Liebe Leserinnen und Leser
Von Erich Maria Fink und Thomas Maria Rimmel
Die Verkündigung des Evangeliums ist der erste und wichtigste Auftrag der Kirche. Das hat das Zweite Vatikanische Konzil in der dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ – „Licht der Völker“ bekräftigt. Und der hl. Papst Johannes Paul II. erklärte die Neuevangelisierung zur vorrangigen Aufgabe der Kirche auf dem Weg ins dritte Jahrtausend. Es ist bezeichnend, dass er im Jahr 2001 die Gemeinschaft der „Missionarinnen der Göttlichen Offenbarung“ kirchlich anerkannt hat. Und durch Papst Franziskus erhielt die Gemeinschaft eine unerwartete Wertschätzung. Er ernannte deren Generaloberin, die 68-jährige Schwester Rebecca Nazzaro, zur Leiterin des Büros für die Wallfahrtsseelsorge des Vikariats Rom. Gleichzeitig übertrug er den Schwestern dieser Kongregation die Verantwortung für die Führungen in den Päpstlichen Basiliken und den Vatikanischen Museen während des Heiligen Jahres 2025.
Wir werfen in dieser Ausgabe nicht nur einen Blick auf die Entstehungsgeschichte dieser Gemeinschaft, sondern stellen auch den Berufungsweg und das Zeugnis einer Schwester vor, die nach einer glänzenden Karriere bei den Carabinieri mit 26 Jahren in Medjugorje ihre Berufung entdeckt hat. Es ist Sr. Micaela, die auch auf dem Cover abgebildet ist. Bei dem Beitrag handelt es sich um die Übersetzung eines Artikels, der im Mai dieses Jahres in der offiziellen Zeitschrift der Carabinieri, dem ältesten Polizei-Magazin Europas, erschienen ist.
Papst Franziskus hat den Gedanken der Evangelisierung in seinen Dokumenten wie dem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ – „Die Freude des Evangeliums“ noch vertieft und den Begriff der „Mission“ wieder in die Mitte der Kirche gestellt. „Die Kirche ist eine Mission“, wie er sagt, und das Wesen jedes getauften und gefirmten Christen besteht in seiner Mission, das Evangelium in die Welt zu bringen. So hat Papst Franziskus auch dem Wallfahrtsort Medjugorje, den er als einzigartige Schule der Evangelisierung betrachtete, einen offiziellen Status verliehen, um ihn für die Gesamtkirche fruchtbar zu machen.
Der Kreis schließt sich auch in der Gestalt der italienischen Sühneseele Luigina Sinapi. Ihr hat Papst Franziskus am 27. Januar 2025 den heroischen Tugendgrad zuerkannt und den Titel „ehrwürdig“ verliehen. Sie hatte am 12. April 1937 in Tre Fontane eine Erscheinung der Gottesmutter, in der sie ihr Kommen in zehn Jahren ankündigte und die Wahl von Eugenio Kardinal Pacelli zum Papst voraussagte, was das Dikasterium für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse nun bestätigt hat. Tatsächlich zeigte sich Maria am 12. April 1947 in einem grünen Mantel und mit der Bibel in den Händen als „Jungfrau der Offenbarung“ und bereitete durch Bruno Cornacchiola das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel vor, das Papst Pius XII. am 1. November 1950 verkündete. Aus diesen Ereignissen sind die „Missionarinnen der Göttlichen Offenbarung“ hervorgegangen, die in Anlehnung an die Marienerscheinung einen grünen Habit tragen. Für ihr Charisma betrachten sie den Ort Tre Fontane als bedeutungsvoll, da der Völkerapostel Paulus dort das Martyrium erlitten hat.
So gehen wir auch auf die Gestalt von Luigina Sinapi genauer ein, die durch ihre Hingabe zu einem Werkzeug des Heiligen Geistes geworden ist, der, wie Jesus im Johannesevangelium (16,13) sagt, in der Geschichte der Kirche die Aufgabe hat, „in die ganze Wahrheit einzuführen“ (Dogma) und „zu verkünden, was kommen wird“ (Prophetie).
Liebe Leserinnen und Leser, wir wünschen Ihnen eine fruchtbare Lektüre, gerade in diesen Tagen, da wir wieder erleben durften, wie eine Papstwahl von Gott geführt ist. Mit einem aufrichtigen Vergelt’s Gott für Ihre Unterstützung wünschen wir ihnen auf die Fürsprache Mariens, der „Jungfrau der Offenbarung“, Gottes reichen Segen.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 7/Juli 2025
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
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Gründung der Gemeinschaft am 11. Februar 2001
Missionarinnen der Göttlichen Offenbarung
Aus den Marienerscheinungen von Tre Fontane im Jahr 1947 ist eine Schwesterngemeinschaft hervorgegangen, die 2001 von der Diözese Rom anerkannt worden ist. Inzwischen wurde dem neuen Orden die Pilgerseelsorge in der Stadt Rom anvertraut. Im „Heiligen Jahr der Hoffnung“ kommt dieser Aufgabe eine besondere Bedeutung zu. Am 22. Oktober 2024 wurde die 68-jährige Generaloberin der Missionarinnen der Göttlichen Offenbarung, Schwester Rebecca Nazzaro, zur Leiterin des Büros für die Wallfahrtsseelsorge des Vikariats Rom (Opera Romana pellegrinaggi) ernannt. Das 1934 ins Leben gerufene Büro unterhält allein in Rom sechs Niederlassungen. Sr. Rebecca ist studierte Opernsängerin und hatte vor ihrem Ordenseintritt einen Vertrag im staatlichen Fernsehchor.
Missionarinnen der Göttlichen Offenbarung
Geschichtlicher Hintergrund
Am 12. April 1947 erschien die Jungfrau Maria Bruno Cornacchiola (1913-2001) und seinen drei Kindern in einer Grotte bei Tre Fontane in Rom. Der Mann, ein Protestant und Antiklerikalist, wollte Papst Pius XII. töten. Die Mutter Gottes, die sich mit dem ganz neuen Titel „Jungfrau der Offenbarung“ vorstellte, rief ihn mit folgenden Worten zur Rückkehr in die katholische Kirche auf: „Du verfolgst mich, jetzt reicht es! [...] Die wahre Kirche meines Sohnes gründet sich auf die drei weißen Lieben: die Eucharistie, die Unbefleckte Empfängnis und den Papst“, und fügte hinzu: „Seid Missionare des Wortes der Wahrheit!“
Mit der Erde aus der Höhle, in der sie erschien, verhieß Maria große Wunder, die sofort zu geschehen begannen und unverzüglich die Aufmerksamkeit Roms und der ganzen Welt auf sich zogen. Der damalige Papst Pius XII., der Bruno zu einer persönlichen Begegnung empfing, vergab ihm und nahm die Botschaft der Jungfrau der Offenbarung mit großem Interesse auf. 1997, anlässlich des 50. Jahrestages des wundersamen Ereignisses, gab Papst Johannes Paul II. dem dortigen Heiligtum den Namen: „Santa Maria del Terzo Millennio alle Tre Fontane“ (Kirche der Heiligen Maria des Dritten Jahrtausends bei Tre Fontane).
Mutter Maria Prisca Mormina
Unsere Gründerin, Mutter Maria Prisca Mormina (1922-1998), die sich von der Geschichte der Jungfrau der Offenbarung angezogen fühlte, lebte viele Jahre lang an der Seite des Sehers von Tre Fontane, um ihm beizustehen und ihn bei seiner Mission zu unterstützen. Die Spiritualität unserer Mutter gründete auf einer leidenschaftlichen Liebe zum Wort Gottes sowie auf einer tiefen Hingabe an Jesus in der Eucharistie, an die Heilige Jungfrau und an die Kirche, wobei sie alles für die Heiligung der Priester aufopferte.
Gründung der Gemeinschaft
Wir, ihre geistlichen Töchter, haben nach ihrem frommen Heimgang ihren Plan zur Gründung einer Gemeinschaft verwirklicht. Am 11. Februar 2001 sind wir in der Diözese Rom unter dem Namen „Missionarinnen der Göttlichen Offenbarung“ errichtet worden. Die Ordenskleidung, die wir tragen, erinnert an die Farbe des grünen Mantels der Jungfrau der Offenbarung.
Unser Motto „Serviam“ – „Ich werde dir dienen“ – bringt unseren festen Willen zum Ausdruck, Jesus Christus in der katholischen Kirche zu dienen, und zwar durch ein intensives apostolisches Leben und ein tiefes inneres Leben mit besonderem Augenmerk auf die Liturgie – in der Überzeugung, dass nur das, was man selbst betrachtet hat, weitergegeben werden kann.
Der Ordensname
Unser Name – Missionarinnen der Göttlichen Offenbarung – unterstreicht unsere besondere Berufung: das Wort Gottes mit leidenschaftlicher Liebe zu bewahren; das Wort Gottes in Einheit mit dem Lehramt der Kirche und unter ständiger Bezugnahme auf die Eucharistie, die Unbefleckte Empfängnis und den Heiligen Vater zu verbreiten – unter Einsatz aller Mittel, einschließlich derjenigen, die die Technologie unserer Zeit zur Verfügung stellt; unseren Brüdern und Schwestern durch ein Apostolat zu dienen, das auf Katechese, Volksmissionen in Italien und im Ausland, Katechismusunterricht in Pfarreien, Evangelisierung über das Internet, Treffen für Familien, Besuche bei Gefangenen, Pilgerfahrten, die Bildung von Gebetsgruppen, die der Jungfrau der Offenbarung gewidmet sind, und „Katechese mit Kunst“ basiert.
Dienst an den Pilgern
Wir haben das Privileg, die offiziellen Führer der Petersbasilika und der Vatikanischen Museen für Kunst- und Glaubensrundgänge zu sein. Dabei versuchen wir, den Römern und den vielen Pilgern, die in die Heilige Stadt kommen, die Wurzeln des christlichen Glaubens wieder näherzubringen und mit ihnen den Spuren der Apostel und Märtyrer zu folgen. Insbesondere sind wir in der Basilika San Giovanni in Laterano, der Mutterkirche aller Kirchen Roms und der Welt, täglich präsent, um unsere Dienste anzubieten.
Bittgebet zur Jungfrau der Offenbarung
Heiligste Jungfrau der Offenbarung, die Du in der Göttlichen Dreifaltigkeit bist, wir bitten Dich, wende uns Deinen barmherzigen und gütigen Blick zu.
O Maria, die Du unsere mächtige Fürsprecherin bei Gott bist, die Du mit diesem Land der Sünde Gnaden und Wunder für die Bekehrung der Ungläubigen und Sünder erwirkst, mach, dass wir von Deinem Sohn Jesus mit dem Heil der Seele auch die vollkommene Gesundheit des Leibes und all die Gnaden erlangen, die wir brauchen.
Gewähre der Kirche und ihrem Oberhaupt, dem Römischen Pontifex, die Freude, die Bekehrung der Sünder, die Ausbreitung des Reiches Gottes auf der ganzen Erde, die Einheit der Gläubigen in Christus und den Frieden der Völker zu sehen, damit wir Dich in diesem Leben besser lieben und Dir besser dienen können und es verdienen, Dich eines Tages im Himmel zu sehen und Dir ewig zu danken. Amen.
Nihil Obstat, † Ilario, Bischof
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 7/Juli 2025
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Berufungsgeschichte von Sr. Micaela, „Missionarin der Göttlichen Offenbarung“
Wege des Herzens
In der Mai-Ausgabe der italienischen Zeitschrift „Il Carabiniere“ ist ein Artikel über die Berufungsgeschichte von Sr. Micaela erschienen, die der neuen Gemeinschaft der „Missionarinnen der Göttlichen Offenbarung“ angehört. Dies hat seinen Grund; denn Ilenia Siciliani, wie sie früher hieß, war eine begeisterte Soldatin bei den Carabinieri mit einer glänzenden Karriere, bis sie mit 26 Jahren in Medjugorje ihre Berufung zum Ordensleben entdeckte. Die Carabinieri sind in Italien allgegenwärtig, da sie vor allem einen allgemeinen Polizeidienst ausüben, doch sind sie seit ihrer Entstehung im Jahr 1814 Teil der Streitkräfte. Seit dem Jahr 2000 bilden sie neben Heer, Marine und Luftwaffe eine vierte Teilstreitkraft. Ihre offizielle Monatszeitschrift „Il Carabiniere“ wurde 1872 gegründet und stellt das älteste Polizei-Magazin Europas dar. Nachfolgend die Übersetzung eines Artikels von Elvira Frojo, der im Mai 2025 in dieser Zeitschrift (S. 28-30) erschienen ist.
Von Elvira Frojo
Von Ilenia, einem kleinen Mädchen, das von einer Carabiniere-Uniform träumte, bis zu Schwester Micaela, einer „Missionarin der Göttlichen Offenbarung“. Die Geschichte eines Lebens, in beiden Formen dem Wohl der Mitmenschen gewidmet.
Rosenkranz statt Dienstwaffe
Als Kind träumte Ilenia Siciliani davon, die Uniform der Carabinieri zu tragen. Dann, im Alter von sechsundzwanzig Jahren, als sie sich auf dem Weg zu einer traumhaften militärischen Karriere in Caltanissetta befand, legte sie den Habit des Ordens der „Missionarinnen der Göttlichen Offenbarung“ an und wurde Schwester Micaela. Sie lässt ihre Dienstwaffe zurück und nimmt stattdessen den Rosenkranz in ihre Hände. Dem Gesetz der Liebe folgend legt sie, nachdem sie zuvor den Eid auf die Verteidigung des Staates geleistet hatte, das Gelübde für die Rettung der Seelen ab. Sie war bereits der „Virgo Fidelis“ – der „Treuen Jungfrau“ geweiht, also der Gottesmutter als Schutzpatronin der „Arma“, der Truppe der Carabinieri, nun aber ist ihr Vorbild die „Virgo Revelationis“, die Gottesmutter als „Jungfrau der Offenbarung“.
Weg der Kontinuität in ihrer Berufung
Es scheint eine radikale Veränderung zu sein, aber für Schwester Micaela ist es ein Weg der Kontinuität in ihrer Berufung. Mit Leib und Seele Carabiniere und ebenso aus tiefster Seele Nonne, betrachtet sie ihre Erfahrung in der Uniform als eine von der Vorsehung geschenkten Vorbereitung auf die Entdeckung, dass Gott einen noch größeren Traum für sie hatte, der im Ordensleben seine Erfüllung finden sollte.
Ihren Weg hat Ilenia bei der Arma wie in ihrem jetzigen Leben als Nonne immer im Namen der Gerechtigkeit und der Werte gelebt, die sie mit ins Kloster gebracht hat. Ihre faszinierende Geschichte regt zum Nachdenken an, zu kollektiven und persönlichen, religiösen und weltlichen Reflexionen über Identität, persönliches Wachstum und Beziehungen. Ein mit Leidenschaft und Herz geschriebener Weg, der über die Geschichte hinaus Fragen aufwirft und Antworten gibt.
Berührende Begegnung mit Sr. Micaela
Schwester Micaela hat sich bereit erklärt, mich an einem herrlichen Sonnentag im Kreuzgang der Lateranbasilika zu treffen. Ihr Lächeln heißt mich willkommen und dringt direkt in mein Herz ein. Es ist eine Liebkosung für meine Seele, die mir auf den ersten Blick Ruhe vermittelt. Ich nähere mich ihr voller Rührung, bewegt von dem Privileg, etwas Besonderes mit ihr zu teilen, das große Achtung verdient, mehr als nur Interesse oder Neugierde: ein Ereignis, das es in der Geschichte der Arma noch nie gegeben hat.
Die Bedeutung des hl. Erzengels Michael
Ilenia war nämlich die erste Frau, die die Benemerita [ebenfalls ein Ausdruck für die Truppe der Carabinieri] verließ, um ein gottgeweihtes Leben zu führen. Ich betrachte es als ein Geschenk, dass ich ihr Zeugnis wiedergeben darf, eine Botschaft der Hoffnung für Gläubige wie Nichtgläubige. „Gott segne uns und die Jungfrau beschütze uns“, ist der Gruß von Sr. Micaela, der mir das Herz erwärmt. Zunächst fragte ich sie, warum sie gerade diesen Namen für ihr „zweites Leben“ gewählt hatte. „Der Name Micaela“, erklärt sie, „verdeutlicht die Kontinuität mit meinem früheren Leben als Soldatin. Der hl. Erzengel Michael ist der Fürst der himmlischen Heere. Früher habe ich Menschen verteidigt, jetzt Seelen. Der neue Name verweist auf die neue Mission und den Wandel, doch der neue Weg birgt auch Kontinuität.“
Elvira Frojo im Gespräch mit Schwester Micaela:
Schon seit Ihrer Kindheit hegten Sie den Traum vom Militärleben. Wie lässt sich eine Ausbildung wie die der Carabinieri, die auch Selbstverteidigungstechniken und den Umgang mit Waffen umfasst, mit der Berufung zum geweihten Leben vereinbaren?
„Als junges Mädchen träumte ich davon, Soldatin zu werden, und die Arma bot mir einen Weg der Ausbildung, den ich als glückliche Fügung betrachte; denn er ist auf Gerechtigkeit und Nächstenliebe ausgerichtet – Gefühle, die ich schon immer in mir getragen habe. Der Herr ist seit unserer Geburt in unseren Herzen und der tiefe Wunsch nach Gerechtigkeit, den ich fühlte, war nichts anderes als die Fülle in Ihm. Dieses „Heimweh“ brachte mich dazu, eine Militäruniform anzuziehen, und der Weg in der Arma der Carabinieri ließ mich verstehen, dass es der Liebe Jesu, die ich bereits in mir spürte, entsprach, mein Leben ganz in Seinen Dienst zu stellen. Die Werte der Arma aber, die edlen Werte, an die jeder Carabiniere glaubt, gelangen durch den Glauben erst zu ihrer Fülle. Es sind keine Ideale, die uns fern liegen. Die „Treue Jungfrau“ ist für die Carabinieri ein Vorbild, sowohl bei alltäglichen als auch bei heroischen Taten. Der Wunsch nach Gerechtigkeit und Treue wird gerade durch den Glauben verstärkt und findet in ihm seine Kraft. Tatsächlich führt uns Jesus zum Guten, denn er ist das höchste Gut.“
Was hat Sie nicht in Ruhe gelassen, was hat Sie zu ihrer Entscheidung inspiriert, die Gelübde abzulegen?
