Liebe Leserinnen und Leser
Von Erich Maria Fink und Thomas Maria Rimmel
Mit seiner zwölftägigen Reise nach Südostasien hat Papst Franziskus die Welt wieder einmal in Staunen versetzt. Der fast 88-jährige Oberhirte der katholischen Kirche absolvierte das gewaltige Programm zwar im Rollstuhl, aber mit einer Frische und Dynamik, als würde ihn die Begegnung mit den Menschen auf der anderen Seite der Erdkugel mit ganz neuem Leben erfüllen.
Für ihn war es eine Missionsreise, gerade auch im Blick auf die Begegnung mit Menschen anderer Religionen. In Indonesien, Papua-Neuguinea, Osttimor und Singapur – überall wurde er begeistert aufgenommen. Denn er ließ die Herzen etwas von der mütterlichen Zärtlichkeit der Kirche spüren. Papst Franziskus sieht darin den Schlüssel für die Verwirklichung des großen Auftrags der Evangelisierung. Wie der Schöpfer und Vater der Menschheitsfamilie alle seine Kinder zum Heil führen möchte, so müsse sich die Kirche als Mutter verstehen, die sich in liebevoller Sorge allen Menschen zuwendet und ihnen die Frohe Botschaft verkündet.
In diesem Sinn ist es für Papst Franziskus zeichenhaft, dass der Monat Oktober zwei Themen verbindet: Mission und Maria. Einerseits ist es der Rosenkranzmonat, andererseits wird bereits das 98. Mal der Sonntag der Weltmission begangen. Mission kann nach Papst Franziskus nur mit Maria und nach ihrem Vorbild gelingen. Als Thema seiner Botschaft zum diesjährigen Weltmissionssonntag hat er sein Lieblingsthema gewählt, nämlich das Gleichnis, in dem der Herr, der ein Hochzeitsmahl vorbereitet hat, den Auftrag gibt: „Geht und ladet alle zum Hochzeitsmahl ein (vgl. Mt 22,9)!“
Seine Botschaft lässt Papst Franziskus in den marianischen Aufruf einmünden: „Blicken wir schließlich auf Maria, die von Jesus das erste Wunder eben bei einem Hochzeitsfest erwirkte, nämlich zu Kana in Galiläa (vgl. Joh 2,1-12). Der Herr schenkte dem Brautpaar und allen Gästen neuen Wein im Übermaß, ein vorweggenommenes Zeichen des Hochzeitsfestes, das Gott für alle am Ende der Zeit vorbereitet. Bitten wir auch heute um ihre mütterliche Fürsprache für die Sendung der Jünger Christi, das Evangelium zu verkünden. Gehen wir also mit der Freude und der Fürsorge unserer Mutter, mit der Kraft der Zärtlichkeit und der Zuneigung (vgl. Evangelii gaudium, 288), hinaus und überbringen wir allen die Einladung des Königs, des Erlösers. Heilige Maria, Stern der Evangelisierung, bitte für uns!“
Mit dem Leitartikel von Paul Badde lenken wir die Aufmerksamkeit auf eine Marienikone, die passend zum Thema den Titel „Wegweiserin“ trägt. Für den bekannten Autor ist es das älteste Marienbild überhaupt, ja, er spricht vom „leisen Urknall der christlichen Bilderwelt“. Seine lebenslangen Recherchen führten ihn zu überraschenden Ergebnissen, die er in Form eines biographischen Glaubenszeugnisses darbietet.
Wie die Gottesmutter aber auch heute wirkt und Menschen zu ihrem Sohn Jesus Christus führt, leuchtet in Medjugorje auf. Pfarrer Thomas Müller versucht, die dortigen Ereignisse im Licht der neuen Normen zur Beurteilung übernatürlicher Phänomene einzuordnen, während Schwester Kerstin Oswald ihre eindrucksvollen Erfahrungen vom Jugendfestival Anfang August mit über 40.000 jungen Menschen wiedergibt. In mancher Hinsicht ist auch das Glaubensfest der JUGEND 2000, das vom 8. bis 11. August in Marienfried bei Ulm mit gut 1200 Teilnehmern stattgefunden hat, eine Frucht der Impulse von Medjugorje. Dazu bringen wir eine Würdigung von Paul Josef Kardinal Cordes. Ohne seine Weitsicht und sein mutiges Eintreten hätte die JUGEND 2000 mit ihrem eucharistischen Akzent die kirchliche Anerkennung gewiss nicht so schnell erhalten.
Liebe Leserinnen und Leser, mit einem aufrichtigen Vergelt’s Gott für Ihre großherzige Unterstützung unseres Apostolats wünschen wir Ihnen einen gesegneten Missions- und Rosenkranzmonat.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2024
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
Der leise Urknall der christlichen Bilderwelt
Die Wegweiserin
Maria, die mit ihren Händen auf einen unsichtbaren Weg hinweist, ist in der Welt der Bilder und Ikonen die vornehmste und älteste Darstellungsweise der Gottesmutter. Auf Griechisch heißt dieser Bildtypus „Hodigetria“. Doch die schönste dieser Bildtafeln ist in Rom vor allem als „Advocata“ bekannt, wie der Journalist und Autor Paul Badde (geb. 1948) in seinem letzten Buch berichtet.[1] Die historische Forschung bestätigt, dass die Ikone dieser Fürsprecherin aus dem Nahen Osten stammt und noch in antiker enkaustischer Technik auf Holz gemalt worden ist. Unstrittig ist auch, dass der heilige Dominikus sie in der Stadt der Apostelfürsten am 28. Februar 1221 und nur wenige Monate vor seinem Tod persönlich aus der Kirche „Santa Maria in Tempulo“ in das nahe gelegene, von ihm gegründete Frauenkloster „San Sisto“ bei den Caracalla-Thermen trug, wo die Dominikanerinnen sie mitnahmen, als sie 1575 in ihren neuen Konvent „Santi Domenico e Sisto“ umzogen. Das ist das heutige Angelicum, von wo die Nonnen das erste Bild Mariens im Jahr 1931 in das Kloster „Santa Maria del Rosario“ auf dem Monte Mario brachten, wo sie seitdem ihre Wohnung haben. Der hl. Papst Johannes Paul II. stattete dem Kloster am 16. November 1986 einen Besuch ab, ihm folgte Papst Benedikt XVI. am 24. Juni 2010.
Im Mittelalter galt die Ikone allgemein als ein Werk des heiligen Lukas. In der Fachwelt hingegen nimmt die Autorenschaft des Evangelisten seit Jahrhunderten kein Mensch mehr ernst. Die Überzeugung, dass es sich bei der Urheberschaft des Lukas um eine fromme Legende handeln müsse, teilte auch Paul Badde. Schließlich aber gelangte er nach jahrzehntelangen Recherchen zu der Überzeugung, dass Lukas im Jahr 48 beim Apostelkonzil in Jerusalem mit Paulus Johannes und der Gottesmutter begegnet sei und von ihr die Erlaubnis erhalten habe, sie zu porträtieren. Mit dieser revolutionären Entscheidung habe das frühe Christentum das Bilderverbot aufgehoben und sich für die große Welt des Hellenismus und des Heidentums geöffnet, wie dies auch im Konzilsbeschluss der Apostel seinen Ausdruck gefunden habe. Eine überraschende Bestätigung erhielt Paul Badde durch die Tatsache, dass auf der Ikone bei der Restaurierung 1960 in der linken Hand Mariens das Fragment eines Tüchleins zu Tage trat, das nichts anderes sein könne als der Schleier des Schweißtuchs Christi in Manoppello mit dem Antlitz Christi. Der Weg, auf den Maria hinweist, ist also nicht unsichtbar. Dieser Weg ist Jesus Christus, ihr von den Toten auferstandener Sohn. Das göttliche Bild des Erlösers aus der Osternacht habe den hl. Lukas letztlich inspiriert, auch ein Porträt der Gottesmutter zu „schreiben“.
Von Paul Badde
Der Zionsberg ist die Krone Jerusalems, und die Krone des Zionsberges ist die Abtei „Mariä Heimgang“. Kaiser Wilhelm II. hat das imposante Gotteshaus vor über 100 Jahren errichten lassen und Benediktinern in Stellvertretung für Deutschlands Katholiken anvertraut – wo vor über zwei Jahrzehnten auch mein Bericht über die Wegweiserin seinen Anfang nahm.
Die Häuser der Gottesmutter und des Apostels Johannes
Als im Jahr 1900 aber mit dem Bau der Abtei begonnen wurde, kamen einige Äthiopier, denen da oben ein Friedhof gehörte, zu dem Architekten Heinrich Renard und fragten ihn: „Was wird denn nun hier aus den Häusern Marias und Johannes‘ und ihren Gedenksteinen?“ – „Welche Häuser?“ fragte der Deutsche die Äthiopier. Da führten sie ihn zu zwei kleinen Häusern, die enorme Granitsteine schmückten, in die große Kreuze eingraviert waren. „Hier!“ sagten sie ihm, „hat Maria gewohnt, und hier der Evangelist Johannes.“ – „Gut!“ sagte er ihnen da, „dann machen wir diese beiden Steine zu Grundsteinen der neuen Basilika“. Und er fügte die Blöcke in den Grund des Glockenturmes ein, wo sie heute noch von jedem Pilger an den Kreuzen zu erkennen sind.
Der Boden hier oben ist aber übersät mit solchen Spuren und Resten alter Kirchen. Es ist ein Urgrund der Christenheit. In unmittelbarer Nachbarschaft der Basilika liegt das sogenannte „Coenaculum“. Das ist die kleine Kirche, die Franziskaner im Mittelalter am Ort des letzten Abendmahls errichtet haben, über dem Fundament einer ersten kleinen „Kirche der Apostel“ aus dem Jahr 135. Gut fünfzig Tage nach dem letzten Abendmahl fand an diesem Ort auch das erste Pfingstfest statt und fünfzehn Jahre später das Apostelkonzil. Und es war auch hier, wo Maria „entschlief“, bevor die zwölf Apostel sie hinab in das Kidrontal getragen haben, um sie am Fuß des Ölbergs zu bestatten.
Von Jerusalem nach Rom, vom Zion in den Vatikan
Mir und meiner Frau aber war diese Abtei mit seinen Mönchen und unserer Teilhabe an ihrer Liturgie und ihren Stundengebeten in den Jahren 2000 und 2001 zu einem einzigartigen Haus des Trostes in großer Not geworden. Wir liebten die Brüder und das Haus und seinen Geist und ich war melancholisch, um wenig zu sagen, als wir von ihm Abschied nehmen mussten.
Zwei Jahre lang hatte ich davor als Korrespondent der Tageszeitung DIE WELT mein Herz an die „Stadt des großen Königs“ verloren und an seine beiden Völker in ihrem herzzerreißenden Ringen um das ganze Heilige Land, in einem blutigen Konflikt, der nach menschlichem Ermessen keine Lösung zulässt. Jetzt aber – am 10. Februar 2002 – war unsere Wohnung ausgeräumt, die Möbel in einem Container schon auf hoher See und wir warteten in der Abtei auf den Tag, an dem wir mitten in der Zeit der zweiten Intifada von Haifa aus mit einem Frachtschiff nach Europa aufbrechen sollten, wo ich auf Wunsch meiner Berliner Redaktion fortan Korrespondent in Rom und im Vatikan werden sollte. Auf dem Weg zum Hafen nahmen wir am nächsten Tag noch den legendären Pater Bargil Pixner für eine letzte Reise über die Allon-Road zu seinem geliebten See Genezareth und in die Eremos-Höhle über Tabgha mit und stiegen am Aschermittwoch 2002 ein letztes Mal mit ihm auf die Hügel der Seligpreisungen. Einen Tag vorher aber empfahl uns Bernhard Maria Alter aus Polen, der spätere Abt der Gemeinschaft, im Refektorium der Abtei, wir sollten nach unserer Ankunft in Rom dringend die Ikone der Hodigetria auf dem Monte Mario aufsuchen. Diese „Wegweiserin“ sei wohl die erste aller Ikonen, die dem Evangelisten Lukas zugeschrieben werde.
„Hodigetria“ – „Wegweiserin“ in Zeiten des „Synodalen Wegs“
Damals konnte ich nicht ahnen, dass dieser Rat der Anfang eines Berichts war, den ich erst mehr als zwei Jahrzehnte später in Rom beenden würde, in Tagen, in denen der griechische Begriff „hodós“ (für Weg) in der katholischen Weltkirche und in meiner deutschen Heimat in vielen Debatten eine entscheidende Rolle spielen würde, besonders heute, am Vorabend des „heiligen Jahres“ 2025, in der Rede vom „synodalen Weg“. Und das ist in der größten Krise der Kirche seit der Reformation auch nicht verwunderlich.
Denn nach dem Evangelisten Lukas wurde die Kirche Christi am Anfang ja überhaupt nur „der Weg“ genannt, bevor die – zuerst zumeist jüdischen – Anhänger des christlichen Glaubens in Antiochia erstmals „Christen“ gerufen wurden, weil sie in Jesus von Nazareth Christus erkannten, das heißt den Messias und Gesalbten Gottes und Heiligen Israels, der sich selbst als den „Weg, die Wahrheit und das Leben“ bezeichnet hatte. Es ist also kein anderer Weg als Jesus, auf den seine Mutter Maria als „Wegweiserin“ auf jener Ikone zeigt, die der Ikonenschreiber Bernhard Maria Alter uns damals zu suchen bat, sobald wir nach Rom kommen würden.
Entdeckungsreise ins Land der Ikonenmalerei
So hat meine Suche nach dem ältesten Bild Marias also auf dem Gipfel des Zionsberges begonnen, an deren Ende ich die Ikone des Evangelisten Lukas gefunden habe. In der Welt des Ostens, wo sie herstammt, heißt es, dass Ikonen nicht gemalt, sondern geschrieben werden. Dann dürfen sie aber nicht nur angeschaut, sondern dann müssen sie auch „gelesen“ werden. Da darf es keinen wundern, dass es bei einem Laien wie mir über zwanzig Jahre dauerte, bis ich sie endlich zu lesen lernte. Es war ein langer und schwieriger Erkenntnisprozess gegen schwerste Widerstände.
Vorbereitet auf diesen Prozess, das sehe ich heute, wurden wir natürlich schon viel früher: etwa durch den heiligen Johannes Paul, der uns nach seiner Wahl zum Papst schon im Herbst 1979 durch den Eisernen Vorhang nach Tschenstochau führte, wo wir erstmals ein lebendiges Bild kennenlernten. Oder durch die jüdische Gelehrte Hilde Zaloscer, die mich im Sommer 1988 in ihrer Etagenwohnung im Zehnten Bezirk Wiens in die faszinierende Welt der ägyptischen Mumienporträts einführte, die heute als Vorläufer aller Ikonen gelten. Das sind Porträts, die in derselben „enkaustischen“ Wachstechnik ausgeführt wurden wie die erste Ikone der Gottesmutter. Und Hilde Zaloscer legte mir damals an vielen Beispielen dar, dass die schönsten dieser Bilder aus dem ersten Jahrhundert nach Christus stammen. Das war Jahrzehnte bevor mir verblüfft gewahr wurde, dass das allerschönste von ihnen nicht in einem der großen Museen der Welt hängt, sondern hinter einem schweren Gitter in einem Kloster klausurierter Dominikanerinnen auf dem Monte Mario am Stadtrand Roms.
Verborgen wie Maria in ihrem Haus von Nazareth
Doch anders als ein Werk Caravaggios, dessen Wiederentdeckung in Madrid kürzlich für Schlagzeilen sorgte, oder als ein vergessenes Gemälde Tizians, das gerade in London Furore machte (zusammen mit den schwindelerregenden Preisen, die diese Meisterwerke heute erzielen), ruht das größte aller Meisterwerke und der Ursprung aller christlichen Malerei immer noch verborgen im Gebet einer Handvoll Nonnen und bleibt so still und bescheiden und verborgen wie Maria in ihrem Haus in Nazareth.
Wer sie aufsuchen will, muss erstens früh aufstehen und zweitens auf den letzten Metern die Augen weit aufmachen, dass er sich nicht den Hals bricht an einem der vielen Stolpersteine, die Wurzelwerk in jener Gasse aus dem Pflaster empor gedrückt hat auf dem schmalen Weg entlang der Mauer des Gartens der Dominikanerinnen, wo die Ikone des heiligen Lukas am Ende ihrer langen Pilgerreise ihr bisheriges Ziel gefunden hat.
Die „absurde“ Annahme einer Autorenschaft des hl. Lukas
Ein noch größeres Hindernis vor ihrer wirklichen Entdeckung waren aber Berge von Fachliteratur, durch die ich meinen Weg wie ein Holzwurm suchen musste, oder auch ein eigener Artikel, von dem ich schon 2007 meinte, alles gesagt zu haben. Das Gegenteil war der Fall. Denn ich hatte da auch ein paar falsche Fährten gelegt, die mir lange den Weg zur Erkenntnis der wahren Urheberschaft dieser Ikone versperrten.
