Liebe Leserinnen und Leser

Von Erich Maria Fink und Thomas Maria Rimmel

Als Titelbild haben wir bewusst die Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz in Moskau gewählt. Sie ist das Wahrzeichen der russischen Hauptstadt, Symbol nationaler Identität und Geschichte. Eigentlich heißt sie „Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kathedrale am Graben“. Sie wurde 1555 bis 1561 im Auftrag von Zar Iwan dem Schrecklichen zur Erinnerung an die Eroberung von Kasan und Astrachan errichtet. Für die Farben und Muster der Kuppeln ließ sich der Architekt von der Hauptmoschee in Kasan inspirieren, die 1552 zusammen mit dem Regierungspalast des Kahns zerstört worden war. Die Zwiebeltürme spiegeln also den Stil tatarisch-islamischer Kunst wider. Nachweislich wurden sogar einige Bauteile dieser Moschee, die erhalten geblieben waren, in die Kathedrale einbezogen.

Inmitten der Spannungen, die damals im eroberten Kasan zwischen Christen und Muslimen herrschten, erschien 1579 die Gottesmutter der neunjährigen Matrona und offenbarte ihr den Ort, an dem „Ihre Ikone“ zu finden sei. Unter der Asche eines Hauses, das einem verheerenden Brand in der Stadt zum Opfer gefallen war, wurde die Ikone unversehrt entdeckt. Bald trat sie ihren Siegeszug durch die Geschichte Russlands an. 30 Jahre später begleitete sie die Truppen, die Moskau in der „Zeit der Wirren“ von der polnischen Invasionsarmee befreiten. Nach dem Sieg am 22. Oktober 1612 wurde sie in einer feierlichen Prozession über den Roten Platz getragen. Daraufhin ließ Fürst Dmitrij Poscharskij, der das russische Heer angeführt hatte, am anderen Ende des Platzes eine Kathedrale zu Ehren der Ikone der Gottesmutter von Kasan erbauen.

Das Bild auf der Titelseite zeigt eine Gruppe von 44 Pilgern aus Deutschland und der Schweiz, wie sie am Fest Christi Himmelfahrt dieses Jahres genau diesen Weg auf dem Roten Platz zur Kasaner Kathedrale zurückgelegt hat. Es war der Auftakt einer zweiwöchigen „Friedenswallfahrt“ durch Russland. In höchst angespannter Zeit wagten es die Teilnehmer, sich auf den Weg zu machen, um ein Zeichen der Hoffnung und des Friedens zu setzen.

Die Wallfahrt spannte den Bogen vom Roten Platz über Kasan bis zur katholischen Fatima-Kirche in Rjabinino, die eine Kopie der Kasaner Ikone als Ausdruck der Partnerschaft „Maria – Mutter Europas“ beherbergt. Ebenso folgte die Pilgergruppe dem Weg der Ikone der Gottesmutter von Wladimir, aber auch der Ikone „Maria Herrscherin“, nämlich von Moskau bis nach Jekaterinburg, wo sie in der Klosteranlage Ganina Jama aufgestellt ist. Dorthin waren die Leichname der Zarenfamilie nach ihrer Ermordung 1918 gebracht worden.

Die Pilgerfahrt konnte einen Eindruck davon vermitteln, wie sich Russland in seiner tausendjährigen Geschichte unter den Schutz der Gottesmutter gestellt hat. Selbst Stalin soll während des Angriffs der deutschen Wehrmacht auf Moskau im Dezember 1941 befohlen haben, die Marienikone von Wladimir in einem Flugzeug über die Stadt fliegen zu lassen, um so die Bevölkerung und die Stadt zu schützen. Nach dem prophetischen Aufruf von Fatima haben schließlich Millionen von Gläubigen auf der ganzen Welt für die Bekehrung und Rettung Russlands gebetet – zum Heil der ganzen Völkerfamilie.

Liebe Leserinnen und Leser, möge uns dieser andere Blick auf Russland davor bewahren, uns in Feindbilder und unversöhnliche Emotionen zu verstricken. Wettrüsten, Angst und Hass können keinen Frieden schaffen. Friede wird nicht auf dem Schlachtfeld hervorgebracht, sondern in den Herzen der Menschen, die sich von der Liebe Gottes zu allen Völkern ergreifen lassen. Das Gebet, die Hinwendung zum Vaterherzen Gottes, der mütterliche Schutz Mariens, allein das kann uns vor gegenseitiger Zerstörung bewahren. Mit einem aufrichten Vergelt’s Gott für Ihre Unterstützung wünschen wir Ihnen ein betendes Herz, das für Verständigung und Frieden brennt.   

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 8/9 August/September 2025
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Eine Friedenswallfahrt nach Russland 2025

Pilger der Hoffnung

Vom 28. Mai bis 11. Juni 2025 fand eine „Friedenswallfahrt nach Russland“ statt. Ziel war es, den Spannungen zwischen Russland und dem Westen, die mit trügerischen Feindbildern emotional aufgeladen sind, ein Zeichen der Hoffnung und der christlichen Offenheit entgegenzustellen. Bewusst umfasste das Programm die Zeit der Gebetsnovene um den Heiligen Geist von Christi Himmelfahrt bis Pfingsten. Täglich fand in einer katholischen Kirche die heilige Messe statt, das übrige Programm aber war russisch-orthodoxen Heiligtümern gewidmet. Wie ein roter Faden zog sich durch die Wallfahrt die Geschichte der Ikone der Gottesmutter von Wladimir sowie der Kasaner Ikone. Die Reise spannte den Bogen vom hl. Sergius von Radonesch zum hl. Seraphim von Sarow, führte aber auch zu Berührungspunkten von Christentum und Islam. Hermann Rössler, der an der Pilgerfahrt teilgenommen hat, beschreibt in seinem Bericht, wie er dieses Wagnis erlebt hat und was ihm auf dem Weg durch Russland wichtig geworden ist.

Von Hermann Rössler

Papstworte als Richtschnur: Die ersten Worte des neu gewählten Papstes Leo XIV. drückten seinen Wunsch nach Frieden aus. Der Friede, wie ihn der auferstandene Christus verkündet hat, solle in die Herzen, in die Familien, in alle Menschen aller Völker eindringen, um Christi Licht in der Dunkelheit der Welt erstrahlen zu lassen. „Helft auch ihr uns und helft einander, Brücken zu bauen“, sprach der Pontifex.

Mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens!

Von Moskau bis Jekaterinburg: Tausende von Kilometern legten in zwei Wochen 44 Pilger aus Deutschland (31), der Schweiz (9), Österreich (2), Frankreich (1) und der Slowakei (1) zurück – mit dem Anliegen einer Friedenswallfahrt durch Russland. Eingeladen hatte zu dieser Pilgerreise Ende Mai und Anfang Juni dieses Jahres der deutsche katholische Pfarrer Erich Maria Fink, der seinen Priesterdienst seit 25 Jahren in der Pfarrei „Maria – Königin des Friedens“ in der Stadt Beresniki im Ural verrichtet, die zur Erzdiözese Moskau gehört. Diese Reise, erklärte Pfarrer Fink, sei „ein flehentlicher Ruf um Frieden“. Alle Menschen seien berufen, einmal in der ewigen Gemeinschaft mit Gott als Brüder und Schwestern zu leben. Das Gebet des heiligen Franz von Assisi „Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens“ und die Pfingstsequenz beteten wir während der zweiwöchigen Pilgerfahrt jeden Tag.

Zum Auftakt der Pfingstnovene

Die ersten Tage verbrachten wir in Moskau. Bei der Messe zum Hochfest Christi Himmelfahrt in der katholischen Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis hieß Generalvikar Kyrill Gorbunow die Pilger willkommen und verlieh seiner Freude über ihre Anwesenheit Ausdruck. Die im neugotischen Stil aus Backstein erbaute Kirche war 1999 neu fertiggestellt und geweiht worden, nachdem während der kommunistischen Zeit ein Wohnheim und ein Gemüselager in der dadurch zweckentfremdeten Kirche eingerichtet worden waren.

Auf der anschließenden Busfahrt zur Christus-Erlöser-Kathedrale blitzten die Kuppeln des Kremls im Sonnenlicht und eine 2016 eingeweihte, überdimensionale Statue Wladimirs I., Großfürst der Kiewer Rus, der von der russisch-orthodoxen wie auch von der katholischen Kirche als Heiliger verehrt wird, grüßte den Besucher mit einer Hand am Schwert und der anderen am erhobenen Kreuz wie zum Schutz und Trutz der Nation. Überdimensional sind fast alle Denkmäler in Moskau. Sowjetische und christliche Denkmäler stehen nebeneinander.

Symbol der geistigen Auferstehung

Die Christus-Erlöser-Kathedrale ist ein Herzstück der russischen Orthodoxie und gewissermaßen auch des politischen Selbstverständnisses. Auch die ursprünglich im 19. Jahrhundert erbaute Kirche blieb nicht vom Zerstörungswahn der Kommunisten verschont. Die Fundamente dienten nach einem Umbau als Schwimmbad. Von 1995 bis 2000 wurde sie in rasantem Tempo und zumeist originalgetreu wiedererrichtet, erklärte Pfarrer Fink. Über dem Hauptportal ist Christus mit den Reichsinsignien abgebildet. Auch alle übrigen Abbildungen außen an der Kirche stellen die weltliche mit der geistlichen Macht verschränkt dar.

Der Innenraum ist vollständig ausgemalt, über und über mit Gold eingekleidet und bedeckt. Gläubige küssen die Ikonen, legen ihre Stirn darauf und bekreuzigen sich von der Stirn zur Brust, von der rechten Schulter zur linken, den Daumen, den Zeige- und Mittelfinger dabei zum Zeichen der Dreifaltigkeit zusammengelegt. Jeder Besuch einer orthodoxen Kirche wirkt durch den Gesang, durch die Farbenfröhlichkeit, aber auch die Unwirklichkeit des vielen Goldes, durch die Verwinkelungen und teilweise dunklen Ecken, durch die brennenden Kerzen, den Weihrauch und durch die Anwesenheit der Ikonen wie ein vorläufiger Eintritt, eine Kostprobe des Paradieses.

Vergebung, Barmherzigkeit und Liebe

Am Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs beteten wir einen Barmherzigkeitsrosenkranz. Vergeben wollen und um Vergebung bitten, das sei ein heilsamer, begehbarer Weg der Völker für die Zukunft, sagte Pfarrer Fink. Im Kloster der hl. Elisabeth von Hessen-Darmstadt, der Schwester der letzten Zarin Russlands, erfuhren wir die Geschichte der mildtätigen und in Russland sehr verehrten orthodoxen Heiligen und erlebten einen herzlichen Empfang und Austausch mit den Klosterschwestern.

In der Kirche der Tretjakow-Galerie konnten wir das Original der Marienikone von Wladimir verehren, die die Mutter Gottes in inniger Haltung, Wange an Wange, mit dem Jesuskind zeigt und die die Interpretation zulässt, nach der die Mutter Gottes auf diese Weise auch ihre Liebe zu Russland zeige. Ein orthodoxer Priester gab uns hier seinen Segen.

Der „Vatikan“ der russischen Orthodoxie

Am gleichen Tag ging die Reise weiter nach Sergijew Possad, in dem das Heiligtum des auch von der römischen Kirche als Heiligen anerkannten Sergius von Radonesch liegt. Der Heilige lebte im 14. Jahrhundert und gründete das Dreifaltigkeitskloster, das einen zentralen Stellenwert in der russischen Orthodoxie einnimmt.

