Liebe Leserinnen und Leser
Von Erich Maria Fink und Thomas Maria Rimmel
Am Morgen des 21. April 2025 hat Gott Papst Franziskus zu sich gerufen. Noch am Vortag, dem Ostersonntag, durfte er von der Loggia des Petersdoms aus der ganzen Welt den Segen „Urbi et orbi“ erteilen und anschließend durch die Reihen der Gläubigen auf dem Petersplatz fahren. Es waren seine letzten öffentlichen Worte. Was für ein gnadenvoller Schlussakkord am Ende eines Pontifikats, in dem er unermüdlich versuchte, den Menschen die Nähe des Guten Hirten und die allumfassende Liebe des Barmherzigen Vaters spüren zu lassen! Es war ein Geschenk der göttlichen Vorsehung, dass er nicht im Krankenhaus gestorben ist, sondern dieses letzte Zeichen seiner mitfühlenden Hinwendung zu allen Menschen setzen konnte.
Franziskus wollte nicht von seinem Amt zurücktreten, sondern seinem Auftrag bis zum letzten Atemzug treu bleiben. Deshalb dürfen wir seinen Heimgang auch als Erlösung betrachten, einerseits für ihn persönlich, andererseits aber auch für die Leitung der Weltkirche, die sich zusehends schwieriger gestaltete. Gott selbst wird das Steuer des Kirchenschiffs nun in die Hände eines Nachfolgers übergeben. Wir sind gerufen, mit großem Eifer dafür zu beten, dass uns der Herr einen Papst nach seinem Herzen schenkt. Gleichzeitig gilt es, das reiche Erbe, das uns Franziskus hinterlassen hat, zu bewahren und nach Gottes Willen umzusetzen.
Am 14. Januar 2025 erschien seine Autobiografie mit dem Titel „Hoffe“. Sie ist das Ergebnis einer sechsjährigen Zusammenarbeit mit dem Journalisten Carlo Musso. Zunächst war es nicht die Absicht, diesen sehr persönlich gehaltenen Rückblick bereits zu Lebzeiten des Papstes zu veröffentlichen. Doch kamen die Beteiligten 2023 zur Überzeugung, das Buch könnte einen wertvollen Beitrag zum Heiligen Jahr 2025 leisten. Es passt wunderbar zum Motto „Pilger der Hoffnung“. Carlo Musso meinte: „Hoffnung ist die tragende Säule, die das gesamte Leben von Papst Franziskus durchzieht, und der rote Faden, der diese lange Geschichte zusammenhält, selbst auf den Seiten, auf denen er wahre Schrecken schildert.“ So entschied der Papst, seine Erinnerungen bereits zum Auftakt des Jubiläumsjahres der Öffentlichkeit vorzulegen.
Wir haben verschiedene Persönlichkeiten gewonnen, die aus unterschiedlichen Richtungen auf das nun zu Ende gegangene Pontifikat zurückblicken: den aus Italien stammenden Bischof Christian Carlassare MCCJ von Bentiu im Südsudan, der sich bei seinem Dienst in Afrika von Papst Franziskus immer verstanden, inspiriert und unterstützt fühlte; den Dogmatikprofessor Dr. Roman Anton Siebenrock, der im Dienst dieses Papstes prophetische Weichenstellungen sieht, besonders in der synodalen Weggemeinschaft, die er angestoßen hat; den Historiker Dr. h.c. Michael Hesemann, der bereits 2013 auf der Grundlage einzigartiger Recherchen in der Heimat des neuen Papstes das Buch „Papst Franziskus. Das Vermächtnis Benedikt XVI. und die Zukunft der Kirche“ herausgegeben hat und nun seine zwölfjährige Amtszeit kommentiert; den Historiker Klaus-Hermann Rössler, der die Autobiografie ausführlich rezensiert, und schließlich die Theologin Dr. Veronika Ruf, welche die Verbindung von Papst Franziskus zum Marienbild der Knotenlöserin in Augsburg entfaltet, was einen schönen Einstieg in den Marienmonat Mai bildet. All diese Beiträge lassen den ganzen Reichtum des jüngsten Pontifikats aufscheinen, der auch uns mit tiefer Hoffnung und Zuversicht erfüllen möge.
Liebe Leserinnen und Leser, zwölf Jahre lang haben wir aufrichtig und mit gläubiger Treue zur Kirche versucht, die Inhalte des Pontifikats von Papst Franziskus zu erklären und zu vermitteln. Für uns ist sein Heimgang ein besonderer Meilenstein, den wir mit Dankbarkeit für Ihre Treue und Verbundenheit in unser Gebet um einen guten Nachfolger einschließen. Auf die Fürsprache Mariens, der Maienkönigin, wünschen wir Ihnen Gottes reichsten Segen!
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2025
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„Bittet ‚Maria Knotenlöserin‘ für mich!“
Papst Franziskus und das Gnadenbild von Augsburg
Die in Rom promovierte Theologin Dr. Veronika Ruf war von 2002 bis 2012 Studienleiterin bei „Theologie im Fernkurs“ in Würzburg, eine Einrichtung, die im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz theologische bzw. berufsqualifizierende Kurse im Fernstudium anbietet. Dr. Ruf war u.a. für die Organisation des neu konzipierten Grundkurses zuständig. 2012 wechselte sie zu Beginn des neugegründeten „Instituts für Neuevangelisierung und Gemeindepastoral“ der Diözese nach Augsburg. Seit 2017 ist sie Theologische Referentin im Fachbereich Liturgie des Bistums Augsburg. Sie hat eine Novene zur Knotenlöserin mit Gebeten von Papst Franziskus verfasst (Fe-Medien). In ihrem Beitrag geht sie auf die große Aufmerksamkeit ein, die Papst Franziskus dem Bild der „Knotenlöserin“ geschenkt hat, das sich etwa seit 1700 in der Augsburger Kirche St. Peter am Perlach befindet.