„Die Arbeit war mein Leben, die Arma der Carabinieri war für mich alles, das, wovon ich immer geträumt hatte. Ich pflegte zu sagen: ‚Ich bin‘ eine Carabiniera, nicht ‚ich handle‘ als Carabiniera; denn eine Carabiniera zu sein, bedeutet, auf eine bestimmte Weise zu leben und an die hohen und edlen Werte zu glauben, die die Arma vertritt. Während meines Dienstes in Sizilien hatte ich alles, was ich mir gewünscht hatte. Aber, als ich einmal fertig war und in mein Zimmer zurückkehrte, fühlte ich eine Leere in meinem Herzen. Eine Sehnsucht rief mich zu etwas Tieferem, aber ich konnte nicht verstehen, was es war. Dennoch war ich von der militärischen Erfahrung begeistert und wollte mich beruflich weiterentwickeln. Ich nahm gerne an jedem Einsatz teil, auch an Spezialoperationen. Die Menschen in Sizilien kannten mich, ich spielte in einer Band, fuhr Motorrad und nahm an Rennen teil. Ich kann sagen, dass ich in meinem früheren Leben nichts ausgelassen habe.“
Und was ist dann passiert?
„Nicht ohne Zögern, aufgrund der laufenden Aktivitäten, bin ich zu einer Pilgerreise nach Medjugorje aufgebrochen, die ich wegen meiner Studien- und Arbeitsverpflichtungen immer wieder hinausgeschoben hatte. Dieses Mal spürte ich, dass ich mein Versprechen an die Jungfrau Maria einlösen musste. Es war das erste ‚Ja‘. Ich sagte: ‚Gut, ich habe es versprochen, ich gehe und ich fahre.‘
In jenen Tagen in Medjugorje entdeckte ich, dass das, was mir fehlte, nicht ‚etwas‘, sondern ‚jemand‘ war. In der Schönheit des Gebets löste ich mich vom Alltag. In dieser Glaubenserfahrung spürte ich die Berufung, die der Herr von mir wünschte. Ich begann, mich selbst zu hinterfragen, mein Inneres mit dem zu vergleichen, was mein Leben darstellte. Da traf ich einige Schwestern des Ordens der ‚Missionarinnen der Göttlichen Offenbarung“ und erkannte mich sofort in ihnen wieder. In ihrem Lächeln las ich eine große Gelassenheit. Vereint in der gleichen Mission verfolgten sie dasselbe Ziel.
‚Auch ich trage eine Uniform und tue etwas Gutes‘, dachte ich, aber es kam mir vor, als ob ihr Habit bereits zu mir gehörte, denn ich sah mich schon in einer anderen Mission mit Jesus. Ich dachte nach und rang um eine Bestätigung; denn ich war mir der Bedeutung der Entscheidung klar bewusst. Ich hätte die Arma der Carabinieri nie verlassen, sie war für mich das Leben.
Nach meiner Rückkehr von der Reise habe ich mit meinen Vorgesetzten und dem Militärgeistlichen darüber gesprochen. Ich fühlte eine Kraft, die mir Mut machte. Etwas hatte sich verändert. Früher begeisterte ich mich für Lektüre, die mir tiefere Einblicke in die Geschichte, die Abläufe und die Regeln der militärischen Realität ermöglichte. Jetzt fühlte ich mich zu den heiligen Lesungen hingezogen. Jeden Tag gab es im Evangelium ein Wort, das an mich gerichtet zu sein schien und mein Herz berührte, und der Wunsch, nach Rom zu den Schwestern zu kommen, wurde immer stärker.
Mit der formalen Übergabe der Dienstwaffe habe ich schließlich den Übergang in mein neues Leben vollzogen.“
War also der Blick in das eigene Innere der Weg, um sich selbst zu finden?
„Den Mut zu haben, sein Herz zu öffnen, ist der Beginn des Glücks. Jeder hat eine Berufung, aber die Fülle wird immer im Herrn erreicht. In meinem Fall war es der Übergang vom Dienst in der Arma – mit dem Treueeid auf das Vaterland, der mich ein Leben lang begleiten wird –, zum Dienst am Herrn, dem ich mich hingegeben habe.“
Welche Horizonte tun sich in diesem dramatischen Moment der Geschichte auf, im „Jubiläumsjahr der Hoffnung“? Und welche Rolle können Frauen dabei spielen?
„Die Wiederentdeckung der Kostbarkeit, die in jedem von uns steckt, ist im Jubiläumsjahr eine Gelegenheit, innezuhalten und zum Herzen zurückzukehren, um den tiefen Sinn und die Schönheit des Lebens selbst wiederzufinden. Wir Frauen haben die Jungfrau Maria als Vorbild, ein Beispiel für Weiblichkeit und Mutterschaft. Das Leben zu schenken, zu schützen und zu verteidigen, ist eine weibliche Eigenschaft. Unabhängig davon, ob wir Kinder geboren ha-ben, sind wir alle Mütter. Das ist eine Besonderheit, die in jeder von uns steckt. Widmen wir uns dem Leben: Das ist unsere Stärke, unsere Quelle der Entschlossenheit und des Mutes, vorwärts zu gehen. Immer.“
Und Mutter zu sein, bedeutet auch, die Einsamkeit und das Leid der „Letzten“ auf sich zu nehmen…
„,Du musst etwas für die Letzten tun‘, war eine Warnung, die ich auch als Carabiniere gehört habe. Aber erst in meinem jetzigen Leben habe ich die tiefere Bedeutung des Wortes ‚Letzte‘ verstanden. Es sind nicht nur Menschen, die Unrecht erlitten haben oder die sich in Schwierigkeiten befinden, sondern alle, die die Liebe Gottes noch nicht kennengelernt haben, die nicht wissen, dass sie geliebt werden und deshalb wertvoll sind. Der erste Schritt ist ein Akt des Mutes: in Demut bitten. Die Heilige Pforte zu durchschreiten, hat diese Bedeutung. Sich dem Vater zu nähern und sich von ihm geliebt zu fühlen, von ihm, der uns umarmt und uns in seiner Barmherzigkeit vergibt.“
Die Missionarinnen der Göttlichen Offenbarung sind durch einen grünen Habit gekennzeichnet. Warum haben Sie genau diesen Orden gewählt, um Ihr gottgeweihtes Leben zu verwirklichen?
„Ich hatte die Gnade, sowohl die Berufung als auch den Ort zu verstehen, an dem ich sie leben wollte. Als ich mich in diesen Schwestern sah, entdeckte ich auch ihre Geschichte. Die Jungfrau der Offenbarung zeigt sich als starke Frau. In der Erscheinung ist sie die Mutter, die einen Sohn wiederaufnimmt. Sie hat ein Bein nach vorne ausgestreckt, um den missionarischen Geist zu symbolisieren, der auf den Anderen zugeht, und sie hat einen starken und gleichzeitig sanften Blick.
Sie trägt ein grünes Kleid, einen weißen Umhang und eine rosa Schärpe. Diese drei Farben stehen für die Heiligste Dreifaltigkeit. Grün bringt uns zurück zur Hoffnung, denn wir sind Kinder Gottes, des Vaters, der uns für den Himmel geschaffen hat, und so tragen wir bereits die Hoffnung auf Erlösung in unserem Herzen. ‚Behüte und bewahre in deinem Herzen, wie es die Jungfrau Maria getan hat, alles, was die Kirche euch gelehrt hat und lehrt. Mit Maria, der Mutter der Kirche, wird euch jedes Vorhaben gelingen.‘ Dies ist die Botschaft des Vertrauens der Gründerin der Missionarinnen im grünen Habit.“
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 7/Juli 2025
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„Sie bot dem Herrn ihr Leben für die Rettung der Priester und aller Seelen an“
Ehrwürdige Dienerin Gottes Luigina Sinapi
Am 27. Januar 2025 hat Papst Franziskus die „Ehrwürdigkeit“ der Dienerin Gottes Luigina Sinapi (1916-1978) anerkannt. Er empfing Marcello Kardinal Semeraro, den Präfekten des Dikasteriums für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, in Audienz und ordnete die Veröffentlichung des Dekrets über ihren heroischen Tugendgrad an. Ihr Leben sei von übernatürlichen Phänomenen geprägt gewesen. Doch habe sie die Last dieser „unfreiwilligen Außergewöhnlichkeit mit äußerster Natürlichkeit, Gottes- und Nächstenliebe“ getragen. In der Ausübung der Tugenden und in ihrer Bereitschaft zum Opfer habe sie vollkommenen Gehorsam gegenüber der Kirche und ihren Vertretern gezeigt. Zur Promulgation des Dekrets veröffentlichte das Dikasterium nachfolgende Biografie.
Vom Dikasterium für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse
Die ehrwürdige Dienerin Gottes Luigina Sinapi wurde am 8. September 1916 in Itri (Latina) geboren und am 16. September getauft. Sie erhielt von ihrer Mutter eine solide christliche Erziehung und hatte durch den Besuch der Grundschule in ihrer Heimatstadt und der Mittelschule in Formia eine gute schulische Ausbildung. Schon früh verspürte sie eine Berufung zum Ordensleben und trat im Alter von fünfzehn Jahren in das Institut der Frommen Gesellschaft der Töchter des heiligen Paulus in Rom ein, musste das Institut jedoch wegen schwerer gesundheitlicher Probleme wieder verlassen.
Im November 1931 wurde sie Vollwaise. Nach dem Tod beider Eltern kam sie in Rom bei einer Tante als Dienstmädchen unter, bis ihre Anstellung zunächst in einem Postamt und dann im Zentralamt für Statistik es ihr ermöglichte, allein zu leben. Während des Zweiten Weltkriegs suchte sie Zuflucht in ihre Heimatstadt und lebte nach ihrer Rückkehr in die Hauptstadt aufgrund der Schwierigkeiten der Nachkriegszeit in prekären Verhältnissen. Von 1956 bis 1970 arbeitete sie am Nationalen Institut für Geophysik als Sekretärin des Ehrwürdigen Dieners Gottes Enrico Medi. Ihre Arbeit verband sie mit einem intensiven Gebetsleben, das von einer tiefen inneren Spiritualität beseelt und von verschiedenen Leiden geprägt war, begleitet von zahlreichen mystischen Gaben.
Sie war Tertiarschwester der Franziskanerinnen und erhielt 1954 die Dispens, auch dem Dritten Orden der Söhne Mariens beizutreten, dem ihr geistlicher Leiter angehörte. Im selben Marianischen Jahr erhielt sie das Privileg, in ihrem Haus ein privates Oratorium zu unterhalten, in dem die Heilige Messe gefeiert werden konnte. Sie war geistlich eng mit dem hl. Pio von Pietrelcina verbunden und genoss das Vertrauen des Ehrw. Dieners Gottes Pius XII. Die letzte Zeit ihres Lebens verbrachte sie zu Hause und gewährte allen, die zu ihr kamen, Gastfreundschaft, hörte ihnen zu und gab ihnen Rat und geistlichen Trost. Sie starb am 17. April 1978 an einem Magenkarzinom, begleitet von einem beständigen Ruf der Heiligkeit und Wunder.
Sie lebte ihre Berufung als gottgeweihte Person in privater Form. Im Laufe ihres Lebens musste sie viele Leiden ertragen, die auf körperlicher wie moralischer Ebene eine Prüfung darstellten. Nach einer plötzlichen und überraschenden Heilung im Jahr 1933 bot sie ihr Leben dem Herrn als Opfer für die Rettung der Priester und aller Seelen an. Ihr Lebensweg wurde von zahlreichen übernatürlichen Gaben begleitet, wie etwa der Vorahnung von Ereignissen und Situationen, der Bilokation, der Unterscheidung des Geistes und vor allem der mystischen Vereinigung mit dem Herrn Jesus, die sie in einer Atmosphäre der Bescheidenheit, der Demut und des Dienens lebte. Viele Menschen, darunter Priester, hohe Prälaten, Politiker und einfache Leute, suchten bei ihr geistlichen Trost, wobei solche Begegnungen von Luigina als Gelegenheiten zur Evangelisierung wahrgenommen wurden.
Sie pflegte eine besondere Verehrung für eine Reihe von Heiligen, darunter den hl. Franz von Assisi, die hl. Gemma Galgani und die hl. Thérèse vom Kinde Jesu, die sie auf dem Weg der Kleinheit inspirierte. Sie hatte eine Beziehung der geistigen Kindschaft zum hl. Pio von Pietrelcina, den sie mehrmals in San Giovanni Rotondo besuchte. Sie stand dem ehrwürdigen Diener Gottes Pius XII. nahe, dem sie 1937 seine Wahl zum Papst vorausgesagt habe, nachdem die Gottesmutter ihr im römischen Ort Tre Fontane erschienen sei. Ihre Spiritualität war eucharistisch-marianisch und trotz ihrer finanziellen Nöte setzte sie alles daran, um den Bedürftigsten zu helfen.
Sie unterstützte viele Priester nicht nur mit Gebet, sondern auch mit materieller Hilfe. Über die übernatürlichen Erscheinungen hinaus, die ihr Leben prägten, war sie in der Lage, diese Last der unfreiwilligen Außergewöhnlichkeit mit äußerster Natürlichkeit, Gottes- und Nächstenliebe zu tragen, wobei sie in der Ausübung der Tugenden und in ihrer Opferbereitschaft absoluten Gehorsam gegenüber der Kirche und ihren Vertretern zeigte.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 7/Juli 2025
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„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt…“
Gottes Wirken im Leben von Luigina Sinapi
Nach dem Tod von Luigina Sinapi im Jahr 1978 erschienen erste Biografien, die aber von verschiedener Seite hinterfragt wurden.[1] So erfolgten intensive Nachforschungen, die im Ergebnis das Lebenszeugnis dieser Opferseele umso heller aufscheinen ließen. Bereits unter Papst Benedikt XVI. wurde deutlich, dass die Kirche zum Erbe von Luigina Sinapi eine durchgehend positive Haltung einnimmt. Besonders die Bewertung ihres Lebens durch Agostino Kardinal Vallini, den Vikar von Papst Benedikt XVI. für die Diözese Rom, stellte die Weichen für die Anerkennung ihres heroischen Tugendgrades. Es war am 22. Mai 2009, als Kardinal Vallini im Rahmen der öffentlichen Sitzung zum Abschluss der diözesanen Phase ihres Seligsprechungsprozesses die Dienerin Gottes vorstellte. Mit einem Dekret vom 27. Januar 2025 bestätigte schließlich Papst Franziskus ihre heroische Tugendhaftigkeit und verlieh ihr den Titel „ehrwürdig“. Interessant sind die Details, die das Dikasterium für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse in die dazu publizierte Biografie von Luigina Sinapi aufgenommen hat. Pfarrer Erich Maria Fink geht in seinem Beitrag den Aspekten nach, die der Kirche bei der Untersuchung ihres Lebens besonders wichtig erscheinen.
Von Erich Maria Fink
Wenn wir den Versuch unternehmen, das Leben der ehrwürdigen Dienerin Gottes Luigina Sinapi theologisch auszuwerten, kann uns der personalistische Ansatz des heiligen Papstes Johannes Paul II. eine entscheidende Hilfe sein. Er hatte sein Denken wesentlich auf den Grundsatz aufgebaut, wie er im Evangelium mit den Worten zusammengefasst ist: „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es erhalten“ (Lk 17,33). Es ist das Paradox der göttlichen Offenbarung, mit dem Jesus den Kern des christlichen Lebens immer wieder auf diese oder ähnliche Weise zum Ausdruck bringt. Das Zweite Vatikanische Konzil hat daraus die Schlussfolgerung gezogen, „dass der Mensch, der auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur ist, sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden kann“ (Gaudium et spes, 24).
Luigina Sinapi im Licht der „Theologie der Hingabe“
Johannes Paul II. entwickelte daraus eine „Theologie der Hingabe“, indem er feststellt, dass ein aufrichtiger Akt selbstloser Hingabe nie ins Leere geht, sondern immer eine Antwort erfährt, und zwar vonseiten Gottes. Hingabe setzt einen „geheimnisvollen Austausch“ in Gang, der die Person, die sich hingibt, im Endeffekt bereichert. Dies sieht Johannes Paul II. bereits auf der Ebene der menschlichen Erfahrung bestätigt, und zwar, wenn ein Akt der Liebe durch den Geliebten beantwortet wird und dadurch den Liebenden glücklich macht. Doch im Licht des christlichen Glaubens kommt eine wesentliche Wirklichkeit hinzu. Nach Johannes Paul II. ist es Gott selbst, der sich einschaltet und jede Hingabe erwidert. Und dies geschieht dadurch, dass Gott der Person, die einen aufrichtigen Akt der Hingabe vollzieht, jeweils eine neue Teilhabe an seinem Heiligen Geist gewährt. Deswegen erhält jeder, der sich in selbstloser Weise hingibt, immer mehr zurück, als er gegeben hat, selbst wenn die Person, welcher sein Akt der Liebe gegolten hat, keine Gegenliebe schenkt oder sie gar nicht wahrnimmt. Das ganze Leben von Luigina Sinapi kann auf diesem Hintergrund gedeutet werden. Es reifte zur vollkommenen Hingabe heran und wurde immer tiefer vom Licht des Heiligen Geistes durchstrahlt.
