Liebe Leserinnen und Leser
Von Erich Maria Fink und Thomas Maria Rimmel
Wir leben in einem Zeitalter, in dem die Selbstbestimmung zum höchsten Recht des Menschen erklärt wird. Im Namen der Selbstbestimmung wird dem Menschen das Recht auf assistierten Suizid, auf die freie Wahl seines Geschlechts und auf Abtreibung bis zur Geburt zugesprochen. Diese rechtlich garantierte „Emanzipation“ wird von immer weiterreichenden Antidiskriminierungsgesetzen flankiert.
So wird ein neues Wertesystem geschaffen, das mit dem christlichen Menschenbild und der Morallehre der Kirche unvereinbar ist. Vor allem Berufsgruppen wie Ärzte geraten damit in Konflikt, wenn sie zu Handlungen gezwungen werden, die sie als unmoralisch betrachten und aus Gewissensgründen verweigern. Ein interessantes Buch dazu hat der Rechtsgelehrte Grégor Puppinck unter dem Titel „Gewissensfreiheit und Menschenrechte“ herausgebracht, das wir in der neuen Ausgabe vorstellen.
Aber es ist die gesamte Verkündigung des Evangeliums, die zunehmend unter gesellschaftspolitischen Druck gerät. Christliche Werte dürfen nicht mehr als verbindlich dargestellt und die Sünde nicht mehr beim Namen genannt werden. Wer versucht, einen absoluten Maßstab anzulegen, der sich aus einem Naturrecht, aus einem allgemeinen Wesen des Menschen oder aus dem Glauben an Gott ergibt, wird vom säkularen Staat nicht geduldet, sondern zum Übertreter des Gesetzes abgestempelt. So soll die Kirche zum Schweigen gebracht werden. Immer besser verstehen wir, warum der hl. Papst Johannes Paul II. so sehr auf einen Gottesbezug in der Europäischen Verfassung gedrängt hatte. Denn ohne ihn gebe es keine unantastbare Menschenwürde, so der Moraltheologe Prof. Dr. Peter Schallenberg im Leitartikel. Wir seien dabei, uns „feierlich“ von ihr zu verabschieden.
Die Spannung zeigte sich auch bei der Papstreise Ende September. Auf die harsche Kritik des belgischen Premierministers Alexander De Croo am Missbrauchsskandal ging Papst Franziskus souverän ein. Abweichend vom Manuskript äußerte er mit bewegten Worten Scham und bat um Vergebung. Doch unbeirrt sagte er: „Im Moment gibt es zwei große Krisen. Die Hölle des Krieges, die wir gerade erleben und die sich zu einem Weltkrieg ausweiten kann. Und der demographische Winter. Deshalb müssen wir praktisch sein: Kinder zeugen, Kinder bekommen!“ Und er bekräftigte, „dass der von Gott geliebte Mensch eine ewige Berufung zum Frieden und zum Guten hat und nicht dazu bestimmt ist, sich aufzulösen und im Nichts zu enden“. Auf dem Rückflug bezeichnete er die Abtreibung erneut als „Mord“ und mitwirkende Ärzte als „Auftragsmörder“. De Croo nannte daraufhin die Haltung des Papstes als „völlig inakzeptabel“, bestellte den Vatikanbotschafter ein und meinte: „Die Zeit, in der die Kirche das Gesetz diktierte, ist vorbei.“
Liebe Leserinnen und Leser, das tapfere Zeugnis des Papstes ist uns ein Vorbild, das wir im Gebet und im Apostolat unterstützen. Dabei sind wir gerade am Ende des Jahres auf Ihre großherzige Hilfe angewiesen (meine Volksbank Raiffeisenbank eG, IBAN: DE46 7116 0000 0001 1905 80, BIC: GENODEF1VRR). Mit den besten Segenswünschen zum Allerseelenmonat November sagen wir Ihnen für Ihre Hilfe ein herzliches Vergelt’s Gott!
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2024
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
„Feierlicher Abschied“ von der unantastbaren Menschenwürde
Grundwerte und christliches Gewissen
Der Mensch ist würdig, von Gott geliebt zu werden! Darin sieht Professor Dr. theol. habil. Peter Schallenberg (geb. 1963) den innersten Kern der unveräußerlichen Menschenwürde und den Kern des Gottesebenbildes. Schallenberg ist Lehrstuhlinhaber für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Paderborn und gibt sich keinen Illusionen hin, was die Entwicklung des säkularen Staates angeht. Eigentlich wäre es Aufgabe des Staates, die Grundwerte zu sichern, allen voran das Recht auf Leben. Aber wie schon Kain die Gottebenbildlichkeit seines Bruders nicht mehr erkannte und zum Mörder wurde, so schleicht sich in die moderne Gesellschaft eine „Kultur des Todes“ ein wie inzwischen in vielen europäischen Staaten im Blick auf ein angebliches Recht auf Abtreibung oder auch in Bezug auf Freigabe des assistierten Suizids. Denn in dem Maß, als sie Gott aus dem Blick verliert, opfert sie das umfassende Lebensrecht individualisierter Interessensverfolgung. Umso mehr sind wir nach Schallenberg „auf das Gewissen als letzte Instanz der Verantwortung eines Menschen vor Gott für ein in Ewigkeit gelungenes Leben“ verwiesen.
Von Peter Schallenberg
Keine unantastbare Menschenwürde ohne Gottesbezug
75 Jahre nach der feierlichen Verabschiedung des Grundgesetzes 1949 mit der berühmten Präambel „In Verantwortung vor Gott und den Menschen…“ scheint vielfach ein feierlicher Abschied von der unantastbaren Menschenwürde in der westlichen Gesellschaft gekommen. Daher ist die Frage nach einer Grundlegung in einem zugrundeliegenden Bild vom Menschen sehr wichtig. Die Frage ist so alt wie die biblisch überlieferte Frage Gottes an Kain: „Wo ist Dein Bruder Abel?“, und Kain antwortet bekanntlich auf diese Frage mit der bezeichnenden und fast unverschämten Replik: „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ (Gen 4,9) und stellt damit implizit eine bestimmte, augenscheinlich von ihm objektiv erwartete Handlung in Frage: das Hüten, Beschützen und Bewahren seines Bruders. Stattdessen wurde er zum Mörder des eigenen Bruders.
Interessant ist die strukturelle Ähnlichkeit in den Erzählungen vom Sündenfall Adams und vom Mord des Kain: Adam wird gefragt „Wo bist Du?“ (Gen 3,9), Kain hingegen: „Wo ist Dein Bruder?“, und später wird der Ackerboden („adamah“) verflucht und beide werden vertrieben. Das Verhältnis von Urbild und Abbild bleibt wichtig: Kain erkannte Adams Ähnlichkeit mit Gott in seinem Bruder Abel nicht mehr; die Gottebenbildlichkeit des Menschen war verschüttet; darin liegt der Ursprung der Bosheit und der Untat.
Das deutsche Wort „Hüter“ ist in der lateinischen Vulgata mit „custos“ übersetzt, in der griechischen Septuaginta mit „phylax“, im hebräischen Urtext mit „shamar“, all dies heißt „behüten“ und „beschützen“. Was aber soll behütet werden?
Behütet werden soll die Gottebenbildlichkeit des Mitmenschen: Der Mensch ist vom Ideal her nicht einfach nur ein tierliches Lebewesen höherer Ordnung, auch nicht einfach ein geselliges Herdenwesen, nicht bloß ein zoon politikon, sondern ein die irdische polis (Gesellschaft) überdauerndes, geistiges Lebewesen, das mit seiner Freiheit vor der Entscheidung zum Schützen oder Vernichten steht. Schärfer gesagt: Der Mensch ist das Lebewesen, das die absolute Würde der Gottebenbildlichkeit – das Tabu der geistigen und leiblichen Vergewaltigung des Mitmenschen – erkennen und anerkennen und bewahren kann.
Indem diese absolute Würde des Menschen nach biblischem Verständnis auf den absoluten Gott bezogen und in ihm begründet wird, also begründet wird in einer dem menschlichen Zugriff grundsätzlich entzogenen Sphäre der Überzeitlichkeit, gelingt eine theologische und philosophische Begründung dieser Würde und der daraus entstehenden Ethik. Theologische Ethik ist immer eine Ethik der zu schützenden Menschenwürde, die zu schützen ist, weil sie mehr zeigt, als zu sehen ist, nämlich Gottes Bild. Vermutlich war es Cyprian von Karthago († 258), der zuerst die unantastbare Würde herausstellt; Ambrosius (339-397) spricht explizit im Anschluss an die späte Stoa und Cicero (106-43 v. Chr.) von Menschenwürde mit der Grundlegung in der Beziehung Gottes zum Menschen.[1]
„Erdenstaat“ oder „Gottesstaat“
In seinem großen Werk „De civitate Dei“ (Vom Gottesstaat) entwirft der hl. Augustinus (354-430) das Bild von zwei Staaten – besser und präziser: von zwei Bürgerschaften – und stellt sie als Kontrast einander gegenüber: Auf der einen Seite die civitas Dei, der Gottesstaat, auf der anderen Seite entgegengesetzt die civitas terrena, der Erdenstaat. Beide Bürgerschaften werden von Augustinus näher beschrieben. So ergibt sich folgendes Bild: Der Erdenstaat hat das bloße Überleben der Menschen zum Ziel, wohingegen der Bürger des Gottesstaates danach strebt, in der Bindung an Gott, die durch die Taufe an die Stelle der ursprünglichen und infolge der Ursünde verloren gegangenen Bindung des Paradieses tritt, seine ihm ursprünglich – „am Anfang“ heißt dies in der biblischen Überlieferung – eingestiftete Natur, sein Wesen also und sein innerstes Ziel, zur Entfaltung zu bringen.
Der Erdenstaat ist nach Augustins Ansicht ein durch die Ursünde von Adam und Eva notwendig gewordenes Übel, das im Brudermord von Kain an Abel seinen Ursprung findet: Dass der Mensch den anderen Menschen, der Bruder also den Bruder umbringt, kennzeichnet die Macht des Bösen und bedarf der Eindämmung durch die künstliche Zivilisation des Erdenstaates, der wenigstens das Überleben des Abel im Angesicht des ihm nach dem Leben trachtenden Kain versichert und dauerhaft garantiert. In dieser Sicht hat der Staat somit die Grundlage eines einigermaßen friedlichen Zusammenlebens zu sichern, ein Zusammenleben, das durch den Sündenfall und die bleibende Versuchung des Menschen, den Mitmenschen als lästigen Konkurrenten im Kampf um den besten Platz an der Sonne anzusehen und möglicherweise listig aus dem Weg zu räumen, in steter Gefahr ist.
Dem gegenüber bildet die durch die Taufe und die übrigen Sakramente gebildete Bürgerschaft Gottes das pilgernde Gottesvolk, das sich zwar im Erdenstaat befindet und dennoch durch die Sakramente darüber hinaus lebt, nämlich im Angesicht und in der Gegenwart Gottes.
Frage nach der moralischen Qualität der Geschichte
Auch wenn Augustinus sein großes geschichtstheologisches Werk unter dem Eindruck der Belagerung Roms und dem absehbaren Sturz des Römischen Reiches durch das Gotenheer unter Alarich im Jahre 410, also vor einem klar umrissenen historischen Hintergrund und in politischer Absicht abfasste, muss man sich doch vor Augen führen, dass die Bürgerschaft Gottes nicht einfach identisch ist mit der sichtbaren und geschichtlich fassbaren Kirche. Vielmehr findet sich die Zugehörigkeit zu einer der beiden Bürgerschaften in der unsterblichen Seele der jeweiligen Person, die zwischen den von Augustinus markierten gegensätzlichen Haltungen des uti, dem rein egoistischen Nützlichkeitsdenken, und dem frui, dem Geben und Empfangen selbstloser Liebe, wählen kann.
Gerade im Angesicht der Wahl einer moralischen oder unmoralischen Haltung wird die Beziehung zu Gott deutlich. Dies kennzeichnet nach Augustinus die Guten und die Bösen in ihrem Glauben oder Unglauben an Gottes Existenz und Interesse an der Welt: „Denn die Guten gebrauchen die Welt zu dem Zweck, um Gott zu genießen; die Bös-en dagegen wollen Gott gebrauchen, um die Welt zu genießen, sofern sie überhaupt glauben, dass er ist und sich um die menschlichen Verhältnisse kümmert."[2] Aus dieser unterschiedenen moralischen Haltung entstehen in der Sicht des Augustinus zwei unterschiedene Arten von Kultur oder Zivilisation: „Demnach wurden die beiden Staaten durch zweierlei Liebe begründet, der irdische durch Selbstliebe, die sich bis zur Gottesverachtung steigert, der himmlische durch Gottesliebe, die sich bis zur Selbstverachtung erhebt."[3] Der Mensch braucht also als gleichsam zweite Natur eine Zivilisation. Denn aus dem Können des Bösen, des tödlichen Zweifels an Gottes unendlich genügender Liebe und des Zweifels an der ehrlichen Liebe des Mitmenschen, wird schon am Anfang der Menschheit durch den Zweifel und die Tat Adams das geradezu zwanghafte Müssen des Bösen bei Kain. So entstehen die zwei Möglichkeiten der Liebe und daraus die zwei Arten von Staaten oder Kulturen.
Aus diesem eschatologischen Denken des Augustinus, das als Geschichtstheologie auch das politische und ethische Denken bis in die Moderne prägt und nicht selten in eine rein innerweltliche (marxistische) Erlösungsutopie führte, folgt ein lineares Geschichtsbild, das deutlich dem in vielen außereuropäischen Kulturen vorherrschenden zyklischen Bild von Geschichte und Zeit widerspricht. Den Kern dieser Geschichtstheologie bildet die Idee eines Fortschrittes der unsterblichen Seele, deren Heilung von der Verwundung der Ursünde und nachfolgend in der Erbsünde gerade in Zeit und Geschichte sich abspielt. Das Ziel der Geschichte ist die Heilung der Seele; Augustinus definiert dieses Ziel der Heilung der Seele.[4]
Es ist dies ein Bild, das sich verblüffend trifft mit dem Bild der verwundeten Seele vor dem Angesicht des himmlischen Richters im platonischen Mythos des „Gorgias“: „Alles liegt klar zutage an der Seele, wenn sie des Körpers entledigt ist, sowohl die natürliche Beschaffenheit wie auch die Eigentümlichkeiten, die der Mensch durch seine jeweiligen Beschäftigungen der Seele eingepflanzt hat. Wenn sie nun vor den Richter kommen, da hält Rhadamantys sie an und beschaut eines jeden Seele, ohne zu wissen, wessen sie ist…, und er sieht nichts Gesundes an der Seele, sondern allenthalben zeigt sie gleichsam die Spuren der Geißelhiebe und ist voller Narben infolge der Meineide und der Ungerechtigkeit, wie sie entsprechend der jedesmaligen Handlungsweise der Seele aufgeprägt wurden; und alles ist verkrümmt an ihr infolge der Verlogenheit und Prahlerei, und nichts gerade, weil sie sich nie an die Wahrheit gewöhnt hat."[5]
Zeit und Geschichte heilen oder verderben nicht aus sich, besitzen also moralische oder unmoralische Qualität nicht aus sich, sondern nur aus der moralischen oder unmoralischen Haltung des Menschen, der in Zeit und Geschichte lebt und sie mit moralischen oder unmoralischen Qualitäten ausfüllt. Anders ausgedrückt: Ethik und Moralität eignen nicht der Zeit, sondern nur der Geschichte als der vom Menschen gedeuteter und erfüllter und gelebter Zeit. Und erst Geschichte steigt auf oder ab zu moralischer oder unmoralischer Qualität durch ein entsprechendes Verhalten des Menschen.
Lebensethik der zuwendenden Sorge
Es erscheint jetzt als die vordringliche Aufgabe des Menschen, jede Ungerechtigkeit durch Gerechtigkeit zu heilen, und darüber hinaus jede bloße „kalte“ Gerechtigkeit durch mehr „fürsorgende“ Gerechtigkeit zu überbieten. So entsteht aus der bloßen Ethik die Lebensethik der zuwendenden Sorge. Diese Überbietung der Gerechtigkeit trägt den Namen Liebe. Oder anders: Was dem Menschen eigentlich zukommt und sein eigentliches Recht bildet und erst ganz ihm gerecht wird, ist nicht uti, sondern frui, freie und ungeschuldete Liebe, die paradoxerweise das ursprünglichste Recht eines jeden Menschen bildet, ohne dass dieses Recht auf Liebe vor irgendeinem Gerichtshof der Welt, außer vor Gott, eingeklagt werden könnte. Daher die Präambel vor den einklagbaren Verfassungsrechten im deutschen Grundgesetz.
Liebenswürdigkeit bildet den innersten Kern der unveräußerlichen Menschenwürde und den Kern des Gottesebenbildes: Der Mensch ist würdig, von Gott geliebt zu werden! Erst solche Liebe rechtfertigt das Dasein des Menschen, und solche Rechtfertigung dient (bei Paulus) zur Erläuterung der Erlösung durch Jesus Christus: Indem Gott Mensch wird und dem Menschen in Liebe begegnet, rechtfertigt er das dem Tod verfallende Leben des Menschen und rettet es aus dem grausigen Schlund eines bloßen Überlebenskampfes. Glück, besser: Glückseligkeit, nicht einfach Zufriedenheit, ist das Ziel des Menschen; darin liegt die barmherzige Gerechtigkeit Gottes. Gottes schöpferische Liebe ist ein unbedingtes Ja zur Notwendigkeit jedes Menschen.
Staatsordnung zur Sicherung von Grundwerten
Wenn man sich aus guten Gründen für die Verwendung des Begriffs christliches Menschenbild als Grundlage für ein Konzept von Lebensethik entscheidet, dann trifft man eine zweifache Festlegung: erstens für eine ursprünglich platonisch gedachte Teleologie der Person, Zielrichtung also des Menschen auf Gott hin, der gemäß Lebensprozesse sinnvoll nur als zielgerichtete Prozesse begriffen werden können; zweitens für die alttestamentliche Idee der Gottebenbildlichkeit des vergänglichen Menschen. Dieses Abbild bedarf aber – außerhalb des Paradieses, also außerhalb eines gedachten Idealzustandes – im Bereich der faktischen und bösen Normalität der Stützung der Tugend (der Gerechtigkeit und der darüber hinaus gehenden Liebe) durch Institutionen, insbesondere durch die nach Kains Brudermord notwendig werdende Institution des Staates. Diese Staatsordnung zur Sicherung von Grundwerten ist eine notwendige, keineswegs aber hinreichende Bedingung des wirklich guten Lebens, insofern sie Gerechtigkeit als moralischen Grundwasserspiegel des menschlichen Zusammenlebens überhaupt erst ermöglicht. Gerechtigkeit ist notwendig, Liebe erst ist hinreichend. Der Staat als permanenter Zustand der Gerechtigkeit vermag zwar die Liebe des Kain zum Abel nicht zu erzwingen, wohl aber dessen Recht auf Leben, und zugleich die Achtung des Kain für ihn und sein Lebensrecht.
