Liebe Leserinnen und Leser
Von Erich Maria Fink und Thomas Maria Rimmel
Für Papst Franziskus ist die Abtreibungspolitik unserer Tage eine der größten Tragödien der Menschheit. Den weltweiten Versuch, das Töten der ungeborenen Kinder im Mutterschoß zum Menschenrecht zu erheben, betrachtet er als unvergleichliches Aufbegehren des Menschen gegen den Schöpfer, aber auch als einen Angriff auf die Menschenwürde, welcher der Vernunft und jeglichem humanen Empfinden widerspricht. Deshalb wird er nicht müde, diesen Skandal mit drastischen Worten zu brandmarken. Immer wieder verwendet er für den sogenannten „Schwangerschaftsabbruch“ den Vergleich vom „Auftragsmord“. Er sieht darin einen Ausdruck unserer Wegwerfgesellschaft, die auch vor dem Menschen nicht haltmacht und immer mehr Bereiche des menschlichen Lebens in die Spirale des Todes hineinzieht.
Das ist der Grund, warum Papst Franziskus so sehr an einer Seligsprechung des belgischen Königs Baudouin (1930-1993) interessiert ist. Dieser stellte sich 1990 gegen das liberale Abtreibungsgesetz und verweigerte die nach der Verfassung von ihm geforderte Unterschrift. Er berief sich auf sein Gewissen und gab als Begründung an, das vom Parlament beschlossene Gesetz sei mit seiner katholischen Glaubensüberzeugung unvereinbar. Der Konflikt wurde dadurch gelöst, dass er am 3. April 1990 für regierungsunfähig erklärt wurde und die belgische Regierung die Unterzeichnung des Gesetzes übernahm. Baudouin selbst war mit seiner Absetzung als König einverstanden, wusste aber nicht, wie die Sache enden würde. Seinen Schritt empfand er wie die Bereitschaft eines Märtyrers, für seinen Glauben in den Tod zu gehen. Nachdem das Gesetz in Kraft getreten war, erhob die Regierung ihren im Volk äußerst beliebten Monarchen am 5. April wieder auf den Thron. Die 36-stündige Vakanz erregte weltweit Aufsehen. Papst Johannes Paul II. nannte ihn einen „großen Förderer der Rechte des menschlichen Gewissens“ und würdigte sein Zeugnis für das Leben.
Das belgische Gesetz verstand sich als Maßnahme zur „Entkriminalisierung“ der Abtreibung. Papst Franziskus aber sprach von einem „mörderischen Gesetz“, dem sich der König widersetzt habe. Und er rief dazu auf, sich angesichts neuer „krimineller Gesetze“ auch heute an Baudouins Gewissen und Glauben zu orientieren. Auf seiner Belgienreise war ein Besuch am Grab des Königs eigentlich nicht vorgesehen. Abweichend vom Protokoll ließ er sich am 28. September 2024 von König Philippe und Königin Mathilde in die Krypta der Liebfrauenkirche geleiten, wo sich die Begräbnisstätte für die Mitglieder der königlichen Familie befindet. Am Grab von König Baudouin, der 1993 im Alter von 63 Jahren überraschend gestorben war, lobte Papst Franziskus dessen ablehnende Haltung zum Abtreibungsgesetz. Tags darauf überraschte er am Ende des Abschlussgottesdienstes im König-Baudouin-Stadion in Brüssel vor 40.000 Gläubigen mit der Ankündigung, er werde baldmöglichst den Seligsprechungsprozess für Baudouin in Gang bringen. Dabei fügte er hinzu: „Möge sein Vorbild als Mann des Glaubens die Regierenden erleuchten. Ich bitte darum, dass die belgischen Bischöfe sich dafür engagieren, diese Sache voranzubringen.“ Papst Franziskus war sich der Brisanz seiner Aktion klar bewusst, kannte aber auch die Bedenken innerhalb des belgischen Episkopats. In seinem Leitartikel wirft der belgische Moraltheologe Prof. Dr. André-Marie Jerumanis einen Blick auf das heiligmäßige Leben von Baudouin und zeigt auf, warum er die Initiative von Papst Franziskus für absolut richtig hält.
Liebe Leserinnen und Leser, in dieser Ausgabe finden Sie wertvolle Beiträge, die uns für das brennende Thema sensibilisieren möchten und aufzeigen, was von uns Christen im gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Kontext gefordert ist. Mögen die Impulse unseren Glauben stärken, sodass wir als „Pilger der Hoffnung“ voll Dankbarkeit und Freude vorangehen können. Ein aufrichtiges Vergelt’s Gott für Ihre Spenden, von denen unser Apostolat lebt! Auf die Fürsprache der Gottesmutter Maria wünschen wir eine gesegnete österliche Bußzeit.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2025
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
Zur Initiative des Papstes, den belgischen König Baudouin seligzusprechen
Der „Hirtenkönig“
Professor Dr. André-Marie Jerumanis (geb. 1956) ist katholischer Priester und lehrt an der Theologischen Fakultät Lugano in der Schweiz Moraltheologie. Er stammt aus Belgien und begrüßt die Initiative von Papst Franziskus, für den belgischen König Baudouin den Seligsprechungsprozess zu eröffnen. Angesichts der Widerstände, die sich in seinem Heimatland sowohl von politischer Seite als auch innerkirchlich dagegen erheben, wirft er den Blick auf die tiefe geistliche Verankerung seiner Persönlichkeit. Dabei lässt er vor allem Godfried Kardinal Danneels (1933-2019) zu Wort kommen, zitiert aber auch zahlreiche Zeitzeugen, die vom heiligmäßigen Leben dieses außerordentlichen Staatsmanns überzeugt sind.
Von André-Marie Jerumanis
Während seiner Reise nach Belgien äußerte Papst Franziskus den tiefen Wunsch, Baudouin, König der Belgier von 1951 bis 1993, seligzusprechen. Er war ein gläubiger Katholik, der aus Gewissensgründen 36 Stunden lang auf den Thron verzichtete, um die Verabschiedung des Gesetzes zur Legalisierung der Abtreibung nicht unterschreiben zu müssen.
Überraschender Akzent der Belgienreise von Papst Franziskus
Papst Franziskus sagte am 29. September 2024 am Ende der Heiligen Messe zum Abschluss seiner Reise nach Belgien: „Sobald ich nach Rom zurückkehre, werde ich den Prozess zur Seligsprechung von König Baudouin eröffnen: Möge sein Beispiel als Mann des Glaubens die Regierenden erleuchten.“ Einige Stunden später bestätigte er seine Bereitschaft, den 1993 verstorbenen belgischen König seligzusprechen, auf einer Pressekonferenz an Bord seines Flugzeugs nach Rom.
Es sei daran erinnert, dass der Papst bereits am 28. September 2024 von seinem offiziellen Programm abgewichen war, als er das Grab von König Baudouin besuchte.
Widerstand gegen die Legalisierung der Abtreibung in der Haltung eines Märtyrers
König Baudouin beschreibt seine Entscheidung, das Gesetz zur Legalisierung der Abtreibung nicht zu unterzeichnen, wie folgt: „Das Abtreibungsproblem ist wieder einmal gelöst worden… Das veranlasst mich, Unterstützung bei dir und nur bei dir zu suchen. Führe mich, Herr… Gib mir die Bereitschaft, dir, wenn nötig, in das Kirchenschiff zu folgen. Mehr und mehr wird mir bewusst, dass die Haltung, die Du von mir verlangst, in gewisser Weise der Tod sein wird… Wenn ich es unterschreiben würde, wäre das Verrat am Herrn, und ich würde es mein ganzes Leben lang bereuen. Ich bin allein mit meinem Gewissen und Gott auf diesem Weg.“ Baudouin war sich sehr bewusst, dass seine Unterschrift seinen Tod bedeuten würde, aber „selbst der Papst würde mich nicht umstimmen können…“
Die engsten Vertrauten des Königs sagten aus, dass sie sich daran erinnern, dass „er und seine Frau in diesen Tagen sehr gelitten haben, weil sie sich in einer Situation befanden, in der sie nicht wussten, was passieren würde, und auch, weil er wusste, dass die Nichtunterzeichnung des Abtreibungsgesetzes zu einer noch größeren Spaltung des Landes führen könnte“.
Er bat, so fügten sie hinzu, „dass die Menschen ihn durch ihr Gebet in seiner Entscheidung unterstützen. Er war sich jedoch vollkommen bewusst, dass er diese Entscheidung mit Gott und seinem Gewissen getroffen hatte, was sehr beeindruckend war.“
Sie erinnern sich lebhaft daran, dass zu dieser Zeit eine Frau, die im Palast von Laeken arbeitete und einen Termin bei einem Arzt hatte, um eine Abtreibung vornehmen zu lassen, „den Termin absagte, als sie erfuhr, was der König getan hatte“. „Als er erfuhr, was passiert war, sagte er: ,Allein dafür hat sich alles, was ich durchgemacht habe, gelohnt.‘“
Kardinal Danneels: „Er war ein Hirte, bereit, sein eigenes Leben zu opfern!“
1993 sagte Kardinal Danneels bei der Beerdigung von König Baudouin: „Es gibt Könige, die mehr als Könige sind: Sie sind die Hirten ihres Volkes. Sie regieren nicht nur, sie gehen sogar so weit, ihr eigenes Leben zu opfern. So war König Baudouin. Er liebte. Seine politische Intelligenz hatte ihre Wurzeln tief im Herzen. Das Geheimnis seiner Herrschaft war sein Herz…“ Kardinal Danneels erinnerte daran, dass für ihn „das Gewissen ein Absolutum war: Es war die Stimme des tiefen Menschen und die Stimme Gottes. Er folgte ihr immer, selbst auf die Gefahr hin, mit seinen persönlichen Interessen in Konflikt zu geraten, auf die Gefahr hin, das Königtum in Frage zu stellen. Das menschliche Leben, so dachte er, hat diesen Preis.“ Dann hatte er auch die Thematik des Geheimnisses des Königs in Betracht gezogen. „Denn er hatte sein Geheimnis: Es war sein Gott, den er bis zum Wahnsinn liebte und von dem er so sehr geliebt wurde.“ Und auch er sagte, dass „eines Tages zweifellos der Tag kommen wird, an dem dieses Geheimnis enthüllt wird…“
Prophetisch erkannte er die Bedeutung von Ehe und Familie
Zehn Jahre nach seinem Tod erinnerte sich Kardinal Danneels an König Baudouin und sprach von ihm als einem Gerechten: „Ein Gerechter war er in erster Linie im nobel-menschlichen Sinne des Wortes. Während seiner gesamten Regierungszeit – und während seines gesamten Lebens – widmete er sich dem Dienst an den großen menschlichen Grundwerten. … In jedem Kontakt mit den Menschen, denen er begegnete – Groß und Klein, Kindern und Eltern, privilegierten oder vom Leben verwundeten Menschen –, praktizierte er die schönen menschlichen Tugenden der Rechtschaffenheit, des Respekts, der Freundlichkeit, des Zuhörens, des Verständnisses und oft auch des Mitleids.“
Und wie Kardinal Danneels weiter betont, sah König Baudouin klar, insbesondere was die dringendsten Bedürfnisse unserer Gesellschaft betraf: Eheglück und das Entstehen glücklicher Familien. Der Kardinal beschreibt es so: „Sie lagen ihm besonders am Herzen, und in diesem Bereich war er wirklich ein Prophet. Nur eine Gesellschaft, die ihren Familien das Glück in all seinen Dimensionen sichern kann, ist eine erfolgreiche Gesellschaft. Dieser Hirte, dieser ‚Gerechte‘, hatte das gesehen und kam in seinen Worten und Taten oft darauf zurück. Und sein Ehepaar, das leider kinderlos blieb, aber so eng zusammenhielt…“
Die verborgene Quelle des wahren Humanismus ist nur in Gott zu finden
In Wirklichkeit kann man sagen, dass „König Baudouin wusste, dass die Wurzeln des wahren Humanismus weiter, höher liegen als in menschlicher Hingabe oder einem natürlichen Adel. Er übersteigt die Kräfte des sich selbst überlassenen Menschen. Der König respektierte die Überzeugungen jedes Einzelnen, aber in seinem tiefsten Inneren wusste er, dass die verborgene Quelle des wahren Humanismus woanders zu finden ist.“ Selten, so Kardinal Danneels, „habe ich einen Menschen getroffen, der von Stunde zu Stunde mit Gott in Liebe, innerer Freude und Vertrauen lebte, selbst in den Stunden der Angst, der Prüfung und des Leidens, die sein Leben prägten“.
Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass es im Leben des Königs nicht an Leid gefehlt hat. „War es nicht er, der einmal sagte: ‚König sein heißt, der Wahrheit zu dienen und für sein Volk zu leiden‘? Und doch war König Baudouin ein Mann von tiefer Freude. … Diese war nicht in erster Linie auf seinen Charakter oder seine Natur zurückzuführen. Sie wurzelte in seinem Glauben und seinem Vertrauen auf Gott.“
Ein sehr schönes Gebet drückt diese tiefe, intime Beziehung des Königs zu Gott aus: „Herr, ich brauche dich, ich brauche deine Kraft und Unterstützung. Nimm mich, lass mich nicht alleine ,fliegen‘. Du kennst die Angst, die in mir ist, ich bin besorgt über die Situation in Belgien.“
Die Entscheidung gegen das Abtreibungsgesetz war eine reife Frucht des ganzen Lebens
Die Entscheidung, das Abtreibungsgesetz nicht zu unterzeichnen, war sicherlich eine Episode, die das Leben des Königs geprägt hat. Doch wie diejenigen, die ihn kannten, betonten, „ist dies nicht das Einzige, das herangezogen werden könnte, um ihn zum Heiligen zu erklären, denn um einen solchen Schritt mit all seinen Konsequenzen zu tun, muss man zuvor ein unglaublich tiefes spirituelles Leben geführt haben. Es waren sein Gebetsleben, seine spirituelle Reife und seine Liebe zu Gott, die ihn, ohne es zu wissen, auf eine solche Entscheidung vorbereitet hatten. Es war nicht etwas, das plötzlich kam.
