Liebe Leserinnen und Leser
Von Erich Maria Fink und Thomas Maria Rimmel
Wir haben einen neuen Papst! Und die Erwartungen, die an Leo XIV. gerichtet werden, sind groß. Die Reaktionen auf seine Wahl waren durchweg positiv. Offensichtlich hat die Welt gespürt, dass dieses Konklave nichts mit dem gleichnamigen Film zu tun hatte. Mögen in der Geschichte der Kirche solche Machtkämpfe stattgefunden haben, doch Kardinäle, die nun am Konklave teilgenommen haben, legen ein einhelliges Zeugnis ab. Sie hätten die Wahl als ein zutiefst geistliches Ereignis erlebt, das nichts mit einer wahlpolitischen Veranstaltung gemeinsam hatte. Vielmehr seien sie geradezu von einer Welle des Heiligen Geistes eingeholt worden, der seine eigene Dynamik entfaltet habe. Nur so sei das überraschend schnelle Wahlergebnis zu erklären, das eine so große Zahl von Kardinälen erzielt hätte, die alles andere als eine homogene Gruppe gebildet und sich untereinander wenig gekannt hätten. Gott hat uns den Papst geschenkt, den er sich nach seinem göttlichen Ratschluss für seine Kirche erwählt hat!
Je mehr man die ganze Lebensgeschichte von Kardinal Robert Francis Prevost OSA betrachtet, desto mehr erkennt man eine Fülle an Fügungen auf seinem Berufungsweg. Es kann uns in der Gewissheit stärken, dass Gott die Kirche nicht im Stich gelassen hat, sondern mit machtvoller Hand durch die Wirren unserer krisengeschüttelten Zeit führt. So haben es zahlreiche Bischöfe aus aller Welt zum Ausdruck gebracht. Allein schon diese Erfahrung ist ein gewaltiger Trost und eine Stärkung auf dem Weg unserer christlichen Sendung in der katholischen Kirche.
Die Wahl des Namens Leo kann man auf unterschiedliche Weise deuten. Unmittelbar nach der Wahl hat beispielsweise der italienischstämmige Bischof Christian Carlassare aus dem Südsudan voller Freude auf Leo von Assisi verwiesen. Er war der engste Vertraute und Schüler des hl. Franz von Assisi, wurde sein Sekretär und als Priester auch sein Beichtvater, der ihn bis zu seinem Sterben begleitete. Nach dem Tod des hl. Franziskus versuchte er nachdrücklich, das Charisma seines Lehrers zu bewahren. Ähnlich möchte nun auch Papst Leo XIV. das Erbe seines Vorgängers Franziskus weiterführen. Es geht ihm nicht darum, Papst Franziskus zu imitieren, sondern an den großen Linien festzuhalten, die sein Pontifikat gekennzeichnet haben. Dazu gehört vor allem der Weg der Synodalität, den Franziskus eingeschlagen hat. Ohne Ankündigung besuchte Leo XIV. zwei Tage nach seiner Wahl das Grab seines Vorgängers in Santa Maria Maggiore, kniete sich zum Gebet nieder und legte eine weiße Rose auf die einfache Grabplatte.
Damit verbunden ist auch die Option für die Armen, die dem neuen Papst durch seine jahrzehntelange Missionstätigkeit in Peru gleichsam ins Herz geschrieben ist. Doch will er sich den Herausforderungen unserer Zeit, die von Globalisierung, künstlicher Intelligenz und weltweiten Migrationsbewegungen gekennzeichnet ist, nicht nur im Geist unverbrüchlicher Solidarität mit den an den Rand gedrängten Menschen stellen, vielmehr möchte er in der Art der Sozialenzyklika „Rerum novarum“ seines Namensvorgängers Leo XIII. eine Antwort geben, der 1891 der Welt auf akademischem Niveau ethische Prinzipien an die Hand gegeben hat, die bis heute die gesellschaftspolitische Entwicklung von Wirtschaft und Arbeitswelt prägen.
Wie Papst Leo XIV. am Tag seiner Wahl an das Fest Unserer Lieben Frau von Pompeji erinnerte und zum gemeinsamen Ave Maria einlud und zwei Tage später das Heiligtum der Mutter vom Guten Rat in Genazzano sowie das Gnadenbild „Salus Populi Romani“ besuchte, wollen wir ihn mit der ganzen Kraft des Herzens in unser Gebet einschließen und ihn besonders der Mutter Kirche anempfehlen. Er braucht unsere Solidarität, denn bald kann auch ihm ein eisiger Wind ins Gesicht wehen. Mit einem aufrichtigen Vergelt’s Gott für Ihre Spenden, auf die unser Apostolat angewiesen ist, wünschen wir Ihnen Gottes reichen Segen zum Herz-Jesu Monat Juni.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 6/Juni 2025
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Meine ersten Eindrücke von Papst Leo XIV.
„Mit euch bin ich Christ, für euch Bischof“
Der Innsbrucker Dogmatikprofessor Dr. Roman Anton Siebenrock wurde von der Wahl des neuen Papstes auf einer Fußwallfahrt überrascht, die er zusammen mit seiner Frau von Assisi nach Rom machte. Schließlich konnte er dem „Habemus papam“ noch selbst beiwohnen und die Atmosphäre der Erwartung und der ersten Worte von Papst Leo XIV. miterleben. Seine ersten Eindrücke spiegeln sicherlich etwas von dem wider, was die ganze Welt auf ähnliche Weise empfunden hat. Siebenrock greift in seinem Beitrag besonders das Augustinus-Zitat auf, das der neue Papst, der ja dem Augustinerorden angehört, in seine kurze Ansprache eingebaut hat. Indem Siebenrock auch den Kontext dieses Zitats vorstellt, lässt er die darin enthaltene Zeugniskraft erst richtig aufstrahlen.
Von Roman A. Siebenrock
Unseren Pilgerweg von Assisi nach Rom haben wir am Donnerstag, den 8. Mai 2025, in Rom beendet. Die letzten Kilometer haben meine Frau und ich mit der U-Bahn zurückgelegt.
Hier hat der Heilige Geist wunderbar Regie geführt
Von Anfang an war die Erinnerung an Papst Franziskus und das hoffende Gebet für den neuen Papst mit auf dem Weg. Doch wurden wir überrascht. Wir haben nicht mit einem so kurzen Konklave gerechnet. Sofort machten wir uns in der völlig überfüllten U-Bahn auf den Weg, konnten aber nur bis zu einer Seitenstraße der Via della Conciliazione vordringen. Die Stimmung war geradezu euphorisch, die Menschen strömten und sangen und riefen. Auf einem Bildschirm konnten wir den neuen Papst sehen und seine Ansprache hören.
Papst Leo war sichtlich gerührt und selber wohl überrascht. Das hat mich sehr berührt. Und ich bin überzeugt: Hier hat der Heilige Geist wunderbar Regie geführt.
Versöhnung auf dem Grund der Wahrheit – das braucht Freiheit
Seine erste Ansprache klingt noch jetzt nach. Aus der Mitte der Osterbotschaft der erste Gruß, die Wurzeln unseres Glaubens erneuern und dadurch mit allen Menschen verbunden sein: „Der Friede sei mit Euch allen!“ Aus dieser Osterbotschaft folgt die Mahnung, Frieden zu schließen und den Krieg grundsätzlich zu überwinden! Am 12. Mai beim Treffen mit den Medienschaffenden: Dank und Erinnerung an die Aufgabe, die Wahrheit als Grund der Versöhnung und des Zusammenlebens zu suchen. Das braucht Freiheit: auch hier ein klares Wort!
Lange Erfahrungen als Missionar und als Vertrauter von Papst Franziskus
Er bringt so viele Gaben für sein Amt mit, das den Weg zur werdenden Weltkirche in dieser Zeit weiter maßgeblich begleiten und anstoßen wird. Ein amerikanischer Augustiner mit verschiedensten Wurzeln. Lange Erfahrungen als Missionar in Peru. Er sprach, wechselte in seiner ersten Ansprache ins Spanische, nicht ins Englische! Leitung der weltweiten Gemeinschaft und in vertrauender Verbundenheit mit Papst Franziskus leitete er in den letzten Jahren das Dikasterium für die Bischöfe. Wie viele Erfahrungen kommen hier zusammen und die Kardinäle haben ihn in dieser Aufgabe wohl schätzen gelernt.
Jesus trägt die Bürde des Amtes zusammen mit dem Träger
Das Wort des heiligen Augustinus, das er in der ersten Ansprache zitierte, ist es wert, vollständig gehört zu werden. Denn dieses Wort führt Amt und Gemeinde zurück auf Christus selbst: „Wo er mich schreckt, was ich für euch bin, tröstet er mich dort, was ich mit euch bin. Für euch bin ich nämlich Bischof, mit euch bin ich Christ. Jener ist der Name des empfangenen Amtes, dieser der Gnade; jener der Gefahr, dieser des Heiles“ (Sermo 340; zitiert nach Drobner, H.R.: „Für Euch bin ich Bischof“. Die Predigten Augustins über das Bischofsamt, Würzburg 1993).
Augustinus hat dieses Wort am Jahrestag seiner Bischofsweihe gesprochen. Dieses Amt hat er als Bürde empfunden und dann vor diesem Satz folgendes ausgeführt: „Betet für mich um Kräfte, wie ich darum bete, dass ihr nicht beschwerlich sein möget. Denn der Herr Jesus würde es nicht seine Bürde nennen, wenn er nicht mit dem Träger trüge. Aber unterstützt auch ihr mich, damit wir nach der Vorschrift des Apostels unsere Lasten gegenseitig tragen und so das Gesetz Christi erfüllen (Gal 6,2). Wenn jemand nicht mit uns trägt, unterliegen wir. Wenn er uns nicht trägt, gehen wir unter.“ Augustinus spricht die Gefährdung des Amtes klar an. Die Liebe zu Christus aber trägt allein, Bischof und Gemeinde. Daraus erwächst jene Zusammengehörigkeit, die zur ewigen Seligkeit führt.
In dieser Haltung möchte ich den Weg mit dem neuen Bischof von Rom mitgehen
Seine Predigt endet Augustinus mit der Aussage: „Lasst uns also gemeinsam beten, Vielgeliebte, dass mein Bischofsamt sowohl mir als auch euch nütze. Mir nämlich wird es nützen, wenn ich sage, was zu tun ist, euch, wenn ihr das Gehörte tut. Wenn nämlich sowohl wir für euch als auch ihr für uns mit der vollkommenen Zuneigung der Bruderliebe unablässig beten, werden wir mit der Hilfe Gottes glücklich zur ewigen Seligkeit gelangen. Er selbst möge geruhen, dies zu gewähren, er, der lebt und herrscht in alle Ewigkeiten. Amen.“
In dieser Haltung möchte ich den Weg mit dem neuen Bischof von Rom mitgehen. Er wird auf seine Weise den Vorsitz in der Liebe gestalten. Er hat in mir etwas zum Schwingen gebracht.
„Ich bin ein Sohn des heiligen Augustinus“
Aus dem ersten Grußwort von Papst Leo XIV. vor dem Apostolischen Segen „Urbi et orbi“ am 8. Mai 2025 von der Benediktionsloggia des Peterdoms:
Ich möchte allen meinen Mitbrüdern, den Kardinälen, danken, die mich zum Nachfolger Petri gewählt haben, damit wir zusammen als geeinte Kirche unterwegs sind, stets auf der Suche nach Frieden und Gerechtigkeit, stets darauf bedacht, als Männer und Frauen zu arbeiten, die Jesus Christus treu sind, ohne Furcht, um das Evangelium zu verkünden, um Missionare zu sein.
Ich bin ein Sohn des heiligen Augustinus, ein Augustiner, und dieser sagte: „Mit euch bin ich Christ, für euch bin ich Bischof.“ In diesem Sinne können wir alle gemeinsam auf jene Heimat zugehen, die Gott uns bereitet hat.
Ein besonderer Gruß an die Kirche von Rom! Wir müssen gemeinsam nach Wegen suchen, wie wir eine missionarische Kirche sein können, eine Kirche, die Brücken baut, den Dialog pflegt und stets offen ist, alle mit offenen Armen aufzunehmen, so wie dieser Platz, alle, alle die unseres Erbarmens, unserer Gegenwart, des Dialogs und der Liebe bedürfen.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 6/Juni 2025
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Bischof Christian Carlassare aus dem Südsudan
Ein kurzes Wort unmittelbar nach der Wahl von Leo XIV. zum neuen Papst am 8. Mai 2025, inmitten der Hundertjahrfeierlichkeiten der Ankunft des Christentums und der katholischen Kirche im Südsudan sowie der Vorbereitung auf eine unmittelbar bevorstehende Pastoralversammlung in seiner Diözese Bentiu:
Von Bischof Christian Carlassare, Südsudan
Es ist ein Segen, dass der neue Papst relativ schnell gewählt wurde. Ich bin glücklich über die Arbeit der Kardinäle und danke Gott für die Berufung von Leo XIV. Er war sichtlich bewegt, hielt aber eine sehr programmatische erste Ansprache über die zentrale Bedeutung des auferstandenen Christus für die Kirche, über eine Kirche, die ihrem Wesen nach missionarisch und synodal ist, eine Kirche auf dem Weg, die allen offen steht, eine Kirche, die das Geschenk des Friedens empfängt und es einer Welt weitergibt, die unter Konflikten und Spaltung leidet. Der Name Leo steht auch für Kontinuität mit Franziskus, denn es ist der Name des vertrauten Schülers und Begleiters des hl. Franziskus. Leo bleibt dem Charisma von Franziskus treu! Ich vertraue auf den Beistand des Heiligen Geistes, während der neue Papst die Kirche als Oberster Hirte weiden wird. Wir alle sind verpflichtet, auf Gottes Wort zu hören und unserer Berufung in Demut, Freude und Großherzigkeit zu folgen.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 6/Juni 2025
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Papst Leo XIV. – Antwort auf die digitale Revolution
Nomen est omen
„Nomen est omen“ – der Name ist Programm, so meint Professor Dr. Dr. Ralph Weimann (geb. 1976), ein in Theologie und Bioethik promovierter und in Rom tätiger Priester, im Blick auf den Namen, den sich der neue Papst gegeben hat. Inzwischen bestätigte er selbst, dass er als oberster Hirte der Kirche in die Fußstapfen seines Vorgängers Leo XIII. treten und Antworten auf die großen Herausforderungen der künstlichen Intelligenz geben möchte. Weimann knüpft aber auch an das bekannte Gebet zum heiligen Erzengel Michael an, das Leo XIII. verfasst hat, sowie an die zahlreichen Marienenzykliken, die er der Welt geschenkt hat.
Von Ralph Weimann
Am 8. Mai, dem Tag der Erscheinung des Erzengels Michael auf dem Gargano, ist Kardinal Robert Francis Prevost zum Papst gewählt worden. Er gab sich den Namen Leo XIV., in Anlehnung an Papst Leo XIII. († 1903), von dem das bekannteste Gebet zum Erzengel Michael stammt. Die kurze Dauer des Konklaves erwies sich für viele als eine Überraschung. Unter den zur Papstwahl versammelten Kardinälen gab es unterschiedliche Fraktionen; viele kannten sich nicht oder waren mit den Herausforderungen des Vatikans und der Weltkirche nur unzureichend vertraut. Vor diesem Hintergrund gingen nicht wenige von einem langen Konklave aus.
Der Name ist Programm
Doch eine Papstwahl folgt gewöhnlich nicht den Maßstäben einer demokratischen Wahl, in der Fraktionen und Gruppen ihre Positionen vortragen, Kompromisse suchen und schließlich zu einem Ergebnis kommen. Eine Papstwahl ist eingebettet und getragen vom Gebet der ganzen Christenheit. Das heißt nicht, dass der Heilige Geist direkt entscheidet, aber Er kann die Wähler inspirieren und anleiten, wenn sie das zulassen und sich Ihm öffnen. Es wäre vermessen, über das Wirken des Heiligen Geistes im Konklave vom 8. Mai ein Urteil fällen zu wollen, aber eines steht fest: dass es so schnell ging und dass Papst Leo XIV. keine 24 Stunden nach Beginn des Konklaves auf der Loggia des Petersdoms erschien und den Segen Urbi et orbi spendete, wäre ohne den Geist Gottes so nicht möglich gewesen.