Gewissen und säkulares Strafrecht
Freilich kann der Staat auch verkommen zu einer, wie Augustinus es ausdrückt, gut organisierten Räuberbande, die nicht mehr das bonum commune des umfassenden Lebensrechtes, sondern nur noch das bonum speciale individualisierter Interessensverfolgung garantiert. Diese Idee der privaten wie öffentlichen Hüterschaft der Person für die Person bündelt sich im spezifisch christlichen Begriff des Gewissens als Spitze der menschlichen Gottebenbildlichkeit: Der Mensch nimmt teil an Gottes Entscheidung zum Guten. In der innersten Mitte der Person wird die Stimme des Urbildes, des Schöpfers, vernehmbar, wenn auch in gebrochener und oft übertönter Weise. Daraus entsteht aber dann schon ganz am Anfang der biblischen Überlieferung implizit die Frage nach dem Bereich individueller und politischer menschlicher Verantwortung und Schuld, eine Frage, die vom säkularen Strafrecht nur teilweise (und aus christlicher Sicht letztlich immer unzureichend) beantwortet werden kann, und die auf das Gewissen als letzte Instanz der Verantwortung eines Menschen vor Gott für ein in Ewigkeit gelungenes Leben verweist.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2024
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
[1] Ambrosius von Mailand: De dignitate conditionis humanae, Migne Patrologia (Series Latina 17) 1105-1110.
[2] Augustinus: De civitate Dei XV 7.
[3] Ebd. XIV 28.
[4] Augustinus: De vera religione III 4,15: „Ut anima sanetur…"
[5] Platon: Gorgias 525c.
Interview mit Pirmin Zurbriggen bei K-TV
Erfolg und Lebensbewältigung: Jesus als Coach
Als der Geistliche Assistent von K-TV, Pfarrer Dr. Thomas Maria Rimmel, bei einem Aufenthalt in Zermatt am Matterhorn als Konzelebrant bei der Heiligen Messe in der Pfarrkirche St. Mauritius unter den Gläubigen Pirmin Zurbriggen entdeckte, kam ihm der Gedanke, ihn einmal für K-TV zu interviewen. Er erhielt eine Zusage und in lockerem Gespräch gab Zurbriggen ein überaus bemerkenswertes Lebenszeugnis: „Ich habe alles auf Jesus gesetzt“ – der Titel des K-TV-Beitrags ist ein Zitat des sportlichen Stars. Das Interview ist bei youtube einsehbar unter: www.youtube.com/watch
Von Klaus-Hermann Rössler
Der Schweizer Ski-Star Pirmin Zurbriggen gehört in seiner Sport-Disziplin zur Weltklasse. 40 Weltcup-Siege konnte er für sich entscheiden, vier Mal gewann er den Gesamtweltcup. Bei drei Weltmeisterschaften holte er vier Mal Gold, vier Mal Silber und einmal Bronze. 1988 wurde er Olympiasieger in der Abfahrt. Heute lebt er mit seiner Familie als erfolgreicher Hotelier in Zermatt.
Wenn Zurbriggen die vielfältigen Aspekte seines Lebens beleuchtet, erweckt seine Biographie leicht den Eindruck einer auf den Kopf gestellten Geschichte Hiobs, wie sie uns im Alten Testament entgegentritt. Fällt dieser aus dem großen Wohlstand und dem erfüllten Leben eines Gerechten Gottes durch die Ereignisse der sprichwörtlichen Hiobsbotschaften hinab von Stufe zu Stufe in Armut und Elend, sind die prägenden Erlebnisse Zurbriggens in Kindheit und Jugend vom schrittweisen Aufstieg aus Armut und familiären Schicksalsschlägen von sportlichem Erfolg zu Erfolg, von Sieg zu Sieg geprägt. Besteht die Prüfung Hiobs darin, das grausame Leid des Unschuldigen in völligem Gottvertrauen zu ertragen, so steht Zurbriggen in seinem Leben vor der Herausforderung, den sich stetig steigernden Erfolg als aus dem gleichen unbedingten Gottvertrauen errungen und als ihm in dieser Lebenslage gestellte Aufgabe von Gott zu gestalten. Beiden gemeinsam ist die erstaunliche Erkenntnis, dass der Erfolg, sei er materiell oder sportlich, die Gefahr einer allzu großen Ich-Bezogenheit in sich birgt: die leicht zum Selbstläufer werdende Erfolgsorientiertheit lässt dem menschlichen und dem göttlichen Gegenüber dann nicht mehr den ihm eigentlich zukommenden Raum. Es ist berührend, wenn Zurbriggen unter diesem Aspekt seinen Lebensweg mit der Überschrift „Vom Ich zum Du“ versieht – vom auf eigene Siege fixierten Sportler-Ich zum auf die Bedürfnisse der Gäste orientierten Hoteliers-Du – und dies unter den Aspekt der stets erfahrenden Gottesfreundschaft stellt.
Das Überraschendste am Interview – ebenso wie am alttestamentarischen Buch Hiob – ist aber die in Freud und Leid, in Schicksalsschlägen ebenso wie in den Kaskaden der Erfolge selbstverständliche Nähe Gottes und die Gewissheit, dass sich darin Gottes heiliger Wille für mich ausdrückt. Vor diesem Hintergrund werden die an den hl. Paulus erinnernden Aussagen Zurbriggens verständlich, dass der Ansporn zum Sieg, den jeder Sportler braucht, bei ihm die im Glauben erfahrene Gegenwart Jesu war, und dass ihm Jesus bisweilen sogar mangelnde menschliche Unterstützung und Ermutigung, eben das typische Coaching, durch eine darauf orientierte Umgebung ersetzt habe. Er ist völlig glaubwürdig, wenn er sinngemäß ausführt, in seiner aktiven Spitzensportlerzeit sei es eine der wichtigsten Erkenntnisse gewesen, nicht dem Sport, sondern dem Glauben Priorität in seinem Leben einzuräumen, wenn er weiterhin Erfolge haben wolle. Und auch selbst wenn er ein gutes Team hat, wie es auch im Hotel jetzt der Fall ist, gilt für ihn: „Der eigentliche Chef ist Jesus“.
Wer erfahren möchte, was Glaubenshingabe selbst unter Bedingungen bedeutet, die dafür gänzlich ungeeignet erscheinen, sollte sich im Netz unbedingt dieses Interview zu Gemüte führen – vielleicht auch, um selbst den Mut in Bedrängnis, aber auch Erfolg zu schöpfen, Jesus auch in seinem Lebensalltag finden zu können.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2024
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
Mediziner im Konflikt zwischen widersprüchlichen Zielsetzungen
Wahrheit und Gewissen im Dilemma
Heute wird immer häufiger und in den verschiedensten Zusammenhängen ein Recht auf Gewissensfreiheit reklamiert, sei es in Form einer Gewissensklausel für Ärzte, durch den Widerstand gegen eine staatlich verordnete Impfpflicht, oder als Verweigerung an der Mitwirkung an jeder anderen Handlung, durch die man seine moralischen Überzeugungen verletzt sieht. Wie lassen sich die Achtung dieser Überzeugungen, die durch die Gewissens- und Religionsfreiheit garantiert wird, und die Achtung des Gesetzes, das die soziale Ordnung garantiert, miteinander vereinbaren? Ist es legitim, eine Person zu bestrafen, die sich weigert, ein Gesetz zu befolgen, das mit ihren moralischen oder religiösen Überzeugungen unvereinbar ist? Wie ist das Verhältnis zwischen Gesetz, Moral und Religion? Auf diese Fragen antwortet der bekannte Rechtsgelehrte Grégor Puppinck in seinem neuen Buch mit dem Titel „Gewissensfreiheit und Menschenrechte“.[1] Nachfolgend ein Abschnitt aus dem Kapitel über die „Gewissensklausel im Medizinrecht“. Dabei spannt Puppinck den Bogen von Hippokrates im 4. Jh. v. Chr. über René Descartes (1596-1650), Pierre-Jean-Georges Cabanis (1757-1808) und den Nürnberger Ärzteprozess (1946-47) bis hin zu den Erklärungen der Vereinten Nationen und den Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) im 21. Jahrhundert.
Von Grégor Puppinck
Wenn zurzeit in der medizinischen Praxis die Fälle, in denen jemand aus Gewissensgründen die Mitwirkung an bestimmten Handlungsweisen verweigert, an Zahl und Art erheblich zunehmen, so liegt der Grund hierfür wohl nicht in einem sittlichen Fortschritt der in diesem Bereich tätigen Personen, sondern eher darin, dass die medizinischen Berufe eine umstürzende Entwicklung durchlaufen haben, die ihrerseits die Folge eines anthropologischen Umbruches ist. Seitdem durch das Gesetz medizinische Eingriffe gestattet werden, die – wie die Schönheitschirurgie, die Empfängnisverhütung, die Sterilisation, die Abtreibung, die Euthanasie oder die Durchführung medizinischer Experimente ohne therapeutischen Nutzen für den Probanden selbst – auf keinen therapeutischen Zweck ausgerichtet sind, stellt sich in der Medizin die Frage nach der Gewissensfreiheit. Die Entkriminalisierung all dieser umstrittenen Praktiken, die bis dahin sowohl vom Kriminalstrafrecht als auch vom ärztlichen Standesrecht strengstens geahndet worden waren, war in den meisten Fällen von sogenannten Gewissensklauseln begleitet, die allen in den Heilberufen tätigen Personen ausdrücklich das Recht zusicherten, daran nicht mitwirken zu müssen. Mit der Einrichtung solcher Klauseln kommt das implizite Eingeständnis des Gesetzgebers zum Ausdruck, dass die betreffenden Handlungsweisen moralische Probleme aufwerfen, und dass der Wunsch, an ihnen nicht mitzuwirken, legitim ist. Man hat den Grundsatz, dass medizinische Eingriffe ausschließlich einem therapeutischen Zweck zu dienen haben, zugunsten der Ausrichtung auf verschiedene andere Zwecke (wie z.B. gewisse Forschungsinteressen oder die Befriedigung individueller Wunschvorstellungen) preisgegeben; die Folge davon ist, dass die gesamte medizinische Berufsethik auf den Kopf gestellt wurde, da ja die Ethik darin besteht, mithilfe der praktischen Vernunft eine Handlung auf ein Ziel hin auszurichten. Ändert sich die Zielsetzung, dann ändert sich auch die Moral. (Auf genau diese Weise bewirkt die Anerkennung verkehrter Handlungszwecke das Entstehen einer verkehrten Moral, woran sich die Wichtigkeit des Grundsatzes zeigt, stets gute Ziele mit guten Mitteln zu verfolgen.) Ein Teil der Ärzteschaft hält bisher noch an der historisch unumstrittenen Finalität des Arztberufes fest, das Leben zu pflegen und zu erhalten, während ein anderer Teil der Auffassung ist, die Finalität der Medizin bestehe darin, das Leben nach Belieben zu gestalten und Kundenwünsche zu verwirklichen. Je nachdem, welche dieser Zielsetzungen jemand sich zu eigen macht, wird er den moralischen Gehalt eines Eingriffs unterschiedlich beurteilen. Sehen wir uns dies etwas genauer an.
Der allgemeine Gewissensvorbehalt im ärztlichen Berufsethos
Jedes Handeln ist durch seine Finalität bestimmt, die letztlich mit der Vollendung der Handlung verschmilzt. Das Berufsethos beschreibt die Pflichten, die mit der Ausübung eines bestimmten Berufs verbunden sind und sich aus seiner Finalität ergeben. Im Bereich der Medizin ist dieses Berufsethos mit der Person des Hippokrates verbunden, der im 4. Jahrhundert v. Chr. lebte, doch bedarf dieses Ethos für seine Existenz keiner schriftlichen Festlegung, da es sich aus der allgemeinen Moral, also aus der Gesamtheit jener Regeln ergibt, die von der praktischen Vernunft als notwendig erkannt werden, um das gute Ziel einer beabsichtigten Handlung erreichen zu können. Schon längst vor Hippokrates, während der ägyptischen Gefangenschaft im 13. Jahrhundert v. Chr., berichtet das Buch Exodus von der Weigerung der Hebammen, auf Befehl des Pharaos hin alle männlichen Neugeborenen der Hebräer zu töten. Dies geschah noch vor der Berufung Moses‘, also noch vor der Offenbarung der Zehn Gebote. Das natürliche Sittengesetz und die traditionelle Moral erwiesen sich als ausreichend, um sich einem derart offenkundig unrechtmäßigen Befehl zu widersetzen.
Im Bereich der Medizin wacht seit jeher das traditionelle Berufsethos darüber, dass jene, die einen medizinischen Beruf ausüben, die Finalität der Heilkunde – also die Heilung – im Blick haben: es geht stets um eine therapeutische Finalität. Der Arzt muss seine Heilkunst gewissenhaft ausüben, d.h. er muss unter Rücksichtnahme auf die Umstände des Einzelfalls stets danach trachten, das von der Heilkunst angestrebte Gut, also ihr therapeutisches Ziel, zu erreichen. Dieses Gut ist es auch, das den Arzt erst dazu berechtigt, in die physische Integrität des Patienten einzugreifen. Der ärztliche Dienst erfordert es, dass der Arzt jederzeit die Freiheit haben muss, einen Behandlungswunsch zurückzuweisen, von dem er meint, dass er der Würde des Arztberufes, d.h. seiner therapeutischen Finalität, nicht entspricht. Es handelt sich hier um einen allgemeinen deontologischen Gewissensvorbehalt. Im französischen Recht hat beispielsweise jeder Arzt, jede Hebamme und jeder Krankenpfleger das Recht, „aus beruflichen oder persönlichen Gründen seine Dienste zu verweigern“; ausgenommen hiervon sind nur „Notfälle oder Fälle, in denen er dadurch seine allgemeine Pflicht zu menschlichem Handeln verletzen würde“.[2] Eine Weigerung aus beruflichen Gründen resultiert zumeist aus der materiellen Unmöglichkeit für den Arzt, den von ihm geforderten Dienst zu leisten, z.B. weil er nicht über die Zeit, die Heilmittel oder die erforderlichen Kenntnisse verfügt. So dient sein Recht, seine Dienste zu verweigern, auch dazu, dass er seinen Beruf korrekt ausüben kann.
An sich bestünde also keine Notwendigkeit, diesem im ärztlichen Berufsrecht bereits verankerten allgemeinen Gewissensvorbehalt besondere, auf einzelne medizinische Praktiken bezogene Gewissensklauseln hinzuzufügen, wenn es nicht darum ginge, ihnen (statt dem in Frankreich für standesrechtliche Bestimmungen üblichen Status einer Rechtsverordnung) einen gesetzlichen oder verfassungsgesetzlichen Status zu verleihen.
Die Zuweisung neuartiger, nichttherapeutischer Zwecke an die Medizin
Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts schlägt eine ständig anwachsende Publizistik, die man als materialistisch bezeichnen kann, vor, der Medizin andere Zwecke als bloß die Heilung kranker Personen zuzuschreiben. Die Medizin wird nunmehr von manchen nur noch als ein Zweig der Biologie angesehen, deren Zielsetzung ehrgeiziger sein, über die Heilung von Krankheiten hinausgehen müsse: sie soll den Menschen selbst verbessern, der als unvollkommen und verbesserungsfähig gesehen wird. Man sieht Spuren dieses Denkens bereits bei Descartes, der in seiner Abhandlung über die Methode schreibt, „dass, wenn man ein Mittel, die Menschen klüger und geschickter als bisher zu machen, finden will, man es in der Medizin zu suchen hat“.[3]
Einige Zeit später forderte der Arzt und Philosoph Cabanis (1757-1808), die Vervollkommnung des Menschen solle durch die „Erforschung seiner Physis“ erlangt werden.[4] Er rief die Regierungen dazu auf, „das Werk der Natur zu vollenden“ und „an der Verbesserung der menschlichen Spezies“ zu arbeiten, um so auf dem Weg zur „Vervollkommnung der gesellschaftlichen und industriellen Organisation“ voranzugehen.[5] Dieses Ideal der Perfektionierung des Menschen mithilfe der medizinischen Wissenschaft hat in der Folge mehrere Erscheinungsformen angenommen, deren bedeutsamste seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Eugenik ist. Die Medizin und ihr Berufsethos werden dieser neuen Zielvorstellung vielfach untergeordnet.
In mehreren Ländern wurden diese eugenischen Vorstellungen in die Praxis umgesetzt und rechtfertigten den Rückgriff auf die Medizin, um Menschen zum Versuchsobjekt für medizinische Experimente zu machen, zu selektieren und – je nach ihren physischen Eigenschaften – zu sterilisieren oder gleich ganz auszumerzen. Auf diese Weise haben viele Mediziner den Hippokratischen Eid verraten und gebrochen, indem sie sich einer neuen Sicht des Menschen und der Wissenschaft anschlossen. Oft geschah dies im Schutz der Heimlichkeit, manchmal aber auch ganz offen und auf gesetzlicher Grundlage. Dies alles ist heute allgemein bekannt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden bei den Nürnberger Prozessen[6] auch einige Nazi-Ärzte im Namen jener althergebrachten – im Nürnberger Kodex zusammengefassten – Moral angeklagt und verurteilt, die sie verraten hatten, als sie zu Anhängern der Eugenik wurden. Prof. Gebhardt, der für Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tod verurteilt wurde, versuchte, sich selbst und seine Mitangeklagten zu rechtfertigen, indem er erklärte, der Arzt habe „nicht nur eine therapeutische Aufgabe zu erfüllen“; er müsse auch Forschung betreiben, wissenschaftliche Experimente durchführen, und sei darüber hinaus auch ein Diener des Staates. „Er kann daher nicht einer allgemeinen und absoluten Deontologie, einer Art Naturrecht des medizinischen Berufsstandes, unterworfen werden.“ Er fügte hinzu: „Der Hippokratische Eid wird uns jetzt wie eine unabänderliche medizinische Ethik präsentiert. Ich meine aber im Gegensatz dazu sagen zu können, dass jede Ethik von der Zeit, den Umständen und der Werteskala, in die sie sich einfügt, abhängig ist."[7]
Die Richter des Nürnberger Tribunals waren in der Tat der Meinung, dass das Sittengesetz von der Natur vorgegeben, universalgültig und zeitungebunden sei, und daher auch für die Nazi-Ärzte gelte, die die moralische Pflicht gehabt hätten, die Mitwirkung an den Taten, um die es hier ging, zu verweigern. Sie entschieden, dass die klassische hippokratische Auffassung der Medizin auf dem natürlichen Sittengesetz beruht, dass sie der eugenischen Auffassung moralisch überlegen ist, und dass ihr selbst dann zu folgen ist, wenn das positive Recht ihr entgegensteht. Mit anderen Worten, die Nürnberger Richter haben die Nazi-Ärzte dafür verurteilt, dass sie von ihrem Gewissen keinen Gebrauch gemacht und gegen die unmenschlichen Verbrechen keinen Widerspruch eingelegt haben. Die Verweigerung der Mitwirkung ist damit zu einer Pflicht erklärt worden, deren Nichterfüllung zu strafrechtlichen Folgen führen kann, wie es im vorliegenden Buch bereits dargelegt worden ist.