Von Veronika Ruf
Dass Papst Franziskus eine Vorliebe für die Muttergottes hatte, ist kein Geheimnis. Würde er sich sonst in der Patriarchalbasilika Santa Maria Maggiore in Rom begraben lassen wollen, statt in der Gruft der Päpste im Petersdom?
Dass er zudem noch eine Vorliebe hatte für das Bild „Maria Knotenlöserin“, ist auch kein Geheimnis. Im Vatikan finden sich an mehreren Stellen Kopien des Gemäldes, unter anderem auch in der Casa Santa Marta, dem Wohnsitz des Papstes.
„Kotenlöserin“ bekannt als „Madonna del Papa“
Das prominenteste dürfte jenes sein, das hinter seinem Arbeitsschreibtisch hing. Davon sind Fotos um die ganze Welt gegangen, und so hat das Bild Weltberühmtheit erlangt. Insbesondere in Italien ist es bekannt durch Novenen, Kleinschriften, Medaillen oder gar ganze Altäre. Man sprach dort von der „Madonna del Papa“ – der Madonna des Papstes. In Neapel etwa fand ich eine große Kopie an einem Seitenaltar in der Kirche Santa Maria Incoronatella della Pietà dei Turchini in der Nähe des Hafens. Dort kann man Gebetsanliegen an die Knotenlöserin auf Zettel schreiben, derer dann in besonderen Gottesdiensten gedacht wird.
Scharen von italienisch- und spanischsprachigen Pilgern kommen nach Augsburg zum Original in die Kirche St. Peter am Perlach am Rathausplatz. Einheimische und Fremde bringen dort Anliegen und Schwierigkeiten aller Art – ihre „Knoten“ – zur Gottesmutter Maria. Ursprünglich bezog sich das verknotete Band in ihren Händen auf ein Eheband, das sich nach intensivem Gebet des Ehemanns glättete und bis zum Lebensende des Paares hielt. Zum Dank ließ der Enkel des Paares, der Kanoniker Hieronymus Ambrosius Langenmantel, um 1700 das Bild der Knotenlöserin malen. Maria lässt darauf einen Knäuel von Knoten, den ihr ein Engel anreicht, mit geneigtem Kopf und gesenkten Lidern liebevoll durch ihre Hände gleiten und löst daraus einen Knoten nach dem anderen. Ein Engel auf der anderen Seite fängt das glatte Band auf. Maria wird überschattet vom Heiligen Geist und tritt mit einem Fuß der Schlange, die genauso verknotet ist, auf den Kopf. Letztlich stammt jeder Knoten aus der Bosheit der Sünde, die durch den Glauben und Gehorsam Marias gelöst wird.
Verbreitung in ganz Lateinamerika
Woher kam nun die große Liebe von Papst Franziskus zu dieser Mariendarstellung? Zu Beginn seines Pontifikats verbreiteten deutsche Medien die Geschichte, dass Franziskus während seines Studiums in Deutschland das Bild in Augsburg entdeckt und Karten davon mit nach Argentinien genommen hätte. Diese Meinung hielt sich jahrelang. Erst 2017 stellte der Papst in einem Interview mit der „Zeit“ richtig: Er war nie in Augsburg. (Leider! Das wäre zu schön gewesen, um wahr zu sein!) Er sagte: „Die Geschichte war so: Zu Weihnachten hatte mir eine Ordensschwester, die ich in Deutschland kennengelernt hatte, eine Grußkarte mit diesem Bild geschickt. Das Bild machte mich sofort neugierig. Nicht weil es so großartig wäre, es ist ziemlich mittelmäßiger Barock... Aber es hat mir so gut gefallen, dass ich angefangen habe, Postkarten davon zu verschicken.“[1]
Während seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires verbreitete sich das Bild sehr schnell in seiner Heimat Argentinien. Von dort aus wurde es in ganz Lateinamerika und darüber hinaus bekannt. Selbst die kolumbianische Frau meines Cousins von New York kennt die Knotenlöserin. Auch ein Gebet zur Knotenlöserin machte die Runde, für das Kardinal Jorge Ma-rio Bergoglio als damaliger Erzbischof von Buenos Aires die kirchliche Druckerlaubnis erteilt hatte (s. unten).
„Begleiterin“ des gesamten Pontifikats
Während seines Pontifikats sahen wir Papst Franziskus immer wieder in Verbindung mit der Knotenlöserin. Hier nur ein paar Beispiele: Bei der Generalaudienz am 14. Oktober 2020 bat er die anwesenden Augsburger Pilger: „Bittet Maria Knotenlöserin für mich!“[2] Selbst wenn Mitglieder der Bruderschaft der Jungfrau von Montserrat (Spanien) bei ihm zur Audienz waren, war ihm die Knotenlöserin im Sinn: „Maria ist auch ,facilitadora‘, Vermittlerin bei Konflikten und Problemen. Sie hilft uns, die Knoten zu lösen, die in uns und unter uns entstehen können.“[3]
Wenn Gäste aus Bayern beim Papst waren – etwa der Augsburger Oberhirte Bertram Meier oder der bayerische Ministerpräsident Markus Söder –, dann waren Gastgeschenke wie eine Kerze oder ein Amulett mit dem Bildnis der Knotenlöserin ein Muss. Auch Franziskus selbst verschenkte das Bild sehr gerne bei besonderen Anlässen.
Ein besonderes Ereignis war im Jahr 2021, als Franziskus zum Abschluss eines weltweiten Gebetsmarathons um ein Ende der Corona-Pandemie vor einer Kopie der Knotenlöserin in den Vatikanischen Gärten betete und die Muttergottes mit einer kleinen Krone krönte. Diese Krone ist heute in St. Peter am Perlach zu sehen.