Auf dem Petersplatz wurde der neue Papst mit großer Spannung erwartet. Der weiße Rauch, die Glocken von St. Peter, die die Wahl des neuen Pontifex einläuteten, wirkten elektrisierend. Der Petersplatz füllte sich in kurzer Zeit, es wurde spekuliert, aber auch gebetet. Als der Kardinalprotodiakon Dominique Mamberti die bekannte Formel Habemus Papam verkündete, brandete großer Applaus auf, daran schloss sich die Bekanntgabe des Namens des neuen Papstes an: Robertum Franciscum Cardinalem Prevost. Er hatte sich den Namen Leo XIV. gewählt. Nomen est omen, sagt ein bekanntes Sprichwort, der Name ist Programm.
Im traditionellen Gewand
Auf dem Petersplatz herrschte großer Jubel und Freude, aber die Gläubigen waren auch voller Erwartung. Wie würde sich der neue Heilige Vater präsentieren, würde er bekleidet mit der traditionellen Mozetta (dem Schulterkragen) und der Stola auf dem Petersplatz erscheinen? Wofür steht sein Name, wo wird er Schwerpunkte legen? Es dauerte noch etwas, bis er sich auf der Loggia im traditionellen Gewand zeigte und große Zuversicht ausstrahlte. Es bildeten sich spontan Sprechchöre, die Papst Leo mit Enthusiasmus begrüßten. Nun erwarteten die Gläubigen seine ersten Worte.
Der Papst begann nicht mit einem säkularen, sondern mit einem biblisch-liturgischen Gruß: „Der Friede sei mit euch allen!“ Dann sprach er über den auferstandenen Herrn Jesus Christus, den guten Hirten, der mit eben diesen Worten sich an die Jünger gewandt hat. Leo XIV. äußerte den Wunsch, dass dieser Gruß die Herzen aller berühre, die Familien, die Völker und die ganze Erde erfülle. Er führte weiter aus: „Lasst uns daher ohne Angst, Hand in Hand mit Gott und miteinander, weitergehen! Wir sind Jünger Christi. Christus geht uns voran. Die Welt braucht sein Licht. Die Menschheit braucht ihn als Brücke, um von Gott und seiner Liebe erreicht zu werden.“[1] Bei den Gläubigen sorgten diese Worte für große Erleichterung: der Papst sprach von Christus! Dabei drückte er seine Hoffnung aus, Brücken zu bauen, die zu Christus führen, der die Brücke zum Vater ist. Als Mitglied der Gemeinschaft der Augustiner zitierte er den hl. Augustinus, von dem die Worte stammen: „Mit euch bin ich Christ, für euch bin ich Bischof.“
Antwort auf die digitale Revolution
Vieles ließe sich über den neuen Papst sagen, aber das meiste wäre vermutlich Projektion und Spekulation. Um das zu verhindern, sollen an dieser Stelle seine ersten Worte und Ansprachen Erwähnung finden, die den Weg andeuten, den der neue Pontifex gehen wird. Aufschluss darüber gibt vor allem sein Name. Bei seiner ersten offiziellen Audienz vor den Kardinälen hat der neue Papst erklärt, warum er sich für den Namen Leo XIV. entschieden hat. Sein Vorgänger, Papst Leo XIII., hatte ein berühmtes Lehrschreiben zur Soziallehre der Kirche verfasst. Damals befand sich die Kirche aufgrund der industriellen Revolution vor großen Herausforderungen. Heute, so der neugewählte Papst, herrsche aufgrund der Veränderungen durch die künstliche Intelligenz eine ähnliche Situation.[2] Damit trifft der Papst einen neuralgischen Punkt, denn die digitale Revolution ist für den Glauben, die Kirche und die Gesellschaft die zentrale Herausforderung.
Christus als Urgrund der Einheit
Das Bischofsmotto des neuen Papstes lautet: „Wir Christen sind zwar viele, aber in dem einen Christus eins.“ Damit nimmt er Bezug auf den hl. Augustinus, der nach seiner Bekehrung Christus allein verkündet hat, den Urgrund der Einheit. Und genau das braucht die Kirche in unserer Zeit, in der es Spannungen und Spaltungen gibt. Die Einheit ist ein Geschenk, geht von Jesus Christus aus und steht und fällt mit dem Glauben an Ihn.
In seiner ersten Predigt vor den Kardinälen am 9. Mai in der Sixtinischen Kapelle hat Papst Leo XIV. darauf hingewiesen. Er unterstrich, dass wir eine Gemeinschaft von Freunden Jesu sind, die als Gläubige den Weg des Lebens gehen.[3] Er sprach von der großen Herausforderung, von Schwierigkeiten und Gegenwind, den Glauben heute zu verkündigen. Dabei unterstrich er, dass der Mangel an Glauben zu dramatischen Begleiterscheinungen führe: „dass etwa der Sinn des Lebens verlorengeht, die Barmherzigkeit in Vergessenheit gerät, die Würde des Menschen in den dramatischsten Formen verletzt wird, die Krise der Familie und viele andere Wunden, unter denen unsere Gesellschaft nicht unerheblich leidet.“[4] Der Papst stellte den anwesenden Kardinälen Lösungen darauf in Aussicht, als er betonte, dass wir uns neu und täglich in der Gemeinschaft der Kirche um unsere persönliche Beziehung zu Jesus Christus bemühen müssen.
Liebe zur Gottesmutter
Sein Vorgänger, Papst Leo XIII., hatte fast jedes Jahr eine Enzyklika über die Gottesmutter Maria verfasst. Papst Leo XIV. nimmt diese Tradition insofern auf, als dass er seine Ansprachen und Predigten damit beschließt, sich ihrer Fürsprache anzuempfehlen. Dies hat er dazu noch eindrucksvoll unterstrichen, indem er wenige Tage nach seiner Papstwahl nach Genazzano pilgerte, zur Mutter vom Guten Rat. Dieses Heiligtum, das den Augustinern anvertraut ist, hatte er schon zuvor wiederholt aufgesucht. Die Gottesmutter Maria, so sagte er dort, ist Begleiterin voll Licht und Weisheit. Denn die wahre Weisheit und Erkenntnis kommen von Gott.
„Selig, die Frieden stiften“
Mit Spannung erwartet wurde auch seine Ansprache vor den Vertretern der Medien, die zu Tausenden die Wahl des neuen Papstes begleitet haben. Papst Leo begrüßte sie, indem er die Bergpredigt zitierte: „Selig, die Frieden stiften“ (Mt 5,9). So wies er darauf hin, dass der Kommunikation im Hinblick auf den Frieden eine große Bedeutung zukommt, zumal der Friede bei einem jeden von uns beginnt.[5] Zugleich unterstrich er die Notwendigkeit, diese Arbeit als Dienst an der Wahrheit zu verstehen, die notwendig ist, um Klischees und Gemeinplätze zu überwinden. Er wies auf die Herausforderungen durch die künstliche Intelligenz und die technologische Entwicklung hin, die als Werkzeuge zum Guten der Menschheit dienen sollen. Am Ende spendete er den versammelten Journalisten den apostolischen Segen auf Latein, woran sich ein langanhaltender Applaus anschloss.
Aus den ersten Worten und Begegnungen mit Papst Leo XIV. wird deutlich, dass er die Herausforderung durch die digitale Revolution erkannt hat und gestützt auf den Glauben darauf Antworten geben will. Dabei biedert er sich nicht an, sondern rückt neu das in den Mittelpunkt, worum es geht: Jesus Christus, der allein die Antwort auf die großen Fragen des Lebens geben kann.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 6/Juni 2025
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[1] Leo XIV.: Der Friede sei mit euch!, 8. Mai 2025, in: www.vaticannews.va/de/papst/news/2025-05/papst-leo-erste-worte-auf-der-loggia-des-petersdoms.html [14.5.2025].
[2] Leo XIV.: Die erste offizielle Ansprache an die Kardinäle, 10. Mai 2025, in: www.vaticannews.va/de/papst/news/2025-05/papst-leo-xiv-ansprache-kardinaele-wortlaut-namenswahl.html [14.5.2025].
[3] Leo XIV.: Predigt, 9. Mai 2025, in: www. vatican.va/content/leo-xiv/de/homilies/2025 /documents/20250509-messa-cardinali.html [14.5.2025].
[4] Ebd.
[5] Vgl. Leo XIV.: Ansprache an die Vertreter der Medien, 12. Mai 2025, in: www.vatican.va content/leo-xiv/de/speeches/2025/may/documents/20250512-media.html [14.5.2025].
Das neue Pontifikat im Licht leoninischer Tradition
Programm Leo: Brückenbau und Brandmauer
Prof. Dr. Peter Schallenberg (geb. 1963), Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn, spannt den Bogen von Papst Leo I. (440-461), der den Beinamen „der Große“ trägt, über Papst Leo IV. (847-855) und Papst Leo XIII. (1878-1903) bis hin zum neugewählten Papst Leo XIV. Er betont, dass zum bekannten Titel „Pontifex Maximus“, also dem „obersten Brückenbauer“, ein zweites Bild hinzukommen muss, nämlich das der „Brandmauer“. Denn die Sendung des obersten Hirten der Kirche bestehe eben auch in der Verteidigung „der Menschenwürde und der Liebenswürdigkeit eines jeden Menschen in den Augen Gottes“. Auf diesem Hintergrund plädiert Prof. Schallenberg für eine klare Zuordnung von staatlicher und kirchlicher Verantwortung. In der Tradition seiner Namensvorgänger sieht er den neuen Papst Leo XIV. gerade im Blick auf diese unterschiedlichen Aufgaben von Kirche und Staat gefordert.
Von Peter Schallenberg
Papst Leo I. – Ursprung des Titels „Pontifex Maximus“
Die Wahl des neuen Papstes und seine offizielle Verkündigung von der Loggia des Petersdomes herab mit der Bekanntgabe des Papstnamens ließ wieder einmal auf den offiziellen Titel des Papstes aufmerksam werden: Pontifex Maximus – oberster Brückenbauer. Es ist der Titel des altrömischen heidnischen obersten Priesters des Jupiter, den zuerst wohl Papst Leo I. der Große (440-461) offiziell für sich und seine Nachfolger in Anspruch nahm, und den die Päpste seitdem führen.
Der Name erinnert an die erste Stelle der Besiedlung Roms, die man heute noch unweit der Tiberinsel sieht, beim Forum Boarium, dem Ochsenmarkt, gegenüber von Trastevere, wo eine Furt durch den Tiber angelegt war und später eine erste hölzerne Brücke, die im Schutz eines Tempels des obersten Gottes Jupiter stand und von dessen Priester in Stand gehalten wurde. Sicherung der Wege zueinander und des Handels verband sich mit der Anrufung der Götter und der Bitte um himmlischen Segen; irdische Brücken und Brücken zu den Göttern waren gleicherweise wichtig; Sicherheit und Frieden wurden durch die Brücke ermöglicht. Es war Aufgabe der Priester, im Namen der Götter für diese lebenswichtige Brücke zu sorgen. Naheliegend war es für Papst Leo den Großen und die Päpste seitdem, diesen Anspruch und diese Pflicht zum Brückenbau zu übernehmen: Als Stellvertreter Christi und Nachfolger des Petrus sorgen die Päpste an der Spitze der Kirche für den Brückenbau zum Himmel: durch die Spendung der Sakramente, durch Lehre und Predigt, durch Gebet und Leitung der Kirche auf Erden.
Papst Leo IV. – die Leoninische Mauer um den Petersdom
Ein zweites Bild kommt zum Brückenbau hinzu. Im Jahre 847 erbaute Papst Leo IV., ein streitbarer Vorgänger des neuen Papstes Leo XIV., gegen die ständig in Rom und Latium brandschatzenden Sarazenen die Leoninische Mauer, die heute noch sichtbar ist: eine gewaltige Brandmauer um den Petersdom mit dem Grab des hl. Petrus und mehr oder minder das Gebiet des heutigen Vatikanstaates abgrenzend. Eine Absicherung gegen feindliche Überfälle und ein Schutz für den nach Jerusalem und der Grabeskirche heiligsten Ort der Christenheit, das Grab des Apostelfürsten Petrus, dessen Nachfolger als Stellvertreter Christi auf Erden der jeweilige Papst in Rom ist.
Noch heute ist diese gewaltige Mauer aus Ziegelsteinen rings um St. Peter und die vatikanischen Gärten zu sehen, und fast ist man versucht zu denken an das am Anfang der Bibel geschilderte Paradies, dessen Name bekanntlich aus der altpersischen Sprache sich herleitet und im 7. Jahrhundert vor Christus als Lehnwort „paradeisos“ ins Griechische wanderte: „para“ heißt herum, und „daeza“ heißt Ziegel: eine ummauerte Fläche zur Sicherung des Überlebens.
Die uralte Idee der Wüstenvölker ist: Wenn es in einer todbringenden Wüste lebensspendendes Wasser und eine Oase gibt, dann müssen Wasser und Oase künstlich gegen die tödliche Versandung geschützt werden. Wie? Mit einer Mauer aus gebrannten Ziegeln! Nur durch solch eine Art Brandmauer lässt sich Versandung und Verödung, verheerender Flächenbrand todbringender Vernichtung, ja eigentlich der frühe Tod durch Verdursten verhindern.
Es braucht eine geistige Mauer aus der lebendigen Erinnerung an das Vaterhaus
Wer aber schützt vor dem Verdursten der Seele, der inneren Verzweiflung, von der der dänische Philosoph Sören Kierkegaard im 19. Jahrhundert als der schleichenden „Krankheit zum Tode“ schrieb? Vor dieser seelischen tödlichen Krankheit schützt allein das Wasser des Lebens und der Liebe: von sterblichen Menschen, freilich, mehr noch und nachhaltiger vom unsterblichen ewigen Gott.
Und wie wird dieses Wasser der Liebe geschützt vor der alltäglichen und anödenden Versandung geistiger Anspruchslosigkeit und zunehmender bequemer Suhlung bei den Schweinen, fernab vom Vaterhaus der verlorenen Liebe? Es braucht, so dass Christentum und seine Bibel, eine geistige Mauer aus lebendiger Erinnerung an das Vaterhaus, die zum Aufbruch weg von den Schweinen inspiriert, eine Mauer aus Gebet und Nächstenliebe und tätiger Gottesverehrung; eine Mauer aus Gewissenserforschung und Tröstung durch die Sakramente der Kirche.
Kurzum: Es braucht die Mühe einer „zweiten Natur“ des Menschen, so sagen die frühen Kirchenväter (und nicht zuletzt auch der große Vorgänger des jetzigen Papstes, Leo der Große, mehrfach), um die Mängelnatur des Menschen als nackter und nichtsnutziger Menschenaffe, genauer gesagt: als borstiger Bonobo-Schimpanse, zu ergänzen und so den entscheidenden Schritt vom bloßen langen Überleben zum wahrhaft guten Leben zu ermöglichen. „Christ, erkenne Deine Würde! Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden, kehre nicht zu der alten Erbärmlichkeit zurück und lebe nicht unter Deiner Würde!“, so predigt Papst Leo der Große an einem Weihnachtsfest.
Die doppelte Mauer: staatliches Gesetz und sakramentale Liebe
Wer den Menschen in seiner Würde erhalten und zur Entfaltung seiner liebenden Seele führen will, der muss ihn schützen und bewahren und den Quell des Lebens und der Liebe in seiner Seele frisch und lebendig erhalten. Und dazu braucht es eigentlich eine doppelte Mauer: eine erste und zunächst noch minimale Mauer der staatlichen Gerechtigkeit und des Gesetzes gegen die Verletzung bürgerlicher Menschenrechte, und eine zweite ungleich anspruchsvollere sakramentale Mauer der Liebe und der Barmherzigkeit gegen die Verletzung der menschlichen Seele.
Sakramente wollen ja das sein: eine himmlische Mauer gegen die Lieblosigkeit durch das von Gott gestiftete Handeln der Kirche. Und das meinte tatsächlich Papst Leo XIV. mit seiner Kritik am amerikanischen Vizepräsidenten J.D. Vance und dessen Äußerung zum augustinischen „ordo amoris“ mit einer angeblichen doppelten Art von Nächsten- und Fernstenliebe: Der Samariter hilft dem Menschen im Straßengraben tatsächlich unabhängig von jeder Volkszugehörigkeit. Aber das heißt natürlich nicht, dass die äußere minimale staatliche Mauer der Menschenrechte nicht anders konstruiert sein kann, als die innere Mauer der göttlichen und menschlichen Liebe: Hier gilt das Äußerste an Mühe und an Zumutung! Denn: Wer an Gottes Natur teilhat, gibt alles und weit mehr als irgendein Staat! Und zieht die leoninischen Mauern als Brandmauern gegen jede Menschenverachtung so weit wie möglich!