Seine Angehörigen betonten sein Gebetsleben: „Er verbrachte Stunden vor dem Allerheiligsten. Normalerweise hatten wir früh morgens die Messe und wenn wir früher kamen, saß er vor dem Allerheiligsten. Und oft wachte er in der Nacht auf und ging einfach in die Kapelle, um zu beten. Sein ganzes Leben war ein Zeugnis für den lebendigen Christus.“
Die Zeugen, die über den König befragt wurden, sagten, dass sie, falls er von der Kirche als Heiliger anerkannt werden sollte, „möchten, dass man sich an ihn als den ‚Hirtenkönig‘ erinnert, wegen seiner Einfachheit und Demut. Und dass er ein Beispiel für alle Regierungs- und Staatschefs ist, wie Papst Franziskus sagte“. Einer der Angehörigen erinnert sich, dass „Baudouin von klein auf eine persönliche und besondere Beziehung zu Gott hatte und sein Leben dem Ziel widmete, in anderen Menschen das Gesicht Christi und vor allem das Gesicht des verlassenen Jesus in den Leidenden zu sehen“.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2025
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Abtreibung und Europa: Ein Plädoyer für das Leben
Der einzige Weg zum Frieden
Ein wertvolles Zeugnis, das allen Christen in ihrem Einsatz für das Lebensrecht der ungeborenen Kinder Orientierung und Ermutigung schenken kann, gibt Kristijan Aufiero, der Gründer von 1000plus-Profemina. Er leistet einen authentischen Beitrag für die Erneuerung einer Kultur des Lebens. Die aktuellen Gesetzesentwürfe zur Legalisierung der Abtreibung zielen auch darauf ab, die Beratung für das Leben als Nötigung zu brandmarken und strafrechtlich zu verfolgen. Die Abtreibungslobby verweigert nicht nur jede Hilfeleistung, sondern möchte, dass niemand mehr Schwangeren in Not dabei hilft, sich für das Leben ihrer Kinder zu entscheiden.
Von Kristijan Aufiero
Nach der Beratung von über 250.000 Frauen und Familien im Schwangerschaftskonflikt in den vergangenen 15 Jahren kennen wir uns bei 1000plus und Profemina mit den individuellen Neins des Menschen von heute aus: Mit Nein zu diesem Zeitpunkt, mit Nein zu diesen Umständen und mit Nein zu diesem Leben.
Nein, nicht jetzt, nicht hier, nicht so
Da ist der junge Mann, der seine Freundin zur Abtreibung drängt, weil er noch keine Familie gründen möchte, oder die junge Frau, die gerade mitten in der Ausbildung ist und ihren Abschluss nicht gefährden will. Das Ehepaar, das nach zwei Kindern mit der Familienplanung abgeschlossen hatte, während sich nun plötzlich das Dritte auf den Weg macht. Oder die alleinstehende Mutter, die sich ein zweites Kind einfach nicht zutraut, weil sie jetzt schon „am Anschlag“ ist – jede Frau, jeder Mann und jede Familie im Schwangerschaftskonflikt hat ihre Gründe.
Um es deutlich zu sagen: Angesichts der Verzweiflung und der Angst, angesichts des Leidens und des Schmerzes, die uns in der Beratung dieser Menschen Tag für Tag begegnen, verbietet es sich, Urteile darüber zu fällen, welche Gründe für einen Schwangerschaftskonflikt legitim sind und welche nicht – jede Konfliktursache fühlt sich für die Betroffenen furchtbar und schmerzhaft an, erscheint unüberwindbar und unlösbar zu sein.
Jede einzelne dieser Frauen hat das Recht, sich andere, bessere Umstände für ihr Baby und für ihre Familie zu wünschen. Jede verdient ungeteilte Aufmerksamkeit, uneingeschränkte Wertschätzung und bedingungslose Annahme.
Mehr noch: In der vorbehaltlosen, liebevollen und wertschätzenden Hinwendung zu jeder einzelnen Frau im Schwangerschaftskonflikt liegt gleichsam der Schlüssel zu einer Verwandlung, an deren Ende all die widrigen Umstände und all die Sehnsüchte nach einem anderen, einem besseren Leben nicht mehr das letzte Wort haben.
Die Metamorphose des Herzens
Eine Binsenwahrheit: Beratung und Hilfe kann nicht die Lebensumstände einer Schwangeren in Not fundamental ändern. Beratung kann nicht den perfekten Partner oder die ideale Familie aus dem Hut zaubern. Beratung kann nicht den Traumjob organisieren, den sich diese Frau immer gewünscht hat. Beratung kann nicht das Zuhause aus dem Ärmel schütteln, das sich eine Schwangere seit jeher für ihre Familie erträumt hat.
Was Beratung vermag: Auf die Suche gehen nach den Momenten wirklichen Glücks im bisherigen Leben. Neu entdecken, dass die Augenblicke tiefer Zufriedenheit nicht davon abhängig waren, wie „perfekt“ unser Leben war, und dass so viele Erwartungen und Messlatten in unserem Leben gar nicht die unseren sind. Dass wir Netflix, Instagram oder TikTok auf den Leim gegangen sind. Dass es in Wahrheit die Momente echter Hingabe, tiefen Vertrauens und aufrichtiger Liebe sind, in denen wir dieses einzigartige Gefühl echter Vollständigkeit empfinden.
Beratung kann sich mit einem Menschen auf den Weg machen und ihm wieder in Erinnerung rufen, dass es Glück bedeutet, das Richtige zu tun, auch wenn es schwerfällt. Für jemanden da zu sein, der uns wirklich braucht. Dass es glücklich macht, uns mutig einer Aufgabe zu stellen, die uns herausfordert.
Beratung kann helfen, sich an das Gefühl zurückzuerinnern, als es schwer war und uns das Leben mehr abverlangte, als wir leisten wollten und konnten – und wir trotzdem aufrecht stehenblieben, ertragen und erduldet haben, uns nicht unterkriegen ließen und über uns hinausgewachsen sind.
Ein Perspektivwechsel mit geheimnisvoller Macht
Nein, Beratung kann die Umstände des Lebens nicht auf einen Schlag verändern. Aber sie kann die Perspektive auf diese Umstände verändern. Sie kann eine Schwangere in Not daran erinnern, wie wertvoll ihr Leben trotzdem ist. Dass ihr Leben ein Geschenk ist – so wie das Kind, das unter ihrem Herzen heranwächst. Und dass sie es in der Hand hat, ihre ungeplante Schwangerschaft in die größte Chance ihres Lebens zu verwandeln.
Es ist dieser Perspektivwechsel, der auf eine letztlich geheimnisvolle Weise die Macht besitzt, Umstände am Ende doch zu verändern. Er ist der Ausgangspunkt einer Metamorphose, die zur Wiederentdeckung und Mobilisierung der eigenen Kraft führt, Freiheit wiederherstellt und wirkliche Lebensgestaltung möglich macht.
Die Beratung von abertausenden Frauen im Schwangerschaftskonflikt hat uns vor allem anderen eines gelehrt: Das Ja zum eigenen Leben sprechen zu können, ist die Voraussetzung dafür, dieses Ja auch weiterzugeben, ein ungeplantes Kind anzunehmen und es in dieses eigene Leben hinein zur Welt zu bringen.
Die Freiheit, trotzdem Ja zu sagen
So kommt es, dass ein Ja zu den Umständen, wie sie sind, Ja zu dieser Situation, Ja zu dieser Partnerschaft, Ja zu diesem Zeitpunkt, Ja zu diesem Leben und Ja zu einem Kind, das sich auf den Weg in genau dieses Leben gemacht hat, die beteiligten Menschen bindet und zugleich befreit.
In guter Schwangerschaftskonfliktberatung geht es nicht explizit um Gott und schon gar nicht um Mission oder Apostolat. Aber: Jedes „Trotzdem Ja zum Leben“ ist im Innersten eben doch so etwas wie eine Bekehrung. Jedes solche Ja zu einem noch ungeborenen Kind und zu seiner Zukunft ist im Grunde ein Gebet zum Himmel.
Im Tiefsten bedeutet dieses „Ja zum Leben“ zu sprechen immer auch, Ja zu Gott zu sagen. Ja zu seiner Schöpfung, Ja zu seiner Ordnung, Ja zu seinem Plan für unser Leben, Ja zu seiner Liebe. Es bedeutet, sich ihm anzuvertrauen, sich seiner Gnade bewusst und sich seiner Barmherzigkeit gewiss zu werden. Es bedeutet Glauben, Hoffen und Lieben.
Die Erneuerung Europas
Wir leben – zumal in Europa – in einer Zeit, in der sich die Menschen allenthalben schwertun mit sich selbst und ihrem Leben. Sie schämen sich für ihre Geschichte, sind am Klimawandel schuld und werden im falschen Körper geboren. Mehr Nein zu dieser Welt, so wie sie ist, mehr Nein zu Gott und zur Schöpfung, mehr Nein zu sich selbst und zum eigenen Leben geht nicht. So kann man zu dem Eindruck gelangen, dass das Europa unserer Tage nichts nötiger hat als diese oben beschriebene „Bekehrung“ und die Erneuerung unser aller Ja: Ja zu unserer Geschichte und zu unserer Kultur, Ja zu unserer Zukunft, Ja zu unserem Leben, Ja zu Gott.
Dringend nötig sogar. Denn die traurige und zugleich bittere Wahrheit ist, dass auch „umgekehrt ein Schuh“ aus der Wahrheit wird, dass Ja zum Leben zu sagen, immer auch Ja zu Gott sagen bedeutet. Denn insbesondere die Geschichte Europas hat uns gelehrt: Eine Gesellschaft, eine Utopie oder eine Kultur, die Nein zu Gott sagt, achtet über kurz oder lang auch das Leben des Menschen nicht mehr.
Die ganze Tragweite
Beim Nachdenken über ein unbedingtes Ja zum Leben, das kein Aber kennt, und darüber, dass die Tötung von Menschenleben kein noch so „guter Zweck“ heiligen kann, schließt sich der Kreis zwischen der verlorengegangenen Orientierung einer ganzen Gesellschaft und dem persönlichen Schmerz einer einzelnen Frau, die ungewollt und ungeplant schwanger ist. Beide stehen vor der Wahl, Ja zu sich, zu ihrem Leben, zu ihrer Geschichte und Ja zur Zukunft zu sagen – oder eben nicht.
Von beider Ja hängt die Sicherung des Friedens in Europa und das Fortbestehen unserer Kultur ab. Ja zum eigenen Leben und zur eigenen Zukunft zu sagen – unter allen Umständen und Bedingungen –, ist die Voraussetzung für die Wertschätzung und Achtung des Lebens anderer.
Dieses Leben wieder als Geschenk Gottes zu begreifen und anzunehmen, ein Kind in diese Welt zu setzen oder anderen Menschen dabei zu helfen, dies zu tun und sie dabei zu unterstützen – gibt es einen bedeutenderen Beitrag für die Erneuerung und den Wiederaufbau eines freien, gerechten und solidarischen Europas?
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2025
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Frisst die Entchristlichung demnächst ihre Kinder?
Der radikale Bruch mit den christlichen Werten
Susanne Wenzel, die Vorsitzende der Christdemokraten für das Leben (CDL), einer Vereinigung von Bundestags- und Landtagsabgeordneten, nahm in einem Interview mit Radio Horeb zur derzeitigen Diskussion um die Aufhebung des Abtreibungsverbots Stellung. Wie auch in anderen Teilen der Welt möchten zahlreiche Vertreter des Bundestags den Schwangerschaftsabbruch aus dem Strafrecht herauslösen und zu einem Recht der Frau umdefinieren. Klaus-Hermann Rössler beleuchtet die Thematik im Licht des christlichen Glaubens und analysiert die aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklung auch im Blick auf die anstehenden Wahlen. Er stellt fest, dass letztlich die Entchristlichung der Bevölkerung zum Kinder- und Fachkräftemangel führt, der wiederum nur durch Zuwanderung behoben werden kann. Interessant ist für ihn, dass laut Umfragen die jüngere Generation mehr Sensibilität für das Lebensrecht der ungeborenen Kinder hat als die ältere. Doch worin besteht die Aufgabe derjenigen, die ihrem christlichen Glauben treu bleiben und ihrer Berufung in Kirche und Gesellschaft nachkommen wollen?
Von Klaus-Hermann Rössler
Bereits der „Hippokratische Eid“ (Hippokrates von Kos: ca. 460-370 vor Christus) enthält die Selbstverpflichtung des Arztes, keine Abtreibungen durchzuführen. Gewiss muss man kein Christ und schon gar nicht dezidiert katholisch sein, um es für eine kaum zu überbietende Tragödie zu halten, wenn Mütter sich in einer derartigen Lage sehen, dass sie ihre ungeborenen Kinder dem Tode weihen. Zumal, wenn dies auch noch öfters aus wirtschaftlichen Gründen ausgerechnet in den Ländern der Erde geschieht, die durch einen in jeder Hinsicht unvergleichlichen allgemeinen Reichtum und ein ansonsten gut ausgebautes System der sozialen Sicherung gekennzeichnet sind.