Eine außergewöhnliche Kindheit
Luigina Sinapi stammte aus Itri in Latina, das etwa 150 km südlich von Rom liegt. Ihr Vater Francesco Paolo war Tischler, ihre Mutter Filomena Catena war Hebamme. Luigina war das älteste von fünf Kindern. Sie kam am 8. September 1916 zusammen mit einer Zwillingsschwester zur Welt, die aber noch am selben Tag verstarb. Es folgten drei Brüder, mit denen Luigina aufwuchs. Die Familie lebte in wohlhabenden Verhältnissen, da die Werkstatt, die der Vater mit fünfzehn Arbeitern betrieb, gut florierte. Doch menschlich hatte er eine schwache und düstere Natur, sodass er zu wütendem Verhalten neigte. Die Mutter war tief religiös und hatte einen offenen und großzügigen Charakter. Aus der Kraft des Glaubens heraus ertrug sie die Spannungen mit ihrem Ehemann und versuchte ihre Kinder in der christlichen Liebe zu erziehen.
Eigentlich wurde sie auf den Namen Luigia getauft, von der Familie und ihren Bekannten aber immer Luigina oder Gina genannt. Sie war ein lebendiges und fröhliches Kind. Und Agostino Kardinal Vallini bestätigte zum Abschluss des Seligsprechungsverfahrens auf diözesaner Ebene in Rom am 22. Mai 2009, dass sie „von klein auf eine starke Liebe zu Jesus empfand, die sich in dem Wunsch äußerte, in inniger Verbindung mit ihm zu leben. Zu ihm fühlte sie sich besonders hingezogen.“[2]
Immer wieder sonderte sie sich ab, um mit dem Jesuskind oder am Strand von Sperlonga mit ihrem Schutzengel zu spielen. Es war für sie so selbstverständlich, dass sie glaubte, jedes Kind spiele ganz normal mit dem kleinen Jesus. Später erzählte sie aus ihren Erinnerungen folgende Begebenheit:
Sie war fünf Jahre alt, als eines Nachmittags ihr Onkel zu Besuch kam. Er war Priester, saß in einem Zimmer und betete das Brevier, während sie im Garten mit dem Jesuskind Verstecken spielte. Ab und zu hob der Onkel den Blick von seinem Brevier, schaute aus dem Fenster in den Garten und beobachtete voller Erstaunen, wie seine kleine Nichte ganz allein von einer Seite zur anderen rannte, als ob sie jemanden oder etwas jagen würde. Nach einer Weile stürmte Luigina in ihr Zimmer und versteckte sich lachend unter dem Bett. Der Onkel wurde beim Beten gestört und schalt Luigina. Daraufhin erklärte sie ihrem Onkel, es liege am Jesuskind, das beim Spielen unter dem Bett Zuflucht gesucht habe. Um den verwirrten Onkel zu beruhigen, begann sie ihm auf Latein den Vers vorzulesen, den der Priester gerade rezitiert hatte. Da sagte ihr Onkel in einem Tonfall zwischen Wut und Überraschung zu ihr: „Ich gebe dir das Jesuskind … Du hast den Teufel in dir und brauchst Segen und viel Weihwasser.“ Von diesem Moment an habe ein schwieriger Weg begonnen, denn sie sei nicht mehr verstanden und ernst genommen worden.[3]
Gelübde der Jungfräulichkeit um Jesu willen
Erst wenige Jahre zuvor hatte Pater Pio die Wundmale empfangen, nämlich am 20. September 1918. Die Mutter von Luigina, die sich zunehmend Sorgen um ihre Tochter machte und befürchtete, sie werde von bösen Geistern bedrängt, fuhr nach San Giovanni Rotondo und bat diesen stigmatisierten Kapuzinerpater um Hilfe. Pater Pio habe sie beruhigt und gesagt: „Die eine ist im Himmel und mit der anderen, die auf der Erde ist, hat der Herr große Pläne.“[4] Damit sprach er die Tatsache an, dass sie eine verstorbene Zwillingsschwester hat. Übrigens befürchteten die Eltern nach der Geburt, dass auch Luigina sterben würde. Tatsächlich hatte sie in den ersten drei Tagen nichts gegessen und ununterbrochen geweint. Den Eltern kam es vor, als sei sie über den Tod ihrer kleinen Schwester traurig und wolle ihr folgen.
Luigina wurde von ihrer Mutter auch zu Bartolo Longo (1841-1926) in Pompeji gebracht. Dieser habe ihr die Hand auf den Kopf gelegt und vorhergesagt, auf ihr werde die Gnade Gottes ruhen. Der Termin für die Heiligsprechung von Bartolo Longo, den „Apostel des Rosenkranzes“, wurde durch Papst Leo XIV. bekanntlich auf den 19. Oktober 2025 festgesetzt.
Luigina war ein sehr selbständiges Mädchen. Sobald sie gehen konnte, machte sie sich regelmäßig auf den Weg in die Kirche Santa Maria, wo sie getauft worden war. Diese lag nur etwa hundert Meter von ihrem Zuhause entfernt. Luigina zog sich zurück, um mit Jesus zu sprechen, der im Tabernakel verborgen war.
Sie ging gern in die Kirche, weil sie dort das Gefühl hatte, das Ideal eines gottgeweihten Lebens zu verwirklichen. Eines Tages, als sie etwa fünf Jahre alt war, legte sie während der heiligen Messe, und zwar bei der Wandlung, in ihrem Innern das Keuschheitsgelübde ab. Natürlich konnte sie damals die volle Bedeutung und erst recht den Wert eines solchen Schritts noch nicht erkennen. Doch bewahrte sie diese Gnade, die Gott in ihr junges Herz hineingelegt hatte, ihr Leben lang.
Ganzopfer für die Kirche und die Priester
Mit sechs Jahren kam Luigina in die Grundschule und erwies sich als sehr talentierte und eifrige Schülerin. Zwei Jahr später empfing sie die Erstkommunion und zugleich das Sakrament der Firmung, wie es damals üblich war. Von da an versuchte sie, jeden Tag in die heilige Messe zu gehen und die Eucharistie zu empfangen. War sie daran gehindert, weinte sie. Einmal sagte sie: „Wenn ich Jesus nicht in meinem Herzen empfange, lebe ich nicht.“ Unverständnis und Spott, die sie dafür erntete, ertrug sie mit einem Lächeln und innerer Stärke. 1926 wechselte sie an das Gymnasium in Formia, zehn Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Obwohl sie sehr erfolgreich war, ließ sie nicht von ihrem Wunsch ab, in einen Orden einzutreten. Nach dem dritten Jahr am Gymnasium, also noch vor dem Abitur, erlaubten ihr die Eltern, sich einer neuen Gemeinschaft anzuschließen, die Giacomo Alberione (1884 -1971) ins Leben gerufen hatte. Am 27. April 2003 wurde dieser große Medien-Apostel von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Zum Wechsel von Luigina an das Institut in Rom führte Kardinal Vallini 2009 aus: „Mit 16 Jahren, fasziniert von dem Ideal, ‚das Evangelium mit den modernsten Kommunikationsmitteln zu verbreiten‘, überwand Luigina den Widerstand ihrer Eltern und trat in das Institut der Frommen Gesellschaft der Töchter des heiligen Paulus in Rom ein. Leider musste sie das Institut aufgrund ihrer eher schwachen Gesundheit wieder verlassen.
Sie wurde von ihrem geistlichen Begleiter, Don Timoteo Giaccardo, heute seliggesprochen, getröstet, der sie ermahnte, ihr Leben für die Seelen zu opfern und als Laienmitglied in der Paulinischen Familie zu bleiben.“ Lungenkomplikationen und Abszesse im Unterleib hatten sie gezwungen, nach Hause zurückzukehren. Luigina verstand, dass Gott einen anderen Weg für sie geplant hatte.
Von da an überstürzten sich die Ereignisse im Leben von Luigina. Am 4. November 1931 starb die Mutter nach schwerer Krankheit im Alter von nur 44 Jahren. Es war ein unvorstellbarer Schlag für die Familie. Der Vater wurde depressiv, gab seinen Betrieb auf und wandte sich von der Familie ab. Luigina, die gerade 17 Jahre alt war, kümmerte sich um ihre Brüder und bemühte sich, durch die Erteilung von Privatunterricht Geld für die Familie zu verdienen. Denn das Einkommen, das der Vater bisher erworben hatte, blieb aus. Letztlich aber konnte Luigina die Familie nicht zusammenhalten. Der Einfluss durch die Verwandten väterlicherseits führte zwei Jahre später zur Auflösung der Familie.
Inzwischen aber war Luigina selbst erkrankt. Im Darm wurde ein Tumor diagnostiziert, der ihr große Schmerzen bereitete. Am 15. August 1933 schien der letzte Tag ihres irdischen Lebens gekommen zu sein. Alles wurde für den Übergang von der Erde in den Himmel vorbereitet. Sie wurde entsprechend angezogen und empfing die Letzte Ölung. Während der Agonie sah sie plötzlich Jesus neben ihrem Bett stehen. Er lächelte sie an und erfüllte sie mit unbeschreiblicher Freude. Von frühester Kindheit an verband sie mit Jesus eine Beziehung tiefsten Vertrauens. Aber in diesem Augenblick wandte sie sich an ihn mit der Frage: „Warum hast Du Dich zwei Jahre lang nicht mehr sehen lassen? Und jetzt, da ich sterbe, kommst Du?“ Jesus antwortete: „Ich bin gekommen, um dir ein herrliches Geschenk zu machen. Schau!“ Von der anderen Seite des Bettes blickte sie eine wunderschöne, liebenswürdige Dame an. Luigina glaubte zunächst, es sei ihre eigene Mutter, die gekommen war, um sie mit sich in den Himmel zu nehmen. Doch Jesus sagte zu ihr: „Schau genauer hin und wende dich dann wieder mir zu.“ Da begriff Luigina, dass es die Gottesmutter war. Jesus sagte zu ihr: „Wir sind gekommen, um dir ein Angebot zu machen. Du kannst frei wählen.“
Und er fragte sie: „Möchtest du sterben und in den Himmel aufsteigen oder möchtest du dich als Opfer für die Kirche und die Priester hingeben?“ Wie in einem Film wurde ihr dabei die Situation der Kirche und vieler Priester und Ordensleute gezeigt, die gefährdet sind. Da beschloss sie, ihr zukünftiges Leben Jesus als verborgenes Opfer für die Kirche und die Priester anzubieten.
Von diesem Augenblick an war Luigina vom Krebs geheilt. Gleichzeitig begann sie den Weg der vollkommenen Hingabe, dem sie bis zu ihrem Lebensende treu blieb. Ihre Berufung war es nun: sehr viel leiden, aber vor den Augen der Welt verborgen. Sie sollte das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen leben und ihre Mission nicht in einem Kloster, sondern im Arbeitsalltag unter den Menschen verwirklichen, ob bei der Post, im Statistikamt oder am Nationalen Institut für Geophysik, wo sie von 1956 bis 1970 als Sekretärin des Ehrwürdigen Dieners Gottes Enrico Medi tätig war.
Gnadenwirken des Heiligen Geistes
Als Antwort auf ihre vollkommene Hingabe erlebte Luigina eine einzigartige Ausgießung der Gnade. Der Heilige Geist durchwirkte ihr Sühneleben und nahm sie als besonderes Werkzeug in den Dienst des Reiches Gottes. Das Dikasterium für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse spricht „von zahlreichen übernatürlichen Gaben“, von denen sie künftig begleitet wurde, „wie etwa der Vorahnung von Ereignissen und Situationen, der Bilokation, der Unterscheidung des Geistes und vor allem der mystischen Vereinigung mit dem Herrn Jesus, die sie in einer Atmosphäre der Bescheidenheit, der Demut und des Dienens lebte. Viele Menschen, darunter Priester, hohe Prälaten, Politiker und einfache Leute, suchten bei ihr geistlichen Trost, wobei solche Begegnungen von Luigina als Gelegenheiten zur Evangelisierung wahrgenommen wurden.“
Ausdrücklich wird in der offiziellen Biografie von Luigina Sinapi ihre besondere Beziehung zu Papst Pius XII. hervorgehoben. So heißt es: „Sie stand dem ehrwürdigen Diener Gottes Pius XII. nahe, dem sie 1937 seine Wahl zum Papst vorausgesagt habe, nachdem die Gottesmutter ihr im römischen Ort Tre Fontane erschienen sei.“
Am 12. April 1937 pilgerte Luigina zusammen mit einigen Schwestern der Gemeinschaft „Töchter Mariens“ nach Tre Fontane, wo der hl. Apostel Paulus den Märtyrertod erlitten hatte. Als sie zu einer Grotte im nahegelegenen Eukalyptushain kam, sah sie kleine Knochen, grausige Überreste einer Abtreibung. Sie machte eine kleine Mulde und begrub diese menschlichen Gebeine zusammen mit einer Wundertätigen Medaille der hl. Katharina Labouré. Plötzlich sah sie in einem großen Licht vor sich die Madonna stehen, die ihr mit einem Lächeln sagte: „Ich werde an diesen Ort der Sünde zurückkehren und einen Mann bekehren und in Dienst nehmen, der heute die Kirche bekämpft und den Papst töten will. Geh zum Petersplatz. Dort wirst du eine schwarz gekleidete Frau finden, die dich zu ihrem Bruder, einem Kardinal, bringen wird. Ihm sollst du meine Botschaft überbringen und ihm sagen, dass er bald Papst werden wird.“
Luigina tat, wie es ihr die Gottesmutter aufgetragen hatte, und traf Elisabetta Pacelli, die sie zu ihrem Bruder, Kardinal Eugenio Pacelli, führte. Luigina vertraute ihm die Botschaft der Gottesmutter an, worauf er sagte: „Wenn es Rosen sind, werden sie blühen.“ Keine zwei Jahre später, am 2. März 1939, wurde er tatsächlich zum Papst gewählt und nahm den Namen Pius XII. an. Von dieser Begegnung an verband den zukünftigen Papst eine intensive Freundschaft mit Luigina. Es fanden zahlreiche Privataudienzen und regelmäßig Telefongespräche zwischen ihm und der Mystikerin statt.
Am 12. April 1947, genau zehn Jahre später und an derselben Stelle, an der Luigina die Gottesmutter gesehen hatte, erschien sie Bruno Cornacchiola und seinen Kindern, um ihm zu sagen: „Genug! Kehr zurück in die wahre Herde Christi.“ Er war ein protestantischer Straßenbahnfahrer, ehemaliger Soldat in Spanien und der katholischen Kirche zutiefst feindlich gesinnt. Die Jungfrau Maria übergab ihm auch eine Botschaft an den Papst über das Geheimnis ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel. Pius XII. nahm die Erscheinung von Tre Fontane sofort ernst, da er durch Luigina darauf vorbereitet worden war. Sechs Monate später, am 5. Oktober 1947, segnete er auf dem Petersplatz die Statue der „Jungfrau der Offenbarung“ in Lebensgröße und ließ sie in einer feierlichen Prozession nach Tre Fontane bringen. Cornacchiola wurde persönlich vom Papst in einer Audienz empfangen. Dabei überreichte er ihm den Dolch, mit dem er ihn töten wollte. Pater Gabrio Lombardi bezeugte, dass der Papst bei diesem Gespräch sagte: „Ich wusste es bereits.“
Im Heiligen Jahr 1950 verkündete Papst Pius XII. schließlich am 1. November das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. Er erklärte, der Leib Marias sei vor der Verwesung bewahrt worden, wie es auch in der Botschaft an Bruno Cornacchiola geheißen hatte. „Gott wollte“, so der Papst in der Apostolischen Konstitution „Munificentissimus Deus“, „dass die heilige Jungfrau Maria von diesem allgemeinen Gesetz ausgenommen sei. Tatsächlich überwand sie durch ihre Unbefleckte Empfängnis aufgrund eines einzigartigen Privilegs die Sünde und war daher nicht dem Gesetz unterworfen, der Verwesung anheimgegeben im Grab zu bleiben, noch musste sie bis zum Ende der Zeit auf die Erlösung ihres Leibes warten.“ Am Vorabend empfing Papst Pius XII. Luigina zu einem persönlichen Gespräch. Dabei berichtete sie ihm, dass die Madonna bei einer Erscheinung ihr Wohlgefallen an der bevorstehenden Dogmatisierung zum Ausdruck gebracht habe.
Vollendung ihrer Mission
Im Marianischen Jahr 1954 richtete sich Papst Pius XII. an die Kranken der Welt. In seiner Rede ermutigte er sie, ihr Leiden wertzuschätzen. Während er Luigina Sinapi im Blick hatte, sagte er, es sei nicht immer so, dass die Kranken „unter der Last des Leidens klagen. Es gibt, Gott sei Dank, Seelen, die dem göttlichen Willen ergeben sind. Es sind heitere, frohe Seelen, Seelen, die das Leiden sogar bewusst gesucht haben. Insbesondere hörten Wir eines Tages die Geschichte von einer solchen Seele im strahlenden Heiligen Jahr, als Unsere Kinder aus allen Teilen der Welt in außerordentlich großer Zahl zu Uns eilten. Es war eine junge Frau von zwanzig Jahren, bescheidener Herkunft, der der Herr so viel Jugendlichkeit und Unschuld geschenkt hatte. Alle fühlten sich von ihr angezogen, weil sie den Duft eines unverdorbenen Lebens um sich herum verbreitete. Aber eines Tages fürchtete sie, Anlass zur Sünde zu werden, und da sie eine innere Gewissheit erlangt hatte, ging sie zu Jesus und bat ihn in einem Anflug von Großherzigkeit, ihr alle Schönheit bis hin zur Gesundheit zu nehmen. Gott erhörte sie und nahm das Opfer ihres Lebens für die Rettung der Seelen an. Aber Wir wissen, dass sie noch immer lebt, auch wenn sie wie eine Votivkerze vor dem Thron der Gerechtigkeit und Liebe Gottes brennt und sich verzehrt. Sie klagt nicht, sie murrt nicht, sie fragt Gott nicht ‚warum‘, sie hat immer ein Lächeln auf den Lippen, während sie stets Ruhe und Freude in ihrer Seele bewahrt. Man müsste sie fragen, warum sie das Leiden akzeptiert – weil sie es schätzt, weil sie das Leiden gesucht hat, und so wie sie müsste man das auch die Tausenden von Seelen fragen, die sich Gott in einem stillen Opfer darbringen.“ Es wurde eindeutig bezeugt, dass Papst Pius XII. mit diesen Worten wirklich das Beispiel von Luigina Sinapi meinte.