Nach dem Nürnberger Ärzteprozess haben auch andere Instanzen kraftvoll die therapeutische Finalität der Medizin und die daraus folgenden berufsethischen Verpflichtungen bestätigt. Zu erwähnen sind hier neben dem 1947 im Geist der UN-Charta und des Nürnberger Kodex gegründete Weltärztebund auch die nationalen Standesvertretungen, die das Verbot in Erinnerung gerufen haben, ein Leben vorsätzlich zu beenden oder Patienten aufgrund ihrer Rasse oder Religion zu diskriminieren. In Frankreich hat die Académie des sciences morales et politiques am 14. November 1949 eine Erklärung verabschiedet, mit der sie „alle Methoden, die darauf abzielen, den Tod von Menschen herbeizuführen, die als missgebildet, mangelhaft oder unheilbar angesehen werden, in aller Form verurteilt“, da sie „der Auffassung ist, dass die Euthanasie und – ganz allgemein – jede Handlung, mit der man Sterbenden aus Mitleid zu einem ‚sanften und ruhigen‘ Tod verhelfen will, ebenfalls abzulehnen sind“, weil sich andernfalls der Arzt „eine Art souveräner Herrschaft über Leben und Tod anmaßen würde“.[8] Noch im Jahr 1997 wurden durch das Übereinkommen zum Schutz der Menschenrechte und der Menschenwürde im Hinblick auf die Anwendung von Biologie und Medizin, das auch als Abkommen von Oviedo bekannt ist, die zentralen Grundsätze der klassischen Moral bekräftigt, wie zum Beispiel jener, dass dem Interesse und Wohl des menschlichen Lebewesens der Vorrang gegenüber dem bloßen Interesse der Gesellschaft oder der Wissenschaft zukommt (Art. 2).
Dennoch war der moderne Traum von einer vollständigen Kontrolle über den Menschen mit den Nürnberger Prozessen nicht vorbei; er wird von der materialistischen Philosophie weiterhin propagiert und hat sich infolge des Fortschritts der Naturwissenschaften in beachtlicher Weise weiterentwickelt. Diese Vorstellung von der Kontrolle über das menschliche Leben wird heute nicht mehr in seiner ursprünglichen Form einer brutalen Eugenik präsentiert, sondern hat insbesondere durch das Bestreben einer quantitativen und qualitativen Kontrolle über die Fortpflanzung ein liberaleres, fortschrittsgläubiges, hedonistisches, individualistisches Erscheinungsbild angenommen. Die ideologische Kontinuität tritt aber deutlich zutage, wenn man sich mit dem Leben und Wirken der Wegbereiter der Eugenik im 20. Jahrhundert befasst, zu denen z.B. Julian Huxley zählte.[9]
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die Legalisierung der hormonellen Empfängnisverhütung und die den Ärzten gegebene Erlaubnis, diese zu verschreiben, neuerlich zur Abkehr der Medizin von dem Grundsatz, allein therapeutischen Zwecken dienen zu sollen, geführt. In Frankreich beispielsweise wurde Artikel 16-3 des Code civil, der bestimmt hatte, dass „in die Integrität des menschlichen Leibes nur im Fall einer therapeutischen Notwendigkeit eingegriffen werden“ dürfe, wodurch jeder nicht-therapeutischen Zwecken dienende Eingriff, selbst wenn er mit Einwilligung der betreffenden Person geschehen wäre, verboten war, durch das Gesetz vom 27. Juli 1999[10] modifiziert. Dieses Prinzip verbot u.a. die Durchführung medizinischer Experimente, von denen für die Probanden kein direkter und angemessener Nutzen erwartet werden konnte. Im Jahr 1999 wurde Art. 16-3 jedoch geändert, indem das Adjektiv „therapeutisch“ durch „medizinisch“ ersetzt wurde, wodurch Eingriffe in die Integrität des Leibes in weitreichendem Ausmaß möglich wurden. Auch das Geschäft mit der Schönheitschirurgie blühte in der Folge auf.
In der Folge hat der französische Gesetzgeber 2001 auch die Sterilisation zum Zweck der Empfängnisverhütung legalisiert,[11] sodann durch das Bioethik-Gesetz vom 9. August 2004 die keinem Heilungszweck dienende Durchführung medizinischer Experimente am Menschen, und im Jahr 2013 die Forschung an menschlichen Embryonen. Die Aufgabe der therapeutischen Finalität medizinischer Eingriffe erlaubt es nunmehr, biomedizinische Technologien zu jedem beliebigen Zweck einzusetzen.
So dient die Medizin heute immer neuen Zwecken. Sie kann beispielsweise einer kontrazeptiven, ästhetischen, wissenschaftlichen, prokreativen, oder (z.B., wenn man sich mit Hilfe von Abtreibung oder Euthanasie vom natürlichen Ablauf des Lebens emanzipieren möchte) einer emanzipatorischen Finalität dienen; allgemein gesagt besteht die neue Finalität aber darin, das menschliche Dasein auch dort zu verbessern, wo gar keine Krankheit zu heilen ist. Diese neuen Finalitäten erlauben es, in die körperliche Integrität des Menschen auch zu nicht-therapeutischen Zwecken einzugreifen, u. U. auch ohne direkten Nutzen für die betreffende Person. Freilich haben diese nicht-therapeutischen Zwecke im Rahmen der weiterhin klassisch therapieorientierten Medizin bislang noch den Charakter von Sonderregelungen, die von den vormals bestehenden Prinzipien und Regelungen abweichen.
Sonderregelungen im Widerspruch zum Geist der Grundregel
Diese Ausnahmeregelungen haben die bemerkenswerte Eigenschaft, dass sie zu den allgemeineren Regeln, denen sie derogieren, in radikalem Widerspruch stehen: der alte Grundsatz und die neue Ausnahmeregelung stehen dabei für zwei verschiedene Konzeptionen der Medizin. So koexistieren nunmehr oft zwei ganz unterschiedliche – und einander widersprechende – Auffassungen über den Zweck der Medizin innerhalb ein und derselben rechtlichen Regelung. Normalerweise dient eine Ausnahmebestimmung demselben Zweck wie die Regel, von der sie eine Ausnahme darstellt: so wird zum Beispiel dem allgemeinen Tötungsverbot von der Ausnahme der legitimen Selbstverteidigung nicht widersprochen, da diese ja gerade sicherstellen soll, dass (derjenige, der sich verteidigt) nicht getötet werden darf. Ganz anders verhält es sich hingegen mit der durch die Legalisierung der Euthanasie bewirkten Ausnahme vom Tötungsverbot: diese dient eindeutig nicht dem Schutz des Lebens.
Was die Abtreibung betrifft, so kann diese nur dann, wenn dadurch der Tod der Schwangeren abgewendet werden soll, als in gewisser Hinsicht konform mit dem Zweck der Medizin, die dem Leben dienen soll, gesehen werden. Wird dagegen ein anderer Zweck als dieser verfolgt, dann steht die Legalisierung der Abtreibung nicht im Einklang zu dem Grundsatz, dem sie derogiert. Die Ausnahmebestimmungen im Fall der Abtreibung, der in-vitro-Zeugung oder der Euthanasie dienen nicht dem Leben, sondern der Kontrolle über das Leben. Ein und derselbe Gesetzesparagraph kann also zwischen seinem eigentlichen Regelungsprinzip und der Ausnahme davon „aufgespalten“ werden, wenn zwei unterschiedliche – oder gar einander entgegengesetzte – Ziele verfolgt werden.
Die Koexistenz widersprüchlicher Finalitäten ist Quelle der Unordnung
Das Nebeneinanderbestehen zweier so unterschiedlicher Zielsetzungen führt zu Unordnung nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Rechtsordnung, die dadurch ihren inneren Zusammenhang verliert. Das Recht gerät zu sich selbst in Widerspruch: die überlieferten Prinzipien haben nur noch den Charakter symbolischer Lippenbekenntnisse, während die Wirkung des Gesetzes bzw. sein operativer Charakter sich in der Ausnahmebestimmung konzentriert. Ein derartiger Selbstwiderspruch ist konträr zur Natur des Rechts und kann vernünftigerweise nicht lange aufrechterhalten werden. Es liegt in der Natur der Juristen, dass sie danach trachten, eine neue Kohärenz der Rechtsordnung herzustellen, wenn sie schon nicht zur alten zurückkehren können.
Welche Auswege gibt es aus diesem Widerspruch, nicht nur auf der kollektiven, sondern auch auf der individuellen Ebene? Denn der Widerspruch wirkt sich auch auf die einzelnen Personen aus, die sich zwischen zwei verschiedenen Auffassungen darüber, wie ihr Beruf auszuüben ist, zerrissen fühlen. Was geschieht, wenn ein Arzt mit der neuen Finalität, die seinem Beruf übergestülpt wurde, nicht einverstanden ist, weil er z.B. meint, dass die therapeutische Finalität der Heilkunde es ihm verbietet, sie mit dem Ziel der Beendigung eines Lebens einzusetzen?
Die schwache Position der Verweigerer
Die Verteidiger des allgemeinen Gewissensvorbehalts befinden sich in einer schwierigen Situation: gegen das neue Berufsbild der Medizin können sie sich nicht auf jenes von ehedem, das ihr ausschließlich einen therapeutischen Zweck zuschreibt, berufen, da dieser Streit auf der politischen Ebene mit der Entkriminalisierung der von ihnen abgelehnten Handlungsweise bereits ausgetragen und entschieden wurde: in der zeitgenössischen westlichen Kultur wird es gar nicht gerne gesehen, wenn jemand die Vergangenheit als Argument gegen die Gegenwart verwendet.
So bleibt ihnen nur, sich ausgerechnet das liberale Argument von der individuellen Gewissensfreiheit und der Toleranz zu eigen zu machen – doch geraten sie dadurch in Widerspruch zu ihren eigenen Grundsätzen, denn während sie sich an eine objektive moralische Pflicht gebunden sehen, ist das liberale Konzept der Gewissensfreiheit subjektivistisch und relativistisch. Indem sie im Namen der Gewissensfreiheit für ihr Verhalten Toleranz einfordern, werden sie also zugleich gezwungen, auf den Anspruch, dass ihre handlungsleitende Überzeugung der objektiven Wahrheit und der Vernunft entspreche, zu verzichten.
Noch schlimmer ist, dass dadurch Weigerungsgründe, die auf genuin moralischen Überzeugungen beruhen, solchen gleichgesetzt werden, die auf einer religiösen Lehre oder Kultvorschrift basieren. In den Augen derjenigen, die die Vorschriften des positiven Rechts für das Maß aller Dinge halten, neigen moralische und religiöse Einwände dazu, zu ein und demselben Subjektivismus zu verschwimmen; nur das Gesetz gilt ihnen dagegen als objektiv, insofern immerhin sein Wortlaut feststeht. So sind es die Gewissensverweigerer, die als Quelle der Unordnung und der Ungerechtigkeit wahrgenommen werden: denn in der Juristerei ist jede Unordnung ein Anzeichen für Ungerechtigkeit, weil jeder Widerspruch einen Irrtum aufzeigt. Der Respekt vor dem positiven Recht – von dem man annimmt, dass es gerecht sei – hat somit zur Folge, dass Einwände nicht nur inopportun, sondern auch unrechtmäßig scheinen. Mehr noch, nach Ansicht der zeitgenössischen Gesellschaft haben diese Unordnung und dieses Unrecht eine Ursache – das individuelle Gewissen –, die man für eine subjektive Befindlichkeit und, soweit religiöse Überzeugungen im Spiel sind, geradezu für irrational hält. Vom Recht wird angesichts solcher scheinbarer Ungeheuerlichkeiten erwartet, dass es diese beseitigt, und nicht, dass es ihnen einen festen Platz innerhalb der Rechtsordnung zuweist; für die Befürworter der neuen Moral ist es daher ein Leichtes, die Abschaffung der Gewissensfreiheit zu fordern.
Die Gewissensklauseln, deren Verankerung im Recht oft eine politische Vorbedingung für die Entkriminalisierung jener umstrittenen Praktiken war, von denen hier die Rede ist, sind daher heute das Hauptangriffsziel jener Personen und Gruppen, die für die völlige Liberalisierung dieser Praktiken kämpfen. Dass diese Kampagne sich insbesondere gegen die verbriefte Gewissensfreiheit der Ärzte im Zusammenhang mit der Abtreibung richtet, ist wohl darauf zurückzuführen, dass diese Handlung dadurch „stigmatisiert wird“: die Gewissensklausel bezeugt die nicht zu beseitigende moralische Fragwürdigkeit der vorgeburtlichen Kinds-tötung und stellt ein Hindernis dar, diese als „ganz normalen medizinischen Eingriff“ oder gar als ein „Recht“ zu bezeichnen. Auch wird geltend gemacht, dass diese Gewissensklauseln dem Gewissen der Ärzte einen höheren Stellenwert einräumen als dem Gewissen der abtreibungswilligen Frauen, und dass sie ein Hindernis für den Zugang zur Abtreibung darstellen.
Die Folge ist, dass das Recht, die Mitwirkung an einer Abtreibung zu verweigern, in jenem Maß immer weiter infrage gestellt wird, in dem eine Medizin, die das Leben nicht nur schützen, sondern es nach Wunsch gestalten darf, und die damit korrelierende Forderung nach einem „Grundrecht auf Abtreibung“ gesellschaftliche Akzeptanz finden. Auch im Hinblick auf andere umstrittene Praktiken der Medizin könnte bald eine ähnliche Entwicklung eintreten.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2024
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
[1] Grégor Puppinck: Gewissensfreiheit und Menschenrechte, Be+Be Verlag Heiligenkreuz 2024, 158 S., Hardcover, ISBN: 978-3-903602-93-9, Euro 24,90 – direkt bestellbar unter www.klosterladen-heiligenkreuz.at oder unter Tel. 0043-2258-8703-400
[2] Artikel 47 des französischen Code de déontologie médicale.
[3] Descartes: Discours d la méthode, dt. Abhandlung über die Methode, zit. nach der Übersetzung von J. H. von Kirchmann, Berlin: L. Heimann, 1870 (Philosophische Bibliothek, Bd. 25/26), 69.
[4] Pierre-Jean Georges Cabanis: Rapports du physique et du moral de l‘homme, Paris, 1844 (1802), 80.
[5] Cabanis: La Décade philosophique, VIIème année de la Republique, Germinal, Band 21, (= 1799), Paris, 150.
[6]Trials of the War Criminals before the Nuremberg Military Tribunals under Control Council Law No. 10, Nuremberg October 1946-April 1949, Volume V, Washington, DC: Government Printing O ce, 1950.
[7] Zitiert von Jean Graven, in: Le procès de l’euthanasie, Les données et la solution d‘un problème ‘insoluble’, Revue pénale Suisse, Vol. 80, Nos. 2 and 3, 1964, 138.
[8] Revue des Travaux de l‘Académie des Sciences morales et politiques, procès-verbaux, 1949/2, 258.
[9] Siehe z. B. Julian Huxley: L‘UNESCO: Ses objectifs et sa philosophie, Vorbereitungskommission der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, UNESCO, Paris, 1946.
[10] Loi n° 99-641 portant création d‘une couverture maladie universelle, 27. Juli 1999.
[11] Loi n° 2001-588 vom 4. Juli 2001.
Aus Interviews mit deutschen Bischöfen beim Katholikentag in Erfurt
Geistliche Wegweisungen
Anlässlich des deutschen Katholikentages vom 29. Mai bis 2. Juni 2024 in Erfurt hat K-TV die Gelegenheit genutzt, um deutsche Diözesanbischöfe zu interviewen. Wir veröffentlichen hieraus auszugsweise besondere „geistliche Perlen“ in der Hoffnung, auch über die Veranstaltung hinaus Impulse der Bischöfe für den Glaubensalltag und die Pastoral zu übermitteln.
Aus Interviews von K-TV
„Frau oder Mann, sprich darüber!“
Aus dem Interview mit dem ersten „autochthonen“ – also nicht schon für das Vorgängerbistum Osnabrück geweihten – Weihbischof des Erzbistums Hamburg, Msgr. Horst Eberlein, der dieses Amt seit 2017 versieht
K-TV: Hätten Sie einen Ratschlag für Menschen, die sich mit der gesamten Entwicklung in der Gesellschaft schwertun, aber auch innerkirchlich, weil die Kirche gerade eine Wüstenzeit durchmacht? Wie kann man durchhalten?
Weihbischof Eberlein: Als erstes würde ich sagen: Frau oder Mann, sprich darüber! Oder schreib das Problem auf, das, was deine Last ist, was nicht gut ist, wo du Schmerzen hast, weil es so ist, wie es ist.
Das zweite wäre: Nie mit Leuten darüber sprechen, deren Hoffnungslosigkeit ich kenne und die mich in meiner Schwarzseherei nur bestärken würden. Lieber mit solchen reden, die einen Blick für das immer auch vorhandene Gute haben, die Hoffnung haben, die mir in solchen schweren Lebenssituationen auch mal widersprechen.
Ich habe vor kurzem das Wort eines Philosophen gelesen: Er hat sich irgendwann entschieden, dem Pessimismus kein Ohr zu leihen, sondern auf die Leute zu schauen, die immer wieder neu aufbrechen. Das finde ich gut, Das ist so eine Alltags-Spiritualität. Dabei muss ich entscheiden: Was lasse ich ein und was lasse ich draußen stehen? Was hilft mir oder was zerstört mich weiter? Das ist auch immer ein Suchen. So kann man die bewusste Entscheidung treffen, nicht zu jammern.
Der Heilige Geist – die „Opposition Gottes im Namen der Menschen“
Aus dem Interview mit Bischof Dr. Heiner Wilmer, Bistum Hildesheim
K-TV: Ich würde mit Ihnen gerne über das Wirken des Heiligen Geistes sprechen. Wie kann man den Menschen von heute den Heiligen Geist am besten erklären?
Bischof Wilmer: Es ist gar nicht so einfach, in der Sprache von heute den Heiligen Geist zu erklären. Ich sage es mal provokativ: Der Heilige Geist ist die Opposition Gottes im Namen der Menschen. Die Opposition Gottes dann, wenn Ungerechtigkeit vorherrscht, wenn es nicht mehr weitergeht.