Die goldenen Kuppeln grüßten schon über die Mauern der Klosteranlage hinweg, im Inneren herrschte reger Betrieb, Mönche und Priester in langen, schwarzen Kutten, langen Haaren und Bärten, Pilgergruppen – Jung und Alt. In der Dreifaltigkeitskirche befindet sich der Reliquienschrein des Heiligen. Gnaden versprechen sich diejenigen, die den Sarkophag zuerst am Fußende, dann in der Mitte und schließlich am Kopf berühren und sich dabei jeweils bekreuzigen. Irritierend war an dem Ort abermals das Lenin-Denkmal, das vor den Klostermauern, unweit einer Statue des hl. Sergius von Radonesch, immer noch seinen Platz hat.

Aufgabe der Katholiken in Russland

Am nächsten Tag begrüßte uns in der katholischen Kirche in Wladimir der dortige Pfarrer: „Christus resurrexit!“ Mit spürbarem Frohsinn hieß er die Pilger willkommen. Der ursprünglich orthodox getaufte und nun katholische Pfarrer sprach über den Wunsch der Einheit der Christen. Erst die Ostkirchen und die Westkirche vereint bildeten die Fülle der ganzen Kirche ab. Wir selbst könnten die Einheit nicht schaffen, aber wir könnten auf Christus schauen und in seinem Vermögen liege es. Die Aufgabe der Katholiken in Russland sei nicht zu belehren, sondern schlicht anwesend zu sein, da zu sein. „Jeder Mensch wird das, was er ist, durch das, was er von anderen Menschen empfängt. Jesus ist Mensch geworden und hat sich mit allen Völkern und Nationen vereint.“ Zuletzt sprach er aus, was er augenscheinlich verkörperte: „Der Sinn unseres Lebens ist die Freude in Christus.“

Bis hierhin waren die Begegnungen mit den russischen Gastgebern wie ein einziger Rausch der Freude und Dankbarkeit, so als drücke sich darin auch die beiderseitige Erleichterung aus, sich einmal sehen und sprechen zu können, ohne die undurchdringliche Wand und Anspruch erhebende Deutungsweise der Medien und der Politik. Zum Abschied sagte der Pfarrer noch: „Durch Gott kommt die Veränderung, auch in diesem Land.“

Die prophetische Stimme des hl. Seraphim von Sarow

Die Reise ging weiter nach Diwejewo, zum Heiligtum des Seraphim von Sarow (1754-1833), einer der größten und wundertätigsten russischen und orthodoxen Heiligen überhaupt. Der heilige Seraphim war in Kursk geboren, ging nach der Entdeckung seiner Berufung zum Mönchsleben ins Kiewer Höhlenkloster und schließlich nach Sarow. Zwölf Mal ist ihm die Mutter Gottes erschienen, in seinem Leben als Einsiedler soll er 1000 Tage und Nächte betend auf einem Stein verbracht haben, im Kampf mit bösen Mächten wurde er umhergeworfen, Räuber überfielen und verwundeten ihn, weshalb er nur noch gebückt umhergehen konnte. Nach 16 Jahren Reinigung durch die Askese und geistigem Kampf in der Einsiedelei kamen viele Menschen zu ihm, um Rat einzuholen.

Er hinterließ einen Brief an den „Zaren, der nach Sarow kommen wird“. Als Nikolaus II. anlässlich der Kanonisierung 1903 anreiste, wurde ihm der Brief übergeben, in dem sein Tod als Märtyrer vorausgesagt wurde. Auch prophezeite der hl. Seraphim die atheistische Periode in Russland sowie die Rückkehr zu Gott gegen Ende desselben Jahrhunderts.

Brücke zwischen Ost und West

Der hl. Seraphim führte in ein besonderes Verständnis des Heiligen Geistes ein, nach dem die Gläubigen jede ihrer Handlungen dazu nützen sollten, immer mehr Heiligen Geist zu erwerben. Der geistige Gewinn hänge jeweils von der richtigen Absicht ab. Pfarrer Fink erklärte, dass hier eine Essenz der katholischen Theologie getroffen worden war, nach der ein Lehrsatz lautet: Die Gnade setzt die Natur voraus. Auch aus diesem Grund erfreut sich der hl. Seraphim vieler Verehrer aus der römischen Tradition.

Die Frage, ob es als Katholik angemessen sei, orthodoxe Heilige zu verehren, beispielsweise durch die Berührung ihrer Reliquien und Ikonen, beantwortete der Pfarrer damit, dass es jedem freistünde, die Fürsprache und vermittelnde Gnade der Heiligen in Anspruch zu nehmen. Der heilige Johannes Paul II. habe es als Dienst an der Einheit bezeichnet, wenn wir Katholiken anerkennen, dass der Heilige Geist auch in anderen Konfessionen Heiligkeit hervorbringt, und wenn wir deren Heiligen verehren.

Hoffnung unter dunklen Kriegswolken

So sehr die ganze Wallfahrt über Gottes schützende Hand und Führung zu bemerken war und so lichtreich und ansteckend die meisten Begegnungen verliefen, so brach doch immer wieder die Realität der kriegerischen Auseinandersetzungen in unsere Fahrt hinein und verdeutlichte sogleich das Anliegen der Wallfahrt. In allen Städten waren Plakate ausgehangen, die junge Männer abbildeten und hohe Einkommen versprachen für diejenigen, die sich freiwillig zum Einsatz bei der „Sonderoperation“ meldeten. Ein Kirchenmitglied in mittlerem Alter bat uns um Gebet, da sein Sohn gestern eingezogen worden sei. Insgesamt sei der Druck, nach der Grundausbildung einen Vertrag zu unterschreiben, hoch, berichteten verschiedene Leute. Bei einer Feierlichkeit in einem Dorf waren die Fotos von etwa 70 gefallenen Männern aus dem Umkreis zu betrachten, die meisten im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. „Unsere Helden“ war darüber zu le-sen. Ihre Freizeit widmen viele Leute dem Freiwilligendienst, bei dem sie Tarnnetze für die Soldaten knüpfen.

Unsere Methode als Pilger war das Gebet und die Hoffnung auf das Erbarmen Gottes, so wie es in der orthodoxen Liturgie so vielfach angerufen wird. Die vielen Heiligtümer und Begegnungen zeigten, dass unterhalb der politischen Machenschaften Gottes Gnade in den Gnadenquellen seiner Heiligen, der Menschen und der Orte, die ihm Raum geben, wirkt und bei aller Zerstörung schon die nächste Zeit vorbereitet, in der nicht der Missmut gekränkter Egoisten verödetes Land hinterlässt, sondern die Freude lebensbejahender Mitmenschen zur Schaffenskraft neuer Häuser, Tempel und Äcker verhilft.

Die Kasaner Ikone zwischen Orthodoxie und Islam

Inzwischen hatten wir von unserem Startpunkt aus in Moskau bereits 1200 Kilometer zurückgelegt bis ins Land der Tartaren, wo unser nächster Aufenthalt sein sollte: Kasan. In der katholischen Kirche von Kasan empfing uns der Priester Andrej, der vor der Entdeckung seiner Priesterberufung Raumfahrt studieren wollte, wie er erzählte. Durch einen ökumenischen Gebetskreis sei er auf die katholische Lehre gestoßen und habe sich überzeugen lassen. Neben Moskau und St. Petersburg sei Kasan die dritte, inoffizielle Hauptstadt Russlands, erläuterte der Pfarrer. Die russische Republik Tatarstan ist fast zu gleichen Teilen muslimisch und orthodox. Im Kasaner Kreml steht nahe der 2005 eingeweihten Kul-Scharif-Moschee die Mariä-Verkündigungs-Kathedrale, die ursprünglich unter Iwan dem Schrecklichen (1530-1584) gebaut worden war.

Unweit des Kremls befindet sich die inzwischen wiedererrichtete und 2020 eingeweihte Kasaner Kathedrale, in der wir die berühmte Ikone der Gottesmutter von Kasan verehren konnten. Sie war nach einer langen Reise durch Europa über Amerika und schließlich Fatima in den persönlichen Gebetsschatz des hl. Papstes Johannes Paul II. gelangt. 2004 hatte er sie an die russisch-orthodoxe Kirche zurückgegeben. Als wir in die Kirche gingen, war die Schlange vor der Ikone lang. Eine Nonne huschte von links nach rechts und mühte sich, die abgebrannten Kerzen vor den Heiligenbildern zu entfernen. In gewissen Zeitabständen ging sie zur Ikone der Gottesmutter von Kasan und wischte die Glasscheibe ab, die zum Schutz der Ikone angebracht ist und die die Gläubigen küssten und ihre Stirn daranlegten.

Als wir aus der Kirche gingen, kam uns mit weit ausgestreckten Armen und gütigem Lachen ein orthodoxer Priester entgegen: „Vater Erich“, rief er. Der im ersten Moment etwas verdutzte Pfarrer Fink nahm die freundschaftliche Umarmung des Priesters an und hörte sodann, dass dies der Verantwortliche der orthodoxen Kirche für Soziales in der Region Perm sei. Pfarrer Fink leitet in Beresniki eine „Schule des Lebens“, in der Drogenabhängige ihren Weg in die Freiheit finden können. Außerdem betreibt er einen Bauernhof, in dem die Geheilten und andere Bedürftige arbeiten können. Dazu hat er ein Obdachlosenzentrum, Aufnahmefamilien für Straßenkinder und einige weitere soziale Projekte ins Leben gerufen, was seinen vorauseilenden Ruf in diesem Fall auch erklärte. „Ich verneige mich bis zum Boden“, sagte der Priester und deutete eine entsprechende Bewegung an.

Großer Pilgertag am Erscheinungstag der Gottesmutter von Obwinsk

Mit der Transsibirischen Eisenbahn fuhren wir Richtung Perm, wo wir in Obwinsk an den Feierlichkeiten zur Erscheinung der Muttergottes bei Obwinsk, die von der orthodoxen Kirche anerkannt ist, teilnahmen. 1685 erschien die Gottesmutter in einem weißen Gewand und ohne Jesuskind, ähnlich wie in späteren westlichen Erscheinungen, einem Bauern und mahnte zur Umkehr und zum Empfang der Sakramente. An dem Ort sind auch ein Kloster und eine Kirche gebaut worden, die Kirche steht ironischerweise in der „Leninstraße“. Die Liturgie leitete der zuständige Bischof Pjotr, dicht drängten sich Jung und Alt vor der Ikonostase, zum unendlich in sich verwobenen, den Kirchenraum erfassenden Gesang und den Kyrie-Rufen beugten sich die Gläubigen gleichmäßig nach vorn, berührten mit drei zusammengelegten Fingerspitzen den Boden oder deuteten diese Bewegung an und bekreuzigten sich. In einer Ecke stand ein Priester, der die Beichte hörte, wobei der Beichtende seinen Kopf zur Lossprechung auf die Bibel legte und dabei von der Stola des Priesters bedeckt wurde. Die Liturgie vermittelte durch ihre langen, nicht enden wollenden Gesänge und durch die frommen Bewegungen der Gläubigen, die sich immer wieder verbeugten und aufrichteten, ein Stück lebendiger Ewigkeit.

Nach der anschließenden Prozession um die Kirche begrüßte uns der Bischof vor der Kirchentür. Er hieß uns willkommen und regte uns an, darüber nachzudenken, dass die Gottesmutter die Orthodoxie besonders liebe. „Wir sind froh, dass Sie gekommen sind und wir wünschen Ihnen Gesundheit und uns allen die Umkehr zu Christus.“ Er verwies auf die antichristliche Stimmung im Westen und lud uns ein: „Wenn es euch zu bunt wird, kommt zu uns, wir nehmen euch auf.“

Besuch der Märtyrer von Mokkino im Licht Fatimas

Mit dem orthodoxen Priester Vater Jewgenij beteten wir in Mokkino, einem kleinen Ort 80 km südlich von Obwinsk, in dem der Priester Pawel Anoschkin und sein Diakon Grigorij Smirnow zu Beginn der kommunistischen Herrschaft umgebracht worden waren. Die Märtyrer waren von Bolschewiken an Pferde angebunden und kilometerweit durch das Dorf geschleift worden. An der Stelle, an der sie den Tod fanden, ist ein Kreuz errichtet worden, ebenso an dem Ort, an dem 2016 ihre Gräber entdeckt wurden. Ihre Sarkophage befinden sich heute in der orthodoxen Himmelfahrtskirche in Perm. Dorthin führte uns auch die nächste Busfahrt.