Im Jahr 1963, also dreißig Jahre nach ihrer Heilung und Zustimmung zum Weg des Opfers, verfasste Luigina eigenhändig ein „Armes Opfergelübde“ für die Kirche, für den Papst, für die Priester und für alle geweihten Seelen. Darin schrieb sie: „O Mutter Maria, sieh mich zu Deinen heiligen Füßen! In meiner Nichtigkeit lege ich mein armes Opfergelübde in Dein Unbeflecktes Herz! Ich erneuere es für die Kirche, für den Papst, für die Priester und alle geweihten Laien und Ordensleute. In ganz besonderer Weise, gemäß Deinem heiligsten Wunsch und nach dem höchsten Willen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, sieh mich als unbedeutendes Opfer für Russland und alle Länder, die von der Roten Macht beherrscht werden.“
Diesen Akt der Hingabe an den göttlichen Willen vollzog Luigina bewusst nach dem Vorbild der heiligen Therese vom Kinde Jesus. Ihr Bild ist auf dem Blatt zu sehen, das sie für ihren Opferakt verwendet hat. Der Passionistenpater Giuliano Di Renzo erinnerte sich, wie Luigina am Ende ihres Lebens mit der Versuchung zu kämpfen hatte, nichts Großes vollbracht zu haben, zu bereuen, „nichts hinterlassen zu haben“. Doch hätte sie in den Worten der Heiligen von Lisieux Trost gefunden: „... es ist nichts zu tun. Überschütte Jesus mit Blumen kleiner Opfer!“
Als die körperliche Gesundheit von Luigina immer schwächer wurde, erteilte ihr der Papst die Erlaubnis, in ihrem Haus eine kleine Kapelle mit dem Allerheiligsten Sakrament einzurichten. Regelmäßig wurde dort die heilige Messe gefeiert und ihr bescheidenes Wohnhaus wurde so immer mehr zum „Zentrum einer glühenden Spiritualität bis zu ihrem Tod“, wie ein Priester bezeugte. Und Kardinal Vallini sagte: „Vor dem Allerheiligsten Sakrament brachte sie ihr ununterbrochenes Flehen vor Gott. In der Anbetung der Eucharistie verband sie sich innig mit Christus, nahm an seinem Leiden teil und lernte, das Leiden in eine höchste Geste der Liebe zu verwandeln, die sich besonders an den Freitagen manifestierte. Indem sie das eucharistische Geheimnis lebte, half sie vielen Menschen, die sie besuchten, sich selbst in der Selbsthingabe zu entdecken und den Weg zur Fülle des Lebens zu finden. Es gelang ihr, ihr Zuhause in ein authentisches spirituelles Zönakel zu verwandeln.“
Sie starb am 17. April 1978 als freiwilliges Opfer der barmherzigen Liebe Jesu und der Jungfrau Maria, in einem Opfer für die Kirche und die Welt. Ihr behandelnder Arzt, Mark Grassi, bezeugte, dass die letzten Tage ihres Lebens von großen Leiden geprägt waren. Er, der ihr beistand, hörte sie lächelnd murmeln: „ ... Ich warte!“ Als sie starb, war sie allein und wurde mit dem Gesicht zum Tabernakel liegend aufgefunden.
„Diese kleine große Frau mit ihrem Leben voller Inbrunst und Gebet, voller Initiativen und Leiden wusste auch, wie sie Menschen aus Kirche, Kultur und Wissenschaft anleiten konnte“, sagte Oscar Luigi Scalfaro (1918-2012), der von 1992 bis 1999 Präsident der Italienischen Republik war, über Luigina Sinapi. – „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ (Joh 12,24).[5]
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 7/Juli 2025
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[1] Die erste ausführliche Biografie erschien 1985 von Gianfranco Bertolotti, der später in den Benediktinerorden eintrat. Er war ein berühmter Stilist und publizierte das Buch unter dem Namen Chino Bert, unter dem er damals bekannt war: Chino Bert: Luigina Sinapi. Una piccola-grande donna [Luigina Sinapi. Eine kleine-große Frau], Are Edizioni, 1985.
[2] Edward J. Kelty/Rosalia Azzaro Pulvirenti: Servant of God Luigina Sinapi (1961-1978), Editrice VELAR 2011, S. 3.
[3] Vgl. Chino Bert: Luigina Sinapi.
[4] Nach Edward J. Kelty/Rosalia Azzaro Pulvirenti, S. 4, wurde dies durch P. Tarcisio OFM Cap. (Zurlo) aus Cervinara, dem Sakristan, der Padre Pio assistierte, bestätigt.
[5] Siehe auch das Buch von Bert Chino: Luigina Sinapi – Liebesopfer für die Welt, Parvis-Verlag, geb., 160 S., Euro 6,00; ISBN 978-3-907523-13-1; www.parvis.ch
Welche Aufgaben warten auf den ersten Papst aus Nordamerika?
Leo – der Versöhner
Bislang wird Papst Leo XIV. „von progressiven wie von konservativen Katholiken gleichermaßen respektiert“, so der Historiker Dr. h.c. Michael Hesemann (geb. 1964). Als wichtigste Aufgaben, die auf den ersten Papst aus Nordamerika zukommen, sieht er die Versöhnung, und zwar in dreifacher Hinsicht: zum einen, dass die innerkirchliche Polarisierung überwunden wird, zum anderen, dass der Brückenschlag zur Orthodoxie vorangetrieben wird, und schließlich, dass die Kirche weltweit zur Schlichtung unter den verschiedenen Kriegsparteien beiträgt. Hesemann sieht in der Lebensgeschichte von Papst Leo und den vielfältigen Tätigkeiten, die ihm im Lauf seines kirchlichen Dienstes übertragen worden sind, eine von Gott gefügte Vorbereitung auf einen solchen Dienst.
Von Michael Hesemann
Zeichenhafter Amtsantritt
Schon sein erster Auftritt am 8. Mai 2025 nach dem „Habemus Papam“ auf der Mittelloggia des Petersdomes ließ erahnen, dass dieser Papst ganz anders ist als sein Vorgänger Franziskus. Der Argentinier war ein Revolutionär, er liebte es zu überraschen, ja sogar zu schockieren, was er als heilsame Therapie gegen versteinerte Strukturen verstand. Leo XIV., wie sich der Amerikaner Robert Francis Prevost nannte, setzte dagegen von Anfang an auf Versöhnung der polarisierten Christenheit. Statt, wie Franziskus, die schlichte, weiße Soutane, trug er Chorhemd, Mozzetta und die gleiche Stola, mit der schon Johannes Paul II. und Benedikt XVI. die Gläubigen auf dem Petersplatz gesegnet hatten. Statt mit dem volkstümlichen „Buona sera“ („Guten Abend“) des Argentiniers grüßte er mit dem österlichen „La pace sia con tutti voi“ („Der Friede sei mit euch allen“) und entwickelte daraus in seiner Ansprache gleich ein ebenso spirituelles wie politisches Programm.
Seine Worte vom „entwaffneten und entwaffnenden Frieden, demütig und beharrlich“, des Auferstandenen rührten nicht nur die Menschen in den Kriegsgebieten, in der Ukraine und Russland, in Gaza und Israel, im Libanon und in Syrien, in Armenien und in Aserbaidschan wie in den zahlreichen Krisenherden auf dem afrikanischen Kontinent. Statt persönlicher Worte – er enthüllte lediglich, dass er „ein Sohn des heiligen Augustinus, ein Augustiner“ ist – verlas er vom Blatt eine sauber vorbereitete und gut durchdachte Ansprache, die zu Herzen ging. Die Zeiten, in denen ein Papst aus dem Stehgreif predigte und die Vatikan-Medien ihre Mühe hatten, das Transkript sprachlich wie theologisch zu säubern, waren offenbar vorbei. Dass bei aller Vielsprachigkeit Italienisch nach Englisch und Spanisch nur seine dritte (von sieben) Sprachen ist, mag dazu beigetragen haben, dass er auch an den folgenden Tagen lieber ablas, statt frei zu sprechen.
Brückenbauer an der Hand Mariens
Doch noch mehr als mit klugen Worten gewann er die Herzen der Gläubigen, als er sie vom Balkon des Petersdomes aus darum bat, das „Gegrüßet seist Du, Maria“ anzustimmen und dabei auf die „Madonna vom Rosenkranz von Pompeji“ verwies, die ausgerechnet am 8. Mai ihren Festtag begeht.
Alle großen Päpste waren marianisch, Leo befindet sich also in bester Gesellschaft. Wie verbunden er der Gottesmutter tatsächlich ist, zeigte sich jedoch erst am dritten Tag seines Pontifikats, als er kurzerhand „ausbüxte“ und sich nicht nur zum römischen Gnadenbild „Salus Populi Romani“ in der päpstlichen Basilika S. Maria Maggiore – wo Papst Franziskus gerade bestattet worden war – fahren ließ, sondern ganz die Ewige Stadt verließ. Sein Ziel war das 60 km entfernte Genazzano in den Bergen Latiums, wo 1467 in der Kirche des lokalen Augustinerklosters das Gnadenbild der „Gottesmutter vom Guten Rat“ (Madre del Buon Consiglio) in einer weißen Wolke erschien. Nicht nur, dass sein Auftauchen übernatürlich war; auch die Zahl der Wunder – 161 allein in den ersten vier Monaten –, die es wirkte, beeindruckte. Später erklärten albanische Pilger, dass dieses hauchdünne Fresko der Gottesmutter einst in ihrer Heimat verehrt worden war, sich aber von selbst auf die Reise nach Italien gemacht hatte, als das Land in die Hände der Türken fiel.
Die „Migrationsgeschichte“ dieses von ihm so geliebten Gnadenbildes, das Ost und West miteinander verband, erinnert ein wenig an die bewegte Lebensgeschichte von Robert Francis Prevost selbst, der sich jetzt Leo XIV. nannte. Auch er ist ein Brückenbauer zwischen Nord und Süd wie zwischen West und Ost und darüber hinaus der erste Papst, der auf drei Kontinenten gelebt hat.
Von der Vorsehung Gottes durchwirkter Lebensweg
Ausgerechnet am Fest der Kreuzerhöhung, dem 14. September 1955, wurde Prevost als jüngster von drei Söhnen im Süden der amerikanischen Millionenstadt Chicago im Bundesstaat Illinois geboren. Exakt 1630 Jahre zuvor war im Beisein der römischen Kaiserin Helena, Mutter Konstantins des Großen, bei den Ausschachtungsarbeiten für die Grabeskirche in Jerusalem in einer alten Zisterne das Kreuz Christi entdeckt worden, das offenbar von der Urgemeinde der Apostel geborgen, versteckt und heimlich verehrt worden war. Fortan gingen Splitter des wahren Kreuzes um die Welt, während das Heilzeichen unserer Erlösung erstmals offen verehrt wurde. So war Leos Geburt „im Zeichen des Kreuzes“ schon ein erstes Zeichen der Vorsehung, dass der Junge aus bürgerlichen Verhältnissen zu etwas Höherem berufen war.
Über seinen Vater Louis Marius Prevost hatte Robert italienische und französische Wurzeln, über seine Mutter Mildred Martinez aus New Orleans zudem spanische und kreolische Vorfahren. Sein Vater hatte im Zweiten Weltkrieg bei der US Navy gedient und an der Landung in der Normandie 1944 teilgenommen, bevor er Lehrer und schließlich Schulleiter wurde. Seine Mutter war Bibliothekarin. Beide Eltern waren in ihrer Pfarrei aktiv, ließen ihre Söhne als Ministranten dienen und erzogen sie im katholischen Glauben.
Doch während seine beiden älteren Brüder Louis und John in die Fußstapfen des Vaters traten – Louis ging zur Navy und diente bei den Marines, John leitete eine katholische Schule – war Robert schon als Junge der Frömmste der drei. Seine Brüder erinnern sich noch bestens, wie er schon als Kind in die Rolle des Priesters schlüpfte und mit einem Tischtuch das Bügelbrett der Mutter in einen behelfsmäßigen Altar verwandelte. „Du wirst einmal der erste amerikanische Papst sein“, prophezeite eine Nachbarin dem frommen Jungen, als dieser gerade einmal in der ersten Klasse war. Dass sie einmal recht behalten sollte, hätte damals wirklich noch niemand gedacht.
Geformt von der Spiritualität des hl. Augustinus
Am wenigsten wohl Robert selbst, der zwar ab 1973 ein katholisches Knabenseminar der Augustiner besuchte, dann aber erst einmal an der katholischen Villanova-Universität Mathematik und Philosophie studierte. „Er versteht nicht nur was von sin (Englisch: Sünde), sondern auch von cos“, versicherte einer seiner Mitstudenten nach der Papstwahl, in Anspielung auf die englischen Begriffe für Sinus und Cosinus. Erst 1977, nach den Examina in beiden Fächern, traf er die wichtigste Entscheidung seines Lebens und trat dem Augustinerorden bei. Der war 1244 aus dem Zusammenschluss mehrerer italienischer Eremitengemeinschaften gegründet worden, die sich fortan verpflichteten, nach der Regel des größten Kirchenlehrers des Westens, des hl. Augustinus von Hippo (5. Jh.), zu leben. In Deutschland ging zweieinhalb Jahrhunderte später aus eben diesem Orden der Kirchenspalter Martin Luther hervor.
Prevost studierte fortan in Chicago Theologie und in Rom Kirchenrecht, während er 1981 die Ewige Profess ablegte und 1982 die Priesterweihe empfing. 1987 wurde er mit seiner Dissertation über „Die Rolle des Priors im Orden des hl. Augustinus“ am Angelicum in Rom zum Dr. iur. can. promoviert.
Missionar in Peru und Generaloberer in Rom
Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon zwei Jahre lang im Auftrag seines Ordens als Missionar in Peru gewirkt. Der sprachbegabte junge Priester aus einer polyglotten Familie hatte nicht nur mühelos Spanisch und die Indiosprache Quechua erlernt, er hatte in dem Andenstaat auch seine (nach Rom) dritte Heimat gefunden. Fortan pendelte er zwischen Peru und Chicago, wo sein Orden ihn erst zum Missionsdirektor, dann zum Provinzialprior ernannt hatte, wurde Prior und Provinzialoberer der Augustiner in Peru und Professor an der Augustiner-Universität von Trujillo.
Dabei wies er so eindeutige Führungsqualitäten auf, dass ihn das Generalkapitel der Augustiner 2001 zu ihrem Generaloberen wählte. Die nächsten zwölf Jahre verbrachte er, von zahlreichen Auslandsreisen abgesehen, an der Ordenskurie, dem Augustinianum, in Rom, gleich gegenüber vom Vatikan. Zugleich nahm er neben der Kirchensprache Latein auch Portugiesisch und Deutsch in sein Sprachenportfolio auf. Doch seine große Liebe, Peru, ließ ihn nie mehr los.
Volksnaher Hirte als Bischof von Chiclayo
2014 schickte ihn Papst Franziskus zurück in den Andenstaat, erst als Apostolischen Administrator, dann als Bischof von Chiclayo. Seine Aufgabe war es, Netzwerke einer ultrakonservativen Gemeinschaft aufzubrechen, in deren Reihen es zu dutzenden Missbrauchsfällen gekommen war. Da in Peru nur Staatsbürger Bischöfe werden können, nahm Prevost dazu die peruanische Staatsbürgerschaft an. Er erwies sich als volksnaher Hirte, der auf dem Pferderücken die entlegensten Winkel seiner Diözese besuchte und bei Naturkatastrophen auch selber anpackte. Immer wieder versuchte er, die Not der Ärmsten dieses Drittweltlandes zu lindern und Hilfsorganisationen aus der ganzen Welt für seine Diözese zu engagieren. Als auch Peru von der Covid-Pandemie heimgesucht wurde, trug er eigenhändig die Monstranz mit dem Leib Christi durch die Straßen seiner Bischofsstadt, um die Menschen zu trösten und sie wissen zu lassen, dass Christus bei ihnen ist.
Korrespondenz mit den Oberhirten aller fünf Kontinente
In Rom überzeugte die Amtsführung des „amerikanischen Bischofs in Peru“. Im Januar 2023 ernannte Papst Franziskus ihn zum Erzbischof und Präfekten der Kongregation für die Bischöfe sowie zum Präsidenten der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika. Ein halbes Jahr später wurde Prevost in den Kardinalsrang erhoben. Sein Aufgabenfeld war jetzt nicht weniger als die Weltkirche. Er war nicht nur für die Auswahl und Ernennung neuer Bischöfe verantwortlich, er korrespondierte auch mit den Oberhirten aller fünf Kontinente.
Dass dieser Robert Francis Prevost am 8. Mai 2025 so jung – mit 69 Jahren – und nach nur zwei Jahren im Kardinalsrang bereits im vierten Wahlgang zum Papst gewählt wurde, mag auf den ersten Blick erstaunen. Tatsächlich galt er zuvor nirgends als „papabile“, hatte ihn keiner der führenden Vaticanista auf dem Schirm.
Der „Erdrutsch“ auf dem Konklave
Als das Konklave am 7. Mai feierlich eröffnet wurde, galt es als ausgemacht, dass Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin zum 267. Nachfolger Petri gewählt wird. Ebenfalls „im Rennen“ waren die Kardinäle Tagle, Erdö, Pizzaballa, Turkson, Ranjith und Zuppi, während der französische Präsident auf Aveline und die britische BBC auf den Deutschen Marx hofften. Doch selbst im ersten Wahlgang brachte es Parolin auf gerade einmal 58 von 133 Stimmen – und hatte keine Chance auf die benötigte Zweidrittelmehrheit.