Papst Leo XIII. – Soziallehre als Brückenbau und Mauerbau
Viel später wird einer der unmittelbaren Vorgänger des jetzigen Papstes Leo XIV., nämlich Papst Leo XIII. (1878-1903), den Brückenbau und den Mauerbau entfalten in einer großartigen Soziallehre und in politischer Tätigkeit. Er gilt als erster moderner Papst, der nach eigener Aussage aus einem seiner Briefe den „Weltkreis täglich von Verderben bringenden Irrtümern befreien“ wollte, von Irrtümern über den Menschen in materialistischer und modernistischer – in der damaligen Sprache Leo XIII. „amerikanistischer“ – Hinsicht, die im Menschen keine Person mit unsterblicher, von Gott berufener Seele sehen, sondern nur Zellhaufen oder funktionierende Materie. So veröffentlicht Papst Leo XIII. 1891 neben und unter vielen wegweisenden Enzykliken auch die erste Sozialenzyklika „Rerum novarum“ und begründet damit die moderne katholische Soziallehre; so treibt er die Missionen – unter anderem der Augustinermönche, denen der jetzige Papst Leo XIV. angehört – voran; so weiht er die Menschheit dem Heiligsten Herzen Jesu; so beendet er den Kulturkampf mit Bismarck und vermittelt im Karolinen-Konflikt und weitet überhaupt die politische Friedenstätigkeit des Heiligen Stuhles aus; so veröffentlicht er schließlich auch Enzykliken zum richtigen Verhältnis von Kirche und Staat.
Papst Leo XIV. – Brücke von der Menschenwürde zur Liebenswürdigkeit eines jeden Menschen
Immer schaut Papst Leo XIII. auf die unterschiedlichen Aufgaben von Kirche und Staat: Die Kirche soll die Seelen zur Erkenntnis der Liebe Gottes führen; der Staat soll die Menschen zum gerechten Zusammenleben auf der Grundlage der Menschenrechte führen. Beides ist vom Ende, von der Ewigkeit Gottes her gesehen, nicht gleich wichtig, wie schon der heidnische Philosoph Sokrates wusste, als er lehrte: „Denn das Sterben an sich fürchtet niemand, er müsste denn keine Spur von Verstand und Mannhaftigkeit in sich haben, aber das Unrechttun fürchtet er; denn dass die Seele übervoll von Frevel in den Hades kommt, das ist das Größte aller Übel“ (Platons Gorgias 522).
Was zählt schon langes Leben ohne Gutheit? Aber wie sehr wiegt Gutheit ein scheinbar zu kurzes Leben auf? Das lange und angenehme Überleben (das der Staat fördern soll) ist nur sinnvoll, wenn es einen guten Inhalt und ein vollkommenes Ziel hat (das die Kirche vor Augen stellt). Und daher braucht es beides: die Gerechtigkeit des Staates und die Sakramente der Kirche. Und es braucht eine Brücke von diesem zu jenem, von der Menschenwürde zur Liebenswürdigkeit eines jeden Menschen in den Augen Gottes. Und das ist vermutlich das Programm, das Papst Leo XIV. sich mit der Wahl seines Namens gegeben hat.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 6/Juni 2025
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Der Friede Christi ist ein entwaffnender, demütiger und ausdauernder Friede
Papst Leo XIV. – der Brückenbauer
Vom ersten Augenblick an sind die großen Linien des neuen Pontifikats sichtbar geworden. So sieht Professor Dr. André-Marie Jerumanis (geb. 1956), Moraltheologe in Lugano, Papst Leo XIV., der gleich zu Beginn seine Vision von Kirche und die großen Ziele seines Hirtendienstes zum Ausdruck gebracht habe. Mit wenigen Worten und unmissverständlicher Klarheit habe er der Welt vermittelt, wie er seinen Hirtendienst als „Pontifex“ – „Brückenbauer“ ausüben möchte.
Von André-Marie Jerumanis
„Der Friede sei mit euch allen“
Papst Leo XIV., der am 8. Mai 2025 zum neuen Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt wurde, überraschend schnell im vierten Wahlgang des Konklaves, hat sehr viele Menschen überrascht. Hunderttausende Menschen jubelten dem neuen Papst Leo XIV. zu, als er sich den Gläubigen vorstellte. Sichtlich bewegt wandte er sich mit folgenden Worten an die Welt: „Der Friede sei mit euch allen“. „Ich möchte, dass dieser Friedensgruß in eure Herzen eindringt, dass er eure Familien erreicht, alle Menschen, wo immer sie auch sein mögen, alle Völker, die ganze Erde.“ Während die Welt von zahlreichen Kriegen heimgesucht wird, betonte der neue Papst die Besonderheit des Friedens, der von Gott kommt: „Es ist der Friede des auferstandenen Christus, ein entwaffnender, demütiger und ausdauernder Friede. Er kommt von Gott, von Gott, der uns alle bedingungslos liebt.“
Seine Vision von Kirche
Gleichzeitig beschreibt Papst Leo XIV. seine Vision von der Kirche. „Wir müssen gemeinsam nach Wegen suchen, wie wir eine missionarische Kirche sein können, eine Kirche, die Brücken baut, die Dialog führt, die immer offen ist, um zu empfangen, wie dieser Platz, mit offenen Armen. Für alle, für alle, die unsere Nächstenliebe, unsere Präsenz, unseren Dialog und unsere Liebe brauchen.“ Das Thema Frieden, das Bauen von Brücken, sind die ersten Akzente seines Pontifikats. Es scheint so, als ob der Papst die Ernsthaftigkeit des historischen Moments, in dem wir leben, wahrnimmt. Damit schließt er sich dem von Papst Franziskus angeprangerten Thema des Dritten Weltkriegs in Stücken an. Seine erste Botschaft ist aber auch eine Botschaft der Hoffnung. „Gott liebt alle Menschen. Das Böse wird sich nicht durchsetzen. Wir sind alle in Gottes Hand.“
Die ersten großen Linien seines Pontifikats
In seiner ersten Ansprache an die Kardinäle legte er die ersten großen Linien seines Pontifikats fest.
1. Ein Ruf zur Einheit und Synodalität. Papst Leo XIV. betonte die Bedeutung von Einheit und Liebe über Parteigrenzen hinweg.
2. Soziale Gerechtigkeit im digitalen Zeitalter. Die Wahl seines Namens war überraschend. Wie er erklärte, ist sie eine Antwort auf die Erkenntnis, dass die künstliche Intelligenz eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft darstellt. Mit dieser Wahl entdecken wir einen Papst, der die großen Entwicklungen unserer Gesellschaft begleiten möchte, so wie Papst Leo XIII. der Kirche die erste Sozialenzyklika – „Rerum novarum“ – schenkte.
3. Zustimmung zum Zweiten Vatikanischen Konzil. „Ich möchte, dass wir heute gemeinsam unsere volle Zustimmung zu dem Weg erneuern, den die Weltkirche seit Jahrzehnten in der Nachfolge des Zweiten Vatikanischen Konzils beschreitet.“
Insbesondere „einige grundlegende Aspekte“, die Leo XIV. aus dem Apostolischen Schreiben „Die Freude des Evangeliums“ von Papst Franziskus übernommen hat und die er in dieser Reihenfolge aufzählt: „die Rückkehr zum Primat Christi in der Verkündigung; die missionarische Bekehrung der gesamten christlichen Gemeinschaft; das Wachstum in der Kollegialität und Synodalität; die Aufmerksamkeit für den sensus fidei, insbesondere in seinen authentischsten und integrativsten Formen wie der Volksfrömmigkeit; die liebevolle Aufmerksamkeit für die Kleinsten und am Rande Stehenden; der mutige und vertrauensvolle Dialog mit der modernen Welt in ihren verschiedenen Teilen und Realitäten.“
Der Herr, der die Herzen aller kennt, hat ihn erwählt
Nach der Wahl gab es viele positive Reaktionen aus der ganzen Welt. Aber eine sehr interessante stammt von Kardinal Parolin, der vor dem Konklave als Kandidat gehandelt wurde: „Wir glauben fest daran, dass es der Heilige Geist ist, der durch das Handeln der Kardinalswahlen – auch durch ihre Menschlichkeit – den Mann auswählt, der dazu bestimmt ist, die Kirche zu führen. Technisch gesehen handelt es sich um eine Wahl, doch was sich in der Sixtinischen Kapelle unter dem Blick Christi, des Richters, abspielt, ist eine Wiederholung dessen, was in den Anfängen der Kirche geschah, als es darum ging, das apostolische Kollegium nach dem schmerzlichen Abfall des Judas Iskariot neu zu konstituieren. Damals beteten die Apostel, dass der Herr, der die Herzen aller kennt, ihnen zeigen möge, wer der Auserwählte sei (vgl. Apg 1,15-25).
Dieses Geheimnis hat sich in den letzten Tagen wiederholt und wir sind dem Herrn unendlich dankbar, der die Kirche, seine geliebte Braut, nicht im Stich lässt, sondern ihr Hirten schenkt, die seinem Herzen entsprechen. Und wir sind Papst Leo XIV. unendlich dankbar dafür, dass er den Ruf des Herrn angenommen hat, ihn ‚mehr als diese‘ zu lieben und ihm nachzufolgen, um seine Schafe und Lämmer zu weiden, wie Jesus Petrus in dem Abschnitt des Evangeliums, den wir letzten Sonntag gelesen haben (Joh 21,15ff.), aufgetragen hat.“
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 6/Juni 2025
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Augsburger Bischof Dr. Bertram Meier zur Papstwahl
„Ich freue mich sehr!“
Gleich am Abend das 8. Mai 2025, als die Wahl von Robert Kardinal Prevost zum neuen Papst bekannt geworden war, äußerte sich der Augsburger Bischof Dr. Bertram Meier über Leo XIV. und zeigte sich hoch erfreut. Er habe ihn bereits persönlich kennengelernt und sehe in ihm einen „Mann des Ausgleichs“. Seine erste Reaktion im Wortlaut:
Von Bischof Bertram Meier, Augsburg
Der neue Papst Leo XIV. ist ein Mann der Weltkirche, von seiner Biographie her ebenso wie von seiner Einbettung in einen internationalen Orden. Er kann Brücken bauen, er kann vermitteln, er ist ein Mann, der auch in seiner eigenen Lebensgeschichte gelernt hat, mit verschiedenen Kulturen gut umzugehen. Ich freue mich sehr über diese Wahl.
Was mir sehr gut an seiner ersten Ansprache gefallen hat: Das Grundwort war ‚Friede‘. Leo XIV. hat klargemacht, dass Friede für ihn nicht nur politisch zu denken, sondern dass es ein geistliches Projekt ist – er sieht sich als Apostel des Friedens.
In der Namensgebung folgt er Leo XIII. – dieser war ein Mann, der in den Fragen der Soziallehre der Kirche sehr viel getan hat. Deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass Leo XIV. diesen sozial-caritativen Aspekt, auf den Franziskus viel Wert gelegt hat, weiterführen wird.
Ich selbst bin dem neuen Papst schon öfter begegnet. Ich habe ihn kenngelernt als sehr bedächtigen Mann, als einen, der sehr reflektiert seine Positionen darlegt, einen Mann des Ausgleichs – und ich glaube, dass das alles Tugenden sind, die ihm für seinen Petrusdienst ganz wichtig werden. Noch einmal: Ich freue mich sehr.“ (Pressestelle des Bistums Augsburg)
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 6/Juni 2025
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Versuch einer ersten Einordnung der Wahl von Papst Leo XIV.
Historischer Moment für Weltkirche und Weltgemeinschaft
Der Journalist Thomas Philipp Reiter (geb. 1968) stammt gebürtig aus Norddeutschland und gehört der „Vereinigung des katholischen Apostolates“ (Unione Apostolatus Catholici, UAC) an, die auf den hl. Vinzenz Pallotti zurückgeht. Bis 2019 war er beruflich vorwiegend in der Politikkommunikation engagiert. Danach vollzog sich in seinem Leben ein tiefgehender Wandel, der auch eine Ortsveränderung mit sich brachte. Inzwischen lebt er in Belgien und setzt sich auf vielfache Weise für die Evangelisierung und das katholische Medienapostolat ein. Von diesem Werdegang ist auch sein Blick auf die jüngste Papstwahl geprägt. In seinem Beitrag versucht er, eine erste Einordnung des bevorstehenden Pontifikats vorzunehmen, und skizziert die Erwartungen, die an Leo XIV. als obersten Hirten der Weltkirche gerichtet werden. Reiter tastet sich vorsichtig an die neue Situation heran. Eines aber könne man sicher schon jetzt vorhersagen: „Leo XIV. hat die historische Gelegenheit, die katholische Kirche in eine neue Ära zu führen.“
Von Thomas Philipp Reiter
Die Wahl eines neuen Papstes ist stets ein historischer Moment, doch Papst Leo XIV. betritt eine besondere Dimension, in der er die Welt und insbesondere die katholische Kirche tief beeinflussen kann. Der Moment seiner Wahl stellt nicht nur einen Übergang dar, sondern eine entscheidende Weichenstellung in der Geschichte der Kirche, die eine Antwort auf die vielen großen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft sucht. In einer Welt, die durch Kriege und Unruhen, aber auch schnelle Veränderungen, technologische Innovationen, globale Verwerfungen und soziale Umwälzungen geprägt ist, bekommt die katholische Kirche einen Papst, der mit seinem eigenen Hintergrund, seiner theologischen Perspektive und seiner Herkunft aus den Vereinigten Staaten die kommunikativen und intellektuellen Fähigkeiten zu besitzen scheint, die Weltkirche in dieser Zeit zu leiten und mit den drängenden Fragen unserer unruhigen Zeit in Dialog zu treten.
Naturgemäß kann man zu diesem Zeitpunkt nicht viel mehr als eine erste Einschätzung der Wahl von Papst Leo XIV. vornehmen und seinen theologischen, sozialen und kulturellen Kontext analysieren. Dabei sollte nicht nur der historische Moment der Wahl an sich beleuchtet werden, sondern auch, welche tiefgreifenden Auswirkungen diese Wahl auf die katholische Kirche und die Weltgemeinschaft in Zukunft haben könnte.
Brückenbauer zwischen Vergangenheit und Zukunft
Papst Leo XIV. wurde – wie seine drei Vorgänger – in einem zweitägigen Konklave gewählt. Die 133 Kardinäle haben sich also verhältnismäßig schnell für ihn entschieden. Mit seinem Pontifikat dürfte der von Papst Franziskus eingeleitete Übergang von einer eher europäisch geprägten Kirchenführung hin zu einer zunehmend global ausgerichteten Amtsführung fortgesetzt werden. Die Tatsache, dass der neue Papst aus den USA kommt, wo der Katholizismus in den letzten Jahrzehnten im Gegensatz zu Deutschland stark an Zulauf gewann, weckt nicht nur großes Interesse, sondern auch hohe Erwartungen an die zukünftige Ausrichtung der Kirche.
Robert Francis Prevost verfügt neben der US- auch über eine peruanische Staatsangehörigkeit und ist jetzt Staatsoberhaupt eines dritten Staates, nämlich des Staats der Vatikanstadt. Die Wahl des zweiten Amerikaners und ersten US-Bürgers auf den Stuhl Petri erfolgt in einer Zeit, in der die katholische Kirche weltweit mit einer Reihe umwälzender Herausforderungen konfrontiert ist: die fortschreitende Säkularisierung, das damit einhergehende Schrumpfen der Kirchenmitgliedszahlen vor allem in Europa, die gesellschaftliche Entfremdung vieler Menschen von den traditionellen Werten der Kirche und die zunehmende Verunsicherung vieler Gläubigen in einer zunehmend postmodernen Welt. Gleichzeitig hat die katholische Kirche auch mit inneren Spannungen zu kämpfen, von den immer lauter werdenden Forderungen nach einer wie auch immer gearteten Reform des Katholizismus bis hin zu vermeintlichen und tatsächlichen Skandalen, die das Vertrauen in die institutionelle Kirche erschüttert haben. Medien mit Hang zu Kirchen- und Christen-Aversion bemühen sich nach Kräften, die moralische Autorität der katholischen Kirche und damit auch der Position des Papstes zu untergraben, wann und wo immer es geht. Das weltweite Interesse und Wohlwollen einer breiten Öffentlichkeit, das sowohl dem verstorbenen als auch dem neuen Papst entgegengebracht wird, hat viele Journalistinnen und Journalisten einer kirchenfernen Generation verunsichert und nahezu angestachelt, auch dem neuen Papst vom ersten Tag an das Leben möglichst schwer zu machen.
