu kräftigen Worten, wenn er sich geärgert hatte. Im Chaos des Kriegsendes hatte er ein hilfloses Kind, das seine Eltern und jeglichen Schutz verloren hatte, in seine Obhut genommen. So wurde das Pfarrhaus zum neuen Daheim für den Kleinen, und dabei blieb es auch, als der Pfarrer nach Bremerhaven-Lehe versetzt wurde, um die dortige Herz-Jesu-Gemeinde zu übernehmen. Dort kannten bald alle den munteren Fietje, der im Pfarrhaus aufwuchs.
Im Familiengottesdienst hatte der Pfarrer das Evangelium vom Pharisäer und Zöllner vorgelesen. „Pharisäer – was waren denn das für Leute?“, fragte er jetzt die Kinder. Auch hier kam nicht gleich eine Antwort, bis sich Fietje meldete: „Das sind die Herren vom Kirchenvorstand!“, krähte er in die Kirche.
Nur den Schlausten
Noch härter soll es dem Bischof von Osnabrück, Wilhelm Berning, bei einem Gemeindebesuch irgendwo in Schleswig-Holstein ergangen sein. Damals war nach dem Tode des Papstes gerade das Konklave in Rom zusammengetreten, um den Nachfolger zu wählen, und der Bischof nutzte die aktuelle Situation, um in einer Kinderkatechese ein bisschen über das hohe Amt an der Spitze der Weltkirche zu sprechen.
„Wer kann denn jetzt Nachfolger werden?“, fragte er die Kinder. „Muss ein Bischof sein!“, hieß die prompte Antwort. „Egal, ob Kardinal oder nicht?“ Alle einig: „Ja!“ „Egal, aus welchem Land?“ Nochmals alle: „Ja!“ Da wurde der Bischof unvorsichtig und fragte: „Könnte ich das also auch sein?“ Erst Schweigen. Dann zeigt ein Mädchen auf und ruft laut: „Nein!“ Bischof Berning, etwas überrascht: „Und warum nicht?“ Darauf das Kind, ganz sicher, wie aus langer Erfahrung: „Dafür nehmen sie immer nur den Schlausten!“
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 12/Dez.2024+1/Jan.2025
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