Was dann einsetzte, erklärte mir ein Kardinal mit den Worten: „Ich war selbst überrascht, wie schnell auch die anderen begriffen, dass Prevost der richtige Mann ist.“ Ein Erdrutsch. Vielleicht weil er, durch sein Amt, einer der wenigen Kardinäle war, den alle kannten, selbst die Purpurträger aus der Peripherie, von denen die meisten lediglich zu ihrer Kardinalserhebung nach Rom gereist waren, sonst aber keinen Kontakt zu den meisten ihrer Mitbrüder hatten. Ganz sicher, weil er immer ein Vermittler war. Ein demütiger, leiser Mann, der zuhören kann und dann doch eine wohldurchdachte Meinung äußert. Der als Ordensoberer über beste administrative Fähigkeiten und als Augustiner über ein solides theologisches Fundament verfügt. Der nicht provozieren, nicht alles umkrempeln, aber auch nicht die zwölf Jahre Franziskus ungeschehen machen würde. Ein Weltbürger, der auf drei Kontinenten zuhause ist. Ein Brückenbauer, kein Spalter. Aber auch einer, der sich durchsetzen kann und etwa dem fatalen „Synodalen Weg“ der Deutschen eine deutliche Abfuhr erteilte. Das war genau das, was die polarisierte Kirche in diesen bedrängten Zeiten so dringend braucht!
Eindeutiger Bezug zum hl. Erzengel Michael
Vor dem Konklave war ein Gebetsaufruf um die Welt gegangen, wurde der heilige Erzengel Michael angerufen, die Kirche Christi zu beschützen. Vor 130 Jahren hatte Papst Leo XIII. in einer Vision gesehen, wie dem Satan von Gott ein gutes Jahrhundert gewährt wurde, in der dieser versuchen würde, die Kirche zu zerstören. Als Reaktion darauf schrieb der Pontifex das Gebet an den hl. Michael, das fortan – bis zum 2. Vatikanischen Konzil – nach jeder Heiligen Messe gesprochen werden sollte, in dem festen Vertrauen darauf, dass der „Fürst der himmlischen Heerscharen … den Satan und die anderen bösen Geister, die zum Verderben der Seelen in der Welt umherwandern, mit göttlicher Kraft in die Hölle hinabstürzen“ wird.
Jetzt, ausgerechnet am 8. Mai, dem Fest des hl. Erzengels Michael, der an diesem Tag vor über 1500 Jahren in einer Höhle auf dem Gargano erschienen war, wurde im vierten Wahlgang mit 103 von 133 Stimmen ein neuer Papst gewählt, der sich „Leo XIV.“ nannte. Zwar berief er sich bei der Namenswahl auf „Rerum Novarum“, die große Sozialenzyklika des Pecci-Papstes, doch für den, der die Zeichen der Vorsehung zu deuten versucht, ist der Bezug zum hl. Michael wohl eindeutig.
Bedeutung der Papstwahl für die Zukunft der Kirche
Was aber bedeutet die Wahl Leos XIV. für die Zukunft der Kirche? Seine wohldurchdachten und brillant formulierten Ansprachen und Predigten der ersten Tage lassen keinen Zweifel daran, dass er sich selbst als Friedensstifter und Brückenbauer sieht.
Die vielleicht klügste Analyse seiner Positionen stammt von dem griechisch-katholischen Archimandriten Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer, Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt: „Er ist kein Populist, kein Technokrat, kein klerikaler Reformer im engen Sinn – sondern ein geistlicher Mensch, der die Kirche nicht neu definiert, sondern sie an ihre göttliche Herkunft erinnert. Seine Worte bei der Amtseinführung fassen seine Sendung zusammen: ‚Das Petrusamt ist gekennzeichnet durch aufopfernde Liebe, denn die wahre Autorität Roms ist die Liebe Christi.‘ Damit weist Papst Leo XIV. mit seinem Verständnis des Petrus-Dienstes über das Tagesgeschehen hinaus und lädt die Kirche ein, tiefer in das Mysterium ihrer Berufung einzutreten: Zeichen der Einheit in Christus zu sein – für die Welt, für alle Menschen.“
Aufgaben des neuen Papstes
Aufgaben gibt es viele. 2025 ist nicht nur ein „Heiliges Jahr“, das 40 Millionen Pilger nach Rom bringt, sondern erinnert auch an das Konzil von Nicaea vor 1700 Jahren, als das noch heute gültige Große Glaubensbekenntnis aller Christen formuliert wurde.
Versöhnung mit der Orthodoxie
Eigentlich waren die Feierlichkeiten im türkischen Iznik auf Ende Mai angesetzt, doch mit Rücksicht auf den Terminkalender des neuen Papstes werden sie auf Ende November verschoben. In einer Welt der Apostasie und Gottesferne ist die Einheit der Christen, die Versöhnung mit der Orthodoxie, dringender denn je und es scheint, dass Papst Leo hier aktiver agieren möchte als sein Vorgänger.
Schlichtung zwischen Kriegsparteien
Zeitgleich mit seinem Amtsantritt fanden auch auf Initiative der USA die ersten Gespräche zwischen Russland und der Ukraine statt, die immerhin zu einem Austausch von Kriegsgefangenen führten. Papst Leo bietet den Präsidenten der Kriegsparteien, Putin und Selenskij, an, auf neutralem Vatikangrund zu verhandeln. Gleich nach seiner Amtseinführung am 18. Mai – dem 105. Geburtstag Johannes Pauls II. – empfing er Selenskij und den amerikanischen Vizepräsidenten J.D. Vance, um für einen baldigen Friedensschluss zu werben. Auch im Gaza-Krieg will der Vatikan als Schlichter auftreten.
Stärkung der innerkirchlichen Einheit
Doch auch in seiner eigenen Kirche ist Versöhnung angesagt. Mit seinem Reformkurs hat Papst Franziskus viele traditionsverbundene Katholiken von ihrer Kirche entfremdet; sie gilt es, ins Boot Petri zurückzuholen. Erste Reaktionen zeigen, dass Leo XIV. von progressiven wie von konservativen Katholiken gleichermaßen respektiert wird. Ein Bonus, den es zu nutzen gilt, um die Wogen zu glätten, aber auch, um Irrwegen wie den Abenteuern der Deutschen ein Ende zu bereiten.
Sollte er auch nur eine dieser drei Aufgaben meistern, so hat Prevost das Zeug, einer der ganz Großen der Kirchengeschichte zu werden. An uns Katholiken ist es, zu beten, dass der Heilige Geist ihn leitet, wenn es gilt, die Klippen zu umschiffen, die sich ihm dabei in den Weg stellen. Es wird ihm gelingen, wenn er stets die Gottesmutter und den Erzengel Michael auf seiner Seite hat!
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 7/Juli 2025
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Interview von K-TV mit Walter Kardinal Kasper am 30. Mai 2025 in Rom
„Jesus Christus in die Mitte stellen“
Für Walter Kardinal Kasper (geb. 1933) war die Wahl von Kardinal Robert Francis Prevost zum Papst „Überraschung pur“. Gleichzeitig ist er „mit der Wahl sehr zufrieden und geradezu glücklich“. In einem Interview, das Pfr. Dr. Thomas Maria Rimmel am 30. Mai 2025 für K-TV in Rom mit ihm führen konnte, legte er seine Einschätzung des Pontifikats von Papst Leo XIV. dar. Auf dem Hintergrund seiner reichen Lebenserfahrung gab er dazu erste Eindrücke wieder und erklärte, was wir vom neuen Papst erwarten dürfen.
Interview von K-TV mit Walter Kardinal Kasper, Rom
K-TV: Herr Kardinal, haben Sie mit der Wahl von Kardinal Robert Francis Prevost zum Papst gerechnet?
Kardinal Kasper: Ich habe Kardinal Robert Francis Prevost für einen guten Kandidaten gehalten, aber nicht mit seiner Wahl gerechnet, zumindest nicht mit einer so raschen Wahl innerhalb von nur 24 Stunden. Das war für mich Überraschung pur.
War er Ihnen – Papst Leo XIV. – vorher persönlich bekannt?
In den letzten zwei, drei Jahren, in denen er als Kardinal Prevost Präfekt des für die Bischöfe zuständigen Dikasteriums war, bin ich ihm einige Mal begegnet und habe mich kurz mit ihm unterhalten. Mein Eindruck war jeweils das eines menschlich zurückhaltenden und freundlichen, aber in der Sache entschiedenen Menschen.
Was könnten Gründe sein, warum die Kardinäle im Konklave diesen Papst gewählt haben?
Als weit über Achtzigjähriger konnte ich am Konklave nicht teilnehmen und weiß darum über die Vorgänge im Konklave aus eigener Erfahrung nicht Bescheid. Erst recht kann ich nicht in den Kopf der wahlberechtigten Kardinäle hineinschauen. Ich kann darum nur meine eigenen Gedanken darlegen.
Papst Leo XIV. ist persönlich wie kirchenpolitisch und spirituell ein Mann der Mitte, der weder ausgesprochen konservativ noch ausgesprochen progressiv sein will. Von der christologischen Mitte des christlichen Glaubens her kann und will er zwischen den beiden auseinanderdriftenden Flügeln vermitteln. Als Angehöriger des Augustinerordens hat er seinen Wahlspruch dem Kirchenvater Augustinus entlehnt: „In jenem einen (Jesus Christus) sind wir eins.“ Auf dieser Grundlage kann und will er den dem Papst in besonderer Weise aufgetragenen Dienst der Einheit wahrnehmen.
Mann der Mitte bedeutet auch ein Mann der Kontinuität. Gleich in seiner ersten Ansprache zitierte er drei Mal Papst Franziskus und versicherte, dessen Weg zu einer synodalen Kirche fortzuführen. Es wird unter ihm kein Zurück geben. Aber er wird auch kein Franziskus II. sein. Er wird seinen eigenen Stil und seine eigenen Akzente setzen und dabei am bleibend Verbindlichen der kirchlichen Tradition und des Petrus-amtes festhalten.
Sein langes Wirken als Missionar und Bischof in Peru im Dienst für die Armen hat den geborenen US-Amerikaner zutiefst geprägt. Damit und später als Ordensoberer der Augustiner hat er eine breite und umfassende pastorale Erfahrung und eine gute Kenntnis der universalen Kirche erworben; als Kardinal und Präfekt ist er gut mit der römischen Kurie vertraut. So ist er bestens auf seinen neuen Dienst als universaler Hirte der Kirche vorbereitet. Irgendwie ist er dadurch auch ein Weltbürger geworden, der mit Nord- und Südamerika vertraut, in Italien längere Zeit zu Hause und weit in der Welt herumgekommen ist.
Schließlich ist auch der Name Leo, den sich der Kardinal Robert Francis Prevost als Papst zugelegt hat, zugleich ein Programm. Der letzte Papst Leo, Leo XIII., hat 1891 die erste Sozialenzyklika – „Rerum novarum“ – geschrieben und damit die kirchliche Soziallehre grundgelegt. Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit sind auch für Leo XIV. Leitbegriffe seines Petrusdienstes. Angesichts der schrecklichen kriegerischen Konflikte in der Welt ist er auch in diesem Sinn der rechte Mann zur rechten Zeit.
Wie geht es Ihnen mit der Wahl von Papst Leo XIV.?
Ich bin mit der Wahl sehr zufrieden und geradezu glücklich. Sie ist in der gegenwärtigen Situation der Kirche und der Welt eine glückliche Fügung des Heiligen Geistes. Das Echo und die überwältigende Zustimmung, die der neugewählte Papst bei seiner Vorstellung auf dem Segensbalkon der Peterskirche gefunden hat, hat dies voll und ganz bestätigt.
Wie erleben Sie Papst Leo XIV. in den ersten Wochen und Monaten?
Papst Leo XIV. tritt sehr bescheiden auf, weiß aber genau, was er will. Er handelt sehr überlegt, findet die rechten Worte und vermag die Menschen anzusprechen. Er strahlt innere Ruhe und inneren Frieden aus und kann zu einem Friedenspapst werden. Immer mehr erfährt man auch: er ist kein Mann von gestern. Er liebt Sport, fährt gerne Auto und weiß mit moderner Technik umzugehen. Darauf wird er nun allerdings weitgehend verzichten müssen. Wie sich das alles konkret entwickelt, wird man erst in einiger Zeit sehen. Ich bin gespannt auf die erste Enzyklika, die wir hoffentlich nach der Sommerpause und im Herbst werden lesen können.
Papst Leo XIV. bot seine Unterstützung bei den Bemühungen um Frieden in der Ukraine an. Was könnte der Heilige Stuhl hier bewirken?
Der Heilige Stuhl hat viel Erfahrungen mit solchen Friedensverhandlungen. Er tut dies, indem er sich nicht nur für ein Schweigen der Waffen, sondern für einen gerechten Frieden einsetzt, der den berechtigten Anliegen beider Parteien gerecht wird. Ob solche Bemühungen etwa in der Ukraine Erfolg haben, ist zu hoffen, hängt aber nicht vom Papst, sondern vor allem vom guten Willen der beteiligten Parteien ab. Der Papst kann keinen Diktatfrieden auferlegen, er kann nur die soft power seiner moralischen Autorität einbringen. Es geht ihm nicht in erster Linie um Politik, vielmehr um das Leben vieler unschuldiger Menschen, besonders von Kindern und Frauen, denen er wieder ein normales menschliches und menschenwürdiges Zusammenleben ermöglichen will.
Die Enzyklika „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus über die Geschwisterlichkeit aller Menschen und soziale Freundschaft hat gerade Muslime weltweit zur Zusammenarbeit angeregt. Was dürfen wir hier vom neuen Papst erwarten?
Papst Leo XIV. wird sicher an den Gedanken von der Geschwisterlichkeit aller Menschen anknüpfen. Denn wir alle sind Kinder, Söhne und Töchter, des einen Vaters im Himmel. Diese religiöse Grundüberzeugung verbindet die drei abrahamitischen Religionen – Christen, Juden und Muslime. Schon das Zweite Vatikanische Konzil hat aufgerufen, die alten Feindschaften beiseitezulassen, sich um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam für soziale Gerechtigkeit und für den Frieden und die Freiheit aller Menschen einzutreten.
Sie schreiben in Ihrer Autobiografie: „Wir brauchen auch in Zukunft gute Bischöfe und Priester, aber in einer synodalen Kirche ist die Zeit des Klerikalismus und eigenmächtiger Entscheidungen von Bischöfen vorbei“. Was möchten Sie damit sagen?
Ich will sagen, was eigentlich selbstverständlich ist und was man schon im Neuen Testament im Ersten Petrusbrief (5,1-4) nachlesen kann. Die Kirche braucht gerade in der schwierigen gegenwärtigen Situation gute Bischöfe und gute Priester, die als Hirten dem Volk Gottes auf dem Weg vorangehen und es ermutigen. Gute Hirten können sie aber nur sein, wenn sie nicht klerikalistisch als Herren und Beherrscher ihrer Gemeinden auftreten, sondern Vorbild ihrer Gemeinden sind und ihr Amt als demütigen Dienst verstehen. Jesus hat uns durch die Fußwaschung seiner Jünger dafür ein eindringliches Vorbild hinterlassen (Joh 13,12-15).
Die erste hochrangige Kurienernennung von Papst Leo XIV. war eine Ordensfrau. Schwester Tiziana Merletti wird Sekretärin des vatikanischen Dikasteriums für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens. Wie bewerten Sie das?
Ich sehe das sehr positiv. Die Frage der öffentlichen Stellung der Frauen in der Kirche und deren Betrauung mit Führungsaufgaben ist zu einem Megathema geworden. Es ist besonders im Dikasterium für die Ordenschristen bedeutsam, denn deren große Mehrheit sind Frauen, und die Probleme der Frauen- und Männerorden sind in vielem sehr verschieden. Darum war es sinnvoll, eine erfahrene Ordensfrau als Präfektin einzusetzen und ihr jetzt auch eine Sekretärin (d.h. eine Art Staatssekretärin) beizuordnen. Damit setzt Papst Leo die Politik fort, die bereits unter Papst Franziskus eingeleitet wurde.
Eine andere Äußerung von Ihnen: „Ohne Umkehr, Gebet und Buße haben alle noch so gut gemeinten Reformen keine Zukunft.“ Haben Sie damit auch den Synodalen Weg in Deutschland im Blick?
Sicher, ich hatte auch den Synodalen Weg im Blick, aber ihn nicht allein. Denn der grundlegende Fehler zu meinen, es gälte nur die Strukturen zu ändern und dann komme alles andere wie von selbst in Ordnung, findet sich nicht nur bei sogenannten progressiven Gruppen, sondern ebenso bei sich als konservativ bezeichnenden Gruppierungen, die meinen, es gehe nur darum, neuere Formen wieder abzuschaffen und zu den alten zurückzukehren. Jesus sagt uns etwas anderes: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,15).
Dass die Kirche in unseren Breiten kleiner wird und mehr und mehr zu „Diasporakirche“ wird, bereitet Ihnen offenbar nicht allzu viele Sorgen. Warum nicht?
Ihrer Frage liegt ein Missverständnis zu Grunde. Selbstverständlich bereitet mir der Schrumpfungsprozess und die große Zahl der Kirchenaustritte Sorgen. Sorgen einerseits um die, welche austreten, Sorgen aber auch um die Kirche, deren Anziehungskraft und Überzeugungskraft offensichtlich schwach geworden ist. Ich bin kein Anhänger einer sektenhaften kleinen Herde und eines heiligen Rests. Dennoch kann eine neue Art von Diaspora-Situation auch ein Impuls für einen Neuaufbruch sein und zu einer neuen missionarischen Besinnung führen. Genau dies hat Papst Franziskus in seinem ersten Rundschreiben mit dem Aufruf gemeint – statt immerzu zu jammern –, aus der Freude des Evangeliums zu leben.
Jetzt liegt Ihre Autobiografie vor.[1] Was ist die Quintessenz Ihres Lebens?