Vor allem aber musste ich dieses Buch gegen meine eigene Überzeugung zu Ende schreiben. Denn ich konnte mir viele Jahre nie und nimmer vorstellen, dass der Evangelist Lukas diese Ikone wirklich „geschrieben“ haben sollte. Der Gedanke und Anspruch schien mir vollkommen absurd! Die Urheberschaft konnte doch nur metaphorisch gemeint sein!! Im Grunde hat mir also erst der lange Prozess des Schreibens und des Prüfens aller Argumente klar gemacht, dass es zu der Autorenschaft des Lukas keine vernünftige Alternative gibt. Am Ende schließe ich mich also grosso modo der Überzeugung der wenigen gläubigen Nonnen auf dem Monte Mario an – gegen die gesamte Fachwelt. Das ging nicht von heute auf morgen.
Reise von Paulus und Lukas zum Apostelkonzil
Es war eine Kapitulation vor dem Glauben der Nonnen und ihrem Gebet und vor der vernünftigen Überlieferung und der Einsicht, dass diese Ikone keinen anderen Ursprung haben konnte als die Begegnung Marias und Johannes‘ mit Paulus und Lukas, die im Jahr 48 aus den Städten Ephesus und Antiochia hinauf zum Apostelkonzil nach Jerusalem kamen, also genau an jenen Ort, wo im Jahr 2002 auch unsere Suche nach dem ältesten Bild Marias begann. Hier endet deshalb auf geheimnisvolle Weise auch schließlich der Bericht meiner Recherche wie ein zitternder Pfeil in der 12!
Eins ist dabei besonders wichtig. Lukas, der Paulus auf dessen neuem „Weg“ begleitete, wie der Völkerapostel die neue Lehre Jesu benannte, war als einziger der vier Evangelisten ein geborener „Goy“ (Mehrzahl „Goyim“), wie Nichtjuden damals und heute in Israel genannt wurden und werden. Außerdem war Lukas Arzt. Das Zentrum medizinischer Lehre und Heilkunde war zu jener Zeit aber Alexandria in Ägypten, wo Lukas sicher auch mit der Kunst der enkaustischen Porträtmalerei in Berührung gekommen war. Antiochia (das heutige Antakya im levantinischen Teil der Türkei) und Alexandria waren damals noch nicht durch Grenzen wie heute getrennt.
Begegnung mit dem Schleier in der Hand Marias
In der Begegnung mit Maria und Johannes kam es für Paulus mit Lukas vor dem Apostelkonzil aber nun zu einem mehrfachen Schock. Das war die Begegnung mit dem Schleier in der Hand Marias, in dem das Antlitz ihres Sohnes ruhte. – Bilder von Menschen, die allesamt als Ebenbilder Gottes galten, waren im Judentum nach dem Gesetz des Moses aber so wenig gestattet wie unreine Speisen und es gab sie damals auch nirgendwo in Jerusalem. Dieses Bild aber, das versicherten Maria und Johannes den beiden, war „nicht von Menschenhand geschaffen“. Es war das wahre Bild ihres Sohnes in dem so genannten Schweißtuch („Soudarion“) aus dem leeren Grab Christi. Zu der Annahme, dass Maria diesen Schleier seit der Himmelfahrt Christi Tag und Nacht bei sich führte, gibt es keine plausible Alternative. Deshalb führte sie ihn natürlich auch im Moment ihrer Begegnung mit Paulus und Lukas bei sich.
Johannes war damals rund vierzig Jahre alt und Maria zwischen sechzig und siebzig. Den redegewaltigen Paulus stelle ich mir mit blitzenden Augen vor wie den jungen Pater Pio. Ein wahrer Mann Gottes. Hatte er wieder einmal die Haare geschoren? Vielleicht. Das Antlitz des Lukas kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Ich sehe nur, er ist wie vom Schlag gerührt und sprachlos, als Maria vor ihm und Paulus erstmals das Lichttuch mit dem „schönen Bild“ ihres geliebten Sohnes im Licht entfaltet. Vielleicht ist ja auch Petrus bei dem Ereignis zugegen, der den Schleier mit Johannes schon in der ersten Osternacht in Christi leerem Grab entdecken und sehen durfte.
Die revolutionäre Frage eines Arztes
Weder Paulus noch Lukas hatten Jesus jemals zu dessen Lebzeiten gesehen. Paulus wird in dem Schleier dennoch sogleich das Antlitz erkannt haben, dessen Licht ihn vor Damaskus zu Boden gestreckt hatte. Lukas hingegen, den einzigen nichtjüdischen Evangelisten, durchzuckte der bis dahin unbekannte Anblick vom Antlitz des Gottessohnes wie ein Blitz einen Blitzableiter. Nach einer Weile höre ich ihn nur stammelnd fragen, ob er denn nicht auch einmal ein Porträt von ihr, der Mutter, fertigen dürfe. Es war eine revolutionäre Frage.
Als Arzt war er mit der Physiognomie menschlicher Gesichter wohl vertraut. Zudem war er – wie gesagt – kein geborener Jude. Er hatte griechische Schulen in Ägypten und Syrien besucht, wo er Paulus im Umkreis der Synagogen in seinem hellenistischen Umfeld kennengelernt hatte. Gewiss hatte er das strenge Tabu des jüdischen Bilderverbots nicht mit der Muttermilch eingesogen wie alle anderen Apostel oder wie Maria selbst.
Umso größer ist deshalb das Gewicht ihrer Entscheidung, als sie Lukas dieses Bild schließlich zu malen erlaubte. Hat sie ihre Antwort mit den Aposteln besprochen? Niemand hatte in diesem Kreis mehr Autorität als sie. Sie war die Königin der Apostel. Schließlich sehe ich, wie Maria dem Wunsch des Lukas nachgibt und wie der Gefährte des Paulus an einem der folgenden Tage mit einer dünnen Tafel aus Lindenholz zu ihr zurückkommt und sich in ihrer Unterkunft auf dem Zion im Komplex des alten Abendmahlsaals mit trockenem Gips und Wasser, verschiedenen Pinseln und Spachteln, Bienenwachs, Pistazienharz, tyrischem Purpur, einem Becken mit glühender Kohle, und verschiedenen Schalen zum Mischen der Pigmente an die Arbeit macht.
Abbild einer reifen Frau, nicht einer Mutter mit ihrem Neugeborenen
Jetzt schaute sie ihn nur an. Und während in den Gassen der unruhigen Stadt übermütige Zeloten gegen die stolzen Legionäre der römischen Besatzungsmacht lärmten, stand Lukas seelenruhig vor seiner Staffelei und fügte seiner Ikone Pinselstrich um Pinselstrich hinzu. Klar, dass er die Mutter nicht mit einem Neugeborenen abbildete, sondern allein als Frau, die schon alles gesehen hat, größte Freude und furchtbarstes Leid. In ihrer linken Hand hielt Maria aber den gefalteten Schleier, den sie seit Jahren mit sich führte. Es war das „Tüchlein“, von dem ein ursprünglicher Rest erst im Jahr 1960 in einer spektakulären Restaurierung der Bildtafel der Advocata wieder zu Tage trat. Es ist der innere Referenzpunkt dieses Porträts. Im Porträt des Lukas sehen wir deshalb auch: nicht Gelassenheit ist der wesentliche Ausdruck Marias in ihrem ersten Abbild. Sondern das ist ihre Heilsgewissheit.
Mit Hiob, dem gerechten Dulder, weiß sie, dass ihr „Erlöser lebt“. Mehr noch. Sie weiß, dass ihr eigener Sohn dieser Erlöser ist. Darum hält sie vor Lukas das Schweißtuch Christi in ihrer Linken. Es war die erste Nachricht über die Auferstehung ihres Sohnes von den Toten. Auf diesem Schleier zeigte der Erlöser selbst, dass er lebt. Auch dieses Geheimnis birgt die erste Ikone aus der Hand des Lukas wie in einem Bernstein. Er malte nicht, um Kunst zu schaffen. Er schrieb diese Ikone als erstes Kapitel seines Evangeliums.
Aufhebung des Bilderverbots durch göttliche Initiative
So kam es zu diesem Meisterwerk. Danach wurde Lukas die Niederschrift seines Evangeliums anvertraut und der Bericht der Apostelgeschichte, möglicherweise von Maria selbst! Doch danach erst. Die „Ikone der Advocata“ ist kein Alterswerk des Evangelisten. Sie wurde früher „geschrieben“ als alle anderen Evangelien. Anders ist es sachlogisch gar nicht vorstellbar. Nicht in Rom oder Athen, sondern in Jerusalem selbst wurde das jüdische Bilderverbot also aufgehoben, in einem ersten – göttlichen – Schritt im Schweißtuch Christi in seinem Grab und in einer zweiten – menschlichen – Antwort auf die wahre Ikone im Porträt Marias durch Lukas, rund fünfzehn Jahre später. All dies sehen wir heute hinter dem Gitter der Klausur der Dominikanerinnen. In dieser Tafel ist der Funke vom Feuer Gottes im heiligen Sudarium übergesprungen auf die Menschenhand des Evangelisten. Gefallen war dabei für immer auch das Bilderverbot.
Im Mittelalter hieß es später, die Apostel hätten Lukas gebeten, ein Bild Mariens zu malen, was er zuerst abgelehnt, dann aber zugesagt habe. Danach habe er sich mit einem dreitägigen Fasten darauf vorbereitet. Das scheint mir bei aller Liebe zur Tradition eher unwahrscheinlich, dass die oft sehr uneinigen, aber allesamt gesetzestreuen Apostel hier so leichtfertig zu einer Übertretung des Bilderverbots aufgefordert haben sollen. Herausgefordert und gerechtfertigt, so scheint es mir im Angesicht der Ikone, wusste sich Lukas zu dieser Darstellung vor allem durch den göttlichen Bildschleier am Herzen der Mutter mit dem Antlitz ihres Sohnes. Und durch Marias Zustimmung! Vielleicht hat Lukas danach ja wirklich zuerst einmal drei Tage lang gefastet.
Das aber können wir uns nicht radikal genug vorstellen: dass ausgerechnet die Mutter Jesu und gesetzestreueste Tochter Israels zusammen mit Lukas die junge jüdische Kirche der großen weiten Welt der Hellenen und Goyim geöffnet hat!!! Das ist die Quintessenz vom Tabubruch des Bilderverbots in dieser Bildtafel. Sie ist im Raum des Judentums das erste von Menschenhand gemachte Bild eines gottesebenbildlichen Menschen. Kein Wunder, dass die erste aller Ikonen die Mutter des Erlösers zeigt.
Die Braut des Heiligen Geistes und Königin der Apostel
Es war ein Paradigmenwechsel vom Jüdisch-Christlichen zum Christlichen, den diese Tafel dokumentiert. Es war der leise Urknall unserer Bilderwelt. All dies sehen wir heute hinter dem Gitter der Klausur der Dominikanerinnen auf dem Monte Mario.
„Es hat dem heiligen Geist und uns gefallen, euch keine weitere Last aufzulegen“ heißt später – in der Apostelgeschichte des Lukas – die berühmte Formel der Apostel, mit der sie auf ihrem Konzil die junge Kirche Christi für die große universale Welt der Nichtjuden geöffnet haben. In seiner Ikone aber hat uns Lukas ein Porträt der Braut des Heiligen Geistes hinterlassen. Wie in einem Siegel vom wegweisenden Entschluss der Apostel zur Heidenmission auf dem Konzil des Jahres 48 zeigt er uns hier für immer ihr Gesicht.
Vorausgegangen war diesem ersten Konzil seit zwölf Jahren ein revolutionärer Weg aller Apostel und Jünger Jesu um die Frage, inwieweit das Erlösungswerk des jüdischen Messias auch Nichtjuden und deren faszinierender Bildkultur rings um das Mittelmeer offenstehen sollte, die Johannes und Maria in Ephesus schon seit Jahren umgeben hatte.
Und auch dies müssen wir festhalten. Niemals war je davon die Rede, dass Lukas eine Ikone des Völkerapostels Paulus geschaffen hat, den er doch Jahre begleitet hatte und bestens kannte. Auch sonst ist kein einziger Apostel gewürdigt worden, von Lukas in einer Ikone verewigt zu werden. Dieses Privileg kam nur Maria zu, der Königin der Apostel.
Einstimmung auf die Abfassung des Evangeliums und der Apostelgeschichte
In ihren Gesichtszügen sind die Passion, der Tod, die Auferstehung und die Himmelfahrt ihres Sohnes gespeichert wie in einer lebendigen Schriftrolle.
Kein Geschöpf des Universums war dem Schöpfer des Himmels und der Erde jemals so lange so nah wie sie. Ihre heilige Intimität mit Gott ist Marias tiefstes Geheimnis. Ihr Antlitz ist eine Offenbarung. Denn der Akt des Malens ist ja keine Sekundensache. Die Kunst der Porträtmalerei ist im Gegenteil eine höchst intime und langwierige Angelegenheit zwischen dem Maler und dem Modell, die einige Zeit beansprucht. Wieviel Ruhe und Zeit es in diesem Fall gebraucht hat, kann keiner sagen. Doch dabei wird die Mutter Jesu dem jungen Lukas auch einiges erzählt haben. Darum hat er uns später so viel von der Kindheit Jesu erzählen können – und so viel wie kein anderer Evangelist von dem, was Maria „in ihrem Herzen bewegte“. Und während Maria mit ihm sprach, schrieb Lukas diese Ikone. Wahrscheinlich – ich sagte es schon – hat sie ihn in diesen Gesprächen ja auch überhaupt erst bewegt, sein Evangelium und die Apostelgeschichte der jungen Kirche für einen unbekannten Theophilus aufzuschreiben, an den er sich jeweils im Vorspann seiner beiden Bücher richtet. Denn auf welche Quelle kann er sich für die Kindheitsgeschichten Jesu denn sonst gestützt haben, als auf Maria selbst, die wichtigste aller Zeuginnen? Das hat er sich doch nicht aus den Fingern gesogen. Wie gut er sie aber wirklich kannte, zeigt seine Ikone der Advocata.
Wegweiserin für die Epoche der digitalen Revolution
Am Beginn der digitalen Revolution tritt uns das verborgene Porträt aber in einem Moment der Heilsgeschichte vor unsere Augen, in der Smartphones alle Menschen in Fotografen und weltweite Vermittler verwandeln und wo die synodale Kirche, das heißt auf Deutsch: die Kirche „des gemeinsamen Weges“, niemanden so sehr braucht wie die wahre Wegweiserin! Hier zeigt sie uns ihr barmherziges Gesicht.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2024
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
[1] Paul Badde: Die Lukas-Ikone – Roms verborgenes Weltwunder, Christiana-Verlag im Fe-Medienverlag 2024, 272 Seiten, 27 Farbbilder, 28 SW-Bilder, Hardcover, geb., ISBN: 978-3-7171-1380-5; Euro 19,80 – Bestell-Telefon: +49 (0)7563-608-998-0; www.fe-medien.de
Erfahrung von Weltkirche auf dem 35. Jugendfestival in Medjugorje
Begegnung – Freude – Zeit mit Gott
Vom 1. bis 6. August 2024 fand in Medjugorje mit Zehntausenden von jungen Menschen das 35. Jugendfestival statt. Sr. Kerstin Oswald von der Gemeinschaft „Maria, Königin des Friedens“ schildert ihre Eindrücke und kann nur empfehlen, einmal selbst an einem solchen Fest des Glaubens teilzunehmen. Überwältigt vom gemeinsamen Lobpreis und vom Geist der Anbetung Gottes spürte sie das Wirken und die Gegenwart der „Königin des Friedens“, welche die Menschen zu Christus führt und in froher Begegnung vereint. Was sie erleben durfte, war für sie „einfach Weltkirche“.
Von Sr. Kerstin Oswald
Über 40.000 Menschen aus 80 Ländern der Welt kamen zusammen, um Gott anzubeten, ihn zu loben und zu preisen. Wenn man das liest, kann man es kaum glauben. Aber genau das geschah beim 35. Jugendfestival vom 1. bis 6. August 2024 in Medjugorje. Für mich persönlich ist es zutiefst beeindruckend, dass so viele Menschen an einem Ort zusammenkommen: einfach Weltkirche. Maria, die Mutter der Kirche und Königin des Friedens, ruft uns auf, gemeinsam zu beten, und so viele folgen ihrem Ruf.
Eine Familie aus allen Nationen
Beim Eröffnungsabend stand ich ganz vorne in der Menge, ausgerüstet mit meiner Kamera und meinem Handy, um die Stimmung einzufangen und die Delegierten all der Länder zu fotografieren, die vor der Heiligen Messe vorgestellt worden sind. Als das Schlagzeug und die ersten Töne des internationalen Chores erklangen, bekam ich Gänsehaut. Das Festival begann, Tausende von Menschen sangen „Hosanna in der Höhe“ und waren gemeinsam im Gebet und in der Freude des Lobpreises versammelt. Vertreten waren junge Leute aus der Ukraine, aus Russland, aus Israel, aus dem Libanon, aus Deutschland, Österreich, der USA, Südkorea etc. – also auch aus Ländern, zwischen oder in denen Krieg herrscht. Aber an diesem Ort des Friedens und der Versöhnung waren sie vereint, ohne jeglichen Hass, sie beteten gemeinsam zu Gott, damit wieder Friede in ihren Heimatländern herrsche. Mich haben all diese Beobachtungen in meinem Herzen getroffen und zu Tränen gerührt.