Franziskus‘ innige Liebe zur Muttergottes war in seiner Kindheit schon gewachsen. Seine Großmutter Rosa lehrte ihn als erste die Verehrung der Jungfrau Maria. Diese hat er sein Leben lang beibehalten. Immer wieder suchte er Zuflucht bei ihr, allein oder im Namen der ganzen Welt, so wie im Akt der Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens am 25. März 2022: „Komm in dieser dunklen Stunde zu uns, um uns beizustehen und uns zu trösten. Sag uns immer wieder neu: ‚Bin ich denn nicht da, ich, die ich deine Mutter bin?‘ Du kannst die Verstrickungen unseres Herzens und die Knoten unserer Zeit lösen. Wir setzen unser Vertrauen in dich. Wir sind gewiss, dass du, besonders in Zeiten der Prüfung, unser Flehen nicht verschmähst und uns zu Hilfe kommst.“[4]
Solche Gebete sind einfach, ja kindlich; wie Franziskus überhaupt mit einfachen, alltäglichen Sätzen, Bildern und Beispielen sprach. Doch ist die dahinterstehende Theologie tief und nachhaltig.
Theologische Deutung des Titels
Bei der Marianischen Vigil aus Anlass des „Jahrs des Glaubens“ am Samstag, den 12. Oktober 2013, hielt Papst Franziskus auf dem Petersplatz eine Ansprache, in der er unter dem Leitgedanken „Der Glaube Marias löst den Knoten der Sünde“ selbst eine theologische Deutung des Bildes der Knotenlöserin gab. Er sagte:
„Maria führt uns immer zu Jesus. Sie ist eine Frau des Glaubens. Wir können uns fragen: Wie war der Glaube Marias? Das erste Element ihres Glaubens ist dieses: Der Glaube Marias löst den Knoten der Sünde (vgl. Lumen gentium, 56). Was bedeutet das? Die Konzilsväter haben ein Wort des hl. Irenäus übernommen, der sagt, dass ‚der Knoten des Ungehorsams der Eva durch den Gehorsam Marias gelöst [wurde]; denn was die Jungfrau Eva durch ihren Unglauben angebunden hatte, das löste die Jungfrau Maria durch ihren Glauben‘ (Adversus haereses III, 22, 4).
Der ‚Knoten‘ des Ungehorsams, der ‚Knoten‘ des Unglaubens. Wenn ein Kind der Mutter oder dem Vater nicht gehorcht, bildet sich, so könnten wir sagen, ein kleiner ‚Knoten‘. Das geschieht, wenn das Kind sich bei seinem Handeln bewusst ist, was es tut, besonders wenn dabei eine Lüge mit im Spiel ist. In diesem Augenblick vertraut es der Mutter und dem Vater nicht. Ihr wisst, wie oft das geschieht! Da muss dann die Beziehung zu den Eltern von diesem Fehler gereinigt werden; das Kind bittet nämlich um Verzeihung, damit wieder Harmonie und Vertrauen herrsche.
Etwas Ähnliches passiert bei unserer Beziehung zu Gott. Wenn wir auf ihn nicht hören, folgen wir nicht seinem Willen, vollziehen wir konkrete Handlungen, durch die wir einen Mangel an Vertrauen in ihn zeigen – und das ist die Sünde; sie bildet sich wie ein Knoten in unserem Innern. Und diese Knoten nehmen uns den Frieden und die Gelassenheit. Sie sind gefährlich, denn mehrere Knoten können zu einem Knäuel werden, das immer schmerzhafter wird und immer schwieriger zu lösen ist.
Aber für Gottes Barmherzigkeit – das wissen wir – ist nichts unmöglich! Auch die verworrensten Knoten lösen sich mit seiner Gnade. Und Maria hat mit ihrem ‚Ja‘ Gott die Tür geöffnet, damit er die Knoten des…Ungehorsams löse. Sie ist die Mutter, die uns mit Geduld und Zärtlichkeit zu Gott führt, damit er die Knoten unserer Seele mit seiner väterlichen Barmherzigkeit löse.
Jeder von uns hat einige, und wir können uns in unserem Herzen fragen: Welche Knoten gibt es in meinem Leben? ‚Vater, die Meinen kann man nicht lösen!‘ Aber das ist ein Irrtum! Alle Knoten des Herzens, alle Knoten des Gewissens können gelöst werden. Bitte ich Maria, dass sie mir helfe, Vertrauen in die Barmherzigkeit Gottes zu haben, um sie zu lösen, um mich zu ändern? Sie, die Frau des Glaubens, wird uns sicher sagen: ‚Geh weiter, geh zum Herrn, er versteht dich.‘ Und sie führt uns an der Hand, die Mutter, in den Arm des Vaters, des Vaters der Barmherzigkeit. (…)
Heute Abend, Mutter, danken wir dir für deinen Glauben als starke und demütige Frau; wir erneuern unsere Hingabe an dich, du Mutter unseres Glaubens. Amen.“
Wenn nun Papst Franziskus bei der „Salus Populi Romani“ (Heil des römischen Volkes) in Santa Maria Maggiore seine letzte Ruhe finden wird, bleibt ihm die „Knotenlöserin“ garantiert nahe. Es ist ja immer dieselbe große Frau, die den Weg in die Ewigkeit ebnet, egal unter welchem Titel wir sie anrufen. Sind wir dankbar, dass Papst Franziskus uns in seinem Pontifikat die Verehrung der Gottesmutter Maria vorgelebt und ans Herz gelegt hat!
Gebet zur Knotenlöserin
Heilige Maria,
du bist ganz erfüllt von der Gegenwart Gottes.
In deinem Leben hast du demütig
den Willen des Vaters angenommen.
Das Böse konnte dich nie
mit seinen Verwirrungen umgarnen.
Bei deinem Sohn bist du schon damals
eingetreten für unsere Schwierigkeiten.