Eine Autobiografie sollte mein jüngstes Buch – wie im Vorwort ausdrücklich gesagt – nicht sein; es beschränkt sich auf meinen Weg in Kirche und Theologie. Doch der beginnt schon in der Familie und in der Studentenzeit und erfordert danach zum besseren Verständnis auch ein paar autobiografische Randnotizen. Was also ist die Quintessenz? Ich kann es kurz sagen: die Begegnung, die Weggemeinschaft und die Freundschaft mit Jesus Christus. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6). Jesus Christus in die Mitte zu stellen, dazu hat auch Papst Leo in seiner Predigt vor den Kardinälen aufgerufen.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 7/Juli 2025
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[1] Walter Kasper: Der Wahrheit auf der Spur – Mein Weg in Kirche und Theologie. Die persönlichen Lebenserinnerungen des Priesters, Professors, Bischofs und Kardinals, Verlag Herder 2025, geb. mit SU, 208 S., € 24,00, ISBN: 978-3-451-02503-7 – www.herder.de
Dreitägiges Seminar der Akademie für Globale Kirchenleitung
Das Papstamt heute
An der Ludwig-Maximilians-Universität München ist eine Juniorprofessur für Globale Kirchenleitung angesiedelt, die jährlich eine dreitägige „Akademie für Globale Kirchenleitung“ (Academy of Global Church Leadership) anbietet. Die Professur, die von Prof. Dr. Jean Olivier Nke Ongono geleitet wird, ist als Forschungseinheit konzipiert, die sich mit kirchlicher Leitung, Strategie, Verwaltung, Management und anderen spezifischen Themen befasst, die für das Leben der Kirche von Bedeutung sind. Das Thema der diesjährigen Akademie, die vom 22. bis 24. Mai stattgefunden hat, lautete: „Das Papstamt heute“. An dem intensiven dreitägigen Seminar hat auch Prof. Dr. Andreas Wollbold, der Lehrstuhlinhaber für Pastoraltheologie, mitgewirkt. Klaus-Hermann Rössler, der die Akademie mitverfolgte, führte im Anschluss an die Veranstaltung das nachfolgende Interview mit Prof. Wollbold.
Interview mit Andreas Wollbold
Die „Academy of Global Church Leadership“ unter der Leitung von Jun.-Prof. Dr. Jean Olivier Nke Ongono hat vom 22. bis 24. Mai bereits zum zweiten Mal eine internationale Tagung veranstaltet, diesmal zum Thema „The Papacy Today“, an der Sie auch mitgewirkt haben. Bei der Tagung ist in ganz verschiedenen Themenbereichen die Spannung deutlich geworden, die zwischen einer Pastoral für die ganze Welt und der Lehr- und Ordnungsfunktion des Papstamtes für die Welt besteht. Papst Franziskus ist in etlichen Nachrufen als der „Dorfpfarrer der Welt“ bezeichnet worden.[1] Geht das überhaupt – Pastoral für die ganze Welt?
Oder ist nicht – im völligen Gegensatz zur angemessenen Verbreitung der Lehre und zur Berechtigung eines allgemeingültigen Kirchenrechts – die Pastoral eine lokale Angelegenheit, ja sogar eine reine Vertrauenssache zwischen der Person des Seelsorgers und des Ratsuchenden?
Prof. Andreas Wollbold: Zweifellos steht die Lehr- und Leitungsvollmacht des Papstes im Mittelpunkt des Petrusdienstes. Sie ist heute äußerst anspruchsvoll und verlangt seine volle Aufmerksamkeit. Dennoch stehen Lehre und Leitung selbst wieder im Dienst der pastoralen Sendung der Kirche zu allen Menschen. Insofern ist der Papst auch der erste Seelsorger der Kirche. Vieles wird er allerdings nicht selbst oder durch die Kurie leisten können. Er kann vielfach nur Anregung und Vorbild für die Ortskirchen sein.
Wenn es die Weltpastoral des Papstes aber doch faktisch gibt, geht das dann nicht nur durch eine charismatische Führung durch den Papst? Mit Berufung auf den Soziologen Max Weber hat ja bei der Akademietagung der Dogmatiker Benjamin Bihl, (München) darauf hingewiesen, dass legitime Machtausübung durch den Papst nur durch traditionale, ferner legale, also durch allgemeine Rechtsregeln bestimmte, sowie charismatische Herrschaft geschehen kann, wobei er auf die besonderen Unsicherheiten der letzteren hinwies. Wie schätzen Sie das ein?
Weltpastoral geschieht aber doch auch wesentlich durch rechtliche Regelungen oder dadurch, dass gute, hingebungsvolle Bischöfe ernannt werden. Und nicht zuletzt braucht eine gute katholische Pastoral auch den Schutz der Tradition, also etwa in der Liturgie. Da kann der Papst entscheidend mithelfen, dass es nicht zu einem Ausverkauf kommt, nur um auf billige Weise aktuell und menschennah zu sein.
Kardinal Müller hat in seinem Beitrag über die Stellung des Papstamtes darauf hingewiesen, dass nicht die Kirche den Papst beauftragt hat, Jesus Christus zu dienen, sondern Jesus Christus den Papst beauftragt hat, der gesamten Kirche zu dienen. Der Papst ist, so führte er aus, nicht in erster Linie der Nachfolger seines Vorgängers, sondern des Petrus als Fels der Kirche. In diesem Zusammenhang führte er auch aus, dass das Papstamt gerade deshalb zu einer Entsubjektivierung der Person des Papstes führe. Kann das nicht sogar ein Hindernis für die Glaubensverkündigung sein – oder sehen Sie darin eine Chance?
Das eine schließt das andere nicht aus. Das sieht man sehr schön bei Papst Leo XIV. Er stellt überhaupt nicht seine Person in den Mittelpunkt, sondern er will bei allem zu Christus hinführen. Gleichzeitig wirkt er dabei aber auch als unverwechselbare Persönlichkeit, etwa mit seinem Lächeln und seinem wohlwollenden Blick. Manche sprechen da schon von einem „Geheimnis Papst Leo“.
Wenn in der Öffentlichkeit für gewöhnlich die Wirksamkeit eines Pontifikats an der Gelungenheit des Auftritts des Papstes in den Medien gemessen wird, wie der Vatikanspezialist des EWTN Andrea Gagliarducci erläuterte, spiegelt sich darin auch die Tatsache, dass die Menschen heute Informationen, Arbeits- und Sozialkontakte zum größten Teil nicht persönlich, sondern über Medien empfangen. Man hat den Eindruck, viele Menschen glauben, was sie in den Medien nicht finden, das gibt es auch in der Wirklichkeit nicht. Aber wird damit nicht das Glaubenszeugnis des Papstes in einer Gesellschaft der medialen Gleichzeitigkeit zur Dutzendware, während Einzelseelsorge immer seltener wird?
Medien spielen heute eine kaum zu überschätzende Rolle. Das bietet Chancen, hat aber auch Gefahren, wie Sie es beschrieben haben. Doch es bleibt nichts anderes übrig, als offensiv und zugleich verantwortlich die Möglichkeiten zu nutzen. Ein Beispiel: In Frankreich steigt derzeit die Zahl der Erwachsenentaufen deutlich an. Ein Grund dafür sind Priester, die sehr geschickt und einfühlsam die sozialen Medien nutzen und dadurch gerade sehr persönlich auf jeden Einzelnen und seinen Glaubensweg eingehen können.
Die folgende Frage ist durchaus nicht zynisch gemeint: Ist durch die mediale Gleichzeitigkeit und Flüchtigkeit vielleicht auch der Trend erklärbar, die Kirche und ihre Pastoral zunehmend als folkloristisch wertvolle Event-Agentur für die Ereignisse der verschiedenen Lebenswenden zu nutzen (und ist sie dafür mit der Kirchensteuer nicht zu teuer – die Konkurrenz der Grab- und Hochzeitsredner wächst)? Erklärt sich aus dieser Einstellung auch ein Teil des Unmuts über die Kirche in der westlichen Welt, die eben für bestimmte Events wie Wiederverheiratung nach Scheidung und Heirat Homosexueller trotz der Kirchensteuer nicht zur Verfügung steht?
Dass viele Menschen die Kirche nur für die sogenannten Kasualien nutzen, also ihre persönlichen Feiern, hat viele Gründe. Der wichtigste ist der Verlust eines lebendigen Glaubens und einer echten Bindung an die Kirche. Das hat dann eben zur Folge, dass sie gar nicht einsehen, warum die Kirche bei diesen Feiern Grenzen setzen muss. Die Lehre oder die liturgische Ordnung erlauben nicht alles, aber das stößt dann schlicht auf Unverständnis.
Bei der Tagung hat der hochrangige vatikanische Kanonist Luigi Sabbarese in einer Nebenbemerkung zu den kurialen Verwaltungsstrukturen sein Erstaunen darüber durchblicken lassen, dass durch die Abschaffung der Kongregationen und Überführung ihrer Aufgaben in Dikasterien eine Gleichrangigkeit der Aufgabengebiete und damit eine Zentralisierung auf den Papst hin erreicht wurde, während derselbe Papst zugleich einen weltweiten synodalen Prozess ins Leben rief, mit dem u.a. die Kollegialität in der Kirche gefördert werden sollte. Selbst das Stichwort „Peronismus“ fiel in diesem Zusammenhang. Kann das unbestreitbare pastorale Ziel von Papst Franziskus – eine Kirche, die an die Ränder der Gesellschaft geht – vielleicht nur so erreicht werden, dass über Jahrhunderte gewachsene Strukturen abgeschafft werden?
Kurienreform gehört zu den schwierigsten Aufgaben der Päpste. Auch die jüngste Reform unter Papst Franziskus hat da sicher nicht das letzte Wort gesprochen. Doch man sollte bei allem auch festhalten: Die Kurie ist besser als ihr Ruf. Sie leistet einen unverzichtbaren Dienst an der Weltkirche. Gute Pastoral verlangt immer auch eine hochklassige Verwaltung. Ich persönlich würde gar nicht viel an bewährten Strukturen ändern. Viel wichtiger ist es, die Besten für die verschiedenen Ämter zu gewinnen. Das betrifft nicht nur die Leitungsämter, sondern auch all jene, die die ganz normale Arbeit machen.
Sie selbst haben – teils auch unter Bezugnahme auf die zur Tagung beitragenden Kirchenrechtler Alberto Melloni (Bologna) und Michael Nobel (Ottawa) – in Ihrem Vortrag ausführlich dargelegt, warum Sie die Regeln des Konklaves für ein Beispiel einer über Jahrhunderte entwickelten Regel halten, die das Wirken des Heiligen Geistes ermöglicht („The conclave shows charism through legal order – you cannot govern the church by your own charism.“). Wie kann diese Einsicht für die Diskussion um die Synodalität fruchtbar gemacht werden?
Gerade leidenschaftliche Hirten und Seelsorger vernachlässigen gerne Recht und Institution. Sie möchten alles nur mit persönlichem Charisma erfüllen. Damit steht und fällt alles aber auch mit einzelnen Personen. Konflikte, Spannungen, Sympathie und Antipathie, ja Machtmissbrauch sind da nicht ausgeschlossen. Das gilt genauso bei einer falsch verstandenen Synodalität, die nur darin besteht, dass die besseren Redner oder die besser Vernetzten sich durchsetzen. Das Konklave hat dagegen strikte Regeln, vor allem die Zweidrittelmehrheit. Sie lenkt wie von selbst zur Verständigung, zum Kompromiss und zur Wahrung der Einheit. Bei synodalen Beratungen wäre es darum auch wichtig, von vornherein klarzustellen, was nicht zur Diskussion steht, sondern fest zu Ordnung und Lehre der Kirche gehört. Alles andere verleitet nur dazu, nicht nur mitzureden, sondern zu manipulieren.
Bei der Tagung sprach auch Joel Francis Ohandza (Catholic University of Central Africa, Yaoundé). Er sah einerseits Kollegialität tief verwurzelt in den Kulturen Afrikas und das Bild der Kirche in Afrika geprägt durch das Modell der Familie. Andererseits beklagte er aber auch einen zu ausgeprägten Autoritarismus, den er in Zusammenhang mit der weitverbreiteten Polygamie der Männer brachte. Was kann die europäische Kirche von den Kirchen in Afrika lernen?
Die Kirchen in Afrika sind junge Kirchen mit einem lebendigen Glauben und einem starken Zusammenhalt. Natürlich gibt es da auch große Herausforderungen, aber ich bin zuversichtlich, dass sie bewältigt werden. Es ist kein Zufall, dass die Stimme Afrikas in der Weltkirche heute am stärksten auf die Bewahrung der Lehre und einen tiefen Glauben dringt.
Afrika ist der Kontinent der Zukunft für die Kirche und überhaupt für das Christentum. Langfristig wird dort fast die Hälfte aller Christen leben. Das hängt natürlich auch mit der starken Familienorientierung und der Freude an Kindern zusammen. Das wäre auch ein Gesundbrunnen für die „alten“ Kirchen Europas.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 7/Juli 2025
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[1] Vgl. kath.net; plus.rtl.de/podcast/die-stunde-der-seelsorge-0ml5al9myctrn etc.
Radio Maria macht es möglich, am Leben der Kirche teilzuhaben
Die ausgestreute Saat geht reichlich auf
Sowohl Papst Franziskus als auch Papst Leo XIV. kannten vor ihrem Amtsantritt das Apostolat von Radio Maria. Pfr. Dr. Richard Kocher greift die ermutigenden Impulse auf, die von diesen beiden obersten Hirten der Kirche für die Evangelisierung über das Radio ausgegangen sind. Gleichzeitig wirft er einen Blick auf das bevorstehende Jubiläum der Jugend, das im Rahmen des Heiligen Jahres 2025 vom 28. Juli bis zum 3. August in Rom stattfinden wird. Radio Horeb wird dieses Großereignis begleiten und den Hörerinnen und Hörern die Möglichkeit geben, betend und feiernd dabei zu sein.
Von Richard Kocher
Nachruf Papst Franziskus
Gut ein Jahr nach der Wahl von Kardinal Jorge Bergoglio in das oberste Amt der Leitung der katholischen Kirche schrieb der Programmdirektor Javier Soteras von Radio Maria in Argentinien, der Heimat des Papstes, einen Artikel, der schon damals sehr gut den Papst charakterisierte: „Ich hatte oft die Gelegenheit, vom Papst Franziskus in Buenos Aires empfangen zu werden, als er Erzbischof in der ‚Stadt des Tangos‘ war. Seine Nähe, sein Interesse und sein ausgeprägtes Urteilsvermögen haben es uns erlaubt, mit riesigen Schritten weiterzukommen. Wir saßen auf den Schultern eines Giganten und von dort sieht man in schwierigen Zeiten alles aus einer neuen Perspektive ...
Niemand kann behaupten, nicht zu verstehen, was der Papst sagt. Sehen wir uns einige interessante Beispiele an. Das Bild von einem ,Spray-Gott‘, das Papst Franziskus verwendete, um vor der Idee eines unpersönlichen Gottes zu warnen, der überall ist, ohne dass man weiß, was er ist‘. Die Formel der ,Kirche als Babysitter oder Kindermädchen‘, um eine Kirche zu bezeichnen, die die ,Kinder wiegt, damit sie einschlafen‘, ohne Raum für einen erwachsenen Glauben zu lassen. Das Bild der ,Satellitenchristen‘, um die Christen zu beschreiben, die sich von der ,Banalität‘ und von ,weltlicher Vorsicht‘ leiten lassen anstatt von Jesus. Die Bezeichnung ,Wohnzimmerchristen‘ für diejenigen, die ,keine Kraft mehr zum Weitermachen haben‘ und der Aufruf an die Pfarrer der Kirche (Bischöfe und Priester), den ,Geruch der Schafe‘ anzunehmen, um gemeinsam mit dem Volk zu gehen. Oder aber die Aufforderung an die Nonnen, ein ,Mutterherz‘ anstatt ein ,Jungfernherz‘ zu haben. Und zu guter Letzt im Blick auf die Wirtschaftskrise die Ermahnung anlässlich eines Treffens mit einer Gruppe von Botschaftern: ,Geld muss dienen, nicht regieren.‘
Der Stil von Franziskus ist der Stil Jesu und ist in der Lage, die großen Wahrheiten des Glaubens mit einfachen, allen verständlichen Worten zu erklären ...
Die kommunikative Revolution von Franziskus liegt in den Worten dieses Papstes und seiner Körpersprache: Seine Umarmung ist fest, sein Lächeln echt, er applaudiert und streckt den Daumen hoch, wenn er sich freut. Er sieht den Menschen in die Augen und wenn er in seinem ‚Papamobil‘ sitzt, erkennt er Freunde und Bekannte inmitten der vielen Leute. Er segnet auf simple Art ... und zwingt seinen Segen niemandem auf. Er teilt ihn. Er bietet ihn an. Er küsst die Kinder mit der Zuneigung eines Großvaters und behinderte Menschen mit der eines Vaters.“
Der neue Papst Leo XIV.
Was der neue Papst Leo XIV. als Kardinal zu den brisanten Themen des Frauenpriestertums, der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, der Synodalität in der Kirche und dem Lebensschutz gesagt hat, ist in meinen Mittagsansprachen vom 9., 10. und 13. Mai auf unserem Podcast-Angebot nachzuhören – www.horeb.org/mediathek/podcasts/mittagsansprache/
Papst Leo XIV. kannte Radio Maria schon in Peru. Während seiner Zeit als Bischof der Diözese Chiclayo sagte er bei einem Treffen mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern der mobilen Studios, über welche dort die Liturgie aus verschiedenen Pfarreien übertragen wurde: „Liebe Brüder und Schwestern, ehrenamtliche Helfer von Radio Maria in Chiclayo, es ist mir eine Freude, Sie heute begrüßen zu dürfen und Ihnen vor allem den Segen des Herrn zu übermitteln. Sie leisten durch das Radio, durch Radio Maria, eine wunderbare Evangelisierungsarbeit. Sie unterstützen dieses großartige Projekt, das Frieden in die Welt bringt, das Evangelium bekannt macht und Menschen dazu anleitet, in der Liebe Christi zu leben. Gott segne Sie alle, und der Herr sei Ihre Kraft im Dienst der Kirche und in unserer Region Lambayeque.“
Pilger der Hoffnung
Wenn eine Million junge Menschen aus aller Welt zusammenkommen, um miteinander ihren Glauben an Jesus Christus zu feiern, dann ist das ein echtes Zeichen der Hoffnung. Genau das wird Ende Juli in Rom passieren, wenn vom 28.7. – 3.8. das Jubiläum der Jugend stattfindet. Dieses Jubiläum ist Teil des Heiligen Jahres 2025 und steht zugleich in der Tradition der Weltjugendtage, der größten religiösen Jugendtreffen weltweit.