Grußbotschaft von Papst Franziskus
Das Thema des diesjährigen Festivals war „Maria hat das Bessere gewählt!“ (Lk 10, 42). Die Jugendlichen waren eingeladen, wie Maria, die Schwester von Lazarus und Martha, zu Füßen Jesu zu sitzen und seinen Worten zu lauschen. Ausgehend von dieser Bibelstelle ermutigte Papst Franziskus in seinem Brief an die Teilnehmer, der vom Apostolischen Visitator, Erzbischof Aldo Cavalli, vorgelesen wurde, die Jugendlichen: „Genauso seid ihr, liebe Freunde, aufgerufen, dass ihr glaubwürdige Jünger Christi werdet. Bleibt in der Gegenwart des Meisters, um das Wort Gottes zu meditieren, erlaubt, dass es euren Verstand und euer Herz erleuchtet, damit ihr den Plan des Vaters, den Er für jeden von euch hat, entdeckt und daran mitarbeitet.“ Wie schön, dass Papst Franziskus immer wieder Grußworte nach Medjugorje sendet, um den Jugendlichen zu zeigen, dass er mit ihnen ist. Außerdem waren in diesen Tagen einige Kardinäle, Bischöfe und über 700 Priester vor Ort.
Berührt vom Wunder der Eucharistie
Es waren Tage des Hörens auf das Wort Gottes, das durch die inspirierenden Katechesen und Predigten ausgelegt wurde. Es waren Tage des Staunens: Gott tut auch heute noch Wunder. Er heilt Menschen, schenkt ihnen ein neues Leben und holt sie aus der Dunkelheit ihres Lebens heraus. Das konnten wir in den verschiedenen Zeugnissen und Berichten von so vielen jungen Leuten hören. Es waren Tage der Freude. Unzählige Menschen tanzten und sangen gemeinsam und priesen den Namen Jesu. Vor allem der Chor hat zu dieser Freude beigetragen. Verschiedenste Worship-Songs berührten das Herz und haben den Jugendlichen dabei geholfen, sich zu öffnen.
Es waren Tage der Begegnung zwischen all den jungen Menschen und der Begegnung mit Gott im Gebet des Rosenkranzes, bei der Feier der Heiligen Messe und bei der Anbetung des Allerheiligsten Sakraments des Altares. Ein paar Jugendliche aus Österreich erzählten mir: „Eines unserer Highlights war auf jeden Fall die Begegnung mit Jesus in der Eucharistie. In der Messe oder auch in der Anbetung, wo dann auch so manche Träne rollt, spürt man seine Liebe ganz besonders, weil man erkennt, sein geliebtes Kind zu sein.“
Es sind aber auch die Begegnungen unter den Teilnehmern, die dieses Festival so besonders machten. Viele Freundschaften entstanden in diesen Tagen.
Beichte und strahlende Gesichter
Nicht zu vergessen die Begegnung mit dem barmherzigen Gott im Sakrament der Beichte. Hunderte Priester sind den ganzen Tag in der Sonne gesessen und haben sich von Gott als Werkzeug verwenden lassen, um den vielen Menschen das Sakrament der Versöhnung zu spenden. Pater Jure Barišić betonte in seinem Impuls über die Beichte: „In jedem Menschen ist das Bedürfnis, sich jemandem anzuvertrauen und seine Sünden auszusprechen. Der Beichtstuhl ist ein besonderer Ort, weil dort alles gesagt werden darf. Was dort gesagt wird, wird ausgelöscht, vergeben und vergessen. Es gibt auf der ganzen Welt keinen Ort, wo das sonst so ist. Ich bin geschützt im Beichtstuhl – keiner weiß, was darin geschieht. Der Ort, an dem man sich vollkommen öffnet. Im Beichtstuhl geschieht ein Wunder und wir sehen, wie groß die Barmherzigkeit Gottes ist.“
Dies konnte man an den Gesichtern der vielen sehen. Immer wenn ich über den Platz ging, wo die Beichte gehört wurde, sah ich viele strahlende Gesichter. Die jungen Menschen haben all das, was sie belastete, was sie von Gott, dem Nächsten und von sich selbst trennte, beim Herrn gelassen und er hat sie mit seiner Liebe berührt. Ein junges Mädchen sagte mir: „Ich weiß, das klingt jetzt blöd, aber ich fühle mich so leicht. Es ist so als ob ein Fels von meinen Schultern runtergefallen ist. Ich gehe wie auf einer Wolke und bin im Frieden und glücklich.“ Dies konnte man auch in ihren Augen erkennen. Der Herr wirkt.
Prozession mit der Statue der Muttergottes
Ein besonderes Highlight beim Jugendfestival war für mich die Prozession mit der Statue der Muttergottes. Sie wurde wunderschön mit Blumen geschmückt und von einigen jungen Männern durch die Menschenmenge getragen, gefolgt von Jugendlichen aus allen Ländern, die am Jugendfestival teilnahmen. In mir war einfach Dankbarkeit. Danke Maria, dass du mit uns bist, dass du meine und unsere Mutter bist, dass du dich liebevoll um uns kümmerst, nicht müde wirst, uns an deine Hand zu nehmen und zu deinem Sohn Jesus zu führen. Das und noch viel mehr steigt in mir auf, wenn ich sie durch die Menge durchgehen sehe.
Mit dem Song „Shine your light“ wurde die Lichtermeditation begleitet. Ausgehend von der Osterkerze, die in der Dunkelheit leuchtete, wurde es dann an alle Teilnehmer auf dem Platz verteilt. Ein wunderschönes Lichtermeer entstand und man sah, was geschieht, wenn wir uns vom Licht Jesu entzünden lassen und es durch unser Lebenszeugnis in die ganze Welt verbreiten. Auch dieser Moment beim Jugendfestival war etwas ganz Besonderes und rührte den einen oder anderen zu Tränen. Seien auch wir Licht in dieser Welt und tragen wir es in unsere Familien, Freundeskreise und Arbeitsplätze! So wurde es den jungen Menschen auch am letzten Abend des Festivals gesagt. Vertreter der verschiedenen Länder bekamen einen Rosenkranz überreicht und Pater Zvonimir Pavičić sagte ihnen:
„Liebe Jugendliche, nehmt den Rosenkranz als die Hand Mariens an, die sie euch reicht, dass ihr mit Jesus und Maria durchs Leben geht und dass ihr von Ihnen lernt. Seid Verkünder des Evangeliums in eurer Familie, in eurer Stadt, in eurem Land.“
Vom Erscheinungsberg zum Kreuzberg
Der erste volle Tag des „Mladifestivals“ begann um 6.00 Uhr früh auf dem Erscheinungsberg. All die Jugendlichen versammelten sich dort um die Statue der Muttergottes, um den Rosenkranz zu beten. Am letzten Tag, dem 6. August, endete das Festival auf dem Kreuzberg mit der Heiligen Messe. Die ganze Nacht hindurch bestiegen die jungen Menschen den Berg, um an der Messe um 5.00 Uhr früh teilzunehmen. Jedes Mal ein bewegender Moment. In der Dunkelheit der Nacht steigt man auf den Berg hinauf und mitten in der Heiligen Messe geht die Sonne auf. Es erinnert an das eigene Leben. Oft muss man durch Schwierigkeiten und Leiden hindurch, Gott scheint oft weit weg zu sein, aber dann kommt plötzlich ein Lichtstrahl und alles wendet sich. Ein unbeschreibliches Erlebnis. Die Natur erwacht aus dem Schlaf und sie erwärmt das Herz der Menschen. Völlig müde saß man da und versuchte wach zu bleiben, aber sobald die Sonne hinter den Bergen hervorkam schwand all die Müdigkeit.
Das Angesicht der Erde erneuern
Die Tage in Medjugorje waren besondere Tage des Gebetes, der Freude, der Begegnungen. Es war schön, dem Herrn und allen, die beim Festival waren, so nahe zu sein. „Er macht uns immer zu besseren Menschen. Er verwandelt uns in bessere Menschen“, sagte Pater Zvonimir in seiner Predigt am Kreuzberg. Lassen wir uns von Gott verwandeln und bitten wir ihn und unsere Mutter, die Königin des Friedens, dass sie uns mit ihrer Fürsprache begleitet und uns hilft, immer wieder zu den Füßen Jesu zurückzukehren, um bei ihm zu sein und seinen Worten zu lauschen. Sei auch du mit dabei, beim 36. Jugendfestival in Medjugorje!
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2024
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Medjugorje im Licht der neuen Normen zur Beurteilung von übernatürlichen Phänomenen
Ein Charisma im Schutz der Kirche
Pfarrer Thomas Müller wurde 1972 in Frankfurt geboren und studierte zunächst Chemie in Bonn. Durch Medjugorje fand er einen tieferen Zugang zum Glauben und einer persönlichen Beziehung zu Christus und seiner Mutter Maria. Von 2002 bis 2006 studierte er Theologie an der Philosophisch Theologischen Hochschule der Pallottiner in Vallendar. Am 24. Juni 2010, dem Hochfest des hl. Johannes des Täufers, wurde er durch Joachim Kardinal Meisner für die Erzdiözese Köln zum Priester geweiht. 2006 erschien sein Buch „Medjugorje – Ein Charisma und seine Bestätigung für das Gottesvolk“, das 2008 mit dem Koblenzer Hochschulpreis ausgezeichnet wurde. In seinem Beitrag versucht Pfarrer Müller, die Ereignisse von Medjugorje im Licht der neuen „Normen des Dikasteriums für die Glaubenslehre zur Beurteilung übernatürlicher Phänomene“ vom 17. Mai 2024 einzuordnen.
Von Thomas Müller
Wege der Offenbarung des Willens Gottes
Die Bibel kennt sowohl im Alten als auch im Neuen Testament Visionen, Auditionen, Erscheinungen und andere übernatürliche Phänomene als Wege der Offenbarung des Willens Gottes. Sei es die Offenbarung Gottes an Mose im brennenden Dornbusch (Ex 3), die Berufungsvision des Propheten Jesaja (Jes 6,1-10), die Erscheinung des Erzengels Gabriel an Zacharias und Maria (Lk 1,5-36), die Befreiung des Petrus durch einen Engel aus dem Gefängnis des Herodes (Apg 12,6-18) oder die Bekehrung des Paulus vor den Toren von Damaskus (Apg 9,1-22), um nur einige wenige Beispiele zu nennen.
Auch in nachbiblischer Zeit nutzt Gott diese Wege, um seinen Willen zu offenbaren. Wir wissen von Visionen im Leben des hl. Franz von Assisi, der hl. Teresa von Avila, der hl. Schwester Faustina Kowalska oder den Erscheinungen der Gottesmutter in Lourdes, Fatima und Medjugorje. „Die gesamte Heilsgeschichte hindurch hat Gott Erscheinungen und Visionen unterschiedlichster Art als Kommunikationsweg zwischen Ihm und seinen Geschöpfen gewählt. Diese Form der Kommunikation ist der leiblich-geistigen Verfasstheit des Menschen am angemessensten, denn er nimmt über seine Sinne, insbesondere den Seh- und Hörsinn, die Beziehungen, in denen er steht, wahr und verarbeitet sie anschließend rational. Da der Mensch als Geschöpf nach Gottes Abbild in einer besonderen Beziehung zu seinem Schöpfer steht, ist es nicht verwunderlich, dass Gott sich auch auf diesem Weg erfahrbar macht."[1]
Zum Begriff „Privatoffenbarungen“
Kardinal Ratzinger betont in seinem Kommentar zur Veröffentlichung des Geheimnisses von Fatima: „Die Lehre der Kirche unterscheidet zwischen der ‚öffentlichen Offenbarung‘ und den ‚Privatoffenbarungen‘. Zwischen beiden besteht nicht nur ein gradueller, sondern ein wesentlicher Unterschied. Das Wort ‚öffentliche Offenbarung‘ bezeichnet das der ganzen Menschheit zugedachte Offenbarungshandeln Gottes, das seinen Niederschlag in der zweiteiligen Bibel aus Altem und Neuem Testament gefunden hat. ‚Offenbarung‘ heißt es, weil Gott darin sich selbst Schritt um Schritt den Menschen zu erkennen gegeben hat, bis zu dem Punkt hin, da er selbst Mensch wurde."[2]
Mit Privatoffenbarung (revelationes privatae)[3] wird alles nachbiblische Offenbarungshandeln Gottes bezeichnet. Diese Art der Offenbarung kann niemals die in Jesus Christus erfolgte Offenbarung korrigieren, erweitern oder überbieten. Gemäß der dogmatischen Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die göttliche Offenbarung Dei Verbum ist die Offenbarung Gottes abgeschlossen, „und es ist keine neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten vor der Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus in Herrlichkeit“ (DV 4). Dies ist auch völlig schlüssig, da Jesus Christus als wahrer Gott und wahrer Mensch die Selbstmitteilung des dreifaltigen Gottes ist und uns nicht nur die Offenbarung Gottes gebracht hat, sondern selber die Offenbarung Gottes des Vaters ist. In diesem Zusammenhang weist Bischof Graber (1903-1992) aber auch „eine irrige Meinung zurück, als ob Gott die große Offenbarung mit dem Tod des letzten Apostels so abgeschlossen hätte, dass ihm in der nun folgenden geschichtlichen Periode keine Eingreifmöglichkeit mehr zur Verfügung stünde. Dabei übersieht man, dass der Kirche Christi der Heilige Geist gegeben wurde, der die Jünger Christi alles lehren wird (vgl. Joh 14,26) und der Söhne und Töchter weissagen, die Jünglinge Gesichte und selbst Greise Traumgesichte schauen lässt (vgl. Apg 2,17)."[4]
Der Theologe Karl Rahner macht auf zwei Probleme bei einer einseitigen Wertung des Begriffs Privatoffenbarung aufmerksam. Zum einen wird er zu negativ gesehen, wenn Privatoffenbarung nur vom Gesichtspunkt der Abgeschlossenheit der öffentlichen Offenbarung aus betrachtet wird, weil es dann der Theologie nicht gelingt, die wahre Bedeutung und Notwendigkeit für die Kirche aufzuzeigen. Es kommt zu einer Überbetonung des Privaten als für die Kirche Unwichtigen. Zu positiv wird der Begriff dargestellt, wenn er einfach als Offenbarung minus der Tatsache verstanden wird, dass sie sich nicht durch den Offenbarungsträger an alle wendet. In einem solchen Verständnis käme es zur Überbetonung der Offenbarung und zur Nivellierung des wesenhaften Unterschiedes zur biblischen Offenbarung.[5] Aus diesen Schwierigkeiten ergeben sich zwangsläufig zwei Fragen, die auf das Wesen der Privatoffenbarung zielen: Kann etwas, das Gott offenbart, für die Kirche unwichtig sein? Warum offenbart Gott Dinge, die bereits in der biblischen Offenbarung enthalten sind?
Charakter der Ereignisse von Medjugorje
Nach dem bekannten französischen Mariologen R. Laurentin haben private „Offenbarungen die Aufgabe, nicht durch eine objektive Information den Glauben zu vervollständigen, sondern ihn zu wecken, zu erneuern und anzuregen“.[6] Sie sollen den Christen und der Kirche helfen zu erkennen, wie die öffentliche Offenbarung unter den Konditionen des Hier und Jetzt zu leben ist und was in dieser Situation der Wille Gottes ist, der sich nicht direkt aus der Bibel und den Prinzipien der Moraltheologie ableiten lässt. Ein Beispiel unserer Zeit sind für mich die Erscheinungen in Medjugorje. Die Botschaften der Gospa, wie die Gottesmutter von den Einheimischen genannt wird, fügen dem Glaubensgut der Kirche keine neuen Offenbarungen hinzu, sie helfen aber seit vielen Jahren Millionen von Menschen, die Botschaft des Evangeliums im Alltag zu leben, tiefer mit Christus verbunden zu sein und den Glauben in Liebe zu bezeugen. Durch die Erscheinungen haben unzählige Menschen überhaupt erst einen Weg zum katholischen Glauben gefunden. Hier tritt die prophetische Dimension eines Charismas zu Tage, das dem kirchlichen Leitungsamt helfen soll, den Weg durch die Zeit zu finden. Daraus ergibt sich, dass eine Privatoffenbarung immer zeitbedingt ist und nicht wie die biblische Offenbarung überzeitlichen Charakter hat.
Nach Rahner lassen sich Privatoffenbarungen grundsätzlich in mystische und prophetische Visionen oder Offenbarungen einteilen. Mystisch nennt er „diejenigen, die sich im Ziel und Inhalt nur auf das persönliche religiöse Leben und die Vervollkommnung des Visionärs selbst beziehen“,[7] also zum Bereich der heiligmachenden Gnade gehören. Prophetisch „sind solche, die darüber hinaus den Visionär veranlassen oder beauftragen, sich mit einer Botschaft (...) an die Kirche zu wenden“.[8] Prophetische Offenbarungen, zu denen normalerweise die Marienerscheinungen gehören, müssen zum Bereich der „für die Heiligung anderer und den Aufbau der Gemeinde verliehenen Gnadengaben oder Charismen"[9] gezählt werden. Auch wenn sich prophetische und mystische Visionen in ihrem phänomenologischen Auftreten oft sehr ähnlich sind, ist es doch unerlässlich, die unterschiedliche Ausrichtung bei ihrer Bewertung zu beachten.
