Liebe Leserinnen und Leser 

Von Erich Maria Fink und Thomas Maria Rimmel

In diesen Tagen, da wir die April-Ausgabe erstellen, blickt die ganze Welt auf Papst Franziskus, der sich seit 14. Februar in der Gemelli-Klinik einer intensiven Behandlung unterziehen muss. Im Augenblick scheint es dem schwer kranken Papst etwas besser zu gehen. Nach Angaben der Ärzte besteht keine unmittelbare Lebensgefahr mehr. Das intensive Gebet für Papst Franziskus und die Zukunft der Kirche hat die Herzen der Menschen weltweit für das derzeitige Pontifikat neu geöffnet. Außerkirchlich wie innerkirchlich wurde ein versöhnliches Wohlwollen spürbar, gepaart mit dem ehrlichen Bemühen, dem Erbe, das Papst Franziskus hinterlassen wird, gerecht zu werden und ihm die gebührende Hochschätzung entgegenzubringen. 

In dieser Atmosphäre können wir am geplanten Titelthema festhalten, dem sich Papst Franziskus in den vergangenen Jahren intensiv gewidmet hat, nämlich der „Künstlichen Intelligenz“ (KI). Dabei legte er Kriterien vor, nach denen diese neue Technik eingesetzt werden muss, wenn sie der Menschheit nicht zum Verhängnis werden soll. 2024 stellte er die Botschaft zum 58. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel unter das Thema „Künstliche Intelligenz und Weisheit des Herzens: für eine wahrhaft menschliche Kommunikation“. Auch seine Ansprache auf dem G7-Gipfel im Juni 2024 nützte er dazu, die Sicht der Kirche zur KI darzulegen. 

Viele fragten sich, ob ein Papst nicht wichtigere Probleme zu behandeln hätte. Doch die rasante Entwicklung auf diesem Gebiet gibt ihm Recht. Es leuchtet auch hier der prophetische Charakter des kirchlichen Lehramts auf. Und so hat der Vatikan nun am 28. Januar 2025 ein offizielles Dokument herausgebracht, das die bisherigen Impulse von Papst Franziskus aufnimmt und entfaltet. Es wurde vom Dikasterium für die Glaubenslehre zusammen mit dem Dikasterium für Kultur und Bildung erarbeitet. Die umfangreiche „Note über das Verhältnis von künstlicher und menschlicher Intelligenz“ trägt den bezeichnenden Titel „Antiqua et nova“ – „Altes und Neues“. Wir konnten vier Moraltheologen gewinnen, um für uns die wesentlichen Aussagen dieses Dokuments vorzustellen: Prof. Dr. André-Marie Jerumanis (geb. 1956) von Lugano, Prof. Dr. Peter Schallenberg (geb. 1963) von Paderborn, Prof. Dr. Dr. Ralph Weimann (geb. 1976) von Rom und Prof. Dr. Ingo Proft (geb. 1981) von Vallendar. Sie zeigen auf, dass gerade in diesem Bereich die katholische Kirche ihre Fähigkeit unter Beweis stellt, neuen Erfindungen aufgeschlossen zu begegnen und Prinzipien anzuwenden, welche vor Missbrauch bewahren. Gleichzeitig arbeiten sie deutlich heraus, dass Künstliche Intelligenz nie die Gewissensentscheidung und die personale Zuwendung zum Mitmenschen ersetzen kann. Denn sie ist nicht in der Lage, das menschliche Leben von einem übergeordneten Standpunkt aus zu betrachten und eine Antwort auf die letzte Sinnfrage zu geben. 

Gerade damit beschäftigen sich zum Kriegsende vor 80 Jahren die Beiträge über den ehrwürdigen Diener Gottes Salvo D’Acquisto (1920-1943), einen Unteroffizier der italienischen Carabinieri, der mit knapp 23 Jahren sein Leben hingegeben hat, um 22 Zivilisten vor dem sicheren Tod zu retten, und auch über zehn Blutzeugen, die während der NS-Zeit ihrem Gewissen gefolgt sind und den Kriegsdienst unter Hitler verweigert haben. Für ihre Überzeugung und Standhaftigkeit wurden sie zum Tod verurteilt und hingerichtet. Ergänzt wird dieses Zeugnis durch einen Blick auf den bekannten russisch-orthodoxen Priester Alexander Men, der vor 90 Jahren geboren und am 9. September 1990 ermordet wurde. 

Liebe Leserinnen und Leser, wir lassen uns vom Motto des Heiligen Jahres leiten und blicken im Vertrauen auf den gekreuzigten und auferstandenen Herrn voller Hoffnung in die Zukunft. Auf die Fürsprache Mariens, der Königin des Friedens, wünschen wir Ihnen ein frohes und gesegnetes Osterfest und sagen Ihnen ein aufrichtiges Vergelt’s Gott für Ihre Unterstützung. 

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2025 
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting) 

Menschliche und künstliche Intelligenz und das Ringen um die Verhältnisbestimmung

Ein wichtiger Impulsgeber

Professor DDr. Ralph Weimann (geb. 1976), promoviert in Theologie und Bioethik, doziert seit 2008 an verschiedenen kirchlichen Hochschulen und Universitäten in Rom. In einem ersten Kommentar bezeichnet er das neue Dokument des Vatikans über künstliche Intelligenz als wichtigen Impulsgeber. Sein Beitrag ist eine hilfreiche Einführung in das umfangreiche Schreiben. Dabei zeigt Weimann einige wesentliche Linien auf und macht in allgemein verständlicher Weise klar, worauf es beim Thema KI ankommt. 

Von Ralph Weimann 

Am 28. Januar 2025 hat das Dikasterium für die Glaubenslehre, zusammen mit dem Dikasterium für Kultur und Bildung, eine „Note über das Verhältnis von künstlicher und menschlicher Intelligenz“ veröffentlicht. Darin geht es um ein Thema von großer Wichtigkeit und Brisanz, denn nicht wenige gehen davon aus, dass sich das Schicksal der Welt im Umgang mit der künstlichen Intelligenz (KI) entscheiden wird. Vielleicht erklärt sich daher die Länge des Dokuments (117 Nummern), oder aber, die Autoren haben einkalkuliert, dass die Leser die künstliche Intelligenz nutzen, um es zusammenzufassen. 

In dem Dokument, das den lateinischen Titel Antiqua et nova (Altes und Neues) trägt, wird zunächst das Verhältnis von künstlicher und menschlicher Intelligenz beleuchtet, wobei ein besonderes Augenmerk auf die anthropologischen und ethischen Bereiche gerichtet wird. Der rasante Fortschritt in der Entwicklung von KI-Technologien lässt die Frage aufkommen, inwieweit Maschinen die kognitiven Fähigkeiten des Menschen reproduzieren oder gar übertreffen können (Stichwort: Superintelligenz). 

In der Note wird KI als Fähigkeit zur Ausführung von Aufgaben bezeichnet, „aber nicht die des Denkens“ (12). KI-Systeme basieren auf maschinellem Lernen, das es Maschinen ermöglicht, aus Daten zu lernen und ihre Leistung zu verbessern, ohne explizit programmiert zu werden. Besonders „neuronale Netze, unüberwachtes maschinelles Lernen und evolutionäre Algorithmen“ (8) können neuartige Lösungen hervorbringen, wobei eine funktionale Sichtweise die Gefahr mit sich bringt, „das Wertvollste an der menschlichen Person zu übersehen. Aus dieser Perspektive sollte die KI nicht als eine künstliche Form der Intelligenz gesehen werden, sondern als eines ihrer Produkte“ (35). 

1. Wahrheitsfähigkeit des menschlichen Geistes 

Menschliche Intelligenz ist ein weitaus komplexeres Phänomen als die derzeitigen KI-Systeme. Sie umfasst nicht nur kognitive Prozesse wie Lernen und Problemlösung, sondern auch emotionale Reaktionen und ist relational. Während KI-Systeme in bestimmten Bereichen übermenschliche Fähigkeiten erreichen können (vgl. Analyse großer Datenmengen, Rechenkapazitäten, usw.), lässt sich die menschliche Intelligenz von ihrer Beziehung zur Wahrheit definieren. Weil dieser Aspekt grundlegend ist, und die KI dazu wenig zu sagen hat, zumal sie diesbezüglich gänzlich von den programmierten Algorithmen abhängt, lohnt es sich, bei diesem wichtigen Aspekt einen Moment zu verweilen. Die menschliche Intelligenz ist in ihrer Vielschichtigkeit unübertroffen. Sie ist „ein Geschenk Gottes zum Erfassen der Wahrheit“ (21), die Gott selbst ist (vgl. Joh 14,6). Dabei reicht sie weit über die empirischen Daten hinaus. Denn in „Gott erhalten alle Wahrheiten ihren höchsten und ursprünglichen Sinn“ (23). Dieses Proprium des menschlichen Geistes fehlt bei der KI gänzlich, im Gegensatz zu ihr steht im Mittelpunkt „der christlichen Vision von Intelligenz […] die Integration der Wahrheit in das moralische und geistliche Leben des Menschen, indem er sein Handeln im Licht der Güte und der Wahrheit Gottes ausrichtet“ (28). 

An dieser Stelle beschreibt das Dokument sehr treffend den spezifischen Unterschied zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz. Denn eine „korrekte Auffassung von menschlicher Intelligenz lässt sich nicht auf die bloße Aneignung von Fakten oder die Fähigkeit, bestimmte Aufgaben zu erfüllen, reduzieren; sie impliziert vielmehr die Offenheit des Menschen für die letzten Fragen des Lebens und spiegelt eine Ausrichtung auf das Wahre und Gute wider“ (29). 

2. Grenzen der KI 

Es gibt demnach entscheidende Unterschiede zwischen menschlicher Intelligenz und der KI, auf die in der Note hingewiesen wird. Einer der größten Unterschiede ist die Art und Weise, wie beide Intelligenzen lernen. Menschlicher Intelligenz liegen Erfahrungen zugrunde, die durch Interaktionen mit der Umwelt und anderen Menschen gewonnen werden. Lernen ist dabei ein dynamisch-relationaler Prozess, der sowohl bewusste als auch unbewusste Komponenten umfasst. KI-Systeme bleiben in der Regel auf einen logisch-mathematischen Rahmen beschränkt (31). Dazu heißt es: „Da die KI nicht den Reichtum der Leiblichkeit, der Beziehungsfähigkeit und der Offenheit des menschlichen Herzens für das Wahre und Gute besitzt, sind ihre Fähigkeiten, auch wenn sie unendlich scheinen, mit der menschlichen Fähigkeit, die Realität zu erfassen, nicht zu vergleichen“ (33). 

Eben aus diesem Grund wird im Dokument auf die moralische Verantwortung bei der Nutzung der KI hingewiesen; somit kommt gerade der ethischen Dimension große Bedeutung zu. Dabei werden die drei klassischen Kriterien für eine ethische Evaluation erwähnt, neben dem Ziel, dem Objekt und den Umständen kommen – so die Ausführungen in der betreffenden Note – Mittel hinzu. Wie konkret ethische Verantwortung in diesem Bereich übernommen werden kann, wird jedoch nicht erwähnt. Als grundlegendes Kriterium wird der Wert und die Würde eines jeden Menschen angeführt (43). 

Das Dokument weist auch auf die vielen positiven Errungenschaften der KI hin; daran schließen sich lange Ausführungen an zu Themen wie KI und menschliche Beziehungen, Wirtschaft und Arbeit, Gesundheitswesen, Bildung, Desinformation, Datenschutz, Kontrolle, Krieg, Beziehung der Menschheit zu Gott, woran sich eine Schlussbetrachtung anschließt. 

3. Schlussbemerkung 

Zum Schluss wird in der Note auf jene Schwierigkeit hingewiesen, die in den letzten Jahrzehnten auch für alle bioethischen Themen dominant war: die wachsende Kluft zwischen technischem Fortschritt und ethischer Verantwortung. Es wird verlangt, dass die KI dem Wohl aller zu dienen hat (110), aber auch hier fehlen konkretere Hinweise. Was es bedeuten soll, neue Technologien in „einem Horizont relationaler Intelligenz zu sehen“ (111), wird nur angedeutet. Ein Hinweis auf das Naturrecht, damit auch die KI der Natur ihrer selbst entspricht, fehlt leider in dem Dokument. 

In der Schlussbetrachtung wird vor allem die Gabe der Weisheit erwähnt, die notwendig ist, um sich den Herausforderungen der KI zu stellen. Sie besteht im Hinblick auf die KI darin, dass sie Schwächsten und Bedürftigsten zu dienen habe, als Maßstab wird die Menschlichkeit (116) angeführt. Am Schluss heißt es: „In der Perspektive der Weisheit werden die Gläubigen in der Lage sein, als verantwortliche Akteure zu handeln, die in der Lage sind, diese Technologie zu nutzen, um eine authentische Vision der menschlichen Person und der Gesellschaft zu fördern, ausgehend von einem Verständnis des technologischen Fortschritts als Teil des Schöpfungsplans Gottes: eine Tätigkeit, bei der die Menschheit aufgerufen ist, sie auf das Ostergeheimnis Jesu Christi auszurichten, in der ständigen Suche nach dem Wahren und Guten“ (117). Mit diesen „guten Wünschen“ schließt das Dokument. 

Die Problematik der zu programmierenden Algorithmen, die nicht selten nach machtpolitischen oder ideologischen Prinzipien erfolgt und gewöhnlich in der Hand einiger weniger liegt, der die große Masse der Nutzer ausgesetzt sind, findet an dieser Stelle keine Erwähnung. Darüber hinaus sticht eine Fixierung auf Papst Franziskus ins Auge, der auf 111 Nummern (inklusive Fußnoten) 127-mal erwähnt wird. Zum Vergleich: Jesus oder Christus kommt sieben Mal vor, ausschließlich in Fußnoten. Natürlich hat der Herr nichts zur KI gesagt, aber die Grundprinzipien der Offenbarung haben universale Gültigkeit. Gerade in diesem Bereich ist viel Luft nach oben, im wahrsten Sinn des Wortes! 

Nichtsdestotrotz finden sich viele hilfreiche Hinweise für den Umgang mit der KI, eine wirkliche Lösung wird aber nicht angeboten, vielleicht ist das auch in der jetzigen Situation, aufgrund der schnellen und rasanten Entwicklung gar nicht möglich. Allen, Nutzern, Programmierern und Besitzern, würde es auf jeden Fall guttun, sich an den christlichen Prinzipien zu orientieren, die für eine ethisch verantwortbare Entscheidung notwendig sind. Von daher kann die Note als wichtiger Impulsgeber dienen. 

Das Dikasterium für die Glaubenslehre, der Kultur und Bildung hat das Schreiben „Antiqua et Nova. Note über das Verhältnis von künstlicher Intelligenz und menschlicher Intelligenz“ am 28. Januar 2025 online veröffentlicht. Vgl. www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_ddf_doc_20250128_antiqua-et-nova_ge.html 

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2025 
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting) 

Zum vatikanischen Dokument „Antiqua et nova“

KI – intelligent, aber leider nicht vernünftig

Für Professor Dr. Peter Schallenberg (geb. 1963), seit 2008 Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn und seit 2010 Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach, ist es klar, dass sich die Kirche mit dem Thema der Künstlichen Intelligenz (KI) und ihrer ethischen Dimension auseinandersetzen muss. Am vatikanischen Dokument „Antiqua et nova“ begrüßt er die grundsätzliche Offenheit der katholischen Kirche gegenüber dieser neuen Technik. Auch Schallenberg hält KI für ein gutes Hilfsmittel, das dem Menschen dienen und ihn in unzähligen Bereichen unterstützen kann. Doch müsse man ihre Grenzen klar im Blick behalten. Denn KI könne nie die personale Zuwendung zum Menschen ersetzen und sei auch nicht in der Lage, auf übergeordnete Ziele vorauszublicken, die jedoch allein dem Handeln des Menschen einen letzten Sinn verleihen könnten. 

Von Peter Schallenberg 

Die Ausgangsfrage unserer Überlegungen zur sog. „Künstlichen Intelligenz“ (KI) ist: Bringt der KI-Nutzen unsere ethischen Prinzipien ins Wanken? Und die kurze und eindeutige Antwort darauf ist: Nein! Denn wie schreibt schon Gilbert K. Chesterton in seinem herrlichen Buch „Orthodoxie“? „Der Verrückte ist nicht derjenige, der seinen Verstand verloren hat. Der Verrückte ist derjenige, der alles verloren hat, nur nicht seinen Verstand“ (Orthodoxie. Eine Handreichung für die Ungläubigen, S. 47). 

Intelligenz und Gewissen 

In der Tat, so ist es: Verstand und Intelligenz sind ja nur Hilfsmittel, Instrumente zur Entfaltung unserer Grundprinzipien des Denkens, nein mehr noch: Instrumente zur guten Entfaltung unseres Bewusstseins und unseres Gewissens, ganz unverblümt und unverfroren: unserer Seele! Nochmals anders gesagt: Unsere Vernunft und unsere Intelligenz steht im Dienst an unserer Vernunft, die nichts anderes ist als das denkende, also das nachdenkende und vorausdenkende Gewissen. Deswegen sagt der heilige Thomas von Aquin: Der Mensch ist als Person Gottes Ebenbild, weil er wie Gott dazu berufen ist, „sibi et aliis providens“, also zu Deutsch: weil der Mensch von Gott berufen ist und in die Lage versetzt ist, für sich und für andere vorauszusehen, vorauszudenken. 