Inmitten dieses Wandels und dieser Herausforderungen steht nun Papst Leo XIV. – ein Mann, der als tiefgläubiger Augustiner und als jemand bekannt ist, der in seinen bisherigen Verantwortlichkeiten innerhalb der Kirche sowohl intellektuell als auch spirituell überzeugt hat. Er wird als ein Papst wahrgenommen, der mit einer gewissen Ruhe und einer tiefen Reflexion über die Geschichte und Tradition der Kirche der Gegenwart mit einer spirituellen Weisheit zu begegnen weiß. In einer Zeit, in der das Vertrauen in die institutionelle Kirche von vielen interessierten Kreisen gebetsmühlenartig in Frage gestellt wird, ist Papst Leo XIV. eine Figur, die als Hüter der Tradition und als Brücke zwischen der Vergangenheit und der Zukunft gesehen werden kann.
Doch was bedeutet es konkret, dass Leo XIV. aus den USA stammt? Welche Symbolik steckt hinter dieser Wahl, und wie könnte sie die Zukunft der katholischen Kirche und die Beziehungen zwischen der Kirche und der Welt beeinflussen?
Herkunft aus der Heimat von Hollywood
Die Wahl eines Papstes aus den USA ist in der Geschichte der katholischen Kirche eine bemerkenswerte Entwicklung, insbesondere wenn man bedenkt, dass die USA in den letzten Jahrzehnten immer mehr zur Heimat einer lebendigen und wachsenden katholischen Gemeinschaft geworden sind. Die Vereinigten Staaten, die historisch betrachtet eine tief evangelische und protestantische Nation waren und in denen evangelikale Prediger lange Zeit viele Menschen für sich vereinnahmen konnten, verfügen heute über eine der größten katholischen Gemeinschaften weltweit, mit Millionen von Gläubigen, die in verschiedenen sozioökonomischen und kulturellen Kontexten leben. In vielerlei Hinsicht steht die US-amerikanische Kirche somit als Symbol für eine moderne, dynamische und oft polarisierte katholische Welt, die mit den Herausforderungen einer globalisierten Gesellschaft umgehen muss.
Die USA sind ein Land, das stark von Fragen der sozialen Gerechtigkeit, der politischen Beteiligung und des interreligiösen Dialogs geprägt ist. Diese Themen spielen auch in der Weltkirche und damit in Rom eine immer größere Rolle. Die USA sind nicht nur ein politisches und kulturelles Zentrum, sondern auch ein Land, in dem katholische Initiativen und soziale Bewegungen eine wichtige Rolle in der öffentlichen Debatte spielen. Papst Leo XIV. wird wahrscheinlich in der Lage sein, diese sozialen und politischen Themen in seine Führungsrolle einzubeziehen, und es ist zu erwarten, dass er verstärkt den Dialog mit den politischen Institutionen der USA und der Welt suchen und womöglich auch die Auseinandersetzung mit Präsident Donald Trump nicht scheuen wird.
Die Tatsache, dass der neue Papst aus Chicago stammt, einer Stadt, die durch ihre kulturelle Vielfalt, ihre starke lateinamerikanische katholische Gemeinschaft und ihre bedeutenden sozialen Herausforderungen geprägt ist, lässt den Schluss zu, dass schon Robert Francis Prevost eine tiefere Sensibilität für die sozialen Anliegen der Kirche in Nordamerika entwickelt hat. Insbesondere die Herausforderung, die katholische Kirche in einer zunehmend säkularisierten Welt zu positionieren, erfordert von ihm ein hohes Maß an diplomatischem Geschick und Weitsicht. Auch die katholische Soziallehre, die in den USA im Hinblick auf Armut, Migration und die Rechte von Minderheiten oft im Mittelpunkt von Auseinandersetzungen steht, könnte unter seiner Führung eine noch stärkere Bedeutung zukommen.
Zudem dürfte der vielsprachige Leo XIV. in der Lage sein, die Rolle der transnationalen Institution katholische Kirche zu stärken. Als Papst aus einem Land, das selbst eine Mischung aus verschiedenen ethnischen, kulturellen und religiösen Gruppen ist, wird von ihm erwartet, dass er nicht nur auf die Probleme der westlichen Welt eingeht, sondern auch die Rolle der Kirche in Asien, Afrika und Lateinamerika berücksichtigt, wo der Katholizismus wachstumsstark ist und eine weit bedeutendere Rolle in den Gesellschaften spielt als in Mittel- und Westeuropa. In Peru hat er dies jahrelang selbst erleben können.
Nicht zuletzt dürfte der neue Pontifex nicht vergessen haben, dass in den USA als Heimstatt von Hollywood und der modernen Massenmedien nicht nur die Botschaft selbst, sondern auch deren Platzierung und Inszenierung eine gewisse Aufmerksamkeit verdient. Auch diese Erfahrung könnte Eingang in eine neue vatikanische Kommunikationsstrategie finden.
Leo XIV. und Benedikt XVI.: theologische und spirituelle Kontinuität
Papst Benedikt XVI. war ein großer Denker und Theologe, dessen Pontifikat durch eine klare Ausrichtung auf die Tradition und tiefe Gläubigkeit geprägt war. Josef Ratzinger trat als ein Papst an, der den Herausforderungen des modernen Denkens und der Säkularisierung mit einem tiefen Vertrauen in die philosophischen und theologischen Fundamente der Kirche begegnete. Für Benedikt war der Glaube an Gott und die Verkündigung des Evangeliums in seiner traditionellen Form das wichtigste Fundament der Kirche. Besonders in seiner Enzyklika Deus caritas est legte Benedikt den Fokus auf die Liebe als Grundlage des christlichen Lebens und forderte die Kirche heraus, wieder zu einer Glaubensgemeinschaft zu werden, die durch Gottes Liebe definiert wird.
Papst Leo XIV. tritt nun gewissermaßen auch in diese noch immer sichtbaren Fußstapfen, aber er wird seine eigene Akzentuierung setzen. Während Benedikt XVI. den Glauben oft als eine Frage der intellektuellen Auseinandersetzung und der theologischen Deutlichkeit verstand und Franziskus eher pragmatischen Erwägungen über die diesseitige Welt zugeneigt war, könnte Leo XIV. den Schwerpunkt nun stärker auf die mystische Dimension des Glaubens legen. Als Augustiner wird er tief mit einer Spiritualität verwurzelt sein, die den persönlichen Dialog mit Gott und das innere Gebet betont. In seiner Theologie und in seiner pastoralen Arbeit gab es schon bisher eine starke Betonung auf die transformative Kraft der Gottesbegegnung. Dies könnte sich im Papstamt fortsetzen.
Diese Form der Mystik könnte ihm jetzt helfen, die Kirche in einer Zeit der zunehmenden Unsicherheit und des stärker werdenden Zweifels anzuführen. Viele Gläubige sind heute auf der Suche nach einer tiefen spirituellen Erfahrung, die über intellektuelle und moralische Auseinandersetzungen hinausgeht. Papst Leo XIV. könnte dieser Sehnsucht nach einer spirituellen Erneuerung Rechnung tragen und die Kirche dazu einladen, ihre mystische Dimension wieder stärker zu betonen.
Gleichzeitig darf man hoffen, dass er in der Nachfolgelinie von Benedikt XVI. die theologische Klarheit bewahren wird, die dessen Pontifikat prägte. Nicht wenige werden von ihm erwarten, dass er an den theologischen und moralischen Grundsätzen der Kirche festhält und die Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils weiter vertieft, während er gleichzeitig den inneren, kontemplativen Aspekt des Glaubens wieder mehr in den Mittelpunkt stellt.
Leo XIV. und Franziskus: innere und äußere Spannung
Papst Franziskus, der aus dem Orden der Jesuiten stammte, hatte einen Stil der Papstführung geprägt, der sich durch eine starke Betonung der Soziallehre der Kirche und der Hilfe für die Armen und Bedürftigen auszeichnete. Franziskus‘ Pontifikat war von einem besonderen Engagement für die Armen, den Klimaschutz und den interreligiösen Dialog geprägt. Er hat die Kirche in den gesellschaftlichen Diskurs eingebunden und immer wieder die Frage aufgeworfen, wie sie konkret auf die Not der Welt reagieren kann.
Papst Leo XIV. könnte hier andere, eigene Schwerpunkte wählen und einen eher zurückhaltenden Ansatz in seiner Amtsführung wählen, der stärker auf Mystik und spiritueller Vertiefung basiert. Als Augustiner-Mönch mag er einen kontemplativeren Stil bevorzugen, der weniger von politischer Einmischung geprägt ist als von der Erneuerung der inneren Kirche durch Gebet, Einkehr und asketische Disziplin.
Der Vergleich zwischen Papst Franziskus und Papst Leo XIV. könnte also eine interessante Spannung aufwerfen: Während Franziskus die Kirche in Richtung Sozial- und Klimapolitik öffnete und auf dieser Basis zu radikaler Nächstenliebe aufrief, könnte Leo XIV. mindestens in einem ersten Schritt die Kirche wieder stärker auf ihre inneren Werte und ihre spirituelle Identität fokussieren.
Quadratur des Kreises
Papst Leo XIV. wird, wie jeder Papst, mit zahlreichen Herausforderungen unserer Welt konfrontiert werden. Besonders in einer Zeit, die sich immer schneller wandelt und in der die Kirche mit dem Verlust ihrer traditionellen Autorität zu kämpfen hat, wird von ihm erwartet, dass er gleichzeitig sowohl als geistlicher Führer als auch als moralische Instanz auftritt. In einer Zeit der weltweiten Krisen, in der der Glaube vielerorts ganz zu schwinden droht, ist ein Heiliger Vater gefordert, den Gläubigen zu helfen, eine tiefere unmittelbare Beziehung zu Gott und zur Kirche zu finden oder wiederzufinden.
Das erfordert von ihm eine klare und mutige Führung, die dennoch die bescheidene und kontemplative Haltung eines Augustiners in sich tragen könnte. Es wird von Papst Leo erwartet werden, dass er die Kirche nicht nur spirituell erneuert, sondern regelmäßig in Enzykliken und öffentlichen Äußerungen Antworten auf die sozialen und politischen Herausforderungen der Gegenwart entwickelt.
In unserer globalisierten Welt von heute verbindet sich mit dem neuen Papst die Hoffnung, dass er die notwendigen Beziehungen zu anderen Religionen und Konfessionen nicht abreißen lässt und er den interreligiösen Dialog fortführt, den Benedikt XVI. und Franziskus begannen. Doch muss er dabei wohl zunächst einen besonderen Fokus auf den Dialog der verschiedenen Strömungen innerhalb seiner eigenen Kirche legen, um wieder eine neue Einheit zu schaffen, die auf dem gemeinsamen Glauben und der universellen Mission basiert. Gerade das Schlagwort „Synodaler Weg“ ist in diesem Zusammenhang nichts weniger als der Versuch einer Quadratur des Kreises spezifisch deutscher Befindlichkeiten, mit denen sich der Papst unmittelbar konfrontiert sieht.
Neue Ära
Eines kann man sicher schon jetzt vorhersagen: Leo XIV. hat die historische Gelegenheit, die katholische Kirche in eine neue Ära zu führen.
Als Papst aus den USA, der mit den Herausforderungen einer globalisierten Welt vertraut ist, könnte er eine einzigartige Perspektive auf die Kirche und ihre Rolle in der Welt bieten. Sein Pontifikat wird mit Sicherheit von tiefgreifenden Fragen der Spiritualität, der sozialen Gerechtigkeit und des interreligiösen Dialogs geprägt sein, während er gleichzeitig die Tradition der Kirche hochhalten muss.
Das Konklave hat einen Papst hervorgebracht, der, wie alle seine Vorgänger, die Vergangenheit in die Zukunft zu tragen hat – ein Papst, der der Mystik und der spirituellen Erneuerung des Glaubens ebenso viel Gewicht beimessen sollte wie den Herausforderungen der modernen Welt.
Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich sein Pontifikat in eruptiven Zeiten entfalten wird, aber diese Hoffnung darf man haben: Papst Leo XIV. wird mit einer ganz eigenen Vision und einem vertieften Verständnis für die sehr unterschiedlichen Bedürfnisse der Gläubigen und der Welt in die Geschichte eingehen.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 6/Juni 2025
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„Die Bewahrung der östlichen Riten ist wichtiger, als allgemein angenommen wird“
Jubiläum der Ostkirchen
Am Mittwochvormittag, den 14. Mai 2025, hat Papst Leo XIV. die Teilnehmer der Heilig-Jahr-Feier der katholischen Ostkirchen in der Audienzhalle empfangen. Heute müssten wir den Sinn für das Geheimnis wiedergewinnen, der in den Liturgien der Ostkirchen lebendig geblieben sei, so betonte er. Und mit leidenschaftlichen Worten versprach er, sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dafür einzusetzen, dass die Christen im Nahen Osten die Möglichkeit erhalten, in ihrer Heimat zu bleiben und ihre Traditionen zu bewahren. An die Führer der Völker richtete er den „inständigen Appell“, zusammenzukommen und zu verhandeln. „Kriege sind nie unvermeidbar. Die Waffen können und müssen zum Schweigen gebracht werden, denn sie lösen keine Probleme, sondern verschärfen sie nur.“ Und sehr deutlich prangerte er die Gewalt an, „all diesen Schrecken, das Hingemetzel so vieler junger Leben – das Empörung hervorrufen sollte, weil hier im Namen militärischer Eroberung Menschenleben geopfert werden“.
Von Papst Leo XIV.
Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaft auferstanden! Ich grüße euch mit diesen Worten, mit denen die Christen des Ostens in vielen Ländern in der Osterzeit das Herzstück unseres Glaubens und unserer Hoffnung bekennen.
Es ist schön, euch im Heiligen Jahr der Hoffnung hier zu treffen: einer Hoffnung, die in der Auferstehung Jesu Christi unerschütterlich verankert ist. Willkommen in Rom! Ich freue mich, bei euch zu sein und eine der ersten Audienzen meines Pontifikats den Gläubigen des Ostens widmen zu können.
Unermessliche Schätze für die ganze Kirche
Ihr seid wertvoll. Wenn ich euch ansehe, denke ich an die Vielfalt eurer Herkunft, an eure glorreiche Geschichte und die bitteren Leiden, die viele eurer Gemeinschaften erdulden mussten oder noch immer erdulden. Und ich möchte an ein Wort von Papst Franziskus erinnern, der gesagt hat, dass die Ostkirchen „geliebt werden müssen, weil sie einzigartige geistliche und weisheitliche Traditionen bewahren und uns viel zu sagen haben über das christliche Leben, über Synodalität, über Liturgie. Denken wir an die antiken Kirchenväter, an die Konzilien, an das Mönchtum… unermessliche Schätze für die Kirche (Ansprache an die Versammlung der Union der Hilfsorganisationen für die Orientalischen Kirchen [ROACO], 27. Juni 2024).
Ich möchte auch Papst Leo XIII. zitieren: den ersten Papst, der der Würde eurer Kirchen ein eigenes Dokument gewidmet hat, inspiriert vor allem durch die Tatsache, dass – wie er schrieb –, „das Werk der Erlösung der Menschheit im Osten begonnen hat“ (vgl. Apostolisches Schreiben Orientalium Dignitas, 30. November 1894). Euch „fällt nämlich als ursprünglichem Rahmen für die entstehende Kirche eine einzigartige und privilegierte Rolle zu“ (Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Orientale Lumen, 5). Es ist bezeichnend, dass viele eurer Liturgien – die ihr jetzt in Rom euren verschiedenen Traditionen entsprechend feiert – auch weiter die Sprache Jesu, des Herrn, verwenden. Und so hat Papst Leo XIII. ja auch eindringlich dazu aufgerufen, dass „die legitime Vielfalt der östlichen Liturgie und Disziplin […] dem Wohl der Kirche zur Ehre gereichen solle“ (Orientalium Dignitas). Sein Wunsch ist nach wie vor aktuell.
Unterstützung der Katholiken ostkirchlicher Tradition in der Diaspora
Auch in unserer Zeit sind viele unserer Brüder und Schwestern aus dem Osten, darunter auch einige von euch, durch Krieg und Verfolgung, Instabilität und Armut gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Und riskieren – wenn sie im Westen ankommen –, nicht nur ihre Heimat zu verlieren, sondern auch ihre religiöse Identität. Und so geht mit dem Verstreichen der Generationen auch das unschätzbare Erbe der Ostkirchen verloren.