Personen-Identität zwischen ungeborenem und geborenem Menschsein im Alten Testament
Richtig ist aber, dass es gewissermaßen zur DNA des christlichen Glaubens gehört, die Tötung von Ungeborenen oder gar Kindern konsequent abzulehnen. Zwar geht die Bibel nicht explizit auf die moralische Frage der Abtreibung im Sinne eines vorsätzlichen Schwangerschaftsabbruchs ein, vielleicht, weil bei den Juden Kinderlosigkeit als schweres Unglück galt und es sich daher nicht um eine Frage handelte, über die ernsthaftes Nachdenken notwendig war. Aber bereits das Alte Testament kennt die Personen-Identität zwischen ungeborenem und geborenem Menschsein (vgl. beispielsweise Ps 139,13-16; Jer 1,5; Ijob 10,8-12) und erklärt die Tötung eines Ungeborenen für strafwürdig (Ex 21,22-25) – und zwar für die daran beteiligten Männer. Von entscheidender Bedeutung ist, dass „die Entstehungsgeschichte jedes einzelnen Menschen und des eigenen Lebens … auf JHWH als Kunstwerk seiner Hände zurückgeführt“[1] wird.
Man könnte daher darüber diskutieren, inwieweit nicht auch das gewissermaßen härteste Wort Jesu im Neuen Testament vom Mühlstein um den Hals (Mt 18,6; Mk 9,42) auf Abtreibung zu beziehen ist, insoweit diese einen Bruch des Vertrauens auf Christus als dem Logos der Schöpfung darstellt.
Jüdische und nichtjüdische Verbote der Abtreibung zur Zeit Jesu
Zu Lebzeiten Jesu auf Erden und danach spielte das Thema offenbar aber in der nicht-jüdischen Umwelt eine nicht zu unterschätzende Rolle. Es gibt Hinweise in den Quellen auf römische gesetzliche Verbote der Abtreibung (etwa bei Gaius Suetonius Tranquillus (ca. 70-140 n. Chr.) und Cornelius Tacitus (ca. 55-120 n. Chr.).
Auch aus dem Judentum sind Reaktionen überliefert: Der hellenistisch-jüdische Philosoph Philon von Alexandria (ca. 25 v. Chr. bis 50 n. Chr.) betrachtete in einer Auslegung von Ex 21,22 ff. bereits entgegen den allgemeinen Anschauungen der Zeit den Embryo als Lebewesen und damit als Mensch. Auch der jüdische Historiker Flavius Josephus (ca. 37-100 n. Chr.) betont, dass alle Kinder aufgezogen werden müssen und dass die Abtreibung verboten ist. Ein explizites religiös begründetes Verbot der Abtreibung begegnet schließlich in dem jüdischen paränetischen Lehrgedicht des Pseudo-Phokylides (zwischen 30 v. Chr. und 40 n. Chr. entstanden).[2]
Eindeutige Haltung der frühen Kirche
In der wohl frühesten Kirchenordnung der Christenheit, der sog. Zwölfapostellehre (90-110 nach Christus) heißt es in der Zwei-Wege-Lehre (Weg des Lebens und Weg des Todes): „Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht Knaben schänden, du sollst nicht Unzucht treiben… du sollst keine giftigen Scheinmedikamente mischen, du sollst ein Kind weder abtreiben noch das Neugeborene töten…“[3] Es gilt, dass auch das ungeborene Kind ein Geschöpf Gottes ist.
„Fast gleichlautend findet sich dieses Abtreibungsverbot übrigens auch im Barnabasbrief (sicher vor 140) und später in der Apostolischen Kirchenordnung (Beginn des 4. Jh.) und in den sog. Apostolischen Konstitutionen, der größten kirchenrechtlich-liturgischen Sammlung des frühen Christentums (Ende 4. Jh.); hier wird noch die Begründung beigefügt, dass der Embryo von Gott eine Seele erhalten habe und deshalb seine Tötung ein Mord ist.“[4]
Auch bei den christlichen Schriftstellern Athenagoras (Supplicatio pro Christianis, 35), Clemens von Alexandrien (ca. 150-215), der als „der erste christliche Gelehrte“ bekanntgeworden ist (Paidagogos II, 10, Eclogae propheticae 50, 1-3) und zu Beginn des 3. Jh. der christliche römische Rechtsanwalt Marcus Minucius Felix in seinem lateinischen Dialog Octavius (30,2) findet sich die eindeutige Ablehnung der Abtreibung. Der letztere setzt sie mit einem Vater-mord (parricidum) gleich und zeigt mit diesem Vergleich, dass trotz der eingeschränkten biologischen und medizinischen Kenntnisse bereits vor über 1800 Jahren die Entwicklungsfähigkeit des Embryos zum Menschen als Grund für seine absolute Schutzwürdigkeit gesehen werden konnte. Die Liste bereits der frühchristlichen Zeugnisse ließe sich problemlos verlängern. In den ersten Jahrhunderten wurde die Ablehnung von Abtreibung und Kindesmord geradezu zum Merkmal der Christen in einer heidnischen Umwelt und zu einem Teil christlicher Integrität, damit aber auch zu einer Grundlage westlichen Werteverständnisses.
Die tiefverwurzelte kulturelle Vorgeschichte des Grundgesetzes
Wenn das Grundgesetz in Art 2 Abs. 2 festlegt „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“, dann ist dies sicherlich nicht ohne eine tiefverwurzelte kulturelle Vorgeschichte denkbar, zu der auch die jahrhundertelange moralische Ablehnung der Abtreibung durch das Christentum gehört, die sich von Anfang an stets auf die Schutzwürdigkeit menschlichen Lebens in allen Phasen seiner Entwicklung berief, weil jeder Mensch sich in jeder dieser Phasen befunden hat – und weil sich in allen von ihnen Gottes Schöpferwillen zeigt.
In einem bemerkenswerten Interview mit Radio Horeb hat nun Susanne Wenzel, die Vorsitzende der Christdemokraten für das Leben (CDL), einer von der CDU offiziell nicht aner-kannten Parteivereinigung, auf den radikalen Bruch mit den christlichen – und damit auch den westlichen – Werten aufmerksam gemacht, der im gesetzgeberischen Vorstoß einer interfraktionellen Abgeordnetengruppe liegt, die den Tatbestand der Abtreibung aus dem Strafrecht herauslösen und in bestimmtem Rahmen zu einem Recht der Schwangeren umdefinieren möchte. Am 5.12.2024 hat die Gruppe ihren – von Organisationen wie „pro familia“ mit-inspirierten – Gesetzentwurf in den Bundestag eingebracht. Und dies, obwohl derzeit ungewiss ist, ob der Entwurf überhaupt noch vor den Bundestagswahlen das gesamte gesetzgeberische Verfahren durchlaufen kann. Die Erwartung, dies durch politisch-medialen Druck auf die – aus unterschiedlichen Gründen sowohl prinzipieller wie bloß prozessualer Art – nicht zustimmungsbereiten Kolleginnen und Kollegen durchzusetzen, zeigt die hohe ideologische Bedeutung, den dieser Akt der Umwertung aller Werte für die Initiatoren vor allem aus der SPD und den Grünen hat. Man möchte im Bewusstsein der eigenen Fortschrittlichkeit die gegenwärtigen Mehrheitsverhältnisse noch nutzen, um dieses Herzensprojekt aller linker Parteien in kürzester Zeit durchzusetzen. Hintergrund ist auch eine aufwendige Vorbereitung des – wie Frau Wenzel betonte – von vorneherein zentralen Projektes der Ampelregierung, die eine Regierungskommission mit feststehendem Ergebnis – eben der fast völligen rechtlichen Liberalisierung der Abtreibung – eingesetzt hatte, die im vergangenen März die erwarteten Resultate veröffentlicht hat.
Kritik der „Christdemokraten für das Leben“ am Gesetzesentwurf der Ampelregierung
Der Gesetzentwurf will die Rechtmäßigkeit der Abtreibung bis zur 12. Schwangerschaftswoche, die Abschaffung der dreitägigen Wartefrist zwischen der Beratung und dem für das Kind tödlichen Eingriff und die Abschaffung der auf das Ziel seiner Lebenserhaltung gerichteten Bestimmung der Beratung nach dem bisherigen § 219. Die medizinische und die kriminologische Indikation werden beibehalten, wobei im letzteren Fall die Frist zur rechtmäßigen Abtreibung nach einer Vergewaltigung auf 15 Wochen erhöht werden soll. Die Krankenkassen sollen künftig wieder die Finanzierung der Abtreibungen (durchschnittlich ca. 500 Euro pro Fall) aus den Beiträgen der Versicherten übernehmen.
Frau Wenzel berichtete, dass während der Zeit der Ampelkoalition die Gesetzgebung an der FDP gescheitert sei und dass SPD und Grüne jetzt mit einer Unterstützung der Linken und des BSW sowie von Abweichlern der anderen Fraktionen im Parlament rechneten. Dies insbesondere deshalb, weil man einzelne Abgeordnete umzustimmen hoffe, die nur aus Verfahrensgründen den Gesetzentwurf jetzt nicht unterstützen wollten. Der Rechtsausschuss des Bundestages hat am 18.12.2024 die Durchführung einer Anhörung beschlossen. Die Sachver-ständigen sollen am Montag, 10. Februar, ab 17 Uhr zu dem Gesetzentwurf „zur Neuregelung des Schwangerschaftsabbruchs“ (20/13775) Stellung nehmen.
Es ist aller Aufmerksamkeit wert, dass die Vorsitzende der CDL eine handstreichartige Verabschiedung in den letzten Wochen vor den Neuwahlen durchaus für möglich hält. Insbesondere verwies sie in diesem Zusammenhang auf eine Äußerung des CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz, der Zufallsmehrheiten gemeinsam mit der AfD kategorisch ausgeschlossen habe, was Raum für eine Diskussion über die Aufrechterhaltung der Brandmauer zwischen CDU/CSU und der AfD auch in der Frage dieses Gesetzentwurfes lasse. Dabei würden ihrer Einschätzung nach CDU/CSU und AfD völlig unabhängig voneinander gegen den Gesetzentwurf stimmen. Diese bemerkenswerte Besorgnis einer christdemokratischen Insiderin lässt den Einfluss sachfremder politischer Erwägungen in der Entscheidungsfindung der CDU/CSU als nicht ausgeschlossen erscheinen.
Im Zugzwang politischer Kompromisse
Frau Wenzels Optimismus, dass sich – sofern der Gesetzentwurf in dieser Legislaturperiode nicht mehr verabschiedet wird – in der nächsten höchstwahrscheinlich keine Mehrheit dafür finden werde, kann vor diesem Hintergrund als gewagt erscheinen. Zudem verdichten sich die Hinweise, dass in der kommenden Legislaturperiode die CDU/CSU entweder mit den Grünen oder mit der SPD (oder ggf. auch mit beiden) koalieren will. Der CDU-Vorsitzende Merz schließt beispielsweise einen Wirtschaftsminister Habeck in seinem Kabinett keineswegs aus. Bei den allfälligen Kompromissen könnten dann Bekenntnisse zum Lebensschutz recht schnell obsolet werden.
Der Grund für solche erfahrungsgesättigten Befürchtungen liegt zweifellos darin begründet, dass Parteien Wähler gewinnen müssen, die Wählerschaft in Deutschland derzeit in ihrer Mehrheit zwar nicht als ausgesprochen Christentums-feindlich, wohl aber als entchristlicht und ohnehin den Kirchen entfremdet bezeichnet werden muss.
Folgen der Entchristlichung der Gesellschaft
Seit 2023 sind formal weniger als die Hälfte der Bevölkerung unseres einst christlichen Landes Mitglied in einer der beiden großen christlichen Kirchen – und unter den Kirchenmitgliedern glaubt nur noch eine Minderheit an die zentralen christlichen Glaubenswahrheiten. In einer gewöhnlichen Woche gehen von den jeweiligen Anteilen her, vielleicht sogar in absoluten Zahlen, freitags mehr Muslime in ihre Moschee als sonntags Christen in ihre Kirche. Kirchliche Positionen – traditionelle zumal – werden immer seltener in der Öffentlichkeit wahrge-nommen und werden zunehmend erklärungsbedürftiger. So kann es niemanden verwundern, dass bei einer aktuellen Umfrage des INSA-Meinungsforschungs-Instituts im Dezember 2024 u.a. folgende Ergebnisse zutage traten:
• Wenn man die aktuelle Rechtslage kurz erklärt, sind 44 Prozent der Befragten dafür, dass man die Möglichkeit, einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen, erleichtert. 36 Prozent wollen die Möglichkeit, einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen, belassen wie bisher und jeder Elfte (9 Prozent) will sie erschweren.
• Gefragt, was bei der rechtlichen Abwägung schwerer wiegen soll – das Recht der Frau, über den eigenen Körper und ihre Gesundheit selbst bestimmen zu dürfen, oder das Recht des ungeborenen Lebens (Embryo/Fötus) auf Leben und körperliche Unversehrtheit antwortet knapp jeder Zweite (49 Prozent), dass das Recht der Frau als höher eingestuft werden soll, jeder Zehnte (10 Prozent) spricht sich für das uneingeschränkte Lebensrecht des ungeborenen Kindes aus und jeder Dritte (33 Prozent) findet, dass beide Rechte gleichrangig berücksichtigt werden müssen.