Und das geschieht mit Hilfe des Nachdenkens, weswegen man auch in alter Tradition sagen kann: Die Eule der Minerva fliegt erst in der Abenddämmerung. Will sagen: Erst nach getanem Tagwerk und angesichts der Fakten vermag der Mensch eine Beurteilung der Handlungen und Taten aus ethischer Sicht abzugeben. Aber zugleich soll er sich bemühen, möglichst im Voraus schon abzusehen und zu beurteilen, ob seine Handlungen gute Folgen haben werden, mehr noch: welche guten Handlungen in der näheren und weiteren Zukunft geboten sind. Beides, das Nachdenken und das Vorausdenken übernimmt beim Menschen in christlicher Tradition das von Gott geschaffene Gewissen.

„Poiesis“ und „Praxis“ – Frage nach der Tugend der Menschenliebe 

Wir nennen es in der Sprache der Moraltheologie auch: die praktische Vernunft. Nicht, um an einen Baumarkt oder an praktische Handwerksgeräte zu erinnern, sondern ganz im Gegenteil: Um an die alte Unterscheidung der griechischen Philosophie und Ethik aus der Zeit des Sokrates und des Platon zu erinnern, an die Unterscheidung nämlich von Poiesis und Praxis, von herstellendem Tun und ausdrückendem Handeln, weswegen wir auch zwar von einer Kfz-Werkstatt zur Wiederherstellung eines funktionstüchtigen Autos, nicht aber von der Werkstatt des Arztes, sondern von seiner Praxis sprechen, denn in der Arztpraxis wird nicht einfach ein funktionierender Mensch wiederhergerichtet, sondern der Arzt bringt seine Tugend der Menschenliebe und seine ärztliche Heilkunst zum Ausdruck, so wie ein Mensch dem Menschen seine Liebe oder sein Verzeihen zum Ausdruck bringt. Immer hat es die Ethik mit der Praxis, also dem Ausdruck von Tugend durch gutes Handeln zu tun, die Technik und Mathematik hingegen hat es mit der Poiesis, also der Herstellung richtiger Endzustände zu tun. 

„bios“ und „zoé“ – Leben ist nicht nur Überleben 

Sind wir wirklich schon soweit, unbemerkt und fast unter der Hand Intelligenz und Vernunft zu verwechseln oder gar bewusst auszutauschen? Haben wir wirklich die klassische griechische Unterscheidung von bios (das quantitativ lange Überleben, das der Mensch mit den Landschildkröten teilt) und zoé (das qualitativ gute Leben, das erst ein Überleben lohnenswert macht) schon gänzlich vergessen? Und die dem auf dem Fuß folgende Unterscheidung von Poiesis und Praxis, von herstellendem Handeln (der Kfz-Werkstatt) und ausdrückendem Handeln (der Arztpraxis), die erst überhaupt Ethik jenseits der Technik, Metaphysik jenseits der Physik und die Frage nach dem Guten jenseits des Nützlichen sinnvoll und möglich macht? 

Können Roboter trösten und vergeben? 

Ganz konkret und im Blick auf Anwendungen der KI: Wer fragt vor Erstellung eines künstlichen Algorithmus nach dem Nutzen für das Gute der betroffenen menschlichen Personen? Was nützen Pflegeroboter über basale Pflege hinaus, wen sie nicht trösten oder Vergebung für schwere Schuld in der Lebensgeschichte zusagen können? Oder noch brenzliger: Könnten wir uns vorstellen, uns von Maschinen und Programmen trösten zu lassen? Dann aber: Gute Nacht, Marie… 

Die entscheidende Frage hinter dem technischen Problem der KI ist: Was bleibt am Ende nur dem Menschen möglich? Und das ist einzig notwendig! Mir fallen zwei Grundsätze der klassischen griechischen Philosophie ein: „Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da!“ (Antigone). Und: „Lieber Unrecht erleiden, als Unrecht tun!“ (Platon, Mythos von Gorgias) Erst wenn das auch vom Algorithmus einer Künstlichen Intelligenz anstelle von lebenden Personen glaubhaft ausgesprochen würde, wäre das Ende der Menschheit gekommen. Mir scheint, bis dahin ist es noch lang hin…

KI ist nur ein Hilfsmittel in der Hand von Personen 

An all das erinnert uns das neue Dokument des vatikanischen Dikasteriums „Antiqua et nova“ zur Künstlichen Intelligenz. Bezeichnenderweise wird ja im Titel und im ersten Satz ein Wort Jesu aus den Evangelien über den klugen Hausherrn, der Altes und Neues, eben „antiqua et nova“, aus dem Vorrat hervorholt. Damit soll angedeutet werden: Es gibt alte und neue Instrumente des ethischen und guten Handelns, Brieftaube, Telefon und eben Chatbots, Roboter und Künstliche Intelligenz. – Aber all das sind eben nur Instrumente in der Hand von Menschen, von Personen mit unsterblicher Seele und mit Gewissen, die sich stets und immer fragen sollen: Was bringst Du an Tugend und an Güte zum Ausdruck? Künstliche Intelligenz ist eine Programmiersprache in Algorithmen, programmierte Mathematik, aber immer nur Hilfsmittel unserer sich nach außen wendenden Seele. 

Zuwendung zum Menschen aus einer übergeordneten Perspektive 

Sehr deutlich wird das angesichts der Tugend des Tröstens. Als Christen vertrauen wir darauf, dass wir von Gott, von der Gottesmutter und von den Heiligen getröstet werden, und dadurch zugleich in der Lage sind, auch andere Menschen zu trösten. Das aber meint, nicht einfach nur vor gestanzte und programmierte Trostesworte zu hören, sondern zu wissen: Wir haben in Gott jemand, der mir voraus ist und als mein Schöpfer mich besser kennt, als irgendeiner sonst, und der weiß, wohin ich unterwegs bin und was für Hilfen ich brauche. 

Das ist vergleichbar mit einer Mutter, die ihr kleines Kind tröstet, wie es jeder von uns wohl erlebt hat und sich daran erinnern kann: Als Mutter sieht sie weit mehr als das Kind in seiner namenlosen Traurigkeit; sie sagt nicht einfach „Wie schrecklich!“ zu dem, was geschehen ist. Das allein ist ja noch kein Trost, die Verdoppelung der Trostlosigkeit. Wirklich zu trösten meint: Sich aus einer größeren Perspektive zu vergewissern, dass das, was man im Augenblick mitmacht oder erleidet, einen tieferen Sinn hat, den ich erahne oder ersehne. Trost kommt immer aus einer mir vorgeordneten Perspektive. Sonst wäre es nur das vorprogrammierte Klagen über etwas Schreckliches. 

Und ähnlich kann man das Verzeihen, besser das Vergeben unterscheiden von einem vorprogrammierten Satz der KI „Ich verzeihe Dir!“ Verzeihen heißt ja im Grunde nichts anderes als zunächst nur: Ich zeihe Dich der Untat oder der Sünde oder der Schuld nicht mehr, es sei nicht mehr erwähnt. Aus der Welt geschaffen ist es damit freilich längst nicht, das kann kein Mensch aus eigener Kraft. Nur Gott kann mehr als Verzeihen, nämlich Vergeben: Das Gute, was durch meine Untat oder meine Schuld verloren ging, mir wiedergeben, mir das Gute erneut zur Gabe und zum kostbaren Geschenk machen. So geschieht es in der Beichte, durch die Worte der Lossprechung des Priesters „an Christi Statt“, wie der Apostel Paulus sagt, nicht aber durch das eingespeicherte Programm einer künstlichen Intelligenz. 

Und dann kann es auch ein Mensch mit Gottes Kraft nachahmen, wenn er zu einem anderen Menschen nicht nur sagt „Ich verzeihe Dir!“ (im Sinne: wir wollen nicht mehr davon sprechen), sondern: „Ich vergebe Dir“ (im Sinne: ich gebe Dir aus Liebe und Zuneigung das verlorene Gute zurück, ja sogar, in Ehe und Freundschaft, ich ersetze und ergänze, was Dir im Augenblick fehlt an Kraft und Möglichkeit zum Guten). 

Man sieht sehr schnell und auf den ersten Blick, dass all dies einer noch so perfekten Künstlichen Intelligenz niemals möglich ist, weil es eben kein eigenständiges Handeln einer Person mit Gewissen ist. 

Nutzen und Grenzen der neuen Technik der KI 

Freilich weist das vatikanische Dokument auch auf die Gefahren einer Künstlichen Intelligenz hin, dann nämlich, wenn man das gute und tugendhafte Handeln von Personen durch Roboter oder KI ersetzen will. Hier gilt in jedem Fall die Faustregel: Je personennäher Handlungen sind, desto vorsichtiger muss man mit dem Einsatz der KI sein, eben, um echte Begegnungen von menschlichen Seelen nicht zu verunmöglichen. Beispiele aus der Pflege beweisen das: Um einen Menschen aus dem Bett zu heben, ist ein Roboter nützlich; um eine exakte Diagnose zu stellen, ist KI nützlich; um einen Kranken zu trösten oder ihm zur Therapie einen Ratschlag zu geben, ist die KI nur wenig nützlich. Technik sagt uns, was möglich ist; Ethik sagt, was möglich sein soll. Robert Spaemann hat einmal in einem Aufsatz zu Zweck und Nutzen der Technik sinngemäß geschrieben: Wir wissen, wie eine Fledermaus funktioniert; wir wissen nicht, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Das ist vielleicht der entscheidende und letzte Hinweis auf einen möglichen Nutzen neuer Technik der KI und zugleich auch die entscheidende Grenze dieser Technik: Bei Gegenständen muss man wissen, wie etwas funktioniert (etwa eine Landmine), damit man dann fragen kann: Soll es funktionieren? Bei Tieren sind wir schon vorsichtiger und fragen nicht nur nach dem Funktionieren, sondern nach artgerechter und schonender Nutzung und Haltung. Und erst recht und unbedingt beim Menschen als Person mit unbedingter Würde: Gefragt ist hier letztlich immer nach dem Sein, nicht nach dem Funktionieren. 

Worauf kommt es im Leben wirklich an? 

Gefragt ist aus christlicher Sicht: Wie ist es, ein Mensch zu sein, dieser Mensch zu sein, und wie kann ich dabei helfen, dass aus diesem Menschen ein guter, ein besserer Mensch wird, der so wird, wie Gott ihn gemeint hat, wie Gott ihn voraussieht, wie Gott ihn erwartet? Alles auf Erden dient dazu, dieses Ziel im Auge zu behalten und nicht zu vergessen. Wenn dabei die KI eine Hilfe ist – umso besser! Aber die allerbesten Momente des Lebens in Erwartung von Gottes guter Ewigkeit, Momente der Liebe und des Vergebens und des Trostes werden immer und bis zum Anbruch der Morgendämmerung des Jüngsten Tages ganz ohne technische Hilfe auskommen, weil es allein ankommt auf die Güte des Herzens, das auf die Güte Gottes ant-worten möchte.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2025 
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting) 

Risiken für die Grundrechte des Menschen begrenzen

KI und ihre ethischen Herausforderungen

Der Moraltheologe Professor Dr. André-Marie Jerumanis (geb. 1956) von Lugano sieht im Dokument „Antiqua et Nova“ eine Zusammenfassung der verschiedenen Lehräußerungen von Papst Franziskus über den Umgang mit künstlicher Intelligenz. Diesem aktuellen Thema hatte der Papst beispielsweise seine Ansprache auf dem G7-Gipfel im Juni 2024 sowie die Botschaft zum 58. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel am 24. Januar 2024 gewidmet. Neuerungen in Forschung und Technik steht die katholische Kirche grundsätzlich aufgeschlossen gegen-über, doch fordert sie gleichzeitig immer dazu auf, diese Errungenschaften im Dienst des Menschen und des Gemeinwohls einzusetzen. Dazu gibt sie ethisch-religiöse Leitlinien vor. 

Von André-Marie Jerumanis 

Am 28. Januar 2025 veröffentlichten das Dikasterium für die Glaubenslehre und das Dikasterium für Kultur und Bildung die Note „Antiqua et Nova – Über das Verhältnis von künstlicher Intelligenz (KI) und menschlicher Intelligenz“

Die Ambivalenz künstlicher Intelligenz 

Was ist die Botschaft des Dokuments? Es handelt sich um eine Reflexion, die das Erbe der Tradition (Antiqua) wertschätzt, während sie sich zugleich den Neuheiten des wissenschaftlichen Fortschritts (Nova) öffnet. So lesen wir in der Note: „Die Kirche fördert den Fortschritt in Wissenschaft, Technik, Kunst und allen anderen menschlichen Unternehmungen“ (AN 2) und fordert gleichzeitig zum „verantwortungsvollen Einsatz von Rationalität und technischen Fähigkeiten“ auf (AN 1). 

Angesichts der Revolution, welche von der KI ausgelöst wird, können wir von der Angst ergriffen werden, sie nicht mehr kontrollieren zu können, und sie deshalb ablehnen. Aber wir können auch dem Glauben verfallen, von nun an werde uns alles möglich sein. KI spielt eine immer wichtigere Rolle in der Wirtschaft und in der Gesellschaft. Neben den positiven Einsatzmöglichkeiten der KI, sei es im Bildungsbereich, in der Landwirtschaft oder in der Medizin, darf man auch die umstrittene Nutzung nicht unerwähnt lassen. Wir denken hier an einen Einsatz im Krieg, an die biometrische Massenerkennung, an die Bewertung von Bürgern anhand ihres Verhaltens sowie an die Verarbeitung persönlicher Daten durch multinationale Konzerne zu kommerziellen oder politischen Zwecken. 

Appell an die ethische Dimension der KI 

Das 35-seitige Dokument basiert auf den zahlreichen Äußerungen von Papst Franziskus zum Thema KI. Im Jahr 2020 veröffentlichte die Päpstliche Akademie für das Leben „Rome Call“, einen Appell von Rom für eine ethisch verantwortungsvolle Nutzung künstlicher Intelligenz. Inzwischen wurde er von zahlreichen Unternehmen wie IBM, Microsoft und Cisco unterzeichnet. Dieser Text wurde zum Ausgangspunkt des Lehramts von Papst Franziskus über KI, das sich besonders auf die Menschenwürde konzentriert. Es ist an die Rede von Papst Franziskus auf dem letzten G7-Gipfel zu erinnern, der im Juni 2024 in Italien stattfand. Dort lenkte er die Aufmerksamkeit der Politiker auf die grundlegende Dimension der menschlichen Person: „Es scheint, als würde der Wert und die tiefe Bedeutsamkeit einer der grundlegenden Kategorien des Westens verloren gehen: die Kategorie der menschlichen Person. In dieser Zeit, in der Programme der künstlichen Intelligenz den Menschen und sein Handeln in Frage stellen, stellt gerade der Mangel an einem Ethos, das mit der Wahrnehmung des Wertes und der Würde der menschlichen Person verbunden ist, den größten Schwachpunkt bei der Implementierung und Entwicklung dieser Systeme dar. Wir dürfen nämlich nie vergessen, dass keine Innovation neutral ist.“ 

Dabei wird die Sorge um die ethische Dimension der KI nicht nur von der Kirche geäußert. Die Europäische Union hat im Jahr 2024 den „AI Act“ verabschiedet, einen weltweit ersten Versuch, diese Technologie für alle Akteure, die ihre Dienste in Europa anbieten, international zu regeln. Ziel ist es, die Risiken, die die KI für die Grundrechte der Menschen mit sich bringt, zu begrenzen. 

Integraler Ansatz im Licht der christlichen Anthropologie 

Es ist wichtig, die Perspektive zu verstehen, in die das Dokument gestellt ist, also den Geist, der das kirchliche Lehramt in dieser Frage antreibt. Bei „Antiqua et Nova“ handelt es sich nicht nur um einen philosophischen Text, der eine rein rationale, autonome moralische Abhandlung bietet, sondern um eine umfassende Reflexion über KI, einen integralen Ansatz, der die Vernunft nicht vom Glauben und der christlichen Anthropologie trennt. 