Meines Erachtens besteht zwischen mystischer und prophetischer Offenbarung nicht nur der bereits beschriebene theologische Unterschied, sondern auch ein praktischer, der in der menschlichen Freiheit gründet. Der Mensch, der sich auf den Weg der Mystik begibt, macht sich aktiv auf die Suche nach Gott. Er will durch Gebet, Askese und gelebte Liebe seine Seele für die Gnade der Begegnung mit dem lebendigen Gott bereiten und so kann Gott sich in seiner unendlichem Liebe dem Mystiker im Innersten seiner Seele zu erkennen geben und ihn zur mystischen Vereinigung führen. Den meisten Sehern, die Erscheinungen hatten, musste Gott von außen, also über den Weg der Sinne entgegentreten, um auf sich aufmerksam zu machen und so ihre Freiheit zu wahren. Denn wenn Gott direkt im Inneren des Menschen wirkt, achtet er die menschliche Freiheit so hoch, dass er dessen freie Zustimmung benötigt. Bei einem Mystiker, der Gott sucht, ist diese freiheitliche Zustimmung gegeben. Aber Jugendliche, wie z.B. die Seher von Medjugorje, die am 24. Juni 1981 alles andere als eine Begegnung mit Gott suchten, sandte er Maria in Form einer Erscheinung.[10]
„Prüft alles und behaltet das Gute!“
Bereits der Apostel Paulus macht im Zusammenhang mit prophetischer Offenbarung deutlich, dass diese wohlwollend geprüft werden muss: „Verachtet prophetisches Reden nicht! Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5,20-21).
In Bezug auf Erscheinungen und Prophezeiungen schreibt der bekannte Dogmatiker Kardinal Scheffczyk: „Religion kann an diesem einen ihrer Höhepunkte nicht auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit verzichten, sonst entsteht die Gefahr, dass dieses Höchste durch menschliche Schwachheit, Irrtum oder Bosheit entstellt wird und das religiös-übernatürliche Ziel, das mit den Erscheinungen angestrebt wird, in das Gegenteil verkehrt wird. Man darf deshalb behaupten, dass es wesentlich zu einem kernigen, hochherzigen Glauben an Wunder und Erscheinungen gehört, sie nur auf überzeugende Gründe hin anzunehmen."[11]
Zu diesem Zweck veröffentlichte im Mai 2024 das Dikasterium für die Glaubenslehre in Rom (früher Glaubenskongregation) unter Leitung seines Präfekten Kardinal Fernández, mit ausdrücklicher Zustimmung von Papst Franziskus, „Normen für das Verfahren zur Beurteilung mutmaßlicher übernatürlicher Phänomene“.[12] Zu diesen übernatürlichen Phänomenen zählen unter anderem Visionen, Auditionen, Marienerscheinungen und andere etwaige übernatürliche Phänomene wie eucharistische Wunder, Stigmata oder weinende Marienstatuen.
Die neu vorgelegten Normen des Dikasteriums für die Glaubenslehre lösen ein Schreiben desselben Dikasteriums, der Glaubenskongregation, aus dem Jahr 1978 ab, welches vom damaligen Präfekten Franjo Kardinal Seper den Bischöfen unter dem Titel „Kriterien zur Unterscheidung von Erscheinungen und Offenbarungen“ zur Verfügung gestellt wurde. Wie bereits der Dogmatiker Manfred Hauke anmerkt, gibt es in den Kriterien zur Beurteilung und Prüfung von prophetischen Offenbarungen zwischen den Normen von 1978 und 2024 keine substanziellen Unterschiede[13] Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass der Ortsbischof, der für die Untersuchung solcher Phänomene zuständig ist, und auch die Glaubenskongregation, der die Untersuchungsergebnisse vorgelegt werden müssen, zukünftig kein Urteil mehr über den übernatürlichen Charakter der behaupteten Erscheinung oder Vision fällen wird.
Die „Königin des Friedens“ und ihre prophetische Dimension
Der Ortsbischof ist gehalten, sobald er in seinem Bistum von mutmaßlichen Tatsachen übernatürlichen Ursprungs erfährt, sich über diese Ereignisse persönlich oder durch einen Beauftragten zu informieren und unverzüglich dafür zu sorgen, dass die für eine erste Beurteilung nützlichen Informationen gesammelt werden.[14] Diese Neuerung in den Normen von 2024 ist sehr bedeutsam. Prophetische Offenbarungen sind wie bereits erwähnt zeitgebunden und erfordern daher eine zeitnahe kirchliche Beurteilung, um den eventuell göttlichen Impuls nicht zu versäumen. Ein Beispiel sind die Erscheinungen von Medjugorje. Maria offenbarte sich im Juni 1981 den sechs Sehern als „Königin des Friedens“ und lud in ihren Botschaften immer wieder ein, sich für den Frieden einzusetzen, dafür zu beten und sich mit Gott zu versöhnen, damit auch unter den Menschen Frieden werden kann. Heute wissen wir, dieser Impuls war richtig, denn genau 10 Jahre später, im Juni 1991, brach der schreckliche Krieg im ehemaligen Jugoslawien aus. Es wäre mit Sicherheit besser gewesen, diesen prophetischen Impuls frühzeitig zu prüfen, anzunehmen und umzusetzen und so den Krieg eventuell zu verhindern, als im Nachhinein sagen zu können: der drängende Impuls für Frieden und Versöhnung war korrekt und wohl übernatürlichen Ursprungs, denn der Krieg, mit dem in den 80er Jahren absolut niemand gerechnet hätte, ist gekommen.
Der Ortsbischof soll eine Untersuchungskommission einsetzen, die mit Theologen, Kanonisten und ausgewählten Sachverständigen besetzt ist. Sie soll alle Aspekte der behaupteten übernatürlichen Ereignisse untersuchen und dem Bischof alle nützlichen Elemente zur Beurteilung liefern.[15] Nach Abschluss der Untersuchung und einer sorgfältigen Prüfung der Ereignisse, inklusive etwaiger geistlicher Früchte, soll der Bischof einen Bericht mit den Ergebnissen und seiner persönlichen Einschätzung der Angelegenheit an das Dikasterium für die Glaubenslehre in Rom schicken. Dieses wird den Fall prüfen und die Entscheidung des Ortsbischofs bestätigen oder auch nicht. Es kann auch eine neue unabhängige Untersuchung anordnen.
Als Urteil stehen nach neuester Festlegung nicht mehr drei mögliche qualitative Einstufungen von Erscheinungen der klassischen Begründung durch Prosper Lambertini[16] zur Verfügung, der auch die Normen von 1978 noch gefolgt waren:
1. „Constat de supernaturalitate“ – „Die Übernatürlichkeit steht fest“. Mit diesem Urteil wären die Erscheinungen als echt, d.h. als von Gott kommend, anerkannt.
2. „Constat de non supernaturalitate“ – „Es steht fest, dass es sich hier nicht um etwas Übernatürliches handelt“. Mit einem solchen Urteil wäre klar, dass es sich um Betrug handeln würde.
3. „Non constat de supernaturalitate“ – „Die Übernatürlichkeit steht nicht fest“.
Die dritte Form des Urteils, welches in den letzten Jahrzehnten am häufigsten bei übernatürlichen Phänomenen angewandt wurde, z.B. in der Erklärung von Zadar der Jugoslawischen Bischofskonferenz (1991) in Bezug auf die bis dahin erfolgte Prüfung der Erscheinungen von Medjugorje, lässt die Frage der Übernatürlichkeit offen. Ein mit einer solchen Feststellung abgeschlossenes Verfahren – es war die überwiegende Mehrheit – ist für alle Beteiligten mehr als unbefriedigend und führte häufig dazu, dass Seher und Gläubige, die sich für ein übernatürliches Phänomen interessierten und es für ihren Glaubensweg nutzbar machen wollten, von den Verantwortlichen der Kirche alleingelassen wurden. Eine Herde ohne Hirten wird entweder zerstreut oder folgt einem zweifelhaften Leithammel. Medjugorje blieb dieses Schicksal Gott sei Dank erspart, weil sich der Orden der Franziskaner mit herausragenden Persönlichkeiten der Seelsorge in Medjugorje angenommen und das Phänomen konsequent begleitet hat.
Entfaltung eines Charismas im Schutz der Kirche
Entsprechend den neuen Vorgaben kann der Ortsbischof, nach vorheriger Genehmigung durch das Dikasterium, zwischen sechs verschiedenen Einordnungen wählen:
Die positivste ist das „Nihil obstat“: den Botschaften wie auch dem neuen Kult spricht nichts entgegen. Im Dekret heißt es dazu: „Auch wenn keine Gewissheit über die übernatürliche Echtheit des Phänomens geäußert wird, so werden doch viele Anzeichen für ein Wirken des Heiligen Geistes ‚inmitten‘ einer bestimmten spirituellen Erfahrung erkannt, und es wurden, zumindest bis dato, keine besonders kritischen oder riskanten Aspekte festgestellt."[17] Zwei wesentliche Punkte gehen hieraus hervor. Im Normalfall verzichtet die Kirche zukünftig auf die Feststellung, ob eine Erscheinung oder eine Vision übernatürlich ist oder nicht. Die positive Beurteilung mit „Nihil obstat“ ist nicht endgültig und dauerhaft festgeschrieben, sie kann gegebenenfalls auch geändert und herabgestuft werden, falls sich im späteren Verlauf negative Merkmale eines Phänomens zeigen. Dies ermöglicht aber auch eine schnellere Einordnung gerade von übernatürlichen Phänomenen, die wie Medjugorje lange anhalten. Ein schnelles „Nihil obstat“ ermöglicht es dem Volk Gottes, den Ruf Gottes in die Zeit wahrzunehmen, und dem Seher oder Visionär, sein Charisma im Schutz der Kirche auszuüben. Gleichzeitig schützt es die Gläubigen, die sich für dieses Phänomen interessieren, vor Wildwuchs und Irrtümern.
Als es bezüglich Medjugorje Mitte der 90er Jahre zur Diskussion kam, ob es überhaupt erlaubt sei, als Pilger dorthin zu reisen, nahm der Sprecher des Vatikans, Joaquin Navarro-Valls, am 21. August 1996 in einer öffentlichen Stellungnahme eine Einordnung vor, die einem solchen „Nihil obstat“ nahekam: „Der Vatikan hat niemals gesagt, dass Katholiken nicht nach Medjugorje gehen dürfen. (...) Man kann den Menschen nicht verbieten, dorthin zu gehen, solange hier keine Irrtümer festgestellt wurden. Da dies nicht der Fall ist, kann also jeder dorthin gehen, wenn er möchte."[18] Diese Klarstellung ermöglichte es vielen Millionen Katholiken, mit ruhigem Gewissen nach Medjugorje zu pilgern, sich im Glauben und Gebet zu stärken und weltweit geistliche Früchte zu bringen.
Nach der zukünftig positivsten Einordnung als „Nihil obstat“ folgen in den Einstufungen 2 bis 4 weitere positive Einordnungen, die mit einem kritischen ABER versehen sind. Neben eindeutig positiven Elementen, die wahrgenommen werden und auf ein Wirken des Heiligen Geistes hindeuten, gibt es auch unterschiedliche problematische Elemente, sei es in der Botschaft, im Umfeld des Sehers oder schwärmerischen Risiken, welche es durch den Bischof im Blick zu behalten und wenn möglich abzustellen gilt.[19]
Die Einstufungen 5 und 6 kommen einer negativen Beurteilung eines angeblich übernatürlichen Phänomens gleich. Zur sechsten Einstufung der „Declaratio de non supernaturalitate“ heißt es: „In diesem Fall wird der Diözesanbischof vom Dikasterium berechtigt, zu erklären, dass das Phänomen als nicht übernatürlich betrachtet wird. Diese Entscheidung muss sich auf konkrete und nachgewiesene Fakten und Beweise stützen. Zum Beispiel, wenn ein angeblicher Seher behauptet, gelogen zu haben, oder wenn glaubwürdige Zeugen Elemente für die Beurteilung beibringen, die es erlauben, die Verfälschung des Phänomens (…) aufzudecken."[20]
Am Ende des ersten Teils der Normen 2024 wird noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, „dass weder der Diözesanbischof noch die Bischofskonferenzen noch das Dikasterium in der Regel erklären werden, dass diese Phänomene übernatürlichen Ursprungs sind, auch nicht, wenn ein Nihil obstat erteilt wird. Dies gilt unbeschadet der Tatsache, dass der Heilige Vater ein diesbezügliches Verfahren genehmigen kann.![21]
Rolle des Papstes ähnlich wie beim Heiligsprechungsverfahren
Der letzte Satz ist sehr interessant, denn er eröffnet die Möglichkeit eines zweistufigen Verfahrens. In der ersten Stufe ist es der Ortsbischof, der nach Voruntersuchung und Abstimmung mit dem Dikasterium für die Glaubenslehre das „Nihil obstat“ erteilt. In der zweiten Stufe ist es der Heilige Vater, der nach weiteren Untersuchungen, insbesondere der geistlichen Früchte, die Übernatürlichkeit des Geschehens als Geschenk des Himmels anerkennt. Zwischen den beiden Stufen können viele Jahre liegen. Mich erinnert dies an das Kanonisationsverfahren. Das Verfahren zur Selig- und Heiligsprechung von Verstorbenen wird nach einer dreistufigen Ordnung durchgeführt. Die erste Stufe ist die Diözesanerhebung. In dieser Phase sammeln der Bischof und die von ihm für jede Causa[22] ernannten Verfahrensbeteiligten Beweise und werten diese aus. Dabei geht es um Beweise oder Gegenbeweise für den Ruf der Heiligkeit des Verstorbenen im Volke Gottes, für das heroisch-tugendhafte Leben des Verstorbenen und für etwaige Wunder, die auf dessen Fürsprache gewirkt wurden.
Seit der nachkonziliaren Reform durch Johannes Paul II.[23] obliegt es dem Ortsbischof „vor allem, über die nötigen Voraussetzungen zur Einleitung eines Verfahrens zu urteilen“ und „sich in jeder Phase der Untersuchung zu vergewissern, ob dieselben für den Übergang zur nächsten Phase gegeben sind“.[24] Nach Abschluss der ersten Stufe durch den Bischof wird das gesamte Dokumentationsmaterial an das Dikasterium für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse in Rom gesandt. Hier beginnt die zweite Stufe: eine qualifizierte wissenschaftliche Prüfung des gesamten Materials. Die Causa wird von Historikern und Theologen untersucht, die angeblichen Wunder werden, da es sich meist um Heilungen handelt, von verschiedenen Fachärzten begutachtet.
Nachdem die Experten ihre Ergebnisse schriftlich kundgetan haben, erfolgt die dritte Stufe: die theologische Diskussion auf verschiedenen Ebenen, die ihren Abschluss in getrennten Abstimmungen der Kardinäle und Bischöfe der Kongregation über die heroischen Tugenden und die Wunder findet.[25] Fallen die Entscheidungen der Kongregation positiv aus, wird das Ergebnis dem Papst mitgeteilt. Ihm allein obliegt das endgültige Urteil,[26] ähnlich den „Normen 2024“, in denen dem Heiligen Vater die Möglichkeit eingeräumt wird, eine finale Entscheidung über den übernatürlichen Charakter eines Phänomens herbeizuführen.
Positive Signale von Papst Franziskus
Was bedeutet dies nun für das Phänomen Medjugorje, das seit 43 Jahren in katholischen Kreisen weltweit diskutiert wird? Die bereits erwähnte Erklärung von Zadar im Jahr 1991 war für lange Zeit die einzige offizielle kirchenrechtliche Stellungnahme zu den Erscheinungen von Medjugorje. Im Jahr 2010 setzte Papst Benedikt XVI. eine päpstliche Untersuchungskommission unter Leitung von Camillo Kardinal Ruini ein, die im Jahr 2015 ihre Ergebnisse, welche nie veröffentlicht wurden, Papst Franziskus übergab.[27] Nach unbestätigten Informationen aus dem Vatikan votierte die Mehrheit der Kommissionsmitglieder für eine positive Haltung gegenüber den Erscheinungen von Medjugorje. Im Juli 2018 setzte Papst Franziskus den polnischen Erzbischof Henryk Hoser als Apostolischen Administrator (ein vom Papst eingesetzter Verwalter für ein bestimmtes Gebiet) in der Pfarrei von Medjugorje ein. Im Mai 2019 erlaubte der Heilige Vater offizielle Wallfahrten nach Medjugorje, bis dahin waren nur private Wallfahrten erlaubt. Nach dem Tod von Erzbischof Hoser ernannte Papst Franziskus am 01. November 2021 den italienischen Erzbischof Aldo Cavalli zum Apostolischen Administrator.