In der katholischen Kirche der Unbefleckten Empfängnis in Perm empfing uns Pfarrer Iwan. Auch diese Kirche, die 1875 eingeweiht worden war, wurde zur Sowjetzeit als Einrichtung für Taubstumme zweckentfremdet und nach 1989 für die Feier der Gottesdienste wiederhergestellt. Unser Besuch sei ein Geschenk für die Pfarrei, sagte der Pfarrer. In einer Krisenzeit sei die Einheit der Welt, Europas und der Christen nicht einfach zu leben. Europa, an dessen Grenze wir uns jetzt befanden, und zu dem auch Russland gehöre, gründete auf dem Christentum. Trotz schwieriger Geschichte, auch zwischen Russen und Deutschen, sei dies der Keim der Gemeinschaft zwischen den Völkern und der Horizont für den Frieden. Einheit sei immer ein Wunder des Heiligen Geistes.

Im äußersten Nordosten Europas

Am kommenden Tag waren wir im Wirkungsbereich des Pfarrers Fink angekommen. In Rjabinino (Rebinina), einer früheren Arbeitskolonie von Opfern der politischen Repression, vor allem von Russlanddeutschen, steht die Fatima-Kirche, die auch zum Gebetsverbund „Maria – Mutter Europas“ gehört und 2015 eingeweiht wurde. Die Kirche in Form eines Herzens, das an das Unbefleckte Herz Mariens erinnern soll, liegt im Zentrum des Ortes in Flussnähe. Die Messe feierten wir zusammen mit der Gemeinde und sangen das Fatima-Lied auf Russisch, in dem es in der zehnten Strophe heißt: „Die Liebe zu Dir, Mutter, ist für immer heilig, Russland wird zur Ehre Christi gerettet werden.“

In kleine Gruppen aufgeteilt übernachteten wir in Gastfamilien. Durch Gastfreundschaft reich beschenkt machten wir uns am nächsten Tag zunächst auf den Weg nach Nyrob, „dem Ende der Welt“ (Fink). Kein Bus und kein Zug fahre ab dort mehr, sagte der Pfarrer. Es gebe Straßen, die endeten einfach im Nichts der russischen Taiga. Wir fuhren an riesigen Gefängnisanlagen mit Stacheldraht vorbei, ab und an blitzten kleine, goldene Kuppeln über den Stacheldraht hervor: die Gefängniskapellen. Aufgrund des Angebots für Insassen, bei einer vertraglichen Teilnahme an der militärischen Spezialoperation die Haftstrafe erlassen zu bekommen, seien die Gefängnisse momentan fast leer.

In Nyrob war Michail Nikititsch Romanow, der Onkel des ersten russischen Zaren aus der Romanow-Familie, verbannt worden und 1601 an Misshandlungen gestorben. Die Grube, in der er ein Jahr lang an Eisen gekettet lebte und betete, konnten wir unter einer Kapelle besichtigen. Ein kleines Ikonenbild ist dort im dunklen Untergeschoß von ihm aufgestellt.

Ankunft im Herzstück der Pfarrei

Einen Zwischenstopp legten wir bei Solikamsk in der ebenfalls neu gebauten St. Anna Kirche ein, bevor es in das Herzstück der Pfarrei „Maria – Königin des Friedens“ ging: nach Beresniki. Wir sammelten uns abends in der Kirche, in der am Sonntag dem 8. Juni, das 25-jährige Bestehen der Pfarrei gefeiert werden sollte. Der Kirche ist ein Obdachlosenheim angeschlossen. Viele von denen, die dort eine Unterkunft gefunden haben, übernehmen Zeiten in der Ewigen Anbetung. Auch die lutherische Gemeinde feiert in Räumen des Kirchengebäudes ihre Gottesdienste, ebenso ist die Gesellschaft der Russlanddeutschen im Erdgeschoß der Kirche untergebracht.

Ein Gemeindemitglied begrüßte die Pilger auf Deutsch: „Liebe Freunde, wir sind so froh, dass ihr hierhergekommen seid, dass ihr den Mut aufgebracht habt und das Interesse. Wir sind Freunde. Wir sind Christen.“ Die Vorsitzende des Vereins der Russlanddeutschen hieß uns ebenfalls willkommen. Ihre Volksgruppe, so erklärte sie, sei eine Brücke zwischen der russischen und deutschen Kultur. Die Möglichkeit, diese Kommunikation zwischen den Völkern aufrechtzuerhalten, bestehe weiter. „Was meinen Sie?“, fragte sie die Pilger. In Beresniki übernachteten die Pilger abermals in Gastfamilien. Die Aufnahme war herzlich und alles wurde dafür getan, damit sich die Gäste wohlfühlten.

25-Jahr-Feier mit Ausstellung zur „Weißen Rose“

Am Sonntag, 8. Juni, ging die Feier weiter: Pfingsten, 25 Jahre Bestehen der Pfarrei in Beresniki, außerdem empfingen vier Kinder die Erstkommunion und ein älterer Mann ließ sich taufen. Im Anschluss an die Messe richteten der orthodoxe Erzpriester Michail, der evangelische Gemeindevorsteher, eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung, die Gemeinderatsvorsitzende und die Vorsitzende der Gesellschaft der Russlanddeutschen ihre Gruß- und Dankesworte sowie Glückwünsche an Pfarrer Fink und die Gemeinde. Erzpriester Michail bezeichnete Pfingsten als das „Fest der ganzen Kirche“ und wünschte die „Liebe und die Gnade Gottes“.

In den Pfarrräumen wartete eine weitere Überraschung. Ein Doktorand der Russisch-Orthodoxen Universität in Moskau eröffnete eine Ausstellung, in der es um die Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ ging. Ein maßgebliches Mitglied, Alexander Schmorell, war bekennender orthodoxer Christ und wurde 2012 von der Russisch-Orthodoxen Kirche heiliggesprochen. Der Doktorand, der die Erarbeitung der Ausstellung leitete, stellte Zitate von Mitgliedern der „Weißen Rose“ zusammen, durch die das Glaubensfundament deutlich wird, auf denen die Gedanken der Gruppe aufbauten. Der wissenschaftliche Assistent aus Moskau erzählte außerdem, derzeit mit der Übersetzung von Dietrich Bonhoeffer ins Russische beschäftigt zu sein. Die Ausstellung, die 25 große Banner umfasst, stellte er in fließendem Deutsch vor.

Über die „Schule des Lebens“ nach Asien

In Jajwa – auf dem Weg nach Jekaterinburg – zeigten uns Abhängige, die den Weg aus der Sucht eingeschlagen haben, das Gelände der „Schule des Lebens“. Ein ehemaliger Abhängiger, der das Zentrum seit zehn Jahren leitet, erzählte uns zusammen mit seiner Frau die beeindruckende Geschichte seiner 20-jährigen Abhängigkeit und seines Weges zur Freiheit in Christus. In der Kapelle des heiligen Erzengels Michael feierten wir die heilige Messe. Pfarrer Fink sprach von den „Nächsten als Schule der Liebe“. „Solange wir nicht von der Liebe Gottes zu allen Menschen überzeugt sind, können wir keinen Frieden in die Welt bringen. “

In der katholischen Kirche St. Anna in Jekaterinburg, unserer letzten Wallfahrts-Station, begrüßte uns Pfarrer Antonius Gsell, der aus Nowosibirsk stammt. Er hat russlanddeutsche Vorfahren und spricht, obwohl er nie in Deutschland gelebt hat, einwandfreies Deutsch. Zur Zeit der Sowjetunion besuchte er in Riga das einzige Seminar, das es im sowjetischen Raum gab. Seit 2008 ist er Pfarrer in Jekaterinburg. Die Kirche sei gut besucht, erzählte er, am Sonntag würden vier Messen gehalten, zu denen insgesamt 200 bis 250 Gläubige kämen, von denen ein Großteil Russen seien.

Schlusspunkt im Zeichen von Bekehrung und Buße

In der Stadtmitte besuchten wir die orthodoxe „Kathedrale auf dem Blut“, die 2003 an der Stelle errichtet wurde, an der die Zarenfamilie umgebracht worden war. Etwas außerhalb der Stadt beteten wir vor der Grube, in die die Leichname der Zarenfamilie geworfen worden waren und um die herum inzwischen eine von Mönchen gepflegte Klosteranlage entstanden ist.

Gott sei Dank für die gnadenreiche Reise, die zeigte: In der Bekehrung zu Christus ist der Friede zu finden und Christus finden wir auch in der Begegnung mit dem Mitmenschen und im Gebet.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 8/9 August/September 2025
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Russland unter dem Schutz der Gottesmutter

Die älteste russische Marienikone

Das älteste Marienbild, das auf russischem Boden gemalt wurde, ist die Ikone der Gottesmutter von Bogoljubowo aus dem 12. Jahrhundert. Das Bild geht auf eine Marienerscheinung zurück, die dem Großfürsten Andreij Bogoljubskij in der Nähe von Wladimir zuteilgeworden ist. Die Geschichte dieses Bildes ist eng mit der weltbekannten Ikone der Gottesmutter von Wladimir verbunden. Auf diesem Hintergrund beleuchtet Pfarrer Erich Maria Fink die Anfänge der Marienverehrung in Russland.

Von Erich Maria Fink

Blick in die Geschichte Russlands

Russland ging aus dem Zusammenschluss ostslawischer Stämme hervor, die im osteuropäischen Tiefland angesiedelt waren. Die Führung übernahmen Waräger aus Skandinavien. Dabei handelt es sich um eine Teilgruppe der Wikinger, die als Händler und Krieger bis nach Konstantinopel unterwegs waren. Der Name Waräger leitet sich aus zwei altnordischen Wörtern ab und ist eine Bezeichnung für „Weggefährten“, die durch ein „Gelöbnis“ miteinander verbunden sind. Dieses Bündnisdenken machte ihre Stärke aus.

Die Anfänge erfolgten im 9. Jahrhundert. Rurik (etwa 830-879), der aus einer Sippe der Waräger mit dem Namen Rus stammte, vereinigte slawische Stämme um Nowgorod und brachte sie unter seine Herrschaft. Damit begründete er 862 die „Rus von Nowgorod“ und zugleich die sog. „Rurikiden-Dynastie“, die bis zum Tod von Zar Fjodor I., dem letzten Rurikiden-Herrscher, im Jahr 1598 an der Macht war. Nach der sog. „Zeit der Wirren“ wurde sie mit der Wahl von Michael Romanow zum neuen Zaren im Jahr 1613 von der „Romanow-Dynastie“ abgelöst.

Nachfolger von Rurik (Rjurik) als Fürst von Nowgorod wurde Oleg, ein Verwandter, der 879 als Vertreter von Ruriks jungen Sohn Igor die Herrschaft antrat. 880 eroberte er Smolensk und 882 Kiew. Er führte die Fürstentümer Nowgorod und Kiew zusammen, wählte Kiew als neue Hauptstadt und begründete damit die Rus, die seit dem 19. Jahrhundert als „Kiewer Rus“ bezeichnet wird. Wichtigstes Ereignis dieser Periode war die Annahme des byzantinischen Christentums als Staatsreligion durch Großfürst Wladimir. Seine Taufe bzw. die Massentaufe der Kiewer Rus im Dnjepr fand der Überlieferung nach 988 statt.

Die Wladimirer Rus

Im 14. Jahrhundert etablierte sich das Großfürstentum Moskau als Nachfolger der Kiewer Rus. 1328 wurde Moskau zur Hauptstadt ernannt. Für den Übergang der politischen und kulturellen Macht von Kiew nach Moskau spielte das Fürstentum Wladimir-Susdal eine entscheidende Rolle. Denn zunächst entwickelte sich im 12. Jahrhundert die Stadt Wladimir zum neuen Zentrum der Kiewer Rus.