Kindermangel, Zuwanderung und die Zukunft unseres Landes
Der daraus erkennbare momentane Trend zur gesetzlichen Verankerung der vorgeburtlichen Kindstötungen als Recht der Frau findet allerdings keine Begründung in einem realen Bedarf an Abtreibungsmöglichkeiten, wovon es nach Experten-Schätzungen etwa doppelt so viele gibt wie Geburtsstationen. Dies hängt auch damit zusammen, dass die Geburtsstationen sich für die Krankenhäuser wegen Unterfinanzierung wirtschaftlich nicht tragen. Experten erwarten zudem, dass auch die geplante Bundeskrankenhausreform zum weiteren Verschwinden der geburtshilflichen Stationen beitragen wird.
Das natürliche Bevölkerungssaldo in Deutschland, also das Verhältnis zwischen Geburten und Todesfällen ist seit über fünfzig Jahren negativ – es sterben mehr Menschen als geboren werden, der Bevölkerungszuwachs rekrutiert sich ausschließlich aus der Zuwanderung, zuletzt hauptsächlich durch Flüchtlinge.
Man kann wohl sagen, dass die abgetriebenen Menschen durchaus in unserer Bevölkerung schmerzlich fehlen. Nicht geborene Kinder können auch nicht zu Fachkräften ausgebildet werden, an denen unsere Wirtschaft bekanntlich trotz Zuwanderung einen zunehmenden eklatanten Mangel hat.
Führt also nicht zuletzt die Entchristlichung zum Kindermangel? Frisst die Säkularisierung ihre Kinder? Und gibt es dafür überhaupt ein Bewusstsein in der Bevölkerung? Bei der genannten Befragung durch das INSA-Institut fiel jedenfalls auf, dass bei den unter 30-Jährigen (16 Prozent) vier Mal so viele Befragte sich für das Überwiegen des Rechtes des ungeborenen Lebens aussprechen wie bei den über 70-Jährigen (4 Prozent). Ein Anzeichen für eine Trendwende für übermorgen?
[1] Michael Ernst: „Morde nicht ein Kind durch Abtreibung!“ – Texte und Argumente zum Schwangerschaftsabbruch im frühen Christentum und in seiner Umwelt, in: Geist und Feuer, Festschrift anlässlich des 70. Geburtstages von Erzbischof Dr. Alois M. Kothgasser SDB (221 S.), Tyrolia Verlag, Innsbruck 2007.
[2] Ebd.
[3] Didaché II,1-2; V, 1-2, F. X. Funk/K. Bihlmeyer: Die apostolischen Väter, Tübingen 1970, S. 1-9.
[4] Michael Ernst, a.a.O.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2025
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Ein großer Förderer von „Kirche heute“ hat seinen Lauf vollendet
Zum Heimgang von Weihbischof Dr. Andreas Laun
Andreas Laun wurde am 13. Oktober 1942 in Wien geboren, 1962 trat er bei den Oblaten des hl. Franz von Sales ein, 1967 empfing er die Priesterweihe und dozierte nach seiner Habilitation im Jahr 1981 an den Philosophisch-Theologischen Hochschulen in Benediktbeuern und Heiligenkreuz Moraltheologie. Von 1995 bis 2017 war er Weihbischof der Erzdiözese Salzburg. Sein Wahlspruch lautete: „Scio cui credidi“ – „Ich weiß, wem ich geglaubt habe“ (2 Tim 1,12). Am 31. Dezember 2024 verstarb er in einem Pflegewohnhaus, der sog. „Seniorenresidenz Schloss Kahlsperg“.
Von Erich Maria Fink und Thomas Maria Rimmel
Um die Frohe Botschaft vom Heil in Jesus Christus allen Völkern zu bringen, hatte der hl. Papst Johannes Paul II. ganz neue Wege beschritten. Immer suchte er in der Verkündigung des Evangeliums Anknüpfungspunkte, in denen ihm alle Menschen guten Willens folgen konnten. Gleichzeitig verteidigte er mit großem Nachdruck die entscheidenden Eckpunkte der kirchlichen Lehre. In dieser Spannweite veranstaltete er am 27. Oktober 1986 in Assisi das erste interreligiöse Weltgebetstreffen für den Frieden. Doch der Vorstoß, den er mit einem solchen Schritt wagte, rief in konservativen Kreisen der katholischen Kirche lebhaften Widerspruch hervor. Es entwickelten sich heftige Auseinandersetzungen um das Pontifikat Johannes Pauls II., aus denen schließlich die katholische Monatszeitschrift „Kirche heute“ hervorging. Sie trat mit der klaren Zielsetzung an, die Einheit mit dem Nachfolger des hl. Petrus zu wahren und die Gläubigen im Vertrauen und in der Treue zur Kirche zu stärken.
Weihbischof Dr. Andreas Laun versuchte in seinem Hirtendienst, den Weg der Neuevangelisierung mitzugehen, wie ihn Papst Johannes Paul II. eingeschlagen hatte. Am 25. Januar 1995 wurde er zum Weihbischof in Salzburg ernannt. Dieses Amt übte er bis zum altersbedingten Rücktritt am 13. Oktober 2017, seinem 75. Geburtstag, aus. Bereits 1996 übernahm er als Herausgeber die inhaltliche Verantwortung für die Zeitschrift „Kirche heute“ und blieb dem Apostolat als Mitherausgeber und schützende Hand bis Mitte des Jahres 2018 treu.
Mit Papst Johannes Paul II. fühlte sich Laun besonders als Moraltheologe verbunden. Wie Karol Wojtyla kam er von einer metaphysisch begründeten philosophischen Ethik her. So wurde er zum Herold der katholischen Morallehre im deutschsprachigen Raum, wie sie der Papst aus Polen in seinem Lehramt entfaltete. Ein Schwerpunkt war die sog. „Theologie des Leibes“, die zutiefst pastoral ausgerichtet war und sowohl die Enzyklika „Humanae vitae“ von Papst Paul VI. bestätigen als auch der aufkommenden Gender-Ideologie das christliche Menschenbild entgegensetzen konnte. Verbunden damit war die kompromisslose Verteidigung der Würde des Menschen vom Augenblick der Empfängnis bis zum natürlichen Tod.
Unerschrocken beteiligte sich Weihbischof Laun an öffentlichen Kundgebungen wie dem „Marsch für das Leben“. Er sah darin einen unersetzbaren Beitrag im Kampf für das Lebensrecht der ungeborenen Kinder. Gleichzeitig engagierte er sich unermüdlich auf dem Gebiet der Ehe- und Familienpastoral, unter anderem durch wertvolle Publikationen wie „Liebe und Partnerschaft aus katholischer Sicht“ (Eichstätt 2000). Bis 2003 erlebte das Buch bereits acht Auflagen. Auch rief er die Initiative „kathTreff“ ins Leben, die schon unzähligen Partnersuchenden zum Eheglück verholfen hat.
Auf apologetische und zugleich humorvolle Weise verteidigte Weihbischof Laun die Schätze des christlichen Glaubens. Einzigartig ist seine achtbändige Schulbuchreihe mit dem Titel „Glaube und Leben“, die ihm sehr am Herzen lag. Er verstand sie als Ergänzung und alternatives Angebot zu den gebräuchlichen Religionsbüchern.
Fast in jeder Nummer von „Kirche heute“ veröffentlichte Weihbischof Laun einen eigenen Beitrag. Joseph Kardinal Ratzinger hielt dieses Zeugnis für äußerst wichtig und setzte sich kurz vor seiner Wahl zum Papst öffentlich für den Fortbestand der Zeitschrift ein – allein schon um „dieser Stimme“ willen. Dass Weihbischof Laun wie Papst Benedikt XVI. am Silvestertag verstorben ist, darf als schönes Zeichen gewertet werden.
Andreas Laun war für uns ein Wegbegleiter, dem wir unaussprechlich viel zu verdanken haben, mit dem wir diskutieren und ringen konnten, dem wir auch widersprechen durften, eben ein echter Freund. Gott möge ihn für seinen außergewöhnlichen Dienst im ewigen Leben reich belohnen!
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2025
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Kleines Vermächtnis des Kölner Weihbischofs Dr. Klaus Dick (27.02.1928 - 25.02.2024)
Priester sein im Alter
Dr. theol. Klaus Dick wurde am 27. Februar 1928 in Köln geboren, wo er Anfang letzten Jahres in hohem Alter verstarb, nämlich am 25. Februar 2024, einen Tag nach seinem 71. Priesterjubiläum. In seiner Heimatstadt war er am 24.02.1953 von Kardinal Frings zum Priester und am 19.05.1975 von Kardinal Höffner zum Bischof geweiht worden. Bis 2003 war er 28 Jahre lang Kölner Weihbischof und zuletzt der zweitälteste Bischof in Deutschland. Zeitlebens wirkte er in seiner Diözese und darüber hinaus als geschätzter Seelsorger und Ratgeber von Menschen allen Alters und Standes. Erwähnt sei, dass er unter anderem die Statuten der Jugend 2000 mit erarbeitet und zur Anerkennung geführt hat. Über seinen Tod hinaus wird ihm Verehrung entgegengebracht. Sein Motto als Bischof lautete treffend „Obsecramus pro Christo“ – nach der Bibelstelle „Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!“ (2 Kor 5,20). Seit ihren gemeinsamen Studienzeiten war er Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI., bis zu dessen Tod in persönlicher Freundschaft eng verbunden. Nachfolgend geben wir Auszüge aus einem Vortrag wieder, den er am 8. Oktober 2007 vor betagten Priestern gehalten hat und der im Pastoralblatt der Diözese in der Oktoberausgabe 2008 veröffentlicht worden ist.
Von Weihbischof Dr. Klaus Dick (†)
Als Wichtigstes steht in unseren Überlegungen gleich am Anfang: An unserem Priestersein ändert sich nichts dadurch, dass wir alt geworden sind! Die Erkenntnis, dass wir Priester sind und bleiben, setzt uns instand, gerade unter veränderten Umständen – gegenüber früher vielfach eingeschränkt – uns nicht nur als Priester zu „fühlen“, sondern die – subjektiv unterschiedlichen – Möglichkeiten voll zu nutzen, als Priester zu „wirken“! …
1. Alter in der Hl. Schrift
Wenn wir, etwa im Bibellexikon von Herbert Haag (Einsiedeln 1968), unter dem Stichwort „Alter“ nachschauen, ergibt sich eine interessante Übersicht. „Die Bibel kennt eine zweifache Vorstellung vom Alter: (1) In einer idealistischen Sicht ist das Alter eine herrliche Krone, die Erfahrung des Alters, seine Weisheit und Einsicht und sein reiches Wissen sind bewunderns-wert… (2) Meistens aber malt die Bibel das Alter in dunklen Farben: das Auge ist schwach geworden, …man leidet an Gicht, die Lebenslust schwindet. … Doch der Gott Israels verspricht, sein Volk auch im Alter nicht allein zu lassen.“ …
Aus den positiven Kennzeichnungen des Alters sticht hervor die Weisheit, nach der ja auch ein großer Teil des Alten Testamentes benannt ist! Im Buch Jesus Sirach (25,5) heißt es: „Wie schön steht den Alten Weisheit an!“ Das ist auch eine schlichte, aber nicht zu unterschätzende Gabe, die wir Alten geradezu als Gnade verstehen dürfen. … Sicher kommt solche Weisheit nicht automatisch mit Ablauf von Zeit, aber gerade die Erfahrungen eines Priesterlebens können weise machen, weil es dabei immer um den Gottbezug geht – man könnte geradezu sagen: Weisheit ist langjährige Erfahrung mit Gott und seinem Wirken – in unserem Leben und im Leben Anderer! … Das alles gilt – gerade im Blick auf die biblische Weisheitsliteratur – zunächst für das Alte Testament. Was ändert sich im Blick auf das Alter mit dem Neuen Bund? Das wird deutlich an der Gestalt des greisen Simeon. „Nun lässt du, Herr, deinen Diener in Frieden scheiden, denn meine Augen haben das Heil gesehen“ (Lk 2,29). Ihm bringt das Alter die Erfüllung der letzten Sehnsucht jedes Menschen. Es ist sehr passend für uns alte Priester, dass wir schon von Anfang der Stundengebetsverpflichtung an jeden Abend die Simeons-Freude zum Ausdruck bringen – je älter wir werden, umso mehr naht für jeden von uns diese Erfüllung und immer stärker können wir feststellen: „Meine Augen haben das Heil gesehen.“ …
2. Leben als Priester im Alter
Wie können wir nun aus unseren Erkenntnissen Folgerungen ziehen für unser Leben als Priester im Alter? Wie muss die Praxis der Theorie entsprechen?
a) Berufung:
Zunächst geht es darum, welche Belastungen auch immer uns aufgeladen sein mögen, das Bewusstsein der Berufung zum Priester als unser Selbstbewusstsein wach zu halten. Immer wieder sollten wir uns die Grundlage dieser Berufung klarmachen: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“ (Joh 15,16). Das kann, je nach Situation, Stärkung oder Entlastung sein; jedenfalls ist es im Rückblick auf unser priesterliches Wirken immer Quelle der Freude! Und dass es bei dieser Art von Berufung nicht um einen Sachverhalt oder eine Zuweisung von Kompetenz geht, wurde uns – im alten Ritus – bei der Weihe zugesprochen: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern meine Freunde, weil ihr alles erkannt habt, was ich in eurer Mitte getan habe.“ Gegenüber der Herkunft dieses Herrenwortes in den Abschiedsreden des Johannesevangeliums ist interessanterweise eine Änderung festzustellen. Im Evangelium heißt die Begründung: „denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe“ (Joh 15,15). Die Freundschaft, die der Herr uns anbietet, gründete bei den Aposteln in der Wahrheitsvermittlung, also dem Offenbarungsvorgang.