Bei den vielen Programmpunkten dieser Woche in Rom freue ich mich auf zwei ganz besonders: die Gebetsvigil am Samstag (2.8.) und die Abschlussmesse am Sonntag (3.8.) am Tor Vergata im Südosten der Ewigen Stadt. Das stundenlange Ausharren und Übernachten unter freiem Himmel führt die jungen Menschen zum eigentlichen Herzstück der Jubiläumstage: der Begegnung mit dem Papst und der Erfahrung internationaler Gemeinschaft im Gebet, in der Anbetung und in der Feier der Hl. Messe.
Radio Horeb begleitet eine Pilgergruppe der Jugendbewegung Jugend 2000 aus Deutschland zum Jubiläum der Jugend. Mit Übertragungen wie denen der Vigil und der Abschlussmesse aus Rom, Sendungen aus Assisi oder Arenzano – Orte, an denen die Pilgergruppe die Woche in Rom vorbereitet oder nachklingen lässt, – und Eindrücken von den jungen Pilgern können Sie über Radio Horeb selbst mit nach Rom pilgern.
„In euch liegt Hoffnung, weil ihr zur Zukunft gehört, wie die Zukunft euch gehört.“ So hat es der hl. Papst Johannes Paul II. in seinem Schreiben Dilecti Amici an die Jugend formuliert. Die jungen Menschen sind die Zukunft unserer Gesellschaft, die Zukunft und die Hoffnung der Kirche. So bitte ich Sie um Ihr Gebet für die unzähligen jungen Pilger, die sich Ende dieses Monats nach Rom aufmachen, so dass sie bei dieser Fahrt dem lebendigen und lebensverändernden Gott begegnen können.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 7/Juli 2025
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„Die Verheißung des Friedens ist in der Person des Papstes geerdet“
Der neue Papst in „Vatikan aktuell“
Aufgrund der hohen Zuschauernachfrage hat der katholische Fernsehsender K-TV sein Programm weiter ausgebaut. Mit der wöchentlichen Sendung „Vatikan aktuell“ (immer Montagabends um 20:15 Uhr) stellt K-TV den neuen Papst Leo XIV. in den Mittelpunkt und vermittelt aktuelle Informationen aus dem Vatikan und der Weltkirche. Im K-TV-Studio „Allgäu“ kommen wechselnde profilierte Gesprächspartner in einen Dialog, um die Entwicklungen in der Weltkirche zu beleuchten und einzuordnen. Moderator der Sendung ist Bernhard Müller, Chefredakteur der Monatszeitschrift „Vatican-Magazin“, die in Kißlegg erscheint. Ende Juni 2025 führte Bernhard Müller für K-TV ein Gespräch mit dem bekannten katholischen Buchautor Ulrich Filler, der Pfarrer in der Gemeinde Köln-Stammheim ist.
Interview mit Ulrich Filler
K-TV: Wie war Ihr erster Eindruck, als Sie am 8. Mai den neuen Papst auf der Loggia des Petersdoms gesehen haben?
Pfr. Ulrich Filler: Ich war total überrascht und etwas schockiert. Natürlich habe ich mich gefreut, dass ein neuer Papst da ist. Das ist ja immer ein Grund zur Freude. Aber es war natürlich total überraschend für mich, denn ich habe in keinster Weise mit Robert Prevost gerechnet. Ich kannte den Namen überhaupt nicht, hatte vorher noch nie etwas von ihm gehört. Also es war ein sehr überraschender, ein großartiger und spannender Moment für mich.
Was glauben Sie, in welche Fußstapfen früherer Päpste wird er wohl am ehesten treten? In die seines Namensvorgängers Leos XIII., der ja ein großer Arbeiterpapst war? Oder wird er in die Fußstapfen treten von Papst Benedikt XVI., des großen Theologen, oder doch wohl eher in die seines direkten Vorgängers Papst Franziskus, der ihn ja erst vor zwei Jahren zum Kardinal erhoben hat?
Ich glaube, es gibt ganz, ganz viele Anknüpfungspunkte an verschiedene Vorgänger, Anknüpfungspunkte, die Papst Leo XIV. auch schon selbst benannt hat. So hat er sich ganz ausdrücklich mit der Wahl seines Namens an Leo XIII. angelehnt. Wie Leo XIII. vor über 100 Jahren sieht er auch heute wieder die soziale Frage als ein wichtiges Thema an. Damals war die Frage der Arbeit, das Massenelend der Arbeiter in Europa und Deutschland ein ganz wichtiger Punkt. Und dass es auch heute wieder eine globale soziale Frage gibt – nur die Themen Flüchtlingskrise und gerechte Verteilung der Güter für alle Menschen seien hier als Stichworte genannt –, hat Papst Leo XIV. erkannt und sich deshalb auch die Themen Entwicklung, Gerechtigkeit und Frieden auf seine Fahnen geschrieben.
Dass er sein Pontifikat in der Tradition seiner Vorgänger sieht, zeigt er ja damit, dass er sich in seinen Ansprachen und Predigten immer wieder auf Papst Franziskus und auch seine anderen Vorgänger bezieht. Er versteht sich nicht als Papst, der das Rad neu erfindet, sondern er schöpft natürlich aus dem Lehramt und aus den Predigten und der Verkündung seiner Vorgänger und führt sie weiter fort. Freilich wird er auch eigene Akzente setzen. Ich glaube, er hat kein ganz bestimmtes Vorbild oder eine bestimmte Fußstapfenspur, der er ausschließlich folgt. Ich denke, dass unser neuer Papst die ganze Tradition seiner Vorgänger aufgreift und dennoch seine eigenen Punkte setzt.
In einem Artikel im Vatikan-Magazin haben Sie den neuen Papst als Brückenbauer vorgestellt. Glauben Sie, dass ihm dies angesichts der tiefen Gräben, die es in der Kirche gibt, überhaupt gelingen kann? Baustellen jedenfalls hat dieser Brückenbauer wahrhaft genug.
Sich dieser Baustellen anzunehmen und Brücken aufzurichten, das ist ja genau sein Auftrag, das ist das Charisma seines Amtes, das ist der Auftrag Jesu: „Weide meine Lämmer, weide meine Schafe.“ Vielleicht haben wir manchmal den Eindruck, ein neuer Papst sei so wie ein neuer Politiker, der sich für ein Amt zur Wahl stellt und der mit einer bestimmten Agenda daherkommt und ein Programm hat, das er verwirklichen will, und den man in Schubladen stecken kann: konservativ, progressiv, rechts oder links, oder wie auch immer. Dabei übersehen wir, dass dies nicht die Aufgabe des Papstes ist. Er hat nicht die Aufgabe, ein neues Programm zu kreieren, sondern er hat vor allen Dingen die Aufgabe, Christus zu bezeugen, sein Stellvertreter auf Erden zu sein und als Brückenbauer die ganze Kirche, die ganze Herde zusammenzuhalten und auf die Weide zu führen. Er soll keine neuen Rezepte ausprobieren, die uns vielleicht besonders gut schmecken. Er muss dafür sorgen, dass wir die richtigen und guten Weidegründe finden.
Es ist immer die Aufgabe des Papstes, die Kirche zu leiten, den Glauben zu verkünden und herauszustellen, was heute an der Zeit ist, welche Fragen heute der Bearbeitung bedürfen und beantwortet werden wollen. Aber er hat eben auch Zeugnis für Christus zu geben und die oft auseinanderstrebende Kirche zusammenzuhalten. Und ich denke, dass er gerade in den ersten Augenblicken seines Pontifikats zeigte, dass er da ganz viel Potenzial hat. Die ersten Bilder und die ersten Worte haben schon deutlich gemacht, dass er als Person und in der Art und Weise, wie er agiert, geeignet ist, viele unterschiedliche Meinungen und Interessen zu berücksichtigen, zu hören, aufzunehmen und eben zu führen. Daher kann ich mir gut vorstellen, dass er ein wirklich großer Papst der Einheit in der Kirche werden kann. Das ist natürlich nur eine von vielen Hoffnungen, die jetzt auf seinen Schultern ruhen.
Zum Leidwesen vieler großer katholischer Verlage hat er ja bisher als Priester, Missionar, Ordensoberer oder Bischof keine Buchveröffentlichungen gemacht. Nun hat aber sein Namensvorgänger Leo XIII. erstaunliche 86 Enzykliken veröffentlicht. Erwarten Sie auch von Papst Leo XIV. viele Lehrschreiben?
Das ist natürlich eine Frage, die man nur ganz schwer beantworten kann. Ich glaube, es geht nicht darum, ob ein Papst oder ein Bischof als Schriftsteller Qualitäten besitzt oder dafür eine besondere Begabung hat. Ich glaube, dass es vor allem darauf ankommt, wie seine Christus-Verkündigung aussieht. Ein neuer Papst muss immer nur an dem gemessen werden, was er als Papst sagt und verkündet und tut. Wir müssen nicht auf das Vergangene in seinem Leben schauen, sondern darauf, was er als Papst tut und sagt.
Zum Thema KI (Künstliche Intelligenz) erwarten viele, dass der neue Papst einen verbindlichen päpstlichen Text veröffentlichen wird. Ist das zu erwarten?
Ja, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das jetzt sehr schnell zu erwarten ist, denn es gibt ja bereits ein gerade in diesem Jahr erschienenes Dokument aus dem Vatikan dazu. Die Dikasterien für die Glaubenslehre und für die Bildung haben sich zusammengetan und hierzu eine Note – so nennt man eine solche Erklärung – herausgegeben über die Gefahren und die Chancen, die mit der Künstlichen Intelligenz verbunden sind. Das ist ein Dokument, welches sehr umfangreich ist. Es sind 117 Kapitel, in denen die kirchliche Position zum Thema ganz klar beschrieben wird. Darin geht es nicht nur um die vielen Chancen, die damit verbunden sind, sondern auch um die Gefahren. Gerade Papst Franziskus hat beispielsweise immer wieder davor gewarnt, dass künstliche Intelligenz zusammen mit Waffentechnik verwendet wird und großen Schaden anrichten kann.
Wie kann sich die Kirche selber vor missbräuchlichem Gebrauch von Künstlicher Intelligenz schützen? Die Problematik hat sich gerade in den letzten Wochen gezeigt, als ein spanischsprachiges KI-generiertes und gefälschtes Tiktok-Video, in dem Papst Leo XIV. angeblich über die Rolle der Frau in der Kirche predigte, verbreitet wurde, das schon in den ersten Tagen fast 10 Millionen Mal angeklickt wurde. Im Vergleich dazu hat der offizielle Instagram-Account des Vatikans nie mehr als sechs Millionen Zugriffe bekommen. Wie kann die Kirche sich und ihre Gläubigen besser vor solchen Fälschungen schützen?
Davor kann man sich eigentlich gar nicht schützen. Das ist eben ein Teil der schönen neuen Welt, in der wir leben. Das ist ja etwas, was in unserem Land vor allem von Lehrern in den Schulen und in den Bildungseinrichtungen besprochen wird. Gerade bei Prüfungen und bei Hausarbeiten ist es inzwischen sehr schwer zu erkennen, was ist mit KI erstellt und was ist Eigenleistung. Dieser Realität und diesen KI-Medien sind wir einfach ausgesetzt.
Und wir müssen lernen, wie wir damit umgehen. Das ist mit allen anderen Sachen auch so, mit dem Computer, mit dem Fernseher, mit den sozialen Medien. Man muss es als Teil unseres Alltags sehen und wir müssen lernen, damit umzugehen. Aufgabe jedes Einzelnen ist hier, kritisch zu schauen, selbst zu prüfen, zu filtern und das Gute vom Schlechten zu unterscheiden. Dafür müssen wir uns eine entsprechende Kompetenz aneignen. Um diese zu erwerben, ist auch dieses Dokument des Vatikans eine große Hilfestellung.
Friede scheint ein Schlüsselwort dieses Pontifikats zu sein. Der „Friede Christi“ waren Leos erste Worte als Papst. Was kann er zum Frieden in der Welt beitragen – außer dem, was er jetzt schon tut, etwa Aufrufe verlesen? Wie viele Divisionen hat der Papst? Die alte Frage Stalins betrifft auch ihn.
Es war umwerfend, sowohl beim Begräbnis von Papst Franziskus als auch bei der Amtseinführung von Papst Leo, zu beobachten, wie sich die Mächtigen der Welt auf dem Petersplatz versammelten, wie die Staatschefs und Politiker zusammengekommen sind und wie dabei ein Raum der Begegnung und des Dialogs geschaffen wurde. Wir haben da großartige Bilder in der Presse gesehen, wie etwa von Präsident Trump und Selenskyj und anderen Größen, die untereinander, miteinander und mit dem Papst ins Gespräch kamen.
Ich glaube, dass wir hier nur die Spitze eines Eisbergs sahen, wie hier durch die Institution und das Papsttum der Kirche eine Bühne geschaffen wurde, auf der ganz viel an Dialog und Kommunikation möglich war. Solche Gespräche sind eine gute und wichtige Grundlage für den Frieden.
Das zweite sind die von Ihnen angesprochenen Friedensappelle und Friedensaufrufe des Papstes, die ja auch ihre Wirkung haben, um ein Klima des Friedens zu schaffen. Papst Leo XIV. wird sich als Vermittler zwischen den führenden Mächten und als Friedensstifter versuchen. Das wird ihm wie auch seinen Vorgängern mal besser, mal schlechter gelingen. Ich denke etwa an den großen Friedenspapst Benedikt XV., der vor und während des Ersten Weltkrieges ganz besonders engagiert für den Frieden kämpfte. Natürlich sind die Möglichkeiten, die der Papst hat, immer auch eingeschränkt. Er hat keinen Knopf, auf den er drücken kann, und sofort ist der Weltfriede da. Aber ich finde, die Hebel, die er in Bewegung setzen kann, und die Möglichkeiten, die es für einen Papst gibt, sind bis jetzt schon sehr, sehr gut genutzt worden und so wird es auch von Leo XIV. weitergeführt.
Also soll der Papst nicht nur Brückenbauer innerhalb der Kirche sein und die verschiedenen Gruppierungen zusammenführen, auch die säkulare Welt blickt, wie Sie das gerade angedeutet haben, in diesen verunsicherten Zeiten auf den neuen Stellvertreter Christi. Er soll offenbar nicht nur die Kirche, sondern auch die Welt heilen.
Ein großer Anspruch. Aber es ist genau der Anspruch des Herrn, der Anspruch Jesu Christi. Wir erwarten das Heil ja nicht von einem US-Amerikaner, einem Peruaner oder einem römischen Dikasteriumsbeamten, sondern wir erwarten das Heil von Jesus Christus, dem auferstandenen Herrn. Und der Papst in Rom ist nun einmal sein Stellvertreter auf Erden. Und deshalb ist es mehr als berechtigt, dass auch die Welt ihre Hoffnung auf Heilung genau an diesem einen Mann, an dieser einen Person festmacht. Denn er hat als Papst genau den Auftrag, das Heil und die Barmherzigkeit zu verkünden, die Christus uns gebracht hat. Christus ist der Weg zum Heil. Wir haben keine andere Möglichkeit und keine andere Chance. Wir dürfen daher unsere Hoffnung ganz auf den Papst setzen.
Dass das nicht nur eine theologische oder fromme Erwägung ist, sondern dass es eben tatsächlich so ist, dass diese theologische und fromme Verheißung auf Frieden geerdet wird durch eine Person, die als Mensch überzeugt, das finde ich verblüffend. Auch in der säkularen Berichterstattung ist zu sehen, dass wir in Leo XIV. einen Menschen haben, der auf seine ganz eigene, authentische, überzeugende, freundliche und humorvolle Weise verschiedene Hoffnungen und Wünsche der Menschen erreicht. Es ist dabei unser Auftrag, durch unser Gebet den Papst zu unterstützen und mitzuhelfen, seinen wichtigen Auftrag zu erfüllen und die Welt zu heilen.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 7/Juli 2025
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Feldwebel Anton Schmid (1900-1942)
Ein Held der Humanität
Sicher kann Feldwebel Anton Schmid „Held der Humanität“ genannt werden, wie es Wolfram Wette im Titel seines 2013 erschienenen Buches tut. Aber der Wehrmachtsangehörige Schmid handelte zutiefst aus christlichem Glauben heraus. Studiendirektor Jakob Knab zitiert das Bekenntnis, das Schmid der geretteten Jüdin Luisa Emaitisaite gegenüber abgelegt hat. Darin sagt er: „Es ist mir so, als wenn Jesus selbst im Ghetto wäre und um Hilfe riefe. Jesus ist überall, wo Menschen leiden. Ich bin Christ, Luisa, und Jesus bedeutet mir viel.“ Es ist ein gewaltiges Verdienst von Jakob Knab, dass er seit Jahrzehnten das christliche Fundament des Widerstands gegen das Nazi-Regime herausarbeitet. Im Fall von Anton Schmid, den Knab als „Ikone des Rettungswiderstands“ bezeichnet, kann zudem das neue Kriterium für einen Seligsprechungsprozess zur Geltung kommen, das Papst Franziskus mit dem Motu Proprio „Maiorem hac dilectionem“ vom 11. Juli 2017 eingeführt hat. Neben den beiden bisherigen Kriterien, nämlich des Martyriums und der heroischen Tugend, ist dies die „Hingabe des eigenen Lebens für einen anderen Menschen“.
Von Jakob Knab
Persönliche Vorbemerkung
Im Dezember 1999 tagte der Arbeitskreis Historische Friedensforschung in Bremen. Klagend schaute der jüdische Gelehrte Arno Lustiger (1924-2012) in die Runde: „Ihr Deutschen habt nicht so viele Lichtgestalten aus der Zeit der NS-Gewaltherrschaft!“ Eindringlich fuhr er fort: „Dies ist Euer moralisches Kapital! Warum kümmert sich niemand um Feldwebel Anton Schmid?“ Unvergessen bleibt mir auch jener Moment auf dem Heimweg, als mir der betagte Weggefährte Arno Lustiger auf dem Hauptbahnhof Hannover eine Tasse Kaffee spendierte. Ja, ich wurde bedient von einem Überlebenden von Auschwitz! Bei dieser Begegnung erzählte mir Arno Lustiger von seinem Cousin Jean Marie Lustiger, dem Kardinal von Paris. Als dann im August 2007 in Notre Dame de Paris für Jean Marie Lustiger das Hl. Requiem gefeiert wurde, sprach Arno Lustiger das jüdische Kaddisch-Gebet.