Vor über einem Jahrhundert hat Leo XIII. darauf hingewiesen, dass „die Bewahrung der östlichen Riten wichtiger ist, als allgemein angenommen wird“. Ja, er ging sogar so weit, zu bestimmen, dass „jeder Missionar des lateinischen Ritus, ob er nun zum Welt- oder Ordensklerus gehört, der durch seinen Rat oder seine Unterstützung einen Katholiken des östlichen Ritus zum lateinischen Ritus hinzieht“, „seines Amtes enthoben und davon ausgeschlossen“ werden soll (ebd.). Wir bekräftigen seinen Aufruf zur Bewahrung und Förderung des christlichen Ostens, vor allem in der Diaspora. Dort muss, neben der Errichtung von ostkirchlichen Jurisdiktionsgebieten, wo immer dies möglich und opportun ist, auch das Bewusstsein der lateinischen Christen geschärft werden. In diesem Zusammenhang bitte ich das Dikasterium für die Orientalischen Kirchen – dem ich für seine Arbeit danke –, mir dabei zu helfen, Grundsätze, Normen und Leitlinien festzulegen, anhand derer lateinische Bischöfe die Katholiken ostkirchlicher Tradition in der Diaspora konkret in ihren Bemühungen unterstützen können, ihre lebendigen Traditionen zu bewahren und die Gemeinschaften, in denen sie leben, auf diese Weise durch ihr besonderes Zeugnis zu bereichern.
Den Sinn für das Geheimnis in der Liturgie wiedergewinnen
Die Kirche braucht euch. Der Beitrag, den uns der christliche Osten heute bieten kann, ist immens! Wie groß ist doch unser Bedürfnis danach, den Sinn für das Geheimnis wiederzugewinnen, der in euren Liturgien lebendig geblieben ist: Liturgien, die den Menschen in seiner Ganzheit einbeziehen, die die Schönheit des Heils besingen und Staunen darüber hervorrufen, wie die Größe Gottes unsere menschliche Kleinheit umfängt! Ebenso wichtig ist es, insbesondere im christlichen Westen, den Sinn für den Primat Gottes, die Bedeutung der Mystagogik und die für die östliche Spiritualität so typischen Werte wiederzuentdecken: ständige Fürbitte, Buße, Fasten und Klage über die eigenen Sünden und die der ganzen Menschheit (penthos)! Es ist daher von großer Bedeutung, dass ihr eure Traditionen bewahrt, ohne sie aus Gründen der Praktikabilität oder Bequemlichkeit zu verwässern, damit sie nicht durch die Mentalität des Konsumismus und Utilitarismus verfälscht werden.
Glaube an die Kräfte der Auferstehung, die heilen und vergöttlichen
Eure spirituellen Traditionen, so alt und doch stets neu, sind heilsam. In ihnen verbindet sich das Drama des menschlichen Elends mit dem Staunen über die Barmherzigkeit Gottes, sodass unsere Sündhaftigkeit nicht zur Verzweiflung führt, sondern uns offen dafür macht, die Gnade anzunehmen, zu Geschöpfen zu werden, die geheilt, vergöttlicht und in den Himmel erhoben werden. Dafür müssen wir dem Herrn unseren nie endenden Lobpreis und Dank darbringen. Mit dem heiligen Ephräm dem Syrer können wir Jesus, dem Herrn, sagen: „Dir sei die Ehre! Du hast Dein Kreuz gezimmert als Brücke über den Abgrund des Todes… Dir sei Ehre! Du nahmst den Leib eines sterblichen Menschen an und machtest ihn für alle Sterblichen zur Ursache des Lebens!“ (Homilie über unseren Herrn, 9). Wir müssen also um die Gnade bitten, in jeder Prüfung des Lebens die Gewissheit von Ostern zu sehen und nicht den Mut zu verlieren, sondern uns an das zu erinnern, was ein anderer großer Kirchenvater des Ostens geschrieben hat: „Die größte Sünde besteht darin, nicht an die Kräfte der Auferstehung zu glauben“ (Hl. Isaak von Ninive, Sermones ascetici, I, 5).
Hoffnung sogar inmitten des Abgrunds der Gewalt
Wer besser als ihr könnte ein Lied der Hoffnung singen – sogar inmitten des Abgrunds der Gewalt?
Wer besser als ihr, die ihr das Grauen des Krieges am eigenen Leib erfahren habt, sodass Papst Franziskus euch „Märtyrerkirchen“ genannt hat (Ansprache an ROACO, ebd.)? Vom Heiligen Land bis zur Ukraine, vom Libanon bis nach Syrien, vom Nahen Osten bis nach Tigray und in den Kaukasus – wie viel Gewalt! Aus all diesem Schrecken, dem Hingemetzel so vieler junger Leben – das Empörung hervorrufen sollte, weil hier im Namen militärischer Eroberung Menschenleben geopfert werden –, erhebt sich ein Ruf: nicht so sehr der Ruf des Papstes, sondern der Ruf Christi selbst! Und dieser Ruf lautet: „Friede sei mit euch!“ (Joh 20,19. 21.26). Und weiter: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch“ (Joh 14,27). Der Friede Christi ist nicht die Grabesstille, die nach einem Krieg herrscht; er ist nicht die Frucht der Unterdrückung, sondern ein Geschenk, das für alle bestimmt ist, ein Geschenk, das neues Leben bringt. Beten wir um diesen Frieden, der Versöhnung ist, Vergebung und der Mut, ein neues Kapitel aufzuschlagen und neu anzufangen.
Der Heilige Stuhl wird all seine Kraft für den Frieden einsetzen
Ich für meinen Teil werde alles in meiner Macht Stehende tun, damit sich dieser Frieden ausbreitet. Der Heilige Stuhl ist stets gewillt, dazu beizutragen, dass sich Feinde an einen Tisch setzen, einander gegenüberstehen und miteinander sprechen, damit alle Völker wieder Hoffnung schöpfen können und ihre Würde zurückerlangen: die Würde, die ihnen zusteht, die Würde des Friedens. Die Völker unserer Welt sehnen sich nach Frieden, und an ihre Führer richte ich meinen inständigen Appell: Lasst uns zusammenkommen, lasst uns miteinander sprechen, lasst uns verhandeln! Kriege sind nie unvermeidbar. Die Waffen können und müssen zum Schweigen gebracht werden, denn sie lösen keine Probleme, sondern verschärfen sie nur. Geschichte schreiben die Friedensstifter, nicht die, die Leid säen. Unsere Nachbarn sind nicht zuerst unsere Feinde, sondern unsere Mitmenschen; sie sind keine Verbrecher, die man hassen muss, sondern Männer und Frauen, mit denen wir sprechen können. Erteilen wir den manichäischen Vorstellungen eine Absage, die so typisch sind für diese Mentalität der Gewalt, die die Welt in Gute und Böse teilt!
Ich danke Gott für die, die ausharren und in ihrer Heimat bleiben
Die Kirche wird nie müde werden, zu fordern: „Lasst die Waffen schweigen!“ Ich danke Gott für all jene, die in der Stille, im Gebet und in Selbstaufopferung Samen des Friedens säen. Ich danke Gott für jene Christen – orthodoxe und lateinische –, die vor allem im Nahen Osten ausharren, in ihrer Heimat bleiben und der Versuchung widerstehen, sie zu verlassen. Man muss den Christen die Möglichkeit geben, in ihrer Heimat zu bleiben, und zwar nicht nur mit Worten, sondern mit allen Rechten, die ihnen ein sicheres Leben garantieren. Ich bitte euch: setzen wir uns dafür ein! – Danke, liebe Brüder und Schwestern des Ostens – in den Ländern, in denen Jesus, die Sonne der Gerechtigkeit, aufgegangen ist –: danke, dass ihr „Licht in unserer Welt“ seid (vgl. Mt 5,14). Bleibt weiterhin herausragend in eurem Glauben, eurer Hoffnung und Liebe, und durch nichts anderes. Mögen eure Kirchen vorbildlich sein und mögen eure Hirten die Gemeinschaft mit Integrität fördern, vor allem in den Bischofssynoden, damit sie Orte der Brüderlichkeit und authentischer Mitverantwortung sein können.
Sorgt für Transparenz in der Verwaltung der Güter und seid Zeichen der demütigen und vollständigen Hingabe an das heilige Volk Gottes – und strebt dabei nicht nach Ehren, weltlicher Macht oder Äußerlichkeiten. Der heilige Symeon der Neue Theologe hat diesbezüglich folgendes treffendes Bild verwendet: „Ebenso wie jemand, der Staub auf die Flamme eines brennenden Ofens wirft, diese löscht, so zerstören die Sorgen dieses Lebens und jede Art von Bindung an kleinliche und wertlose Dinge die Wärme des Herzens, die anfänglich entfacht wurde“ (Praktische und theologische Kapitel, 63). Die Pracht des christlichen Ostens verlangt heute mehr denn je das Freisein von allen weltlichen Bindungen und von jeder Tendenz, die der Gemeinschaft entgegensteht – im Namen der Treue zum Gehorsam und zum Zeugnis für das Evangelium.
Ich danke euch und erteile euch von Herzen meinen Segen. Ich bitte euch, für die Kirche zu beten und euer kraftvolles Fürbittgebet für mein Amt zu erheben. Danke!
(Übersetzung von Silvia Kritzenberger für Vatican News)
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 6/Juni 2025
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Der neue Papst ist ein Mann mit breiter Erfahrung
Wissenschaftler und Seelsorger
In einer Dankandacht am 8. Mai 2025 um 21 Uhr im Hohen Dom zu Regensburg stellte Bischof Dr. Rudolf Voderholzer den neugewählten Papst Leo XIV. vor. Auszüge aus seiner Predigt.
Von Bischof Rudolf Voderholzer, Regensburg
Wer ist Leo XIV.?
Mit Euch bin ich Christ, für Euch bin ich Bischof!“ Mit diesem Zitat bekennt sich der neue Papst, der 267. Nachfolger des heiligen Petrus, heute Abend auf der Segensloggia des Petersdomes als ein Sohn des heiligen Augustinus. Ein sympathischer und beinahe jugendlich wirkender Mann. Ich durfte ihm schon mehrmals begegnen. Er ist zusammen mit mir ja auch Mitglied im Dikasterium für die Glaubenslehre – wohl jetzt gewesen! – und da sind wir uns anlässlich der „Feria Quarta“ ein paarmal begegnet. Ein sehr besonnener, stiller, bescheidener, aber hochgescheiter Mann mit einer breiten Erfahrung, ein Wissenschaftler, ein Seelsorger, ein Mann mit Leitungserfahrung in Rom, in Nord‐ und vor allem Südamerika. Der erste gebürtige Nordamerikaner, der freilich hauptsächlich in Südamerika gewirkt hat und auf diese Weise Nord- und Südamerika verbindet. Aber was für ein Zeichen in Richtung des amerikanischen Kontinents! Man kann die Weisheit der Kardinäle, geführt vom Heiligen Geist, nur immer wieder neu bewundern für die Überraschungen, die sie uns bieten.
Vita des neuen Papstes
Der neue Papst ist am 14. September, dem Fest der Kreuzerhöhung, im Jahr 1955 in Chicago als Sohn von Eltern mit französisch‐spanisch-italienischen Wurzeln zur Welt gekommen. Er hat Mathematik und Philosophie in der Nähe von Philadelphia studiert (Augustiner‐Universität in Villanova). Und nach den Examina in beiden Fächern ist er im Jahre 1977 der Ordensgemeinschaft der Augustiner beigetreten und hat am 29. August 1981 die ewige Profess abgelegt. Wir haben wieder einen Ordensmann nach dem Jesuiten Franziskus jetzt einen Augustiner. Es ist übrigens derselbe Orden, dem einst Martin Luther angehört hatte.
Am 19. Juni 1982 wurde er zum Priester geweiht, 1985 mit einer kirchenrechtlichen Dissertation am „Angelicum“ in Rom zum Doktor der Theologie promoviert und dann folgte der Einsatz als Missionar in Peru (dort war er Prior, Ausbildungsleiter, Lehrer der Professen, Provinzialoberer, und zusätzlich im Erzbistum Trujilo Gerichtsvikar und Professor für Kirchenrecht und Moral im Priesterseminar). Von 2001 bis 2013 war er Generalprior des Augustinerordens mit Sitz in Rom. Am 3. November 2014 wird er von Papst Franziskus zum Titularbischof und Apostolischen Administrator von Chiclayo (Peru) ernannt und am 26. September 2015 zum Diözesanbischof. Dann berief Papst Franziskus ihn nach Rom: Am 30. Januar 2023 wird er Erzbischof und Präfekt des Bischofsdikasteriums.
Noch im selben Jahr wurde er von Papst Franziskus am 30. September im Konsistorium zum Kardinaldiakon kreiert und ist somit Mitglied des Kardinalskollegiums gewesen. Sein Wahlspruch lautet: „Nos multi in illo uno unum – In diesem einen (Christus) sind wir viele eins“. Er ist entnommen – natürlich – aus einer Erläuterung zu den Psalmen seines Ordensvaters, des heiligen Augustinus.
Erste Ansprache des neuen Papstes
Leo XIV. hat in seiner ersten Ansprache, die er neben Italienisch auch zu einem Teil auf Spanisch gehalten hat, betont, dass ihm der Friede, den der auferstandene Herr schenkt und den die Kirche in der Welt und für die Kirche zu verkündigen hat, zutiefst am Herzen liegt und beinahe tröstend hat er gesagt: „Das Böse wird nie siegen!“ Mehrmals sprach er von der bedingungslosen Liebe Gottes. Und er sprach von einer synodalen, missionarischen und caritativen Kirche. Die Gläubigen Roms forderte er auf, missionarisch zu sein. Mit einem Dank an Papst Franziskus, seinen Vorgänger, und einem gemeinsamen Ave Maria beendete er seine Ansprache und spendete den Segen.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 6/Juni 2025
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„Es sei denn, Sie hätten Mutter Angelica gekannt…“
Mission in Massenmedien – Verkündigung im Schweigen
Mutter Angelica (1923-2016) war eine Klarissin vom Orden der Klarissen von der Ewigen Anbetung (Angelica Rizzo PCPA). Mit bürgerlichem Namen hieß sie Rita Antoinette Rizzo. 1976 begann sie in der Garage ihres Klosters Fernsehsendungen zu produzieren. Daraus entstand der katholische Fernsehsender Eternal Word Television Network (EWTN), der weltweit mehr als 435 Millionen Haushalte erreicht. Von der „Mission in Massenmedien“ zur „Verkündigung im Schweigen“, so könnte man ihren Weg beschreiben. Denn nach Jahrzehnten in religiösen Talkshows und Fernsehauftritten erlitt sie im Spätherbst 2001 zwei Schlaganfälle, die ihrer Medienarbeit ein plötzliches Ende bereiteten. Ihren letzten Live-Auftritt bei EWTN hatte sie anlässlich ihres 80. Geburtstags am 20. April 2003. In seinem fünften Buch über Mutter Angelica beschreibt Raymond Arroyo die letzte Phase ihres Lebens, die in zunehmendem Leiden und vollkommenem Verstummen bestand, bis sie am Ostersonntag, den 27. März 2016, verstarb. Klaus-Hermann Rössler stellt das Buch vor, das den Titel trägt: „Mutter Angelica – Ihr großes Schweigen. Ihre letzten Jahre und ihr Vermächtnis“[1].
Von Klaus-Hermann Rössler
Alle, die in der Kirche ein Leitungsamt ausüben, seien dazu gehalten, „zu verschwinden, damit Christus bleibt, sich klein zu machen, damit er erkannt und verherrlicht wird (vgl. Joh 3,30), sich ganz und gar dafür einzusetzen, dass niemandem die Möglichkeit fehlt, ihn zu erkennen und zu lieben“. So Papst Leo XIV. in seiner ersten Messe als Papst mit den Kardinälen in der Sixtinischen Kapelle.