Der Heilige Geist ist die Überraschung. Und für mich ist ein wunderbares Vorbild, wie jemand mit dem Heiligen Geist umgeht: Maria, die Mutter Jesu. Denn Maria hat sich überraschen lassen. Maria hat nicht die Hände und die Füße gestreckt und gesagt: „Nein“, „nein, mit mir nicht“. Sondern Maria war ruhig in sich und hat sich von der Überraschung Gottes packen und überwältigen lassen, wenn sie sagte: Es geschehe – fiat.
Welche Tipps würden Sie den Gläubigen geben? Wie können Sie denn die Stimme des Heiligen Geistes hören? Wie können wir konkret aus dem Heiligen Geist leben? Was kann eine gläubige Person tun, um auf den Heiligen Geist zu hören?
Erstens glaube ich, dass das Wirken des Heiligen Geistes Stille braucht, auch Schweigen, dass ich mich nicht in den Vordergrund schiebe, sondern bei mir selbst bleibe, und dass ich auch keine Angst vor Alleinsein habe, davor, ganz bei mir zu sein.
Zweitens finde ich es dann auch gut, wenn man mit der einen oder anderen Person diskret ein Gespräch führt – es müssen gar nicht so viele sein, mit einer Person der spirituellen Begleitung, einem Beichtvater, dem ich mich anvertraue und mit dem ich darüber spreche.
Also diese beiden Komponenten würde ich in den Mittelpunkt stellen: Bei-mir-sein, Schweigen, Stille und Gebet und dann ein gutes geistliches Gespräch.
Heute – an Fronleichnam – gedenken wir ganz besonders des Leibes und des Blutes Christi. Können Sie uns Fronleichnam noch einmal ganz kurz erklären? Vor allem für diejenigen, die sich mit einem solchen katholischen Hochfest schwertun?
Ja, es ist mir schon klar, dass sich einige in der katholischen Kirche, aber auch außerhalb der katholischen Kirche schwertun mit Fronleichnam. Es heißt ja im Lateinischen „Corpus Christi“, also das Fest des Leibes oder auch des Körpers Christi. Und wir feiern an Fronleichnam im Grunde genommen den Kern unseres Glaubens, denn es geht um Inkarnation, darum, dass Gott Fleisch wird, darum, dass Gott nicht eine abstrakte Idee bleibt, sondern Körper wird, ein Herz hat. Gott hat ein Herz für die Welt. Das ist eine Kernaussage von Fronleichnam und vielleicht eine Übersetzung ins heute.
Wenn Gott Körper wird, wenn Gott in unsere eigene Haut schlüpft, heißt es für uns, dass wir wie Gott auch zu uns selbst finden dürfen. Wie komme ich gut in meine Haut hinein? Wie finde ich zu meiner Identität? Wie werde ich Ich-selbst vor den Augen Gottes?
Ich wurde heute schon gefragt: Ja, beten Katholiken ein Stück Brot an? Wie würden Sie dem begegnen?
Dem begegne ich ganz entspannt. Wir beten Gott an, Gott steht im Zentrum. Vor Gott verneigen wir uns. Vor Gott gehen wir in die Knie. Vor dem Höchsten verbeugen wir uns. Vor dem Höchsten werfen wir uns in der Frustration auf den Boden! Nein, es geht hier nicht um Magie. Es geht darum, dass wir in dem Stückchen Brot die Gegenwart Gottes so verehren wie in keiner anderen Materie.
Und Jesus, Gott, der Sohn, nimmt Brot in die Hand, bricht es und sagt über das gebrochene Brot: Das bin ich, ich gebe mich hin für euch! Und der Herr bittet: Wenn ihr an mich denkt, macht es weiter! Tut es in Erinnerung an mich! Die Präsenz, die Gegenwart Gottes in dieser Welt hochhalten.
Projekt „lectio divina“ – Bibel-Lesen in vier Schritten
Aus dem Interview mit Bischof Dr. Franz Jung, Bistum Würzburg
K-TV: Ihr Bistum ist bekannt für das Projekt „lectio divina“. Können Sie uns sagen: Was ist die „lectio divina“?
Bischof Jung: Ja, wir haben im Bistum ein großes Projekt gestartet, namens „lectio divina“. Das war mir ein großes Anliegen. Ich habe einen Hirtenbrief dazu geschrieben und wir haben zusammen mit dem katholischen Bibelwerk für jeden Monat eine Arbeitshilfe auf den Weg gebracht.
Was ist „lectio divina“? Ganz einfach: die Heilige Schrift betend lesen und lesend beten. Es ist das, was die Väter immer gemacht haben, in einem klassischen Vierschritt – Lectio: Erst mal hören, was Gott mir sagt. Meditatio: Was höre ich für mich? Oratio: Was möchte ich Gott sagen? Und schließlich Contemplatio: Was nehme ich mit in den Tempel meines Herzens? Welches Wort, welche Szene, welches biblische Ereignis möchte ich mittragen und möchte ich weiter meditieren?
Das möchten wir als Anregung für den Einzelnen in den Pfarreien geben. Es ist sehr erfreulich, dass unsere Ordensgemeinschaften, insbesondere die kontemplativen Ordensgemeinschaften wie Münsterschwarzach, das natürlich auch im Programm haben. Wir wollten es jetzt als Bistumsthema setzen, auch in der Vorbereitung auf das Heilige Jahr 2025.
Könnten Sie unseren Gläubigen einen Tipp zur „lectio divina“ geben? Womit kann man einfach schon mal starten?
Ich würde sagen: Nehmt euch das Evangelium vom Sonntag und bleibt eine Woche lang an dem Evangelium dran, und zwar jeden Tag, vielleicht in dem Vierschritt oder auch nur in einem Zweischritt, zehn Minuten oder sogar 20 Minuten und überlegt: Was möchte ich verkosten? Was spricht mich an? Welches Wort nehme ich mit? Was möchte ich kontemplativ die Woche hindurch mit mir tragen? Und dann wäre es schön, wenn man jemanden hätte, mit dem man sich darüber austauschen kann, um das zu vertiefen.
Christsein als harte Arbeit für den Frieden
Aus dem Interview mit Bischof Heinrich Timmerevers, Bistum Dresden-Meißen
K-TV: Das zentrale Thema auf dem Katholikentag ist der Frieden. Wie kann er sich konkretisieren? Oder, wenn wir noch einen Schritt zurückgehen, wo beginnt der Friede?
Bischof Timmerevers: Der Friede beginnt immer in mir. Und ich glaube, es ist wichtig, dass ich den Frieden suche. Und als Christ kann ich immer nur sagen: Christus ist der Friede.
Ich habe vor einiger Zeit einen Mann kennengelernt, der in der DDR groß geworden ist – ohne Bezug zur Kirche, zum Glauben, zur Religion. Und er hat aus Zufall, weil er eine Bibel gefunden hatte, herumgestöbert und die ganze Bibel gelesen, von vorne bis hinten. Natürlich war er sehr beeindruckt von dem, was das Alte Testament auch an kriegerischen Auseinandersetzungen schildert. Aber er sagte mir: Ich habe auch das Neue Testament gelesen, bin der Gestalt Jesu begegnet und in der Begegnung mit diesem Jesus des Neuen Testaments habe ich in mir einen Frieden gespürt, den die Welt mir nicht geben kann, den ich mir selber nicht geben kann. Christus ist unser Friede. Das hat ihn bewogen, sich dann auf den Weg zu machen und sich irgendwann auch taufen zu lassen. – Ich glaube, in Christus ist der Friede und in ihm oder in der Gemeinschaft mit ihm werde ich friedfertig und tolerant und habe ich ein Herz, für meine Nächsten Werkzeug des Friedens zu sein. Ich glaube, das ist eine harte Arbeit. Das bleibt dem Christen immer als Auftrag gegeben. Aber es ist auch der einzige Weg, um wirklich zum Frieden zu kommen.
Der Mensch – Stellvertreter seines Nächsten im Gebet
Aus dem Interview mit Bischof Dr. Peter Kohlgraf, Mainz
K-TV: Ein geistliches Leben ist ja sehr elementar, um Jesus im Alltag wirklich nachzufolgen. Wir sind digital großgeworden und haben ständig Ablenkungen parat, z.B. durch das Handy. Wie können wir ein geistliches Leben führen und trotzdem nicht weltfremd werden?
Bischof Kohlgraf: Geistliches Leben darf eigentlich nie weltfremd sein. Es darf natürlich eine Zeit geben, in der ich mich auch einmal zurückziehe. Aber grundsätzlich gehört – wenn ich an die guten Traditionen christlicher Spiritualität denke – das Leben, nämlich die Welt, immer mit ins Gebet. Also nicht nur in der Fürbitte, sondern auch im Lob, im Dank. Wenn ich die Psalmen bete, habe ich ganz viel mit Menschen zu tun, deren Stimme ich höre. Die Armen, die Randständigen – ich gebe denen damit eine Stimme. Insofern ist die Welt immer auch dabei, auch wenn es mein persönliches Gebet wird. Ich bete immer auch stellvertretend für andere, die es vielleicht nicht wollen oder auch nicht können.
Und vielleicht noch ein ganz konkreter Wunsch an die Jugend?
Habt euren eigenen Kopf! Ich zitiere bei Predigten gern ein Wort von Papst Franziskus, der einmal gesagt hat: Jeder Mensch wird als Original geboren, die meisten sterben als Kopien. Ich finde das einen sehr klugen Satz. Es geht nicht darum, nur seinen Kopf durchzusetzen. Aber dass jeder Mensch ein Original ist und die Chance haben soll, in sich selber dieses Bild Gottes freizulegen, als Ebenbild Gottes, und darin seinen eigenen Weg zu gehen – dazu wünsche ich unseren Jugendlichen und unseren jungen Leuten wirklich einen guten Kopf, eine Gabe der Unterscheidung und ganz viel Gottvertrauen und Hoffnung in ihre Fähigkeiten – aber auch in die Fähigkeiten anderer.
Friedensgebet in der Heiligen Messe bewusster vollziehen
Aus dem Interview mit Bischof Dr. Bertram Meier, Augsburg
K-TV: Wie gehen Sie persönlich mit all den Eindrücken und Erfahrungen um, die Sie in der Ukraine gemacht haben?
Bischof Meier: Natürlich ist es so, dass es mich selber immer wieder sehr bewegt. Auf der einen Seite ist es Trauer, auf der anderen Seite ist es großer Respekt auch für das Gottvertrauen, das in vielen Christinnen und Christen quer durch die Konfessionen herrscht. Und dann relativiert es auch manches, denn wir machen uns auch sehr viele Sorgen in Deutschland. Uns geht‘s ja gut.
Wir klagen auf hohem Niveau, sei es gesellschaftlich, sei es kirchlich. Und solche Erfahrungen, solche Reisen, sie sind für mich auch ein Ansporn zu sagen: Bertram, nimm dich nicht so wichtig! Kirche auch in Deutschland, nimm deine Probleme nicht so wichtig! Es macht dich leichter, wenn du im Vergleich mit anderen an deren Situationen denkst. Da kann der heilige Johannes XXIII. uns und auch mir persönlich ein großes Vorbild sein.
Und gerade auch als Bischof, als Geistlicher tragen Sie die Ukraine und alle Kriegsstätten der Welt besonders ins Gebet?
Ja, in jedem Fall. Also ich habe für mich gerade neu entdeckt die Anrufung Mariens als Königin des Friedens. Das ist für mich ein ganz, ganz wichtiger Punkt. Ich habe selber ein Gebet geschrieben für die Ukraine, das ich bei verschiedenen Sitzungen eingangs spreche, auch bei Versammlungen. Es ist eigentlich immer ein Gebet um Frieden.
Wir haben uns an den Frieden gewöhnt. Dies ist ja auch etwas Gutes, wir dürfen froh und dankbar sein. Aber was wir jetzt gerade erleben, ist, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist. Und bei jeder Eucharistiefeier vor der heiligen Kommunion, vor dem Agnus Dei, steht ja das Friedensgebet. Auch dort formuliere ich manchmal frei. Friede ist nicht selbstverständlich. Jesus ist der Friedensfürst. Er hat uns den Frieden gebracht, aber er hat sich in eine Krippe gelegt und ist ans Kreuz für uns gegangen.
Auch hier, glaube ich, ist es ganz wichtig, dass dies nicht Routine wird. Das Friedensgebet bei der Heiligen Messe – das sollten wir bewusster beten.
Marianische Lernkurve
Aus dem Interview mit Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck, Bistum Essen
K-TV: Haben Sie schon eine persönliche Erfahrung in Lourdes gemacht? Haben Sie eine besondere Beziehung vielleicht auch zu Bernadette Soubirous?
Bischof Overbeck: Wie für viele andere Marienwallfahrtsorte gilt auch für Lourdes, dass man deutlich spürt: Hier wird gebetet. In persönlichen Notlagen ist das das Wichtigste. Denn das Gebet, das eigene aber auch das Wissen um die Gebete anderer, kann Menschen in schweren Zeiten tragen. Für manche kann auch die Fürsprache der Gottesmutter als Kraft spendende Erfahrung hinzukommen. In welchem Maß das eigene Gebet, das gemeinsame Gebet mit anderen oder die Erfahrung der Fürsprache der Gottesmutter als wirksame Kraft für das eigene Leben empfunden werden, das ist so unterschiedlich, wie es die Menschen sind, die nach Lourdes kommen. Aber an besonderen Gebetsorten wie Lourdes erkennen zu dürfen: das sind Wege, die Menschen gehen können, um friedvoller zu leben, das ist ein Segen.
Der Figur der Bernadette Soubirous kommt an speziell diesem Gebetsort in Lourdes sicherlich eine ganz besondere Bedeutung zu. Sie zeigt uns, was es bedeutet hat, in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine einfache katholische Christin zu sein – vergleichsweise ungebildet, obgleich auf einer unglaublichen Lernkurve befindlich – und als solche eine Nähe Gottes zu erfahren, die eben nur wenigen gewährt wird. Bernadette wird so zur Zeugnisgeberin für die einfachen Christen und Christinnen, dass die Nähe Gottes keiner Elite vorbehalten ist. Ihr Leben zeigt uns aber auch, dass eine solche Erfahrung sowohl eine Last als auch ein Segen sein kann.
Turbulenzen gehören dazu
Aus dem Interview mit Bischof Dr. Rudolf Voderholzer, Regensburg
K-TV: Welche Themen sprechen Sie hier am Katholikentag besonders an und welche halten Sie für besonders relevant? Gerade in unserer heutigen Zeit?
Bischof Voderholzer: Das Motto des Katholikentags hier in Erfurt ist sehr klug gewählt, ein Wort aus dem Alten Testament, das uns das Thema Frieden in Erinnerung ruft: „Zukunft hat der Mann des Friedens.“ Es ist aus dem Psalm 37 genommen und gehört mit dem zweiten Halbsatz zusammen, dass nämlich diejenigen, die Unfrieden stiften, keine wirkliche Zukunft haben, sondern ins Verderben rennen. Also die alttestamentliche Zwei-Wege-Lehre, von der wir freilich wissen, dass sie auch schon innerhalb des Alten Testaments problematisiert wurde, weil wir natürlich erleben müssen, dass es oft die Gerechten sind, die leiden müssen, dass es den Guten schlecht und den Schlechten gut geht.
Aber das lässt sich nur aus neutestamentlicher Perspektive letztlich auflösen. Christus ist der Gute, Christus ist der Mann des Friedens. Das hat ihn letztlich das Kreuz gekostet und sein Blut. Aber nur von ihm her können wir versuchen, Wege zum Frieden zu finden, zu entdecken. Und das ist das wichtigste Thema – scheint mir – hier beim Katholikentag.
Wie verstehen Sie Ihre Aufgaben als Bischof in der Kirche von heute? Denn da geht es ja sehr turbulent zu.
Es ist in der Kirchengeschichte immer turbulent zugegangen. Da brauchen wir uns nichts einbilden auf unsere Gegenwart. Und insofern ist die Aufgabe des Bischofs dieselbe wie immer: den Glauben treu verkünden, zu schauen, dass die Einheit gewahrt wird, die Einheit im Bistum, die Einheit mit der Weltkirche. Das ist in der Tat momentan eine besondere Herausforderung.
Aber wir sollen nicht meinen, dass das früher nicht auch schwierig war. Wichtig sind die großen Orientierungspunkte für unseren Glauben: die Schrift, die Tradition, die kirchliche Lehre – treu auch zum Papst und den verantwortlichen Kardinälen in Rom zu stehen. Und ich denke, dass wir da auf einem guten Weg sind.
Eucharistische Anbetung – Liturgie des Lebens
Aus dem Interview mit Bischof Dr. Stefan Oster, Passau
K-TV: Der Adoratio-Kongress bezieht sich ja auf die Adoration, also auf die Anbetung. Was steckt da eigentlich für ein Impuls dahinter? Warum machen Sie das?
Bischof Oster: Ich glaube, in der Anbetung passiert vielleicht am ehesten, dass wir eine Haltung finden, in der wir anerkennen, dass Gott Gott und wir Gottes Geschöpfe sind. Und ich bin ziemlich überzeugt davon, dass, wenn wir glauben, dass in unserem Leben die Gnade wirken, wirksam werden soll, fließen soll, dass wir gewissermaßen lernen müssen, Gott auf der Ebene entgegenzugehen, auf der er kommt. Und die Weise, in der er kommt, ist absichtslose Liebe, abgründige Liebe, die sich unfassbar klein macht, damit wir gewissermaßen manchmal aus dem eigenen Müll oder aus dem eigenen Unvermögen herausgenommen werden, um wachsen zu können.
Das heißt im richtig verstandenen Sinn, vor Gott auf die Knie gehen. In der Anerkennung, wer Er ist und wer wir sind, macht er uns fähig, die Gnade zu empfangen, die auf diesem Weg kommt. Gott hat die Welt als absichtslose Liebe geschaffen. Er hat uns am Kreuz als absichtslose Liebe erlöst. Das heißt, um ihm entgegen zu gehen, lernen wir hoffentlich uns selbst anzubieten und in der Haltung zu bleiben. Denn man kann auch sagen, im Grunde geht es hier um einen geschöpflichen Grundvollzug unseres Lebens. – Aber Anbetung ist damit auch nicht nur, vor dem Allerheiligsten in die Knie zu gehen, sondern herauszugehen und ein Leben aus der Anbetung zu lernen. Das heißt zum Beispiel, im tiefen Respekt vor dem anderen Menschen, in dem das Geheimnis Gottes auch gegenwärtig ist, im tiefen Respekt vor der Schöpfung unterwegs zu sein. Das heißt: Mach aus deinem Leben auch eine Liturgie des Lebens!
Aber dazu braucht es auch eine Einübung in diesen Vollzug, vor Gott da zu sein in der Weise der Anerkennung: Er ist Gott und ich bin sein Geschöpf. Und hilf mir, dir zu vertrauen und dich zu lieben!