Bei den Priestern der Nachfolgezeit ist das Erleben des Wirkens Christi in seiner Kirche der Grund für die Vertrautheit mit dem berufenden Herrn! Diesen Gesichtspunkt könnte wohl jeder von uns sehr konkret individuell verdeutlichen. Wenn nun auch die Art und der Umfang priesterlichen Wirkens im Alter sehr verändert sein kann, so bleibt doch der Grundauftrag erhalten – so beten wir ja im Psalm 71,17f.: „Gott, du hast mich gelehrt von Jugend auf, und noch heute verkünde ich dein wunderbares Walten.“ „Auch wenn ich alt und grau bin, o Gott, verlass mich nicht“ (vgl. Jes 46,4). Wie immer im inspirierten Gotteswort, so ist auch in diesem Gebet die Zusage mitgegeben. Unser Leben kann immer Verkündigung sein. Wir haben es ja beim verstorbenen Papst Johannes Paul II. feststellen können, dass er in seinem Leiden aller Welt vorgemacht hat, was es heißt, christlich zu sterben. Unser verewigter Kardinal Frings hat ja uns allen deutlich gemacht: „Die letzte Predigt hält ein Priester durch seinen Tod!“
b) Eucharistie:
Aber in noch gesteigerter Form können wir Priester sein im Alter: es bleibt uns ja immer die Feier der Eucharistie. Selbst wenn wir körperlich nicht mehr imstande sind, selbst zu zelebrieren, können wir in geistlicher Weise uns mit den vielen Messopfern verbinden und im Empfang der hl. Kommunion – selbst wenn das im äußersten Fall auch nur noch geistlich möglich ist – priesterlich „konzelebrieren“. Gott sei es gedankt, dass bei den meisten Mitbrüdern auch im fortgeschrittenen Alter oder bei behindernder Krankheit die Zelebration immer noch möglich ist. Wir können beim Vollzug des Ritus als Ältere sogar noch deutlicher als in jüngeren Jahren empfinden, dass die Begegnung mit dem Herrn immer auch Vorausgabe ist für das „Hochzeitsmahl des ewigen Lebens“. …
Ein Element der Eucharistiefeier gewinnt übrigens mit zunehmendem Alter eine wachsende Bedeutung: das Memento. Die Zahl der Verstorbenen, derer wir zu gedenken haben, wächst ja ständig, und immer größer wird die Menge der uns im Glauben Vorangegangenen, mit denen wir in Christus verbunden und die uns in dieser Verbindung erreichbar bleiben. Aber auch das Memento vivorum (Gedenken an die Lebenden) gewinnt im priesterlichen Alter an Bedeutung: für wie viele haben wir weiter eine Gebetsverpflichtung – gerade auch dann, wenn wir etwa im Ruhestand nicht mehr „zuständig“ sind! Oft ist das Gedenken bei der hl. Messe – oder auch nach dem Empfang der hl. Kommunion – ja die einzige – und dazu wirksamste! – Weise, immer Seelsorger zu bleiben!
c) Stundengebet:
Das Eintreten für Andere ist auch ein wichtiger Impuls, im Alter die Verpflichtung für das Stundengebet nicht einzuschränken. Hier gilt gerade in der oft erweiterten freien Tageszeit im Ruhestand: Halte die Ordnung, und die Ordnung hält dich! Vielleicht erinnert sich manch einer von uns noch der Worte des Seminarprofessors Solzbacher. Selbst wenn es gute Gründe gäbe, sich etwa am Abend vom Breviergebet dispensiert zu wissen: „Beten Sie es dennoch, auch wenn Sie scheinbar nichts verinnerlichen können – damit an diesem Tag Ihre Stimme im Chor der betenden Kirche nicht gefehlt hat!“
d) Heiligenverehrung:
Im Mitbeten mit der Kirche gibt es mit dem Alter auch eine Bereicherung bei der Heiligenverehrung. Wir haben im Lauf unseres Lebens nicht nur zu vielen Patronaten der uns anvertrauten Heiligtümer ein besonderes Verhältnis aufbauen können, sondern erfuhren auch viele Anregungen durch die miterlebten Heilig- und Seligsprechungen der letzten Jahre und Jahrzehnte. …
e) Einssein mit der Kirche:
Schließlich möchte ich auf einen Aspekt hinweisen, der im priesterlichen Alter nichts an Wichtigkeit verliert, im Gegenteil: es ist unser geistiges Einssein mit der konkreten Kirche. Vielleicht besser als junge Mitbrüder können wir ermessen, dass unser Priestersein wesentlich in der inneren Verbundenheit mit dem Bischof besteht. Manch einer mag versucht sein, in langer Erfahrung mit der „Bistumsleitung“ – ein schrecklicher und falscher Begriff! – scheinbar ernüchtert die Abhängigkeit vom Bischof als eine menschlich-organisatorische Notwendigkeit anzusehen. Demgegenüber müssten wir gerade aus langer Erfahrung wissen, dass vor allem unser sakramentaler Dienst eine gnadenhafte Beziehung zum Bischof voraussetzt. Ein nicht häufig zitierter Text des 2. Vaticanums betont ja: „In jedem Vollzug der Sakramente – so bezeugt es schon in der Urkirche der heilige Martyrer Ignatius – werden sie (die Priester) auf verschiedene Weise mit dem Bischof hierarchisch verbunden und machen ihn (so) in den einzelnen Gemeinschaften der Gläubigen gewissermaßen gegenwärtig“ (Priesterdekret 5). …
Zum Schluss möchte ich versuchen, eine uns alle betreffende Gemeinsamkeit in unserer Selbsteinschätzung auszudrücken. So unterschiedlich die Bedingungen unseres Lebens im Alter sein mögen, jeder wird sicher im Blick auf sein Priesterleben, wie es bisher war, wie es jetzt ist und wie es in Zukunft sein wird, das Herrenwort an den hl. Paulus auf sich beziehen können: „Es genügt dir meine Gnade, denn die Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung“ (2 Kor 12,9).
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2025
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Kemptens neueröffnete Priesterwohnanlage „Haus Simeon“
Geborgen im Ruhestand
Das „Haus Simeon“ in Kempten ist weit mehr als eine soziale Einrichtung für Geistliche im Ruhestand. Es ist ein Pionier- bzw. Pilotprojekt, das einen wertvollen Beitrag zum kirchlichen Leben leistet und dem Dienst der Priester eine anerkennende Aufmerksamkeit schenkt. So gesehen ist die Initiative ein echtes Glaubenszeugnis, mit dem ein Ärzte-Ehepaar seine enge Verbundenheit mit der Kirche zum Ausdruck bringt, aber auch neue Maßstäbe für die Sorge um Priester in ihrem letzten Lebensabschnitt setzt. Klaus-Hermann Rössler hat mit dem Ehepaar Franz und Birgit Heigl Kontakt aufgenommen und stellt das Projekt vor, das in Deutschland bisher einzigartig ist.
Von Klaus-Hermann Rössler
Seit einem Jahr bezugsfertig, seit Juli 2024 geweiht: Das Haus St. Simeon in Kempten (Allgäu) liegt eingebettet auf 710 m Höhe in direkter Umgebung eines privat geführten Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ), des Klinikums Kempten und wunderschöner Natur. Ruhig und dennoch zentral gelegen verfügt die Residenz-Wohnanlage über 27 eigenständige Zwei-Zimmer-Wohnungen mit Küche, Bad und Balkon in gehobener Ausstattung.
Das ganz Besondere: es handelt sich um eine Einrichtung für Priester im Ruhestand, also ab 70 Jahren. Das heißt, dass dort Priester zur Miete wohnen können, die sich – wie sie es gewohnt sind – in ihre eigenen vier Wände zurückziehen können – auch als Selbstversorger, in jeder Wohnung ist eine Einbauküche – und trotzdem, wenn sie es wünschen, Kontakt zu anderen Priestern in gleicher Lebenslage aufnehmen und pflegen können. Den altgedienten Seelsorgern stehen eine Gartenanlage mit einer Mariengrotte und einem Kneippbecken, die Bibliothek, ein Wellnessbereich, Seelsorgeräume und ein Restaurant zur Benutzung frei. Im Mietpreis inbegriffen ist zudem ein umfangreiches Servicepaket und zahlreiche Gesundheitsangebote.
Durch die direkte Anbindung an das MVZ können die Priester medizinisch versorgt werden, bei Bedarf wird ärztliche Behandlung vermittelt. Brauchen die Bewohner eines Tages Pflege, steht der zum Haus gehörige Pflegedienst zur Versorgung bereit. „Wir kümmern uns nach unseren Möglichkeiten um die Priester, bis der Herr sie heim ruft“ – so umschreibt die Initiatorin Dr. Birgit Heigl die Grundidee des ungewöhnlichen Projektes.
Den Bewohnern steht eine hauseigene Kapelle zur täglichen Feier der Hl. Messe zur Verfügung. Bischof Dr. Bertram Meier von Augsburg hat am 5. Juli 2024 den Altar der Kapelle geweiht, in dem nun die Reliquien des hl. Pfarrers von Ars, des bekanntesten Patrons der Priester, und des Bistumspatrons, des hl. Ulrich, ruhen. Der Bischof hat auch den Ruhesitz für Priester eingesegnet. Die Namenswahl für das Haus ist – naheliegenderweise – auf die neutestamentliche Gestalt des greisen Simeon gefallen, dem offenbart worden war, er werde nicht sterben, ohne den Messias geschaut zu haben, und der bekennt: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen“ (Lk 2,29-30).
Oft erst mit über 70 Jahren gehen Priester in den Ruhestand. Eine eigene Familie haben sie meistens nicht, aus ihren alten Pfarreien sind sie oft weggezogen. Ihr ganzes Leben haben sie im Dienst der Kirche verbracht, sie waren meist ein Leben lang für andere Menschen da, aber im Alter gibt es für sie manchmal keinen wirklichen Ruhesitz – einen Ort, wo sie in gepflegter Umgebung Gemeinsamkeit, spirituelle Einkehr und Geborgenheit finden können.
Von dieser Not erfuhr das Mediziner-Ehepaar Dr. Franz Heigl und Dr. Birgit Heigl, das das Medizinische Versorgungszentrum nebenan betreibt (Heigl Health MVZ Kempten-Allgäu, Motto: Der Mensch im Mittelpunkt), immer wieder von geistlichen Patienten. Die Familie Heigl ist der katholischen Kirche eng verbunden. Bereits als Kinder haben die späteren Eheleute in St. Lorenz Kempten ministriert. Ihre mittlerweile erwachsenen sieben Kinder im Alter von 22 bis 38 Jahren engagierten sich ebenfalls für den christlichen Glauben. Die Vision, Priestern im Alter eine Heimstatt zu bieten, ist Birgit Heigl, heute Geschäftsführerin der gemeinnützigen Gesellschaft Haus Simeon, vor einigen Jahren bei einem Aufenthalt in Medjugorje – für sie selbst überraschend – gekommen. Es gelang ihr, ihre Familie für das Vorhaben zu begeistern. „Mir ist es wichtig, dass die Familie hinter dem Projekt steht und auch mit in diesen Bereich hineingeht“, sagt Birgit Heigl, deren Sohn Julian ihr mittlerweile als Geschäftsführer der Einrichtung bei diesem Vorhaben zur Seite steht.
Priester können auch im Alter noch für die Menschen einen unvergleichlichen Dienst verrichten, auch wenn er nach außen nicht immer spektakulär wirken muss (vgl. Artikel von Weihbischof Dr. Klaus Dick in dieser Nummer). Dr. Birgit Heigl und ihre Familie öffnen ihnen eine Tür dazu.
Kontakt: Haus St. Simeon, Robert-Weixler-Straße 23, D-87439 Kempten (Allgäu), Tel. +49 831 570 577 841, Mail: info@haus-simeon.com – Internet: www.haus-simeon.com
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2025
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Besprechung einer neuen Publikation über die selige Familie Ulma
„Es gibt keine größere Liebe...“
Im fe-Verlag ist ein 224-seitiges Buch über die am 10. September 2023 seliggesprochene Familie Ulma aus dem südpolnischen Dorf Markowa erschienen. Autor ist Thomas Alber, der auch Biographien über P. Johannes Leppich, Carlo Acutis, Willi Graf und P. Slavko Barbaric verfasst hat. Unter dem Titel „Es gibt keine größere Liebe…“ – Das Martyrium und die Ermordung der Familie Ulma[1] hat er „die packende Lebensgeschichte von Wiktoria und Józef Ulma eingebettet in die Abläufe der NS-Gewaltherrschaft“, so Studiendirektor Jakob Knab in seiner Buchbesprechung. Wie die Familie Ulma dem Hass und der Gewalt die dem Evangelium entsprechende Liebe entgegengesetzt hat, ist sie uns allen zum Vorbild geworden.