Mit tollkühnem Vertrauen auf Gott
Ihr Leben lang hat sich die Gründerin von EWTN, eine Nonne vom Orden der Armen Klarissen von der Ewigen Anbetung in den USA, die heute international berühmte Schwester „Mother Angelica“, exakt an diese Maxime gehalten, vor allem natürlich an dessen letzten Teil, Christus möglichst vielen bekannt zu machen, aber auch an dessen ersten, nämlich selbst zu verschwinden, um Ihm immer mehr Raum zu geben. Sie hat dabei in ihrem ganzen Leben einen Mut entwickelt, der sich nur mit einem geradezu tollkühnen Vertrauen auf Gott und einer grenzenlosen Liebe zu Jesus Christus erklären lässt. „Mehrere Stunden, die sie täglich im Gebet verbrachte, verschafften Mutter Angelica ein feines Gespür für den Ruf Gottes, dem sie sofort folgte... Wie viele von uns würden es wagen, im Alter von 58 Jahren in einer Garage in einem Vorort einen Kabelfernsehsender zu gründen, und das ohne jegliche Erfahrung? Stellen Sie sich vor, Sie wären körperlich behindert, mittellos und eine in Klausur lebende Nonne. Nur wenige würden glauben, dass ein solches Projekt funktionieren könnte. Es sei denn, Sie hätten Mutter Angelica gekannt“, schreibt Raymond Arroyo in seinem gerade im Media Maria Verlag in deutscher Sprache neu erschienenen Werk von 2018 „Mutter Angelica – Ihr großes Schweigen. Ihre letzten Jahre und ihr Vermächtnis“.[2]
Weltweites Medienapostolat von EWTN
Dass Mutter Angelica tatsächlich ein Leitungsamt in der Kirche ausgeübt hat, wird niemand im Ernst bezweifeln. Nicht nur, dass sie Äbtissin eines und Gründerin bzw. Mitinitiatorin zahlreicher weiterer Klöster in den USA und Europa war. Heute ist ihr mittlerweile über 40 Jahre altes einstiges „Garagenkind“ EWTN nach Eigenangaben der weltweit größte katholische Fernsehsender und erreicht mit seinen 11 Fernsehkanälen in verschiedenen Sprachen mehr als 435 Millionen Haushalte in über 160 Ländern auf allen Kontinenten. Darüber hinaus gehören Radiosender und Nachrichtenagenturen wie CNA Deutsch, CNA (Catholic News Agency), ACI Prensa, ACI Stampa, ACI Africa und ACI Mena zum weltweiten multimedialen Medienapostolat von EWTN.[3] Und das alles auf Spendenbasis – in Deutschland übrigens seit 25 Jahren.
Der Weg ins Schweigen
Wenn man dann noch die Tatsache berücksichtigt, dass die Person, die maßgeblich durch die Lebendigkeit ihrer Glaubensgespräche zum weltweiten Erfolg beigetragen hat, eben jene Mutter Angelica ist, nimmt es natürlich Wunder, warum der Autor gerade ein Buch über ihr Schweigen veröffentlicht hat – übrigens ein in mehrfacher Hinsicht erstaunliches Werk, das eine nichts beschönigende Darstellung des konkreten Ordenslebens seiner Protagonistin mit einer tiefen persönlichen Erfülltheit über deren geistlichen Weg und vorbildhafte Größe verbindet. Geschrieben überdies in einem federleichten und unterhaltsamen Stil, eine Verbindung von interessanter Reportage und Nachdenken provozierender Tiefgründigkeit, wie sie sonst im deutschen Sprachraum eher selten ist.
Das fünfte Buch von Raymond Arroyo über Mutter Angelica
Dazu muss man wissen: Raymond Arroyo hat vor diesem Buch bereits vier andere Bücher zu Mutter Angelica geschrieben. Das erfolgreichste davon, das 2009 (als einziges der vier) auf Deutsch unter dem Titel „Mutter Angelica. Eine Nonne schreibt Fernsehgeschichte“ ebenfalls im Media Maria Verlag erschienen ist, stand monatelang auf der Bestsellerliste der New York Times.
Arroyo ist ein erfolgreicher New Yorker Journalist (New York Observer, Wallstreet Journal, Financial Times) und war Fernsehreporter aus dem Capitol in Washington, bevor er Nachrichtendirektor von EWTN wurde – auf welch ungewöhnliche Weise und mit welchen unvorhergesehenen geistlichen Auseinandersetzungen mit der Gründerin (O-Ton nach einer heftigen Zurechtweisung: „Ich tue nur das, was Mütter tun“), das verrät er in seinem neuen Buch – nicht ohne nachträgliche Dankbarkeit.
In seiner Nachrichtensendung „The World Over Live“ erreicht er wöchentlich nach Angaben des Senders mehr als 148 Millionen Haushalte in über 140 Ländern auf allen Kontinenten. Er ist auch Roman- und Kinderbuchautor.
Letzte Lebensphase – Erkrankung und Verstummen
Nun also aus seiner Feder die Behandlung des Schweigens der berühmtesten katholischen Medienschaffenden, nicht ihres stupenden medialen Erfolges. Das Buch schildert zunächst ein weiteres Mal die mehr als erstaunliche Biografie von Mutter Angelica, kann also auch als Werk für sich gelesen werden, ohne dass man die Vorgängerbücher kennt, auf die es gleichwohl neugierig macht.
Aber in diesem Buch geht es vor allem um die letzte Lebensphase der Schwester – und Arroyo legt Wert darauf, dass es sich um eine Auftragsarbeit handelt. Durch einen Schlaganfall im Jahre 2001 und eine weitere Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes im Jahre 2004 bei ansonsten klarem Verstand unfähig, ausreichend zusammenhängende Sätze zu formulieren, hatte Mutter Angelica Raymond Arroyo gebeten, die „ganze Geschichte“, also auch die Geschichte ihrer letzten, von schwerster Krankheit und einem zunehmenden Verstummen geprägten Lebensphase und der damit zusammenhängenden erheblichen Schwierigkeiten im Konvent ihres Klosters in Hanceville zu beschreiben.
Am Ostersonntag 2016 ist sie heimgegangen. Nach der Lektüre ahnt man ihr ungewöhnliches Motiv für den Auftrag – hierin gleicht sie dem heiligen Papst Johannes Paul II.: Nur die Wahrhaftigkeit bis zuletzt ermöglicht ein glaubwürdiges Lebenszeugnis für Jesus Christus. Ihre Liebe zum Herrn, wie sie in dem Buch von Arroyo auch durch Zitate von mehreren ihr nahestehenden Menschen geschildert wird, geht dem Autor und dem Leser gleichermaßen nahe.
Kraft aus dem Schweigen in der Freundschaft mit Gott
Ihr Schweigen wird ihr als ungeheuerliche Herausforderung zu einer geistlichen Reise in die ewige Herrlichkeit. Der Mönchsvater Benedikt bezeichnet das Schweigen im 7. Kapitel seiner Regel als eine der höchsten Stufen der Demut der monastischen Existenz.
Arroyo nutzt die Beschreibung der „ganzen“ Wahrheit, wie sie von Mutter Angelica gewünscht wurde, zu einer geistlichen Bilanz ihres Lebens und Leidens, die uns Wegweiser für unser eigenes Glaubensleben sein kann. Ihr durch die Medien vermitteltes Segenswirken, das im Buch durch zahlreiche Bezeugungen von EWTN-Zuschauern bewegend dokumentiert wird, wird deutlich als Ausfluss einer Kraft, die nicht aus dem Reden, sondern aus dem Schweigen in der Freundschaft zu Gott kommt.
Die hl. Teresa von Avila – eine spirituelle Lehrmeisterin auch für Mutter Angelica – hat dieses Stillsein mit Gott so auf den Punkt gebracht: „... das innere Gebet ist nichts anderes als ein freundschaftlicher Umgang, bei dem wir oftmals ganz allein mit dem reden, von dem wir wissen, dass er uns liebt.“
Mutter Angelica sagte über ihre Medienarbeit: „Ein Sender, der spirituelles Wachstum fördern will, muss im kontemplativen Leben verwurzelt sein. ... Es ist das Ungewöhnlichste, was ein Orden tun kann, aber Gott bewirkt gern Großes mit Kleinen.“[4]
„Weißes Martyrium“ im fortschreitenden Leiden
Aber ihr über ein Jahrzehnt sich steigerndes Verstummen war die Konsequenz eines „weißen Martyriums“ – im Sinne einer Hingabe an Gott im fortschreitenden Leiden. Hierin erkannte sie die Vollendung eines Musters in ihrem Leben. Arroyo schreibt: „Parallel zu jedem Fortschritt in ihrer Arbeit widerfuhr Mutter Angelica ein körperliches Leiden. »Das war schon immer die Vorbereitung, die Gott mir offenbar gibt«, sagte sie über ihre Schmerzen in einem Interview. »Immer scheint es dem, was der Herr von mir möchte, vorauszugehen.« Mutter Angelica war nie weit entfernt vom Schatten des Kreuzes, wenn sie den Willen Gottes umsetzte.“[5] Und er erinnert sich, was sie ihm lange vor ihrer langen letzten Leidensphase gesagt hat: „»Eine der Lektionen, die ich gelernt habe, besagt, dass das Leiden und das Alter etwas sehr Wertvolles sind. Weißt du warum? Weil wir in diesen Phasen unseres Lebens mächtig sind.« Mutter Angelica wollte damit sagen, dass die Alten und Schwachen lange Stunden mit Gott allein verbringen, Stunden, in denen sie beten und für andere Fürbitte leisten. Es ist eine geheimnisvolle Macht, aber es ist dennoch eine Macht. In dem Maße, wie ihr Körper schwächer wird, erstarkt ihr Geist. Wenn der Tod naht, gehen die Ängste zurück. Und dasselbe gilt für das Interesse an der materiellen Welt.“[6]
Ökonomie Gottes – das Nutzlose in den Augen der Welt
Und er berichtet, was eine Mitschwester ihm sagte, die Mutter Angelica sehr nahestand: „»Ich weiß, dass sie den Sender zum Teil für diejenigen aufgebaut hat, die ans Haus gefesselt sind, und jetzt ist sie eine von ihnen«, erzählte mir Schwester Grace Marie in der Zeit, als Mutter Angelica auf ihre Zelle beschränkt war. »Ich kann mir vorstellen, dass sie für die Kirche und für den Heiligen Vater betet [...]. Wer weiß, ob das Leid, das sie ertragen hat, nicht wirksamer ist als alles, was sie zuvor getan hat? Sie ist ganz ausgeliefert – und dieses beständige ›Ja‹ zum Willen Gottes in ihrem Leiden ist für mich solch ein beredtes Zeugnis. Das ist ja die Ökonomie Gottes: Er nimmt, was in den Augen der Welt nutzlos ist, und macht es wertvoll. Er kommt nicht, um das Leiden wegzunehmen, sondern um es zu heiligen. Und sie lehrt uns immer noch, ... wie man auf die richtige Art das Leiden annimmt [...]. Von einer Person, die eine so mächtige Kommunikatorin war, zu jemandem, der sich nicht mehr mitteilen kann. Dieses Annehmen von Gottes Willen ist enorm [...]. In Anbetracht all dessen, was sie ertragen hat, ist sie eine heilige Frau. Sie lehrt mich so unglaublich viel. ...«“[7]
Und selbst EWTN-Fans vor den Mattscheiben spürten die Kraft, die von ihrem Schweigen ausging, als sie nicht mehr live auf dem Bildschirm zu sehen war. Raymond Arroyo zitiert aus der Zuschrift des Zuschauers Ken Crawford: „Mutter Angelicas größtes Geschenk für mich ist ihr Leiden. Es klingt verrückt, nicht wahr? Ich leide an Multipler Sklerose, bei der viele Komplikationen aufgetreten sind. Gefesselt an einen Rollstuhl, Schmerzen, Kraftlosigkeit usw. [...] Mutter Angelica hat mir gezeigt, dass Leiden eine edle, wertvolle Berufung ist. ... Keine Live-Übertragungen von EWTN mehr – sie tut jetzt das, was sie schon immer tun wollte: Sie verbringt Stunden im Gebet, und im Schweigen ihres Herzens betet sie Jesus an.“[8]
„Leiden ist Heilen“
In einem persönlichen Gespräch vertraute Angelica unserem Autor einst an: „Mir wurde eines Tages bewusst, dass diejenigen, die fortwährend leiden, möglicherweise nicht geheilt werden, weil sie selbst Heiler sind. Das größte Geschenk, das Gott mir seit meiner Berufung gemacht hat, ist das Leiden, denn ich bin eine stolze Person, und bei dem Apostolat, das Gott uns übertragen hat, und der Arbeit, die zu leisten ist, muss ich völlig von Ihm abhängig sein [...]. Ich habe deshalb geistlich heilen können, weil ich körperlich nicht geheilt worden bin. Leiden ist Heilen. Es gibt Leute, die meinen, der Pfad zur Heiligkeit bestehe darin, von körperlichem Leiden geheilt zu werden. Gott aber benutzt dieses Leiden häufig, um uns zu verändern und unsere Seelen zu heilen.“[9]
Einstieg von Papst Leo XIV. in sein Pontifikat
In der eingangs genannten Predigt zitiert Papst Leo XIV. den hl. Ignatius von Antiochien, der angesichts der Aussicht, bald im römischen Zirkus von wilden Tieren verschlungen zu werden, äußerte: „Dann werde ich wirklich ein Jünger Jesu Christi sein, wenn die Welt meinen Leib nicht mehr sieht.“ Auch Mutter Angelica hat in diesem Sinne durch ihr Verstummen und langsames leibliches Verschwinden Christus verkündet. Durch das Buch von Arroyo über sie werden wir an ein unzerstörbares Licht in unserer Zukunft erinnert.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 6/Juni 2025
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[1] Raymond Arroyo: Mutter Angelica. Ihr großes Schweigen – Ihre letzten Jahre und ihr Vermächtnis – Die Fortsetzung zu: Mutter Angelica. Eine Nonne schreibt Fernsehgeschichte, geb., 272 S., € 16,95 (D), € 17,50 (A), ISBN 978-3-947931-98-9; www.media-maria.de
[2] (Seite) 208/9.
[3] ewtn.de/ueber-ewtn/unsere-gruenderin/
[4] 54.
[5] 59.
[6] 223.
[7] 225/226.
[8] 181.
[9] 262.
30 Jahre Kruzifix-Urteil
Es geht um die Sinnfrage unserer Gesellschaft
In seiner Karfreitagspredigt am 18. April 2025 im Augsburger Dom ging Weihbischof Dr. Anton Losinger auf das „Kruzifix-Urteil“ ein, das das Bundesverfassungsgericht vor 30 Jahren verkündet hatte. Mit klaren Worten brandmarkte er diesen Schritt als Fehlentwicklung und rief dazu auf, sich für das Sichtbar-Bleiben des Kreuzes in unserem Alltag einzusetzen. Man brauche das Kreuz in der Bildungs-Landschaft, im Gesundheits-System und im alltäglichen Leben. Denn beim Kreuz handle es sich nicht nur um ein Stück Kulturgut, sondern um die entscheidende Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Der Blick auf das Kreuz könne Halt und Orientierung geben, das Bewusstsein der unveräußerlichen Würde jedes Menschen bewahren und in Leid und Not Hoffnung schenken.
Von Weihbischof Anton Losinger, Augsburg
An diesem Karfreitag des Jahres 2025 stehen wir vor einem zweifelhaften Jubiläum. 30 Jahre ist es nun her, seit das Bundesverfassungsgericht das hochumstrittene „Kruzifix-Urteil“ verkündete. Am 16. Mai 1995 hatte das höchste Gericht der Republik verfügt, dass es im Namen des hohen Gutes der Religionsfreiheit einem Schüler nicht zumutbar sei, unter dem Kreuz zu lernen, und deshalb das Kreuz – unter Umständen auch gegen den Willen der Mehrheit der Mitschüler – aus seinem Klassenzimmer zu entfernen sei.
Wir erlebten daraufhin eine tiefe Entrüstung bei vielen Christen, empörte Leserbriefserien in allen großen Zeitungen, Eltern, die sich zu Wort meldeten und ihren Elternwillen zu einer christlichen Erziehung ihrer Kinder „unter dem Kreuz“ dokumentierten, und klare Gegenpositionen aus allen kirchlichen Ebenen. Und wir erlebten die größte kirchliche Demonstration der Republik – in München von der Ludwigsstraße zum Marienplatz. Wollen wir wirklich eine Bildung ohne das Kreuz? Eine Öffentlichkeit ohne religiösen Bezugspunkt? Ohne Sinnfragen? Ohne die grundlegenden Wertedimensionen eines christlichen Abendlandes, für die das Kreuz steht?
Über die rechtliche und politische Debatte hinaus ist aber dies der entscheidende Punkt, der uns Christen an diesem Karfreitag zutiefst beunruhigen und herausfordern muss. Es ist die zentrale Frage: Welche Bedeutung hat das Kreuz für uns? – 30 Jahre nach dem ominösen Kruzifix-Urteil – Warum brauchen wir das Kreuz? Und wo?