Mit aller Einfachheit und Geduld
hast du uns ein Beispiel gegeben,
wie wir die verwickelten Dinge unseres Lebens
entwirren können.
Weil du immer unsere Mutter bleibst,
ordne und verstärke die Bande,
die uns mit dem Herrn verbinden.
Heilige Maria,
Mutter Gottes und unsere Mutter,
du löst mit mütterlichem Herzen die Knoten,
die unser Leben bedrängen.
Wir bitten dich, nimm in deine Hände
jene Knoten, die wir dir jetzt bringen.
Mach uns frei von Bindungen und Verwirrungen,
mit denen uns der Feind bedrängt.
Unsere Frau,
durch deine Gnade und deine Fürsprache,
durch dein Beispiel befreie uns von allem Bösen.
Löse die Knoten, die uns daran hindern,
uns mit Gott zu vereinen; bis wir befreit
von allen Verwirrungen und Schwächen
ihm in allen Dingen begegnen können;
bis in ihm unsere Herzen zur Ruhe kommen
und bis wir ihm allezeit in unseren Brüdern
und Schwestern dienen können.
Amen.[5]
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2025
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[1] www.zeit.de/2017/11/papst-franziskus-vatikan-katholische-kirche-interview
[2] www.vaticannews.va/de/papst/news/2020-10/papst-augsburg-pilger-gebet-maria-knotenloeserin-generalaudienz.html
[3] www.vaticannews.va/de/papst/news/2023-10/papst-franziskus-audienzen-pilger-spanien-montserrat-800-jahre.html
[4] www.vatican.va/content/francesco/de/prayers/documents/20220325-atto-consacrazione-cuoredimaria.html
[5] Mit Erlaubnis zur Verbreitung durch den damaligen Erzbischof von Buenos Aires, Kardinal Jorge Mario Bergoglio.
Zum Fest „Patrona Bavariae“ am 1. Mai
Zeichen der Hoffnung
Prälat Dr. Eugen Kleindienst (geb. 1952) wurde 1978 zum Priester geweiht und war von 1984 bis 1993 Generalvikar, danach Finanzdirektor und Domdekan im Bistum Augsburg. 2003 wurde er vom Auswärtigen Amt zur Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl nach Rom in den diplomatischen Dienst berufen. Dort war er bis zu seinem Ruhestand 2015 geistlicher Botschaftsrat I. Klasse. 2023 erschien im Kunstverlag Josef Fink ein Büchlein mit dem Titel „Schönheit und Fülle des Glaubens. Maria, Heilige, Kirche – Geistliches Leben“.[1] Darin veröffentlichte Dr. Kleindienst geistliche Texte, die er zum größten Teil als Predigten in der Basilika St. Ulrich und Afra in Augsburg gehalten hat. Nachfolgend dürfen wir dankenswerterweise die Predigt zum Fest der Schutzfrau Bayerns, der „Patrona Bavariae“, wiedergeben, das seit 1970 am 1. Mai gefeiert wird.
Von Eugen Kleindienst
Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. So nennen Historiker den Ersten Weltkrieg. Mitten in diesem Krieg richtete Bayerns letzter König Ludwig III. an Papst Benedikt XV. (Papst 1914-1922) die Bitte, die Verehrung der Gottesmutter Maria als Patronin Bayerns zu gestatten. König Ludwig III. mochte bei seiner Initiative an die andere große Katastrophe gedacht haben, die am Beginn der Neuzeit Mitteleuropa entvölkert und unvorstellbar verwüstet hatte. Der Dreißigjährige Krieg wollte kein Ende finden. Da errichtete 1638 Kurfürst Maximilian in seiner Residenzstadt München die Mariensäule. Die Verehrung Marias war ein spirituelles Zeichen der Hoffnung, eine Zuflucht in der Not. Da es niemandem gelingen wollte, die für den Krieg typische Eskalation der Gewalt zu beenden, blieb zuletzt nur das Vertrauen in den Himmel im Zeichen der Gottesmutter Maria.
(Noch) lebt die Hoffnung
Auf den Himmel setzte auch der Dichter Reinhold Schneider. In der Hoffnung auf ein Ende der Nazi-Diktatur schrieb er 1936 die berühmten Worte: „Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten.“
Sie haben es bemerkt. Ich spreche im Imperfekt. Die Zeichen der katholischen Volksfrömmigkeit sind vielen fremd geworden. Für den aufgeklärten und selbstbestimmten Menschen von heute scheint nur zu zählen, was er selbst machen kann. Es scheint so – sagte ich. Ist es auch so? – frage ich. Dagegen sprechen unzählige von Beterinnen und Betern entzündete Kerzen und Niederschriften von oft bewegenden Fürbitten. Sie lassen keinen Zweifel zu, dass die Hoffnung auf die Hilfe des Himmels auch heute noch lebt, wenn auch verborgener und privater als ehedem. Der Glaube an den Schutzschild der „virgo potens“, der mächtigen Jungfrau, mag schlicht sein. Deren Hilfe und spirituelle Kraft hat sich in der Geschichte wirksam erwiesen. Ganz ist die Hoffnung auf himmlische Hilfe also noch nicht verloren gegangen, besonders jetzt, wo wir den Krieg wieder sehen und unsere Ohnmacht erleben.