Ich teile die Einschätzung von P. Gianni Sgreva CP, die er in der Juli-Ausgabe von „Kirche heute“ publik machte, dass Medjugorje „nun durch ein implizites Nihil obstat gekennzeichnet sei“.[28]
Persönlich bin ich aber überzeugt, dass der Glaubenssinn des Gottesvolkes auf die volle kirchliche Anerkennung des Wirkens der Gospa in Medjugorje drängt. Die geistlichen Früchte und verbalen Zeugnisse, die ein Ausdruck des Glaubenssinns sind, dürften ausreichen, um folgende Schlussfolgerung bezüglich des Phänomens Medjugorje ziehen zu können: Der sensus fidei des Volkes Gottes drängt eindeutig zur Anerkennung eines von Gott kommenden und sehr fruchtbaren Charismas in der katholischen Kirche. Alles deutet darauf hin, dass dieser Konsens von allen Gliedern des Gottesvolkes, dem Laienstand, dem Rätestand und dem Klerikerstand getragen wird. Er ist in allen Regionen der Weltkirche wie auch in allen sozialen Schichten verankert. Das Zeugnis des Glaubenssinns ist breit und vielfältig, es zeigt sich in den drei Grundvollzügen der Kirche: in einer erneuerten und vertieften Sakramenten- und Frömmigkeitspraxis, in verschiedenen Formen der Verkündigung durch Wort und Leben und in der dienenden Liebe an Bedürftigen, Armen und Notleidenden.
Theologen, Bischöfe und auch der heilige Papst Johannes Paul II. haben erklärt, dass die Botschaften von Medjugorje mit dem depositum fidei (Glaubensgut) der Kirche übereinstimmen, dass sie biblisch verwurzelt sind und dem II. Vatikanum entsprechen.
Das verstärkte Streben nach Heiligkeit ist eine auffallende Frucht von Medjugorje und hat zu zahlreichen dauerhaften Bekehrungen und unterschiedlichen Berufungen im Herzen der Kirche geführt.
Bestätigung von Medjugorje durch den Glaubenssinn des Gottesvolkes
Trotz der vereinzelten Ablehnung des Phänomens Medjugorje kann festgestellt werden, dass das positive Zeugnis des Glaubenssinns eine große Einmütigkeit unter Bischöfen, Priestern und Laien aufweist. Die Kirche in Europa erlebt in den letzten Jahrzehnten einen starken Glaubensverlust und einen Niedergang ihrer traditionellen Strukturen. Parallel dazu geschieht durch Medjugorje ein Neuaufbruch in urkirchlicher Weise.[29] Bereits 1987 erklärte der tschechische Primas Kardinal Frantisek Tomasek, Erzbischof von Prag, in einem Interview: „Die Marienerscheinungen von Medjugorje bedeuten für uns sehr viel, weil besonders bei uns in der Tschechoslowakei die Verehrung der Muttergottes tief und lebendig ist. Es herrscht bei uns ein großes Interesse für Medjugorje. (...) Ich persönlich bin von den Erscheinungen von Medjugorje tief überzeugt und bin tief dankbar, besonders weil das Gebet, der Rosenkranz, das Fasten betont werden. (...) Persönlich bin ich tief überzeugt, dass Medjugorje die Fortsetzung von Lourdes und Fatima ist. Die kirchliche Kommission hat sicherlich das letzte Wort, aber die Botschaften müssen wir schon jetzt mit Freude annehmen und leben."[30]
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2024
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[1] Thomas Müller: Medjugorje – Ein Charisma und seine Bestätigung durch das Gottesvolk, 2006, 276-277.
[2] Josef Ratzinger: Kommentar zum Geheimnis von Fatima, vom 26.06.2000, 1.b
[3] Der Begriff geht auf Kardinal Prosper Lambertini, den späteren Papst Benedict XIV. (1740-1758), zurück.
[4] Rudolf Graber: Marienerscheinungen, 1984, 9.
[5] Vgl. Karl Rahner: Visionen und Prophezeiungen, 1958, 23-26.
[6] Rene Laurentin: Marienerscheinungen, in: Handbuch der Marienkunde, 1984, 541.
[7] Karl Rahner: Visionen und Prophezeiungen, 1958, 21.
[8] Ebd.
[9] Leo Scheffczyk/Anton Ziegenaus: Katholische Dogmatik, Bd. 6, 1998, 243.
[10] Vgl. Thomas Müller: Medjugorje – Ein Charisma und seine Bestätigung durch das Gottesvolk, 2006, 99-100.
[11] Leo Scheffczyk: Die theologische Grundlage von Erscheinungen und Prophezeiungen, 1982, 19.
[12] www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_ddf_doc_20240517_norme-feno meni-soprannaturali_ge.html (Stand 01.09.2024), im weiteren Verlauf mit „Normen 2024“ bezeichnet.
[13] Manfred Hauke: Kirchliche Beurteilung übernatürlicher Phänomene, in: Kirche heute 7/2024, 8.
[14] Normen 2024; II. Art 7§1.
[15] Normen 2024; II. Art 8§1.
[16] Vgl. A. v. Raab Straube: Kriterien der Unterscheidung, in: Visionen und die Frage ihrer Echtheit, 2001, 34.
[17] Normen 2024; I. Nr. 17.
[18] Erklärung von Joaquin Navarro-Valls vom 21.08. 1996 gegenüber der Katholischen Nachrichtenagentur CNS, zitiert nach Maria Dugandzic: Medjugorje in der Kirche, 25.
[19] Vgl Normen 2024; I. Nr. 18-20.
[20] Normen 2024; I. Nr. 22.
[21] Normen 2024; I. Nr. 23.
[22] Dieser Begriff lässt sich wie folgt ins Deutsche übertragen: Lebensgeschichte eines verstorbenen potenziellen Heiligen.
[23] Vgl. Johannes Paul II: Apostolische Konstitution Divinus perfectionis Magister vom 25. Januar 1983.
[24] F. Veraja: Heiligsprechung, 1998, 21.
[25] Vgl. F. Veraja, Heiligsprechung, 1998, 14.
[26] Vgl. F. Veraja: Heiligsprechung, 1998, 55-87.
[27] Vgl. Pressekonferenz des Heiligen Vaters auf dem Rückflug von Sarajevo nach Rom am 6. Juni 2015. w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2015/june/documents/papa-francesco_ 20150606_sarajevo-conferenza-stampa.html
[28] Gianni Sgreva CP: Eingreifen Gottes in menschliche Geschichte, in: Kirche heute 7/2024, 15.
[29] Vgl. Thomas Müller: Medjugorje – Ein Charisma und seine Bestätigung durch das Gottesvolk, 261-263.
[30] Gebetsaktion Maria – Königin des Friedens: Quartalshefte Medjugorje Nr. 8, 1987, 2.
Der vielseitige Einsatz von Kurienkardinal Paul Josef Cordes (1934-2024)
Gott ist treu
Der hl. Papst Johannes Paul II. stand den neuen geistlichen Bewegungen sehr aufgeschlossen gegenüber. Es war ihm ein Anliegen, ihre Charismen für die Kirche fruchtbar zu machen. Diese Aufgabe übertrug er Erzbischof Paul Josef Cordes. Als Vizepräsident des Päpstlichen Rates für die Laien sollte er die unterschiedlichen geistlichen Aufbrüche in das kirchliche Leben einbinden. So wurden diese Gemeinschaften auch zu den wichtigsten Trägern der Weltjugendtage, den größten Ereignissen der katholischen Weltkirche. Sie gelten als Erfindung Papst Johannes Pauls II., doch gehen sie genau genommen auf Erzbischof Cordes zurück. Historisch gesehen sind sie seinem Mut und pastoralen Talent entsprungen. Nach einem vielseitigen Einsatz für die katholische Kirche ist Kurienkardinal Paul Josef Cordes am 15. März dieses Jahres in gesegnetem Alter zu Gott heimgekehrt. Hermann Rössler (geb. 1995), der Geschichte und Philosophie studiert, blickt auf das bewegte Leben des westfälischen Geistlichen zurück.
Von Hermann Rössler
Gott die Treue halten, Gottes Treue vertrauen und aus diesem Vertrauen empfangen: Der am 15. März 2024 in Rom verstorbene deutsche Kardinal Paul Josef Cordes glaubte an Gottes Führung im Leben. In Wort, Schrift und Tat zeugte er davon und stritt für die Erinnerung, dass Gott dem Menschen versprochen hat, ihn nicht allein zu lassen. „Gott ist treu“ lautete sein Wahlspruch als Weihbischof von Paderborn. Am 5. September wäre der gebürtige Westfale 90 Jahre alt geworden.
Förderer der neuen geistlichen Gemeinschaften
Cordes kann auf ein vielseitiges Leben zurückblicken. Der Kirchenmann bekleidete hohe Ämter im Vatikan. Von 1980 an kümmerte er sich als Vizepräsident des Päpstlichen Rates für die Laien um die neuen geistlichen Gemeinschaften, begleitete sie in ihrem Werden, ordnete ihren Glaubenseifer, vertrat sie vor dem Vatikan und der Welt, sprach ihnen gut zu und ließ sich auch inspirieren. Der Christusbegeisterte war Mitinitiator der Weltjugendtage. In seinem geistlichen Testament, das er 2021 veröffentlichte, gab er zu, die neuen geistlichen Gemeinschaften hätten ihn gelegentlich „außer Atem“ gebracht. „Doch ihre Weggemeinschaft war eine Gnade; ihr Werden und Wirken gibt in der Kirche vielen Hoffnung.“ In einem Interview mit „Kirche in Not“ sagte er, die Zusammenarbeit sei nicht immer einfach gewesen, aber: „Ich habe viel von ihnen gelernt. Viel an Freiheit, an Durchsetzungswillen um Christi willen.“ Sie bezeugten, „dass Gott im fortlebenden Christus weiter tätig ist; dass Er heute immer noch Heiligkeit weckt.“
In diese Zeit fällt auch Cordes‘ Einsatz für Priesterseminare unter der Leitung von Gemeinschaften wie für das Priesterseminar „Redemptoris Mater“, das 1988 in Rom ausschließlich für Seminaristen des „Neokatechumenalen Wegs“ eingerichtet wurde. Eine weitere Frucht seiner im Glauben begründeten Aufgeschlossenheit den Gemeinschaften gegenüber ist die auf seine Empfehlung hin erfolgte Anerkennung der „Jugend 2000“ durch den Kölner Kardinal Meisner und die Verwirklichung des Weltjugendtags in Köln 2005 – zum ersten Mal mit Eucharistischer Anbetung.
In der Seelsorge mit jungen Menschen hatte er, 27jährig zum Priester geweiht, bereits als Präfekt im Studienheim St. Klemens in Bad Driburg von 1962 bis 1966 und anschließend als Präfekt im Erzbischöflichen Theologenkonvikt Collegium Leoninum in Paderborn Erfahrungen gesammelt.
Präsident des Päpstlichen Rates Cor Unum
Von 1995 bis 2007 reiste er als Präsident des Päpstlichen Rates Cor Unum in die Katastrophengebiete der Welt, setzte sich für die Belange der Christen und Menschen in Pakistan, im Irak, in Afghanistan und andernorts ein und koordinierte die katholischen Hilfsaktionen und -einrichtungen in und außerhalb Europas. „Er ging an die Orte, wohin keiner reisen möchte“, heißt es in einem Nachruf der Deutschen Bischofskonferenz.
Nach seiner Rückkehr aus dem Irak 2003, nachdem Saddam Hussein gestürzt worden war, sagte er gegenüber dem Nachrichtenportal kath.net: „Krieg schafft keinen Frieden und darf daher auch nicht als Mittel zur Vernichtung des Bösen im Herzen des Menschen betrachtet werden.“ Cordes war überzeugt davon, dass die Hilfe für den Menschen ganzheitlich sein muss.
„Kirche in Not“ sagte der Kardinal in einem Interview: „Die Leute hungern nach Brot und man muss ihnen das Brot geben, aber anschließend muss man sie zu dem führen, von dem das Brot kommt.“ Philanthropie habe eine Grenze. Christliche Liebe heiße, auch zu helfen, „wo der Mensch mir widerwärtig wird“.
Den europäischen Hilfsorganisationen, die der Säkularisation zuneigen, rief er in Erinnerung: „Die Hilfe gelingt nur, wenn wir den Menschen als Ebenbild Gottes sehen. Wenn das Vorbild nicht da ist, zerfällt auch das Abbild.“ An dem späteren Entstehen der Enzyklika von Papst Benedikt XVI. „Deus caritas est“ war Cordes maßgeblich beteiligt.
Diener von drei Päpsten
Seit 1980 war er vatikanischer Staatsbürger. 2007 nahm ihn Papst Benedikt XVI. als Kardinaldiakon ins Kardinalskollegium auf. Papst Johannes Paul II. hatte Cordes 1980 nach Rom geholt. „Alles fing auf dem Rücksitz eines Autos an“, titelte die WELT über das erste Zusammentreffen der beiden Gottesmänner. Denn beim ersten Besuch der polnischen Bischöfe in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg war der Paderborner Weihbischof Cordes der polnischen Delegation als ständiger Begleiter zugeteilt worden. Im Auto lernte er den Krakauer Kardinal Karol Wojtyla und späteren Papst Johannes Paul II. kennen. Zeit seines Lebens bewunderte er den Polen und unterstützte ihn tatkräftig in seinem Wirken. „Ein Papst, der wirklich aus der Nähe Gottes kommt“, urteilte Cordes. Johannes Paul II. habe es verstanden, das Evangelium attraktiv zu machen. „Ich erlebte ihn betend, lehrend, streitend und als enthusiastischen Glaubens-Katalysator für Abertausende etwa bei internationalen Weltjugendtagen“, berichtete er der Tagespost. Als besonders verdienstvoll strich er die von Johannes Paul II. entwickelte „Theologie des Leibes“ hervor. „Differenziert und eindeutig lehrte er: Samt all seiner Kräfte ist der Leib gut; denn er ist von Gott geschaffen.“
Die Zusammenarbeit erwies sich als fruchtbar, doch nicht nur für diesen Papst. Drei Päpsten diente Cordes in Rom: Johannes Paul II., Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus. „Drei Päpste, mein Leben“, so nannte er auch seine 2014 erschienene Autobiographie. Im Interview mit der WELT gab er seiner Dankbarkeit über das Papsttum Ausdruck: „Welche Gnade, eine Kirche zu erleben, die solche Gestalten hervorgebracht hat!“ Seit Pius IX. gelte: „Ich würde mal ganz salopp sagen, einer war besser als der andere.“
Mutiger Verteidiger der Lehre der Kirche
Cordes stellte das 2. Vatikanum und die Liturgiereform nie infrage, war aber nicht verlegen, auch ein scharfes Wort zu seinen Amtsbrüdern zu sprechen, wenn es ihm notwendig erschien. „Man muss auch Zähne zeigen, wo es nötig ist“, brachte er seine Einstellung auf die Formel. Der promovierte Theologe legte bei seinem Doktorvater Professor Karl Lehmann eine Arbeit über das Dekret aus dem 2. Vatikanischen Konzil „Über den Dienst und das Leben der Priester“ ab. Er war sich auch nicht zu schade, sein theologisches Wissen in innerkirchliche Diskussionen einzubringen, ebenso wie er durch Studium, Arbeitspraxis und Seelsorge geschult den Finger in die Wunde zeitaktueller Diskurse legte.
Eine Vielzahl an Publikationen und Interviews zeugt von seinem Bemühen, Erfahrenes und Erkanntes zu teilen. In seinen Büchern schrieb er über die Wichtigkeit von Vaterschaft, die Unaufwiegbarkeit des Priestertums, den Wert der Jungfräulichkeit und die Folgen der Gottvergessenheit der Gesellschaften. Mit seiner Meinung machte sich Cordes nicht nur Freunde, doch sein Ziel war es stets, auf Christus hinzuweisen; zu erinnern, dass der dreifaltige Gott uns nicht aufgibt und im Leben gegenwärtig ist, sodass wir uns Seiner Gegenwart öffnen dürfen. „Der Mensch sucht nicht nur Gott, sondern Gott sucht auch den Menschen. Wenn wir Jesus im Evangelium sehen, dann können wir uns nur berauschen daran, welche Hingebung er zum Vater gehabt hat.“
„Wenn ich den Willen Gottes tue, werde ich glücklich!“
Nach 62 Jahren gelebtem Priestertum ist Kardinal Cordes also aus diesem Leben geschieden. Auf die Frage nach seiner Berufung antwortete er einmal, dass sein Weg nicht vorgezeichnet gewesen sei. Die Eltern waren Hotel- und Kinobesitzer. Als katholischer Verbindungsstudent (Cartellverband) widmete er sich zunächst der Medizin. Doch schließlich wechselte er zur Theologie und nicht zuletzt das Gebet einer Ordensfrau habe ihn den Ruf zum Priestertum hören lassen. Seine Priesterweihe empfing der Sauerländer 1961 unter Erzbischof Lorenz Jäger. Ab 1976 war er Weihbischof in Paderborn und für vier Jahre Mitglied der Deutschen Bischofskonferenz. Rückblickend sagte er über seine Entscheidung in jungen Jahren für den Priesterdienst: „Ich war mir ganz sicher, wenn ich den Willen Gottes tue, werde ich glücklich.“
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2024
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Nachruf auf Prälat Prof. Dr. Dr. Anton Ziegenaus
Ein erfülltes Leben in Theologie und Seelsorge
Am 7. August 2024 ist Prälat Prof. Dr. phil. Dr. theol. Anton Ziegenaus im Alter von 88 Jahren verstorben. Er war eine herausragende Persönlichkeit, welche auf authentische Weise theologische Wissenschaft und Frömmigkeit zu verbinden wusste. Als Inhaber des Lehrstuhls für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg von 1977 bis 2004 prägte er eine ganze Generation von Priestern, Laientheologen und Religionslehrern. In der bewegten nachkonziliaren Zeit gab er den Studierenden eine zuverlässige Orientierung an die Hand. In seinen Nachruf lässt Prof. Dr. Manfred Hauke zahlreiche persönliche Erinnerungen einfließen. Er würdigt das Lebenszeugnis von Prälat Ziegenaus mit „Dankbarkeit gegenüber einem vorbildlichen Priester und theologischen Lehrer“, der einen wertvollen Dienst für die Kirche geleistet habe.