Ein erster wichtiger Ort für das Kreuz ist und bleibt für mich die Schule!
1. Wir brauchen das Kreuz in den Schulen
Denn vor allem junge Menschen suchen Orientierung und Halt! Wo sie keine Antworten bekommen, entsteht geistige Not. Da gerät unsere Gesellschaft in dramatische Schieflagen! Gerade in diesen Tagen, da uns wieder Amokdrohungen an unseren Schulen aufschrecken, wird uns so deutlich wie selten bewusst, wie wichtig tragende geistige Maßstäbe, tragende „Werte-Stützen“ für das Leben junger Menschen sind.
Es wäre ein bitterer Fehler unserer Erwachsenenwelt, zu meinen, Kinder lebten in einer heilen Welt und hätten keine Probleme, oder die Probleme von Kindern wären klein, nur weil die Kinder klein sind! Im Gegenteil: Gerade Kinder und junge Menschen von heute brauchen dringender denn je Antworten auf die Sinn-Fragen, die Leid-Fragen ihres Lebens sind. Sie brauchen religiöse Zuwendung, sie brauchen Religionsunterricht und sie brauchen ein Gesicht, in das sie blicken können in ihren Zweifeln und auch Ängsten, die eben nicht pädagogisch und psychologisch geglättet werden können. Dafür steht das Kreuz in unseren Klasszimmern, dafür steht das Gesicht des liebenden, mitleidenden Christus! Dafür steht das Kreuz in unseren Schulen! Im Blickpunkt der tausend Fragen junger Menschen!
Geradezu ein Leuchtturm ist für mich die sympathische junge Studentin Sophie Scholl, Mitglied des Widerstandskreises „Weiße Rose“ gegen Adolf Hitler und die Nationalsozialisten, die nach einer missglückten Flugblattaktion im Lichthof der Münchener Universität verhaftet und am 24. Februar 1943 durch das Fallbeil in München-Stadelheim hingerichtet wurde. Von ihr gibt es Aufzeichnungen und Briefe aus der Haft. Da legt sie den Finger in die Wunde, wenn sie schreibt: „Das mache ich Dir zum Vorwurf, du denkender Mensch in dieser Schicksalsstunde unserer Geschichte. Du verwendest alle Kraft und Energie auf die letzte Perfektionierung des Maschinengewehrs, aber die wesentlichsten aller Fragen lässt du außer Acht: Die Frage Wohin? Und die Frage Warum?“ – Dafür steht das Kreuz in unseren Schulen! Es ist eine Antwort auf all die bohrenden und bleibenden Sinnfragen junger Menschen aller Zeiten.
Ein zweiter wesentlicher Platz für das Kreuz sind die Orte von Leid und Krankheit in unserem Leben.
2. Wir brauchen das Kreuz in den Krankenhäusern
Leid und Krankheit ist immer gegenwärtig in unserem Leben. Trotz all der Möglichkeiten modernster Wissenschaft und Technik, trotz höchster medizinischer Kunst werden wir die Hinfälligkeit des Leidens nie beseitigen. Leiden, Krankheit und Tod, das gehört unentrinnbar tief hinein in unsere menschliche Existenz. Besonders im medizinischen Bereich ist uns doch in jüngster Zeit, trotz der phantastischen Möglichkeiten und Aussichten, die uns die moderne Gentechnologie und Biomedizin verheißt, vieles fraglich geworden. All die Zweifel und Proteste um gentechnische Verfahren, die Grenzen der Embryonenforschung, Präimplantationsdiagnostik, die Fragen nach dem Beginn und dem Ende des menschlichen Lebens, der Kampf um den Schutz des unantastbaren Lebensrechtes der Person – all das zeigt die Kehrseite einer wissenschaftlichen Entwicklung, die wachsende Ängste in den Menschen entstehen lässt.
Darum brauchen wir das Kreuz in unseren Krankenzimmern, in den Pflegeheimen und zuhause, wo Menschen von Angehörigen gepflegt werden, damit kranke und sterbende Menschen mit Hoffnung auf den leidenden Christus blicken können, und in liebender menschlicher Zuneigung leben und auch sterben dürfen, wenn es an der Zeit ist.
Deshalb treten wir in der Kirche mit Leidenschaft ein gegen kommerzielle Sterbehilfeorganisationen wie DIGNITAS oder EXIT, und auch gegen die Praktiken, die allesamt ein Geschäft mit dem Tod machen. Deshalb sind wir gegen ärztlich assistierten Suizid – Ärzte sind Heiler und Helfer – und wenden uns gegen ein Ärztebild, das sich vom Heiler zum Vollstrecker wandelt. Darum stemmen wir uns vehement gegen Tötung auf Verlangen. Weil um Jesu willen kein Mensch durch die Hand eines anderen aktiv exekutiert oder auch nur durch sublimes Drängen seiner Umgebung in den Tod gedrängt werden soll.
Darum schließlich ein dritter Ort, an dem wir das Kreuz brauchen.
3. Wir brauchen das Kreuz in unserm Alltag
Wir brauchen heute Kreuze in den Herrgottswinkeln unserer Familien, wir brauchen Gipfelkreuze auf unseren Bergen, wir brauchen das Kreuz auch in den Gerichtssälen, in den Amtszimmern und in der politischen Öffentlichkeit. Das Kreuz ist wichtig, damit die Menschen das richtige menschenwürdige Maß bewahren und sich nicht überheben über die Würde des anderen. Das Kreuz ist wichtig, damit wir immer wieder die eigene Endlichkeit und Begrenztheit realisieren gegen die Kreuzigung und Erniedrigung des Nächsten! Das Kreuz in unseren Lebensräumen ist wichtig, damit uns an den Kreuzungspunkten unserer Existenz, auch in der Not und im Leid, die Hoffnung bewahrt bleibt, die freie Luft zum Atmen und das Bewusstsein der unveräußerlichen Würde und des Lebensrechts jedes Menschen. Das macht den wahren Unterschied im Kreuz Jesu Christi zu allen Billigangeboten der Sinnstiftungsindustrie unserer Tage!
„Die Grundlagen des Rechts“
Was ist in Ihren Augen die bedeutendste politische Rede im Deutschen Bundestag – seit dem Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichts vor 30 Jahren? Für mich ist es die Rede Papst Benedikts XVI. anlässlich seines Deutschlandbesuchs am 22. September 2011. Sein Thema: „Die Grundlagen des Rechts“. Da setzt der Papst mit der berühmten Frage des Kirchenvaters Augustinus an: „Nimm das Recht weg, was ist dann ein Staat anderes als eine große Räuberbande?“ und er bestätigt „Wir Deutsche wissen es aus eigener Erfahrung, dass diese Worte nicht ein leeres Schreckgespenst sind. Wir haben erlebt, dass Macht von Recht getrennt wurde, dass Macht gegen Recht stand, das Recht zertreten hat und dass der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde.“
Der Papst bezieht sich auf Ernst-Wolfgang Böckenförde, den berühmten Verfassungsrechtler, der 1976 diesen bleibenden Satz geprägt hat: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er nicht garantieren kann.“ Und Benedikt XVI. beziffert drastisch die Konsequenzen: „Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen.“ Soweit Papst Benedikt im Deutschen Bundestag in seiner historischen Rede zu den Grundlagen des Rechts.
Bedenken wir an diesem denkwürdigen Karfreitag des Jahres 2025: Wo das Kreuz entfernt wird, fehlt mehr als nur ein Stück Kulturgut. Da geht es um die Fundamente unserer menschlichen Identität, um das menschenwürdige Antlitz eines Staates und die Grundlagen des Rechts und es geht letztendlich um die Sinnfrage unserer Gesellschaft! Was wollen wir hoffen? Und wie wollen wir leben?
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Theologie als „prophetisches Amt in der Kirche“
John Henry Newmans Weckrufe
2024 ist ein Buch mit dem Titel „Wagnisse des Christseins. John Henry Newmans Weckrufe in die Realisierung des Glaubens heute“[1] erschienen. Roman A. Siebenrock und Jakob Geier haben 13 Predigten des unverwechselbaren Theologen und Mahners in neuer Übersetzung herausgebracht. Der am 13. Oktober 2019 heiliggesprochene Konvertit und Kardinal John Henry Newman sah eine religionslose Epoche heraufziehen, auf die er seine Zeitgenossen und künftigen Generationen vorbereiten wollte. Es wird ein Abenteuer, auf das sich ein Christ in dieser neuen Umgebung einlassen muss. Nachfolge Christi bedeutet umso mehr ein „Wagnis des Glaubens“, das jeden einzelnen herausfordert, sich kompromisslos und mit spirituellem Tiefgang unter das Wort Gottes zu stellen. Eine Rezension von Studiendirektor Jakob Knab.
Von Jakob Knab
Im Blick auf das gute Dutzend von Predigten, die in diesem Buch neu ins Deutsche übertragen wurden und als Einweisung in den christlichen Weg vorgestellt werden, nimmt der begnadete Prediger John Henry Newman Gestalt an.
Prophetische Antwort auf die epochalen Herausforderungen seiner Zeit
Newman lebt aus der Heiligen Schrift und denkt im Horizont seiner Zeit wie auch seiner englischen Kultur und Tradition. Als Leser spürt man sein feines Gespür für historische und gesellschaftliche Entwicklungen. John Henry Newman erkennt die Zeichen der Zeit, er antwortet auf die epochale Herausforderung der Europäischen Aufklärung mit einer existentiellen christlichen Gläubigkeit. Newman, der die Theologie das „prophetische Amt in der Kirche“ nannte, war seiner Zeit voraus und wollte die Hörenden für diese anbrechende Zukunft vorbereiten. In den Worten von Joseph Kardinal Ratzinger: „Newman gehört zu den großen Lehrern der Kirche, weil er zugleich unser Herz berührt und unser Denken erleuchtet.“
Orientierung in der Finsternis durch das „gütige Licht der Wahrheit“
Über seine Suche nach dem gütigen Licht (lux benigna) der Wahrheit gibt sein Gedicht „Lead, kindly light“ Aufschluss: „Lead, kindly light, amid th‘encircling gloom Lead thou me on! The night is dark, and I am far from home Lead thou me on! Keep thou my feet; I do not ask to see the distant scene – one step enough for me“ [„Führ liebes Licht, im Ring der Dunkelheit führ du mich an. Die Nacht ist tief, noch ist die Heimat weit, führ du mich an! Behüte du den Fuß: der fernen Bilder Zug begehr ich nicht zu sehen: ein Schritt ist mir genug“]. Heute noch erstaunen die Predigten, die Newman als Geistlicher der Church of England an der Universitätskirche St Mary the Virgin in Oxford gehalten hat. Auch der kirchenferne Kulturkritiker Matthew Arnold (1822-1888) war seinerzeit fasziniert: „Who could resist the charm of that spiritual apparition, gliding in the dim afternoon light through the aisles of St. Mary’s, rising into the pulpit, and then, in the most entrancing of voices, breaking the silence with words and thoughts which were a religious music – subtle, sweet, mournful?" [Wer konnte dem Reiz jener durchgeistigten Erscheinung widerstehen, die im Dämmerlicht des Nachmittags durch das Kirchenschiff von St. Mary’s glitt, auf die Kanzel stieg und dann in seiner hinreißenden Stimme die Stille brach mit Gedanken und Worten, die religiöse Musik waren – feinsinnig, köstlich und klagend?]
Kompromissloser Glaube angesichts der reformatorischen Rechtfertigungslehre
Im vorliegenden Band wird der heutige Leser an die Hand genommen, da ausgewiesene Newman-Kenner zu den Predigten hinführen. In seiner Predigt „Die Strenge des Gesetzes Christi“, eingeleitet durch Thomas Möllenbeck, will Newman aufrütteln: Glaube duldet keine Kompromisse; der Mensch muss sich entscheiden, ob er Gott dienen oder der Abweichung verfallen möchte. Autor Möllenbeck erkundet und erhellt auch das religions- und ideengeschichtliche Umfeld, wenn er auf Newmans „Lectures on the Doctrine of Justification“ aus dem Jahre 1838 [Vorlesungen über die Lehre der Rechtfertigung] über Luther und dessen Streitschrift gegen Erasmus „De servo arbitrio“ (1525) bis hin zu Kant „Die Religion in den Grenzen der bloßen Vernunft“ (1794) verweist.
Die Ansprache „Gehorsam ohne Liebe – veranschaulicht am Charakter des Bileam“ mit einer Hinführung von Bernd Trocholepczy verdeutlicht, dass bloße Pflichterfüllung für ein gläubiges Leben nicht genügt; persönliche Liebe, Vertrauen und Hingabe sind nötig. Dieser Gedanke wird weitergeführt in der von Lothar Kuld aufgeschlüsselten Predigt „Liebe – das eine Notwendige“: Allein die Gottesliebe kann den Glauben wirklich und lebendig machen.
Wagnis des Glaubens auf Christi Wort hin ohne Angst vor der Zukunft
„Die Wagnisse des Glaubens“: So lautet eine von Wilhelm Tolksdorf erschlossene Predigt, in der Newman darlegt, dass der Glaube den Menschen ständig herausfordert, sein eigenes Leben für das Evangelium auf die Waagschale zu werfen. Bei dieser Suche nach Sinn hält Tolksdorf fest: Mit Newman von den Wagnissen des Glaubens zu sprechen, bedeutet, die Vielfalt wahrzunehmen, in der sich Lebensgeschichten ereignen, heißt aber auch, die Wende- und Knotenpunkte anzuschauen, an denen die eigene Biografie verbindlich geworden ist. In seiner Hinführung folgt Tolksdorf Newmans – und auch Joseph Ratzingers – Spuren, wenn er vom wahren Glück, von der begnadeten Innerlichkeit und der Wahrheitsfähigkeit des Geschöpfes Mensch spricht. Hier nimmt das freudige Erschrecken Gestalt an, dass alles Glauben ein einziges Wagnis ist.
Lob, Dank und Anerkennung den beiden Herausgebern
Nun soll der hl. John Henry Newman in seiner englischen Muttersprache zu Wort kommen: „If then faith be the essence of a Christian life, and if it be what I have now de-scribed, it follows that our duty lies in risking upon Christ‘s word what we have, for what we have not; and doing so in a noble, generous way, not indeed rashly or lightly, still without knowing accurately what we are doing, not knowing either what we give up, nor again what we shall gain; uncertain about our reward, uncertain about our extent of sacrifice, in all respects leaning, waiting upon Him, trusting in Him to fulfil His promise, trusting in Him to enable us to fulfil our own vows, and so in all respects proceeding without carefulness or anxiety about the future.“
Die folgende Übertragung ins Deutsche soll die Herausforderung veranschaulichen, die der Übersetzer bewältigen musste: „Wenn nun der Glaube das Wesentliche eines christlichen Lebens ist und wenn er dem entspricht, was ich soeben beschrieben habe, dann folgt daraus, dass unsere Pflicht darin liegt, auf Christi Wort hin das, was wir haben, zu wagen für das, was wir nicht haben, und zwar auf eine so noble und großherzige Art und Weise, nicht etwa unbesonnen oder leichtfertig, wenn auch ohne genaue Kenntnisse dessen, was wir tun; weder wissend, was wir aufgegeben haben, noch, was wir gewinnen werden; im Ungewissen über unseren Lohn, über das Ausmaß unseres Opfers, in jeder Hinsicht uns auf ihn verlassend, ihn erwartend und darauf vertrauend, dass er sein Versprechen einlösen werde, dass er uns befähige, unsere eigenen Versprechen zu erfüllen und so in jeder Hinsicht ohne Sorge und Angst um die Zukunft voranzuschreiten.“
Lob, Dank und Anerkennung gilt den beiden Herausgebern Roman A. Siebenrock und Jakob Geier, da sie die Idee zu diesem Sammelband mit Hingabe, Herzblut und Beharrlichkeit in die Tat umgesetzt haben.