Jurij Dolgorukij (1090-1157) war Fürst von Rostow (später Rostow-Susdal), hatte aber auch den Titel des Großfürsten der Kiewer Rus inne. Bekannt wurde er durch seine Gründung von Moskau im Jahr 1147. Sein Sohn Andreij Bogoljubskij (1111-1174) war Fürst von Wyschgorod bei Kiew und trat nach dem Tod seines Vaters 1157 dessen Nachfolge an. Er behielt den Titel des Großfürsten von Kiew, verlagerte aber das Zentrum der Rus nach Osten, nachdem er zum Fürsten von Wladimir und Susdal gewählt worden war. Er verlor das Interesse an Kiew, das sich bereits im Niedergang befand, und ordnete 1169 sogar die Plünderung der Stadt durch seinen Bruder Mstislaw an. Wladimir aber baute er zum neuen Machtzentrum der Rus aus.

Andreij Bogoljubskij – ein Heiliger?

Es mag etwas befremdend wirken, dass Andreij Bogoljubskij von der Russisch-Orthodoxen Kirche als Heiliger verehrt wird. Doch ein Blick auf die drei nordischen Könige Knud, Olaf und Erich, die katholischerseits als Heilige verehrt werden, lässt viele Parallelen zu Andreij Bogoljubskij erkennen. Der hl. Erich IX. von Schweden (um 1120-1160) mit seinen Kreuzzügen gegen die Finnen war sein Zeitgenosse. Und Großfürst Wladimir, der zweihundert Jahre früher erst durch seine Hinwendung zum Christentum einen Wandel vollzogen hat, wird auch im katholischen Heiligenkalender geehrt.

Jedenfalls nahmen die Herrscher der Kiewer Rus den christlichen Glauben sehr ernst. Er war ein entscheidender Beweggrund all ihres Handelns und brachte einen unglaublichen kulturellen Reichtum hervor, der den Schätzen in Westeuropa nicht nachsteht. Die Großfürsten wie Andreij Bogoljubskij glaubten wirklich an Jesus Christus als den einzigen Erlöser und Richter der Welt, dem sie einmal Rechenschaft ablegen müssen. Vor allem hatten sie ein großes Vertrauen auf den Schutz und die Fürbitte der Gottesmutter, das sie mit prächtigen Kirchenbauten bezeugten.

Unsere Liebe Frau von Wladimir

Die religiösen Gegenstände, die nach der Christianisierung in der Kiewer Rus gebraucht wurden, kamen zum größten Teil aus Konstantinopel. So gelangte Anfang des 12. Jahrhunderts auch eine Marienikone über Kiew in das damals neugegründete Frauenkloster von Wyschgorod, das von Andreij Bogoljubskij regiert wurde. Von dort brachte er sie 1155 nach Wladimir, wo er zwischen 1158 und 1160 die Mariä-Entschlafens-Kathedrale errichten ließ, einen dreischiffigen Bau mit drei Apsiden, der schon 1185 bis 1189 auf fünf Schiffe verbreitert und um ein Joch verlängert wurde. Diese bis heute erhaltene Steinkirche beherbergte die weltweit bekannte Wladimirskaja-Ikone bis 1395. Dann fand sie ihren Platz in der Ikonostase der Mariä-Entschlafens-Kathedrale im Moskauer Kreml und wurde zum meistverehrten Bild Russlands. 1918 wurde sie von den Kommunisten entfernt und schließlich in der Tretjakow-Galerie ausgestellt.

Zunächst wollte Andreij Bogoljubskij die Ikone in seine Residenz von Rostow-Susdal bringen. Bei der Überführung der Ikone blieben die Pferde jedoch 16 km nach Wladimir ohne ersichtlichen Grund plötzlich stehen. Der Wagen war nicht mehr zu bewegen. Auch ein Austausch der Pferde half nichts. Da ließ er einen Bittgottesdienst vor der Ikone abhalten. Als er sich danach allein im Zelt aufhielt und betete, erschien ihm die Gottesmutter und befahl ihm, die Ikone nach Wladimir zu bringen. An der Stelle der Erscheinung aber solle er eine Kirche zu Ehren ihrer Geburt und ein Kloster errichten. So gelangte die Ikone nach Wladimir, am Erscheinungsort aber ließ er den Grundstein für eine Kirche und ein Kloster legen. Gleichzeitig wählte er diesen Ort für seine neue Residenz, einen Prachtbau von einzigartiger Schönheit und Größe. Den Bau begann er wie die Errichtung der Kathedrale in Wladimir 1558. In der Turmtreppe, die zur Mariä-Geburt-Kirche führte und die bis heute stehengeblieben ist, wurde er 1174 von Bojaren ermordet. Deshalb wird er auch als Märtyrer verehrt.

Ikone der Marienerscheinung

Andreij Bogoljubskij gab den Auftrag, eine Ikone von der Erscheinung anzufertigen, wie er sie gesehen hatte. Die Ikone wurde auf einem Zypressenbrett gemalt und zeigt die Gottesmutter stehend in voller Gestalt, ohne Jesuskind, mit zum Gebet erhobenen Händen und dem Gesicht Jesus Christus zugewandt, der von oben her auf sie herabblickt. In ihrer rechten Hand hält sie eine Schriftrolle mit dem Gebet, das sie an ihren Sohn richtet: „O barmherziger Meister, Herr Jesus Christus, mein Sohn und mein Gott, ich bitte Dich: Lass die Göttliche Gnade auf Deinem Volk ruhen! Möge der leuchtende Strahl Deiner Herrlichkeit immer auf diesen Ort herabsteigen, den ich erwählt habe!“

Die Ikone mit den Maßen 185 mal 105 Zentimeter gilt als die erste Ikone, die auf russischem Boden gemalt wurde. Sie befand sich zunächst in der Mariä-Geburt-Kirche, die in den Palastkomplex einbezogen war. Während der Pest-Epidemie von 1771 wurde sie nach Wladimir überführt und danach jährlich in Prozessionen durch die Städte und Dörfer der Provinz getragen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts befand sie sich in einem beklagenswerten Zustand. Die aufwendigen Restaurierungsarbeiten, die notwendig geworden waren, zogen sich über mehrere Jahrzehnte hin. 1993 wurde von der Firma, die auch den Sarkophag für das Lenin-Mausoleum hergestellt hatte, eine hermetisch abgeschlossene Vitrine aus Spezialglas geschaffen, in der sich die Ikone seither befindet. 2009 wurde sie vom Wladimir-Susdal-Museumsreservat erneut einer Restaurierung unterzogen. Nach Abschluss der Arbeiten wurde sie am 15. März 2024 im Museumszentrum von Wladimir der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Ausstellung heißt „Ikone des 12. Jahrhunderts – die Bogoljubskaja Gottesmutter“ und soll noch bis 15. März 2026 geöffnet bleiben.

Ausblick

Am Fest der Erscheinung der Gottesmutter von Bogoljubowo, das seit jeher am 18. Juni gefeiert wird, singt die Kirche: „Du Gott liebende Königin! Beschütze uns mit Deinem Gewand vor allem Bösen, bewahre uns vor sichtbaren und unsichtbaren Feinden und rette unsere Seelen!“ Wie der Name „Theophilus“ (vgl. Apg 1,1) heißt „Bogoljubskij“ sowohl „der von Gott Geliebte“ als auch „der Gott Liebende“. Er besagt also, dass Gott den Ort wie den Großfürsten liebt, aber auch, dass er ein Gott Liebender ist. Die mütterliche Fürsorge der Gottesmutter durchzieht die ganze Geschichte Russlands. Wie wichtig wäre es gerade in diesen Tagen, dass sich das russische Volk auf diesen Schutz besinnt!   

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 8/9 August/September 2025
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Wie wir den Schutz des Lebens verlieren könnten

Zwischen Werbung und Wegsehen

Cornelia Kaminski, Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA e.V.), ruft zur Teilnahme am „Marsch für das Leben“ auf. Er findet am Samstag, 20. September 2025, sowohl in Köln (Neumarkt) als auch in Berlin (Washingtonplatz/Hbf.) ab 13:00 Uhr statt. Uns allen muss die Würde des Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod ein Anliegen sein. Wie leichtfertig auch Politiker von C-Parteien das christliche Menschenbild verraten, hat viele erschüttert. Gerade auf dem Hintergrund der Debatte um die Staatsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf ist der Marsch ein unersetzbares Zeugnis.

Von Cornelia Kaminski

Die rot-grüne Bundesregierung ist Vergangenheit. In Sachen Lebensschutz hat sie in dreieinhalb Jahren massiven Schaden angerichtet: Für Abtreibungen darf nun geworben werden, dafür ist jetzt das stille Gebet vor einer Abtreibungseinrichtung – und damit die Werbung für das Leben – eine Ordnungswidrigkeit. Die Liberalisierung der Abtreibungsregelung selbst ist diesen Politikern nicht mehr geglückt – nicht, weil sie es nicht mit allen Mitteln versucht hätten, sondern weil die Koalition vorher zerbrach.

Anders sieht es in England aus. Dort haben die Abgeordneten des Parlaments mit großer Mehrheit beschlossen, Abtreibungen zu entkriminalisieren:  Frauen sollen künftig nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden, wenn sie abtreiben lassen – egal zu welchem Zeitpunkt in der Schwangerschaft. Gleichzeitig wurde ein Gesetz verabschiedet, das den Zugang zu assistiertem Suizid ermöglicht. Beide Entscheidungen markieren einen historischen Einschnitt: Sie stellen das Recht auf Leben – von seinem Anfang bis zu seinem natürlichen Ende – zur Disposition.

Die gleichzeitige Liberalisierung von Abtreibung und assistiertem Suizid ist kein Zufall. Beide Entwicklungen entspringen einer Kultur, in der das Lebensrecht nicht mehr als unantastbar gilt, sondern an Bedingungen geknüpft wird: an Gesundheit, an Lebensqualität oder an den Willen des Einzelnen. Die Kirche warnt seit langem davor, dass die Entwertung ungeborenen Lebens zwangsläufig auch die Achtung vor dem Leben am Lebensende schwächt. Wo das Lebensrecht verhandelbar wird, geraten die Schwächsten – die Ungeborenen, die Alten, die Kranken – unter Druck.

Dass auch die Verabschiedung eines Gesetzes zur Regelung des assistierten Suizids in Deutschland gescheitert ist, ist daher etwas, wofür wir dankbar sein müssen. Allerdings gilt auch: Wir haben nur etwas Zeit gewonnen. Schon hat sich eine Gruppe von Abgeordneten gebildet, die ein solches Gesetz in Angriff nehmen möchte – nur: wie will man den assistierten Suizid so regeln, dass er einerseits dem völlig ausgeuferten Autonomieverständnis des Bundesverfassungsgerichts entspricht, und andererseits das Leben aller Menschen schützt, auch derer, die sich mit Selbsttötungsgedanken tragen?