Von Manfred Hauke
Am Mittwoch, 7. August 2024, verstarb um 22 Uhr in seinem Haus in Bobingen Prof. Dr. Dr. Anton Ziegenaus.[1] Er war vorbereitet mit den Gnadenmitteln der Kirche und wurde liebevoll betreut von Angehörigen sowie einer Pflegekraft. Anton Ziegenaus vollendete seinen irdischen Lebenslauf am Hochfest der hl. Afra, einer Blutzeugin aus der alten Kirche, die neben den heiligen Bischöfen Simpert und Ulrich zu den Schutzheiligen des Bistums Augsburg gehört.
Ziegenaus‘ Weg zum Priestertum
Anton Ziegenaus wurde geboren am 15. März 1936 in Höfarten (Gemeinde Schiltberg, heute Landkreis Aichach-Friedberg) als Sohn des Müllermeisters und Sägewerksbesitzers Johann Ziegenaus und dessen Ehefrau Katharina. Nach dem Besuch der dortigen Volksschule wechselte er 1947 auf das humanistische Rhabanus-Maurus-Gymnasium St. Ottilien, an dem er 1956 die Reifeprüfung ablegte. Anschließend studierte er Philosophie und Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität zu München. Seit 1956 war er Mitglied der katholischen Studentenverbindung K.D.St.V. Aenania München im CV.[2] Sein besonderes Interesse galt der altchristlichen Geisteswissenschaft. Das Philosophiestudium wurde abgeschlossen mit einer Dissertation unter der Leitung von Alois Dempf: „Das Menschenbild des Theodor von Mopsvestia“ (1963). In der Münchner Stadtpfarr- und Universitätskirche St. Ludwig empfing Ziegenaus am 21. Juli 1963 nach dem Tod des Diözesanbischofs (Joseph Freundorfer) durch Weihbischof Joseph Zimmermann die Priesterweihe. Nach seiner Priesterweihe wirkte er als Aushilfspriester in seinem Heimatort Schiltberg, bevor er im November seine Kaplansstelle antrat. 1963-1966 wirkte er als Stadtkaplan in der Krumbacher Pfarrei St. Michael.
Die wissenschaftliche Laufbahn
Das Thema der philosophischen Doktorarbeit zeigt bereits ein intensives Interesse an der Theologie. Seit 1966 studierte er in München für seine theologische Doktorarbeit, die 1971 abgeschlossen wurde: „Die trinitarische Ausprägung der göttlichen Seinsfülle nach Marius Victorinus“ (1972). Die Dissertation wurde betreut von Leo Scheffczyk (1920-2005), den der hl. Johannes Paul II. 2001 zum Kardinal erhob und dem Ziegenaus über mehrere Jahre hinweg als Assistent zur Seite stand. Dem theologischen Denken Scheffczyks blieb er eng verbunden.
Die theologische Ausbildung wurde vollendet 1974 durch die Habilitation in Dogmatik mit einer Arbeit über „Umkehr – Versöhnung – Friede. Zu einer theologisch verantworteten Praxis von Bußgottesdienst und Beichte“ (1975). In dieser Schrift zeigt Ziegenaus, dass die Sakramente Ausfaltungen und Lebensvollzüge der Kirche sind, die gerade dort, wo es um Sünde, Lossprechung und Wiederversöhnung geht, als sakramentale Größe ins Spiel kommt. Die persönliche Beichte wird dabei in ihrer geschichtlichen Begründung und ihren systematischen Grundzügen zur Geltung gebracht.
Bald nach der Habilitation erreichte den Theologen ein Ruf an die Universität Augsburg, wo er ab 1976 als Wissenschaftlicher Rat und Professor sowie von 1977 bis 2004 als Ordinarius für Dogmatik wirkte. Vom 11. November 1986 bis zum 22. Februar 1988 war er Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät. Als Forschungsschwerpunkte traten heraus die Christologie, die Mariologie, die Sakramentenlehre (insbesondere zur Buße und Krankensalbung), die Kanongeschichte und die Eschatologie. 1989-2005 war Anton Ziegenaus Vorsitzender der „Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie“, eine Aufgabe, die mit der Herausgabe der „Mariologischen Studien“ verbunden war (Bd. 8, 1991, bis Bd. 19, 2006). 2005-2018 wirkte er als Sekretär der Arbeitsgemeinschaft. Er war Mitglied der „Pontificia Academia Mariana Internationalis“, die regelmäßig mariologische Weltkongresse organisiert. Intensiv mitgewirkt hat er als Sektionsleiter des Bereiches „Dogmatik“ an dem von Leo Scheffczyk und Remigius Bäumer herausgegebenen „Marienlexikon“, dem umfangreichsten mariologischen Nachschlagewerk der neueren Theologiegeschichte (6 Bände, 1988-1994). Dieses Jahrhundertprojekt wurde erstellt im Auftrag des „Institutum Marianum Regensburg“, dessen Vorstand Ziegenaus angehörte. Gemeinsam mit Leo Scheffczyk und Kurt Krenn begründete er 1985 die Zeitschrift „Forum Katholische Theologie“ und war deren Mitherausgeber bis zu seinem Tode (zuletzt gemeinsam mit Manfred Hauke und Michael Stickelbroeck).
Persönliche Erinnerungen
Ich selbst habe Anton Ziegenaus kennengelernt durch unseren gemeinsamen Lehrer Leo Scheffczyk, der 1965-1985 Professor für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität München war. Papst Johannes Paul II. erhob ihn wegen seiner Verdienste für die theologische Wissenschaft und die Kirche im Jahre 2001 zum Kardinal. Ziegenaus hat bei ihm promoviert und habilitiert, während ich selbst einige Jahre später (1980-81) bei Scheffczyk promoviert habe über das Thema des Frauenpriestertums. Nach der Vollendung der Dissertation empfahl mir Scheffczyk, meine wissenschaftliche Laufbahn mit einer Habilitation fortzusetzen, wozu sein Schüler Anton Ziegenaus (damals schon Professor in Augsburg) gerne bereit sei. Mein Heimatbischof, der Erzbischof von Paderborn, Dr. Johannes Joachim Degenhardt, war damit einverstanden, mich nach einer relativ kurzen Zeit als Vikar für die Habilitation freizustellen. Erzbischof Degenhardt wurde im gleichen Jahr wie Scheffczyk zum Kardinal ernannt. Als 1987 in Augsburg die Assistentenstelle am Lehrstuhl für Dogmatik frei wurde, gab es die Möglichkeit, Ziegenaus persönlich kennenzulernen und über das Habilitationsthema zu sprechen. Ich wirkte dann als sein Assistent an der Universität Augsburg von 1987 bis 1993. Dabei hatte ich ausgiebige Gelegenheit, meinen Chef persönlich kennen und schätzen zu lernen. Ziegenaus war als Dekan und Professor ein vorbildlicher Vorgesetzter, bemühte sich um guten Kontakt mit seinen Kollegen und war bei den Studenten geschätzt, obwohl es damals in der Fakultät starke Spannungen gab zwischen entgegengesetzten theologischen Strömungen. Er beteiligte sich nicht an theologischer Polemik, hielt aber mit seinem Beitrag nicht zurück, wenn es darum ging, klar und eindeutig Stellung zu beziehen für die Wahrheit.
Als ich meinen Umzug nach Augsburg vorbereitete, unternahm Papst Johannes Paul II. eine Deutschlandreise, während derer er das neue Priesterseminar St. Hieronymus in Augsburg einweihte. Dabei hielt der Heilige Vater eine Ansprache, die (wie ich später erfuhr) zum großen Teil vorbereitet worden war von Anton Ziegenaus, auf die Bitte von Bischof Joseph Stimpfle.
Meine Zeit in Augsburg fiel fast zusammen mit dem Erscheinen des „Marienlexikons“, dessen sechs Bände von 1988 bis 1994 im Eos-Verlag St. Ottilien erschienen. Dass dieses gewaltige Werk in so kurzer Zeit erscheinen konnte, obwohl das vorausgegangene Projekt des „Lexikons der Marienkunde“ in dem marianischen „Winter“ nach dem Zweiten Vatikanum gleichsam „erfroren“ war, ist auch das Verdienst von Anton Ziegenaus, der als Fachleiter für Dogmatik für eine Vielzahl von Artikeln zuständig war und an der Universität ein wissenschaftliches Sekretariat zur Verfügung hatte (mit einer vorbildlichen Sekretärin, Barbara Pfaffenberger, einem Assistenten und wissenschaftlichen Hilfskräften). Im Unterschied zu vielen deutschen Professorenkollegen, die nur innerhalb ihres eigenen Sprachraumes geistigen Austausch betreiben, hat sich Ziegenaus um internationale Kontakte in der Theologie bemüht. Wichtig war dabei vor allem die spanische Theologie und die freundschaftliche Beziehung zu Kollegen der theologischen Fakultät von Pamplona in der Universität von Navarra (vor allem zu Pedro Rodriguez, einem bekannten Spezialisten für die Lehre von der Kirche). Gerade für die Mariologie ist eine gute Kenntnis der spanischen und italienischen Fachliteratur wichtig; dabei werden gleichsam wichtige Bereiche wohltuend beleuchtet, die im nördlichen Winter im Dunkeln bleiben. Als Assistent von Ziegenaus nahm ich an meinen ersten mariologischen Tagungen teil (auf deutscher Ebene zuerst 1989 im Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern in Augsburg; auf internationaler Ebene 1992 auf dem Weltkongress im spanischen Huelva; danach wurde ich im gleichen Jahr – mit der Unterschrift von Kardinal Ratzinger – ordentliches Mitglied der Internationalen Päpstlichen Marianischen Akademie).
Der aktive Einsatz für die Seelsorge
Das Verzeichnis der wissenschaftlichen Schriften umfasst ca. 550 Titel. Dazu gesellen sich zahlreiche Predigten und andere geistliche Beiträge, vor allem in der homiletischen Zeitschrift „Praedica Verbum“, deren Schriftleitung Ziegenaus über viele Jahre hinweg angehörte. Wenn wir auch diese Schriften für ein breiteres Publikum hinzufügen, dann kommen wir auf ca. 750 schriftliche Veröffentlichungen.[3] Die didaktische Fähigkeit, die systematische Theologie auf anschauliche Weise weiten Kreisen nahezubringen, zeigt sich nicht zuletzt in einer großen Zahl von Radioansprachen, insbesondere für Radio Horeb[4](dort war er auch Mitglied des Vorstandes und des Trägervereins; der Programmdirektor Dr. Richard Kocher hat seinerzeit bei Ziegenaus promoviert). Stets begleitet war die wissenschaftliche Arbeit von dem seelsorglichen Einsatz als Priester, vor allem in Bobingen, dem Wohnort von Anton Ziegenaus. Bevor sich sein Gesundheitszustand zunehmend verschlechterte, beging er im Jahre 2021 das 45. Jubiläum seines Wirkens als nebenamtlicher Seelsorger im Krankenhaus Bobingen.[5] Diese reiche pastorale Erfahrung zeigt sich etwa in den Veröffentlichungen zur Krankensalbung, zur Buße und zu den „Letzten Dingen“. Dem Bistum Augsburg ist der wissenschaftliche und seelsorgliche Eifer des Verstorbenen besonders zugutegekommen. Viele Jahre war er Mitglied der Kommission für die Zweite Dienstprüfung der Priester im Bistum Augsburg.
Die Ausstrahlung über das Augsburger Bistum hinaus
Seit 1999 oblag ihm, in Verbindung mit dem „Initiativkreis katholischer Laien und Priester in der Diözese Augsburg“, die Leitung der Theologischen Sommerakademie in Dießen (Ammersee) und später in Augsburg. Seit dem Jahre 2000 war er außerdem Kuratoriumsmitglied des „Forum Deutscher Katholiken“ und ein gefragter Referent auf den Kongressen „Freude am Glauben“. Viel beachtete Vorträge hielt er auch auf der Theologischen Sommerakademie des Linzer Priesterkreises, zu deren wissenschaftlichem Beirat er gehörte. Ziegenaus betreute eine beachtliche Anzahl von wissenschaftlichen Arbeiten, insbesondere für die Promotion und Habilitation (4 Habilitationen, 19 Promotionen).[6] Die Ausstrahlung seines theologischen Werkes geht dabei weit über den deutschsprachigen Bereich hinaus. Dies zeigt unter anderem die internationale Vortragstätigkeit in italienischer und spanischer Sprache. Erwähnenswert sind hier vor allem die Einsätze als Gastprofessor in Pamplona (Universität von Navarra) und Rom (Päpstliche Universität vom Heiligen Kreuz). Ziegenaus las auch Portugiesisch, vor allem im Blick auf seine Veröffentlichungen über Fatima.[7]
Seine mannigfachen Verdienste wurden von Seiten der Kirche gewürdigt durch die Ernennung zum Bischöflich Geistlichen Rat (1982), zum Kaplan Seiner Heiligkeit mit dem Titel Monsignore (1983) und zum Päpstlichen Ehrenprälaten (1989). Am 19. Mai 2008 erhielt er in Budapest den Stephanuspreis als Anerkennung für sein wissenschaftliches Lebenswerk. 2013 feierte er sein Goldenes Priesterjubiläum.
Ein repräsentativer Zugang zum wissenschaftlichen Werk von Ziegenaus findet sich in zwei Sammelbänden mit Aufsätzen („Verantworteter Glaube“, 1999-2001). Eine ganz besondere Bedeutung für die theologische Rezeption kommt der gemeinsam mit Leo Scheffczyk verfassten „Katholischen Dogmatik“ zu (1996-2003). Vier der acht Bände stammen aus der Feder von Anton Ziegenaus: die Christologie (Bd. IV), die Mariologie (Bd. V),[8] die Ekklesiologie und Sakramentenlehre (Bd. VII) sowie die Eschatologie (Bd. VIII). 2010-2020 erschien das achtbändige Werk in italienischer Sprache im Verlag der päpstlichen Lateranuniversität. Einzelne Bände wurden übersetzt ins Ungarische, Rumänische, Ukrainische und Koreanische. Die deutsche Originalausgabe der Dogmatik ist derzeit vergriffen, aber eine Neuausgabe wird vorbereitet.[9]
Als Emeritus weiter im Dienste der Wissenschaft
Auch nach seiner Emeritierung im Jahre 2004 setzte Ziegenaus seine wissenschaftliche Tätigkeit fort mit Vorträgen, Publikationen, der Organisation von Tagungen und der Betreuung von Doktoranden. Er wirkte weiterhin als ordentlicher Professor an der Gustav-Siewerth-Akademie (Weilheim-Bierbronnen), die sich dem Gespräch zwischen Philosophie, Theologie und Naturwissenschaften widmet.
Zu seinem 70. Geburtstag (2006) erschien eine ihm gewidmete Festschrift mit dem Titel: „Donum Veritatis. Theologie im Dienst an der Kirche“.[10] Mit den Worten Donum Veritatis („Geschenk der Wahrheit“) beginnt auch die Instruktion der Glaubenskongregation über die kirchliche Berufung des Theologen (1990). Kirchlichkeit und Wissenschaftlichkeit prägen gleichermaßen das Lebenswerk des Verstorbenen. Das Leben von Anton Ziegenaus stand im Dienst der ewigen Wahrheit, die in Jesus Christus menschliche Züge angenommen hat und in der Kirche zugänglich ist.
Weltweit einmalige Sammlung von Marienmünzen
Ein besonders origineller Gesichtspunkt seines Lebenswerkes ist die weltweit einmalige Sammlung von Marienmünzen, die vom 2. Oktober 2020 bis zum 10. Januar 2021 im Augsburger Diözesanmuseum St. Afra gezeigt wurde. Der 2020 veröffentlichte Katalog trägt den Titel „Mariengeprägt“, den wir auch auf das Leben des Verstorbenen anwenden können.[11]
Einer seiner letzten Vorträge war für den Internationalen Mariologischen Kongress in Rom, der wegen der Corona-Pandemie im Jahre 2021 nach einjähriger Verzögerung digital gehalten wurde; Anton Ziegenaus hielt ihn mit Hilfe des Laptops eines Bekannten am 9. September 2021 vom Augsburger Haus St. Ulrich aus. Der Titel lautete: „Maria in der religiösen Kultur Bayerns“. Möge Gott ihm auf die Fürsprache Mariens hin vergelten, was er auf Erden an Gutem wirken durfte.