„Das wirklich Neue an diesem Text ist“, so sagt der Franziskanerpater Paolo Benanti, Professor an der Päpstlichen Universität Gregoriana und Berater von Papst Franziskus in Fragen der KI und der Technologieethik, „dass er uns in die richtige Perspektive versetzt, um unsere Identität und unsere Fähigkeit zu hinterfragen, wie wir zur Bewahrung und Pflege der Welt beitragen können, die uns vom Schöpfer anvertraut worden ist.“ 

KI und „Weisheit des Herzens“ 

In der Einleitung erinnert die Note daran, dass sie im Einklang mit der von Papst Franziskus vorgeschlagenen „Weisheit des Herzens“ stehe. Es sei kurz erwähnt, worum es sich dabei handelt. In seiner Botschaft zum 58. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel „Künstliche Intelligenz und Weisheit des Herzens: für eine wahrhaft menschliche Kommunikation“ sagte Papst Franziskus über die Weisheit des Herzens: „Nur wenn wir eine geistliche Sichtweise einnehmen, nur wenn wir wieder eine Herzensweisheit erlangen, können wir die Neuerungen unserer Zeit deuten und interpretieren und den Weg zu einer wahrhaft menschlichen Kommunikation wiederentdecken. Das Herz, biblisch verstanden als Sitz der Freiheit und der wichtigsten Lebensentscheidungen, ist ein Symbol der Ganzheit, der Einheit, aber es hat auch mit Gefühlen, Wünschen und Träumen zu tun; vor allem ist es ein innerer Ort der Gottesbegegnung. Die Herzensweisheit ist also jene Tugend, die es uns ermöglicht, das Ganze und die Teile, die Entscheidungen und ihre Folgen, die Stärken und die Schwächen, die Vergangenheit und die Zukunft, das Ich und das Wir miteinander zu verbinden. (..) Sie ist eine Gabe des Heiligen Geistes, die es ermöglicht, die Dinge mit den Augen Gottes zu sehen, die Zusammenhänge, Situationen, Ereignisse zu verstehen und ihre Bedeutung zu entdecken.“ 

Aufruf an alle Verantwortlichen in der Pastoral 

Für wen ist dieses Dokument bestimmt? Die Adressaten sind zunächst, wie es in der Note heißt, „diejenigen, denen die Weitergabe des Glaubens anvertraut ist (Eltern, Lehrer, Pfarrer und Bischöfe)“. Sie sollen sich mit Sorgfalt und Aufmerksamkeit dieser dringenden Angelegenheit widmen, aber das Dokument ist auch so konzipiert, dass es für ein breiteres Publikum zugänglich ist, d. h. für diejenigen, die die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung teilen, die auf den Dienst am Menschen und am Gemeinwohl ausgerichtet ist. 

Vor diesem Hintergrund befasst sich die vorliegende Note mit den anthropologischen und ethischen Fragen, die die KI aufwirft: „Die christliche Tradition betrachtet nun die Gabe der Intelligenz als einen wesentlichen Aspekt der Schöpfung des Menschen ‚als Abbild Gottes‘ (Gen 1,27). Ausgehend von einer ganzheitlichen Sicht der Person und unter Beachtung der Aufforderung, die Erde zu ‚bebauen‘ und zu ‚hüten‘ (vgl. Gen 2,15), betont die Kirche, dass diese Gabe durch einen verantwortungsvollen Einsatz von Rationalität und technischen Fähigkeiten im Dienst an der geschaffenen Welt zum Ausdruck kommen sollte“ (AN 1). 

Wesentlicher Unterschied zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz 

Das Dokument erinnert uns daran, dass KI eine grundlegende anthropologische Reflexion erfordert, die die Frage nach dem Verständnis von Intelligenz untersucht. Kann es eindeutig verwendet werden, um menschliche und künstliche Intelligenz zu definieren? Die Note hebt sofort den Unterschied zwischen künstlicher und menschlicher Intelligenz hervor, indem sie die funktionale Dimension der KI im Gegensatz zur inhaltlichen und persönlichen Dimension der menschlichen Intelligenz betont. Sie erläutert die Bedeutung der Intelligenz in der philosophischen und theologischen Tradition und kommt zu dem Schluss, dass KI nicht als eine künstliche Form der Intelligenz, sondern als eines ihrer Produkte betrachtet werden sollte. Dies bedeutet, dass eine digitale Unterwerfung, d. h. eine totale technologische Delegation mit Abtretung der Souveränität, verhindert werden muss. Vielmehr geht es um die Zusammenarbeit gemäß einer auf den Menschen ausgerichteten Vision, die auf die Förderung des Gemeinwohls abzielt. 

Es scheint uns wichtig, darauf hinzuweisen, dass eine der grundlegenden Aussagen des Dokuments lautet: „Im Mittelpunkt der christlichen Vision von Intelligenz steht die Integration der Wahrheit in das moralische und geistliche Leben des Menschen, indem er sein Handeln im Licht der Güte und der Wahrheit Gottes ausrichtet. (...) Eine korrekte Auffassung von menschlicher Intelligenz lässt sich daher nicht auf die bloße Aneignung von Fakten oder die Fähigkeit, bestimmte Aufgaben zu erfüllen, reduzieren; sie impliziert vielmehr die Offenheit des Menschen für die letzten Fragen des Lebens und spiegelt eine Ausrichtung auf das Wahre und Gute wider“ (AN 28-29). So heißt es weiter: „Bei der menschlichen Intelligenz geht es nicht in erster Linie um die Erledigung funktionaler Aufgaben, sondern um das Verstehen und die aktive Auseinandersetzung mit der Realität in all ihren Aspekten; und sie ist auch zu überraschenden Einsichten fähig. Da die KI nicht den Reichtum der Leiblichkeit, der Beziehungsfähigkeit und der Offenheit des menschlichen Herzens für das Wahre und Gute besitzt, sind ihre Fähigkeiten, auch wenn sie unendlich scheinen, mit der menschlichen Fähigkeit, die Realität zu erfassen, nicht zu vergleichen“ (AN 33). 

Chancen und Gefahren 

In der Note werden Chancen, positive Aspekte und Potenziale der KI in verschiedenen Bereichen aufgezeigt. KI könne „wichtige Innovationen in der Landwirtschaft, der Bildung und der Kultur, eine Verbesserung des Lebensstandards ganzer Nationen und Völker sowie das Wachstum der menschlichen Geschwisterlichkeit und der sozialen Freundschaft“ bewirken und somit „zur Förderung einer ganzheitlichen menschlichen Entwicklung eingesetzt“ werden. (AN 51). 

Gleichzeitig müsse man KI immer auch kritisch betrachten und die Risiken und Gefahren im Blick haben. Einige seien kurz genannt: Vergrößerung und Verschärfung sozialer Ungleichheiten; Ausgrenzung und Diskriminierung; Manipulation des Gewissens und des demokratischen Prozesses; Technokratie; Entwicklung autonomer und tödlicher Waffen, die ohne menschliches Eingreifen funktionieren. 

Ethische Anforderungen an den Einsatz von KI 

In Anbetracht der Risiken wird in dem Dokument die Notwendigkeit hervorgehoben, die Entwicklung und Anwendung von KI-Systemen auf ethisch verantwortungsvolle Weise zu steuern. KI müsse so eingesetzt werden, dass sie die Würde und die Grundrechte jedes Einzelnen respektiert und jede Form der Reduzierung oder Instrumentalisierung des Menschen vermeidet. Gerechtigkeit und Fairness, Transparenz und Rechenschaftspflicht, Nachhaltigkeit und Solidarität gehören zu den wichtigsten Leitprinzipien, die in dem Dokument genannt werden: Gerechtigkeit und Gleichheit, um sicherzustellen, dass die Vorteile der KI gerecht verteilt werden, um eine Konzentration der technologischen Macht in den Händen einiger weniger zu vermeiden und neue Formen der sozialen Ausgrenzung zu verhindern; Transparenz und Rechenschaftspflicht, um sicherzustellen, dass KI-Entscheidungsprozesse transparent und nachvollziehbar sind und dass es immer möglich ist, die Verantwortung für Handlungen, die von Maschinen ausgeführt werden, den Menschen zuzuordnen, die sie entwickelt oder eingesetzt haben; Nachhaltigkeit bei der Entwicklung von KI, die die Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Umwelt berücksichtigen muss. 

Schließlich erinnert die Note an die Pflicht zur Achtung der menschlichen Solidarität und Brüderlichkeit: „Da die Vollkommenheit der Menschen an ihrer Nächstenliebe gemessen wird, nicht an der Fülle erworbener Daten und Kenntnisse, ist die Art und Weise, wie die KI angewandt wird, um die Geringsten einzubeziehen, d. h. unsere schwächsten und bedürftigsten Brüder und Schwestern, der Maßstab, der unsere Menschlichkeit aufzeigt. Diese Weisheit kann eine auf den Menschen ausgerichtete Nutzung dieser Technologie erhellen und leiten, die als solche dazu beitragen kann, das Gemeinwohl zu fördern, sich um das ‚gemeinsame Haus‘ zu kümmern, die Suche nach der Wahrheit voranzutreiben, die ganzheitliche menschliche Entwicklung zu unterstützen, die menschliche Solidarität und Geschwisterlichkeit zu fördern und die Menschheit schließlich zu ihrem Endziel zu führen: der glücklichen und vollen Gemeinschaft mit Gott“ (AN 116). 

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2025 
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„Antiqua et nova“ – Warum nicht nur die künstliche Intelligenz Regeln braucht

In Verantwortung für den Menschen

Dr. Ingo Proft (geb. 1981) ist Professor im Fachbereich „Ethik und soziale Verantwortung“ an der „Vinzenz Pallotti University“ in Vallendar, einer als Ordenshochschule der Pallottiner entstandenen katholischen Privatuniversität. In seinem Beitrag nähert er sich dem neuen Dokument des Vatikans über künstliche Intelligenz vom Blick auf den Menschen an, wie er bereits in den Weisheitsbüchern des Alten Testaments enthalten ist. Die neue Technologie wird sich nachhaltig auf das soziale Zusammenleben und die Arbeitswelt auswirken und die Gefahr verstärken, dass die Welt „in den Homo Deus und den Homo nutzlos“ auseinanderfällt, in die Schar der Superreichen, denen alles zur Verfügung steht, und die Mehrheit der Überflüssigen, die lediglich mit dem Notwendigen versorgt werden, wie es der israelische Historiker Yuval Noah Harari zum Ausdruck gebracht hat. Angesichts dieser Herausforderung gilt es die Weichen dafür zu stellen, dass der Mensch selbst als einziger Zweck an sich in dieser Welt geachtet wird. 

Von Ingo Proft 

Das Buch Kohelet im Alten Testament weiß zu berichten: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt: / Sieh dir das an, das ist etwas Neues – / aber auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind“ (Koh 1,9f). Wie jetzt – Dampfmaschinen, Massenproduktion, Digitalisierung und jüngst auch Künstliche Intelligenz (KI) sind nichts Neues, sondern schlichtweg Ausdruck immer schon dagewesener Vorstellungen oder Explikationen menschlicher Träume? Die Worte des Alten Testaments scheinen – auf den ersten Blick – in einer ruhelosen Zeit mit ständig neuen technischen Innovationen, wie wir sie heute erleben, kaum zu passen. Ja, sie wirken wie aus einer anderen Zeit. 

Ausdruck der immerwährenden Suche des Menschen nach Vollkommenheit 

Würde man vor diesem Hintergrund einen Exkurs in die platonische Ideenlehre[1]  unternehmen oder sich gar dem seit der Antike ungelösten philosophischen Diskurs von Platon (428-348 v. Chr.) und Aristoteles (384-322 v. Chr.) über die (Ursachen der) Fähigkeit des Menschen zur Innovation und Kreativität zuwenden, so müsste die Frage nicht mehr lauten, was zuerst dagewesen sei: die Idee, aus der der konkrete Gegenstand in der Kunstfertigkeit des Handwerkers geschaffen wurde (Platon) oder die konkrete Erfahrung in der Realität, aus der der Begriff und die Idee erst abgeleitet werden können (Aristoteles).[2] Vielmehr stünde uns die Grundsatzfrage vor Augen, ob nicht jegliche Entwicklung, welche Ausdrucksformen sie auch immer habe, von der Erfindung des Rads bis zum selbst fahrenden Auto, nicht letztlich (nur) Ausdruck der immerwährenden Suche des Menschen nach Vollkommenheit und Transzendenz seien. In all seiner Kontingenz kann sich weder der Mensch der Antike noch der des 21. Jahrhunderts der Tendenz entziehen, nach dem Ewigen streben zu wollen:[3]  ob dies nun prunkvolle Mausoleen sind, die Erinnerung und Gedenken in der Nachwelt, zweifellos nur für wenige ausgewählte Personen sicherstellen sollen oder zukünftig digitale Avatare des eigenen Selbst für die breite Masse als Erinnerung für Verwandte, vermeintliche Trauerhilfe[4]  oder vielleicht doch auch Ausdruck eines individuellen Narzissmus, der die leibliche Endlichkeit durch eine „partielle“ Transformation in die (zumindest gefühlte) digitale Ewigkeit überführt. Wie auch immer dies im Einzelfall zu bewerten sein mag, so wird doch deutlich: Die Form variiert, der Inhalt bleibt gleich. Also doch: Es gibt nichts Neues unter der Sonne?! 

Der weise Weg von der Unersättlichkeit zum bewussten Maßhalten 

Bisweilen wirkt die Frage außerhalb der geisteswissenschaftlichen Landschaft, die für meta-physische Grundsatzfragen bekannt ist, müßig und gleicht der Diastase von Henne und Ei, während sich die Welt in rasendem Tempo verändert. Hier fällt erneut der Blick auf die alttestamentliche Weisheit, die in allem Umbruch letztlich eine Kontinuität sieht und den Menschen zu einem klugen, maßvollen Leben, letztlich zu einer sinnvollen Lebensführung anleiten will: „Alle Dinge sind rastlos tätig, / kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet, / nie wird ein Ohr vom Hören voll“ (Koh 1,8). 

Je mehr der Mensch also meint, an neuen Dingen kreieren zu können, Reichtum und Wohlstand anzuhäufen, es ist doch alles endlich, vergänglich – letztlich Windhauch. Und dessen ist sich der Mensch auch bewusst. Warum also all dieser Konsum, der unsere Welt weit über das Maß ihrer natürlichen Rohstoffe belastet,[5]  immer mehr soziale Ungleichheit befördert und letztlich doch nicht dazu beiträgt, dass wir satt werden? Produktivitätssteigerungen, technologischer und medizinischer Fortschritt ermöglichen einen ungekannten Wohlstand für viele und stürzen, im Wettstreit um begrenzte Güter, wie die für die technologische Transformation notwendigen „seltenen Erden“,[6]  doch weiterhin Millionen Menschen in Armut und Abhängigkeit, die keinen Anteil an der jeweils nächsten Entwicklungsstufe haben. Erneut mag man sich mit Kohelet fragen: War es je anders? Wird es je anders sein? 

Auswirkungen der digitalen Transformation auf das soziale Zusammenleben 

Ein Blick in die Geschichte, von der nicht wenige behaupten, wir stünden gegenwärtig an einem Scheideweg,[7] mehr noch, wir liefen zunehmend auf eine disruptive Entwicklung zu, mag Antwort auf die seit Menschengedenken gestellte Frage geben: Was bringt die Zukunft? 

Wirtschaftliche und soziale Teilhabe gründen wesentlich in einer sinnstiftenden Arbeit und einem gerechten Lohn, in Freiheit und Personenwürde – ja letztlich in einer Teilhabegerechtigkeit. Doch wo sich zunehmend Produktionsprozesse transformieren, Manufaktur entweder Ausdruck von Alternativlosigkeit zur Sicherung des eigenen Überlebens, besonders bei agrarischen Produkten, oder Beleg für die Qualität finanziell hochdotierter Einzelanfertigungen etwa bei Luxusgütern ist, stellt sich die Frage nach den Auswirkungen einer digitalen Transformation – besonders mit Blick auf das soziale Zusammenleben und die Arbeitswelt. 

Entwicklung der Arbeit von der Existenzsicherung zur Selbstverwirklichung 

Historische Wegmarken skizzieren eine Entwicklung, die ihre Grundlagen in der bleibenden Spannung von Existenzsicherung und Selbstverwirklichung hat und die dort immer stärker sozialethisch relevante Themen von Teilhabe und gerechter Verteilung aufwerfen, wo Menschen in vielen Regionen der Welt noch immer in Subsistenzwirtschaft und damit sprichwörtlich von der Hand in den Mund leben, wobei (un)gleichzeitig in anderen Bereichen der Welt der Mensch an der Schwelle zum Transhumanismus[8]  steht, um sich immer weiter von seinen naturalen Voraussetzungen zu lösen. An erster greifbarer Stelle steht eine durch den technischen Fortschritt induzierte Transformation der Arbeit, die dort ihren Wert verliert, wo neben einer veränderten Notwendigkeit nicht in gleichem Maße eine personalkonstitutive Sinngröße entfaltet wird:[9]

„Während die Tätigkeit im Rahmen einer Arbeit 1.0 vor allem die Arbeitsverhältnisse und Tätigkeiten der Fabrikarbeiter im Kontext der beginnenden Industriegesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts und damit auch die sich entwickelnden gesellschaftlichen Klassen berücksichtigt, ist eine Arbeit 2.0 bereits durch die Massenproduktion und erste Überlegungen zu einem Wohlfahrtsstaat geprägt. Entsprechend unterschiedlich fallen auch die jeweiligen sozialen Fragen und die damit verbundenen gesellschaftlichen Lösungsansätze aus. Ein substanzieller Sprung im individuellen wie im gesellschaftlichen Verständnis der Arbeit, gleichsam ein Schritt von der Existenzsicherung zur Selbstverwirklichung, kündigt sich mit der Arbeit 3.0 an, die für eine Konsolidierung des Sozialstaates steht und auf einem gewachsenen Fundament von Arbeitnehmerrechten im Kontext einer sozialen Marktwirtschaft fußen kann. In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts sind zudem eine wachsende Globalisierung und der Bedeutungszuwachs der Informationstechnologie in vielen Arbeitsbereichen kulturprägend und verändern somit auch die Sinngestalt von Arbeit. Hieran knüpft nun die Arbeit 4.0 als digitale Zukunft einer weiter voranschreitenden Automatisierung von Arbeitsprozessen an, deren Ausläufer wir bereits jetzt vielerorts wahrnehmen können.“[10]  

Übergang vom homozentrischen zum „datazentrischen“ Weltbild 

Es bleibt festzuhalten: Zweifelsohne sind Kreativität und Arbeit untrennbar miteinander verbunden; doch macht es einen Unterschied, ob der Mensch, im Schweiße seines Angesichts, mühsam den Acker bearbeiten und diesem Jahr für Jahr eine karge Ernte abringen und sein Leben gegen Hunger, Armut und Krieg verteidigen muss oder ob technologische Innovationen im ungebremsten Fortschrittsoptimismus des 20. und z.T. auch 21. Jahrhunderts der Vorstellungen Vorschub leisten, in Zukunft sei ein Leben ohne Arbeit möglich.[11] 

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari sieht hierin nicht weniger als den Übergang vom homozentrischen zum datazentrischen Weltbild, was der Tagesspiegel bereits 2018 in einer knappen Buchrezension zu dessen Publikation 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert dahingehend zusammenfasst: „Harari skizziert die Zukunft des Dataismus mit ihren besorgniserregenden Folgen für die elementaren Konzepte der „Arbeit“, „Freiheit“ und „Gleichheit“. Durch Biotechnologie und künstliche Intelligenz würden schroffe neue Klassengegensätze entstehen. Die Menschheit der Zukunft werde sich spalten in den Homo Deus und den Homo nutzlos. Hier die rundum optimierten, sich ihrer Langlebigkeit erfreuenden Superreichen, die über die technische Entwicklung verfügen – dort die Mehrheit der Überflüssigen, die vielleicht aus bloßer Menschenfreundlichkeit noch mit Nahrung, Drogen und Spielen versorgt werden. Bevor aber der Mensch zum Gott wird, hat erst einmal der religiöse Fundamentalismus Konjunktur. Der säkulare Freigeist Harari sieht ihn mit erstaunlicher Gelassenheit. Denn wenn man den Blick etwas weiter einstellt, wird deutlich, dass sich der Zuständigkeitsbereich der Religionen seit Jahrhunderten ständig verkleinert; es ist ein Rückzug ohnegleichen.“[12]

Kluge und angemessene Nutzung der uns gegebenen Möglichkeiten 

Hier sei erneut mit der alttestamentlichen Weisheitslehre im Hinterkopf innegehalten und gefragt: Ist denn nicht auch die hier skizzierte Entwicklung, wenn sie denn eintritt, auch nur ein Übergangsstadium? Ein Prozess im Vergehen? Worin liegt nun die Veränderung? Oder mehr noch: Was bleibt? 