Wie sehr das Lebensrecht auch am Anfang des Lebens nach wie vor unter Druck steht, zeigt ein Blick in die Zeitungslandschaft oder ins Fernsehen. Die Apothekerumschau warb in der Ausgabe vom 1. Juli 2025 dafür, erneut über den § 218 zu diskutieren. Der NDR bringt im Juni eine ausführliche Reportage über Kurse, bei denen Medizinstudenten in Hamburg in Eigenregie an Papayas üben, wie man „Schwangerschaftsgewebe“ absaugt. Dass dieses „Gewebe“ in Wahrheit ein kleiner ungeborener Mensch ist, darüber wird kein Wort gesagt. Frontal 21, ein Format des ZDF, versucht im selben Monat, Lebensrechtler in die Nähe des Fundamentalismus zu rücken. Mit Frauke Brosius-Gersdorf soll eine Juristin ins Bundesverfassungsgericht einziehen, die sich ausdrücklich für die Abschaffung des §218 stark gemacht hat. Schwangerschaftsabbrüche sollten nicht mehr als Unrecht gelten, sondern als normale medizinische Leistung anerkannt und von den Krankenkassen bezahlt werden, so ihre Forderung. Ihrer Auffassung nach beginnt der Grundrechtsschutz mit der Geburt. Die Menschenwürde-Garantie des Grundgesetzes gälte ausschließlich für geborene Menschen. Mit anderen Worten: Sie knüpft die Menschenwürde an Eigenschaften. Und die sind austauschbar. Genau darin liegt die Gefahr: Was, wenn solche Richter entscheiden, dass nicht das „Geborensein“ ausschlaggebend ist für die Menschenwürde, sondern das „Gesundsein“?

Ein Blick in andere Länder zeigt, wie naheliegend dieser Rückschluss ist. In Kanada, in dem Abtreibungen grundsätzlich erlaubt sind, sterben Jahr für Jahr mehr Menschen durch assistierte Tötung, mittlerweile fast 5% aller Sterbefälle sind betroffen – über 15.000 Menschen pro Jahr. Keinesfalls sind diese Menschen sterbenskrank: Depressive, Obdachlose, Behinderte erhalten statt eines Hilfsangebots die Aufforderung, sich mit dem „sozial verträglichen Frühableben“ anzufreunden.

Angesichts dieser Entwicklungen ist es wichtiger denn je, öffentlich für den Schutz des Lebens einzutreten – von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod. Der Marsch für das Leben ist eine Gelegenheit, Gesicht zu zeigen und deutlich zu machen: Jede und jeder ist wertvoll und verdient Schutz – unabhängig von Alter, Krankheit oder Lebensumständen. Lassen wir nicht zu, dass die Schwächsten in unserer Gesellschaft vergessen werden.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 8/9 August/September 2025
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„Nihil obstat“ für die Marienerscheinungen auf dem Berg Zvir bei Litmanová

„Lass dich von Jesus befreien“

Die mutmaßlichen Marienerscheinungen auf dem Berg Zvir begannen am 5. August 1990, drei Kilometer von Litmanová entfernt, einem kleinen Dorf mit byzantinisch-katholischer Tradition im Norden der Slowakei. Drei Kinder, Ivetka Korcáková (11 Jahre), Katka Ceselková (12 Jahre) und Mitko Ceselka (9 Jahre), erlebten die Erscheinungen bis 1995. Dabei stellte sich ihnen die Jungfrau Maria unter dem Titel „Unbefleckte Reinheit“ vor. Den Brief, in dem der Vatikan nun dieser Marienverehrung das „Nihil obstat“ erteilt hat, stellt die Journalistin Victoria Cardiel vor, die für verschiedene Medien über den Vatikan berichtet wie z. b. für die Wochenzeitung der Erzdiözese Madrid. Der etwas gekürzte Beitrag erschien am 9. Juli bei ACI Prensa, dem spanisch-sprachigen Partner von CNA.

Von Victoria Cardiel

Das Dikasterium für die Glaubenslehre des Vatikans hat ein „Nihil obstat“ für die Marienverehrung im Zusammenhang mit den angeblichen Erscheinungen der Jungfrau Maria auf dem Berg Zvir in der Nähe des Dorfes Litmanová im Nordwesten der Slowakei von 1990 bis 1995 erteilt. Das Schreiben, das vom Präfekten des Dikasteriums, Kardinal Victor Manuel Fernández, unterzeichnet und an Erzbischof Jonáš Jozef Maxim, das Oberhaupt der Erzdiözese Prešov für die Katholiken des byzantinischen Ritus, gerichtet ist, erkennt den pastoralen Wert des Phänomens an und genehmigt die öffentliche Verehrung, ohne sich zur übernatürlichen Echtheit der Erscheinungen zu äußern. Bei der Beurteilung seien „die vielen spirituellen Früchte“ berücksichtigt worden, die dieses Phänomen hervorgebracht habe.

Die Entscheidung entspricht dem formellen Antrag des slowakischen Erzbischofs, der in Briefen an den Vatikan im Februar und Mai „die unzähligen aufrichtigen und von Herzen kommenden Bekenntnisse und Bekehrungen von Pilgern“ hervorhob, „die trotz des angeblichen Endes der Erscheinungen vor drei Jahrzehnten weiterhin am Heiligtum stattfinden“. Erzbischof Maxim hob auch den stetigen Strom von Pilgern hervor, die weiterhin an diesen Ort kommen und damit ein fortwährendes Glaubenserlebnis bekunden.

Fernández verwies auf mehrere Botschaften, die der Jungfrau zugeschrieben werden und zu Bekehrung, Freude und innerer Freiheit aufrufen. Einer der am häufigsten zitierten Texte ermahnt: „Lasst euch von Jesus befreien. Lasst euch von Jesus befreien. Und lasst nicht zu, dass euer Feind eure Freiheit einschränkt, für die Jesus so viel Blut vergossen hat. Eine freie Seele ist die Seele eines Kindes“ (5. Dezember 1993).

Bei mehreren Gelegenheiten präsentiert sich die Erscheinung als „glücklich“ und wiederholt Ausdrücke bedingungsloser Liebe: „Ich liebe euch, so wie ihr seid. Ich liebe dich. Ich liebe dich! Ich möchte, dass du glücklich bist, aber diese Welt wird dich niemals glücklich machen“ (7. August 1994). Die Gläubigen werden auch zu einer einfachen und tiefen Spiritualität eingeladen: „Beginnt, einfach zu leben, einfach zu denken und einfach zu handeln. Sucht die Stille, damit der Geist Christi in euch neu geboren werden kann“ (5. Juni 1994).

Das Dikasterium für die Glaubenslehre räumte jedoch ein, dass „einige Botschaften Unklarheiten oder unklare Formulierungen enthalten“, wie beispielsweise eine, die suggeriert, dass fast alle Menschen in einem Teil der Welt verdammt sind, oder eine, die besagt, dass „die Ursache aller Krankheiten die Sünde ist“. Diese Botschaften wurden vom Vatikan als nicht zur Veröffentlichung geeignet erachtet. Gleichzeitig erinnert der Brief daran, dass bereits 2011 eine Glaubenskommission, die sich mit der Untersuchung dieser Erscheinungen befasste, festgestellt habe, die angeblichen Seher hörten keine Botschaften in menschlicher Sprache, sondern machten innere Erfahrungen, die sie dann zu übersetzen versuchten, was bestimmte Ungenauigkeiten oder persönliche Interpretationen erkläre. Aus diesem Grund bat der Kardinal der Römischen Kurie den Erzbischof von Prešov, eine Zusammenstellung dieser Botschaften zu veröffentlichen, wobei alle Aussagen, die zu Verwirrung führen oder den Glauben der einfachen Menschen erschüttern könnten, ausgeschlossen werden sollten.

Der Vatikan stellte klar, dass das „Nihil obstat“ nicht gleichbedeutend mit der Anerkennung einer übernatürlichen Intervention sei, aber es erlaube die öffentliche Verehrung. Die Gläubigen könnten „sich diesem spirituellen Angebot sicher nähern”. Denn der wesentliche Inhalt der angeblichen Botschaften könne ihnen helfen, das Evangelium Christi tiefer zu leben.   

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„Jeder noch so lange Weg beginnt mit einem ersten Schritt“

Zum „Mariathon“ von Radio Horeb

Anlässlich des „Mariathons“ von Radio Horeb hielt der Augsburger Diözesanbischof Dr. Bertram Meier am 16. Mai 2025 in Balderschwang eine Pontifikalmesse. Konzelebranten waren Kardinal Fridolin Ambongo Besungu und Programmdirektor Pfarrer Dr. Richard Kocher. Nachfolgend die Predigt, in der Bischof Meier auf die Schriftlesungen des Tages Bezug nimmt (Apg 13,26-33; Joh 14,1-6).

Von Bischof Bertram Meier

In diesen Tagen begleiten wir den hl. Paulus in der Liturgie auf seiner ersten Missionsreise durch Kleinasien, die überwiegend auf dem Gebiet der heutigen Türkei stattfand. Paulus, der selbst aus einer jüdischen Familie stammt, sucht zunächst die Brüder und Schwestern in den Synagogen auf. Schließlich haben sich mit Jesus Christus die Jahrhunderte alten Verheißungen seines Volkes erfüllt. Viele Orte, die Paulus aufsuchte, waren jüdische Diasporagemeinden, umgeben von Menschen, die die Verheißung der Väter nicht kannten; oft waren aber sie es, die hinzukamen, der Predigt des Apostels interessiert zuhörten und die Frohe Botschaft mit offenen Herzen aufnahmen. Recht schnell wurde Paulus klar, dass die Botschaft Jesu Christi auf umso fruchtbareren Boden fällt, je mehr er den Adressatenkreis erweitert – selbst wenn er damit den Unmut seiner jüdischen Glaubensgeschwister auf sich zieht. So wurde Paulus zum Apostel der Heiden, zum Völkerapostel. Als solcher bahnte er dem Christentum den Weg zu einer Weltreligion, deren heilbringende Botschaft bis heute für die Menschen aller Länder bestimmt ist. Die Reichweite, die der hl. Paulus für die Frohe Botschaft in der damaligen Zeit erzielte, sowie die Anzahl der Gemeinden, die der unermüdliche Apostel gründete, ist rekordverdächtig. Er wäre sicher ein guter Marathonläufer gewesen. Wenn Paulus einen Schrittzähler hätte, wieviel Schritte wären es wohl gewesen, die er für die Frohe Botschaft gesetzt hätte? Ich müsste raten. Wichtig scheint mir aber nicht die Quantität, sondern die Bereitschaft, die hinter all diesen Wegen steht, die die ersten Christen gegangen sind, so dass aus einer kleinen Bewegung Weltkirche wurde. Gewiss ist, dass auch die längste Missionsreise eines Paulus mit einem ersten Schritt begann und dass es die eine und die andere entscheidende Phase im Leben der jungen Kirche gab.

Lieber Pfarrer Richard Kocher, auch Sie haben mit der Radio Horeb Familie immer wieder entscheidende Schritte gewagt. Das Radio erweist sich als fruchtbares Mittel, um Menschen zu stärken und zu schulen, damit sie selbst zu Hoffnungsträgern in der Welt von heute werden können und das weit über die Bistumsgrenzen hinaus. Die Entscheidung für den Mariathon war ein Statement, sich mit dem hier in Balderschwang ansässigen Radio nochmals konkreter in den Dienst der Weltkirche zu stellen. Der dreizehnte Mariathon ist es bereits; er gehört mittlerweile zum festen Jahresprogramm. Der Spendenmarathon zu Gunsten des Aufbaus von Radio Maria-Stationen wird damit zum Langstreckenlauf und ich darf meine Anerkennung ausdrücken über die Ausdauer, die Sie, liebe Radio Horeb-Familie, auf diesem Weg beweisen. Ihre Anteilnahme und Spendenbereitschaft ist wirklich beeindruckend! Im Mariathon begibt sich die gesamte Radio Maria-Familie gleichsam auf Missionsreise. Es ist dieselbe Botschaft, die auch die Apostel, beauftragt durch Jesus Christus und befähigt durch seinen Geist, immer freimütiger zu verkünden wussten. Das heilbringende Wort soll hinausgehen in die ganze Welt. Es ist das Wort, das uns den rechten Weg durchs Leben weist, das Wort, das ewig währt und uns heim zum Vater führt. Es ist Jesus Christus selbst, der Tod und Auferstehung erfährt, um unser Leben zu erneuern.