Heiligkeit des Alltags
Seine Predigt bei der Heiligsprechung von John Henry Newman am 13. Oktober 2019 auf dem Petersplatz in Rom beschloss Papst Franziskus mit den Worten:
„Es ist die Heiligkeit des Alltags, von der der heilige Kardinal Newman spricht: »Der Christ besitzt einen tiefen, stillen, verborgenen Frieden, den die Welt nicht sieht [...] Der Christ ist heiter, zugänglich, freundlich, sanft, zuvorkommend, lauter, anspruchslos; er kennt keine Verstellung, [...] er ist [...] dabei aber so wenig ungewöhnlich oder auffallend in seinem Benehmen, dass er auf den ersten Blick leicht als ein gewöhnlicher Mensch angesehen werden mag« (Parochial and Plain Sermons, V,5). Bitten wir darum, so zu sein, „liebes Licht“ inmitten der Finsternisse der Welt. Jesus, »bleibe bei mir! Dann werde ich selber auch leuchten, wie du geleuchtet hast, werde andern ein Licht sein« (Meditations on Christian Doctrine, VII,3). Amen.“
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[1] Roman A. Siebenrock/Jakob Geier (Hg.): Wagnisse des Christseins. John Henry Newmans Weckrufe in die Realisierung des Glaubens heute, Grünewald Verlag 2024, 284 S., Pb., ISBN: 978-3-7867-3222-8, Euro 28,00 – Bestellung unter: shop.verlagsgruppe-patmos.de/wagnisse-des-christseins-303222.html – Tel. +49 (7634) 505 45-27
Ein Katechet aus Burkina Faso berichtet von seiner Geiselhaft
Bedroht, entführt, misshandelt – und weiter treu im Dienst
„Sechshundertachtundneunzig, sechshundertneunundneunzig, siebenhundert.“ In der Stille der Nacht bewegt Mathieu kleine Steine von einer Seite zur anderen. Jeder steht für ein Ave-Maria, das er in einer Nacht seiner Gefangenschaft gebetet hat. Vier Monate verbrachte Mathieu in den Fängen von Terroristen, irgendwo im Niemandsland zwischen Mali, Burkina Faso und Niger. An seiner Seite Pauline, seine im fünften Monat schwangere Frau. Der Katechet erklärt sich dazu bereit, „Kirche in Not“ seine Geschichte bei einem Besuch des Hilfswerks in Burkina Faso zu erzählen. Seine Frau bleibt dem Gespräch fern – die Wunden des Erlebten schmerzen noch zu sehr.
Von Tobias Lehner
Als Mathieu 2003 beschloss, Katechet zu werden, konnte er nicht ahnen, welcher Kreuzweg daraus für ihn und seine Frau werden würde. Die Rolle der Katecheten in zahlreichen afrikanischen Ländern ist bei uns kaum bekannt: Nach vierjähriger Ausbildung betreuen Katecheten katholische Gemeinden in entlegenen Gebieten. Sie begleiten die Gläubigen im Alltag, bereiten sie auf die Sakramente vor, leiten Sonntagsandachten und fungieren als Brücke zum oft kilometerweit entfernten Pfarrer.
Epizentrum islamistischer Gewalt
Das westafrikanische Burkina Faso ist eines der Epizentren des Islamismus in der Sahelzone. Nahezu die Hälfte des Landes wird von Terrorgruppen kontrolliert; deren Wurzeln und Finanzquellen liegen oft im Ausland. Zwei Millionen Menschen sind UN-Angaben zufolge auf der Flucht. Terror und Gewalt treffen alle Bevölkerungsgruppen. Beobachter stellen jedoch auch gezielte Attacken auf christliche Bewohner fest, die rund ein Viertel der Einwohner des Landes ausmachen. „Kirche in Not“ unterstützt in Burkina Faso neben der Ausbildung und der Arbeit von Katecheten unter anderem katholische Schulen, kirchliche Flüchtlingslager und die seelsorgerische Begleitung von traumatisierten Menschen.
„Als meine Frau und ich als Katecheten anfingen, war es noch friedlich“, erzählt Mathieu. „Das Gemeindeleben lief störungsfrei, wir kamen auch gut mit den muslimischen Nachbarn aus. Wir hielten ein paar Tiere und bewirtschaften etwas Land“, erzählt Mathieu. „2018 jedoch erlebte Baasmere den ersten Überfall von Extremisten.“ Das Dorf Baasmere, zur Diözese Dori gehörend, ist Teil der Pfarrei Aribinda im Norden von Burkina Faso. Die kleine katholische Gemeinde zählt etwa 150 bis 200 Mitglieder.
Erste Warnungen
„Es kamen Männer in mein Haus und forderten mich auf, nicht mehr zu beten und keine religiösen Veranstaltungen mehr zu organisieren“, berichtet Mathieu. „Wenn du weitermachst, wird dir etwas Schlimmes passieren“, drohten sie. „Natürlich hatte ich Angst“, gesteht der Katechet und fünffache Vater, „aber ich dachte: Ich kann nicht aufhören, Gottes Wort zu verkünden – dafür bin ich hier. Also machte ich weiter.“
Dann kamen sie ein zweites Mal: „Sie warfen mir vor, weiter zu beten und Andachten zu leiten“, erinnert sich der Katechet. Nach dieser erneuten Drohung trafen sich die Katecheten der Region mit dem zuständigen Pfarrer und dem Bischof. Alle beschlossen zu bleiben, aber auch, unauffälliger zu agieren, und zu versuchen, dem Radar der Extremisten zu entgehen. Seine Frau brachte Mathieu am Schulort der Kinder, einige Kilometer entfernt, in Sicherheit. Sie erwartete ihr sechstes Kind.
Die Entführung
Am Samstag vor Pfingsten kehrte seine Frau zurück, damit sie das Fest gemeinsam verbringen konnten. Es war der 20. Mai 2018. Um zwölf Uhr mittags ruhte sich Mathieu zu Hause aus, als etwa zehn vermummte Bewaffnete in sein Haus eindrangen. Sie fragten ihn: „Was tust du noch hier?“ Er antwortete: „Ich bin Katechet, ich erfülle meine Aufgabe.“ Daraufhin zwangen sie ihn zu Boden, verbanden ihm die Augen und fesselten ihn. Sie zerrten ihn hinaus und setzten ihn zwischen zwei Terroristen auf ein Motorrad. „Ich dachte, ich würde sterben“, erinnert sich Mathieu. Mit verbundenen Augen konnte Mathieu nicht bemerken, dass auch seine Frau Pauline gefangen genommen worden war. „Erst nach der ersten Nacht, als sie mir die Augenbinde abnahmen und die Fesseln lösten, wurde mir klar, dass sie bei mir war; es war schrecklich“, erzählt Mathieu.
Gefangen im Niemandsland
Eine endlose Reise begann. Bis heute weiß Mathieu nicht, wo er festgehalten wurde, nicht einmal in welchem Land. Tag für Tag hätten seine Bewacher gedroht: „Wir werden dich töten, du kannst die Art wählen, wie du getötet werden willst. Üblicherweise würden wir dir die Kehle durchschneiden, aber du darfst entscheiden.“ Die Entführer verbrannten die wenigen Habseligkeiten, die Mathieu und Pauline bei sich trugen, gaben ihnen neue Namen und muslimische Kleidung. „In der ganzen Zeit hörte ich nie auf zu beten“, betont Mathieu. „Ich erinnere mich an eine Nacht, in der ich siebenhundert Ave-Maria betete und sie mit kleinen Steinen zählte. Das Gebet war in diesen Momenten mein einziger Halt. Wir fühlten uns nicht von Gott verlassen, das Rosenkranzgebet gab mir Kraft.“ Die vier Monate der Geiselhaft fasst Mathieu in einem einzigen Satz zusammen, der das Unbeschreibliche ahnen lässt: „Sie haben uns nicht gut behandelt, wir haben viel gelitten, vor allem meine Frau.“
Die Befreiung … und die Trauer
So abrupt wie die Entführung begonnen hatte, ging sie auch zu Ende. Nachdem die Terroristen sie in einer Einöde ausgesetzt hatten, half ihnen ein Hirte, ein Fahrzeug zu finden, das sie direkt ins nächste Krankenhaus brachte. Pauline konnte behandelt werden, doch ihr ungeborenes Baby war tot. Bei dieser Erinnerung werden Mathieus Augen trüb vor Trauer. Trotz des Terror-Risikos beschloss Mathieu, wieder in sein Dorf zurückzukehren: Es war nichts mehr übrig, alles war zerstört worden. Doch in der Asche seines Hauses entdeckte er zwei Dinge: seinen Personalausweis und die Bibel. „Ich war sehr ergriffen, denn es war die Bibel, die der Bischof mir bei meiner Bestellung zum Katecheten überreicht hatte.“ Als der Bischof ihm nahelegte, nach all dem, was er erlitten hatte, sich vorzeitig zur Ruhe zu setzen, erwiderte Mathieu: „Ich will nicht ruhen, ich möchte meinem Volk dienen. Man muss bezeugen, wem man folgt und Gott die Treue halten.“
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 6/Juni 2025
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
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Zum Gedenktag des hl. Kirchenlehrers Antonius von Padua am 13. Juni
Die heutige Kirche braucht spirituelle Kompetenz
Aus dem Buch „Schönheit und Fülle des Glaubens. Maria, Heilige, Kirche – Geistliches Leben“[1] von Prälat Dr. Eugen Kleindienst (geb. 1952) veröffentlichen wir nachfolgend eine Predigt über den hl. Antonius von Padua (15. August 1195 – 13. Juni 1231). Auf Verlangen des Volkes wurde er bereits elf Monate nach seinem Tod heiliggesprochen, nämlich von Papst Gregor IX. am 30. Mai 1232. Es war die bislang kürzeste Dauer eines offiziellen Heiligsprechungsprozesses. Doch erst am 16. Januar 1946 wurde er von Papst Pius XII. zum Kirchenlehrer erhoben. Prälat Kleindienst sieht in ihm nicht nur einen beliebten Volksheiligen, sondern einen aktuellen Mahner, der in vielfacher Hinsicht „Ausrufezeichen“ für unsere Zeit setzt.
Von Eugen Kleindienst
„II Santo“ – Der Heilige
In Italien nennt man ihn einfach „IL SANTO“ – „DER HEILIGE“. Mehr muss man nicht sagen. Mit diesem Titel ist nicht etwa der sehr populäre Franz von Assisi (1181-1226) gemeint. „II Santo“ ist Antonius von Padua, ein Zeitgenosse und Ordensbruder des „Poverello“ – wie man Franz von Assisi nennt. Antonius starb nahe der Stadt Padua am 13. Juni 1231. 35 Jahre zuvor wurde er in Lissabon geboren. Seine Eltern gaben ihm den Namen Ferdinando. Was machte diesen Mann über Jahrhunderte hinweg unvergessen?
Aus der Sammlung leben
„Wenn du es eilig hast, setze dich!“ Das ist ein Wort von Antonius. Es wirft ein Licht auf die Innenseite dieses Menschen, auf seinen Charakter und auch auf seine Art zu glauben. „Wenn du es eilig hast, setze dich!“ Hier spricht ein Mensch, der sich nicht treiben lässt, der nicht oberflächlich war, sondern den Augenblick auszuschöpfen verstand. So hat es Paulus den Ephesern geraten: „Kaufet die Zeit aus!“ (Eph 5,17). Mancher mag jetzt denken, im Mittelalter sei es doch ruhiger gewesen. Das kurze Leben des Antonius sagt etwas anderes. Er wirkte in seiner Heimat Portugal, in Italien und Südfrankreich, unermüdlich auf Wanderschaft, gefragt als Prediger, geschätzt als Lehrer der Theologie. Der Heilige vollbrachte eine enorme Lebensleistung. So etwas ging damals ebenso wie heute nur mit einem Leben der inneren Sammlung und Konzentration. Ein starker Glaube hilft dazu, weil er den umhergetriebenen Menschen in einem tiefen Wurzelwerk verankert. Uns modernen Menschen setzt Antonius ein Ausrufezeichen. Du kannst nicht nur extrovertiert leben. Du brauchst auch eine introvertierte Seite. Eine starke Innenseite wirkt wie eine Firewall gegen das Ausgebrannt-Sein, gegen das lähmende „Burn-out“.
Schrein der Heiligen Schrift
Wenn Antonius predigte, reichten die Kirchen oft nicht aus, um die Leute zu fassen. Er predigte daher auf Plätzen und Straßen. Da die meisten Leute nicht lesen konnten und Bücher nur die Eliten besaßen, predigte Antonius die Bibel und brachte den Leuten das Wort Gottes nahe. Er soll die Bibel nahezu auswendig beherrscht haben. Papst Gregor IX. (Papst 1227-1241) ehrte ihn deshalb mit dem Titel „Schrein der Heiligen Schrift“. Aus diesem Grund wird Antonius mit der Bibel in der Hand dargestellt. Meist ist das Jesuskind dabei. Die Heilige Schrift bringt uns zu Jesus – das ist wohl der Kern einer Vision, in der der Heilige beim Lesen der HI. Schrift Jesus gesehen hat. Mit seiner Leidenschaft für das Wort Gottes hat Antonius 300 Jahre vor den Reformatoren die Hl. Schrift in den Mittelpunkt gerückt und war seiner Zeit weit voraus. Uns setzt er damit ein Ausrufezeichen. Das Fundament christlichen Glaubens ist ein Leben mit und aus dem Wort Gottes.
Um das Verlorene und um Arme kümmern
Antonius war kein Dominikus (1170-1221) und kein Bonaventura (1221-1274). Ihn trieb weder der Wunsch an, hohe Theologie zu betreiben, noch derjenige, einen Orden zu gründen. Sein Motiv war, Menschen für Christus zu gewinnen. Er wollte retten, was verloren schien. So kam Antonius in den Ruf, das Verlorene wiederzufinden. Dieses zunächst missionarisch-spirituelle Motiv wurde volkstümlich erweitert auf alles, was verloren ging und wiedergefunden werden sollte. Und wirklich: Mich hat der Heilige auch in solchen Fällen nie enttäuscht. In seiner schlichten Art war auch die von dem Franziskaner Antonius frei gewählte Armut ein Teil seiner Glaubwürdigkeit und Wirkung im Volk. Die Leute waren damals arm. Papst und Bischöfe lebten wie Fürsten. Antonius dagegen war der Mann der Straßen und Plätze. Er hatte sein Ohr bei den einfachen Leuten. Damit setzt er wiederum ein Ausrufezeichen. Antonius verkörpert die spirituelle und praktische Sorge um Verlorene und Arme, die Passion einer Kirche für das Volk.[2]
Spirituelle Kompetenz – Der Heilige des Volkes
Was machte diesen Mann über Jahrhunderte hinweg unvergessen? Diese Frage wollten wir beantworten. Antonius von Padua gehörte mit Dominikus und Franz von Assisi zu den Lichtgestalten der Kirche seiner Zeit, der mit Innozenz III. (Papst 1198-1216) ein Kontrastbild vorstand, nämlich ein rein politischer und auf Macht bedachter Papst.[3] Während Innozenz III., der „mächtigste Papst der Geschichte“,[4] bei seiner Aufbahrung ausgeraubt wurde und erst 670 Jahre später im Lateran ein Papstgrab erhielt, vermochte Antonius über seine Zeit hinaus Ausrufezeichen für ein christliches Leben zu setzen. Er hatte nämlich etwas, das die damalige mittelalterliche Kirche rettete und was auch die heutige Kirche dringend braucht: spirituelle Kompetenz. Vor allem deswegen blieb Antonius über Jahrhunderte hinweg „II Santo“ – der Heilige des Volkes.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 6/Juni 2025
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[1] Eugen Kleindienst: Schönheit und Fülle des Glaubens. Maria, Heilige, Kirche – Geistliches Leben, Kunstverlag Josef Fink, 122 S., mit Illustrationen, Euro 7,50, ISBN 978-3-95976-431-5; kunstverlag-fink.de
[2] In seiner Biografie über Papst Franziskus geht Daniel Deckers auf die argentinische Theologie des Volkes ein. Bergoglio steht der Spiritualität der „Minderbrüder“ nahe, auch der des Antonius von Padua. Deckers schreibt, Bergoglio habe versucht, „das Leben der Kirche aus der Perspektive des pueblo fiel, des gläubigen Volkes zu betrachten und zu verändern“. Daniel Deckers: Franziskus, eine Biografie, München 2014, 100.
[3] Wilhelm Imkamp: Das Kirchenbild Innozenz III., in: Georg Denzler (Hg.): Kirche und Papsttum, Bd. 22, Stuttgart 1983, 330.
[4] Volker Reinhardt: Pontifex. Die Geschichte der Päpste, München 2017, 336, nennt Innozenz den „mächtigsten Papst der Geschichte“, der der zu seinem Pontifikat und Kirchenbild im Kontrast stehenden Armutsbewegung der Humiliaten und Minderbrüder nur um den Preis völliger Unterordnung Anerkennung gewährte.
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