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2024
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
Fünf Jahre Heiligsprechung des „Unruhestifters“ John Henry Newman (1801–1890)
Erwecker der Gewissen
Auf seiner Englandreise im Jahr 2010 nahm Benedikt XVI. selbst die Seligsprechung des großen Gelehrten John Henry Newman vor. Diesen Moment bezeichnete der Papst aus Deutschland als besonderes Glück in seinem Leben. Am 13. Oktober 2019 wurde Kardinal Newman von Papst Franziskus heiliggesprochen. Studiendirektor a. D. Jakob Knab, der eine große Verehrung für den Konvertiten und Vorkämpfer eines neuzeitlichen Katholizismus hegt, erinnert an die aktuelle Bedeutung vieler Aussagen Newmans. In prophetischer Weise hatte sich dieser unerschrockene Kirchenmann gegen die Anmaßungen und Übergriffe weltlicher Macht gerichtet und das Recht auf die Freiheit des Gewissens eingefordert. Er sah das Propagieren von Feindbildern voraus, mit dem die Tyrannei Gewalt, Grausamkeit und Krieg rechtfertigt. In den Jahren der NS-Gewaltherrschaft wurden viele seiner Schriften auch ins Deutsche übersetzt und unter Intellektuellen verbreitet. Nachweislich bildeten sie eine entscheidende Inspiration für das Widersagen gegen die Nazi-Herrschaft.
Von Jakob Knab
Persönliche Vorbemerkung
Mein Flug München-Birmingham zur Seligsprechung von John Henry Newman hatte Verspätung. Als ich am Freitag, den 17. September 2010, nach Mitternacht im Hotel in Coventry ankam, saßen da nur noch einige ältere, trinkfeste Herren in der Lounge. Und als ich ihnen erzählte, dass ich am Sonntag den Papst aus meiner Heimat sehen würde, stand einer der Herren auf und erhob den Arm zum Deutschen Gruß. Ich erklärte dieser Herrenrunde, dass ich bereits im April 2005 mit einem Journalisten von der Sunday Times über die Schlagzeile „Papal hopeful is a former Hitler Youth“ einen Streit ausgefochten hatte. Nach meiner Geschichtsstunde stand der oben genannte Gentleman auf und reichte mir die Hand der Versöhnung.
Erinnerung an Coventry 1940
Am Sonntag darauf wurde John Henry Newman, der Gründer des Oratoriums Philipp Neri im nahen Birmingham, zur Ehre der Altäre erhoben. Der deutsche Papst Benedikt XVI. begann seine Ansprache, indem er dem englischen Volk die Hand der Versöhnung bot und um Vergebung bat: „Für mich als jemanden, der in den dunklen Tagen des Nazi-Regimes in Deutschland gelebt und gelitten hat, ist es sehr bewegend, bei diesem Anlass hier mit euch zusammen zu sein und daran zu erinnern, wie viele eurer Mitbürger ihr Leben hingegeben haben, indem sie sich mutig den Kräften jener üblen Ideologie widersetzten. Meine Gedanken gehen besonders zum nahe gelegenen Coventry, das im November 1940 ein so schweres Bombardement erlitt und einen enormen Verlust an Menschenleben zu beklagen hatte.“ In seiner Ansprache zitierte der Papst Newman so: „Ich habe meine Sendung. Ich soll auf meinem Posten ein Engel des Friedens, ein Prediger der Wahrheit sein.“ Die Worte des Papstes aus Deutschland wurden von den englischen Medien mit Sympathie und Wohlwollen aufgenommen.
Dank seiner intuitiven Wahrnehmung
Wenn wir nun auf Newmans Lebensgeschichte blicken, dann spüren wir noch heute seine Gewissheit, dass er eine Mission zu erfüllen habe. „Das Werk der Befreiung und Erlösung“, so Newman, „muss von einzelnen Persönlichkeiten ausgehen.“ „Religiöse Wahrheit wird nicht durch Denken“, so eine seiner Einsichten, „sondern durch eine innere Wahrnehmung erlangt.“ Für Newman gelangte der Mensch nicht durch Logik und reine Vernunft zu Gewissheiten, sondern dank seiner intuitiven Wahrnehmung. So trafen ihn die Worte des hl. Augustinus „Securus judicat orbis terrarum“ (dt. Sicher ist das Urteil des Erdkreises) mit einer Wucht, so wird Newman später bekennen, wie er sie nie zuvor empfunden hatte. Um seinen Abschied von der anglikanischen Kirche zu begründen, verfasste Newman das Werk The Development of Christian Doctrine (Die Entwicklung der Glaubenslehre). Im Oktober 1845 wurde er in die katholische Kirche aufgenommen. Durch diesen Übertritt war er gesellschaftlich in ein Niemandsland geraten. Katholisch sein – das bedeutete im England des 19. Jahrhunderts: einer ungebildeten und verachteten Minderheit angehören. Doch Newman wollte dazu beitragen, die englischen Katholiken aus ihrem geistigen Ghetto herauszuführen und ihnen Bildungsmöglichkeiten zu verschaffen. Er trat für einen gebildeten Laienstand ein, der seinen Glauben verteidigen und seine Erfahrungen in die Kirche einbringen konnte.
Verbreitung im deutschsprachigen Raum
Es gibt ja erstaunliche Berührungspunkte: Als der neu ernannte Kardinal John Henry Newman in den ersten Juni-Tagen 1879 von Rom aus zurück in sein Oratorium in Birmingham aufbrach, da wurde im Schwabenland Theodor Haecker geboren. Viele Jahre später, im November 1920, wird er an das dortige Oratorium schreiben, dass er „aus Liebe zu Cardinal Newmans Geist und Werken dessen Grammar of Assent (Zustimmungslehre) ins Deutsche übersetzen“ wolle. Zwei Jahre später übertrug Haecker Newmans Werk The Development of Christian Doctrine ins Deutsche. Im Februar 1939 gab er die lapidare Antwort: „Ich bin, wenn man fragt, ‚durch Zufall‘ auf Newman gekommen.“
Haecker hatte auch Predigten Newmans ins Deutsche übertragen. Einige davon wurden zunächst in der Monatsschrift Hochland veröffentlicht. Deren idealtypischer Grundtenor war der Widerspruch zwischen der Freiheit des Gewissens und den Übergriffen einer weltlichen Herrschaft. Es trat auch der Gedanke zutage, dass das Böse in der Geschichte schließlich durch das Martyrium gläubiger Menschen überwunden werde. Newmans Predigten führen auch den heutigen Leser in die existenzielle Mitte dieses so „intuitiven“ Theologen, der mit seinem herausragenden Gespür ideengeschichtliche Zusammenhänge erfasst hatte.
Gegen die Anmaßungen und Übergriffe weltlicher Macht
Im Jahr 1934 wurde Newmans Predigt „Die christliche Kirche. Eine imperiale Macht“ im Hochland veröffentlicht. Diese Oxforder Kanzelrede aus dem 19. Jahrhundert richtete sich gegen die Anmaßungen und Übergriffe weltlicher Macht. Gegen den „Geist der Welt“ und seiner „Grausamkeit und Tyrannei“, gegen „Angriff und Vorrücken“ gegen „Kriegführen gegen die Feinde“ setzte der Prediger Newman den Gott des Alten Testamentes, der „Seinem Volk Israel Recht schafft.“ Hochland druckte diese Worte im Jahr 1934, als die Juden Schritt für Schritt ausgegrenzt wurden und politische Gegner in einer Säuberungswelle nach dem so genannten Röhm-Putsch ermordet wurden. Der kundige Leser konnte verstehen, worauf sich jene Worte von der „Grausamkeit und Tyrannei“ bezogen.
Die Hochland-Hefte wurden von den Lesern weitergereicht, denn diese Beiträge waren noch nicht Opfer einer ideologischen Gleichschaltung. 1938 erschienen in zwei Hochland-Ausgaben zwei weitere Newman-Texte. Zunächst seine Predigt „Der Glaube und die Welt“, wo Newman die grausame Wirklichkeit des Bösen in der Welt aufgreift, wenn er von der „maßlosen Tyrannei“, von „Mustern des Bösen“ und vom „geheimen Anstifter Satan“ spricht. Gegen Werte der Welt wie „Macht und Rang und Vermögen“, wie „Krieg, Politik und Handel“ setzte Newman die „Zartheit des Gewissens“. Der Prediger betete um jene „Liebe, dass wir Sehnsucht haben nach der Wahrheit“. Ebenfalls 1938 druckte Hochland Newmans Ansprache „Die Religion des Tages“. Damit meinte der Prediger gängige „Trugbilder“, die er auch „widerwärtige Gespenster“ nannte. In Newmans Schau waren es die „Tyrannen eines hintergangenen Volkes“, die zum „Trugbild der Wahrheit“ verführen. Die Leser des Jahres 1938, in dem die Gotteshäuser der Juden zerstört wurden, verstanden die Anspielungen, wer mit den „widerwärtigen Gespenstern“ und mit den „Tyrannen“ gemeint war.
„Da steht dir eine herrliche Welt bevor!“
Ende Oktober 1941 erwarb Sophie Scholl in der Buchhandlung Rieck in Aulendorf (Oberschwaben) zwei Bände mit Predigten Newmans. Die Anregung dazu war von dem Ulmer Kirchenmaler Wilhelm Geyer, dem späteren Freund Romano Guardinis, gekommen. Sophie Scholl fühlte sich hingezogen zu einer Gläubigkeit, die von der Intuition, von der Sehnsucht und Sinnlichkeit ausgeht; ihre Suche nach Wahrheit wurde auch durch Newman gestillt. Auch der Engländer Newman steht in der großen Tradition von Paulus und Augustinus, wenn er bekennt: „Das Drama der Religion und der Kampf zwischen Wahrheit und Irrtum war immer und überall derselbe.“ Newman selbst fand Gewissheit in dieser Erkenntnis des Augustinus: „Securus judicat orbis terrarum“ – „Sicher urteilt der Erdkreis.“ Über den Augenblick der eigenen Bekehrung bekennt Newman: „Denn ein bloßer Ausspruch, die Worte des hl. Augustinus, trafen mich mit einer Wucht, wie ich sie nie zuvor empfunden hatte. … sie glichen dem Tolle, lege des Kindes, das den hl. Augustinus bekehrte.“
Sophies Jugendfreundin Susanne Hirzel erinnert sich: „Sofie las unaufhörlich und reichte mir eines Tages ein Buch von Kardinal Newman. ‚Was? Den kennst Du nicht? Da steht dir eine herrliche Welt bevor!‘“ Im ersten Band dieser Predigtsammlung entdeckte Sophie Scholl diese Themen: „Gehorsam gegen Gott als Weg zum Glauben an Christus“ sowie „Der persönliche Einfluss als Mittel zur Verbreitung der Wahrheit“; im zweiten Band fanden wohl folgende Überschriften ihr Interesse: „Die Geheimnisse des Christentums“, „Glaube und Erfahrung“ sowie „Das Zeugnis des Gewissens“.
Die quälende Frage nach Leid und Elend
Die Frage nach Elend, Leid und Übel in der Welt trieb Sophie Scholl um. Gleich auf den ersten Seiten des ersten Bandes muss sie auf die folgenden Zeilen gestoßen sein, wenn der Prediger Newman die Frage stellte „Warum ist Schmerz in der Welt?“ Im Juni 1829 hatte John Henry Newman, der junge Prediger an der Universitätskirche von Oxford, seine Zuhörer so angesprochen: „Und der Mensch martert erbarmungslos das Tier, zwingt es oft zu einem Leben voll Qual. Und schaut nur die Überfülle von Schmerz und Elend in der Geschichte der Menschheit; die unzähligen Krankheiten und Unglücksfälle, die Schmerzen der Seele; dann das Übel, das wir einander zufügen, die Sünden und ihre furchtbaren Folgen! Warum lässt Gott so viel Böses zu in seiner eigenen Welt? Das ist eine Schwierigkeit, die wir empfinden, noch ehe wir die Bibel aufschlagen, und die wir absolut nicht lösen können. Wir öffnen das heilige Buch, wir finden die Tatsache des Übels anerkannt, aber eine Erklärung finden wir nicht.“
Nazis bezeichnen Grausamkeit als „groß“
Als sich im Mai 1942 – wenige Wochen zuvor hatte sie ihr Studium an der Universität München begonnen – Sophie Scholl und ihr Verlobter Fritz Hartnagel zum letzten Mal sahen, da schenkte sie ihm zum Abschied zwei Predigt-Bände von John Henry Newman. In einem Brief an Sophie, geschrieben Ende Juni 1942 im Ostteil des Donez-Beckens, klagte der Offizier Hartnagel: „Es ist erschreckend, mit welcher zynischer Kaltschnäuzigkeit mein Kommandeur von der Abschlachtung sämtlicher Juden des besetzten Rußland erzählt und dabei von der Gerechtigkeit dieser Handlungsweise vollkommen überzeugt ist. Ich saß mit klopfendem Herzen dabei. Oh wie froh war ich, als ich wieder allein auf meinem Feldbett lag und zu Dir und meinem Gebet flüchten konnte.“
Im Kriegssommer 1942 entdeckte auch er die „herrliche Welt“ des John Henry Newman. Jede Zeile nahm er in sich auf wie „Tropfen eines kostbaren Getränks“. Newman hinterließ bei ihm offenkundige Spuren; denn wenige Tage nach jenen judenfeindlichen Entgleisungen seines Vorgesetzten schrieb er an seine „liebe Sofie“: „Welcher Irrtum ist es, die Natur zum Maßstab unseres Handelns zu machen und ihre Grausamkeit als ‚groß‘ zu bezeichnen.“ Auch die folgenden Zeilen, geschrieben Anfang Juli 1942, sind Frucht seiner Newman-Lektüre: „Wir aber wissen, von wem wir erschaffen sind, und daß wir zu unserem Schöpfer in einem verpflichtenden Verhältnis stehen. Uns ist mit dem Gewissen die Fähigkeit gegeben Gutes von Bösem zu unterscheiden.“
„Unterwerfen des Intellekts unter Geheimnisse“
Ein genauer Textvergleich zeigt, dass Hartnagel in diesen für ihn entscheidenden Tagen Newmans Predigt „Das Zeugnis des Gewissens“ las. Newman entfaltet hier – ausgehend von der Paulusstelle 2 Kor 1,12 – die Leitmotive seiner Lehre vom Gewissen: „Unserer Natur nach sind wir, was wir sind: voller Sünden und verdorben.“ Und er fährt fort: „Der Mensch tut Gutes und Böses. Wenn gute Werke ein Zeugnis des Glaubens sind, dann sind Sünden ein noch viel überzeugenderer Beweis, dass der Glaube fehlt.“
Hartnagel schließt seinen Brief an die „liebe Sofie“ mit der Einsicht: „Diesen Geheimnissen müssen wir unsere Vernunft unterwerfen und uns zum Glauben bekennen.“ Er knüpfte hier nahezu wörtlich an Newman an, der Glauben als „Unterwerfen des Intellekts unter Geheimnisse“ sieht.
Erwecker der Gewissen
Reinhold Schneiders Werk „Macht und Gnade“ (1940) gehört zu jenen Büchern, die auch im Freundeskreis der Weißen Rose gelesen wurde. Es werden jene Menschen gewürdigt, die „sich opfernd und scheiternd, für das Endgültige zeugen und zugleich für das Volk.“ Im Oktober 1945, wenige Monate nach dem Ende des Krieges, hielt Reinhold Schneider in Freiburg einen Vortrag zum 100. Jahrestag, da Newman in die Kirche aufgenommen wurde. Diese Rede trug den Titel „Newmans Entscheidung“.
Schneider würdigte ihn als einen Bekenner: „Er sah die Macht des Teufels heranstürmen mit einem gewaltigen Anspruch auf die Zukunft, eine Zeit, die er selber nicht mehr erleben werde.“ Schneider beendete seinen Vortrag mit einem gläubigen und hoffnungsfrohen Ausblick; denn er sah Newman als den „Erwecker der Gewissen am Ende seines Lebens schon deutlich von einer Herrlichkeit umleuchtet, die nicht von dieser Welt ist.“
Papst Franziskus: Heiligkeit des Alltags
Im September 2010 wurde Newman in Birmingham in die Schar der Seligen aufgenommen. Es war die einzige Seligsprechung, bei der Papst Benedikt XVI. persönlich den Gottesdienst leitete.1 Vor nunmehr fünf Jahren wurde der Selige John Henry Newman heiliggesprochen. Hier der Schluss der Predigt von Papst Franziskus bei Newmans Heiligsprechung am 13. Oktober 2019 auf dem Petersplatz in Rom:
Es ist die Heiligkeit des Alltags, von der der heilige Kardinal Newman spricht: „Der Christ besitzt einen tiefen, stillen, verborgenen Frieden, den die Welt nicht sieht. Der Christ ist heiter, zugänglich, freundlich, sanft, zuvorkommend, lauter, anspruchslos; er kennt keine Verstellung, er ist dabei aber so wenig ungewöhnlich oder auffallend in seinem Benehmen, dass er auf den ersten Blick leicht als ein gewöhnlicher Mensch angesehen werden mag.“ Bitten wir darum, so zu sein, „gütiges Licht“ inmitten der Finsternisse der Welt. Jesus, „bleibe bei mir! Dann werde ich selber auch leuchten, wie du geleuchtet hast, werde andern ein Licht sein.“ Amen.
Anmerkung: An Pfingsten 2013 besuchte ich polnische Freunde in Posen. Es war eine wunderbare Fügung, dass Zenon Kardinal Grocholewski an diesem Pfingstfest sein Goldenes Priesterjubiläum feierte. Beim Empfang wurde ich als Newman-Gelehrter aus Deutschland vorgestellt. Der Kardinal hielt meine Hände und erzählte mir von seinen Begegnungen mit dem Heiligen Vater Benedikt XVI. – und wie glücklich er war, da er im September 2010 John Henry Newman selig sprechen durfte.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2024
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
K-TV im Dienst des biblischen „Effata“
Effata – Öffne dich!
Am 11. September 1999 ging der katholische Fernsehsender K-TV zum ersten Mal auf Sendung. Sein Gründer, der Schweizer Pfarrer Hans Buschor, hatte den Namen K-TV als Abkürzung für Kephas-TV gewählt. Das hebräische Wort „Kephas“ bedeutet der „Fels“ und entspricht dem griechischen „Petrus“. Mit der Bezeichnung K-TV wollte Pfr. Buschor die Einheit mit dem Nachfolger des hl. Petrus und die Treue zum kirchlichen Lehramt hervorheben. So führte der Sender zum 25-jährigen Jubiläum eine sechstägige Rom-Wallfahrt durch. Zum Auftakt feierte Kurt Kardinal Koch, Präfekt des Dikasteriums für die Förderung der Einheit der Christen, am 8. September 2024 mit der Pilgergruppe eine hl. Messe in der Kirche Santa Maria dell‘ Anima. Nachfolgend seine ermutigende Predigt im Wortlaut.