Im heutigen Evangelium bereitet Jesus seine Jünger auf die Zeit nach seiner Auferstehung mit den Worten vor: „Ich gehe, um einen Platz für euch zu bereiten“ (Joh 14,2). Jesus hat einen Platz für Sie, liebe Schwestern und Brüder, für jeden von uns. Trotz aller Gebrochenheit, die wir in unserem Leben, in der Welt erfahren, dürfen wir als „Pilger der Hoffnung“ in der Zuversicht leben, dass uns von Gott Heil bereitet wird. Einen Platz bei Gott haben heißt: Gemeinschaft dort genießen, wo uns nichts mehr schmerzhaft quälen wird, wo Verzweiflung, Angst und Bitterkeit ein Ende haben. Wenn die Mission des Gottessohnes darin besteht, uns einen Platz zu bereiten, lässt sich fragen: Haben wir auch Platz füreinander? Das ist die Frage, die der Mariathon an uns stellt: Habe ich Platz für Menschen in den Ländern, auf die der Mariathon in diesem Jahr den Fokus richtet? Es geht um Mitchristen, die auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind, um die Frohe Botschaft verbreiten zu können; es geht darum, dass ich mich als Christ mit einer großen Weltfamilie verbunden wissen darf, mit Menschen, die unser Vater im Himmel ebenso liebt wie mich. Habe ich Platz für sie in meinem Geldbeutel? Habe ich Platz für sie in meinem Herzen und in meinen Gebeten?

Jeder noch so weite Lauf beginnt mit einem ersten Schritt. In diesem Sinne bitte ich Sie, liebe Radio Horeb-Familie, dass sie heute einen Schritt tun: Werden sie dort, wo sie leben, täglich zu Botschaftern der Hoffnung und Zeugen des Glaubens und leben sie es in Verbundenheit mit der Weltfamilie. Das Wort des Heils erging an uns. Wie oft schon durften wir Christus durch andere Menschen erfahren. Helfen wir zusammen, damit das Wort des Heils noch mehr Winkel dieser Welt erreicht und dass es in den unterschiedlichsten Sprachen erklingt. Vergelts Gott für alles, was sie in die Gemeinschaft der Kirche an Herzblut, Gebet, Tatkraft und finanziellen Mitteln einbringen!   

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Martin Luther und Thomas von Villanueva

Sie waren Zeitgenossen

Prälat Ludwig Gschwind, geboren 1940 in Donaumünster, wuchs in Nördlingen auf und wurde 1968 zum Priester geweiht. Seit 1974 war er Pfarrer für Balzhausen und Mindelzell im Dekanat Krumbach, dem er von 1985 bis 2009 als Dekan vorstand. Er hat über 70 Bücher veröffentlicht. In seinem Beitrag stellt er Martin Luther seinem Zeitgenossen Thomas von Villanueva gegenüber.

Von Ludwig Gschwind

Im sächsischen Eisenach wird 1483 Martin Luther geboren und 1484 Thomas im kastilischen Villanueva. Luthers Vater hatte es im Bergbau bis zum Hüttenwirt gebracht und Thomas war der Sohn eines Müllers. Geschäftstüchtig und ehrgeizig der eine Vater, der andere fleißig mit einem Herz für die Armen. Thomas wollte so wenig Müller werden wie Martin Bergmann. Beide studierten. Thomas erwarb den Doktortitel und wurde Professor. Der Tod des Vaters machte ihn zum Mühlenbesitzer. Er verkaufte die Mühle und den gesamten Besitz. Der Erlös sollte der Unterstützung von armen Mädchen dienen, er aber entschloss sich in einen Orden einzutreten, um in Armut zu leben. 1516 trat er in Salamanca bei den Augustiner Eremiten ein.

Diesen Orden wählte auch Martin Luther bereits 1505 und erhielt eine gute Ausbildung, so dass er 1513 als Professor nach Wittenberg berufen werden konnte. Bereits 1507 hatte er mit 24 Jahren die Priesterweihe empfangen. Thomas empfing erst 1518 die Priesterweihe, also mit 32 Jahren. Bereits ein Jahr später wird Thomas Prior in Salamanca und neun Jahre nach seiner Priesterweihe wird er Provinzial und trifft wichtige Entscheidungen. Er sendet einige Mitbrüder als Missionare nach Mexiko. Thomas ist ein begnadeter Prediger. Kaiser Karl V. war von seinen Predigten so begeistert, dass er ihn zum Erzbischof von Granada machen wollte. Thomas lehnte dies ab. Die Stellung eines Hofpredigers konnte er nicht ablehnen, bot es ihm doch die Möglichkeit, Arme zu unterstützen und auf die Besetzung von Bischofsstühlen Einfluss zu nehmen.

Martin Luther machte seit 1517 dem Kaiser Sorgen. Der Thesenanschlag an die Schlosskirche zu Wittenberg löste eine Bewegung aus, die das ganze Reich erfasste. Der Papst belegte Luther mit dem Bann. Die Bannbulle wurde von Luther öffentlich verbrannt. Daraufhin erfolgte die Exkommunikation. Der Kaiser belegte ihn mit der Reichsacht, aber der sächsische Kurfürst hielt seine schützende Hand über ihn. Es folgten stürmische Jahre.

Thomas, seit 1544 Erzbischof von Valencia, hatte genügend Sorgen in seinem Bistum. Es war zwar das reichste in ganz Spanien, aber seine Vorgänger hatten sich wenig um die Seelsorge gekümmert. Um diese Aufgabe kümmerte sich Thomas bis an den Rand der Erschöpfung. Unermüdlich bereiste er die Pfarreien, sorgte für eine gute Ausbildung künftiger Priester und verfasste zahlreiche geistliche Schriften. Für das Konzil von Trient (seit 1545) entschuldigte er sich, aber er entsandte einige Priester mit klaren Anweisungen. Mit Bischöfen seiner Kirchenprovinz, die zum Konzil gereist waren, hielt er engen Kontakt. Vom Elternhaus geprägt galt seine besondere Fürsorge der armen Bevölkerung.

Martin Luther hat den Orden der Augustiner Eremiten verlassen und 1525 die ehemalige Zisterzienserin Katharina von Bora geheiratet. Die Reformation führte zur Glaubensspaltung. 1546 starb Martin Luther. Er hinterließ ein großes Vermögen. Seine Besoldung als Professor betrug 500 Gulden. Ein Handwerker verdiente im Jahr 20 Gulden. Seine Frau war stets darauf bedacht, das Geld gut anzulegen. Sie kaufte Grundstücke und sammelte Wertgegenstände, so dass beim Tod Luthers ein Vermögen von mehr als zwei Millionen Euro errechnet wurden. Thomas von Villanueva starb neun Jahre später in einem Bett, das nicht einmal ihm gehörte, weil er sein eigenes Bett verschenkt hatte. So viele hatten seine Hilfsbereitschaft in Anspruch genommen. Allen wollte er helfen. Die Spanier nannten ihn den „Almosengeber“ und verehren ihn als  „Apostel Spaniens“. Aber wer kennt in Deutschland diesen Thomas, aber jeder kennt Martin Luther. Zwei Zeitgenossen: ein Reformator und ein Heiliger.   

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„Wir glauben, dass der Verlauf der Geschichte verändert werden kann und muss“

Auf, wir wollen gehen im Licht des Herrn!

Papst Franziskus war mit dem Rabbiner Abraham Skorka eng befreundet. Die langjährige Beziehung ist ein beeindruckendes Beispiel für interreligiösen Dialog zwischen Juden und Christen. Sie begann in Buenos Aires, wo Jorge Mario Bergoglio Erzbischof war und Skorka Rabbiner der Gemeinde Benei Tikva. Sie fassten ihre Gespräche, die abwechselnd am Sitz des Bischofs und bei der jüdischen Gemeinde stattfanden, in dem Buch „Über den Himmel und die Erde“ zusammen (2010).  Dr. Richard Kocher knüpft an das Vorwort des Rabbiners zu einem Erinnerungsbuch des Papstes an und beleuchtet es im Licht des Evangeliums.

Von Richard Kocher

Der Rabbiner Abraham Skorka hat am 23.12.2009 ein Vorwort zu dem Buch „El Jesuita“ verfasst, das in Deutschland nach der Wahl Bergoglios zum Papst unter dem Titel „Papst Franziskus. Mein Leben – Mein Weg“ im Herder Verlag erschienen ist. Er schrieb darin: „Wir glauben, dass der Verlauf der Geschichte verändert werden kann und muss. Wir glauben, dass die biblische Vision einer erlösten Welt, wie die Propheten sie geschaut haben, keine Utopie ist, sondern eine erreichbare Realität. Und wir glauben ferner, dass es lediglich engagierter Menschen bedarf, damit diese Vision Wirklichkeit wird.“

Jeder einzelne dieser Sätze hat mich fasziniert und angesprochen. Mit der Vorsehung Gottes, um die es hierbei geht, habe ich mich mein Leben lang beschäftigt und bin zu der Einsicht gekommen, dass das Drehbuch im Himmel nicht ein für alle Mal fertig geschrieben ist, sondern offen ist für unsere Mitwirkung. In drangvoller Zeit schrieb Reinhold Schneider (1903-1958) in einem seiner Sonette: „Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten“. Ein „geheiligt Leben“ ist für ihn dafür Voraussetzung. Gott wird „aus unsern Opfern Segen“ wirken.

Es hängt mehr von uns ab, als wir gemeinhin denken, weil Gott uns bei der Verwirklichung seiner Pläne einbezieht. Ist das nicht auch die Botschaft der Propheten im Alten Bund, die immer wieder – meist vergeblich – zur Umkehr aufgerufen haben? Diese hätte keinen Sinn, wenn Gott alles schon im Voraus unabänderlich gefügt hätte.

Bei der Vision von einer erlösten Welt, welche die Propheten als eine erreichbare Realität geschaut haben, denke ich an die Völkerwallfahrt beim Propheten Jesaja (Jes 2,1-5). Am „Ende der Tage“ wird es geschehen, dass sich die Nationen auf den Weg machen zum Berg Zion, um von dort Weisung vom Herrn zu erhalten. Er wird Recht sprechen im Streit der Völker. Das Kriegshandwerk wird nicht mehr erlernt werden. Schwerter werden zu Pflugscharen umgeschmiedet und Lanzen zu Winzermessern. Von Bedeutung ist bei dieser Vision der letzte Vers: „Haus Jakob, auf, wir wollen gehen im Licht des Herrn.“

Israel ist jetzt schon aufgefordert, zu leben, was einst einmal universale Wirklichkeit sein wird. Es soll, neutestamentlich gesprochen, Sauerteig sein, der alles durchdringt und verwandelt, Salz der Erde, das diese vor Fäulnis und Verfall bewahrt. Das große Bild der Zukunft bei Jesaja wird zur Mahnung für die Gegenwart, diese im Licht Gottes zu leben. Exegetisch sind hierbei einige Details aufschlussreich. „Jakob“ wird bei Jesaja immer im Kontext von Sünde und Erlösung gesehen, das heißt, es wird von ihm keine Vollkommenheit erwartet, wohl aber die Bereitschaft, den Willen des Herrn zu erfüllen und das zu tun, was er gebietet. Ferner bedeutet „Licht“ bei Jesaja das Heil, das von Gott gewirkt wird.

Wir können den Frieden nicht schaffen – er wird es tun, aber nicht an uns vorbei. Nach Skorka bedarf es „lediglich engagierter Menschen“, damit diese Vision Wirklichkeit wird. Das mag vielleicht etwas untertrieben klingen, aber es ist richtig, dass es nicht die Mehrheit sein wird, die sich in dieser Weise ans Werk begibt. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir mit Radio Maria in Afrika und Radio Horeb in Deutschland Wesentliches für eine Kultur im Sinn des Evangeliums beitragen können, sonst würden wir die damit verbundene Mühe und Anstrengung nicht auf uns nehmen.