Maria hilft
Die zahlreichen der Gottesmutter Maria geweihten Dome, Kirchen und Wallfahrten Bayerns sind Ausdruck einer von Hoffnung geprägten Frömmigkeit. Zwei Worte über dem Eingang zur Klosterkirche Polling charakterisieren diese Art Frömmigkeit: „Liberalitas Bavarica“ steht dort geschrieben. Das ist kein Plädoyer für Liberalismus oder gar religiöse Indifferenz. Der Spruch erinnert vielmehr an die Freigebigkeit, an die Großzügigkeit und die edle Gesinnung der Menschen, die in Solidarität leben, was sie im Glauben erhoffen. Frömmigkeit, die auf Maria schaut, ist eine menschenfreundliche Frömmigkeit. Sie wird auch heute gelebt und gebraucht, zum Beispiel für die Flüchtlinge oder für eine oft verborgene, stille Not. Das Gebet von Menschen in Not und deren Helferinnen und Helfern lautet daher oft: „Maria hilf!“. Die Sorge um die Menschen ist Sache Marias, weshalb der Name „Consolatrix afflictorum“, „Trösterin der Betrübten“, zu ihren schönsten Titeln gehört.
Die Erde braucht den Himmel
Die Inschrift an der Mariensäule spiegelt eine Frömmigkeit, in der Himmel und Erde zusammengehören. Mit anderen Worten: Die Erde braucht den Himmel. Ohne den Himmel ist die Erde nicht das, was sie sein kann. Ohne den Himmel kann sie sogar zur Hölle werden Wer wollte angesichts der Bilder aus der Ukraine noch bezweifeln, dass das Böse existiert? Im Kampf gegen das Böse ruft Paulus dazu auf, die Werke der Finsternis abzulegen und die Waffen des Lichtes anzulegen (Röm 13,12). Damit aus der Erde keine Hölle wird, bedarf es auch der Waffen des Lichtes, des geistlichen Widerstandes gegen das Böse. Die katholische Tradition sieht in Maria das Idealbild dieses Ringens zwischen den Werken der Finsternis und den Waffen des Lichts. In diesem spirituellen Sinn spricht die Tradition von „Maria vom Sieg“.
Patronin voller Güte
Wir sind heute anders geprägt als unsere Vorfahren. Die Hoffnung auf die Hilfe des Himmels hat aber die Attacken der Verweltlichung und Gottvergessenheit überlebt. Es gibt sie noch, die Hoffnung auf die Hilfe des Himmels, verkörpert in der Gestalt Marias. Wie unsere Vorfahren werden wir nicht vergebens rufen: „Patronin voller Güte, uns allezeit behüte!“ (GL 534).
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2025
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[1] Eugen Kleindienst: Schönheit und Fülle des Glaubens. Maria, Heilige, Kirche – Geistliches Leben, Kunstverlag Josef Fink, 122 S., mit Illustrationen, Euro 7,50, ISBN 978-3-95976-431-5; kunstverlag-fink.de
Rückblick auf das zwölfjährige Pontifikat von Papst Franziskus
Der Volkspapst
Der Historiker Dr. h.c. Michael Hesemann (geb. 1964) kann auf eine bewegte Karriere als Journalist und Autor zurückblicken. Er hat Dutzende von Büchern herausgegeben und ist unermüdlich auf Vortragsreisen unterwegs. Bereits 2013 veröffentlichte er ein Buch über den eben zum Papst gewählten Kardinal Jorge Mario Bergoglio aus Südamerika, der dem Jesuitenorden angehörte, sich aber den Namen Franziskus gab, um ganz bewusst an das Charisma des hl. Franz von Assisi anzuknüpfen. Die 288 Seiten umfassende Publikation trägt den Titel „Papst Franziskus. Das Vermächtnis Benedikt XVI. und die Zukunft der Kirche“.[1] Um dieses Buch zu schreiben, reiste er eigens nach Argentinien und sprach vor allem mit Maria Elena Bergoglio, der Schwester des Papstes. Er konnte aber auch viele Freunde und Vertraute befragen wie den Rabbiner Abraham Skorka oder Pater Guillermo Marcó, den vielleicht engsten Vertrauten des vormaligen Erzbischofs von Buenos Aires. Mit ähnlicher Aufmerksamkeit, wie er damals den Wurzeln Kardinal Bergoglios nachging, verfolgte Hesemann dessen weiteren Weg als Petrusnachfolger. So kann er nun im Rückblick auf die vergangenen zwölf Jahre eine umfassende Einordnung des nun zu Ende gegangenen Pontifikats vornehmen und dabei unterschiedliche Sichtweisen berücksichtigen.
Von Michael Hesemann
Vor 12 Jahren stand ich in strömendem Regen auf dem Petersplatz, beobachtete eine Möwe, die ebenfalls darauf wartete, dass aus dem berühmtesten Schornstein der Welt weißer Rauch kam und wurde Zeuge eines „Habemus Papam“, das mich mehr als irritierte.
„Dominum Georgium Marium Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Bergoglio“ sei der neue Papst, verkündete Kardinalprotodiakon Tauran, und mein Blick in die Menge verriet, dass die meisten auf dem Platz genauso erstaunt waren wie ich.
Man kann Papst Franziskus nur verstehen, wenn man seine Heimat kennt
Wer, bittesehr, war Bergoglio? Ich hatte in den Tagen zuvor viele Gespräche mit Kollegen und Vatikan-Insidern geführt, doch keiner von ihnen hatte den Argentinier auch nur als papabile erwogen. Tatsächlich gab es keine einzige Zeitung der Welt, die Bergoglio zu den „papabiles“ gezählt hatte. Für uns alle war das eine Riesenüberraschung, für mich vor allem eine Herausforderung. Ich sollte ein Buch über den neuen Papst schreiben und das hieß: ganz von vorne anfangen. Denn über einen Kardinal, den kein einziger Insider auf dem Radarschirm hatte, der sich in Europa eher selten gezeigt hatte, wusste auch ich rein gar nichts. Während Kollegen im Schnellverfahren erste Bücher produzierten, die mehr auf Gerüchten und Phantasien basierten, nahm ich mir lieber die Zeit, um nach Argentinien zu fliegen und mit den Menschen zu reden, die ihn wirklich kannten: mit seiner Schwester, seinem ehemaligen engsten Mitarbeiter und seinem besten Freund, dem Rabbi von Buenos Aires. Vor allem aber kann man doch einen Menschen erst begreifen, wenn man das Umfeld kennt, dem er entstammt. Für uns alle als Mitteleuropäer ist Argentinien, mit Verlaub gesagt, doch eine größtenteils unbekannte Welt. Man kann Papst Franziskus aber nur verstehen, wenn man seine Heimat kennt.