Eine exemplarische Würdigung durch Bischof Bertram Meier
Bischof Dr. Bertram Meier würdigte das Lebenswerk des Verstorbenen im Nachruf des Bistums Augsburg. „Über das Leben von Prof. Ziegenaus können wir das Motto setzen: Er liebte die Kirche. Für ihn stand unverbrüchlich fest, dass sich sein Forschen und Lehren immer inmitten der Kirche vollziehen sollte. In seinem philosophischen und theologischen Denken hat Prof. Ziegenaus stets sein eigenes Ich in das Wir des Glaubens der Kirche gestellt.“ Auf diese Weise habe er den Kandidaten für das Priesteramt ebenso wie allen Studierenden der katholischen Theologie ein stabiles Rüstzeug für die Praxis mit an die Hand gegeben. Besonders beeindruckend sei gewesen, dass der theologische Lehrer nicht nur an der Universität aktiv gewesen sei, sondern sich auch als Priester in der Pastoral engagiert habe: etwa im Theologischen Ordensseminar oder als treuer Mitarbeiter für die Predigtzeitschrift Praedica Verbum. „Bis zuletzt kümmerte er sich als Seelsorger im Krankenhaus Bobingen um die Leidenden und Schwachen, indem er ihnen menschlich und geistlich zur Seite stand, die Frohe Botschaft kündete und die Sakramente spendete. Maria, die er so sehr verehrte als Muttergottes und Mutter der Kirche, möge ihm als Pforte des Himmels nun die Tür ins Ewige Leben öffnen“, so der Bischof.[12]
Requiem und Beerdigung in Schiltberg
Die Seelenmesse für Anton Ziegenaus wurde gefeiert in der Pfarrkirche von Schiltberg, St. Maria Magdalena, am Montag, 12. August, um 14 Uhr. Trotz der Ferienzeit und der ungewöhnlich hohen Sommerhitze (über 30 Grad) war die Kirche voll besetzt mit Verwandten, Schülern und Bekannten des Verstorbenen. Sehr gut vertreten war der Kreis der Schüler des Verstorbenen. Der Diözesanbischof Dr. Bertram Meier war noch im Urlaub, aber er hatte sich schon gleich nach dem Heimgang von Anton Ziegenaus mit einem Nachruf auf der Internetseite des Bistums geäußert.[13] Etwa 20 Priester befanden sich im Altarraum zur Konzelebration. Hauptzelebrant war (wegen des noch in Ferien weilenden Dekans) der Prodekan des Dekanats Schwabmünchen, Dr. Markus Schrom. Das Evangelium trug Dr. Richard Kocher vor, der bei Ziegenaus über das Thema der göttlichen Vorsehung promoviert hat;[14] der ist Programmdirektor von Radio Horeb und Vorsitzender von dessen Trägerverein, dem auch Anton Ziegenaus angehört hatte. Die Predigt hielt, mit einer ausführlichen Würdigung des Verstorbenen, Dr. Michael Kreuzer, der langjährige Assistent von Prof. Ziegenaus (1993-2004) und jetzige Regens des Priesterseminars von Augsburg. Am Ende der Messfeier sprachen zum Nachruf der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg, Prof. Dr. Wolfgang Vogl, sowie Prof. Dr. Manfred Hauke (als Nachfolger von Ziegenaus im Vorsitz der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie sowie der Kardinal-Scheffczyk-Gesellschaft; er sprach auch im Namen von Domkapitular Prof. Dr. Josef Kreiml, dem Vorsitzenden des Institutum Marianum Regensburg). Unter den Konzelebranten befand sich auch Prof. Dr. Thomas Marschler, der Nachfolger von Ziegenaus auf dem Augsburger Lehrstuhl für Dogmatik, der für den Nachruf auf der Internetseite der Theologischen Fakultät verantwortlich zeichnet.[15] Die Grablegung geschah unmittelbar nach der Seelenmesse auf dem Friedhof der Pfarrkirche, wo bereits die Schwester und langjährige Haushälterin des Verstorbenen, Katharina Ziegenaus († 1999), begraben liegt. Im Anschluss an die Beerdigung gaben die Verwandten des Verstorbenen die Gelegenheit zu einer Begegnung beim Leichenschmaus im Waldgasthof Burghof von Oberwittelsbach. Alle waren vereint in der Dankbarkeit gegenüber einem vorbildlichen Priester und theologischen Lehrer, der für die Kirche im deutschen Sprachraum und darüber hinaus einen wertvollen Dienst geleistet hat. RIP.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2024
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[1] Der Grundstock des hier veröffentlichten Textes findet sich bereits in: Manfred Hauke: Theologe Anton Ziegenaus verstorben, in: Die Tagespost, 8. August 2024, online in: www.die-tagespost.de – Er wurde für die Publikation in „Kirche heute“ etwas ergänzt. Auf Wunsch der Redaktion bin ich ausführlicher auf meine persönlichen Eindrücke eingegangen.[2] Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen.
[3] Die Schriften und Rundfunkbeiträge von Ziegenaus bis 2006 sind gesammelt in: Barbara Pfaffenberger/Anton Ziegenaus: Bibliographie Anton Ziegenaus, in: Manfred Hauke/Michael Stickelbroeck (Hrsg.): Donum Veritatis. Theologie im Dienst an der Kirche, Regensburg 2006, 469-511. Eine Ergänzung ist vorgesehen in der Zeitschrift Forum Katholische Theologie 40 (3/2024).
[4] Auch die ca. 180 Radioansprachen werden in den eben erwähnten Bibliographien erwähnt.
[5] Vgl. die ausführliche Würdigung anlässlich eines Dankgottesdienstes auf der Internetseite des Krankenhauses: 45 Jahre Patientenseelsorge in Bobingen, 7. Dezember 2021, in: wertachkliniken.de/aktuelles/news/detail/45-jahre-patientenseelsorge-in-bobingen
[6] Vgl. (Kath.-Theol. Fakultät der Universität Augsburg) Thomas Marschler: Prof. em. Dr. Dr. Anton Ziegenaus verstorben, 10. August 2024, in: https:// www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/kthf/lehrstuhle-professuren/dogmatik/aktuelles/ziegenaus-verstorben/ Die Namen der Habilitierten und die meisten (16) der Doktorierten finden sich im Vorwort zu Manfred Hauke/Michael Stickelbroeck: Donum Veritatis (2006), 9-13, hier 10, Anm. 1; siehe auch: www.uni-augsburg.de/de/ fakultaet/kthf/lehrstuhle-professuren/dogmatik/forschung/abgeschlossene-dissertationen/
[7] Vgl. die Auflistung in: Manfred Hauke: Vorwort, in: Ders. (Hrsg.): Fatima – 100 Jahre danach. Geschichte, Botschaft, Relevanz (Mariologische Studien 25), Regensburg 2017, 7-16, hier 8, Anm. 2.
[8] Vgl. dazu Peter H. Görg: Sagt an, wer ist doch diese. Inhalt, Rang und Entwicklung der Mariologie in dogmatischen Lehrbüchern und Publikationen deutschsprachiger Dogmatiker des 19. und 20. Jahrhunderts, Bonn 2007, 360-376. Eine Neuausgabe dieser Übersicht, mit einer ergänzten mariologischen Bibliografie, ist vorgesehen für Sedes Sapientiae – Mariologisches Jahrbuch 28 (2024).
[9] Die von P. Dr. Johannes Nebel FSO betreute Neuausgabe der beiden ersten Bände von Leo Scheffczyk (Einleitung in die Dogmatik; Gotteslehre) ist vorgesehen im Be&Be-Verlag Heiligenkreuz.
[10] Vgl. oben, Anm. 3.
[11] Vgl. dazu Manfred Hauke: Die Sammlung der Marienmünzen von Anton Ziegenaus: ein einzigartiges Zeugnis der Marienfrömmigkeit, in: Forum Katholische Theologie 37 (1/2021) 57-60.
[12] Bischöfliche Pressestelle Augsburg: Prälat Prof. Dr. Dr. Anton Ziegenaus verstorben, 9. August 2024, in: bistum-augsburg.de/Nachrichten/Praelat-Prof.-Dr.-Dr.-Anton-Ziegenaus-verstorben_id_0
[13] Siehe oben, Anm. 12.
[14] Vgl. Richard Kocher: Herausgeforderter Vorsehungsglaube. Die Lehre von der Vorsehung im Horizont der gegenwärtigen Theologie, St. Ottilien 1993; 21999; ders.: Zeitgeist oder Geist der Zeit, Illertissen 2022.
[15] Siehe oben, Anm. 6.
Wenn 1200 junge Menschen die Eucharistie feiern…
„Adler statt Chicken Wings“
Rund 1200 junge Leute nahmen am „Catholic Summer Festival“ der JUGEND 2000 vom 8. bis zum 11. August 2024 in Marienfried bei Pfaffenhofen an der Roth teil. Geprägt war das Jugendtreffen von unterschiedlichen Aktivitäten und inspirierenden Vorträgen. Mitgewirkt haben Weihbischof Florian Wörner, Pater Dominikus Hartmann CP, Pfarrer Martin Seefried, Pater Klaus Einsle LC, Pfarrer Reinfried Rimmel, Pater Benedikt Eble CP, Michael Baur und Josef Spindler. Unter dem Motto „Living Hope“ – „Lebendige Hoffnung“ wurden die Jugendlichen vor allem zu Jesus Christus in der Eucharistie hingeführt. In ihrem Rückblick lässt Julia Denzel von der JUGEND 2000 auch junge Teilnehmer zu Wort kommen, die Zeugnis von ihren Erlebnissen geben.
Von Julia Denzel
Die aber auf den Herrn hoffen, empfangen neue Kraft, wie Adlern wachsen ihnen Flügel. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt“ (Jesaja 40,31).
Das Catholic Summer Festival der JUGEND 2000 vom 8. bis zum 11. August 2024 in Marienfried stand unter dem Motto „Living Hope“. Über 1200 Teilnehmer waren zum größten Jugendfestival Deutschlands gekommen, davon 260 junge Menschen, die zum allerersten Mal auf einer Veranstaltung der JUGEND 2000 waren.
„Jesus als die lebendige Hoffnung für das persönliche Leben finden und sich darin verankern“ – so lautete der Wunsch der katholischen Jugendbewegung für die vielen jungen Menschen. Ein ambitioniertes Vorhaben für ein Zeitfenster von knapp vier Tagen, in denen entspannte Festivalstimmung, ausgelassene Freude, Feiern, Sport, gutes Essen, Kennenlernen und vor allem persönlicher Glaubenstiefgang & Liturgie den Rahmen bieten sollten.
Tägliche Heilige Messen und Inputs, Small Groups zum Austauschen, Party & Konzert mit Timo Langner, Bubble Soccer, Capture the Flag, Fussball und Freizeiten, die gerne mit Eiskaffee oder Eisschokolade in gemütlicher Chilloutarea versüßt werden konnten, füllten das Programm an den jeweiligen Tagen.
In verschiedenen Workshops konnten die Besucher thematische und praktische Themen vertiefen, wie das Hinhören auf den Heiligen Geist, das Verstehen von Männern (Frauenworkshop), Befreiung aus Süchten, Einblick in die „letzten Dinge“, Reinschnuppern in Band und Medien oder missionarischen Dienst, um einige Beispiele zu nennen.
Der Kern dieses Großevents jedoch bildete Jesus in der Eucharistie. In fast durchgehender Anbetungsmöglichkeit, besonders gestalteten eucharistischen Gebetszeiten und der Hinführung in den verschiedenen Talks und Predigten zur Realpräsenz Jesu in der gewandelten Hostie, waren die jungen Festivalbesucher eingeladen, Gott selbst in der Eucharistie zu begegnen und sich ihm zu öffnen.
„Mein Highlight war der Abend der Barmherzigkeit unter klarem Sternenhimmel. Hier konnte ich in Ruhe sitzen, einfach Jesus aus der Ferne anschauen und gleichzeitig in der Beichte einem Priester alles erzählen, was mich belastete. Es war schön, dass ich dafür so viel Zeit geschenkt bekommen habe. Die ganze Atmosphäre, in der hunderte junge Menschen im Gebet waren, hat mich sehr berührt“, so Briska (26) aus München, die schon mehrere Male beim Festival war.
Benedikt (22) fand es „krass, dass so viele neue Gesichter da waren“. Besonderes die Heilige Messe, die Wandlung, Kommunion und Beichte hat er hier „sehr berührend“ erlebt. „Der Fokus auf das Katholische war hier sehr stark und im Zentrum. Es wurde attraktiv nahegebracht und auch erklärt“, so Benjamin (21) aus Kanzach, der auch die täglichen Erklärungen zur Heiligen Messe vor Messbeginn sehr hilfreich fand. „Ich hatte Gänsehaut, als auf einmal alle anfingen zu applaudieren, als nach der Abschlussmesse die konsekrierten Hostien hinausgetragen wurden“, Daniel (25).
Bewegt von vielen Momenten nutzte ein Festivalteilnehmer in der sogenannten „Glory Story“-Zeit die Möglichkeit, um Einblick zu geben: „Ich bin nicht gläubig und ich kann auch jetzt noch nicht glauben, aber nach diesen Tagen muss ich sagen: Gott hat eine Chance verdient.“
Zum Ende des Festivals wendete sich P. Benedikt Eble CP in seiner bewegenden Abschlusspredigt noch einmal mit der Verheißung Jesajas an die jungen Teilnehmer:
„Wenn du wissen willst, ob ein Adler oder eine Henne in deinem Nest ist, dann gibt‘s nur eins: Wirf sie aus dem Nest und du wirst es sehen. Die Henne stürzt hoffnungslos ab, der Adler aber breitet die Flügel aus und kann zum Teil stundenlang gleiten, ohne dabei selbst die Flügel zu schlagen. Ich sage euch: Seid keine Chicken Wings (Hühnerflügel), sondern Adler, die sich von Gott tragen lassen, besonders jetzt im Alltag, in den ihr geht.“ Mit praktischen Tipps ermutigte er sie, den Sprung zu wagen, mit Gott verbunden zu bleiben und sich von ihm erfüllen zu lassen, damit die „Hoffnung lebt“.
Eindrücke und Fotos zum Catholic Summer Festival sind auf dem Instagramkanal @jugend2000 zu finden. Auf dem Youtube-Kanal JUGEND 2000 TV und über Radio Horeb können die Hauptprogrammpunkte nachgehört werden.
Die katholische Bewegung JUGEND 2000 setzt sich dafür ein, junge Menschen in eine lebendige Gottesbeziehung zu führen. Das Catholic Summer Festival ist das größte Event der JUGEND 2000, bei dem sich 300 hauptsächlich ehrenamtliche Helfer einbringen. Um allen eine Teilnahme zu ermöglichen, basiert die Veranstaltung rein auf Spendenbasis.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2024
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Beten für Frieden in den Herzen und in der Welt
Drei Tage schenken
Jeden Monat wollen wir gemeinsam beten und fasten. Immer rund um den ersten Freitag im Monat, der nach alter kirchlicher Tradition dem Herzen Jesu geweiht ist, schenken wir drei Tage lang Gebet und Opfer, um Gottes Segen zu erbitten. In diesen Zeiten, die für viele Menschen von Hoffnungslosigkeit und Zukunftsängsten geprägt sind, beten wir Christen für den Frieden in den Herzen der Menschen. (Programmbrief Radio Horeb 6-2024)
1. Priesterdonnerstag
Am Priesterdonnerstag denken wir an das letzte Abendmahl. Jesus hat mit der Einsetzung der Eucharistie auch das sakramentale Priestertum gestiftet. Jede Pries-terberufung ist ein Geschenk Gottes an die Kirche, das dringend gebraucht wird, denn ohne Priester gibt es keine Sakramente. „Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden!“ (Mt 9,38). Dieser Aufforderung Jesu folgen wir jeden Priesterdonnerstag.
2. Herz-Jesu-Freitag
Am Herz-Jesu-Freitag schauen wir auf Jesu Tod und Hingabe am Kreuz. Dankbar für das Geschenk der Erlösung beten wir bei Radio Horeb die ganze Nacht vom Herz-Jesu-Freitag bis zum Herz-Mariä-Samstag hindurch um Frieden auf der ganzen Welt. Am Herz-Jesu-Freitag fasten wir aus Liebe zu Gott. Das kann unterschiedlich aussehen. Wichtig ist die Ausrichtung auf Gott. Am Abend jedes Herz-Jesu-Freitags feiern wir gemeinsam einen Gottesdienst mit anschließenden Gebeten um Heilung.
3. Herz-Mariä-Sühnesamstag
Am Herz-Mariä-Sühnesamstag verbinden wir uns besonders mit der Gottesmutter. Während des ganzen Leidenswegs Jesu und auch nach seinem Tod am Kreuz ist Maria als Einzige ganz treu geblieben. Deshalb beten wir an diesem Tag den Rosenkranz in den Anliegen der Muttergottes und für den Frieden auf der ganzen Welt. Außerdem erneuern wir jeden Herz-Mariä-Sühnesamstag die Weihe von Radio Horeb an das unbefleckte Herz Mariens.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2024
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Heiligsprechung von Engelbert Kolland und seiner Gefährten am 20. Oktober 2024
Wächter der biblischen Stätten
Am 20. Oktober 2024 werden in Rom acht Märtyrer des Franziskanerordens heiliggesprochen, die dem sog. „Massaker von Damaskus“ im Juli 1860 zum Opfer gefallen sind. Papst Pius XI. erkannte ihren Tod als Martyrium an und sprach sie am 10. Oktober 1926 selig. Allein Pater Engelbert Kolland (21.09.1827-10.07.1860) stammte aus Österreich, alle anderen aus Spanien. Deswegen ist die Gruppe im deutschsprachigen Raum als „Engelbert Kolland und seine Gefährten“ bekannt. Pater Gottfried Egger OFM geht auf die bevorstehende Heiligsprechung ein und stellt das Lebenszeugnis von P. Engelbert Kolland vor.[1] Er gehört zur Schweizer Franziskanerkustodie, lebt und wirkt aber seit August 2022 als Schwestern- und Aushilfsseelsorger im Franziskanerkloster Brixen/Südtirol.