Von Kurt Kardinal Koch
Wir haben uns in der Kirche zur Feier der Heiligen Messe versammelt, um 25 Jahre seit der Gründung von K-TV zu gedenken und dafür zu danken. An erster Stelle danken wir dem lebendigen Gott, in dessen Hand wir das vergangene Vierteljahrhundert zurücklegen. Denn Er ist der Herr der Zeit, der Herr auch der vergangenen 25 Jahre. In Dankbarkeit denken wir auch an die Menschen, die wie vor allem Pfarrer Hans Buschor dieses Projekt gewagt haben, so dass am 11. September 1999 der Sendestart stattfinden konnte. Wir danken allen, die für den Sender Verantwortung tragen: den Geistlichen Leitern Herrn Pfarrer Werner Maria Hess und Herrn Pfarrer Dr. Thomas Maria Rimmel und seinen Mitarbeitenden und den Mitgliedern der Kephas-Stiftung, die als Träger dient. Und wir danken besonders auch den Zuschauenden und Spendern, von denen das Fernsehen lebt. Es ist ein schönes Zeichen, dass das 25-Jahr-Jubiläum hier in Rom gefeiert wird, wo der Nachfolger des biblischen Kephas seinen Sitz hat, von dem bereits der hl. Ignatius von Antiochien gesagt hat, er habe den „Vorsitz in der Liebe“ inne.
Die Taubheit gegenüber Gott überwinden
Nehmen wir das heutige Jubiläum zum Anlass, uns erneut darauf zu besinnen, wozu ein katholisches Fernsehen in Kirche und Gesellschaft heute dient. Eine hilfreiche Antwort wird uns gegeben im heutigen Evangelium, in dem die Heilung eines Taubstummen durch Jesus im Mittelpunkt steht. Im Neuen Testament wird immer wieder berichtet, dass Jesus sich bei seinen Heilungen stets mit den Sinnen der Menschen abgibt. Denn die Sinne der Ohren, des Mundes und der Augen sind uns Menschen als elementare Mittel der zwischenmenschlichen Kommunikation gegeben. Das Fehlen dieser Sinne schließt die Menschen oft von der Gemeinschaft aus und macht sie beziehungslos. Indem Jesus die Tauben, Stummen und Blinden heilt, gibt er ihnen zugleich die Möglichkeit zurück, wieder in ein gesundes Zusammenleben mit anderen Menschen einzutreten und mit den geheilten Sinnen erneut Kommunikation mit den Mitmenschen aufzunehmen.
Jesus erweist sich im besten Sinn als Therapeut, genauer als Gottestherapeut, der mit dem einen Wort die Heilung vollzieht: „Effata“ – „Öffne dich“. Dieses Heilungswort hat dem Taubstummen im Evangelium die Ohren geöffnet und die Zunge von ihrer Fessel befreit, so dass der Mann im Gebiet der Dekapolis wieder richtig reden konnte.
Über dieses Wunder Jesu werden wir gewiss dankbar staunen; von ihm innerlich berührt werden wir aber erst, wenn wir bedenken, dass es nicht nur eine physische Schwerhörigkeit, sondern auch eine geistige und geistliche Schwerhörigkeit gibt, und zwar vor allem Gott gegenüber. Auf sie hat Papst Benedikt XVI. während seines Besuchs in Bayern im September 2006 mit diesen eindringlichen Worten hingewiesen: „Es gibt eine Schwerhörigkeit Gott gegenüber, an der wir gerade in dieser Zeit leiden. Wir können ihn einfach nicht mehr hören – zu viele andere Frequenzen haben wir im Ohr.“ Und „mit der Schwerhörigkeit oder gar Taubheit Gott gegenüber verliert sich natürlich auch unsere Fähigkeit, mit ihm und zu ihm zu sprechen."[1]
Auch und gerade in dieser Situation haben wir das Heilungswort Jesu dringend nötig: „Effata“. Jesus hat es uns bereits einmal zugesprochen in unserer Taufe, wie es in der Taufliturgie mit dem Öffnen der Ohren und Augen zum Ausdruck gebracht wird. In der Taufe hat Christus uns innerlich berührt und gesagt: „Effata“ – „Öffne dich“, damit du hörfähig für Gott wirst. Dieses in der Taufe uns einmal zugesprochene „Effata“ muss uns aber immer wieder zugesprochen werden, damit wir uns für Gott öffnen.
Die Unruhe auf Gott hin wachhalten
Im Dienst eines solchen „Effata“ steht auch K-TV. Mit seinen zahlreichen und vielfältigen Sendungen über religiöse Themen und den Übertragungen von Gottesdiensten öffnet der Sender die Ohren der Menschen für Gott und hilft die Taubheit gegenüber Gott in der heutigen Welt zu überwinden, und zwar im Dienst an der geistigen und geistlichen Gesundheit der Menschen. Denn das „Effata“ für Gott kommt dem Menschen und seinem Leben zugute.
Wer sein Leben auf Gott ausrichtet, gibt seinem Leben einen Horizont und vor allem Weite. Dies zeigt sich bereits daran, dass überall dort, wo den Menschen die Welt Gottes verschlossen ist, sich ihnen die Versuchung aufdrängt, die Erfüllung ihres Lebens und damit den Himmel gleichsam auf Erden zu suchen. Für ein solches Bemühen stehen in der heutigen Gesellschaft nur wenige Betätigungsfelder zur Verfügung, genauer diejenigen des Amüsements, der Arbeit und der Liebe. Von daher droht die große Gefahr, dass die Menschen sich heute zu Tode amüsieren, zu Tode arbeiten und sogar zu Tode lieben, wie prominente Fachexperten des modernen Lebens diagnostizieren. In diesem dreifachen „zu Tode“ kommt aber an den Tag, wie befreiend und erlösend es ist, sein eigenes Leben im Horizont Gottes und mit ihm zu leben.
Wer Gott sagt, redet zudem auch vom ewigen Leben. Auch diese Aussicht ist für das Gelingen des menschlichen Lebens von unschätzbarer Bedeutung. Ich sehe diesbezüglich eigentlich nur eine Alternative: entweder nehmen wir die Aussicht des christlichen Glaubens auf ein ewiges Leben dankbar an oder wir müssen uns mit der Endlichkeit der Welt tapfer oder resigniert abfinden oder uns zum Dauernörgler am „real existierenden Leben“ entwickeln. Wenn aber der Ausblick auf das ewige Leben trägt, gewinnen wir einen neuen und größeren Horizont. Und wir erhalten mehr Zeit, gerade in der heutigen Zeit der Zeitverknappung. Diesen Zugewinn an Zeit hat die deutsche Soziologin Annemarie Gronemeyer mit der Beobachtung zum Ausdruck gebracht: Das Problem des heutigen Menschen mit der Zeit besteht darin, dass wir heute zwar immer länger, faktisch jedoch viel kürzer leben; und sie hat dieses Problem in der Kurzformel verdichtet: Früher lebten die Menschen vierzig Jahre plus ewig; heute jedoch leben sie nur noch neunzig Jahre, und dies ist sehr viel weniger.
Wer mit Gott lebt und sein Leben auf das ewige Leben ausrichtet, der erfährt die tiefe Wahrheit, mit der der hl. Augustinus seine eigene Lebenserfahrung ausgesprochen hat: „Unruhig ist des Menschen Herz, bis es ruhen kann bei Gott.“ In der Tat vermag allein die einzig maßlose Wirklichkeit Gottes eine maßlose Antwort auf die maßlose Sehnsucht des menschlichen Herzens zu geben. Dazu beizutragen, dass diese Unruhe in den Menschen auch heute lebendig bleibt und nur bei Gott zur Ruhe kommt, darin erblicke ich eine wesentliche Aufgabe von K-TV, das im Dienst des biblischen „Effata“ steht.
Die Schönheit des Glaubens ausstrahlen
Hinzu kommt ein Zweites. Wie der taubstumme Mann im Evangelium nach dem Öffnen der Ohren und der Befreiung der Zunge von ihrer Fessel wieder reden konnte, so besteht eine wichtige Aufgabe auch von K-TV darin, Gott und seine Wahrheit in der heutigen Welt zur Sprache zu bringen und den getauften Christen zu helfen, wieder sprachfähig zu werden, den lebendigen Gott mit dem eigenen Leben zu bezeugen und die Liebe Gottes in die Welt zu bringen. Darin besteht im Kern die Sendung der Neuen Evangelisierung.
Ihre Voraussetzung besteht darin, dass wir die Schönheit des katholischen Glaubens wiederentdecken und sie mit Freude an die Menschen weitergeben. Denn die Freude ist der innerste Antrieb der Glaubensweitergabe. Er lässt sich wohl am einfachsten mit einer Weisheit des Volksmundes verdeutlichen, die besagt: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ Diese Weisheit kennen wir aus eigener Erfahrung: Wenn Menschen etwas sehr Schönes erlebt haben, wenn sie beispielsweise von bereichernden Ferien nach Hause gekommen sind, braucht man sie nicht erst aufzufordern, davon zu erzählen, was sie erlebt haben; sie werden es vielmehr von sich aus tun, um anderen Anteil zu geben an dem, was sie erfahren haben.
„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“: Diese Wahrheit gilt erst recht für den christlichen Glauben. Wenn er das Herz von uns Christen erfüllt, werden wir von selbst beginnen, das Evangelium zu verkünden und zu anderen Menschen von Gott zu sprechen. Die Neuevangelisierung braucht getaufte Menschen, deren Herz von Gott geöffnet und deren Vernunft vom Licht Gottes erleuchtet ist, so dass ihr Herz die Herzen anderer berühren und die Vernunft zur Vernunft anderer Menschen sprechen kann. Auch heute kann Gott nur zu den Menschen kommen über Menschen, die selbst von Gott berührt sind.
Die Neue Evangelisierung geschieht heute nicht so sehr durch konsumfreundliche Werbung oder durch die Verbreitung von viel Papier und auch nicht in den Medien. Das entscheidende Medium der Ausstrahlung Gotts sind wir Christen selbst, die ihren Glauben glaubwürdig leben und so dem Evangelium ein persönliches Gesicht geben, indem sie gleichsam wie finnische Kerzen leben, die bekanntlich von innen nach außen brennen und so Licht geben. Denn wenn uns Jesus Christus als Licht der Welt einleuchtet, werden wir von selbst ausstrahlen.
Die Schönheit des Glaubens in Freude auszustrahlen macht eine wesentliche Sendung von K-TV aus. Dies kann nicht bedeuten, die Schwierigkeiten und Probleme zu verschweigen, die es auch und gerade heute in der Kirche zumal in unseren Breitengraden reichlich gibt. Doch sie können nur wahrgenommen und zu überwinden versucht werden, wenn wir sie im Licht der Wahrheit und Schönheit des Glaubens betrachten. Sich auf das Positive und Gute zu konzentrieren, darauf legt K-TV seit jeher den Akzent, und dies mit bestem Recht.
Nehmen wir das heutige Jubiläum als Gelegenheit wahr, dankbar die 25 Jahre treuen Dienst von K-TV zu verdanken und Gott zu bitten, dass dieser Fernsehsender weiterhin im Dienst des biblischen „effata“ steht, indem er dazu beiträgt, dass die heute verbreitete Taubheit gegenüber Gott überwunden werden und Gott in der heutigen Welt zur Sprache kommen kann – zu seiner Ehre und zum Heil der Menschen.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2024
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
[1] Benedikt XVI.: Predigt auf dem Freigelände der Neuen Messe in München-Riem am 10. September 2006.
Nachdenken über Tod und Vergänglichkeit
Vorbereitet sein
Pfarrer Dr. Richard Kocher, Programmdirektor von Radio Horeb, unterstreicht immer wieder den Kernauftrag der Kirche, nämlich den Menschen das Evangelium zu verkünden. Dabei aber muss sie sich an der Predigt Jesu orientieren. Es gilt, authentisch weiterzugeben, was der Sohn Gottes geoffenbart hat. Dr. Kocher betrachtet es als verhängnisvoll, dass heute in der Verkündigung das Thema Gericht vielfach ausgeklammert wird. Zum Monat November hebt er den Entscheidungscharakter des irdischen Lebens hervor und ruft das eindrucksvolle Beispiel von Alfred Nobel in Erinnerung.
Von Richard Kocher
Der Monat November ist dem Gedenken der Verstorbenen gewidmet. Die Natur lädt dazu ein, über die Vergänglichkeit allen Lebens nachzudenken, wenn graue Nebelschleier die Landschaft bedecken und Bäume ihre kahlen Äste, in denen kein Leben mehr zu sein scheint, zum Himmel strecken.
In zahlreichen Sendungen unseres Radios beschäftigen wir uns mit den Themen Tod und Vergänglichkeit. Hierzu eine Geschichte aus dem Mittelalter:
Ein König hielt sich einst einen Hofnarren, der die sprichwörtliche Narrenfreiheit hatte: Er durfte sagen, was andere nicht auszusprechen wagten. Der König übergab ihm einen Narrenstab mit der Aufforderung, diesen der närrischsten Person weiterzugeben, die ihm begegne. Eines Tages wurde dem Narren gemeldet, dass der König im Sterben liege. Er hüpfte in dessen Zimmer und sprach mit ihm. Dabei stellte sich heraus, dass der König nicht im Geringsten darauf vorbereitet war, seine „letzte Reise“ anzutreten. Da überreichte ihm der Narr den Stab und sagte: „Du wusstest, dass du einst sterben würdest und nichts zurücklassen kannst, und dennoch hast du dich nicht darauf vorbereitet. Der Narrenstab gehört dir.“
Als Christen sollten wir besser als der König in der Geschichte vorbereitet sein und wissen, was nach dem Tod kommt: das persönliche Gericht Gottes über jeden einzelnen Menschen. Wir müssen Rechenschaft ablegen vor ihm, wie wir unser Leben geführt haben. Vielen ist das nicht mehr bewusst, es wird verdrängt, verharmlost oder sogar geleugnet. Seit Jahrzehnten gilt die Parole, dass die Verkündigung Jesu eine Frohbotschaft und keine Drohbotschaft sei, wie ein unveränderbares Dogma. Man hat sich ein Bild von Jesus zurechtgelegt, das von jedem Anstoß gereinigt ist und dem Zeitgeist entspricht. Mit dem Realismus der Verkündigung Jesu hat dies freilich nichts zu tun. Vielleicht können statistische Zahlen uns auf die Sprünge helfen. Prof. Dr. Marius Reiser, emeritierter Professor für Neues Testament, der sich in unserem Radio fachkundig den Fragen der Zuhörer stellt, hat in seiner Monografie über die Gerichtspredigt Je-su das Redematerial zum Thema „Gericht“ prozentual aufgeschlüsselt:
In der Spruchquelle, die nach einhelliger Meinung aller modernen Exegeten den synoptischen Evangelien zugrunde liegt, machen Gerichtsworte 35% (76 Verse) des Redeguts aus. Im Markusevangelium sind es 22% (37 Verse), im Sondergut des Matthäus sogar 64% (60 Verse) und im Sondergut des Lukas 28% (37 Verse); Sondergut meint Inhalte, die ausschließlich bei dem jeweiligen Evangelisten vorkommen, nicht bei den anderen. Mehr als ein Drittel der Reden Jesu handelt vom Gericht: ein frappierendes Ergebnis! Warum erlauben wir uns, diese Thematik in unserer Verkündigung fast völlig auszuklammern?
Exegetische Untersuchungen machen zudem deutlich, dass die Predigt Jesu von Anfang an auch eine Gerichtsbotschaft und der Verweis auf eine angebliche Drohbotschaft nicht stimmig ist. Jesus hat nie Menschen gedroht, sondern immer nur den Dämonen. Er hat deutlich gemacht, welche Konsequenzen ein gottloses Leben hat. Manchmal braucht es drastische Ereignisse in unserem Leben, damit wir das verstehen.
Hierfür ein Beispiel: Alfred Nobel (1833-1896) ist uns allen bekannt durch die nach ihm benannte Stiftung des Nobelpreises, der mit hohen Geldbeträgen alljährlich Forschungsarbeiten auszeichnet, die der Menschheit zugutekommen. Die wenigsten wissen aber, wie es dazu kam. Als Chemiker hatte er mit der Erfindung von Dynamit und Zündstoffen ein riesiges Vermögen gemacht. Beim Tod seines Bruders druckte eine schwedische Zeitung versehentlich einen Nachruf auf ihn und schrieb darin, dass er in die Geschichte eingegangen sei, indem er in der Kriegsführung eine neue Dimension von Massenvernichtung ermöglicht habe. Das sollte sein Erbe an die Menschheit sein?! Er entschloss sich daraufhin, sein ihm noch verbleibendes Leben anders auszurichten. So kam es zur Stiftung des Nobelpreises.
Auch wenn wir nicht wie Alfred Nobel vermögend sind, so sollte sich doch jeder die Frage stellen, was wir einmal der Nachwelt hinterlassen werden, wenn wir sterben. Ich glaube, dass nichts so wichtig ist, wie der kommenden Generation den Reichtum des christlichen Glaubens zu vermitteln.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2024
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
Das Fegfeuer nach den Mitteilungen von Centa Segerer
Seelen auf dem Weg der Reinigung
Vorweg sei verwiesen auf den Artikel „Verborgene Sühneseele mit den Wundmalen Christi. Die Mystikerin Kreszentia (Centa) Segerer (1906-1953) aus München“ in der August/September-Ausgabe 2024. Zwar war die geistige Mutterschaft, insbesondere für Priester, die für Centa Segerer von Gott gewünschte Hauptaufgabe, doch durfte sie auch vielen Armen Seelen aus dem Fegfeuer Helferin sein. Alois Bäuml, der im Archiv des Erzbistums München und Freising über tausend Seiten Gesprächsprotokolle mit Centa Segerer durchgearbeitet hat, stellte aus dem umfangreichen Material einige Mitteilungen der Mystikerin über ihre geheimnisvolle Beziehung zu den Seelen im Fegfeuer zusammen.[1]
Von Alois Bäuml
Heimgang von Papst Pius XI.
Centa ist erst achteinhalb Jahre alt, als sie erstmals „Besuch“ von Armen Seelen bekommt. Bereits mit den Wundmalen Jesu gezeichnet lässt sie im Alter von 32 Jahren am 10. Februar 1939 – es ist der Sterbetag von Papst Pius XI. – ihre damaligen Erlebnisse Revue passieren: „Ich hab innig gebetet, und ich dachte mir, es wäre ein Traum. Sie wussten, es betet niemand für sie. Da klopften sie an meine Herztüre. Konnte ich nein sagen? Niemals nein! So jung war ich und verstand es doch nicht recht. Aber ich betete für die Verstorbenen, für die armen Seelen, für die Ärmsten.“ Centa hilft diesen Seelen im Fegefeuer durch ihr Gebet und ihre aufgeopferten Leiden. So darf sie auch der Seele des am Morgen dieses Tages verstorbenen Papstes zu Hilfe kommen. Sie spricht: „Wir müssen den Heiligen Vater jetzt heim begleiten!“ Das muss wohl so verstanden werden, dass auch diese Seele noch einer gewissen Läuterung im Fegefeuer bedurfte.