Versucht man das Denken Kohelets in unsere Zeit zu übersetzen, so fordert er nicht weniger als eine kluge und angemessene Nutzung der uns gegebenen Möglichkeiten in Achtung vor den jeweiligen intrinsischen wie extrinsischen Grenzen. Letztlich ein Maßhalten in all unserem Streben, das ohne diese auch bei Aristoteles geschätzte Tugend der Mesotes[13] doch nur zu Ausbeutung, Verdrängung und wachsender sozialer Ungerechtigkeit führe – damals wie heute und wahrscheinlich auch morgen. Es braucht daher eine Klugheit, die keinem Aktionismus verfällt, sondern die mit Weitsicht und Gelassenheit einhergeht. 

KI – kein Ersatz für die emotionale Intelligenz der menschlichen Person 

Daher schlägt auch die Note des Vatikans „Antiqua et nova. Über das Verhältnis von künstlicher Intelligenz und menschlicher Intelligenz “ vom 28.01.2025 einen Weg der Abwägung und Verhältnismäßigkeit ein, der zunächst allen Menschen Mut zuspricht, im Streben nach Wahrheit die eigenen Fähigkeiten und die eigene Kreativität als Geschenk zu begreifen.[14] Mit Begriffen wie „Epochenwandel“, „Herzensweisheit“ und der Frage nach der eigenen Identität konturiert der Text vor allem die notwendige Entgrenzung des Begriffs Intelligenz, der sich weder für den Menschen noch für die Maschine schlicht auf kognitive Leistungen reduzieren lasse. Vernunft als diskursive und analytische Fähigkeit zur Verarbeitung von Informationen und Verstand als ganzheitliche Ausrichtung auf den Anspruch der Wahrheit gehören bleibend zusammen. 

Darüber hinaus zeichnet die Person eben auch eine emotionale Intelligenz, die Fähigkeit zum Mitgefühl, das Eingehen von Beziehungen und in Gänze die Verbundenheit von Geist, Leib und Seele aus. Eine bloße Reduktion auf Erkenntnis und darin noch auf das (schlichte) Sammeln und Interpretieren von großen Datenmengen laufe schlichtweg der Wesenswirklichkeit des Lebens entgegen. Das Leben lässt sich eben nicht rational deduzieren, sondern sprengt in seinem Vollzug immer wieder die Aussagekraft quantitativer Daten.[15]  Im Gegenüber kann der Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Erledigung funktionaler Aufgaben aber auch Freiheiten schaffen, die dem Menschen neue Räume kreativer und sinnvoller Entfaltung eröffnen. Gefordert ist eine ethische Reflexion, die diesen Fortschritt in verantwortungsvoller Weise steuert, um personale menschliche Freiheit (Individualwohl) sowie eine gerechte soziale Dynamik (Gemeinwohl) zu fördern.[16] 

Im Dienst des Menschen und seiner Entwicklung als einzigem Zweck an sich 

Dazu müssen zukünftige Systeme zuverlässig, sicher und robust sein, zugleich aber auch transparent und partizipativ. Weder darf ein „technokratisches Paradigma“ dazu beitragen, dass die „digitale Kluft“ und die sozialen Ungleichheiten verschärft werden[17] noch kann Verantwortung schlicht an Plausibilitätsstrukturen von Algorithmen delegiert werden. Hinter allen Regelungsmechanismen und Einsatzformen muss sichtbar die Erkenntnis stehen, dass Künstliche Intelligenz ein Artefakt ist und bleibt und somit niemals die Grenze von Mittel und Zweck überwinden kann. Zweck an sich selbst ist nur der Mensch – als geschöpfliches Wesen in Subjektgestalt und sozialer Bezogenheit. 

Daher gilt es, Künstliche Intelligenz zur „Förderung einer ganzheitlichen menschlichen Entwicklung“[18]  einzusetzen. Auf den Punkt gebracht: „Die Ordnung der Dinge muss der Ordnung der Personen dienstbar werden und nicht umgekehrt!“[19] 

[1] Vgl. dazu einführend: Fröhlich, Bettina: Platon. Eine Einführung, Ditzingen 2023, bes. Kapitel II.4 sowie Kapitel IV.
[2] Einen knappen Vergleich bietet Horn, Christoph: Philosophie der Antike. Von den Vorsokratikern bis Augustinus, München 22020, 41-64.
[3] Vgl. exemplarisch Dalferth, Ingolf U.: Transzendenz und säkulare Welt, Tübingen 2015.
[4] Unter dem Stichwort Trauertech/Grieftech finden sich zahlreiche Entwicklungen und kommerzielle Angebote, Menschen in der Trauerphase mit KI-Anwendungen zu begleiten. Einen Einblick bietet der Videobeitrag des ZDF: Wir hör‘n uns, wenn ich tot bin!, abrufbar unter: www.zdf.dedokumentation/37-grad/37-wir-hoern-uns-wenn-ich-tot-bin-100.html [zuletzt abgerufen 05.02.2025].
[5] Einen Einblick zum Thema Ressourcenverbrauch bietet das Umweltbundesamt unter: www.umweltbundesamt.de/tags/ressourcenverbrauch [zuletzt abgerufen am 05.02.2025].
[6] Vgl. hierzu die Dokumentation des Deutschen Bundestages: Kritische Rohstoffe aus Afrika für die Energiewende in Deutschland, online abrufbar unter: www.bundestag.de/resource/blob/980430/beb9c012f88df6a653a6ab0c46575157/ WD-5-091-23-pdf.pdf [zuletzt abgerufen am 05. 02.2025].
[7] Für die wachsende ökonomische Zerrissenheit der Welt sei mit Abstand und Erfahrungswissen von fast zwei Jahrzehnten beispielhaft verwiesen auf Overbeek, Henk: Rivalität und ungleiche Entwicklung. Einführung in die internationale Politik aus der Sicht der Internationalen Politischen Ökonomie, Wiesbaden 2008.  Vgl. hierzu Göcke, Benedikt Paul/Meier-Hamidi, Frank (Hg.): Designobjekt Mensch. Die Agenda des Transhumanismus auf dem Prüfstand, Freiburg i.Br. 2018.
[8] Vgl. hierzu Göcke, Benedikt Paul/Meier-Hamidi, Frank (Hg.): Designobjekt Mensch. Die Agenda des Transhumanismus auf dem Prüfstand, Freiburg i.Br. 2018.
[9] Die nachfolgenden Darstellungen zur „Arbeit 1.0 – Arbeit 4.0“ gründen im Wesentlichen auf den Ausführungen des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Der Dialogprozess Arbeiten 4.0 ist online abrufbar unter: www.bmas.de/DE /Arbeit/Digitalisierung-der-Arbeitswelt/Arbeiten-vier-null/arbeiten-4-0.html [zuletzt abgerufen am 05.02.2025].
[10] Zitiert nach Proft, Ingo: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“?! Theologie der Arbeit und der Anspruch der Gerechtigkeit, in: Trierer Ringparabel. Den Glauben interreligiös zur Sprache bringen. Festschrift der Theologischen Fakultät Trier, hg. von Benini, Marco/Euler, Walter A./ Vellguth, Klaus. (Erscheint 2025).
[11] Vgl. hierzu die vielbeachteten Publikationen von Uval Noah Hararis: Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen, München, 15. Aufl. 2021 oder auch den sehr eindrücklichen Videokurzfilm: The Guardian. The last job on Earth: imagining a fully automated world.
[12] Schneider, Wolfgang: Yuval Noah Hararis neues Buch: Homo nutzlos. Plädoyer für einen neuen Universalismus: Yuval Noah Harari erteilt „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“, abrufbar unter: www.tagesspiegel.de/kultur/homo-nutzlos-3996637.html [zuletzt abgerufen am 04. 02.2025].
[13] Schilling, Harald: Das Ethos der Mesotes. Eine Studie zur Nikomachischen Ethik des Aristoteles (= Heidelberger Abhandlungen zur Philosophie und ihrer Geschichte, Band 22), Tübingen 1930.
[14] Antiqua et nova – Note über das Verhältnis von künstlicher Intelligenz und menschlicher Intelligenz, Rom 2025, Nr. 2, online abrufbar unter: www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_ddf_doc_20250128_antiqua-et-nova_ge.html [zuletzt abgerufen am 05.02.2025].
[15] Antiqua et nova (Nr. 30f.).
[16] Antiqua et nova (Nr. 47).
[17] Antiqua et nova (Nr. 52ff.).
[18] Antiqua et nova (Nr. 51).
[19] Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr. 26, online abrufbar unter: www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651207_gaudium-et-spes_ge.html [zuletzt abgerufen 05.02.2025]. 

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2025 
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Überraschendes Glaubenszeugnis eines deutschen Journalisten

Die Sehnsucht nach Gott im digitalen Zeitalter

Tobias Haberl wurde 1975 geboren und arbeitet seit 2005 als Redakteur beim Süddeutsche Zeitung Magazin. Die Titel seiner bisherigen Bücher lauten „Wie ich mal rot wurde. Mein Jahr in der Linkspartei“ (2011), „Wir, Ritter der Ehrenrunde. Prominente berichten vom Sitzenbleiben“ (2016), „Die große Entzauberung. Vom trügerischen Glück des heutigen Menschen“ (2019) und „Der gekränkte Mann. Verteidigung eines Auslaufmodells“ (2022). Nun legte er 2024 eine Publikation vor, mit der von ihm kaum jemand gerechnet hätte. Jedenfalls passt sie nicht in die linksliberal geprägte Medienlandschaft, für die er eigentlich tätig ist. Schon der Buchtitel „Unter Heiden. Warum ich trotzdem Christ bleibe – Was kann das 21. Jahrhundert eigentlich von gläubigen Menschen lernen?“ [1] verrät, dass es sich um ein unmissverständliches Glaubenszeugnis handelt. Zudem hat Tobias Haberl offensichtlich keine Scheu davor, sich in der heutigen Zeit zur katholischen Kirche zu bekennen. Eine Buchbesprechung. 

Von Klaus-Hermann Rössler 

Ein Mann war noch nie in einem Kloster, liest im Internet den Satz „Klöster sind stille, zum Himmel erhobene Finger, die hartnäckige Erinnerung daran, dass es eine andere Welt gibt“ und ist sich plötzlich sicher, für einige Tage ein bestimmtes strenges Benediktinerkloster besuchen zu wollen. Ein Freund sagt zu ihm: „Ein Kloster in der Provence? Grandiose Idee! Da kannst Du endlich mal zur Ruhe kommen.“ Und er antwortet: „Ich möchte nicht zur Ruhe kommen, ich möchte Gott suchen.“

„Wo keine Götter sind, walten Gespenster“ 

Den Mann, für den diese Antwort typisch ist, lernen wir in diesem Buch, das gleichzeitig durch breite Bildung und große persönliche Ehrlichkeit des Autors, Unterhaltsamkeit und glänzenden Stil besticht, als „gläubigen Christen“ kennen: „Ich bin katholisch.“ 

Und dies in einer längst nicht mehr christlichen Umgebung: „Tatsächlich ist es so, dass ich in meinem Viertel (gentrifiziert), meiner Branche (Medien) und meinem Job (linksliberale Zeitung) von Menschen umgeben bin, die, wenn es um Glauben geht, oft nur noch an Missbrauch und Vertuschung denken. Auch wissen viele nicht mehr, wofür Christen eigentlich beten und worauf sie hoffen.“ Das Buch hat er unter das Motto gestellt. „Wo keine Götter sind, walten Gespenster“ (Novalis). 

„Mein Glaube findet in einem geistigen Raum jenseits des politischen Diskurses statt“ 

Wer jetzt allerdings eine unbarmherzige Abrechnung mit den Irrtümern des Zeitgeistes erwartet, liegt völlig falsch. Der 1975 im Bayerischen Wald geborene und in seinem dortigen Elternhaus kirchlich sozialisierte Journalist, der heute in München lebt und sich keineswegs als mustergültiger, eher als in vielem inkonsequenter Christ mit Zugeständnissen an den Mainstream sieht, tritt seit 2005 als Autor beim Süddeutsche Zeitung Magazin und Publizist hervor. Er verortet sich selbst innerkirchlich so: „Ich bin weder Traditionalist noch Reformer, gehöre keinem Lager an … und bin mindestens so zerrissen wie meine Kirche, weil ich auf beiden Seiten Gutes und Schlechtes entdecke.“ Typisch für ihn ist an dieser Stelle die Bemerkung, er habe sich deshalb „an der Debatte um die Zukunft der Kirche kaum beteiligt“, weil: „Mein Glaube wird von diesen Fragen kaum berührt, findet in einem geistigen Raum jenseits des politischen Diskurses statt – im Gebet, in der Messe, in der Eucharistie.“ 

Genau hier liegt die Stärke und Überzeugungskraft des Buches: In allen zehn Kapiteln geht es vor allem um eines: die unstillbare persönliche Sehnsucht nach Gott und die Kirche als Ort ihrer möglichen und tatsächlichen Erfüllung durch die Erfahrung des Heiligen – im Gebet, in der Liturgie und den Sakramenten: „Im Moment drängt der Glaube mit Wucht zurück in mein Leben. Es ist, als würde alles ineinanderfließen und eine Ordnung, ein Muster ergeben, wo zuvor Chaos und Unsicherheit waren: meine Kindheit, meine Reisen, meine Siege, meine Niederlagen, meine Abschiede. Da war einfach immer diese Sehnsucht nach Schönheit, Wahrheit und Liebe, und ich habe bis heute keinen besseren Weg gefunden, sie zu stillen. Was ich auch ausprobiert habe, Sport, Sex, Drogen, immer hat irgendwas gefehlt. Oft hat es sich grandios angefühlt, aber immer nur für kurze Zeit, immer kam irgendwann der Punkt, an dem es schal wurde, wie ein abgestandenes Glas Bier. Anders der Glaube, der mich nicht nur fast fünfzig Jahre durchs Leben begleitet, sondern sich, je älter ich werde, immer schöner und richtiger anfühlt.“ Das Buch zeigt, warum der Weltmensch des 21. Jahrhunderts, der der christlichen Heilsbotschaft gleichgültig gegenübersteht und die Kirche ablehnt, dennoch diese Sehnsucht nach allem, was Kirche in der Nachfolge Jesu ausmacht, in sich trägt und sich eingestehen sollte. 

„Ich suche im Glauben ein Klima der Anbetung, einen Raum der Ehrfurcht, eine Sphäre des Friedens“ 

Kaum ein Aspekt der Laienspiritualität wird bei der Herzenssuche des Autors nach der Nähe Gottes und Jesu ausgespart: Festigkeit im eigenen Glauben als notwendige Bedingung zur Toleranz gegenüber anderen religiösen und Lebensauffassungen, Leiden mit und an der Kirche im Sinne eines persönlichen Sentire cum ecclesia, Ästhetik in Liturgie und Kirchenraum, der hohe Stellenwert des Ritus. Das alles direkt aus dem Leben des Autors und damit auch aus dem Alltagsleben vieler Christen heute. 