Von Jakob Knab
Der Begriff „Rettungswiderstand“ steht für die Zivilcourage jener Menschen, die ihr Leben riskierten, um das Leben von verfolgten Minderheiten in der NS-Gewaltherrschaft zu retten. Nach und nach werden diese unbesungenen Heldinnen und Helden in der deutschen Erinnerungskultur entdeckt. Im Standardwerk zum Rettungswiderstand wird die Familie Ulma so gewürdigt: „Im Dorf Markowa in Südpolen erinnert ein Denkmal an eine Heldenfamilie. Die Ulmas hatten sechs Kinder und versuchten, zwei jüdische Familien mit acht Menschen zu retten. (…) Innerhalb weniger Minuten wurden achtzehn Menschen ermordet. Am 13. September 1995 wurden Józef und Wiktoria Ulma von YadVashem als Gerechte geehrt.“
In der Neuerscheinung „Es gibt keine größere Liebe…“ zeichnet Autor Thomas Alber den dramatischen und erschütternden Lebensweg der polnischen Familie Ulma nach. Während der Besatzungszeit durch das NS-Regime versteckte diese aufrechte, mutige und gläubige Familie acht Jüdinnen und Juden auf dem Dachboden ihres Anwesens in Markowa (Südostpolen), um sie vor Deportation und Ermordung zu schützen. Nachdem das Ehepaar denunziert worden war, erschossen deutsche Polizisten im Morgengrauen des 24. März 1944 die jüdischen Mitbewohner und die gesamte Familie Ulma.
Mit Herzblut, Überzeugungstreue und Leidenschaft nimmt der kundige Autor den Leser einfühlsam an die Hand; denn er zeigt vorbildlich, wie das Zeitgeschehen in die je individuelle Existenz eingreift. Zudem wird diese Erzählung mit über 150 Fotos veranschaulicht. Die packende Lebensgeschichte von Wiktoria und Józef Ulma wird eingebettet in die Abläufe der NS-Gewaltherrschaft; denn die Ausdehnung des Machtbereichs dieser Diktatur des Bösen war verknüpft mit der Entfesselung der zerstörerischen Kräfte des Rassismus und des Krieges. Das Hauptverbrechen der Nazis war der Krieg, der den Holocaust und die Verbrechen im Vernichtungskrieg im Osten erst möglich machte; der Aktionsradius der SS und der Einsatzgruppen war identisch mit dem deutschen Frontverlauf. Unbedingt lesenswert sind hierzu die Kapitel „Das Deutsche Reich auf dem Weg zum Holocaust“, „Hitlers Kriegsvorbereitungen – Lebensraum im Osten“ und „Der Überfall auf Polen – Das Leben unter deutscher Besatzung“. In den Worten von Goebbels: „Der Weltkrieg ist da, die Vernichtung des Judentums muss die notwendige Folge sein.“ Aufschlussreich sind die Ausführungen zur „Wannsee-Konferenz“ vom 20. Januar 1942, wo die massenhafte Ermordung der Juden beschlossen wurde. In der Folge wurden weitere Vernichtungslager auf polnischem Gebiet gebaut.
Wiktoria und Józef Ulma wussten, dass die Todesstrafe darauf stand, Juden Unterschlupf zu gewähren. Über den verhängnisvollen 24. März 1944 lesen wir: Während die Ulmas und ihre acht versteckten Juden schliefen und völlig ahnungslos waren, herrschte in der Polizeistation reges Treiben. Sieben Polizisten machten sich auf den Weg nach Markowa. Mehrere Schüsse waren zu hören. Neben den Juden lagen Wiktoria und Józef tot und blutend am Boden. Die Kinder wurden nacheinander erschossen. 13 blutende Leichen und ein totes ungeborenes Kind lagen vor dem Wohnhaus und drei Leichen auf dem Dachboden. Auch die hochschwangere Mutter Wiktoria Ulma wurde von Kugeln niedergestreckt.
Der Autor nimmt den Leser an die Hand, wenn er den Weg der Hoffnung aufzeigt, bis die Familie Ulma in den Stand der Seligkeit erhoben wurde. Nach dem Angelus am Sonntag, den 10. September 2023, verkündete Papst Franziskus auf dem Petersplatz in Rom: „Heute wurden im polnischen Markowa die Märtyrer Józef und Wiktoria Ulma mit ihren sieben Kindern seliggesprochen: eine ganze Familie, die am 24. März 1944 von den Nazis umgebracht wurde, weil sie verfolgten Juden Zuflucht gewährt hatte. Dem Hass und der Gewalt, die jene Zeit prägten, setzten sie die dem Evangelium entsprechende Liebe entgegen. Möge diese polnische Familie, die einen Lichtstrahl in der Finsternis des Zweiten Weltkriegs darstellte, für uns alle ein Vorbild sein, das wir im Eifer für das Gute und im Dienst an den Bedürftigen nachahmen sollten. Einen Applaus für diese Familie von Seligen!“ Dieses Zeichen der dankbaren und freudigen Zustimmung aller Menschen guten Willens gilt auch dem Baby, dessen Leben direkt nach der Geburt gewaltsam endete, während seine Mutter von Kugeln niedergestreckt wurde.
In der gläubigen Familie Ulma nimmt das Ausharren der Heiligen Gestalt an, denn ihre Werke folgen ihnen nach.
[1] Thomas Alber: „Es gibt keine größere Liebe“ – Das Martyrium und die Ermordung der Familie Ulma, fe-Medien 2024, 224 S., Pb., ISBN 978-3-86357-431-4, € 24,90; Internet: www.fe-medien.de
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2025
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
Wo Christen heute in Bedrängnis sind
Verfolgt und vergessen?
Der Befund ist ernst: In mehr als 60 Prozent der untersuchten Staaten haben die Menschenrechtsverletzungen gegen die Religionsfreiheit zugenommen. Diese Verletzungen betreffen nicht nur Christen, sondern auch Angehörige anderer Religionen.[1]
Von Tobias Lehner
„Wem es gelingt, uns zu töten, weiß, dass er als Held gefeiert wird.“ Bei einem geheimen Treffen mit einer Delegation von „Kirche in Not“ in Pakistan erinnerte sich die Christin Mariam Lal an die schrecklichen Ereignisse, die sich während ihrer Arbeit als Krankenschwester in einem Krankenhaus ereigneten. Zu dem Vorfall kam es, nachdem Mariam zur leitenden Krankenschwester des Krankenhauses ernannt worden war; Berichten zufolge waren die Kollegen wütend darüber, dass eine Christin diesen Posten erhalten hatte. Eine wütende Menschenmenge griff Mariam und ihre Kollegin Newosh Arooj an und beschuldigte sie der Gotteslästerung. Dabei ging es um einen Aufkleber mit einem Koranvers, der beim Entfernen von einem Spind beschädigt worden war. Die beiden Frauen liefen Gefahr, ermordet zu werden, konnten aber mit Hilfe von Freunden fliehen.
Zahlreiche dieser Augenzeugenberichte sind eingeflossen in den Bericht „Verfolgt und vergessen?“, den „Kirche in Not“ Ende 2024 in einer Neuauflage vorgestellt hat. Der Bericht dokumentiert für 18 Länder Vorfälle und Entwicklungen, die sich zwischen Sommer 2022 und Sommer 2024 ereignet haben.
Angefeindet, unterdrückt, ermordet
„Verfolgt und vergessen?“ stellt folgende Entwicklungen fest:
1. Das Epizentrum militanter islamistischer Gewalt hat sich vom Nahen Osten nach Afrika verlagert. In Ländern wie Burkina Faso, Mosambik oder Nigeria lösten islamistische Angriffe eine Massenmigration christlicher Gemeinschaften aus.
2. Christen werden verstärkt als „Staatsfeinde“ ins Visier genommen. Autoritäre Regime, zum Beispiel in China, Eritrea und im Iran, verschärften die repressiven Maßnahmen gegen Christen. Dies geschieht entweder im Namen eines religiösen Nationalismus oder des staatlichen Säkularismus/Kommunismus.
3. In anderen Staaten setzen staatliche und nichtstaatliche Akteure Gesetze zunehmend als Waffe ein, um Christen und andere Minderheiten zu unterdrücken. Wie „Verfolgt und vergessen?“ dokumentiert, wurden zum Beispiel in Indien im Berichtszeitraum mehr als 850 Christen inhaftiert.
4. Wiederholt finden sich im Bericht Schilderungen von Entführungen und Zwangskonversionen christlicher Frauen und Mädchen, z.B. in Pakistan, oder abwertende Beiträge über Christen in Schulbüchern.
Regionale Tendenzen
Afrika
Die Lage der Christen in Afrika hat sich seit August 2022 verschlechtert, wobei die islamistischen Milizen zum Hauptgrund der Besorgnis geworden sind. Christen sind nicht die einzigen Opfer von bewaffneten Konflikten in diesen Regionen, aber sie sind in der Regel unverhältnismäßig häufig das Ziel der Angriffe.
Neben religiösem Extremismus sind weitere Faktoren für die Gewalt verantwortlich: konfessionelle und ethnische Differenzen, Konflikte um Land, mangelnder Zugang zu Ressourcen, schwache nationale Regierungen, separatistische Bewegungen und Allianzen zwischen dschihadistischen Netzwerken und kriminellen Banden.
Naher und Mittlerer Osten
Obwohl die islamistische Bedrohung größtenteils abgeklungen ist, leiden die Länder des Nahen Ostens noch immer unter den Folgen von Krieg und Terror, und die christliche Bevölkerung ist in einigen Gebieten zunehmend in ihrer Existenz bedroht.
In Syrien war die christliche Gemeinschaft unverhältnismäßig stark vom Bürgerkrieg betroffen. Lebten vor Beginn des Krieges 2011 noch mehr als 1,5 Millionen Christen im Land, so sind es heute nur noch 250.000. Nach dem Sturz des Assad-Regimes ist die Zukunft der religiösen Minderheiten einmal mehr offen. Es bleibt abzuwarten, ob sich das Versprechen der neuen Machthaber, Religionsfreiheit zu gewährleisten, auch in einer neuen Verfassung und vor allem im Alltag niederschlägt. Viele Christen beobachten die Entwicklungen mit Skepsis und Angst.
Asien
In vielen Ländern Asiens sind Christen eine Minderheit, was sie de facto zu Bürgern zweiter Klasse macht, die durch Diskriminierung und soziale Ausgrenzung gefährdet sind. Religiöser Nationalismus hat bei der Entstehung von Konflikten eine wichtige Rolle gespielt, da nationalistische Hindutva-Gruppen in Indien und islamistische Hardliner-Gruppen in Pakistan Minderheiten als Bedrohung für die Entwicklung des Mehrheitsglaubens sehen.
Der Autoritarismus des Staates ist ein weiterer Schlüsselfaktor für Unterdrückung, Diskriminierung und Verfolgung in der Region. In Ländern wie Nordkorea und China ist das Chritentum aus Sicht des Staates ein „schädlicher ausländischer Einfluss“. Der chinesische Vorstoß zur „Sinisierung“ (wörtlich etwa „Chinesisch-Machung“) der Religion ist weniger ein Versuch, den christlichen Gottesdienst in den lokalen Kontext zu integrieren, sondern zielt vielmehr darauf ab, die religiöse Lehre mit den Grundsätzen der Kommunistischen Partei in Einklang zu bringen.
Fazit: „Wenn ihr uns nicht hören wollt, wer dann?“
2024 war ein Wahljahr für fast 50 Prozent der Weltbevölkerung. 2025 stehen weitere wichtige Richtungsentscheidungen an, auch in Deutschland. Es ist unwahrscheinlich, dass die neu- oder wiedergewählten Regierungen Maßnahmen ergreifen, um der Verfolgung Einhalt zu gebieten, da sie in internationalen Angelegenheiten andere Prioritäten haben.
Die Notlage der Christen zu ignorieren, hieße jedoch – wie es der CNN-Reporter Robert P. George ausdrückte – „den Kanarienvogel im Kohlebergwerk zu übersehen, dass überall dort, wo Christen verfolgt werden, das Recht auf Religionsfreiheit für alle gefährdet ist.“
Für Organisationen wie „Kirche in Not“ ist die Notwendigkeit von Maßnahmen für verfolgte Christen eine Frage der grundlegenden Menschenrechte, aber es geht auch um etwas Persönliches. Es geht darum, mit unseren Brüdern und Schwestern in Christus solidarisch zu sein. Nachdem sich die „Kirche in Not“-Delegation in Pakistan von Mariam Lal und Newosh Arooj verabschiedet hatte, drehte sich einer ihrer Rechtsbeistände um und sagte: „Wenn ihr unsere Stimme nicht hören wollt, wer dann? Wir werden einfach vergessen werden.“
[1] Den Bericht „Verfolgt und vergessen?“ können Sie kostenfrei herunterladen unter: www. kirche-in-not.de/informieren/verfolgt-und-vergessen/ – Ein gedrucktes Exemplar können Sie zum Preis von 1,50 Euro zzgl. Versandkosten bestellen unter: www.kirche-in-not.de/shop/ oder unter der Bestell-Nr. 10379 bei: KIRCHE IN NOT, Lorenzonistr. 62, 81545 München, Tel. 089/64248880, E-Mail: kontakt@kirche-in-not.de
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2025
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Geschenk der göttlichen Vorsehung
25 Jahre K-TV
Das 25-jährige Jubiläum seines Bestehens feierte der katholische Fernsehsender K-TV mit einer Festmesse in der Kirche „Santa Maria della Pietà“, die sich auf dem Gelände des Vatikans direkt neben dem Petersdom befindet und zum Campo Santo Teutonico, dem „Deutscher Friedhof“, gehört. Der Gottesdienst, an dem eine Pilgergruppe aus den deutschsprachigen Ländern sowie eine große Zahl von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Senders teilnahmen, wurde von K-TV live übertragen. Hauptzelebrant und Prediger war Pfr. Erich Maria Fink. Nachfolgend dokumentieren wir seine Ansprache, die er frei gehalten hat, in leichter Bearbeitung.