„Kirche der Armen“ im Licht der Befreiung aus der Kolonialherrschaft
Nehmen wir das vielzitierte Wort von der „Kirche der Armen“. Wer oder was aber waren „die Armen“ für ihn und welche Kirche repräsentieren sie? Die Unterschicht in Europa ist ja nicht gerade gläubig, ihre Kirche wäre eher eine der laxen Moral und der oberflächlichen Frömmigkeit. Kirche wird hierzulande vom Bürgertum getragen, aber auch von der traditionellen Elite, dem Adel. In Südamerika ist das ganz anders, wie mir Pater Marco, der langjährige engste Mitarbeiter Kardinal Bergoglios, so gut erklärte. Das waren ja Kolonien, die von Europa, drastisch gesprochen, ausgebeutet, deren Bevölkerung versklavt wurde. Die Oberschicht bestand aus echten Unterdrückern und Ausbeutern, aus skrupellosen Kolonialherren, die sich um Sitte und Moral nicht kümmerten, und einem korrupten Klerus, der es ihnen erlaubte, die Kirche als Alibi zu missbrauchen.
Tatsächlich wollten doch Spanier und Portugiesen nichts weniger als die Missionierung der Urbevölkerung, denn Christen durfte man nicht mehr versklaven. Dem machten aber die Missionsorden, die Franziskaner in Mittel- und die Jesuiten in Südamerika, einen Strich durch die Rechnung. Sie christianisierten die Indios und befreiten sie damit aus der Sklaverei. So ermöglichten sie die Entstehung einer Mischgesellschaft aus Indigenen, Mestizen und Kreolen, die schließlich so viel Selbstbewusstsein entwickelte, dass sie sich in diversen Revolutionen erhob und die Fremdherrschaft abschüttelte. Sie war und ist tief im Glauben verwurzelt und hat eine ganz eigene Volksfrömmigkeit entwickelt, die ihre Identität formt.
Aversion von Papst Franziskus gegen alle monarchische Symbolik
Die Gläubigen sind in Südamerika die Armen, nicht die westlich geprägte und damit hedonistische Oberschicht, die meist noch aus Nachkommen der Kolonialherren besteht. Diese Prägung erklärt etwa die Aversion von Papst Franziskus gegen alle monarchische Symbolik, gegen Thronsessel, klassische Konzerte (die einst höfische Unterhaltung waren) oder rote Schuhe, die, trotz christlicher Umdeutung, halt ursprünglich auf die purpurnen Schuhe römischer Kaiser zurückgehen.
Franziskus‘ „Kirche der Armen“ hatte jedenfalls nichts mit „Kirche von unten“ und linken Utopien zu tun, sondern war tief in der Volksfrömmigkeit verwurzelt: Dass er ein großer Marienverehrer war, braucht man nicht eigens zu erwähnen.
Herzerwärmende Marienfrömmigkeit
Schließlich weihte Papst Franziskus nicht nur sein Pontifikat (gleich am 13. Mai 2013), sondern am 13. Oktober 2013 auch die Kirche selbst der Gottesmutter von Fatima. Denn auch die Botschaft von Fatima, ja die ganze Marienfrömmigkeit gehört zur Volksfrömmigkeit und damit zur „Kirche der Armen“. – Zu den anrührendsten Szenen seines Pontifikats gehört, wie er vor und nach jeder Auslandsreise in die römische Marienkirche S. Maria Maggiore pilgerte, der Madonna Blümchen brachte und für das Gelingen der Reise betete oder dankte. Und bei aller durchaus berechtigten Kritik, die man an anderen Aspekten dieses Pontifikats haben kann, hier war Franziskus in seiner Marienfrömmigkeit einfach herzerwärmend.
„Papa peronista“ – Synthese von Diktatur, Sozialismus und Show-Business
Natürlich war er auch europäisch geprägt als Sohn italienischer Einwanderer. Seine Großeltern stammten aus dem Piemont. Seine Eltern und vor allem die fromme Großmutter haben ihm seinen tiefen Glauben vermittelt. Aber gleichermaßen prägte ihn, schon durch die Schule, die argentinische Gesellschaft, der Nationalismus eines Peron. Franziskus war – das bestätigte mir seine Schwester – Peronist. Sie hält Peronismus für eine Umsetzung der katholischen Soziallehre. Aber Peronismus ist auch die perfekte Synthese von Diktatur, Sozialismus und Show-Business, und ja, Franziskus war ein Papa peronista, in den Augen vieler seiner Anhänger ebenso wie in den Augen seiner Gegner, die ihm diktatorische Züge unterstellten, weil er auf keinen Fall entscheidungsschwach ist. Doch er wurde kein Politiker, ganz bestimmt aber ein politischer Papst, nicht nur wegen Peron. Auch ein Orden, die Jesuiten, eckten von Anfang an in Südamerika an, weil sie sich auf die Seite der Armen und Unterdrückten gestellt hatten. Ein Umstand, der im 18. Jahrhundert sogar zum zeitweisen Verbot des Ordens führte.