Dabei sind es zwei verschiedene Aspekte, die den Autor faszinieren: einerseits findet er die Nähe Gottes durch das nicht planbare, aber im Raum der Kirche sich immer wieder einstellende Erlebnis einer anderen Wirklichkeit, einer Gegenwirklichkeit zum Alltag, die sich vor allem in der Liturgie zeigt, eine Gewissheit, von Gott wahrgenommen zu werden, „ohne mich darstellen, beweisen oder rechtfertigen zu müssen, … ein großes Glück“. „Ich suche im Glauben keine Fortsetzung des Alltags mit spirituellem Anstrich, sondern die größtmögliche Differenz zu meinem sonstigen Leben: ein Klima der Anbetung, einen Raum der Ehrfurcht, eine Sphäre des Friedens, die auf eine grundsätzlich andere Dimension verweist und jenseits dessen liegt, was in unseren Talkshows besprochen wird. … Etwas, was ich mir selbst nicht geben kann.“ 

Andererseits beschreibt er eindringlich die Erfahrung Gottes im stetigen Vertrauen auf Ihn, das zur Selbstverständlichkeit wird, beispielsweise im liturgischen Ritus, aber auch in der Glaubenserziehung in der Kindheit, der er anschaulich breiten Raum widmet: „Meine Kindheit war ein Paradies, in dem ich mich lange aufgehalten habe, behütet, sorglos, ohne Ahnung von den Tragödien des Lebens. Ich wurde getauft, weil alle getauft wurden, danach wurde ich katholisch erzogen, ohne es zu merken, so natürlich, so selbstverständlich fühlte sich alles an. Der Glaube wurde mir vorgelebt, ich schaute zu und ahmte nach. Er war der Rahmen, innerhalb dessen ich mich frei und aufgehoben fühlte. Gott war nicht das Zentrum meines Lebens, aber ein Faktor, ein unsichtbares Geländer, ein väterlicher Freund, von dem ich mich beschützt fühlte, immer gütig und verzeihend, nie zornig oder strafend.“ 

Gott gewissermaßen als selbstverständliches Familienmitglied, das letztlich immer für alle sorgt – wohl ein typisch katholisches Lebensgefühl, das erklärt, warum viele Katholiken sich so schwer mit der Katechese im Sinne einer „Theorie des Glaubens“ für ihre Kinder tun – übrigens auch in Tobias Haberls Fall genau ein Manko bei der Erziehung durch seine Eltern. Aber reine Eingewöhnung in den Glauben reicht nicht aus, es muss auch das Glaubenswissen hinzukommen. 

Gott überlässt uns im letzten niemals ausweglosen Zweifeln, der Angst, der Qual und der Langeweile 

Hier liegt gewissermaßen das Defizit der Haberl‘schen spirituellen tour d‘horizon. Denn schließlich geht es bei der persönlichen Gottessehnsucht und -begegnung nicht allein um eine private Bestrebung, sondern um eine, die von großer Bedeutung für die ganze Gemeinschaft der Kirche ist. Denn Glaube braucht Gemeinschaft, die auf jeden einzelnen Gläubigen nicht verzichten kann und von diesem mitgeprägt wird als Glied des mystischen Leibes Christi auf Erden. Vor genau 10 Jahren hat die Internationale Theologische Kommission zu diesem Thema ein umfassendes Dokument „Sensus fidei im Leben der Kirche“ herausgegeben, das vom damaligen Präfekten der Glaubenskongregation Gerhard Ludwig Kardinal Müller autorisiert wurde. Bereits ein Jahr zuvor hatte sich Papst Franziskus in seinem Apostolischen Rundschreiben „Evangelii Gaudium“ unter anderem mit diesem auch in der deutschen Kirche hochaktuellen Thema beschäftigt. Grund genug, dass die europäische kirchliche Vereinigung „Associtatio Sanctus Benediktus Patronus Europae“ (ASBPE) das Thema auf ihrer diesjährigen 55. Jahrestagung in der Abtei St. Paul Wisques in Nordfrankreich aufgegriffen hat. „Sensus fidei“, wörtlich übersetzbar als „Glaubenssinn“, bezieht sich gerade auf das elementare Erlebnis des Glaubens, dem Tobias Haberl sein Buch gewidmet hat. Denn der Glaube an einen Gott, der mich erschaffen hat, um mir tatsächlich zu begegnen, der uns nicht allein lässt und uns im letzten niemals ausweglosen Zweifeln, der Angst, der Qual und der Langeweile überlässt – ganz wie es Haberl schildert –, entspricht eben der tiefsten Sehnsucht und durchaus auch beglückender Erfahrung nicht nur des einzelnen, sondern aller Christen. Diese Sehnsucht und diese Erfahrung ist der Kern des Glaubenssinns, des „sensus fidei“

Die kirchliche Dimension christlicher Spiritualität 

Der langjährige Obere der Benediktinerabtei Nursia, Dom Cassian Folsom OSB, machte auf der genannten Tagung deshalb darauf aufmerksam, dass die Theologische Kommission mehrere Dimensionen des „sensus fidei“ unterscheidet: 

1. Sensus fidei fidelis: das heißt: die persönliche Fähigkeit des Gläubigen, in der Gemeinschaft der Kirche die Wahrheit des Glaubens zu erkennen. Eine Art Intuition, ein „sechster Sinn“ sozusagen. 

2. Sensus fidei fidelium: die gemeinschaftliche und kirchliche Wirklichkeit, das heißt: der Glaubensinstinkt der Kirche selbst, durch den sie ihren Herrn erkennt und sein Wort verkündet. 

3. Consensus fidelium: die Konvergenz beider vorgenannter Phänomene: ein sicheres Kriterium, um festzustellen, ob eine bestimmte Lehre oder Praxis zum apostolischen Glauben gehört oder nicht. Ein Kriterium also, das in der Diskussion um die angestrebte Synodalität der Kirche eine zentrale Rolle spielt und auch die persönliche Zerrissenheit bezüglich der innerkirchlichen Debatten um die Zukunft, die der Autor beklagt, zu heilen versprechen könnte. So gesehen, ist Haberls Betrachtung der Laienspiritualität in ungläubiger Umgebung für die Kirche hochaktuell, obwohl er nur am Rande die ekklesiologische Dimension dieser Spiritualität ein-bezieht. 

Freilich hat Dom Cassian bei der Tagung ebenfalls darauf aufmerksam gemacht, dass die Theologische Kommission zur Herstellung des Consensus fidelium im Konfliktfall drei Kriterien nennt: 

1. Steht die vorgeschlagene Lehre im Einklang mit der Heiligen Schrift? 

2. Kann diese Lehre in der lebendigen apostolischen Tradition (zu der auch die Liturgie gehört) gefunden werden? 

3. Hat sich die lehramtliche Autorität der Kirche (Papst, Bischof, Konzilien) zu der vorgeschlagenen Lehre geäußert?

Erst wenn diese Fragen so beantwortet werden können, dass bei einer Auffassung ein Widerspruch zur bisherigen Glaubenslehre nicht auftritt, kann von einem Consensus fidelium gesprochen werden, u.a. deshalb, weil hier die Gläubigen und die Entfaltung der Glaubenslehre seit Jesu Zeiten einbezogen werden müssen. Die Vernachlässigung der ekklesiologischen Dimension mindert allerdings keineswegs den Wert des persönlichen Zeugnisses durch das Buch.

[1] Tobias Haberl: Unter Heiden. Warum ich trotzdem Christ bleibe, btb Verlag 2024, Hardcover mit Schutzum-schlag, 288 S., ISBN 9978-3-442-76287-3, Euro 22,00 [D], Euro 22,70 [A], CHF 30,50 [CH]; Webseite: https:// www.penguin.de


Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2025 
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„Das Christentum steht erst an der Schwelle der Weltgeschichte“

Zum 90. Geburtstag von Alexander Men

Alexander Men (1935-1990) war Erzpriester der Russisch-Orthodoxen Kirche und übte gegen Ende der sowjetischen Herrschaft einen gewaltigen Einfluss auf das kirchliche und gesellschaftliche Leben in Russland aus. In seinem Denken ging er völlig neue Wege und versuchte auch die russische Orthodoxie zu erneuern. Sein Charisma entfaltete er in mitreißenden Vorträgen und Predigten, mit denen er sowohl die Intelligenz als auch die Jugend gewann. Er war der erste Priester, der während der Sowjetzeit eine Predigt im Fernsehen hielt.

Auch verfasste er zahlreiche Bücher, die eine Gesamtauflage von mehr als acht Millionen Exemplaren erreichten und in mehrere Dutzend Sprachen übersetzt wurden. Am bekanntesten ist die siebenbändige „Geschichte der Religion“, wobei die ersten sechs Bände eine fundamentaltheologische Reihe mit dem Untertitel „Auf der Suche nach dem Weg, der Wahrheit und dem Leben“ bilden und der siebte Band eine Einführung in das Christentum unter dem Titel „Der Menschensohn“ darstellt. Zu erwähnen ist auch sein Buch „Sakrament, Wort und Bild“, eine Einführung in den orthodoxen Gottesdienst und die kirchlichen Feste. 

Ein besonderes Kennzeichen seines Wirkens war seine ökumenische Offenheit und vor allem seine Hochschätzung für die katholische Kirche. Am 9. September 1990 wurde er in Semchos an der Stadtgrenze von Sergijew Possad auf dem Weg zu seiner Kirche ermordet. Anlässlich seines 90. Geburtstags veröffentlichten die beiden russisch-orthodoxen Geistlichen Denis (Dionisij) Martyschin und Pawel Botschkow (Pavel Bochkov) ein Büchlein mit dem Titel „Theologie der Freiheit und Kreativität“. In ihrem Beitrag werfen die beiden promovierten Theologen einen Blick darauf, wie diese Thematik im Lebenswerk von Alexander Men auf-scheint. 

Von Dionisij Martyschin und Pawel Botschkow 

In der jüngsten Vergangenheit haben sich in ganz Osteuropa tektonische Umwälzungen vollzogen. Zu dieser Zeit traten Geistliche in Erscheinung, die in der Lage waren, ihre Stimme zu erheben und den Atheisten von gestern das Evangelium zu verkünden, aber auch einen ernsthaften Dialog zwischen der aufgeschlossenen Intelligenz und der Kirche in Gang zu bringen. Mit ihrem Dienst gelang es diesen Priestern, eine Grundlage zu schaffen, um eine Heilung der Gesellschaft sowie eine Abkehr vom Totalitarismus und den kommunistischen Mythen einzu-leiten. Sie waren in der Tat die ersten großen Prediger in den postkommunistischen Räumen. 

Alexander Men – charismatisch begabter Hirte und Prophet 

Einen dieser Seelsorger der Russisch-Orthodoxen Kirche möchten wir den deutschsprachigen Lesern vorstellen, um sie an diese neuere Epoche zu erinnern, die nun für alle zugleich fern und nah geworden ist. Es handelt sich um den Erzpriester Alexander Men (1935-1990). Er war ein herausragender Geistlicher, ein talentierter Schriftsteller und Theologe, ein brillanter Prediger, Missionar und Literat. Als guter Hirte kannte und verstand er alle Feinheiten der menschlichen Seele, die nach Kreativität, Freiheit und Selbstverwirklichung strebt. 

Man muss sehen, dass er seine Bücher für die Zeitgenossen geschrieben hat, also in der Regel für sowjetische Atheisten und kreative Intellektuelle, deren Weltanschauung im Wesentlichen von Unglaube, Skepsis und Kritik geprägt war. Vater Alexander nahm in großer Offenheit die weltweite christliche Kultur wahr. Als kirchlicher Schriftsteller nahm er mutig katholische religiöse Denker von Weltrang, protestantische Prediger und berühmte Persönlichkeiten der Kunst und Literatur zu seinen ideellen Verbündeten. 

Befreiung aus geistiger Versklavung und Engstirnigkeit 

Vater Alexander war zutiefst davon überzeugt, dass die Kreativität, die innere Freiheit des Menschen und das Streben nach Selbstverwirklichung der menschlichen Persönlichkeit helfen, sich von Angst, Engstirnigkeit und allen Arten von psychologischen Pathologien zu befreien. Er baute sich seine eigene Welt von geistigen Ideen auf und lebte gleichsam in seinem persönlichen kreativen „Versuchslabor“. So war er in der Lage, sich über alle geistige Sklaverei des Atheismus, der sowjetischen Ideologie, der Propaganda, aber auch der Begrenztheit und Enge des kirchlich-gemeindlichen Lebens zu erheben, das von der Demagogie des sowjetischen Rechtsbereichs inspiriert war. 

Er führte einen Kampf gegen geistige Beschränktheit, Unwissenheit, Unglaube, Verdunkelung und Obskurantismus, welche einerseits unter dem Deckmantel der Frömmigkeit und eines tugendhaften Lebens von langgedienten Kirchenleuten und andererseits unter dem Anschein der Wissenschaft des wissenschaftlichen Materialismus und der Objektivität aufgetreten waren. Bei diesem geistigen Kampf stützte er sich in seinen Predigten auf die Errungenschaften der weltweiten geistlichen Kultur, Religion und Kunst. 

Entdeckung der echten Werte des menschlichen Lebens 

So wurde das Problem der Freiheit und der Kreativität für Alexander Men zum wichtigsten, zentralen Thema seines gesamten religiös-philosophischen Denkens. Dies ist den zahlreichen Forschern seines Lebens und seines geistigen Erbes bekannt, da er als Priester keine Gelegenheit ausließ, um seine geistigen Kinder, Gemeindemitglieder und Leser sowie viele seiner Zeitgenossen, die ihm dankbar gedenken, daran zu erinnern. 

Kultur, Kunst und Kreativität erfüllen ganz wesentlich die Realität der geistlichen Existenz eines Christen, bereichern die christliche Geschichte und die irdische Sendung der christlichen Kirche. Erst Kreativität, Lesen und verschiedene menschliche Interessen verleihen dem irdi-schen Leben des Menschen einen echten Wert. Alle globalen Probleme der weltweiten geistlichen Kultur und Kreativität werden von Erzpriester Alexander Men im Licht der spirituellen Ideen der Weltreligionen analysiert, verstanden und in ihrem Wesen begriffen. Für ihn wird die Religionsgeschichte selbst zu einem besonderen Forschungsweg, zu einer Methode der Suche und Erkenntnis, zu einem Werkzeug zur Erfassung der von Gott geschaffenen Welt und des Menschen. 

Anerkennung des Beitrags der Weltreligionen für die Weltkultur 

In seinen Büchern versuchte Alexander Men als orthodoxer Priester, das Wesen der religiösen Traditionen des Gottesverständnisses im Kontext der Weltgeschichte und -kultur zu konkretisieren und damit die ganz besondere Rolle und Stellung der Religion im Leben der Menschheit hervorzuheben. In diesem für ihn zentralen Thema trafen viele religiöse Konzepte und philosophische Ideen zusammen. So kann keine der großen Fragen der menschlichen Existenz ohne Reflexion der aktuellen Probleme der Religion eine wirkliche Lösung finden. 

Von daher kommen das völlige Eintauchen Pater Alexanders in die Geschichte der Weltreligionen, seine Überzeugung von ihrem bestimmenden Charakter und die Botschaft seines religiösen und philosophischen Denkens, wie sie in seine inspirierten Predigten eingeflossen ist. Diese ewige und aktuelle Bedeutung der Religion für den modernen Menschen kommt in seinen Büchern, geistlichen Gesprächen, Artikeln, Vorträgen und Reden voll zum Ausdruck, die von dem Wunsch durchdrungen sind, die großartige Welt der Religionsgeschichte, der geistli-chen Kultur, der Literatur, der Poesie, der Kunst und des gesamten schöpferischen Ursprungs der Menschheit zu erfassen – als Folge und Frucht der von Gott in die menschliche Natur eingeschriebenen Talente und als integraler Bestandteil des Ebenbildes Gottes im Menschen. 

Verfechter einer Synthese von Wissenschaft und Religion 

Erzpriester Alexander Men war ein authentischer Verfechter der Synthese von Wissenschaft und Religion und bestand darauf, dass es die Evolution des Menschen, die Kreativität und der Fortschritt sind, die den gesamten kulturellen Raum der Menschheit formen. Im weitesten Sinne des Wortes war Pater Alexander zweifellos ein Nachfolger jener religiösen Denker, in deren geistiges Erbe er schon als kleiner Junge eingetaucht war. Es ist auch kein Zufall, dass er seine religiösen Ansichten und spirituellen Ideen am umfassendsten im Kontext der russischen Religionsphilosophie des 20. Jahrhunderts entfaltete. 

Ohne die Spezifik, die Fragestellung und die Lösung des Problems der Bedeutung der Religion im Leben der Menschheit zu begreifen, ist es kaum möglich, von einem angemessenen Verständnis der Weltgeschichte, der Kultur und sogar der Politik zu sprechen. Das Studium der Bücher, Artikel und geistlichen Vorträge von Vater Alexander Men bereichert die moderne akademische Wissenschaft und regt den Christen zur theologischen Reflexion an. Der praktische Nutzen für den Gläubigen besteht darin, dass er das moderne Leben gestalten kann, indem er sich die geistigen Werkzeuge von religiösen Denkern der Vergangenheit zu eigen macht. Aus unserer Sicht führt der Verlust der Relevanz und des bleibenden Wertes der Religion durch die heutige Gesellschaft zu einer geistigen Verarmung der modernen Wissenschaft, die durch die Forschungen in der Neurophysiologie, Physik und Astronomie nicht ausgeglichen werden kann. 