Von Erich Maria Fink
25 Jahre K-TV, katholisches Fernsehen im deutschen Sprachraum. Das Jubiläum, das wir heute am 11. September feiern dürfen, ist vor allem ein Augenblick, da wir innehalten. Wir können Gott nur danken: für dieses Wunder, dass er uns ein solches Instrument der Evangelisierung geschenkt hat.
Pfarrer Hans Buschor war das Werkzeug
Da fällt der Blick natürlich auf Pfarrer Hans Buschor: Er war das Werkzeug. Gott hat diesen demütigen Priester aus der Schweiz auserwählt, wie einen Johannes den Täufer, um seiner Botschaft den Weg zu bereiten. Und wie Johannes schon im Mutterschoß erwählt war, so sehen wir auch im ganzen Lebensweg von Pfarrer Buschor das Wirken der göttlichen Vorsehung.
Es war nämlich kein Zufall, dass gerade er ein Fernsehen gegründet hat. Nicht von ungefähr hat er sich mit dem Gedanken getragen, ein katholisches Fernsehen ins Leben zu rufen. Schon als junger Priester entpuppte er sich als leidenschaftlicher Filmemacher, genauer gesagt, gleich nach seiner Priesterweihe 1959, er war gerade 26 Jahre alt geworden. Da entstanden während seiner vierjährigen Kaplanszeit schon die beiden ersten Filme, zwei Jugendfilme. Die Titel sind vielleicht bekannt: „Werner, der Ministrant“ und „Walter und die blauen Wölfe“. Buschor selbst war Regisseur und Produzent.
Nach der Kaplanszeit begann eine ernsthafte Zusammenarbeit mit dem Schweizer Fernsehen. Als freier Mitarbeiter schuf er die Filme „Sieben Buben und ein Töffli“ und „Hölloch“, ein Film über eine Naturhöhle. Für beide Filme lieferte er das Drehbuch und führte bei der Entstehung Regie.
Dann kam Pater Pio ins Spiel. Dass Pfarrer Buschor 1968 eine Heilige Messe von Pater Pio aufnehmen durfte und dass diese Heilige Messe die letzte sein sollte, die dieser Heilige überhaupt vor seinem Tod gefeiert hat, das war die große Fügung in seinem Leben. Er nannte seinen Film „Pater Pio, Vater von Millionen“. Der Film kam ins Kino, brachte ihm Geld ein und die Mittel gaben ihm freie Hand für weitere Projekte. Da entstand 1977 der Film „Fatima – unsere Hoffnung“. Auch er kam in die Kinos.
Als er 1995 in Pension ging, nahm er sofort Kontakt mit Mutter Angelica auf, der Gründerin des katholischen Fernsehsenders EWTN (Eternal Word Television Network). Pfarrer Buschor hat sein Handwerk verstanden. Bis zu seinem Lebensende bewahrte er seine jugendliche Dynamik und er erkannte die Bedeutung der modernen Medien für die Ausbreitung des Evangeliums.
So hat ihm Gott einen eigenen Kanal geschenkt. Es war nicht das formale Gründungsdatum, sondern am 11. September 1999 erfolgte die erste Ausstrahlung dieses privaten katholischen Fernsehsenders K-TV. Die Fachleute räumten ihm keine Chance ein zu überleben.
Aber wie er seinen Film über Pater Pio „Vater von Millionen“ genannt hatte, so wurde er selber „Vater von Millionen“ durch seine treue Verkündigung und Verteidigung des katholischen Glaubens. 2017 ist Pfarrer Buschor verstorben. Ganz bestimmt ist er auch aus der Ewigkeit eifrig am Werk. Er wird den Weg von K-TV von der anderen Welt aus begleiten und mit in die Zukunft führen.
Was sind die Aufgaben von K-TV heute?
Pfarrer Buschor hat mit seinem Film „Fatima – unsere Hoffnung“ ein großes Thema vorgegeben: die Hoffnung. Meines Erachtens ist das der große Rahmen, in dem K-TV als Fernsehsender heute auftreten und wirken sollte. Er muss immer das Ziel vor Augen haben, den Menschen Hoffnung zu geben.
1. Den Menschen Hoffnung vermitteln
Hoffnung ist die wichtigste Kraftquelle, um das Leben bestehen und meistern zu können. In jeder Situation gibt die Hoffnung Sinn, Trost und Freude. Wer Hoffnung hat, der kann treu bleiben bis zum Ende – in der Ehe, im Glauben, in der Kirche, im Friedensdienst.
Und was ist es, das K-TV verkündigt? Es sind die Verheißungen des Evangeliums. Diese befähigen den Menschen, voll positiver Erwartung in die Zukunft zu blicken und der Ewigkeit entgegenzugehen. Und das muss K-TV von allen weltlichen Medien unterscheiden.
Das „K“ in „K-TV“ kommt ja von Kephas, der Fels, Petrus. Es geht um das Amt, das Jesus eingesetzt hat, als er Simon erwählt und ihm den Namen Petrus gegeben hat. Deswegen muss natürlich die erste Identität des Fernsehsenders K-TV darin bestehen, treu zu sein zum Nachfolger des heiligen Petrus, zum kirchlichen Lehramt, in vollkommener Einheit mit dem Papst.
Aber ebenso programmatisch erscheint mir das Wort, das uns von Petrus selbst in seinem ersten Brief im Neuen Testament überliefert ist und das wir heute in der Lesung gehört haben: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt!“ Das ist die Aufgabe von K-TV: Zeugnis abzulegen von der Hoffnung, die uns erfüllt!
„Fatima, unsere Hoffnung“ – Pfarrer Buschor wollte am 15. August, dem Hochfest der Gottesmutter, auf Sendung gehen. Am Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel, dem Zeichen der Hoffnung, der Vollendung, auf die wir alle zugehen. Aber es hat nicht geklappt. Es wurde der 11. September, der Tag, der zwei Jahre später als ganz besonderes Datum in die Weltgeschichte eingehen sollte.
Um dessen Bedeutung zu begreifen, schauen wir am besten kurz auf den heiligen Papst Johannes Paul II. Er war von einer Vision der Hoffnung erfüllt. Und er hat den Gläubigen, den Priestern, den Jugendlichen immer wieder zugerufen: Eure vordringliche Aufgabe ist es heute, Baumeister der Hoffnung zu sein. Das ganze Heilige Jahr 2000 war von dem Gedanken durchdrungen: Gott wird eine gewaltige Gnade ausgießen für den Anbruch einer neuen Zeit! Und Johannes Paul II. kündigte einen neuen Frühling für die Menschheit an. Doch dann kam 2001 dieser 11. September: Terror, Krieg. Man fragte Johannes Paul II.: Ja, was ist nun mit dem neuen Frühling? Und er hat sofort geantwortet – nämlich in der Botschaft zum Weltfriedenstag am darauffolgenden 1. Januar 2002.
Es ist unglaublich, wie diese Worte auch in die heutigen Tage passen. Ich möchte sie gerne wörtlich zitieren. Da schreibt Johannes Paul II. Ende 2001:
„Dieses Jahr wird der Weltfriedenstag vor dem Hintergrund der dramatischen Ereignisse vom vergangenen 11. September begangen. An jenem Tag ist ein Verbrechen schrecklichen Ausmaßes verübt worden: innerhalb weniger Minuten wurden Tausende unschuldiger Menschen verschiedener ethnischer Herkunft auf grauenvolle Weise getötet. Seither haben die Menschen auf der ganzen Welt mit neuer Intensität das Bewusstsein der persönlichen Verwundbarkeit erfahren; sie haben begonnen, mit einem tiefen, bis dahin nicht gekannten Angstgefühl in die Zukunft zu schauen.
Angesichts solcher seelischer Zustände möchte die Kirche ein Zeugnis ihrer Hoffnung geben, in der Überzeugung, dass das Böse, das mysterium iniquitatis, in den Wechselfällen des menschlichen Lebens nicht das letzte Wort hat. Die in der Heiligen Schrift umrissene Heilsgeschichte wirft ein helles Licht auf die gesamte Geschichte der Welt, indem sie aufzeigt, wie diese immer von Gottes barmherziger und weiser Sorge begleitet wird, welcher die Wege kennt, um selbst die verhärtetsten Herzen zu berühren und von trockenem, unfruchtbarem Boden gute Früchte zu ernten.
Das ist die Hoffnung, an der die Kirche zu Beginn des Jahres 2002 festhält: Durch die Gnade Gottes wird die Welt, in der die Macht des Bösen wieder einmal die Oberhand zu haben scheint, tatsächlich in eine Welt verwandelt werden, in der die edelsten Bestrebungen des menschlichen Herzens befriedigt werden können, eine Welt, in der sich der wahre Friede durchsetzen wird.“
Wunderschön, wie Papst Johannes Paul II. die Aufgabe der Kirche beschrieben hat, Hoffnung zu vermitteln. Das sollte sich K-TV zu eigen machen.
Aber Papst Johannes Paul II. plädierte nicht für einen naiven Optimismus, eine Schwärmerei. Seine Hoffnung ist realistisch, und zwar geerdet in der Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes. In prophetischer Weise sprach er davon, dass Heimsuchungen auf die Menschheit zukommen. Aber er glaubte an den Triumph des Unbefleckten Herzens Mariens, wie er in Fatima verheißen worden war, und an die neue Ankunft des Herrn der Gnade, an den König der Barmherzigkeit, der nach den Offenbarungen an die heilige Schwester Faustina in die Weltgeschichte eintreten wird, wenn die Menschen von sich aus keinen Ausweg mehr sehen.
Johannes Paul II. hat den großen Abfall vorausgesehen, den aggressiven antichristlichen Geist, von dem die modernen Ideologien immer mehr geprägt sein werden.
Ich meine, in diesem geistigen Kampf tut K-TV gut daran, dem Felsen Petri treu zu bleiben, dem Felsen, von dem es heißt, dass die Pforten der Hölle ihn nicht überwältigen werden.
Und wie schwer haben es die Bischöfe in einer solchen Zeit!
Pfarrer Dr. Thomas Maria Rimmel wurde von seinem Bischof offiziell für das Amt des Geistlichen Assistenten von K-TV freigestellt. Und ich nehme mit großer Hochachtung wahr, wie sehr er darauf achtet, dass in K-TV Bischöfe nicht persönlich angegriffen werden. Sie brauchen unsere Unterstützung. Wenn die ganze Gesellschaft über sie herfällt, dann müssen wir souverän an ihrer Seite stehen.
Natürlich war Pfarrer Buschor von den nachkonziliaren Wirren erschüttert. Und er sah sich verpflichtet, die Verirrungen beim Namen zu nennen, Orientierung zu geben. Wenn die Leute K-TV eingeschaltet haben, dann brauchten sie keine Angst zu haben, welche Überraschungen vielleicht heute wieder auf sie zukommen. Sie konnten sich auf K-TV verlassen. Und das hat den Sender stark gemacht. Und das ist auch das Erbe, dem sich K-TV verpflichtet weiß.
Aber dazu braucht sich der Sender nicht an innerkirchlichen Kämpfen beteiligen. Es gibt innerkirchliche Fronten genug. Die Berufung von K-TV ist es, das Licht auf den Leuchter zu stellen, das viele Gute, das es auch heute in der Kirche gibt, herauszustellen. Das macht Hoffnung.
2. Übertragung von Gebet und Heiligen Messen
Ich möchte noch einmal auf den Anfang zurückkommen. Denn es ist auch programmatisch, dass der Durchbruch bei Pfarrer Buschor durch die Aufzeichnung einer Heiligen Messe kam. Damit verbunden ist ein zweiter großer Impuls, nämlich die Übertragung von Heiligen Messen und von Gebet.
Schon seit Papst Pius XII. wird diskutiert, wie denn der Segen über Funk und Fernsehen wirkt. Jetzt mit Corona stellte sich die Frage, wie es zu bewerten ist, wenn Gläubige die Heili-ge Messe am Bildschirm mitfeiern. Aber das ist gar nicht so entscheidend.
Der jüngste Kardinal der Welt, Giorgio Marengo, Apostolischer Präfekt von Ulaanbaatar in der Mongolei, betont immer wieder: Verkündigung ist nicht nur die Predigt, Verkündigung ist vor allem die Liturgie selbst. Gott macht sichtbar, wie sehr er die Menschen liebt, wie er sich brechen lässt, sein Blut vergießt, zum Opfer wird, sich vollkommen hingibt und im Sieg die Vergebung, das Leben anbietet.
Und so sagt Kardinal Marengo: Wir beten natürlich für die Missionare, damit ihr Wirken fruchtbar wird. Aber wir müssten über diese Logik hinauskommen. Gemeinschaftliches Beten, die gemeinsame Feier, das sei das wichtigste Zeugnis für Menschen, die auf der Suche sind, die im Glauben gestärkt werden wollen. Evangelisierung durch Gebet.
K-TV als Verkündigungssender hat diesen Weg eingeschlagen und er muss diesem Weg treu bleiben, nämlich, dass die Übertragung von Heiligen Messen, von Rosenkranz, von Gebet einen ganz wichtigen Schwerpunkt bildet. Natürlich hilft es nur, wenn die Heilige Messe auch wirklich im Geist der Anbetung gefeiert wird, ganz im Sinn von Papst Benedikt XVI., wenn bei der Übertragung die Ehrfurcht spürbar wird.