Die Geschichte hat doch mehrfach gezeigt, dass dies möglich ist, auch in unserem Land. Ich denke an die friedliche Revolution im Jahr 1989. Die SED-Diktatur hatte alles aufgeboten, um notfalls mit Gewalt die friedlichen Montagsdemonstrationen niederzuschlagen. Christian Führer, damals evangelisch-lutherischer Pfarrer an der Leipziger Nikolaikirche, schrieb im Rückblick auf diese Zeit, dass etwa 1.000 SED-Genossen zu den Friedensgebeten in die Nikolaikirche beordert wurden.

„Aber was man nicht eingeplant, woran man nicht gedacht hatte: Man setzte diese Menschen zugleich dem Evangelium und seiner Wirkung aus. Sie hörten Montag für Montag die Seligpreisungen der Bergpredigt, das Evangelium von Jesus, den sie nicht kannten, in einer Kirche, mit der sie nichts anfangen konnten. Sie hörten von Jesus, der sagte: ‚Selig die Armen‘ und nicht ‚Wer Geld hat, ist glücklich‘, der sagte: ‚Liebe deine Feinde!‘ und nicht ‚Nieder mit dem Gegner!‘, der sagte: ‚Erste werden Letzte sein!‘ und nicht: ,Es bleibt alles beim Alten‘, der sagte: ‚Wer sein Leben einsetzt und verliert, der wird es gewinnen!‘ und nicht: ‚Seid schön vorsichtig!‘, der sagte: ‚Ihr seid das Salz!‘ und nicht: ‚Ihr seid die Creme‘... Und das Wunder geschah: Der Geist Jesu der Gewaltlosigkeit erfasste die Massen. Armee, Kampfgruppen und Polizei wurden einbezogen, in Gespräche verwickelt, zogen sich zurück. [...] Die unglaubliche Erfahrung mit der Macht der Gewaltlosigkeit. [Horst] Sindermann, der dem Zentralkomitee der SED angehörte, sagte vor seinem Tod: ‚Wir hatten alles geplant, wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.‘“

Ich lade Sie ein, allem Anschein zum Trotz, mit vielen anderen und mir die Vision einer erlösten Welt zu teilen. Fangen wir an, sie zu leben und umzusetzen, nicht erst in einer fernen Zukunft. Nur so wird das Angesicht der Erde verwandelt.   

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„Lebe deine Sehnsucht als Frau“: Eine Reise vom Kopf zum Herzen

Frausein als persönliche Verheißung Gottes

Ursula Harter, Theologin und Germanistin in Hennef (Sieg), stellt das Buch „Lebe deine Sehnsucht als Frau“[1] von Sr. Clarissa Strnisko vor. Es sei kein Lesebuch, sondern eher eine meditative „Gebrauchsanleitung“, wie Frauen ihre weibliche Identität entdecken und mit Jesus Christus verwirklichen können. So wolle das Buch einen Weg zu wahrer Freiheit, innerem Frieden und großer Lebensfreude eröffnen. Es eignet sich als schönes Geschenk zu allen möglichen Anlässen: Geburtstag, Muttertag, Hochzeit, Ordensgelübde, Geburt eines Kindes, Ehe- oder Ordensjubiläum.

Von Ursula Harter

Zur Person der Autorin

Mein Schöpfer denkt anders über mich, als ich selbst über mich denke.“ Das ist der Ausgangspunkt von Problemen, die viele Christinnen heute mit ihrer Weiblichkeit, ihrem Frausein haben (S. 15).  Das Buch „Lebe deine Sehnsucht als Frau“ von Sr. Clarissa Strnisko versucht die Hinführung zu einer Lösung und ist aus einer zwölfteiligen Radiobeitragsreihe bei Radio Horeb zum Thema „Die Frau mit den Augen Gottes sehen“ entstanden. Sr. Clarissa Strnisko (geb. 1972) ist eine Ordensschwester der „Gemeinschaft der Apostolischen Schwestern vom heiligen Johannes“. Als studierte Philosophin und Theologin ließ sie sich auch zur Familientrainerin ausbilden. Heute ist sie Oberin des Klosters ihrer Gemeinschaft in Orléans und gestaltet Einkehrtage, Auszeiten und Wallfahrten besonders für Frauen. Diese vielfältigen Vorkenntnisse und Erfahrungen werden in ihrem Buch „Lebe deine Sehnsucht als Frau“ gebündelt dargestellt.

Ausgehend vom Titel des Buches

Der Titel des Buches verrät bereits den eigenen Ansatz, über Gott und sich selbst nachzudenken:

1. „Lebe…“: Das Buch möchte keine theologische tiefgehende Abstraktion bieten, sondern Wahrheiten des Glaubens darstellen und für das Gebet und das Leben im Alltag zugänglich machen. Deshalb bietet es neben spirituellen Reflexionen auch Bibelzitate zum Betrachten, sowie Gebetstexte und konkrete Handlungsvorschläge für den Alltag. Es ist somit eine Verbindung von Beschreibungen von Glaubenswahrheiten und einem Lebensratgeber.

2. „ … deine Sehnsucht…“: Das Buch behandelt die ganze Heilsgeschichte von der Schöpfung, über Sündenfall, das Leben in der gefallenen Welt, das Leben in der erlösten Welt, das Leben mit Jesus und das Leben in der kommenden Welt. Die Sehnsucht wird dabei implizit als Suche nach dem, wie es einmal von Gott gedacht war, benannt. Es wird die Lebenssituation vorausgesetzt, dass sich die Leserin nach etwas sehnt. Dabei wird diese Sehnsucht nicht näher beschrieben mit Hilfe dessen, wonach sich gesehnt wird, sondern aus welchem Grund heraus sie sich sehnt: weil sie als Frau geschaffen ist.

3. „ … als Frau“: Der rote Leitfaden für die Beschreibung der Glaubenswahrheiten ist die Beschreibung einer Ontologie der Frau. Hier schließt sich die Autorin eng an die Theologie des Leibes, Edith Steins Texte und das Apostolische Schreiben „Mulieris Dignitatem“ an. Die Autorin möchte die Frage nach dem „Wer bin ich? Wo komme ich her? Und wo gehe ich hin?“ hier mit dem Spezifikum der Geschlechtlichkeit beantworten.

Meditative „Gebrauchsanleitung“

Die Autorin beschreibt ihr Buch selbst als eine Reise vom Kopf zum Herzen, bei der die Leserin sich selbst besser kennen lernen kann und eine meditative „Gebrauchsanleitung“ für sich selbst an die Hand bekommt. Dementsprechend ist dies kein Lesebuch, sondern vielmehr ein Buch, das durchbetet und durchlebt werden will. Dementsprechend klar gegliedert ist es auch aufgebaut und mit Gebetsvorschlägen, Bibelstellen und konkreten Ratschlägen durchzogen. Die Autorin schlägt der Leserin sogar vor, sich einen individuellen Monatsplan für die Lektüre und Betrachtung des Buches zu entwerfen.

Das Buch geht von der Annahme aus, dass „das Wesen der Frau […] ihr Sein und Handeln [durchdringt] und ihr dadurch Berufung und Aufgabe gibt“ (S. 19). Prämisse dafür ist, dass es eine Ontologie zur Geschlechtlichkeit des Menschen gibt und dass diese geschlechtliche Identität für das Wesen des Menschen entscheidend ist und alle Bereiche des Lebens prägt. Diese Annahme wird von den biblisch-anthropologischen Grundlagen her von der Autorin vorausgesetzt. Dabei ist sie sich gewahr, dass jede Frau ein Individuum bleibt und auch das Frausein auf ihre Art lebt. Dennoch beschreibt sie ausgehend von der Offenbarung und von ihren eigenen Erfahrungen über die Weise Frau zu sein, die sie als allgemeingültig ansieht. Um dies zu beschreiben, fängt sie bei der Schöpfungsgeschichte an: Die Frau ist mit dem Mann gemeinsam Mensch und als solcher Abbild Gottes. In ihrer Weiblichkeit jedoch spiegelt sie spezifische Eigenschaften Gottes wider: sein Beziehungswesen, seine Schönheit und die mütterliche Liebe. Dazu kommen je eigene individuelle Eigenarten, in die Gott sein Bild geprägt habe. „Die heilige Edith Stein spricht von der Natur der Frau, in der ein Dreifaches vorgezeichnet ist: »Die Entfaltung ihres Menschentums, ihres Frauentums, ihre Individualität.« … Es sind drei Dinge, die nicht getrennt sind, sondern eine Einheit in der Person der Frau bilden.“ (S. 19) Außerdem ist es die Frau, die allein dem Mann zu Hilfe eilen kann. In der Not einsamer, entwicklungsarmer Existenz ist sie die gottgesandte Helferin, an der der Mann sich überhaupt erst selbst als Mensch erkennen und erfahren kann (nach Edith Stein). Das ist das Urbild der Frau, die frei von Sünde glücklich und erfüllt leben kann. Dieses wird durch den Zweifel, dass Gott es wirklich gut meint mit ihr, zerstört. Mit der Erbsünde ziehen Unordnung, Begierden, Angst vor dem Schöpfer und Scham vor der Welt ein. Diese Dynamik beschreibt die Autorin nicht nur biblisch, sondern auch durch konkrete vielfältige Beispiele aus dem Leben. Sie zeigt auf, wo sich jede Frau auch heute wie Eva verhalten kann und enttarnt so sündhafte Verhaltensweisen. Vor allem aber macht sie deutlich, was Gott wirklich von Frauen „denkt“, wie er als „Künstler“ sie als „Meisterwerk“ entworfen hat und zu was er sie beruft. Die konkreten Wunden und schlechten Lebenstechniken, die sich Frauen aneignen, um in dieser umkämpften Welt sich selbst zu schützen, werden ausführlich im vierten Kapitel beschrieben. Es geht um Selbstschutz durch Perfektionismus, Verstecken durch Hilflosigkeit; um Suche nach Ersatzbefriedigungen; um einseitige Pflege äußerer Schönheit; um Kontrolle statt Vertrauen in Beziehungen etc. Diese enthüllenden Darstellungen des Buches können helfen, eigene Gewohnheiten zu entlarven und zu einem besseren Leben mit Gott, sich selbst und allen anderen zu führen.

Frau sein mit Jesus

Vor allem aber ist es die Annahme des Erlösungswerkes Jesu Christi, die auch aus der Gebrochenheit des Frauseins führt und heilt. Jesus bietet diese Erlösung an, die Frau kann sie annehmen. Die Beschreibung des Umgangs Jesu mit Frauen in den Evangelien beschreibt die Autorin anschaulich und gewinnbringend, dass alles im Leben Jesu Liebe ist. Dementsprechend gestaltet sich sein Verhältnis zu den Frauen: Er sieht ihr Innerstes, er stellt ihre Würde schon in dieser Welt wieder her, ja, er erwählt sie gerade als Frau, die durch die Taufe Tochter Gottes wird. Gott bietet durch Jesus Christus Heilung und Heiligung an, die die Frau in ihrem Frausein entfaltet. Das heißt dann konkret: Kontrolle abgeben zugunsten von Vertrauen, Erfüllung von Gott erwarten, sich hingeben, weil er sich hingegeben hat. Jesus will Frauen heilen, schützen, Er stillt ihr Verlangen, verwandelt sie durch seine Liebe. Jesus macht aus Sünderinnen Verkünderinnen, Zeuginnen seiner Liebe.

Maria als Leitbild

Ein besonderes Vorbild ist dabei Maria, die neue Eva: Maria ist, aufgrund der unbefleckten Empfängnis (Bernadette Soubirous) die perfekte erlöste Frau in Beziehung, Schönheit und Mutterschaft; sie ist Erste, Vorbild, Fürsprecherin, Helferin, Erzieherin, zeigt das Ziel des Lebens, das in der Annahme des Willens Gottes in Leben und Leiden, aber auch in Liebe und Fürsorge besteht.