Einziger Weg zur Erschließung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft 

Ohne Zweifel gibt es moderne Wissenschaftler, die ihre Aufmerksamkeit dem geistlich-religiösen Leben der Menschheit widmen und so die Tragödie und das Ausmaß der spirituellen Katastrophe der globalen Welt wirklich spüren und erkennen, die ihren Grund im Verlust religiöser Ideen und Werte hat. Ein solcher religiöser Denker und Wissenschaftler war Erzpriester Alexander Men. Mit seinem gesamten Schaffen hat er bewiesen, dass der moderne Mensch, der nicht die Möglichkeit hat, sich mit der Problematik der Religion, der Kreativität und der geistigen Freiheit der Selbstverwirklichung auseinanderzusetzen, die lebensspendende Quelle verliert, die es ihm ermöglicht, mit der wahren Geschichte der Menschheit in Berührung zu kommen. 

Men verband die Geschichte der Religion, die spirituellen Grundlagen des Lebens, eng mit der Mission des Menschen in der Geschichte. In seinen Büchern, Artikeln, Predigten und Vorträgen sind die Religion und die religiöse Erfahrung der Gotteserkenntnis die Grundlage für die geistige Freude und Kreativität des Menschen. Die Religion verdeutlicht die Zusammenhänge in der geschichtlichen Kette Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft der Menschheit, wie sie von Skeptikern, Atheisten und Pragmatikern nicht immer erfasst und verstanden werden. Die Religion lässt den Menschen nicht in geschichtliche Vergessenheit geraten, bis hin zum verheerenden Zustand, in dem er die Verbindungen zwischen Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart verliert. Der Verlust des religiösen Denkens bedeutet den Verlust der Fähigkeit, kritisch zu denken und zu reflektieren. Religion und spirituelle Werte spielen unserer Meinung nach eine entscheidende Rolle in der Architektur der Weltgeschichte, der Kultur und der Geopolitik. 

Antwort auf die Herausforderungen der Moderne 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es heute, da wir den 90. Geburtstag von Erzpriester Alexander Men feiern, für die christliche Theologie wichtig ist, den Fragen der Freiheit, der Kreativität, der Kultur und der geistigen Entwicklung der Menschheit mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Die geistlichen Ideen von Erzpriester Alexander Men werden paradoxerweise zur wichtigsten Methode der theologischen und philosophischen Reflexion über die Herausforderungen der Moderne und die Lektüre seiner Bücher führt die Leser zum Erwerb von ganzheitlichem Wissen, Weisheit, Freiheit und spirituellen Leitlinien für die Kreativität. 

Deshalb sagte er in seinen Büchern und Vorträgen wiederholt, dass das Christentum an der Schwelle der Weltgeschichte stehe und erst die ersten Schritte zur Umgestaltung der Welt im Licht der geistigen Ideen Christi und des wahren Humanismus mache. Diese Worte des Hirten Alexander Men wecken Zuversicht und Hoffnung darauf, dass in der Verkündigung Christi erst die Morgenröte des Evangeliums angebrochen ist und noch ein langer Weg vor uns liegt, bis zur umfassenden Freude am Leben in Gott, bis zur ersehnten Begegnung mit Christus für alle, die auf seinen Namen getauft sind. 

In den Fußstapfen der Heiligen der Antike 

Vater Alexander Men bezeugte mit seinem ganzen Leben die Realität des Lebens in Gott. Wie die christlichen Heiligen der Antike trug er Christus durch sein Leben und bezeugte seinen Glauben an ihn auch im Tod. Am Morgen des 9. September 1990 wurde er auf dem Weg zur Kirche, wo er die Göttliche Liturgie feiern wollte, durch einen Axtschlag getötet. Der Mord an ihm ist bis heute nicht aufgeklärt. 

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2025 
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Das Kulturzentrum „Pokrowskije Worota“ und seine Aktivitäten

Dialog und Evangelisierung

In Moskau gibt es ein Kulturzentrum, das versucht, den Geist der katholischen Weltkirche auszustrahlen und den Dialog mit der russischen Gesellschaft zu pflegen. Es trägt den Namen „Pokrowskije Worota“ und ist nach dem Platz benannt, an dem es sich befindet. Wörtlich bedeutet die Bezeichnung „Schutz-Tor“ und geht auf ein mittelalterliches Stadttor im Osten Moskaus zurück, das nahe der alten Marienkirche mit dem Titel „Schutz- und Fürbitte der Gottesmutter“ lag. Die aus Italien stammende Giovanna Parravicini (geb. 1955), die das Zentrum seit über 20 Jahren leitet, gibt einen Einblick in diese außerordentliche Einrichtung. 

Von Giovanna Parravicini 

Unser Kulturzentrum „Pokrowskije Worota“ wurde 2004 gegründet. Es ging aus der Arbeit der „Geistlichen Bibliothek“ hervor, die bereits seit 1993 in Moskau existiert und sich der Veröffentlichung und Verbreitung spiritueller Literatur widmet. Wir haben mit Jean-François Thiry angefangen und stammen beide aus der kirchlichen Bewegung „Comunione e Liberazione“ und der mit ihr verbundenen Gemeinschaft „Memores Domini“, einer Vereinigung geweihter Laien. Jean-François Thiry engagiert sich derzeit in Syrien, in Aleppo, als Koordinator der franziskanischen Hilfsprojekte. Ich arbeite noch im Kulturzentrum „Pokrowskije Worota“ als wissenschaftliche Leiterin.

Unsere Tätigkeit war von Anfang an von einer ökumenischen Öffnung geprägt: Unsere Gründer waren die italienische Kulturstiftung „Christliches Russland“, die katholische Diözese in Moskau und das „Christliche Bildungszentrum St. Methodius und Kyrill“ (Minsk) unter dem Vorsitz von Metropolit Filaret (Wachromejew). Ziel der „Geistlichen Bibliothek“ war es, den Strukturen der katholischen Kirche (insbesondere dem Priesterseminar und den Pfarreien) sowie der Russisch-Orthodoxen Kirche und der breiten Öffentlichkeit die notwendige Literatur zur Verfügung zu stellen. Viele orthodoxe Priesterseminare nahmen unsere Bücher bereitwillig an. Darüber hinaus haben wir den Katalog „Bücher per Post“ (Auflage 5000 Exemplare) veröffentlicht und vertrieben, über den viele Privatpersonen und Einrichtungen in der gesamten Russischen Föderation Bücher bei uns bestellt haben. Wir versandten durchschnittlich 500 Bücher pro Tag.

Nach der anfänglichen Begeisterung war zu Beginn der 2000er Jahre eine allmähliche Abkehr von der Kirche zu beobachten. Zudem gab es spirituelle Literatur in Hülle und Fülle. So beschlossen wir, neben der Buchhandlung einen öffentlichen Raum für den Dialog mit einer Cafeteria einzurichten. Daraus entstand das Kulturzentrum „Pokrowskije Worota“, das wir am 19. November 2004 eröffneten. Sein Ziel besteht darin, eine Gelegenheit zum freien Dialog, zum Erfahrungsaustausch und zur Begegnung mit dem christlichen Standpunkt zu den verschiedensten Aspekten der Wirklichkeit zu bieten.

Wir haben ein sehr breites Spektrum an Veranstaltungen, praktisch jeden Abend: Ausstellungen, Vorträge, Buchpräsentationen, Diskussionsrunden, Filmvorführungen, Theaterstücke, Kindervorstellungen... Wir sind erfolgreich, weil viele Menschen selbst mit unterschiedlichen Vorschlägen zu uns kommen und wir ihre Initiativen einfach unterstützen und ihnen helfen, diese umzusetzen. Umso bedeutsamer ist es, wenn wir solche Vorschläge von Menschen einer anderen Religion oder einer anderen christlichen Konfession erhalten. Im März 2021 haben wir zum Beispiel die erste russische Ausgabe der Enzyklika „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus vorgestellt. Sie wurde von Muslimen erarbeitet und veröffentlicht. Im Januar 2024 fand die Präsentation des Buchs „Jesus von Nazareth“ von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. statt, das von der Russisch-Orthodoxen Kirche herausgegeben wurde. Im Januar 2025 feierten wir den neunzigsten Geburtstag des Russisch-Orthodoxen Erzpriesters Alexander Men. Es waren zahlreiche Gäste, Redner und Zuhörer anwesend. Unter anderem hielt auch der katholische Erzbischof Paul Pezzi einen Vortrag. Das große Interesse ist ein Zeichen dafür, dass die Persönlichkeit und das Vermächtnis von Alexander Men auch heute noch Aktualität und Relevanz besitzen.  

Wir haben uns immer bemüht und bemühen uns weiterhin, eine positive Botschaft zu vermitteln: Wie können wir heute in Glaube, Hoffnung und Liebe leben? Deshalb nehmen Zeugnisse einen wichtigen Platz ein: Im Februar 2025 fand in unserem Kulturzentrum eine Ausstellung über die Bewegung der „Weißen Rose“ statt, die Katholiken, Protestanten und orthodoxe Christen vereint. Ein Mitglied war bekanntlich der orthodox getaufte Alexander Schmorell aus Orenburg im Ural, ein Russlanddeutscher, der von der Russisch-Orthodoxen Kirche 2012 heiliggesprochen wurde. – Wiederholt haben wir auch die Werke und das Leben von Sergej Fudel (1900-1977) vorgestellt, einem herausragenden orthodoxen Christen und Schriftsteller, der Gefängnisse und Lager durchlief, es aber auch schaffte, der jüngeren Generation die Erfahrung eines glühenden Glaubens und den wahren Geist der russischen Kultur zu vermitteln.

Auf dem YouTube-Kanal unseres Zentrums – @pokrovka27 – sind Aufzeichnungen von fast allen unseren Abenden zu finden. Außerdem können auf der Website unserer Buchhandlung „Primus Versus“primusversus.com – Bücher bestellt werden, die in den Regionen wahrscheinlich kaum erhältlich sind. 

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2025 
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„Mit Frieden ist nichts verloren, aber durch Krieg kann alles verloren gehen“

Zehn Blutzeugen der Gewissenstreue

80 Jahre nach dem Ende der NS-Gewaltherrschaft erkundet und erhellt Studiendirektor Jakob Knab jenen Zivilisationsbruch in den zwölf Jahren einer Diktatur des Bösen. Etliche Jahrzehnte hat sich unser Autor in diese Thematik vertieft. In Dankbarkeit blickt er zurück auf jene Religionsstunde im Oktober 1958 an der Zwergschule in Waidhofen, wo der Kaplan aus Schrobenhausen den verstorbenen Heiligen Vater Pius XII. würdigte. In gleicher Weise ist er dankbar für jene Stunde vom Februar 1963 am Gymnasium in Dillingen a. d. Donau, wo der Deutschlehrer aus dem Büchlein von Inge Scholl „Die Weiße Rose“ vorlas. Eine Flamme für die geschichtliche Wahrheit wurde entfacht. Unser Autor zieht diese historische Bilanz: Der Nationalsozialismus kam aus dem Krieg, fand im Krieg seine eigentliche Bestimmung und ging im Krieg schließlich unter. Die Kirche konnte sich dem weltanschaulichen Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus entziehen. Ihre Gleichschaltung misslang, aber ihre überwiegend konservativ-nationale Grundhaltung bewirkte immer wieder ihre Loyalität zur staatlichen Obrigkeit, siehe die sog. Kriegshirtenbriefe. Niemand hatte ernstlich mit dem plötzlichen Erscheinen des „Tieres aus der Tiefe“ (Offb 13) gerechnet. 

Von Jakob Knab 

Persönliche Vorbemerkung: Auf der Stelle war ich fasziniert, als ich Mitte September 1979 im Religionsbuch „Zielfelder 7/8“ die (ungehaltene) Konzilsrede von Erzbischof Thomas Roberts SJ (1893-1976) entdeckte. Hier ein Auszug: „Wir alle wissen, wie oft einfache Menschen vom Heiligen Geist auserwählt wurden, um von den Wahrheiten, die nicht erkannt oder angenommen wurden, vor den mächtigeren oder klügeren Leuten Zeugnis abzulegen. Dieser junge Mann, Gatte und Vater, war aufgerufen worden, ein solches Zeugnis abzulegen: Dass der Christ niemals in einem Krieg Dienst leisten sollte, den er für ungerecht hält.“  Es ging um Franz Jägerstätter. Mein späterer Weggefährte Gordon Zahn (1918-2007) hatte den Text verfasst.  Ende September 1979 machte ich mich auf die Spurensuche zu diesen Kriegsdienstverweigerern.  

Wilhelm Gleßner (1918-1940) 

Wilhelm Gleßner kam am 16. November 1918 im Dorf Elm (Saarland) zur Welt. 1936 verweigerte er den Beitritt zur Hitlerjugend. Um der drohenden Einberufung zur Wehrmacht zu entgehen, wagte er die Flucht über die grüne Grenze nach Frankreich. Er wurde von einer Grenzstreife festgenommen; nach wenigen Wochen aber aus der Haft entlassen. Bei Kriegsbeginn wagte er eine erneute Flucht. Er wurde in der Steiermark gefasst. Vom Kriegsgericht in Graz wurde er zum Tod verurteilt. Im Abschiedsbrief schrieb er seiner Familie: „Jetzt gerade habe ich die heilige Beichte empfangen und bald wird der Priester mit dem lieben Heiland zu mir kommen. Gottes Segen komme über Euch und möge immerdar bei Euch bleiben bis in Ewigkeit.“ In der Morgenfrühe des 30. Juli 1940 wurde das Todesurteil in Wien vollstreckt. 

Michael Lerpscher (1905-1940) 

Michael Lerpscher wurde am 5. November 1905 in Wilhams (Allgäu) geboren. „Er war einmal bei uns“, erzählte ein Freund Jahrzehnte später, „und als er wieder ging, schaute ich ihm nach. Von der Kirche her hat es gerade Zwölfuhr geläutet. Da stand er hin, mitten auf der Straße, und hat den Engel des Herrn gebetet.“ Nach dem frühen Tod der Mutter besuchte Michael Lerpscher die Landwirtschaftsschule in der Abtei St. Ottilien. Ein Benediktiner öffnete ihm den Weg ins Innere der Heiligen Schrift. Als im Mai 1935 die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde, suchte er Gleichgesinnte. Er fand den Weg zur Christkönigsgesellschaft in Meitingen (bei Augsburg). Ein Jahr später diente er in Graz-Ulrichsbrunn. Bei Kriegsbeginn gab Lerpscher einem Mitbruder diese Antwort in seinem Allgäuer Dialekt: „Der Hitler kann mia den Kopf abschlaga, aber er kann mi zu nix zwinga.“ Diese Standfestigkeit erinnert an Mahatma Gandhi und sein Bekenntnis: „Wenn sie mich töten, dann kriegen sie meinen Leichnam, meinen Gehorsam bekommen sie nie.“ 

Schon bei der Musterung und Einberufung zur Wehrmacht im Februar 1940 erklärte Lerpscher, dass er den Kriegsdienst verweigern werde. Im Grazer Gefängnis traf er auf 26 „Bibelforscher“ (Zeugen Jehovas). Diese waren erstaunt, dass sich ein Katholik so gut in der Bibel auskennt. Am 2. August 1940 wurde Lerpscher vom Reichskriegsgericht (RKG) in Berlin zum Tode verurteilt. Einen Monat später wurde er in Brandenburg (Havel)-Görden enthauptet. Ende August 1987 widmete seine Heimatgemeinde Wilhams dem „Märtyrer der Gewissenstreue und Gewaltlosigkeit“ eine Gedenktafel. 

Alfred Andreas Heiß (1904-1940) 

Alfred Andreas Heiß kam am 18. April 1904 in Triebenreuth (Oberfranken) zur Welt. Als junger Erwachsener siedelte er 1930 in die Reichshauptstadt Berlin über. Als gläubiger Katholik lehnte er die NS-Ideologie entschieden ab und übte Kritik an der NS-Kirchenpolitik. Im Juni 1935 fand er Arbeit beim Gesamtverband der Berliner katholischen Kirchengemeinden. Als Heiß im Juni 1940 nach Glogau (Schlesien) zur Wehrmacht einberufen wurde, verweigerte er den „Hitlergruß” und das Tragen der mit dem Hakenkreuz versehenen Uniform. Heiß erklärte, dass er den Kriegsdienst ablehne, da der NS-Staat antichristlich eingestellt sei. Er wurde umgehend verhaftet. Am 20. August 1940 wurde er vom RKG wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ zum Tode verurteilt; sein irdisches Leben endete einen Monat später unter dem Fallbeil in Brandenburg (Havel)-Görden. 