Der typische „Dickkopf“ der Piemontesen begehrte gegen den Faschismus auf
Falsch ist dagegen das gerne kolportierte Gerücht, die Bergoglios seien selbst arme italienische Einwanderer gewesen. Sie waren alles andere als das, wie Franziskus jetzt selbst in seiner berührenden Autobiografie „Hoffe“ (2024) einräumt! Die Großeltern des Papstes unterhielten in Turin ein gut laufendes Café, das nachts in eine noble Bar umfunktioniert wurde. Sein Vater war Buchhalter in einer Turiner Großbank. Das waren durch und durch bürgerliche Verhältnisse. Nein, die Familie ging nach Argentinien, als Mussolini an die Macht kam. Großmutter Bergoglio hatte in der Kirche zu laut gegen die Faschisten gewettert, sie besaß, ganz wie ihr Enkel, den typischen „Dickkopf“ der Piemontesen, ihr drohte die Verhaftung. So nähte sie ein Vermögen an Bargeld in ihren Pelzmantel ein und bestieg mit ihrer Familie das nächste Schiff nach Argentinien.
Dort besaßen die Brüder ihres Mannes bereits eine Pflastersteinfabrik und hatten es zu beachtlichem Reichtum gebracht. Ihr vierstöckiges Haus war in der ganzen Stadt als „Palazzo Bergoglio“ bekannt. Der Jugendstil-Prachtbau wurde von einer imposanten Kuppel überragt und besaß als einziges Privathaus der Stadt einen eigenen Fahrstuhl. Erst als die Fabrik in der Wirtschaftskrise bankrottierte, machten die Großeltern in Buenos Aires einen Lebensmittelhandel auf. Bergoglios Vater wurde später Buchhalter in einer Miederwarenfabrik und eben nicht, wie ein Kollege behauptete, Eisenbahnarbeiter!
Oberflächliche Berichterstattung über Papst Franziskus mit fatalen Folgen
Als ich Maria Elena Bergoglio, seiner Schwester, das erzählte, hat sie laut gelacht. Nein, das ist eine nette Phantasiegeschichte. Doch so vieles wurde falsch kolportiert. Daher war es mir ein Anliegen, vor Ort die Wahrheit zu erfahren, statt Falsches abzuschreiben. Und, zugegeben: Ein Papst aus der Arbeiterklasse passt doch wunderbar zum Franziskus-Bild der Medien! So werfe ich der Berichterstattung über Papst Franziskus vor, dass sie oberflächlich ist, sich auf Äußerlichkeiten konzentriert und stets versuchte, ihn gegen seinen großen Vorgänger auszuspielen. Zudem erweckte sie falsche Hoffnungen; der fatale synodale Weg in Deutschland etwa war nur möglich, weil Franziskus den Deutschen als modernistischer Reformpapst präsentiert wurde. Und ich denke, er selber wäre der Erste gewesen, der sich gegen eine solche Vereinnahmung verwehrt hätte. So blieb von den wahnwitzigen Versprechungen deutscher Bischöfe und ZdK-Funktionäre gerade einmal eine römische „Synode zur Synodalität“, die im Herbst 2024 ohne konkrete Ergebnisse endete – Gott sei Dank!
Zeichenhaftes Handeln bis hin zur Selbstinszenierung
Natürlich gab es bei Franziskus, wie bei jedem Amtsträger, eine gewisse Selbstinszenierung. Maria Elena Bergoglio hat mir erzählt, wie er einst von seinem Vater gelernt hat, nicht durch Worte, sondern durch das eigene Beispiel zu erziehen. Genau das machte er selbst. Er kreierte Glaubwürdigkeit! Er wusste, dass es wenig Sinn macht, von einer armen Kirche zu predigen, von Barmherzigkeit und Teilen, während man selbst im Palast wohnt. Dass er im Domus S. Marthae ein größeres Schlafzimmer hat als im päpstlichen „Appartamento“, spielt dabei keine Rolle. Auch nicht, dass seine groß angekündigte Kurienreform in erster Linie aus einer Umetikettierung bestand, als aus „Kongregationen“ kurzerhand „Dikasterien“ wurden.
Es ist die Wirkung nach außen, die bei den Menschen ankommt. Das hatte Bergoglio besser verstanden als die meisten seiner Vorgänger. Er hatte ein natürliches Gefühl dafür, wie er die Menschen erreicht. Das hätten ihm hundert PR-Berater nicht besser beibringen können. Zu dieser Strategie gehörten auch medien- und öffentlichkeitswirksame „große Gesten“, die halt positive Schlagzeilen kreieren!
Gebetsvigil auf dem menschenleeren Petersplatz wird zur Ikone des Pontifikats
Zur Ikone seines Pontifikats wurde diese Szene: Einen Monat nach Ausbruch der Corona-Pandemie in Europa, am 27. März 2020, erflehte Papst Franziskus in einer Gebetsvigil bei strömendem Regen auf dem menschenleeren Petersplatz Gottes Trost und Beistand in der Not und spendete den Segen „Urbi et Orbi“. „Von diesen Kolonnaden aus, die Rom und die Welt umarmen, komme der Segen Gottes wie eine tröstende Umarmung auf euch herab“, rief er, be-vor er betete: „Herr, segne die Welt, schenke Gesundheit den Körpern und den Herzen Trost.“ Zum Gebet des Papstes waren zwei altehrwürdige Ikonen aus dem religiösen Leben Roms auf den Petersplatz gebracht worden, das Marienbildnis Salus Populi Romani („Heil des römischen Volkes“) sowie das Pest-Kruzifix aus der Kirche San Marcello. Zufall oder nicht – vom nächsten Tag an nahmen die Zahlen der Neuinfektionen wie der Todesfälle plötzlich ab! Ganz andere Bilder, von der Amazonas-Synode 2019 samt einer eher peinlichen Huldigung an die Symbolfigur für „Mutter Erde“, Pachamama, irritierten die Gläubigen und setzten Papst Franziskus schweren Anschuldigungen aus.