Die bei ihr am Nachmittag dieses Tages anwesenden Personen werden Zeugen eines ergreifenden Schauspiels: „[Centa] steht außerhalb ihres Bettes mit ausgespannten Armen, die Füße gekreuzt. Nur die Zehenspitzen berühren den Boden. Es hätte vielleicht unserer Hilfe gar nicht bedurft. Sie lässt sich nieder und sitzt nun am Bettrand, lässt den ganzen Oberkörper über die sie zur Hilfe umfassenden Arme einer Anwesenden sinken, faltet die Hände und verliert sich ins Gebet. So sitzt sie regungslos, den Kopf auf den Knien ruhend, die ganze letzte Viertelstunde. Ein unbeschreiblicher, erhebender Anblick für uns Teilnehmende. Nach dieser Viertelstunde breitet sie die Arme weit aus und wir dürfen an ihren Zügen und ihrem verklärten Blick das schauen, was sich vom Einzug unseres Heiligen Vaters zur ewigen Glorie widerspiegelt.“ Man fragt Centa, ob man das dem Vatikan mitteilen darf. Sie bejaht und bittet, man möge Folgendes schreiben: „Um diese Zeit, wie eben angegeben (6 Minuten nach viertel nach 4 Uhr) ist der Heilige Vater in die ewige Gloriole eingegangen.“
Parallelen zu Maria Anna Lindmayr
Nicht immer jedoch gelangen Arme Seelen Centas Worten zufolge so schnell ins Paradies. Wohl sieht sie die Seele ihres 1944 verstorbenen Vaters schon wenige Tage nach seinem Tod und die Seele ihrer 1948 heimgehenden Mutter sogar schon am Tag darauf im Himmel, doch erblickt sie auch Arme Seelen, die erheblich länger im Fegefeuer zu leiden haben. So berichtet sie eines Tages: „Das Quälen der Seelen [sie spricht hier von ihren Leiden für die Armen Seelen, denen sie hilft] ist furchtbar! Die in diesen Tagen vor einem Jahr fort mussten und nicht erlöst sind! Das Quälen der Seelen, die dieses Jahr fort mussten, war ebenso furchtbar! Nur furchtbar!“
Von der bekannten Münchner Karmelitin Maria Anna Lindmayr (1657-1726), zu der ebenfalls zahllose Arme Seelen kamen, ist bekannt, dass diese oft nicht nur Jahre, sondern sogar Jahrzehnte und noch viel länger im Fegefeuer verbringen mussten. Generell, so Centa, sei der Aufenthalt der Seelen im Fegefeuer für Gott kurz, für die Seelen selbst hingegen lang. „Durchschlupfen“, so betont sie einmal, müsse jede Seele: „Ein bisserl muss jedes durchhalten: eine Minute, eine Sekunde – das reicht. Alle müssen es kosten. Wie würden sonst alle diese nichtsnutzigen Fehler getilgt werden? Ich schlupfe gern durch, um ewig daheim zu sein.“ Eines Tages wird sie nach dem Seelenzustand eines verstorbenen Priesters gefragt, worauf sie antwortet: „Noch brennen! Nicht mehr lange. Beten!“
„Millionen von Seelen stehen vor dem Tor!“
Mehrfach äußert sich Centa auch über die Zahl der zu ihr kommenden Armen Seelen. Am 1. Dezember 1939 zählt sie 956. „Ich kann nicht mehr!“, sagt sie an diesem Tag zu Jesus. Trotz dieser stellvertretenden Leiden für die Armen Seelen freut sie sich, ihnen helfen zu dürfen. Ende 1942 vernimmt man von ihr: „Qual um Qual ist es jetzt, wo Tausende und Abertausende [wohl auch die Seelen gefallener Soldaten] kommen, immer wieder kommen. Die Nächte sind angefüllt und ausgefüllt. Was Gott schenkt! Gott schenkt so groß!“ Im September 1948 sagt sie: „Millionen von Seelen warten auf das Heimgehen! Millionen von Seelen stehen vor dem Tor!“ Ein anderes Mal spricht sie sogar von Milliarden von Seelen, die schreien! Ihnen allen möchte Centa helfen. Im Juni 1940 berichtet sie: „Mittwoch ist ein unsäglich schönes Klingen gewesen. Eine Seele wurde zum Himmel geleitet, morgens 22 Sekunden nach 7 Uhr. Schau, die singen immer! Ja der große Sieg ist schön, unendlich groß!“ Bezogen auf sich selbst, sagt sie: „Weh, furchtbar weh! Tag und Nacht! Jahre, Monate, Wochen. Und ich muss immer ein Lächeln zeigen. Das verlangt man.“
Unterschiedliche Läuterungszustände
Centa erblickt die Armen Seelen im Fegefeuer in unterschiedlichen Läuterungszuständen, je nach der Intensität ihrer Leiden. Sie bezeichnet jene als „Wesen“, die noch sehr viel zu leiden haben, also sprichwörtlich „tief im Fegefeuer“ sind und sagt über sie: „Dieses Heer von Wesen! Wesen, dunkel! Die Wesen sind Schatten gleich. So unendlich viele Wesen! Ich kann nimmer! Die Wesen machen mir Kummer. Wesen warten, bitten – quälend! Von diesen habe ich keine Freude mehr. Aber sie kommen ans Ziel. Sie sind nicht verdammt. Und doch: wie schwer ist es für jene, die als Wesen warten auf die Erlösung!“
„Flämmchen“ und „Lichtlein“ nennt Centa jene Armen Seelen, die schon mehr geläutert und dadurch dem Himmel näher sind. Bei ihnen erkennt sie sogar farbliche Abstufungen: Hell, Hellrot, Rötlich-Blau, Durchsichtig-Blau und Heimwärts-Blau. Auch dazu einige Worte aus den Mitschriften: „Flämmchen, die bitten! Ungeheuer ist die Zahl! Ich kann sie nicht mehr zählen. Soweit müssen sie gehen und haben niemand! Weiße Flämmchen, Kinderl sind es! So klein sind diese Flämmchen, die bitten. Warum gerade zu mir, die selbst schuldbeladen vor Gott steht?“ Am meisten freut sich Centa über das Erscheinen der „Lichtlein“, die offenbar kurz vor dem Einzug in den Himmel sind: „Die Lichtlein sind meine besten Freunde. Ich kann kaum die Sekunden erwarten, wo die Lichtlein kommen. Dieses Meer von Lichtlein ist unermesslich! Ein jedes Lichtlein eine Aufgabe! Könnte ein Mensch von der Außenwelt dies alles sehen: er würde geheilt werden. Dieses Zimmer war angefüllt mit einzugsbereiten Seelen, blaue Lichtlein.“
Einzelbeispiele von Armen Seelen
Über einige der Armen Seelen äußert sich Centa etwas ausführlicher. Dazu einige Beispiele. Am 26. Mai 1939 meldet sich die Arme Seele Heinrich. Es ist die Seele eines Soldaten, der im 1. Weltkrieg unter Kronprinz Rupprecht (1869-1955) gedient hatte. Im Mai 1939 kommt er als Arme Seele zu ihr und erbittet für sich hl. Messen, worauf Centa an den Kronprinzen folgende Nachricht senden lässt: „Meine Königliche Hoheit Kronprinz Rupprecht! Der Major Heinrich verlangt hl. Messen!“ Etwa einen Monat später teilt man Centa auf ihre Nachfrage hin mit, dass inzwischen drei hl. Messen gelesen worden sind, worauf sie antwortet: „Lichter wird das Wesen! Freudiger wird das Wesen!“ Später erhält er noch zwei weitere hl. Messen. Erlöst wurde diese Seele laut Centa aber erst am 31. Juli 1940 um 23.45 Uhr.
Am 30. Juni 1939 meldet sich eine Arme Seele namens Josefine bei Centa und bittet um drei hl. Messen und um 12 aufgeopferte hl. Kommunionen. Am 4. August desselben Jahres klopft es am frühen Nachmittag plötzlich mehrmals an der Türe zu ihrem Zimmer, was auch die Anwesenden hören – doch vor der Türe ist niemand zu sehen. Centa erklärt: „Kein Mensch! Eine Seele! Die möchte heim. Ein Kind, so jung. O liebes Seelchen!“ Nach ihrem Namen und ihrem Alter gefragt, antwortet Centa: „Rosalia. 19 Jahre, 8 Monate, 5 Tage, 23 Stunden. Sie hätte doch noch leben mögen.“ Die Anwesenden fragen weiter: „Hat diese Seele nun gewusst, dass du für sie betest und leidest?“ Darauf wiederum Centa: „Ein Anziehungspunkt muss immer bestehen. Sie hat es gespürt. Es wurde ihr leichter. Gut! Aber so früh fortmüssen!“
Am 20. November 1943 verstirbt völlig überraschend Pfarrer Peter Kottermair von Centas Pfarrei St. Franziskus, erst 61 Jahre alt. Die totale Zerstörung seiner Pfarrkirche am 7. September war möglicherweise zu viel für sein Herz. Seine Seele darf sich in der Nacht zum 6. Dezember d. J. bei Centa melden, die darüber berichtet: „Von Sonntag auf Montag, 5 Minuten vor ½ 12 Uhr. Drei, zwei und fünf hat er mir zeigt. Solang braucht er (H. H. Stadtpfarrer). Drei Tage, zwei und fünf Tage braucht er noch. Er ist immer da. Dann wird er jubeln!“ Am 17. Dezember teilt sie überglücklich mit: „Unser Pfarrervater hat die ewige Heimat! Wir dürfen nicht vergessen, unserm früheren Pfarrervater zu gratulieren!“
„Ich möchte alles geben!“
Gelegentlich erzählt Centa den bei ihr Anwesenden etwas ausführlicher von ihren Begegnungen mit Armen Seelen und was sie das selbst kostet: „Nächte! Nächte! Es sind Wesen da. Es sind Lichtlein da. Ich spür keine Kraft mehr! Die Kraft zerfließt. So viele arme Seelen! Wie dieses Weh und Ach klopft und hämmert! Weißt du, wie schwer das ist? Tag und Nacht! Was bedeutet das für mich für eine Qual! Ich will sie doch erlöst wissen. Ich möcht doch alle daheim haben! Ich bitt und bet‘, und ich tu, was der große Gott verlangt. Ich möchte alles geben! Ich leide, ja! Ich leide, so wie es Gott haben will. Ich schenke. Gott Vater, nimm alles in die gütigen Vaterarme! Freut euch ihr Seelchen, Flämmchen!“
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2024
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
[1] Alois Bäuml (Hrsg.): Der Wille Gottes ist mir alles! Centa Segerer, Band 1: Bebilderte Biografie, 192 S., € 10,00; Band 2: Vorträge/Texte für das geistliche Leben, 188 S., € 10,00; Band 3: Äußere Lebensumstände und Inneres Leben, 653 S., € 19,80 – Miriam-Verlag, Brühlweg 1, 79798 Jestetten, Tel. (0) 77 45 / 929830 – www.miriam-verlag.de
Krieg im Libanon: Christen zwischen den Fronten
„Am Rande des Erträglichen“
„Ich bin 37 Jahre alt und habe jetzt schon sechs Kriege im Libanon erlebt“, bringt es die lokale Projektkoordinatorin von „Kirche in Not“, die Lehrerin Marielle Boutros, auf den Punkt. Der Kampf gegen den Hisbollah-Terror trifft auch die Christen im Libanon, mit 30 Prozent der Bevölkerung die größte Gemeinde im Nahen Osten. Wo es für zivile Helfer zu unsicher wird, bleibt die Kirche und öffnet ihre Tore für alle. „Kirche in Not“ unterstützt sie dabei. Zwei Momentaufnahmen aus dem Kriegsgebiet.
Von Tobias Lehner, Kirche in Not
Trotz anhaltender Luftangriffe harren noch etwa 9.000 Christen in Dörfern im Südlibanon aus, berichtet Schwester Maya El Beaino. Die Ordensfrau von der Kongregation der Schwestern Jesu und Mariens hat sich entschieden, in Ain Ebel zu bleiben. Die Ortschaft ist überwiegend von Christen bewohnt und liegt nur wenige Kilometer von der Grenze zu Israel entfernt. Während des Telefonats mit „Kirche in Not“ sind Detonationen zu hören – sie gelten den Hisbollah-Hochburgen der Region. Doch unter den Folgen leiden alle, berichtet Schwester Maya: „Es gibt hier kein Krankenhaus in der Nähe, wir haben nur drei Stunden Strom am Tag und kein Wasser.“
„Kirche in Not“ hat bereits in den vergangenen Monaten Medikamente und Lebensmittel für die Mitglieder der christlichen Gemeinde von Ain Ebel finanziert. Das geht auch jetzt weiter, es muss weitergehen, betont Sr. Maya: „Die Medien sprechen von den Menschen, die geflüchtet sind. Aber kaum einer spricht von den vielen Christen, die geblieben sind.“
Die Menschen fürchteten, ihre Heimat für immer zu verlieren. Deshalb seien auch viele Christen zurückgekommen, die sich zunächst vor den Kämpfen zwischen Hisbollah und israelischem Militär in andere Regionen in Sicherheit gebracht hätten, vor allem in die Hauptstadt Beirut. „Das Leben dort war zu teuer, und viele Familien konnten die Trennung nicht ertragen. Viele Männer sind hiergeblieben“, erzählt Sr. Maya.
Ihr Kloster St. Joseph betreibt eine Schule, die Kinder aus 32 umliegenden Dörfern besuchen. Doch aufgrund der Sicherheitslage musste der Präsenzunterricht jetzt ausgesetzt werden. „Die Kinder wären hier nicht sicher“, zeigt sich Sr. Maya besorgt. Umso dankbarer seien viele Menschen für die Präsenz von Priestern und Ordensschwestern. Auch in der benachbarten Ortschaft Rmeich seien noch zwei Ordensgemeinschaften geblieben und kümmerten sich um die Verteilung von Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs.
Vielen Menschen sei noch der Krieg von 2006 in Erinnerung, in dem ebenfalls Israel und die Hisbollah gegeneinander kämpften, berichtet Sr. Maya. Gleichzeitig wachse jetzt die Angst vor einer Bodenoffensive: „Die Situation ist schrecklich. Danke für Ihre Gebete, für jede Unterstützung.“
„Situation am Rande des Erträglichen“
Angesichts der anhaltenden Kämpfe haben christliche Gemeinden und Familien zahlreiche Flüchtlinge aufgenommen – was sie vor große logistische Herausforderungen stellt. Darauf weist der maronitisch-katholische Bischof von Baalbek-Deir El-Ahmar, Hanna Rahmé, hin: „Nahezu jede christliche Familie in den Dörfern rund um Deir El-Ahmar hat drei oder vier weitere geflüchtete Familien bei sich aufgenommen, das sind zwischen 30 und 60 Personen.“
Rahmés Diözese befindet sich im Nordosten des Libanon und umfasst die Bekaa-Ebene, die als Kornkammer des Landes gilt. In der Region siedeln zahlreiche Christen, in der Region um Deir El-Ahmar stellen sie die Mehrheit. Die Stadt Baalbek hingegen gilt als Hisbollah-Hochburg und steht deshalb im Zentrum der israelischen Offensive in der Region. Doch auch in Deir El-Ahmar würden regelmäßig Raketen einschlagen, berichtete der Bischof. Diese zielten auf Versorgungszentren der Hisbollah ab, die bis zu 20 Kilometer von der Stadt entfernt lägen. Es würden jedoch auch Dörfer in Mitleidenschaft gezogen, in denen Christen und Muslime friedlich zusammenlebten, sagte Rah-mé: „Wir sind mit der Menge der Binnenvertriebenen überfordert, aber wir können die Menschen nicht im Stich lassen. Wir Christen sind nicht nur für uns selbst, sondern für alle Menschen da.“
Der Bischof hatte bei einer Ansprache in einem lokalen Fernsehsender betont, dass die Kirche und Privathäuser der Christen für alle Betroffenen der Auseinandersetzungen offenstehen – unabhängig von der Religionszugehörigkeit. „Viele Muslime sind von dieser christlichen Solidarität tief bewegt“, stellte Rahmé fest. Seine Diözese biete aktuell etwa 13.000 Flüchtlingen Obdach, vor allem in Schulen, Pfarrzentren, Klöstern und Privatwohnungen. Doch es gebe eine große Zahl von Binnenvertriebenen, die nicht aufgenommen werden könnten, zeigte sich der Bischof besorgt. Viele Menschen kampierten in Deir El-Ahmar auf der Straße, andere seien weiter in den Norden des Libanon oder nach Syrien geflohen.
Während die Flüchtlinge in öffentlichen Einrichtungen Unterstützung von Hilfsorganisationen erhalten, seien diejenigen, die in Privatunterkünften untergekommen seien, auf sich allein gestellt, beklagte der Erzbischof: „Ihnen hilft niemand.“ Seine Diözese versuche deshalb, besonders diese Personengruppe zu unterstützen, doch die Lage sei angespannt: „Wir brauchen dringend Geld für Lebensmittel, Matratzen und Decken.“ Viele christliche Familien stünden „am Rande des Erträglichen“ und seien bereits in der Folge der libanesischen Wirtschaftskrise verarmt. Umso dankbarer ist Bischof Rahmé, dass „Kirche in Not“ Soforthilfe zugesagt hat: „Bitte bleiben Sie an unserer Seite! Wenn wir diese Not gemeinsam angehen, können wir Großes bewirken.“
„Wir brauchen jetzt dringend Hilfe“
„Kirche in Not“ ist seit Jahrzehnten an der Seite der Christen im Libanon. Das Hilfswerk unterstützt aktuell an die 300 Projekte im Land – immer in Zusammenarbeit mit Ordensgemeinschaften, Diözesen und Pfarreien. Jetzt hat „Kirche in Not“ die Hilfe verstärkt, vor allem bei medizinischen Hilfen und Verteilung von Lebensmitteln sowie Dingen des täglichen Bedarfs. Ein Herzensanliegen ist dem Hilfswerk auch die Unterstützung der Seelsorge: Viele Menschen sind traumatisiert, und auch die Priester und Ordensleute arbeiten am Limit.