Sein Abschiedsbrief: „So muss ich denn morgen früh meinen letzten Gang antreten. Der Herrgott wolle mir gnädig sein. Meine Bitte an Euch: Haltet fest an Christus und seiner Kirche. Lebt wohl!“ 

Josef Ruf (1908-1940) 

Josef Ruf wurde am 15. Dezember 1905 im Dorf Hochberg (Baden-Württemberg) geboren. Im Alter von 19 Jahren wurde er Novize bei den Franziskanern in Sigmaringen. Bei den zeitlichen Gelübden im Kloster Fulda erhielt er den Ordensnamen „Bruder Canisius“. Kurz vor den ewigen Gelübden verließ er die Franziskaner; er fand den Weg zur Christkönigsgesellschaft in Meitingen (bei Augsburg). Als „Bruder Maurus“ begegnete er in Graz-Ulrichsbrunn dem Mitbruder Michael Lerpscher, einem entschiedenen Kriegsgegner. Nach der Musterung in Graz wurde Ruf im März 1940 zur Grundausbildung nach Pinkafeld (Burgenland) einberufen. Er wollte seine Militärpflicht „in der Sanität“ ableisten. Als seine Bitte abgelehnt wurde, erklärte er seine Verweigerung des Kriegsdienstes. Umgehend wurde er in Haft genommen, nach Graz überstellt und dann im August 1940 in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit. Das RKG verurteilte ihn wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ zum Tode. Im Abschiedsbrief schrieb er seinen Eltern: 

„In ein paar Stunden werde ich nun nach fast fünf Monaten wieder die hl. Kommunion empfangen dürfen, zugleich als Wegzehrung für den letzten schweren Schritt.“ 

Ernst Volkmann (1902-1941) 

Ernst Volkmann wurde am 3. März 1902 in Schönbach (Egerland) geboren. Dort erlernte er den Beruf eines Instrumentenbauers. 1924 übersiedelte er nach Vorarlberg. In Bregenz eröffnete er wenige Jahre später eine eigene Werkstatt. Als Ernst Volkmann 1939 einen ersten Einberufungsbefehl zur Wehrmacht erhielt, kam er diesem nicht nach, ebenso wenig den folgenden Einberufungsbefehlen. Die Nationalsozialisten, so seine Begründung, hätten den Bundeskanzler Engelbert Dollfuß 1934 ermordet. Volkmann wurde im Juni 1940 verhaftet. Er blieb seinem Gewissen und seiner religiösen Überzeugung treu, da er im Kriegsdienst „eine Vergewaltigung seiner sittlichen Freiheit zur Verteidigung gegen den Nationalsozialismus“ sah. Das RKG verurteilte ihn im Juli 1941 zum Tod. Einen Monat später wurde er in Brandenburg-Görden enthauptet. 

In einem Brief an die Witwe schilderte der Geistliche, der Volkmann in der Nacht vor seiner Hinrichtung als Seelsorger begleitet hatte, ihn als „bescheiden und still, aber unerschütterlich in seiner Überzeugung.“ Im September 2007 wurde an der Stadtpfarrkirche St. Gallus in Bregenz eine Gedenktafel für Ernst Volkmann enthüllt. 

P. Franz Reinisch SAC (1903-1942) 

Franz Reinisch kam am 1. Februar 1903 in Feldkirch (Vorarlberg) zur Welt. Als Pater bei den Pallottinern in Friedberg war er in den Jahren 1933/34 in der Jugendseelsorge des Bistums Augsburg tätig. Seine Vorträge und Predigten fanden unter den jungen Menschen viele begeisterte Zuhörer. Als im Umfeld des sog. Röhm-Putsches etwa 200 Personen ermordet wurden, da nannte Pater Reinisch Hitler und seine willigen Vollstrecker eine „Verbrecherbande“. Im September 1940 erhielt Reinisch Predigt- und Redeverbot. Im September 1941 wurde er zur Wehrmacht einberufen. Reinisch verweigerte den Fahneneid mit der Begründung: „Ich kann als Christ und Österreicher einem Mann wie Hitler niemals den Eid der Treue leisten. Es muss Menschen geben, die gegen den Missbrauch der Autorität protestieren; und ich fühle mich berufen zu diesem Protest.“ 

Pater Reinisch war auch ein großer Verehrer des nunmehr Heiligen John Henry Newman (1801-1890), dem Erwecker des christlich erleuchteten Gewissens. Täglich betete er in seiner Zelle Newmans anrührenden Hymnus „Lead kindly light – Führ‘ Du gütiges Licht!“ Am 7. Juli 1942 wurde Reinisch vom RKG in Berlin zum Tode verurteilt. Sein Leben endete am 21. August 1942 unter dem Fallbeil im Zuchthaus Brandenburg (Havel)-Görden. 

Franz Jägerstätter (1907-1943) 

Franz Jägerstätter ist – dank Gordon Zahn – der mit Abstand bekannteste Name unter diesen Kriegsdienstverweigerern. Er wurde am 20. Mai 1907 als Franz Huber in St. Radegund (Oberösterreich) unweit von Adolf Hitlers Geburtsort Braunau am Inn geboren. Als unehelches Kind bitterarmer Eltern wuchs er zunächst bei seiner Großmutter mütterlicherseits und ab 1914 – nachdem sein Vater im Ersten Weltkrieg fiel – auf dem Hof seiner Großeltern väterlicherseits auf. Drei Jahre später heiratete seine Mutter den Landwirt Heinrich Jägerstätter, der Franz adoptierte. Jägerstätters Bitte vom Frühjahr 1943, zum Sanitätsdienst zugelassen zu werden, wurde abgelehnt. Anfang Mai 1943 wurde er in das Gefängnis Berlin-Tegel überstellt. Der Landwirt mit schlichter Volksschulbildung, aber mit unverstelltem Blick und klarem Verstand, schrieb wenige Wochen vor seiner Hinrichtung mit gefesselten Händen: „Aus welchem Grund bitten wir denn dann Gott um die sieben Gaben des Hl. Geistes, wenn wir ohnedies blinden Gehorsam zu leisten haben? Zu was hat denn Gott alle Menschen mit einem Verstand und freien Willen ausgestattet, wenn es uns, wie so manche sagen, gar nicht einmal zusteht, zu entscheiden, ob dieser Krieg, den Deutschland führt, gerecht oder ungerecht ist? Zu was braucht man dann noch eine Erkenntnis zwischen dem, was Gut oder Böse ist?“ Seine letzte Segensbitte vor der Hinrichtung am 9. August 1943: „Maria mit dem Kinde lieb, uns noch allen Deinen Segen gib!“ 

Im Jahr 1965 verwies Erzbischof Thomas Roberts SJ aus Indien bei der Arbeit an der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ in einer schriftlichen Eingabe auf die Gewissensentscheidung Jägerstätters. Er redete den Konzilsvätern ins Gewissen: „Vielleicht“, so betonte Roberts, „bestand das größte Ärgernis der Christen durch allzu viele Jahrhunderte hindurch gerade darin, dass sich fast jede nationale Kirchenhierarchie in beinahe jedem Krieg als moralische Stütze ihrer Regierung in Anspruch nehmen ließ.“ Seine prophetische Mahnung: „Märtyrer wie Jägerstätter sollen nie das Gefühl haben, dass sie allein sind!“ Am 26. Oktober 2007 wurde Franz Jägerstätter im Linzer Mariendom – im Beisein seiner hochbetagten Witwe Franziska – seliggesprochen. 

Richard Reitsamer (1901-1944) 

Richard Reitsamer kam am 3. März 1901 in Freiburg im Breisgau zur Welt. Nach dem Abschluss der Bürgerschule arbeitete er als Knecht auf Bauernhöfen in Tirol. In der Gegend von Schaffhausen begegnete er einem Priester, der ihm zum geistlichen Vater wurde. In seiner Freizeit las er nun erbauliche Kleinschriften. Als er im Februar 1944 als Knecht auf dem Trenkwalderhof (bei Meran) den Gestellungsbefehl zur Wehrmacht erhielt, leistete er keine Folge. Als Angeklagter vor Gericht berief er sich auf das Wort von Papst Pius XII. von Ende August 1939: „Mit Frieden ist nichts verloren, aber durch Krieg kann alles verloren gehen.“ Reitsamer legte das Bekenntnis ab: „Als gläubiger Katholik kämpfe ich nicht für Hitler.“ Das Bozener Sondergericht verurteilte ihn zum Tode. Der Gefängnisgeistliche schreibt über den 11. Juli 1944: „In herzbewegender Erbauung empfängt er die heiligen Sakramente und den päpstlichen Segen mit Generalabsolution. Dann kommt der traurige Augenblick; ich steige mit ihm auf den Todeswagen, und unter ständigem Gebet geleite ich ihn zum Hinrichtungsort, während er sich wie ein Kind mit seinem Körper an meinem leicht anschmiegt. Am Unheilsort angelangt, nehmen ihn zwei Soldaten unter den Armen, um ihn zum Pfahl zu führen und dort anzubinden. Nach zwei, drei Schritten reißt er sich los, kehrt zu mir zurück, küsst mir die Hände, und mit einem Lächeln auf den Lippen schickt er sich an, das Opfer zu vollbringen.“ 

Reitsamers Leichnam wurde auf dem Hauptfriedhof Bozen bestattet. Im Mai 1956 wurde dieses Reihengrab aufgelöst. Die sterblichen Überreste dieses vergessenen Blutzeugen der Gewissenstreue wurden in das Bozener Ossarium Nr. 4 [Raum zur Aufbewahrung von Gebeinen] gelegt. 

Josef Mayr-Nusser (1910-1945) 

Josef Mayr-Nusser wurde am 27. Dezember 1910 in Bozen geboren. Als junger Erwachsener vertiefte er sich in die Lektüre von Theodor Haeckers Buch „Was ist der Mensch?“  Im August 1944 wurde er zur Waffen-SS einberufen. Einen Tag vor der Eidesleistung erklärte dieser Südtiroler, dass er seinem Gewissen folgen müsse und dass er den Eid nicht leisten könne. Er wurde in Danzig wegen „Wehrkraftzersetzung“ verurteilt. Anfang Oktober 1944 schrieb der Häftling Mayr-Nusser an seine liebste und beste Ehefrau Hildegard: „Dein Gebet wird mir Kraft geben, in der Stunde der Bewährung nicht zu versagen.“ 

Sein irdisches Leben endete am 24. Februar 1945 in einem Viehwaggon auf dem Transport ins KZ Dachau; er starb an den Folgen der Misshandlungen und der Entkräftung während der Haft. Im März 2017 wurde Josef Mayr-Nusser im Dom von Bozen seliggesprochen. 

Hermann Stöhr (1908-1940) 

Stellvertretend für die Kriegsgegner in den anderen Konfessionen soll an dieser Stelle der Protestant Hermann Stöhr gewürdigt werden. Im Kriegstaumel vom August 1914 hatte sich dieser Nationalprotestant, gerade sechzehn Jahre alt, als Freiwilliger zur Kaiserlichen Marine gemeldet. Begegnungen nach dem Ende des Krieges beim Internationalen Versöhnungsbund führten zu einer Gesinnungsänderung. In einem Schreiben an das Wehrbezirkskommando Stettin vom 2. März 1939 erklärte er: „Den Dienst mit der Waffe muss ich aus Gewissensgründen ablehnen. Mir wie meinem Volk sagt Christus: ,Wer das Schwert nimmt, soll durchs Schwert umkommen.‘ (Mt 26, 53) So halte ich die Waffenrüstungen meines Volkes nicht für einen Schutz, sondern für eine Gefahr.“ Im November 1939 verweigerte er den Fahneneid auf den „Führer“ Adolf Hitler. 

Hier der Wortlaut des Urteils in der Strafsache Stöhr: „Der Matrose Hermann Stöhr wurde durch Feldurteil des 3. Senats des RKG am 16. März 1940 wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tode verurteilt.“ Das Urteil wurde am 21. Juni 1940 in Berlin-Plötzensee vollstreckt.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2025 
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Mit großem geistlichen Gewinn

Ein „heiliges Fasten“

Pfr. Dr. Richard Kocher, Programmdirektor von Radio Horeb, hat in seinem Rundbrief das Thema Fasten aufgegriffen und seine Bedeutung für das christliche Leben in prägnanter Weise herausgestellt. Er schlägt einen Bogen vom Alten Testament über das Evangelium Jesu Christi bis hin zu den Impulsen, die seit über 40 Jahren von Medjugorje ausgehen. In dieses Licht stellt er die Herausforderungen, mit denen wir in unserer digitalisierten Welt konfrontiert sind. Das Fasten kann ein wertvoller Schlüssel sein. 

Von Richard Kocher 

In der vierten Fastenpräfation heißt es: „Durch das Fasten des Leibes hältst du die Sünde nieder, erhebst du den Geist, gibst du uns die Kraft und den Sieg durch unseren Herrn Jesus Christus.“ 

Fasten bringt somit einen großen geistlichen Gewinn. Die hl. Hildegard von Bingen (1098-1179) empfiehlt es in ihrem „Buch der Lebensverdienste“ bei 29 von 35 Lastern als wirksame geistliche Übung. Fasten trägt wesentlich dazu bei, die Anhänglichkeit an die Sünde und negative Gewohnheiten zu überwinden. Ca. 3 bis 5 Prozent der männlichen Bevölkerung in Deutschland ist pornosüchtig und bei 8,4 Prozent der 12- bis 17-jährigen Jugendlichen und 5,5 Prozent der 18- bis 25-jährigen jungen Erwachsenen ist von einer computer- oder internet-bezogenen Störung auszugehen. Fasten könnte hier eine wichtige geistliche Übung sein, um beizutragen, von solchen Bindungen befreit zu werden; es hat etwas mit Freiheit zu tun. Das Maß soll gut überlegt und mit geistlich kompetenten Personen besprochen werden, damit es auch tatsächlich durchgeführt wird und nicht überfordert. 

Der Herr selbst hat in der Wüste gefastet; seine Praxis wurde von den Aposteln übernommen. In der hebräischen Bibel findet man bei einer Konkordanz sehr viele Einträge dazu. Im Judentum war das Fasten gängige spirituelle Übung, die an zwei Tagen der Woche praktiziert wurde. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durfte nichts gegessen und getrunken werden; es gibt auch die Praxis, vom Vorabend bis zum Abend des nächsten Tages nichts zu essen und zu trinken. 

Zu Beginn der österlichen Bußzeit, am Aschermittwoch, ist die erste Lesung dem Buch Joel entnommen. Die Priester sollen zu einem „heiligen Fasten“ (Joel 1,14) aufrufen. Ja, sogar Jahwe selber tut das: „Kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen!“ (Joel 2,12). Die Lage im Land war damals katastrophal. Eine gewaltige Heuschreckenplage und eine große Dürre hatten die Menschen heimgesucht – und als ob das alles nicht genügen würde, kam noch eine militärische Bedrohung Jerusalems und des Tempels durch mächtige Feinde hinzu. Das Volk tat, was ihm aufgetragen wurde, und die Antwort des Herrn ließ nicht lange auf sich warten. Das Land wurde von ihm im Übermaß gesegnet mit „Korn, Wein und Öl“ (Joel, 2,19.24). Der Feind aus dem Norden wurde vertrieben und dem Untergang preisgegeben. Sein Verwesungsgeruch war kaum auszuhalten (Joel 2,20). 

Es ist ein Verdienst von Medjugorje, dass dort nicht nur zum Gebet, sondern auch zum Fasten bei Wasser und Brot am Mittwoch und Freitag aufgerufen wird. Angesichts der vielen Krisen in der Welt habe auch ich begonnen, diesen Aufruf wieder ernst zu nehmen und zumindest am Freitag diese Praxis aufzugreifen. Sie tut mir spürbar gut. Wer fastet, lässt die Not hungernder und darbender Menschen mehr an sich heran (1,1 Milliarden Menschen leben in extremer Armut!) und wird nachdenklich im Hinblick auf den Überfluss, in dem wir leben. Ganz abgesehen davon tut uns das Fasten auch in körperlicher Hinsicht gut. Wenn die Gottesmutter in Medjugorje sagt, dass durch Gebet und Fasten Kriege aufgehalten werden können, sollten wir das ernst nehmen – in der jetzigen Zeit mehr als je zuvor; es ist biblische Praxis! 

Tobias Haberl äußert sich in seinem Buch „Unter Heiden. Warum ich trotzdem Christ bleibe“ mit nachdenklichen Worten zum Thema Vergebung, das gerade in der österlichen Bußzeit wichtig ist: „Katholisch zu sein, war immer fordernd – wer betet schon gern für seine Feinde? –, aber im Moment ist es besonders anstrengend. [...] Als Christ wird man inzwischen von Leuten abgeurteilt, die sich nicht mal mehr die Mühe machen, sich mit den Grundlagen des christlichen Glaubens auseinanderzusetzen. Lieber wehren sie sich mit Händen und Füßen dagegen, der Kirche etwas Positives abzugewinnen. […] Manche wollen immerhin noch diskutieren, haben aber oft nur eine starke Meinung, dafür wenig Interesse, geschweige denn theologisches Wissen. 

Zum Beispiel sind viele empört, wenn man ihnen erklärt, dass man als Christ nicht nur für die Missbrauchsopfer, sondern auch die Täter beten sollte, weil die, theologisch betrachtet, das weitaus größere Problem haben. ,Wie kannst du so was sagen?‘, schimpfen sie und verfehlen eine der bahnbrechenden Ideen des Christentums. Dass Jesus nicht nur für die Unterdrückten, sondern auch für die Unterdrücker gestorben ist, weil auch sie Kinder Gottes sind. Oder mit dem heiligen Augustinus gesprochen: ‚Wir müssen unseren Nächsten lieben, entweder weil er gut ist oder damit er gut werde.‘“ 

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2025 
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting) 

Ukraine: Ein Priester in der Kriegshölle

Die Kirche bleibt bei den Menschen

„Ohne tägliche heilige Messe und Rosenkranz könnte ich es hier nicht aushalten“, betont Witalij Nowak im Gespräch mit dem weltweiten katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACN). Nowak ist Militärpfarrer für eine Brigade von etwa 3000 Frontkämpfern in der Ostukraine; die genaue Position kann er aus Sicherheits-gründen nicht nennen. Er ist ein Seelsorger in der Hölle des Krieges – die auch nach drei Jahren noch nicht zu Ende ist.  