Von Gottfried Egger OFM
Im Jahr 1342 hat die Kirche dem Franziskanerorden offiziell die Betreuung der biblischen Heiligtümer im Land des Herrn anvertraut. Mit einer Bulle bestätigte Papst Clemens VI., dass die Franziskaner rechtmäßig die Anliegen der römisch-katholischen Kirche im Heiligen Land vertreten und Kustoden (Hüter) der Heiligen Stätten sind.
Der Dienst als Wächter der biblischen Stätten und Seelsorger der einheimischen Christen gehört seither zu den wichtigsten Missionswerken des Franziskanerordens. Viele Franziskanerbrüder, die im Heiligen Land lebten und wirkten, gaben für diese Mission ihr Leben hin.
Engelbert Kolland und Gefährten
Zu denen, die für ihren Dienst im Heiligen Land ihr Blut vergossen haben, zählen auch die acht Märtyrer von Damaskus aus dem Jahre 1860. Sie werden am 20. Oktober 2024 von Papst Franziskus ins Verzeichnis der Heiligen aufgenommen. Es sind dies die Patres Emmanuel Ruiz, Guardian (geb. 1804), Carmel Volta, Pfarrer (geb. 1803), die Sprachstudenten P. Nicanor Ascanius (geb. 1814), P. Peter Soler (geb. 1827) und P. Nikolaus Alberga (geb. 1830) sowie die zwei Laienbrüder Francisco Pinazo, Koch (geb. 1802), und Juan Jaime Fernandez, Sakristan (geb. 1808). Und zu dieser Gruppe gehörte eben auch Vizepfarrer P. Engelbert Kolland (geb. 1827), der aus Österreich stammte. Alle anderen waren Spanier. Deswegen wird die Märtyrergruppe im deutschsprachigen Raum gewöhnlich nach Engelbert Kolland und seinen Gefährten benannt.
Daneben erlitten auch die drei leiblichen Brüder Massabki das Martyrium: Franziskus, Abdul-Mooti und Raffael. Sie waren Maroniten und arbeiteten für die Franziskaner in der Klosterschule und im Konvent St. Paul von Bab Touma in Damaskus.
Von ihnen allen verlangten die Mörder, dem christlichen Glauben abzuschwören. Doch Sie blieben alle ohne Ausnahme bis zum letzten Atemzug Jesus treu.
Seit 2001 trug die Ordensprovinz der Franziskaner (OFM) für Tirol, die 1580 gegründet worden war, das Patrozinium des seligen Engelbert Kolland. 2007 wurde sie Teil der Franziskanerprovinz Austria zum hl. Leopold. Seither gilt der Missionsfranziskaner und Märtyrer Engelbert Kolland als zweiter Patron der Franziskanerprovinz Austria und Südtirol.
Belastete Kinder- und Jugendzeit
Der hl. Engelbert wurde am 21. September 1827 in Ramsau, Pfarrei Zell a. Ziller (Diözese Salzburg), geboren und erhielt den Taufnamen Michael. Er hatte keine leichte Kinder- und Jugendzeit. Sie war durch den konfessionellen Unfrieden getrübt, denn sein Vater war Anführer der sog. „Inklinanten“, die zum Luthertum hinneigten. Diejenigen, die nicht zum katholischen Glauben konvertierten, wurden aus Tirol ausgewiesen.
Michael kam mit seinem Bruder Florian zur Ausbildung ans k. k. Gymnasium nach Salzburg. Da der lebhafte Zillertaler von der Dorfschule nicht besonders gut vorbereitet war und sich im Studium schwertat, musste er zwei Schulklassen wiederholen. Schließlich unterbrach er das Gymnasium sogar für ein halbes Jahr und arbeitete als Holzfäller in der Steiermark, wo inzwischen seine Eltern und Verwandten ihren Wohnsitz hatten. Danach entschloss er sich, die Studien wiederaufzunehmen und zu Ende zu führen.
Berufung zum gottgeweihten Leben
1847 trat Michael ins Noviziat der Franziskaner in Salzburg ein und bekam den Namen Engelbert. Nach der ersten Profess durchlief er die damals übliche philosophische und theologische Ausbildung in verschiedenen Häusern der Franziskanerprovinz. 1850 legte er im Kloster Bozen seine Feierliche Profess im Franziskanerorden ab. 1851 wurde er im Trienter Dom vom dortigen Erzbischof, dem sel. Johann Nepomuk von Tschiderer zu Gleifheim (1777-1860), zum Priester geweiht. In Bozen erlernte er unter kundiger Anleitung eines Mitbruders verschiedene Sprachen wie Arabisch, Italienisch, Französisch, Spanisch und Englisch. Danach sandten ihn seine Oberen, auf sein Ansuchen hin, in die Mission des Hl. Landes.
„Vater Engel für alle“
Nach einem kurzen Aufenthalt im Kloster am Heiligen Grab in Jerusalem wurde er zur Pfarrseelsorge für die arabischen und armenischen Katholiken ins Pauluskloster nach Damaskus gesandt. Er war ein sehr geschätzter Seelsorger und ein tieffrommer Priester.
Aufgrund seiner Arabischkenntnisse wurde er geholt, wenn jemand krank war und er Medizin besorgen sollte. Auch leistete er den Menschen bei den verschiedensten familiären und geschäftlichen Sorgen Hilfe. Er erteilte Religionsunterricht, unterrichtete in der Klosterschule Sprachen, trat als Streitschlichter auf und galt als Helfer der Armen, Kranken und Sterbenden. Die Gläubigen nannten ihn bald nur noch „Abouna Malak“ – „Vater Engel“.
In Syrien gab es schon längere Zeit Spannungen zwischen christlichen Maroniten und muslimischen Gruppen, besonders auch den Drusen. Der Gouverneur von Beirut stellte sich an die Spitze dieser Aufständischen, die vom 30. Mai bis 26. Juni 1860 viele christliche Dörfer überfielen, brandschatzten, plünderten und die Bevölkerung schändeten. Es gab sehr viele Opfer. Im Juli erreichte der Bürgerkrieg Damaskus.
Das Massaker von Damaskus
Der zumeist von Katholiken bewohnte Bereich wurde niedergebrannt. Beim Massaker von Damaskus, das sich vom 9. bis 16. Juli abspielte, kamen rund 8000 Christen ums Leben, darunter 30 Priester und drei Bischöfe. Unter ihnen waren auch die acht Franziskaner und ihre drei Laienmitarbeiter vom Kloster St. Paul in Bab Touma.
Am Nachmittag des furchtbaren Tages des 9. Juli 1860 versuchten aufgebrachte türkische und drusische Horden, das christliche Kloster St. Paul zu stürmen. Doch vergebens. Sie konnten weder die stark verriegelten Tore aufbrechen noch die wehrhaften Klostermauern erstürmen. Dadurch wurde ihre Wut nur größer. Die Klosterbewohner drinnen waren sich der ernsthaften Lebensgefahr bewusst.
Abd-el-Kader, ein edler Moslem, rettete zusammen mit seinen algerischen Soldaten viele Christen. Bis zur Nacht des 10. Juli verließ er sieben Mal sein Haus, um Christen zu sich nach Hause oder auf die Zitadelle der Stadt in Sicherheit zu bringen. Hunderten von Familien rettete er das Leben. In der Mordnacht waren mehr als 12.000 Menschen auf der Zitadelle, dazu etwa 3.000 in seinem eigenen Haus.
Entscheidung von Pater Guardian Emmanuel Ruiz
Das grausame Massaker dauerte noch bis zum 16. Juli. P. Guardian Emmanuel Ruiz wies das freundliche Angebot des edlen Emir zurück, er vertraute auf das wehrhafte Kloster und die Beliebtheit der Minderbrüder auch bei der islamischen Bevölkerung. Er konnte allerdings nicht vorhersehen, dass er und seine Mitbrüder auf gemeine Art verraten würden. Ein ehemaliger Mitarbeiter des Klosters verriet den Drusen ein geheimes Hintertürchen des Klosters, wo sie gut eindringen konnten.
Zunächst fielen die drei maronitischen Brüder Massabki den mörderischen Drusen zum Opfer. Sie gingen mit folgenden Worten in den Tod: „Wir haben nur eine Seele, wir dürfen sie nicht verlieren, indem wir unseren Glauben leugnen. Wir sind Christen und als Christen wollen wir sterben.“
P. Emmanuel, der gerade dabei war, die Hostien vom Tabernakel zu kommunizieren, um das Allerheiligste vor der Profanierung zu schützen, wurde in der Klosterkirche von den Eindringlingen überrascht. Diese forderten ihn gleich auf, seinem christlichen Glauben abzuschwören. Der tapfere Franziskaner legte seinen Kopf auf den Altar und ein starker Axthieb trennte ihn vom Leib. Auch alle anderen Brüder wurden im Kloster, auf den Gängen, in der Kirche oder in der Klosterschule umgebracht, zum Teil auch vom Kirchturm hinuntergeworfen.
Das Martyrium von Pater Engelbert
P. Engelbert floh über die Dächer, um in der Nachbarschaft Schutz zu finden. Auch dort wurde er aufgespürt und von ca. 20 Drusen und Türken umkreist. Einer legte ihm den Gewehrkolben ans Herz. Der Selige schob ihn mutig zur Seite und sagte zu seinem Verfolger: „Freund, was hab ich Dir getan, dass du mich töten willst?“ Verblüfft gab ihm dieser zur Antwort: „Nichts, aber du bist Christ! Tritt auf das Kreuz und wir wissen, dass du Christus abschwörst!“ Engelbert gab klar und deutlich zur Antwort: „Ich bin ein Christ, ich bleibe Christ. Noch mehr, ich bin ein Diener Christi, Priester der katholischen Gemeinde hier.“ Dreimal wurde mit einer Doppelaxt auf ihn zugeschlagen. Jedes Mal wurde er erneut aufgefordert, Christus abzuschwören. Jedes Mal gab er mit überzeugter Stimme zur Antwort: „Nein, niemals!“
Die Seligsprechung 1926
Am 2. Mai 1926 verlas Papst Pius XI. das Dekret, dass das Martyrium der acht Franziskaner von Damaskus anerkannt wurde. Zwanzig Tage darauf wurde in einem weiteren Dekret verkündet, dass die Seligsprechung auf den 10. Oktober 1926 festgelegt wurde. Es war innerhalb der Oktav des Festtages des hl. Franziskus, und zwar im Jubiläumsjahr „700 Jahre Franz von Assisi“.
Als der maronitische Erzbischof von Damaskus von der Seligsprechung der acht Franziskaner hörte, wies er auch auf die drei leiblichen Brüder Massabki hin. Die drei maronitschen Brüder, die für die Franziskaner arbeiteten, lebten überzeugt den christlichen Glauben und gingen dafür auch in den Tod. Das bewegte den Bischof, den Papst auch um die Seligsprechung dieser drei mutigen Laien zu bitten. Der Papst gewährte es. So wurden dann die acht Franziskaner zusammen mit den drei Maroniten zur Ehre der Altäre erhoben.
Weg zur Heiligsprechung
Nach der Seligsprechung sind einige Wunder und Gebetserhörungen der Seligen von Damaskus zu verzeichnen: Aus Ägypten ist die Heilung eines Darmleidens einer jungen Frau durch die Fürsprache der Seligen bezeugt, ebenso die Heilung einer schwer herzleidenden Ordensschwester aus Damaskus. In der Positio des Seligsprechungsprozesses wird auch von einem Mann berichtet, der durch die Fürbitte der Seligen von seiner Migränenkrankheit befreit wurde.
Auch der gebürtige Zillertaler Engelbert Kolland wurde und wird vor allem im deutschsprachigen Gebiet in den verschiedensten Nöten und Anliegen angerufen. Aus Berichten geht hervor, dass er schon oft in schweren und leichten Krankheiten, so bei Nervenleiden, Blutvergiftung, schweren Operationen, bei Augen-, Ohren-, Fuß-, Hals- und Magenleiden geholfen hat. Er war auch Helfer bei Gerichtssachen, Studien- und Schulexamen. Auch die an die 20 Ex-Voto-Tafeln beim Engelbert-Altar im Kirchlein von Ramsau sind ein klares Zeugnis für die Verehrung des Heiligen in seiner Heimat.
Kardinal Mar Beshara Boutros El Rai, der maronitische Patriarch von Antiochien und des gesamten Ostens, richtete im Februar 2023 die Bitte an Papst Franziskus, auch die drei maronitischen Brüder Massabki in die Heiligsprechung einzubeziehen. Sie hätten in ihrem Leben ein wunderbares Glaubenszeugnis abgelegt und dann mit ihrem Blutzeugnis in der Nacht vom 9. auf 10. Juli, in dem sie den Tod der Verleugnung Christi vorzogen, der maronitischen Kirche eine neue Krone der Herrlichkeit geflochten. „Ihre Reliquien sind mit jenen der acht seligen Märtyrer der Franziskaner vermischt, die mit ihnen in der Kirche ihres Klosters den Märtyrertod erlitten haben, und dies ist ein Zeichen der Blutseinheit zwischen Ost und West“, so der Kardinal. Papst Franziskus ist der Bitte nachgekommen und hat der Heiligsprechung aller elf Märtyrer von Damaskus zugestimmt.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2024
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[1] Gottfried Egger OFM: Vater Engel – Abouna Malak. Heiliger Engelbert Kolland, The Best Kunstverlag, ISBN: 978-3-9505610-0-5, Tel. +43(0)7242-52864.
Der Beichtvater als Ratgeber
Die Diözese Augsburg veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Apostolischen Pönitentiarie an der Gebetsstätte Marienfried eine Pastorale Fortbildung für Beichtpriester. Referenten aus unterschiedlichen Fachbereichen werden Hilfen und Anregungen für die Spendung des Bußsakraments geben. Der Kurs findet statt von Montag, 13. Januar, abends ab 18 Uhr bis Donnerstag, 16. Januar 2025, mittags gegen 13 Uhr.
Aus dem Programm (Vorträge und Hl. Messen)
Montag, 13. Januar 2025:
1. Vortrag um 19.30 Uhr – Msgr. Dr. Carlos Encina Commentz: „Der Rekurs an die Apostolische Pönitentiarie“, anschl. Conveniat
Dienstag, 14. Januar 2025:
2. Vortrag um 9.00 Uhr – Pfr. Ulrich Filler: „Drei große Bilder der Barmherzigkeit“
3. Vortrag um 10.30 Uhr – Pfr. Ulrich Filler: „Gottes Bild – Möglichkeiten und Grenzen“
4. Vortrag 14.00 Uhr – Johannes Prünte: „Beziehungsfähigkeit – Eine Einführung aus der Psychologie“
Hl. Messe um 17.00 Uhr mit Msgr. Dr. Carlos Encina Commentz
5. Vortrag um 19.30 Uhr – Msgr. Dr. Carlos Encina Commentz: „Priester und wirksame Verkündigung des Glaubens in einer säkularisierten Welt“, anschl. Conveniat
Mittwoch, 15. Januar 2025:
6. Vortrag um 9.00 Uhr – Prof. Dr. Dr. Stefan Mückl: „Sünde und Delikt: Was der Beichtvater über Strafrecht wissen muss“
7. Vortrag um 10.30 Uhr – Prof. Dr. Dr. Stefan Mückl: „Privilegium Paulinum und Privilegium Petrinum: Der Beichtvater als Ratgeber in Ehesachen“
8. Vortrag um 14.00 Uhr – Msgr. Dr. Leo Maasburg: „Leben und Spiritualität der Heiligen Mutter Teresa“
9. Vortrag um 15.30 Uhr – Msgr. Dr. Leo Maasburg: „Mutter Teresa und die Beichte“
Hl. Messe um 17.00 Uhr mit Rektor Georg Alois Oblinger
10. Vortrag um 19.30 Uhr – Dr. Peter Christoph Düren: „Der Ablass – Zeichen der Zärtlichkeit Gottes“, anschl. Conveniat
Donnerstag, 16. Januar 2025:
11. Vortrag um 9.00 Uhr – Msgr. Dr. Carlos Encina Commentz: „Priester und Eucharistie“
Hl. Messe um 10.45 Uhr mit Diözesanbischof Dr. Bertram Meier
Näheres zum Programm und Anmeldung/Übernachtung/Verpflegung: Gebetsstätte Marienfried, Marienfriedstraße 62, 89284 Pfaffenhofen an der Roth, Tel.: 07302 9227-0, E-Mail: mail@marienfried.de, www.marienfried.de – Teilnahme nur für Bischöfe und Priester. Bitte bringen Sie eine eigene Albe und Stola mit.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2024
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