Projektkoordinatorin Marielle Boutros steht in ständigem Kontakt mit den Partnern von „Kirche in Not“ und überwacht die Hilfen. Sie gehen auch unter Beschuss weiter – und sind nötiger denn je, erklärte die junge Frau: „Es ist schwer, in einem Land zu leben, in dem man an einem Tag in Sicherheit ist, und sich am nächsten Tag vor Raketen verstecken muss. Wir brauchen jetzt dringend Hilfe!“
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2024
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
Schwester Agnes Sasagawa mit 93 Jahren verstorben
Unsere Liebe Frau von Akita
Am 15. August 2024, dem Hochfest Mariä Himmelfahrt, ist Schwester Agnes Sasagawa, bekannt geworden durch die übernatürlichen Phänomene von Akita, im Alter von 93 Jahren verstorben. Die Japanerin wurde 1930 in einer buddhistischen Familie als Katsuko Sasagawa geboren und durch eine Begegnung mit einer katholischen Krankenschwester getauft. Später trat sie der jungen Gemeinschaft der „Dienerinnen der Heiligsten Eucharistie“ bei. Vom 12. Juni 1973 an machte sie außergewöhnliche spirituelle Erfahrungen. Unter anderem empfing sie drei Mal, und zwar am 6. Juli, am 3. August und am 13. Oktober 1973, eine Botschaft der Gottesmutter. Diese sprach zu ihr aus einer etwa ein Meter hohen Holzstatue im Konvent, die zehn Jahre zuvor geschnitzt worden war. Im Januar 1975 begann diese Marienstatue zu weinen, insgesamt 101 Mal über einen Zeitraum von sieben Jahren. Der zuständige Ortsbischof, John Shojiro Ito von Niigata (1909-1993), erkannte die Ereignisse ein Jahr vor seinem altersbedingten Rücktritt in seinem Oster-Hirtenbrief vom 22. April 1984 als authentisch an. Als Präfekt der Glaubenskongregation bestätigte Joseph Kardinal Ratzinger das Urteil im Jahr 1988. Nachfolgend der zweite und dritte Teil des Hirtenbriefs.[1]
Von Bischof John Shojiro Ito, Niigata/Japan
Die unerklärlichen Geschehnisse an der Marienstatue in Akita ereigneten sich wie folgt: Ihre rechte Hand blutete und wohlriechender Schweiß wurde in einer solchen Menge abgesondert, dass die Statue abgewischt werden musste. Am deutlichsten aber war, dass aus den Augen der Statue eine Flüssigkeit wie Tränen floss. Dies begann im Heiligen Jahr, am 4. Januar 1975, und geschah 101-mal, zum letzten Mal am 15. September 1981, dem Fest der Sieben Schmerzen Mariä. Ich selbst habe es viermal sehen können. Etwa 500 Menschen waren Zeugen. Zweimal habe ich diese Flüssigkeit probiert, sie hatte einen salzigen Geschmack, genau wie menschliche Tränen. Nach der Analyse von Professor Sagisaka vom Gerichtsmedizinischen Institut der Medizinischen Fakultät der Universität Akita ist bewiesen, dass es sich um eine menschliche Körperflüssigkeit handelt. Mit menschlichen Kräften ist es nicht möglich, Wasser aus nichts zu erzeugen. Ich meine, dass dazu das Eingreifen einer übermenschlichen Macht nötig ist. Außerdem war es nicht bloßes Wasser, es war eine menschliche Körperflüssigkeit, die aus den Augen wie Tränen floss, was sich während mehrerer Jahre mehr als 100-mal vor den Augen vieler Menschen wiederholte. Daher steht fest, dass es kein Trick oder eine menschliche Machenschaft war. Wenn es nun keine natürlichen Ereignisse sein können, sind als Ursache drei Möglichkeiten denkbar:
1. bewirkt durch suprazerebrale Fähigkeiten; 2. bewirkt durch teuflische Machenschaften; 3. ein übernatürliches Geschehen.
Ich weiß nicht recht, was „suprazerebrale Fähigkeiten“ sein sollen. Es wurde gesagt, dass die Angehörige der „Dienerinnen der Heiligsten Eucharistie“, Agnes Sasagawa, die am engsten mit den unerklärlichen Phänomenen in Beziehung steht, über suprazerebrale Fähigkeiten verfügen soll und ih-re Tränen auf die Statue übertragen habe. Aber nach den Erklärungen von Professor Itaya von der Technischen Hochschule Tokio können diese suprazerebralen Fähigkeiten nur zur Anwendung gebracht werden, wenn die damit begabte Person sie bewusst einsetzt. Nun hat aber die Statue Tränen vergossen, als Agnes Sasagawa schlief oder 400 Kilometer entfernt in ihrem Elternhaus weilte, sie also nicht bewusst einsetzen konnte. – Deshalb bin ich der Überzeugung, dass die Tränen nicht mit der Theorie der „suprazerebralen Fähigkeiten“ erklärt werden können.
Als Nächstes kommt die Frage, ob es sich um Machenschaften des Teufels handeln könnte. In diesem Fall müsste es schlechte Auswirkungen auf den Glauben haben. Aber es ist keine schlechte Auswirkung zu sehen, im Gegenteil, die Früchte sind gut. Beispielsweise hat eine Ehefrau schon lange ihren Gatten gebeten, sich taufen zu lassen. Als dieser Mann die Tränen sah, entschloss er sich zur Taufe. Oder ein Katholik, der sich schon Dutzende Jahre von der Kirche entfernt hatte, bekehrte sich und nahm seit dieser Zeit jeden Sonntag an der heiligen Messe teil. Ein anderer Katholik besuchte Akita und entschloss sich, für die Mission zu arbeiten. Er gründete zwei Missionszentren und arbeitet bis heute dort.
Außerdem gibt es zahlreiche Berichte über wunderbare Heilungen von Krebs und anderen Krankheiten. Zwei besonders evidente Fälle möchte ich nennen. Der eine ist die plötzliche Heilung einer Koreanerin. Wegen Zerebralkarzinom vegetierte diese Dame seit Juli 1981 vor sich hin. Die Jungfrau von Akita erschien ihr und gebot ihr aufzustehen. Sie konnte aufstehen und war geheilt. Dieses Wunder geschah, während koreanische Priester und Gläubige zur Jungfrau von Akita um ein Wunder zur Heiligsprechung der koreanischen Märtyrer beteten. Auf den Röntgenbildern, die während der Krankheit und nach der Heilung dieser Frau gemacht wurden, kann sogar ein Laie die Heilung erkennen. Dr. Go Woo Kim vom Krankenhaus St. Paul in Seoul und P. Theissen S.T.D., der Präsident des Kirchlichen Gerichts der Erzdiözese Seoul, bestätigten offiziell die Echtheit dieser Röntgenaufnahmen. Alle Unterlagen sind nach Rom geschickt worden. Ich reiste im letzten Jahr nach Seoul, konnte mit der Geheilten sprechen und mich von der Echtheit der Heilung überzeugen. Aus Dankbarkeit ist die Frau danach nach Akita gepilgert.
Ein anderer Fall ist die vollständige Heilung von Taubheit, an der Agnes Sasagawa litt. Auf Einzelheiten gehe ich später noch ein.
Da sich solche für den Glauben und die Gesundheit günstigen Ergebnisse eingestellt haben, glaube ich nicht, dass der Teufel der Urheber ist. Dann bleibt nur die Möglichkeit einer übernatürlichen Einwirkung. Zumindest ist es schwierig, die Übernatürlichkeit zu leugnen.
Aber warum sollten sich diese Phänomene ereignet haben? Ich frage mich, ob sie nicht in Zusammenhang mit den Botschaften stehen, die Agnes Sasagawa mit ihren tauben Ohren von der Marienstatue vernommen hat.
Die erste Botschaft wurde ihr am Morgen des Herz-Jesu-Freitags, des 6. Juli 1973, übermittelt. Von der strahlenden Marienstatue her hörte sie die Stimme:
„Meine Tochter, meine Novizin! Du hast gut daran getan, alles zu verlassen, um mir zu folgen. Leidest du sehr an deiner Taubheit? Du wirst bestimmt geheilt werden. Habe Geduld! Es ist die letzte Prüfung. Schmerzt dich die Wunde an deiner Hand? Bete zur Sühne für die Sünden der Menschen. Jede einzelne Schwester hier ist meine unersetzbare Tochter. Betest du inständig das Gebet der ,Dienerinnen der Heiligsten Eucharistie‘? Komm, beten wir es zusammen! Bete viel für den Papst, die Bischöfe und die Priester!“
Agnes Sasagawa wurde taub, als sie in der Myoko-Pfarrei als Katechistin arbeitete. Wegen dieser Taubheit kam sie ins Unfallkrankenhaus der Stadt Joetsu. Dr. Sawada diagnostizierte vollkommene Taubheit und erledigte die Formalitäten, damit sie eine Invalidenrente erhalten konnte. Da sie nicht mehr als Katechistin arbeiten konnte, kam sie zum Mutterhaus der „Dienerinnen der Heiligsten Eucharistie“ und führte ein Leben im Gebet.
Die zweite Botschaft erhielt sie am 3. August 1973 in gleicher Weise durch die Stimme, die sie von der Marienstatue vernahm:
„Meine Tochter, meine Novizin. Liebst du den Herrn? Wenn du den Herrn liebst, dann höre, was ich dir sage. Es ist wichtig. Berichte es deinem Oberen:
Viele Menschen der Welt betrüben den Herrn. Ich wünsche mir Menschen, die den Herrn trösten. Der Sohn und ich wünschen Seelen, die stellvertretend für die Sünder und Undankbaren durch Leiden und Armut sühnen, um den Zorn des himmlischen Vaters zu mildern. Um seinen Zorn über die Welt zu offenbaren, beabsichtigt der Vater, über die ganze Menschheit ein Strafgericht zu verhängen. Zusammen mit dem Sohn habe ich schon oft versucht, den Zorn zu mildern. Mit der Darbietung des Kreuzesleidens des Sohnes, seines kostbaren Blutes, der grenzenlos liebenden, den Vater tröstenden Seelen und der Vielzahl der Opferseelen konnte der Vater zurückgehalten werden. Gebet, Abtötung, Armut und Taten mutigen Opfers können den Zorn des Vaters besänftigen.
Auch von deiner Kongregation erwarte ich dies. Schätzt die Armut hoch. Heiligt euch, betet, um Sühne zu leisten für den Undank und die Beleidigungen vieler Menschen. Betet andächtig das Gebet der ,Dienerinnen der Heiligsten Eucharistie‘. Verwirklicht es, bringt es zur Sühne für die Sünden dar. Möge eine jede von euch ihre Fähigkeiten nutzen und ihre Aufgabe sorgfältig erfüllen und alles aufopfern. Auch in einem Säkularinstitut ist das Gebet notwendig. Zum Gebet bereite Seelen haben sich schon gesammelt. Betet, ohne die Formen überzubewerten, inständig und andächtig, um den Herrn zu trösten.“
Die dritte und letzte Botschaft wurde am 13. Oktober 1973 auch wieder durch die Stimme von der Marienstatue her mitgeteilt: „Meine geliebte Tochter, gib gut acht auf das, was ich dir sage. Du sollst es deinem Oberen berichten:
Wie ich schon früher sagte, wird der himmlische Vater, wenn die Menschen nicht bereuen und sich bessern, über die ganze Menschheit ein ungeheures Strafgericht verhängen. Der Vater wird dann unweigerlich ein Strafgericht, wie es bis jetzt noch nie erfolgte, schlimmer als die Sintflut, verhängen. Feuer wird vom Himmel fallen und in der Katastrophe werden zahlreiche Menschen umkommen. Auch Gute werden mit den Bösen, auch Priester werden mit den Gläubigen sterben. Die Überlebenden werden so sehr leiden, dass sie die Toten beneiden.
Die einzigen Waffen, die bleiben, sind der Rosenkranz und das Zeichen, das der Sohn hinterlassen hat. Betet täglich den Rosenkranz! Betet den Rosenkranz für die Bischöfe und die Priester! Die Machenschaften des Teufels dringen bis in das Innere der Kirche hinein. Kardinäle werden Kardinälen, Bischöfe werden Bischöfen feindlich gegenüberstehen. Die Priester, die mich verehren, werden von ihren Amtsbrüdern verachtet und angegriffen werden. Altäre und Kirchen werden verwüstet, die Kirche wird voll von Menschen sein, die Kompromisse machen. Vom Teufel verführt, werden zahlreiche Priester und Ordensleute abfallen. Der Teufel wird besonders die dem Vater geweihten Seelen bearbeiten. Der Verlust zahlreicher Seelen betrübt mich. Wenn noch mehr gesündigt wird, wird es keine Vergebung der Sünden mehr geben.“
Diese Botschaft enthält die Bedingungen „Wenn die Menschen nicht bereuen und sich nicht bessern“. Ich glaube, das ist eine ernsthafte Warnung. Aber gleichzeitig spürt man auch die mütterliche Liebe: „Der Verlust zahlreicher Seelen betrübt mich.“
Wenn sich das in der ersten Botschaft enthaltene Versprechen „Leidest du sehr an deiner Taubheit? Du wirst bestimmt geheilt werden“ nicht verwirklicht hätte, könnte man die Echtheit dieser Botschaften anzweifeln. Es wurde jedoch im neunten Jahr nach dem Beginn des Leidens eingelöst. Dass es Wirklichkeit würde, hat am 25. März und am 1. Mai 1982 eine Person wie ein Engel Agnes Sasagawa angekündigt:
„Du leidest an deiner Taubheit, nicht wahr? Der Zeitpunkt der versprochenen Heilung naht. Dank der Vermittlung der jungfräulichen, unbefleckt Empfangenen werden wie beim ersten Mal (beim ersten Mal wurden ihre Ohren für fünf Monate geheilt, danach wurde sie wieder taub) deine Ohren vor dem in der heiligen Hostie wahrhaft gegenwärtigen Herrn vollständig geheilt und das Werk des Allerhöchsten vollendet werden. Es wird während des Monats geschehen, der dem Unbefleckten Herzen der Gottesmutter geweiht ist.“
Tatsächlich wurden Agnes Sasagawas Ohren am letzten Sonntag des Maimonats, am Pfingstfest (30. Mai 1982), nachmittags beim sakramentalen Segen augenblicklich und vollständig geheilt. Am selben Abend noch rief sie mich an und telefonierte mit mir wie eine normal hörende Person. Am 14. Juni suchte ich Dr. Arai von der HNO-Abteilung des Rotkreuz-Krankenhauses in Akita auf, der Agnes Sasagawas vollständige Taubheit diagnostiziert hatte, als sie vor neun Jahren nach Akita zog. Ich fragte ihn nach seinem Eindruck. Er war tief erstaunt.
Auch Dr. Sawada vom Unfallkrankenhaus in Joetsu, der als Erster Agnes Sasagawa untersucht hatte, bestätigte in seinem Attest vom 3. Juni 1982: „Beim Hörtest wurde auf beiden Ohren keine Anomalie festgestellt.“
Ich kenne Agnes Sasagawa seit mehr als zehn Jahren. Sie ist eine ehrliche, heitere und normale Frau. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie einen abnormen Charakter hat. Deshalb glaube ich nicht, dass die Botschaften, die sie empfangen hat, auf Einbildungen oder Halluzinationen beruhen. Der Inhalt der Botschaften steht keineswegs im Widerspruch zur katholischen Lehre, und wenn man an den gegenwärtigen Zustand der Welt denkt, halte ich diese Warnung in vielen Punkten für zutreffend.
Damit habe ich über meine Erfahrungen und meine Überlegungen zu den Geschehnissen an der Marienstatue von Akita berichtet. Ich halte es für meine Pflicht, als zuständiger Bischof hierzu mein Urteil abzugeben, dem Verlangen der Gläubigen zu entsprechen und seelsorgliche Richtlinien zu erlassen. Es ist der zuständige Bischof, der in der Lage ist, in solch einer heiklen Sache genau zu erkennen und zu urteilen. Darauf weisen auch die Richtlinien der Glaubenskongregation hin. Ich habe seit ihrer Gründung enge Verbindungen mit den „Dienerinnen der Heiligsten Eucharistie“, ich kenne den Konvent und seine Mitglieder gut. In der Geschichte der Marienerscheinungen waren es immer die Ortsbischöfe, die die Verehrung der in ihrer Diözese erschienenen Gottesmutter erlaubten. Nach langem Beten und gründlichen Überlegungen komme ich als zuständiger Bischof von Niigata zu folgendem Ergebnis:
1. Nach den bis heute durchgeführten Untersuchungen kann nicht geleugnet werden, dass die Serie der unerklärlichen Geschehnisse an der Marienstatue im Konvent der „Dienerinnen der Heiligsten Eucharistie“ zu Yuzawadai in Akita übernatürlich ist. Es kann nichts gefunden werden, was dem Glauben und der Sitte widerspricht.
2. Deshalb verbiete ich nicht, dass in diesem Bistum die Gottesmutter von Akita verehrt wird, bis vom Heiligen Stuhl ein endgültiges Urteil gefällt wird.
Selbst wenn der Heilige Stuhl über die Geschehnisse in Akita ein bestätigendes Urteil abgeben sollte, würde es nur eine Privatoffenbarung betreffen, an die zu glauben man nicht verpflichtet ist. Man ist nur verpflichtet, an die Heilsoffenbarung (sie war zu Ende mit dem Tod des letzten Apostels) zu glauben. Darin sind alle Offenbarungen enthalten, die zu unserem Heil notwendig sind. Aber die Kirche misst auch privaten Offenbarungen große und hilfreiche Bedeutung bei. Als Hinweis möchte ich folgende Sätze der katholischen Lehre erwähnen:
„Die Heiligen und die Engel folgen dem Willen Gottes. Sie haben von ihm hohe Gnaden und Ehren erhalten. Deshalb ist es richtig, die Heiligen und die Engel zu verehren; denn das bedeutet, Gott selbst zu preisen und ihm zu danken. Unter den Heiligen wird besonders die Gottesmutter Maria verehrt. Denn sie ist zugleich die Mutter unseres Erlösers, der Gott ist, und unsere Mutter. Mehr als alle Heiligen und Engel ist sie mit Gottes Gnade erfüllt und bittet als unsere Mutter ohne Unterlass für uns“ (Katholische Lehre, revidierte Auflage, Art. 72).
„Die Verehrung der Statuen oder Bilder von Christus oder den Heiligen fördert Glauben und Frömmigkeit und ehrt Christus oder die Heiligen. Gleichzeitig ist es ein Lobpreis Gottes“ (Alte Ausgabe der Katholischen Lehre, Art. 170).
Zum Schluss gebe ich euch meinen bischöflichen Segen, dass Gott euch alle mit seiner Gnade reich beschenken möge.
Ostern, am 22. April 1984,
Johannes Apostolis Shojiro Ito,
Bischof von Niigata
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2024
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
[1] P. Teiji Yasuda: Tränen und Botschaften der Gottesmutter von Akita, Media Maria Verlag, Illertissen 2024, 272 S., geb., ISBN: 978-3-947931-60-6, Euro 19,95 (D), Euro 20,50 (A) – direkt bestellbar unter www.media-maria.de oder unter Tel. 07303/9523310
Neuen Kommentar schreiben