Als letzten Punkt beleuchtet die Autorin das endgültige Ziel jeder Frau: Ihr Körper ist endlich, nur Wille und Verstand bleiben bestehen. Das letzte Ziel auch ihres Frauseins ist die Ewigkeit in Einheit mit Gott. Die Autorin schlägt vor, jeden Tag seinen Koffer für die „letzte Reise zu packen“ durch das Ausleben der Sehnsucht nach Einheit mit Gott. Das Buch wird zum Schluss fortgesetzt mit Reflexionen über die unterschiedlichen Berufungen, die Frauen der Autorin nach haben können: Ehefrau, Ordensschwester, Single als Vorstufe.

Außerdem hängt die Autorin einen Grundriss der Darstellung von verschiedenen Lebensphasen von E. Erikson an und gibt konkrete Ratschläge, wie frau sich selbst durch diese unterschiedlichen Herausforderungen, Aufgaben und Interessen kennen und annehmen lernen kann.

Empfehlung zum kritischen Weiterdenken

Das Buch setzt einen umfassenden Rundumschlag um die Themen der weiblichen Identität als Ort der Gottesbegegnung/-offenbarung. Es besticht durch die Auswahl der großen „Klassiker“ zu diesem Thema, wie Johannes Paul und Edith Stein, welche gelungen immer wieder zu Wort kommen. Der Schwerpunkt des Buches liegt dabei allerdings nicht auf einer tieferen Argumentation und Reflexion dieser Aussagen, sondern viel eher auf der konkreten Bedeutung, die diese Schlüsse auf das persönliche Leben der Leserin haben kann. Die Lektüre dieses Buches sei also allen empfohlen, die einen Einstieg in die Thematik der Bedeutung der eigenen Geschlechtlichkeit für Leben und Glauben bekommen wollen und besonders jenen, die dies eher im Rückblick auf ihr Leben vornehmen können. Der postmodernen Leserin, die im Kontext von Feminismus und Genderdebatten, die Grundaussagen hinterfragt, sei das Literaturverzeichnis als gute Grundlage zum kritischen Weiterdenken empfohlen. Als letztes sei gesagt, dass die Persönlichkeit der Autorin äußerst sympathisch und authentisch besonders in den Beispielerzählungen hindurchscheint und sowohl auf die originale Fassung als Audiobeitrag als auch auf ihre vielen Einkehrtage zu diesem Thema neugierig macht.

Weg zum inneren Frieden

„Werden wir zu dem, was wir sind: Frauen, die ihre Berufung kennen und leben. Das hinterlässt in uns einen tiefen Frieden, eine wahre Freiheit, verbunden mit großer Lebensfreude. Der heilige Seraphim von Sarow, ein russischer Mönch und Mystiker des 18. und 19. Jahrhunderts, schreibt: »Erwirb den inneren Frieden, und Tausende in deiner Umgebung finden Heil.«“ heißt es im Nachwort zu dem Buch – und damit ist sein lobenswertes Ziel gut umschrieben. Möge es bei vielen Leserinnen erreicht werden!

Wort der Autorin

„Nach dem Studium der Philosophie und Theologie im Orden der Apostolischen Schwestern des hl. Johannes, meinen längeren missionarischen Auslandsaufenthalten in Frankreich und Kamerun, absolvierte ich ein Studium der Theologie des Leibes, zu der Papst Johannes Paul II. 133 Katechesen verfasst hatte. Sein Anliegen war es, mit dem Menschen über die Liebe zu reden, die Liebe, für die jeder von uns geschaffen ist, die Liebe, nach der sich jeder von uns sehnt (vgl. Johannes Paul II., Korea, 04. Mai 1984). Er wollte der Menschheit den ursprünglichen Sinn des Leibes und der Sexualität nach dem Plan Gottes neu bewusst machen und somit den Weg zum wahren Glück aufzeigen. Das hat mich tief beeindruckt und mir eine neue Sichtweise auf meiner Suche nach dem Frausein geschenkt. Meine Berufung habe ich nochmals tiefer verstehen dürfen. Den Schatz, den ich dadurch entdeckt habe, möchte ich mit diesem Buch weitergeben, damit auch andere Menschen davon profitieren.“ (Sr. Clarissa Strnisko)

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 8/9 August/September 2025
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
www.kirche-heute.de

 


[1] Sr. Clarissa Strnisko: Lebe deine Sehnsucht als Frau, Media Maria 2025, geb., 320 S., 19,95 Euro (D), 20,50 Euro (A), ISBN 978-3-947931-95-8 – www.media.maria.de

Blutige Anschläge in Nigeria und Syrien:

Verfolgte Christen brauchen Schutz – jetzt!

Das Hilfswerk „Kirche in Not“ erhält viele erschütternde Berichte von Attacken auf Christen. Aber die beiden Vorfälle im Juni machen besonders betroffen: Innerhalb weniger Tage wurden aus Nigeria und Syrien Anschläge gemeldet, die sich gezielt gegen Christen richteten. Insgesamt sind mehr als 200 Tote zu beklagen. Die Projektpartner von „Kirche in Not“ fordern: Es ist jetzt höchste Zeit zu handeln.

Von Tobias Lehner

13. Juni 2025: In der Nacht von Freitag auf Samstag überfallen Milizen das Dorf Yelewata im Süden Nigerias. Sie stecken auf dem Marktplatz Notunterkünfte in Brand, in denen sich Menschen aufhalten, die vor dem Terror in anderen Regionen geflohen sind. Sie schießen wahllos auf Menschen. Am Ende sind lokalen Angaben zufolge rund 220 Menschen tot, die meisten von ihnen sind Christen. Die Angreifer versuchen, auch die St.-Josef-Kirche in Yelewata zu stürmen, wo sich hunderte weitere Flüchtlinge aufhalten. Polizei und Sicherheitskräfte können das verhindern.

Trauriger Höhepunkt einer Überfallserie

Der Anschlag ist der bislang dramatische Höhepunkt einer Überfallserie im Süden und in der Zentralregion (Middle Belt) Nigerias. Als Täter machen Beobachter Extremisten aus dem Nomaden-Stamm der Fulani verantwortlich. Der Konflikt schwelt seit Jahren: Die Fulani sind Viehhirten. Sie treiben ihre Herden aufgrund klimatischer Veränderungen auf die Felder sesshafter Bauern, von denen viele Christen sind. Es geht um Land, es geht um ethnische Konflikte, aber es geht auch gezielt gegen Christen. Bischöfe der Region stellen seit Langem fest, dass vermehrt christliche Bauern ins Visier genommen werden.

Insgesamt ist Nigeria eine der unsichersten Regionen für Christen, obwohl gut die Hälfte der Nigerianer sich zu dieser Religion bekennen – mit regionalen Unterschieden: Der Süden ist eher christlich, der Norden eher muslimisch geprägt. Islamisten, Fulani-Milizen und kriminelle Banden verbreiten Angst und Schrecken; nirgendwo werden aktuell so viele Priester und Ordensleute entführt wie in Nigeria.

„Ich bleibe hier“

„Kirche in Not“ hat mit dem Pfarrer am Anschlagsort gesprochen. Der Priester Uku-ma Jonathan Angbianbee hat den Anschlag in seinem Pfarrhaus überlebt, wo sich ebenfalls Flüchtlingsfamilien aufhielten. „Als wir die Schüsse hörten, haben wir uns im Haus auf den Boden geworfen“, berichtete Angbianbee. Glücklicherweise sei dort niemand zu Schaden gekommen.

Nach dem Anschlag sind tausende Menschen aus Yelewata geflüchtet. Für den Priester aber steht fest: „Ich bleibe hier.“ Schon am Sonntag nach dem Überfall hat er in seiner Pfarrkirche die heilige Messe gefeiert, es kamen aber nur 20 Menschen. Doch Pfarrer Angbianbee weiß: „Viele der Menschen, die jetzt auf verschiedene Dörfer verstreut sind, sehnen sich danach, zurückzukehren und ihr Leben neu zu beginnen.“ Die Überlebenden bräuchten jetzt dringend Hilfe – und mehr Sicherheit: Mehr Militär sei nötig, ebenso eine konsequente Strafverfolgung: „Wir hoffen, dass die Regierung das Problem an der Wurzel packen wird. Sie hat angekündigt, die Täter strafrechtlich zu ahnden“, sagt der Pfarrer.

Lange hat die Regierung dem Treiben der Extremisten hilf- und tatenlos zugeschaut. Jetzt beginnt sich das etwas zu ändern. Auch unter gemäßigten Fulani wächst die Wut auf die Täter. Hilfe aus dem Ausland sei weiterhin dringend nötig – und mehr Aufmerksamkeit, betont der Pfarrer.

Ein Selbstmordanschlag erschüttert Syrien

Sonntag, 22. Juni: Abendgottesdienst in der griechisch-orthodoxen Mar-Elias-Kirche in Dweila, einem Stadtteil der syrischen Hauptstadt Damaskus. Gegen 18:40 Uhr feuert ein Attentäter auf die Gläubigen und sprengt sich dann in die Luft. Behörden sprechen mittlerweile von bis zu 30 Toten und über 50 Verletzten. Zwei Tage später bekennt sich die sunnitische extremistische Gruppe Saraya Ansar al-Sunna zum Anschlag, die dem „Islamischen Staat“ (IS) nahesteht.

Kurz nach der Tat meldet sich Pater Fadi Azar bei „Kirche in Not“. Der Franziskaner lebt heute in der Hafenstadt Latakia, war aber lange in Damaskus tätig. Die Stimmung unter den Christen beschreibt er so: „Wir fühlen uns allein. Wir bitten um Interventionen des Westens, des Vatikans, der Europäischen Union“.

Der Ordensmann kritisierte, dass Übergriffe auf Christen oft von Seiten der Politik verharmlost würden. Gespräche der Kirchen mit staatlichen Stellen endeten oft mit der Aussage, es handle sich um „Einzelfälle“. Doch der Anschlag auf die Kirche in Damaskus habe das ganze Land erschüttert. „Die Christen in Syrien leiden sehr. Wir wollen nur Gerechtigkeit – nichts weiter. Christen haben das Recht, in einem sicheren Land zu leben, zur Kirche zu gehen und in Frieden zu beten“, sagte der Franziskaner.

Seit dem Machtwechsel in Syrien Ende 2024 sei die Sicherheitslage instabiler geworden – nicht nur für die Christen. Der Projektpartner erinnerte an das Massaker an Mitgliedern der muslimischen Religionsgemeinschaft der Alawiten in der Region um Latakia vergangenen März mit über 1300 Toten, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtet. Nicht nur die Christen in Syrien hätten Angst vor Gewalt, berichtete Pater Fadi: „Auch die Alawiten, die Drusen … es ist eine Verfolgung.“

Droht ein neuer Bürgerkrieg?

Die islamistischen Gruppen seien eine Gefahr für die religiösen Minderheiten Syriens, aber auch für die gemäßigten Muslime, betonte der Ordensmann: „Diese Gruppen wollen keinen zivilen Staat, sondern ein fanatisches islamistisches Regime.“ Beobachter sehen die reale Gefahr eines neuen Bürgerkriegs in Syrien.

Unter den wenigen im Land verbliebenen Christen machten sich nun erneut Fluchtgedanken breit, berichtete Pater Fadi: „Die Leute sagen mir: ,Wir wollen nur noch fliehen. Wir haben Angst um unser Leben, um die Zukunft unserer Kinder.‘“ Die Zahl der Christen in Syrien liegt lokalen Schätzungen zufolge heute bei etwa 250.000, das sind nur noch etwas mehr als ein Prozent der Bevölkerung. Vor Beginn des Bürgerkriegs in Syrien im Jahr 2011 waren es noch 1,5 Millionen.

Ob in Syrien oder Nigeria: Die Lebensgefahr für Christen steigt. Die Folge sind Flucht und weiteres Elend. Verfolgte Christen brauchen jetzt unsere Hilfe!

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 8/9 August/September 2025
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
www.kirche-heute.de

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