Es war die Liturgiereform, die die Liturgie nicht nur so gestaltet hat, dass man aktiv daran teilnehmen kann, sondern dass sie Verkündigung wird, die die Menschen heute verstehen können. Dem hl. Pater Pio ist die Umstellung nicht leicht gefallen. Aber es muss uns zu denken geben, dass er eben diese letzte Heilige Messe im neuen Ritus und am Volksaltar zelebriert hat. In selbstverständlichem Gehorsam. Und damit rückt ein dritter großer Impuls in den Blick.
3. Bollwerk der Religionsfreiheit
Es geht um den Einklang mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Auf die Kritik am Konzil hat Papst Johannes Paul II. immer sehr scharf reagiert. Er stellte klar: Wer fordert, die Kirche müsse das Dekret über die Religionsfreiheit „Dignitatis humanae“ zurücknehmen oder korrigieren, der irrt sich.
Für Johannes Paul II. war das Menschenrecht auf Gewissens- und Religionsfreiheit der Schlüssel zur Neuevangelisierung, Grundlage eines neuen Missionszeitalters, das er heraufdämmern sah.
Allein schon die Existenz von K-TV ist ein Bollwerk für die Religionsfreiheit, eine Verteidigung des Rechts, den Glauben öffentlich bezeugen zu dürfen. Gerade in der heutigen Zeit, in der die freie Meinungsäußerung immer mehr beschnitten wird, mit rasanter Geschwindigkeit und radikalen Methoden.
Johannes Paul II. sagte: Die Wahrheit wird sich kraft ihrer selbst durchsetzen. Die Wahrheit braucht keine Gewalt, keine sozialpolitischen Stützen. Aber sie braucht Zeugen. K-TV ist ein solcher Zeuge.
Es ist nicht unsere Aufgabe, Kommentare zur Tagespolitik zu geben, wie Papst Franziskus sagt. Oft erscheinen sie schon am nächsten Tag peinlich und man muss sich für sie entschuldigen. Es geht vielmehr um die Deutung des Zeitgeschehens im Licht des Evangeliums.
Ja, es muss die höchste und wichtigste Zielsetzung von K-TV sein: die Wahrheit über Jesus Christus und seine Kirche so zu verkündigen, dass sie sich kraft ihrer selbst durchsetzt.
Dank an die Fernsehfamilie von K-TV
Schwestern und Brüder, K-TV könnte dieses Jubiläum nicht feiern, wenn es nicht die große Fernsehfamilie gäbe, die den Sender mit ihren Spenden unterhält. Meine Lieben, alles hängt von Ihrer Hilfe ab, von Ihrer Solidarität, von Ihrem Vertrauen in das Apostolat und die Ausrichtung dieses Senders. Und ich möchte an dieser Stelle einen Mann namentlich erwähnen. Es ist Patrick Gruhn. Er hat den Sender in einem entscheidenden Augenblick seiner Geschichte durch einen grandiosen persönlichen Einsatz gerettet.
Und wie will K-TV in die Zukunft gehen? Die besten Leute in Redaktion und Technik wie Dr. Johannes Hattler als Geschäftsführer oder der neue Leiter für Redaktion und Programm, Dr. Tobias Schmid, könnten nichts machen ohne Sie. Und so ist es heute Ihr Jubiläum. Möge Gott Ihnen Ihre Solidarität und Ihren Einsatz reichlich belohnen, mit neuem Eifer, neuer Freude am Glauben und auch mit neuer Freude am Leben.
Drei große Impulse für das Wirken von K-TV:
1. den Menschen Hoffnung vermitteln;
2. den Schwerpunkt der Verkündigung auf die Übertragung von Heiligen Messen und Gebet setzen; und
3. ein Bollwerk für die Religionsfreiheit sein, das Recht verteidigen, seine religiöse Überzeugung öffentlich kundzutun.
Diese Betrachtung möchte ich beschließen mit einem Wort des hl. Pater Pio, das wohl am häufigsten zitiert wird: „Bete, hoffe und sorge dich nicht. Sorgen sind nutzlos. Gott ist barmherzig und wird dein Gebet erhören.“ Amen.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2025
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Nicäa 325 – Unser Glaubensbekenntnis wird 1700 Jahre alt
Fundament wahrhafter geistlicher Ökumene
Das Heilige Jahr 2025 fällt zusammen mit dem 1700-jährigen Jubiläum des ersten Konzils von Nicäa. Die Beschlüsse dieser Kirchenversammlung, die im Jahr 325 stattgefunden hat, bilden die Grundlage für den Glauben an die Gottheit Christi, wie er von allen christlichen Konfessionen bekannt wird. In seinen Pilgerführer zum Heiligen Jahr mit dem Titel „Rom im Heiligen Jahr. Ein besonderer Pilgerführer mit Beiträgen prominenter Kenner der Ewigen Stadt“[1] hat Michael Hesemann am Ende einen kurzen Beitrag von Kurt Kardinal Koch aufgenommen, dem Präfekten des Dikasteriums für die Förderung der Einheit der Christen, den wir nachfolgend wiedergeben.
Von Kurt Kardinal Koch
Dass das Verhältnis der Menschheit zu Gott verändert werden kann und wirksam verändert worden ist, eben dies bekennt der christliche Glaube vom Christusereignis, wie es das Konzil von Nicäa 325 und das Konzil von Konstantinopel 381 bezeugt haben. Und mit diesem christologischen Fundamentalbekenntnis steht oder fällt der christliche Glaube. Denn wenn Jesus, wie heute selbst nicht wenige Christen annehmen, nur ein Mensch gewesen wäre, der vor zweitausend Jahren gelebt hat, dann wäre er unwiderruflich in die Vergangenheit zurückgetreten; und nur unser eigenes Erinnern könnte ihn dann mehr oder weniger in unsere Gegenwart hereinholen. So aber könnte Jesus nicht der einzige Sohn Gottes sein, in dem Gott selbst bei uns gegenwärtig ist. Nur wenn das kirchliche Bekenntnis wahr ist, dass Gott selbst Mensch geworden und Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist und so Anteil an der ewigen Gegenwart Gottes hat, die alle Zeiten umgreift, kann Jesus Christus nicht bloß gestern, sondern auch heute unser wirklicher Zeitgenosse sein.
Nur wenn Jesus nicht nur ein Mensch vor zweitausend Jahren gewesen ist, sondern auch heute lebt, können wir seine Gegenwart erfahren und können wir durch Jesus Christus erfahren, wer und wie Gott ist. Denn wer es mit dem Menschen Jesus zu tun hat, bekommt es mit dem lebendigen Gott selbst zu tun, der sein Antlitz in seinem Sohn gezeigt hat: Jesus Christus ist das „Gesicht Gottes für uns“. Hier leuchtet der tiefste Grund auf, dass das christologische Dogma der Kirche das Inkarnationsgeheimnis in klassischer Weise formuliert hat, indem es von Jesus Christus ausgesagt hat, er sei „vollkommen der Gottheit und vollkommen der Menschheit nach“ und in ihm bestünden die zwei Naturen „unvermischt, unverwandelt, ungetrennt und ungesondert“.
Dabei gilt es, beide Dimensionen in der Existenz Jesu Christi ernst zu nehmen, worauf Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte hingewiesen hat: „Wenn heutzutage durch den Rationalismus, der sich in einem Großteil der modernen Kultur breitmacht, vor allem der Glaube an die Gottheit Christi Probleme bereitet, gab es in anderen geschichtlichen und kulturellen Zusammenhängen eher die Tendenz, die historische Konkretheit der Menschheit Jesu zu schmälern oder zu zerstreuen.“ Ein auch nur kurzer Blick in die Geschichte des Christentums zeigt, dass es in der Tat Zeiten und Epochen gegeben hat, in denen das Bekenntnis zur Gottheit Jesu Christi und zur Menschwerdung Gottes in ihm so klar gewesen ist, dass die Menschen Mühe gehabt haben, Jesus auch als konkreten und geschichtlichen Menschen zu betrachten. In der heutigen Zeit verhält es sich jedoch weithin umgekehrt, dass vor allem der historische Mensch Jesus von Nazareth im Vordergrund steht und der Zugang zum Gottsein Jesu Christi weithin erschwert oder gar verschlossen ist. Bereits früh hat deshalb Kardinal Joseph Ratzinger hellsichtig darauf hingewiesen, dass der eigentliche Gegensatz, dem wir uns in der heutigen Situation der Kirche stellen müssen, nicht in der heute viel beschworenen Formel „Jesus ja – Kirche nein“ zum Ausdruck gebracht wird, sondern vielmehr mit der Formel umschrieben werden muss: „Jesus ja – Christus nein“ oder „Jesus ja – Sohn Gottes nein“.
Im Blick auf die heutige Glaubenssituation erschließt sich erneut die bleibende Bedeutung des Konzils von Nicäa und seiner Vollendung im Konzil von Konstantinopel. Denn die Beschäftigung mit diesen Konzilien kann nicht nur von historischem Interesse sein. Ihr christologisches Bekenntnis behält vielmehr seine bleibende Aktualität auch und gerade in der heutigen Situation von Kirche und Ökumene, in der der Geist des Arius wiederum präsent geworden ist und ein starkes Wiedererwachen von arianischen Tendenzen festzustellen ist, die Einfluss auf verschiedene theologische und pastorale Problemfelder ausüben. In dieser Situation erweist sich die Revitalisierung des Nicaeno-Constantinopolitanischen Christusbekenntnisses als eine ökumenische Herausforderung ersten Ranges.
Dieses Glaubensbekenntnis ist, wie der evangelische Ökumeniker Wolfhart Pannenberg hervorgehoben hat, „mit einem Anspruch auf gesamtkirchliche Geltung verbunden und von der Alten Kirche auch als für alle Christen verbindlich rezipiert“ worden. Es stellt somit das stärkste ökumenische Band des christlichen Glaubens dar. Es ist von daher zu hoffen und zu wünschen, dass das 1700-Jahr-Jubiläum des Konzils von Nicäa von allen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften gemeinsam begangen und sein christologisches Glaubensbekenntnis in ökumenischer Gemeinsamkeit in frischer Weise angeeignet wird.
Ebenso ist zu wünschen, dass das Jubiläum des Konzils von Nicäa neu bewusst macht, dass die Ökumene zutiefst eine Frage des Glaubens ist und dass deshalb an der Wahrheit des Glaubens vorbei die Einheit der Kirche nicht gefunden werden kann. Denn das ökumenische Bemühen ist der Wiedergewinnung der Einheit der Kirche als jener Gemeinschaft gewidmet und verpflichtet, die in Treue zum Evangelium Jesu Christi und zum Apostolischen Glauben der Kirche lebt. Die wieder zu gewinnende Einheit der Kirche berührt zutiefst die Wahrheit des Glaubens, wie Papst Benedikt XVI. mit deutlichen Worten in Erinnerung gerufen hat:
„Die Einheit der Kirche kann, in einem Wort, nie etwas anderes sein als Einheit im Apostolischen Glauben, in dem Glauben, der jedem neuen Glied am Leib Christi im Taufritus anvertraut wird. Dieser Glaube vereint uns mit dem Herrn, gibt uns Anteil am Heiligen Geist und macht uns auch zu Teilhabern am Leben der Heiligen Dreifaltigkeit, dem Modell der koinonia der Kirche auf Erden.“
Diese gemeinsame Wahrheit des Glaubens in ökumenischer Gemeinschaft zu bezeugen und den Glauben der Alten Kirche treu zu bewahren, ist die Herausforderung an die Ökumene heute. Ökumene ist deshalb entweder Bekenntnis-Ökumene oder sie ist nicht christliche Ökumene. In diesem Sinn bilden das Konzil von Nicäa und sein rundes Jubiläum das Fundament wahrhafter geistlicher Ökumene.
[1] Michael Hesemann: Rom im Heiligen Jahr – Besonderer Pilgerführer mit Beiträgen prominenter Kenner der Ewigen Stadt, Illertissen 2024, geb., 432 S., ISBN 978-3-947931-67-5, Euro 28,00 (D), 28,80 (A); Verlagshomepage: www.media-maria.de – Zum Heiligen Jahr, von Papst Franziskus am 24. Dezember 2024 eröffnet, werden 40 Millionen Pilger in Rom erwartet – darunter rund eine Million aus dem deutschsprachigen Raum. In diesem Buch erfährt der Rompilger alles über die Tradition der Heiligen Jahre, den Jubiläumsablass und wie er erlangt werden kann, die vier Papstbasiliken mit ihren Heiligen Pforten, die sieben Pilgerkirchen und die 40 römischen Gotteshäuser und Katakomben, die im Jubiläum des Jahres 2025 eine besondere Rolle spielen. Die wichtigsten Kirchenlehrer, Heiligen und Reliquien, denen wir in Rom begegnen, werden ebenso vorgestellt. Schließlich führen uns 12 prominente Romkenner zu ihren Lieblingsorten in Rom: Erzbischof Georg Gänswein, Kurt Kardinal Koch, Gerhard Ludwig Kardinal Müller, Paul Badde, Oberst Christoph Graf, Prof. Dr. Stefan Heid, Claudia Kaminski, Martin Lohmann, Martin Rothweiler, Gudrun Sailer, Fürstin Gloria von Thurn & Taxis und Prof. Dr. Dr. Ralf Weimann.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2025
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