Zeugenaussage des jüdischen Schriftstellers und Partisanenführers Abba Kovner
In ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ (1964) hielt die große jüdische Gelehrte Hannah Arendt (1906-1975) diese Zeugenaussage von Abba Kovner, dem ehemaligen Kommandeur im jüdischen Untergrund im Raum Wilna in Litauen, fest: „Während der wenigen Minuten, die Kovner brauchte, um über die Hilfe eines deutschen Feldwebels zu erzählen, lag Stille über dem Gerichtssaal; es war, als habe die Menge spontan beschlossen, die üblichen zwei Minuten des Schweigens zu Ehren des Mannes Anton Schmid einzuhalten. Und in diesen zwei Minuten, die wie ein plötzlicher Lichtstrahl inmitten dichter, undurchdringlicher Finsternis waren, zeichnete ein einziger Gedanke sich ab, klar, unwiderlegbar, unbezweifelbar: wie vollkommen anders alles heute wäre, in diesem Gerichtssaal, in Israel, in Deutschland, in ganz Europa, vielleicht in allen Ländern der Welt, wenn es mehr solche Geschichten zu erzählen gäbe.“[1]
Lebensgeschichte einer sinnstiftenden Nächstenliebe
Dies ist seine Lebensgeschichte, die Geschichte seiner spontanen Hilfsbereitschaft, seines aktiven Anstandes, seiner sinnstiftenden Nächstenliebe und humanen Orientierung: Anton Schmid wurde im Januar 1900 in Wien geboren und in der Pfarrkirche St. Rochus und Sebastian, dem heutigen Oratorium, getauft. Er war ein heiterer, herzensguter Mensch mit einer spürbaren katholischen Grundüberzeugung. In seiner Jugend war er angeblich in ein jüdisches Mädchen verliebt. Wenn beim Gottesdienst der zehnte Mann fehlte, dann kam Anton Schmid in die Synagoge. Mut bewies er schon im März 1938. Als nach dem „Anschluss“ die Auslagenscheibe des Geschäfts einer jüdischen Nachbarin eingeschlagen wurde, hielt er den Täter bis zum Eintreffen der Polizei fest – jedoch landete nicht der Missetäter am Kommissariat, sondern Schmid. Er ließ sich nicht einschüchtern und verhalf nun etlichen jüdischen Bekannten, die tschechische Grenze zu erreichen und zu fliehen.
Entscheidung zur Hilfeleistung – Sache des Augenblicks
Als Feldwebel der Wehrmacht hat er jüdische Menschen gerettet, er hat geholfen – und er hat dabei sein Leben riskiert. Als Anton Schmid am 14. Oktober 1941 die Versprengten-Sammelstelle der Wehrmacht am Hauptbahnhof Wilna übernahm, war der größte Teil der Wilnaer Juden bereits von den deutschen Besatzern und ihren Helfershelfern getötet worden. Autor Manfred Wieninger (St. Pölten) schildert den Wendepunkt in Anton Schmids Leben so: „Aus dem Schatten eines halbverfallenen Schuppens taucht plötzlich eine Gestalt auf, ein junges Mädchen, das ihn anspricht: Nicht schießen! Bitte nicht schießen! Sie müssen mir helfen, Herr Feldwebel! Die schwarzen, großen, verzweifelten Augen erinnern ihn sofort an seine Tochter Gertrude in Wien, die etwa in demselben Alter ist. Spontan, ohne große Überlegung bietet Feldwebel Schmid der Verzweifelten an, sie in die nahe Versprengten-Sammelstelle mitzunehmen, wo sie diese Nacht verbringen könne. Schmids Entscheidung zur Hilfeleistung ist eine Sache des Augenblicks, ein Akt des Erbarmens angesichts der Notlage eines bedrängten Menschen.“
Monatelange Rettungstätigkeit im Wilnaer Ghetto
Als Feldwebel der Wehrmacht hat sich Anton Schmid in den Kriegsjahren 1941/42 einen fast legendären Ruf im Wilnaer Ghetto erworben. Er leitete eine Sammelstelle für versprengte deutsche Soldaten. Gleichzeitig wurde er Augenzeuge von widerwärtigen Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung; er entschloss sich aus eigenem Antrieb zu helfen. Unter großem persönlichem Risiko versorgte er die Bewohner des Ghettos mit Lebensmitteln, verhalf Menschen zur Flucht. Etwa 300 Juden soll er mit einem Wehrmacht-Lastkraftwagen von Wilna weg in sicherere Städte im benachbarten Weißrussland gebracht haben. Schließlich unterstützte er zusammen mit dem Karmeliter Andreas Gdowski, dem charismatischen und tatkräftigen Abt des Wilnaer Klosters Ostra Brama, auch den jüdischen Widerstand, der sich Ende 1941 in Wilna zu organisieren begann.
„Es ist mir so, als wenn Jesus selbst im Ghetto wäre und um Hilfe riefe“
Nach mehrmonatiger Rettungstätigkeit wurde Feldwebel Schmid verraten, von der Geheimen Feldpolizei verhaftet und vor ein Feldkriegsgericht gestellt. Er wurde zum Tod verurteilt; das Urteil wurde am 13. April 1942 im Hof des Wehrmachtsgefängnisses Stefanska (Wilna) vollstreckt. Gerettete sagten über ihn: „Für uns war er so etwas wie ein Heiliger.“ Gegenüber der geretteten Jüdin Luisa Emaitisaite hatte Anton Schmid dieses Bekenntnis abgelegt: „Ich habe nicht die Gewissheit, dass Gott mich beschützen wird, aber ich bin sicher, dass er etwas von mir verlangt. Mit Ihrer Rettung, Luisa, habe ich so etwas wie eine Probe bestanden. Nun gibt es für mich kein Zurück mehr. Es ist mir so, als wenn Jesus selbst im Ghetto wäre und um Hilfe riefe. Jesus ist überall, wo Menschen leiden. Ich bin Christ, Luisa, und Jesus bedeutet mir viel.“
Bewegender Abschiedsbrief aus tiefem Gottvertrauen
Im Abschiedsbrief an seine Ehefrau Stefanie schrieb er: „Will Dir noch mitteilen, wie das ganze kam: hier waren sehr viele Juden, die vom litauischen Militär zusammengetrieben und auf einer Wiese außerhalb der Stadt erschossen wurden, immer so 2000 – 3000 Menschen.“ Er bat seine Familie um Verzeihung: „Ich habe nur als Mensch gehandelt und wollte ja niemandem weh tun.“ Aus seinen Zeilen spricht ein tiefes Gottvertrauen, das auch den heutigen Leser anrührt: „Wenn Ihr, meine Lieben, das Schreiben in Euren Händen habt, dann bin ich nicht mehr auf Erden, werde Euch auch nichts mehr schreiben können, aber eines seid gewiß, daß wir uns einstens wiedersehen in einer besseren Welt bei unserem lieben Gott.“
Held und Heiliger als Vorbild für heute
Anton Schmid war ein einfacher Handwerker, der dank seiner christlichen Gläubigkeit aktiven Anstand zeigte und die Tugend compassion (Mitleid, Mitgefühl) in die rettende Tat umsetzte. Er war ein Held und ein Heiliger, auch wenn er sich selbst einfach „nur als Mensch“ verstanden hat. Er setzte sein Leben ein für die Freiheit des Gewissens und die Würde des Menschen. Das Vorbild Anton Schmid kann uns lehren, dass eine humane Orientierung – Schutz des Lebens und der Würde des Menschen – die Leitlinie für das eigene Handeln sein sollte, im Alltag wie unter schwierigen, ja lebensgefährlichen Bedingungen.
„Gerechter unter den Völkern“
Heute gilt Feldwebel Anton Schmid (1900 -1942) als die Ikone des Rettungswiderstandes. Im Mai 1967 wurde er posthum von der Gedenkstätte Yad Vashem als erster Soldat der Wehrmacht als ein „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet. Am 22. Juni 2016, dem 75. Jahrestag des Angriffs der Wehrmacht auf die Sowjetunion, wurde die Kaserne der Bundeswehr in Blankenburg (Harz) nach Feldwebel Anton Schmid benannt. Im Januar 2020 wurde die Rossauer Kaserne in Wien, der Sitz des österreichischen Bundesministeriums für Landesverteidigung, nach Oberstleutnant Robert Bernardis (1908-1944) und Feldwebel Anton Schmid (1900-1942) neu benannt.[2]
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 7/Juli 2025
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[1] Arno Lustiger: Rettungswiderstand. Über die Judenretter in Europa während der NS-Zeit, Göttingen 2011. Die Widmung lautet: Dieses Buch widme ich dem Feldwebel Anton Schmid, Marianne Cohn und allen anderen Helden des Rettungswiderstandes in Europa, die ihre Aktionen mit dem Leben bezahlten. Ihrer zu gedenken ist heilige Pflicht. – Siehe auch Manfred Wieninger: Die Banalität des Guten. Feldwebel Anton Schmid, Wien 2014; sowie Wolfram Wette: Feldwebel Anton Schmid. Ein Held der Humanität, Frankfurt am Main 2013.
[2] In der kirchlichen Erinnerungskultur freilich führt Anton Schmid ein Schattendasein; im Martyrologium Österreichs Blutzeugen des Glaubens (2001) wird sein Name nicht erwähnt.
Benedikt von Nursia (um 480-547)
Wende zur Spiritualität war immer der Schlüssel
Wir setzen die Reihe der Ansprachen fort, die Prälat Dr. Eugen Kleindienst (geb. 1952) in dem Büchlein „Schönheit und Fülle des Glaubens. Maria, Heilige, Kirche – Geistliches Leben“[1] veröffentlicht hat. Die nachfolgende Predigt ist der Bedeutung und Wirkungsgeschichte des hl. Benedikt von Nursia gewidmet, den die Gesamtkirche am 11. Juli feiert. Eigentlich ist sein Todestag der 21. März, doch fällt dieser Tag meist in die Fastenzeit und häufig sogar in die Karwoche. So wurde im Zug der Liturgiereform 1970 als Gedenktag des hl. Benedikt die Übertragung seiner Reliquien nach Fleury gewählt. Dorthin soll der hl. Aigulf die Gebeine des Heiligen aus dem durch die Langobarden verwüsteten Monte Cassino um 673 gebracht haben. Die Translatio wurde seit dem 8. Jahrhundert in der ganzen Kirche am 11. Juli gefeiert. Ab dem 11. Jahrhundert wurde der Gedenktag des hl. Benedikt an seinem Todestag, dem 21. März, begangen. Die Benediktinerklöster blieben nach der Liturgiereform bei diesem ursprünglichen Termin.
Von Eugen Kleindienst
Patron Europas
Auf dem Weg von Rom nach Neapel liegt auf einer steilen Anhöhe das Kloster Montecassino. Weithin sichtbar thront es wie eine „Gottesburg“ über der Landschaft im südlichen Latium. Montecassino ist das „Mutterkloster“ der Benediktiner, der letzte Wirkungsort des dort im Jahre 547 verstorbenen Benedikt von Nursia und seine Grabstätte. Darüber hinaus ist Montecassino ein symbolischer Ort für Europa. Erstens, weil Papst Paul VI. (Papst 1963 -1978) den hl. Benedikt zum Patron Europas erklärte (1964) und damit zu einer Figur, die diesem Kontinent ihr Profil gegeben hat.[2] Zweitens, weil die Zerstörung des Klosters durch die Kämpfe des Zweiten Weltkrieges ein Symbol der Selbstzerfleischung des Kontinents wurde. Drittens, weil der Wiederaufbau des Klosters ein Zeichen der Hoffnung war. „Succisa virescit“ – „Was abgeschnitten war, blüht wieder auf“, lautet daher der Wappenspruch des Klosters Montecassino.
Kult und Kultur
Wo immer sich die Mönche niederließen, die nach der Regel des hl. Benedikt lebten, blühte festlicher Kult in Gottesdienst und Gebet, gediehen die schönen Künste, Wissenschaft und Wirtschaft. Aus dieser Zeit stammt der Spruch: „Unterm Krummstab ist gut leben“. Auf dem Gebiet der Diözese Augsburg schufen die Benediktiner zwölf herausragende Abteien, darunter Ulrich und Afra in Augsburg.[3] Die Aufhebung dieser Klöster im Jahre 1803 war ein törichter Kahlschlag.[4] Er beraubte das katholische Land großer Teile seiner Infrastruktur und warf seine Entwicklung zurück. Doch kam auch hier der Spruch zur Geltung: „Succisa virescit“! Manche dieser Klöster wurden im 19. Jahrhundert wiederbelebt, andere neu gegründet.[5] Sie bringen den Geist des hl. Benedikt bis heute zur Wirkung.
Das rechte Maß
Als sich der um 480 geborene, junge Benedikt vom städtischen Leben in Rom zurückzog, stand der Einsiedler-Mönch als bekannte Form des Mönchtums Pate. Benedikt aber erkannte den geistlichen und praktischen Wert der Gemeinschaft. Ein Versuch, mehrere Einsiedeleien unter seiner Führung zu entwickeln, ging gründlich schief, bis zu einem Mordanschlag auf Benedikt. Die Erfahrung von Fanatismus und Gewalt im Kleid der Frömmigkeit war ihm eine Lehre. Ohne Vernunft kann Frömmigkeit gefährlich werden. Benedikts Regel ist deshalb durchzogen von Vernunft, vom rechten Maß und von den sozialen Pflichten gegenüber der Gemeinschaft. Dem „ora“ (beten) fügte er das „labora“ (arbeiten) hinzu. So schuf er ein spirituelles Fundament für Arbeit und Kultur und ersetzte eine bisweilen fanatische Frömmigkeit der Verachtung der Welt durch eine Frömmigkeit der Verantwortung für die Welt. Das ist die Voraussetzung für die großen kulturellen Leistungen der Benediktiner.
Mühsal des Gehorsams
Die Basis dieser Form des Lebens ist die Regel, die Benedikt mit Klugheit geschrieben hat. Dem Mönch sagt er: „Neige das Ohr deines Herzens und nimm bereitwillig die Mahnung auf.“ Dieses Hören mit dem Herzen nennt Benedikt „Mühsal des Gehorsams“. Er meint nicht befehlen und widerwillig gehorchen. Er spricht vom Prozess des inneren Reifens, des Frei-Werdens vom Eigennutz, von der Bereitschaft, für Gott und die Gemeinschaft verfügbar zu sein. Benedikt weiß, warum er von Mühsal spricht. Dieses innere Reifen ist nämlich nicht ohne Mühe und Opfer zu haben. Notwendig ist ständige Übung, die man auch Askese nennt. Diejenigen, die diese Spiritualität leben, lobt Benedikt, weil sie „nichts höher schätzen als Christus“.[6]
Spiritualität des Gehorsams
Eine Spiritualität des Gehorsams ist uns heute nicht angenehm, aus Sorge um eine Manipulation des Gehorsams sogar verdächtig. Tatsächlich ist Vorsicht geboten, wo Abgrenzung statt Offenheit herrscht oder wo statt Freiheit Abhängigkeit entsteht. Nicht selten schlägt in solchen Fällen Begeisterung ins Gegenteil um. Ob die gegenwärtige Diskussion um Macht, deren Verteilung und Kontrolle den wesentlichen Punkt treffen, darf allerdings bezweifelt werden. Benedikt redet jedenfalls nicht von Macht. Er wusste, dass eine Glaubensgemeinschaft nicht von der Organisation der Macht lebt. Sie lebt von Spiritualität. Deshalb empfiehlt Benedikt die geistlichen Mittel wie das Hören mit dem Herzen und die „Mühsal des Gehorsams“. Ist dies die Priorität einer Gemeinschaft, bewertet sie auch die Autorität derer, die ihr vorstehen, nicht als Macht, sondern als spirituell legitimierte Vollmacht, die man sich nicht einfach nehmen und verteilen kann, weil sie von oben kommt und nicht vom Volk ausgeht. Was brauchen wir also? Benedikt verschreibt uns ein Rezept: Spiritualität und mehr Mut zur „Mühsal des Gehorsams“.
Wende zur Spiritualität
Benedikt ist nicht als Politiker ein Patron Europas geworden. Was ihn großgemacht hat, ist seine Spiritualität. Eine nachhaltige Wende zur Spiritualität war immer der Schlüssel zur Kräftigung des Christentums. Warum sollte das heute anders sein? Vorbilder wie Benedikt haben wir genügend. Wir müssen ihnen nur folgen.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 7/Juli 2025
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[1] Eugen Kleindienst: Schönheit und Fülle des Glaubens. Maria, Heilige, Kirche – Geistliches Leben, Kunstverlag Josef Fink, 122 S., mit Illustrationen, Euro 7,50, ISBN 978-3-95976-431-5; kunstverlag-fink.de
[2] Paul VI. soll an Rücktritt gedacht haben. Er soll den Rückzug nach Montecassino erwogen haben.
[3] Ferner Ottobeuren, Benediktbeuern, Wessobrunn, Oberelchingen, Neresheim, Kempten, Irsee, Füssen, Donauwörth, Thierhaupten, Mönchsdeggingen.
[4] Dazu in Text und Bild von Werner Schiedermair (Hg.): Klosterland Bayerisch Schwaben, Kunstverlag Fink, Lindenberg 2003.
[5] Neu gegründet wurden St. Stephan in Augsburg (1835) und St. Ottilien (1884), wiederbelebt wurde Ottobeuren.
[6] Zu Spiritualität und Regel siehe Hans Urs von Balthasar: Die großen Ordensregeln, Einsiedeln 1974.
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