Von Tobias Lehner 

Aktuell nehmen die Kämpfe wieder zu, berichtet Pfarrer Nowak. Und ob die Zukunft einen Waffenstillstand oder gar Frieden bringt, konnte zum Zeitpunkt des Gesprächs, das Anfang März stattfand, noch niemand absehen. Täglich spendet er den Segen für Soldaten, die in die Frontkämpfe geschickt werden – keiner weiß, ob sie lebend zurückkommen. „Sie stellen die Frage nach dem Sinn des Lebens in einer Intensität wie niemals zuvor. Ich möchte ihnen Sicherheit vermitteln. Aber mehr als meine Präsenz ist es die Gegenwart Gottes, die ich ihnen schenke.“ 

Soldaten begegnen oft zum ersten Mal dem Glauben 

Obwohl offiziell über 80 Prozent der Ukrainer Christen sind, sind die Folgen der Sowjetzeit nach wie vor sichtbar: Viele Soldaten wissen kaum etwas vom Christentum. „Ich versuche sie behutsam anzusprechen und teile mit ihnen ein paar Gedanken aus dem Evangelium.“ Jeder Soldat bekommt von ihm auch einen Rosenkranz und eine Wundertätige Medaille. 

Pfarrer Witalij Nowak erklärt den Soldaten, dass diese beiden Andachtsgegenstände ein Zeichen für Gottes Nähe seien und sie nicht allein sind. „Wenn sie dann wieder vom Fronteinsatz zurückkommen, sagen sie mir oft: ,Der Rosenkranz und die Medaille waren meine ständigen Begleiter. Ich habe mich an das erinnert, was Sie mir gesagt haben, und habe zu Gott gebetet.‘“ 

Aber es gibt auch die gegenteilige Erfahrung: Soldaten, die früher religiös waren, wenden sich aufgrund der erlebten Grausamkeiten von Gott ab. Die Seelsorger sind weiterhin für sie da, zumal es oft keine psychologische Hilfe gebe, berichtet Pfarrer Nowak. Gut die Hälfte der rund 300 Priester des griechisch-katholischen Ritus in der Ukraine haben seit Kriegsbeginn eine Fortbildung absolviert, um traumatisierte Menschen besser betreuen zu können. „Kirche in Not“ finanziert diese Kurse. Seit 2022 hat das Hilfswerk in der Ukraine fast 1000 Projekte mit einem Umfang von über 3,5 Millionen unterstützt. Mittlerweile ist auch ein Netzwerk von kirchlichen Erholungszentren für ehemalige Frontsoldaten entstanden. 

Dank für die Hilfe 

Im Vorfeld des dritten Jahrestags der groß angelegten russischen Invasion in der Ukraine am 24. Februar hatten auch mehrere katholische Bischöfe des Landes „Kirche in Not“ für die ungebrochene und kreative Unterstützung der ukrainischen Kirche gedankt. 

Der Bischof von Donezk, Maksym Rjabucha, lebt wegen der russischen Besatzung seiner Stadt aktuell in Saporischschja. Er schrieb „Kirche in Not“: „Der Krieg verursacht großen Schmerz, ein Gefühl der Hilflosigkeit, Trauer durch Verlust. Die Ukraine ist allen dankbar, die während dieser schwierigen Kriegsjahre an unserer Seite waren. Ohne Sie würden wir nicht mehr existieren.“ 

Der Bischof von Odessa, Stanislaw Schyrokoradjuk, schildert gegenüber „Kirche in Not“ die täglichen Herausforderungen in der Seelsorge: „Seit drei Jahren herrscht Krieg – Tod und Zerstörung sind tägliche Realität. Die schwierigste und schmerzhafteste Aufgabe der Kirche sind Beerdigungen. Wie schwer ist es, die Fragen nach dem ‚Warum‘ und ‚Wofür‘ zu beantworten. Jeden Tag sterben junge Männer, Frauen und sogar Kinder. Was für ein hoher Preis für die Unabhängigkeit der Ukraine.“ Trotz des Leids bleibe der Glaube für viele ein Halt, sagt Bischof Schyrokoradjuk. „Und wir hören nie auf, all jenen zu danken, die dafür sorgen, dass wir uns nicht allein fühlen. Vielen Dank für Ihre Gebete und Ihre Solidarität mit uns.“ 

Den Hass durchbrechen 

In den Gesprächen mit den Soldaten tauche auch immer wieder die Frage nach der Gewissensverantwortung auf, berichtet Militärpfarrer Nowak: „Wenn man dem Feind gegenübersteht, ist es dann Hass, der einen leitet, oder der Wunsch, das Land und die eigene Familie zu schützen?“ Sorgsam geht der Priester auch mit seinen Formulierungen um. Vom Schutz des Himmels zu sprechen, ist angesichts allgegenwärtiger Drohnen, die das Leben vom einen auf den anderen Moment auslöschen, schwierig geworden. 

Unterwegs ist Pfarrer Nowak mit einem neuen Fahrzeug, das „Kirche in Not“ finanziert hat: einem Transporter, der bei Bedarf auch in ein Gesprächszimmer oder eine Kapelle umgewandelt werden kann. Diese Gefährte stehen in der Tradition der „Fahrzeuge für Gott“, die „Kirche in Not“ in den 1950er-Jahren zur Seelsorge unter den katholischen Heimatvertriebenen in der deutschen Diaspora auf die Reise geschickt hat. „Natürlich bete ich nicht nur mit den Soldaten, ich koche auch mit Ihnen, verbringe ihre wenige Freizeit mit ihnen“, erzählt Pfarrer Nowak. Unterwegs ist er nicht nur mit dem Auto, sondern auch in der digitalen Welt. Täglich postet er Fotos, kurze Ermutigungstexte oder Bibelverse in den sozialen Medien und kann so viele „seiner“ Soldaten erreichen. 

Dienst an den Angehörigen der Gefallenen 

Aber auch ein schwerer Dienst hinter der Front gehört zu seinen täglichen Aufgaben: Er nimmt Kontakt mit der Familie auf, sobald ein Soldat verletzt wird – oder in den Kämpfen umkommt. „Das ist das Schwierigste“, gibt der Seelsorger zu. Gemeinsam mit den Angehörigen plant er auch die Beerdigung. Diese ist aber nicht immer sofort möglich, vor allem dann, wenn jemand in den besetzten Gebieten gefallen ist. 

Außerdem hätten sich viele Familien im Ausland in Sicherheit gebracht und könnten nur aus der Ferne trauern. Dabei erlebt Pfarrer Nowak auch, „dass viele Menschen in Wut und Hass gefangen sind“. Dem versucht der Seelsorger entgegenzuwirken, ohne zu beschwichtigen: mit einem offenen Ohr, einem offenen Herzen und dem Trost aus dem Glauben. Wie auch immer sich die Lage in der Ukraine entwickelt: Die Kirche bleibt bei den Menschen. Und „Kirche in Not“ bleibt bei ihr.


Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2025 
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Carabinieri opferte sein Leben für 22 Zivilisten

Ehrwürdiger Diener Gottes Salvo D’Acquisto

Salvo D‘Acquisto (1920-1943) war Unteroffizier der italienischen Carabinieri. Mit knapp 23 Jahren bot er sein Leben an, um 22 gefangen genommene Zivilisten vor dem Tod zu retten. Im Rahmen einer Vergeltungsmaßnahme waren sie während des Zweiten Weltkriegs von deutschen Soldaten willkürlich ausgewählt und zur Erschießung bestimmt worden. Am 24. Februar 2025 bestätigte Papst Franziskus ein Dekret, mit dem der Diener Gottes Salvo D‘Acquisto für „ehrwürdig“ erklärt wurde. Gut zwei Wochen später fand in der Basilika St. Paul vor den Mauern ein feierlicher Gottesdienst statt, bei dem das Dekret öffentlich verkündet wurde. Pfarrer Erich Maria Fink, der die Zeremonie miterleben durfte, stellt den ehrwürdigen Diener Gottes kurz vor. 

Von Erich Maria Fink 

Jedes Jahr bietet Erzbischof Paul Pezzi von Moskau in der ersten Fastenwoche den Priestern seiner Erzdiözese Exerzitien an. Zum Heiligen Jahr fanden sie heuer im Rahmen einer Wallfahrt zu den Apostelgräbern in Rom statt. Schon lange stand für Mittwoch, 12. März 2025, eine gemeinsame Heilige Messe in St. Paul vor den Mauern auf dem Programm. Doch als wir dort ankamen, erlebten wir eine Überraschung. Die Päpstliche Basilika war mit über 1000 Besuchern gefüllt, zum größten Teil in der Uniform der Carabinieri. Kaum hatten wir das Gotteshaus betreten, begann ein majestätischer Festgottesdienst, gestaltet von einem riesigen Blasorchester der Carabinieri, das unter dem Apsis-Mosaik Platz gefunden hatte. 

Dem Gottesdienst stand der Kardinalpräfekt des Dikasteriums für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, Marcello Semeraro, vor. Neben anderen Kardinälen, Bischöfen und zahlreichen Priestern nahm auch der Militärbischof für Italien, Santo Marcianò, teil, der ein Gebet für Salvo D‘Acquisto verfasst hatte. Dieses wurde verteilt und am Ende des Gottesdienstes gemeinsam gesprochen. Anlass für die außergewöhnliche Eucharistiefeier, an der höchste politische und militärische Autoritäten Italiens wie der Generalkommandeur der Carabinieri, Salvatore Luongo, teilnahmen, war ein Dekret, das Papst Franziskus während seines Aufenthalts in der Gemelli-Klinik am 24. Februar 2025 autorisiert hatte. Dazu waren Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin und Erzbischof Edgar Pena Parra, der Substituten für allgemeine Angelegenheiten, an sein Krankenbett gekommen. Mit diesem Dekret bestätigte der Papst die „Ehrwürdigkeit“ des Dieners Gottes Salvo D‘Acquisto. Es wurde im Gottesdienst zusammen mit einer ausführlichen Biographie vom Postulator des Seligsprechungsprozesses, dem Kapuzinermönch Carlo Calloni, vorgetragen. 

Der Weg zu einer Heiligsprechung führt bekanntlich über vier Schritte. Sobald das Verfahren zur Überprüfung einer Person, die im Ruf der Heiligkeit steht, von der Kirche angenommen und eingeleitet wird, erhält sie den Titel „Diener bzw. Dienerin Gottes“. Das ist der erste Schritt. Wenn nach eingehender Untersuchung der heroische Tugendgrad feststeht, wird die Person als „ehrwürdig“ erklärt. Dieser zweite Schritt kann auch durch die Feststellung des Martyriums erfolgen. Entsprechend dem Titel „Märtyrer der Nächstenliebe“, wie ihn Papst Johannes Paul II. dem hl. Maximilian Kolbe verliehen hatte, versuchte man, für Salvo D‘Acquisto zunächst ebenfalls einen Martyriums-Prozess zu führen. Man sprach vom Martyrium „per testimonium caritatis heroicis“, einem Martyrium „aufgrund eines heroischen Zeugnisses der Nächstenliebe“. Dies aber wurde 1999 vom Vatikan abschließend zurückgewiesen. Mit dem Motu proprio „Maiorem hac dilectionem“ aus dem Jahr 2017 eröffnete sich jedoch eine neue Möglichkeit. Papst Franziskus führte neben den Kategorien des heroischen Tugendgrades und des Martyriums im Selig- und Heiligsprechungsprozess eine neue Kategorie ein, nämlich „das Opfer des Lebens“. Dabei muss es sich um die freiwillige Hingabe des eigenen Lebens und die heroische Akzeptanz eines sicheren und kurzfristigen Todes handeln, und zwar „propter caritatem“, also „aus Liebe“. Außerdem wird die Ausübung der christlichen Tugenden vor diesem Akt der Hingabe des Lebens zumindest im normalen Maß gefordert. Genau diese Kriterien erfüllt Salvo D‘Acquisto und sie kamen in einem Verfahren zur Anwendung, das 2022 abgeschlossen werden konnte. 

Für den dritten und vierten Schritt, nämlich die Selig- und Heiligsprechung, verlangt die Kirche darüber hinaus jeweils ein Wunder. Lediglich zur Seligsprechung eines Märtyrers kann auf ein Wunder verzichtet werden. Im Gottesdienst am 12. März sagte Kardinal Semeraro: „Das für die Seligsprechung erforderliche Wunder für Salvo D‘Acquisto wird nicht lange auf sich warten lassen, so groß ist die Verehrung für diesen Helden! Und deshalb erlebe ich diesen feierlichen Moment mit Ihnen voller Emotionen.“ 

Salvo D‘Acquisto wurde am 15. Oktober 1920 als ältestes von acht Kindern in Neapel geboren. Er hatte einen zurückhaltenden und sanftmütigen Charakter, liebte Disziplin und Arbeit, besonders auch das Gebet. Schon als Jugendlicher neigte er dazu, sich für diejenigen einzusetzen, die an den Rand gedrängt wurden. Er zeigte seine Nähe Mitschülern, die gehänselt wurden, küsste einmal aus Solidarität das Glasauge eines jungen Mädchens, als es deshalb schlecht behandelt wurde, oder zog an einem Wintertag für einen armen, frierenden Jungen seine Schuhe aus. Als er sah, wie ein Bub in Gefahr war, von einer Straßenbahn überfahren zu werden, rannte er los und rettete ihn im letzten Augenblick. Oft begleitete er seinen Großonkel bei Besuchen im Krankenhaus. Besonders kümmerten sie sich um Tuberkulose-Patienten und unheilbar Kranke. 

1939 bewarb sich Salvo um die Aufnahme bei den Carabinieri. Am 15. August begann seine Ausbildung in Rom. Nach dem Eintritt Italiens in den Zweiten Weltkrieg wurde er im November 1940 nach Nordafrika entsandt. Schon einige Monate später zog er sich eine Verwundung am Bein zu und kehrte schließlich am 13. September 1942 nach Italien zurück. Er wurde der Unteroffiziersschule in Florenz zugeteilt und bereits am 15. September 1942 zum Vize-Brigadeoffizier befördert. Nun äußerte er den Wunsch, einer Vorortstation zugeteilt zu werden, um den Armen noch näher sein zu können. So wurde er am 19. Dezember 1942 nach Torre in Pietra an der Küste des Latiums, 30 km nördlich von Rom, versetzt. Den Einheimischen begegnete er mit Hingabe und Herzlichkeit. Regelmäßig sahen sie ihn bei der Heiligen Messe, wo er auch die Kommunion empfing. 

Nach dem Waffenstillstand vom 8. September 1943 war Italien zwischen den deutschen Besatzern, der sich Partisanen entgegenstellten, und den vorrückenden Amerikanern geteilt. In dieser chaotischen Situation verteilte Salvo D‘Acquisto das Wenige, das die Carabinieri erhielten, an hungernde Familien. Er selbst lernte zu dieser Zeit ein Mädchen kennen, Giuliana Di Censi, mit der er eine Familie gründen wollte. Als man ihm in diesen Kriegswirren den Vorschlag machte, nach Rom zu flüchten, erwiderte er: „Meine Pflicht ist es, bei den Menschen zu sein, die uns anvertraut wurden.“ 

Am 22. September 1943 waren einige deutsche Soldaten in den Turm von Palidoro, das ehemalige Munitionsdepot der Guardia di Finanza, eingedrungen und hatten eine Handgranate zur Explosion gebracht. Dabei kam ein deutscher Soldat ums Leben, weitere wurden verwundet. Der Zugführer der deutschen Fallschirmjäger machte Aufständische dafür verantwortlich, sprach von einem Anschlag und forderte Carabinieri zur Aufklärung an. Da der Stationschef von Torre in Pietra verhindert war, musste Salvo D‘Acquisto als sein Stellvertreter die Ermittlungen leiten. Als er zu dem Schluss kam, es müsse sich um einen Unfall gehandelt haben, trieben die deutschen Soldaten willkürlich 22 Personen aus den umliegenden Bauernhöfe zusammen, die Salvo D‘Acquisto befragen musste. Doch erklärten alle ihre Unschuld. So wurde der Befehl zur Erschießung erteilt. Zusammen mit Salvo D‘Acquisto mussten sie umgehend ein Massengrab ausheben. Da bezichtigte sich Salvo selbst und betonte, dass er allein die Verantwortung für den Anschlag trage und diesen ohne fremde Hilfe vorbereitet habe. Gleichzeitig forderte er die sofortige Freilassung aller 22 Gefangenen. Dem stimmte der deutsche Kommandant zu. So rettete er die Unschuldigen, die sich bereits in der Grube befanden, vor dem Tod, er selbst aber wurde erschossen. Sein Grab ruht heute in der Kirche Santa Chiara in Neapel. Am 15. Februar 1945 wurde Salvo D‘Acquisto posthum mit der goldenen Medaille für militärische Tapferkeit ausgezeichnet, und zwar als „leuchtendes Beispiel für Selbstlosigkeit“, die ihn zu einem solchen Akt der Mitmenschlichkeit angetrieben hatte. 

Der Gottesdienst am 12. März war ein beeindruckendes Zeugnis für die „menschlichen, bürgerlichen und christlichen Werte“, von denen sich Salvo D‘Acquisto auf heroische Weise leiten ließ und die wir gerade in unseren Tagen so dringend nötig haben. 

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2025 
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