Die Obdachlosen und Benachteiligten interessierten ihn mehr als die katholische Elite
Durchaus authentisch war die Sorge des argentinischen Papstes um die Benachteiligten. Zu den berührendsten Momenten seines Pontifikats gehörten seine Mittwochs-audienzen. Er erschien vom ersten Moment an auf dem Papamobil wie ein antiker Triumphator. Er liebte das Bad in der Menge, war bemüht, an wirklich jedem, selbst an den hintersten Reihen, vorbeizufahren. Der offizielle Teil schien ihn zu langweilen, er fieberte dem Moment entgegen, wann er zu den Kranken und Behinderten hinabsteigen konnte, um ganz für sie da zu sein. Ohne jede Berührungsangst, liebevoll, ja zärtlich umarmte und küsste er jeden. Er hörte dort auch zu. Die prima fila dagegen schien ihn weniger zu interessieren, da schweifte sein Blick schon zum nächsten, wenn ein Audi-enzteilnehmer ihm noch etwas zu erzählen versuchte.
Er war ganz der „Papa del popolo“, der Papst des (einfachen) Volkes, dem er natürlich ein „buon pranzo“, also „gesegnete Mahlzeit“ wünschte und dem er sich nahe fühlte. Die katholische Elite langweilte ihn. Bewundernswert war seine Fürsorge für die Obdachlosen, die mittlerweile zu Hunderten rund um den Vatikan lagern. Seinem Almosenmeister Erzbischof Konrad Krajewski bescheinigte er, „den besten Job im Vatikan“ zu haben – was sicher ernst gemeint war. Seitdem stehen auf dem Petersplatz Toiletten und Duschen für Obdachlose zur Verfügung, zudem tägliches Mittagessen; manchmal wurden auf Einladung von Papst Franziskus auch Ausflüge organisiert.
Einsatz für Gerechtigkeit im Geist eines christlichen „Sozialismus“ und „Pazifismus“
Er plädierte für soziale Verantwortung und gegen die Ellbogengesellschaft, gegen die „Vergötterung des Marktes“ und „mangelnde Gerechtigkeit“ in der westlichen Gesellschaft. Seine Kritik am Kapitalismus hatte ihn schon den Ruf eingebracht, Sozialist zu sein. Pazifist war er ganz sicher: In den vielen Weltkonflikten seit Beginn seines Pontifikats, die für ihn bereits einen „dritten Weltkrieg“ darstellten, setzte er immer konsequent auf Frieden, notfalls auch mit Kompromissen. Das war im syrischen Bürgerkrieg nicht anders als im Ukraine-Konflikt, bei dem er so neutral blieb, dass beide Kriegsparteien ihm eine Nähe zur jeweils anderen Seite unterstellten. Doch bei aller Diplomatie und political correctness hatte er auch den Mut zur Aussprache unbequemer Wahrheiten. So prangerte er regelmäßig die Christenverfolgung im Nahen Osten an und war bereit, eine diplomatische Krise mit der Türkei in Kauf zu nehmen, als er den Völkermord an den Armeniern 1915 auch tatsächlich einen solchen nannte.
„Brüderlichkeit“ prägte den interkonfessionellen und interreligiösen Dialog
Ein weiterer Schwerpunkt seines Pontifikats war der interkonfessionelle und interreligiöse Dialog. Mit Bartholomäus, dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, verband ihn eine enge Freundschaft, ebenso wie mit dem koptischen Papst Tawadros, mit dem er 2019 sogar eine gemeinsame Audienz im Vatikan abhielt. Er konnte nicht ahnen, wie verheerend sich das Dokument „Fiducia Supplicans“ seines neuen Präfekten des Glaubensdikasteriums, des liberalen Argentiniers Kardinal Fernandez, auf den Dialog mit den Ostkirchen auswirken würde, für die jede noch so unsakramentale Homo-Segnung ein Unding ist. Intensiv verlief auch der Dialog mit den Lutheranern, noch näher stand er den evangelikalen Christen. Exzellent war sein Verhältnis zum Judentum – schon in Buenos Aires war Rabbi Abraham Skorka, mit dem er ein Buch herausgab, einer seiner engsten Freunde – aber auch zum Islam.
Auf seine Israel-Reise nahm er den muslimischen Imam von Buenos Aires mit, in Kairo intensivierte er den Dialog mit der al-Azhar-Universität, dem theologischen Zentrum der islamischen Welt. 2019 unterzeichneten der Papst und Ahmad al-Tayyib, der Scheich der Azhar, gemeinsam in Abu Dhabi das Dokument „Über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“, was auch zum Thema seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ wurde. Geschlossene Grenzen, wie sie etwa US-Präsident Donald Trump fordert, lehnte er ab, bis hin zu dem historisch ziemlich fragwürdigen Statement: „Christen bauen keine Mauern“.
Höhepunkt – Außerordentliches Heiliges Jahr der Barmherzigkeit
Das große Thema seines Pontifikats war Gottes Barmherzigkeit. Kein neues Thema, schon Johannes Paul II. schrieb 1980 die Enzyklika „Dives in misericordia“ („Über die göttliche Barmherzigkeit“), die wegweisend war. Franziskus, der nie ein großer Theologe war, wurde mit dem Thema auf dem Konklave konfrontiert, als ihm der deutsche Theologe Kardinal Walter Kasper sein Buch „Barmherzigkeit“ schenkte. Es sprach den Papst so sehr an, dass Kasper fortan sein „Leib- und Magentheologe“ wurde. Kaspers Theologie dominierte dann auch die Familiensynode 2014/15, die in der Veröffentlichung des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens „Amoris laetitia“ gipfelte, zu dessen wichtigsten Autoren der Wiener Erzbischof em. Christoph Kardinal Schönborn gehörte. Eine Fußnote in A.L., die „in gewissen Fällen“ auch wiederverheirateten Geschiedenen „die Hilfe der Sakramente“ zubilligte, war so offen gehalten (und führte zu den unterschiedlichsten Auslegungen), dass vier Kardinäle ihren Klärungsbedarf anmeldeten, um ein de facto Schisma in dieser Frage zu vermeiden. Franziskus antwortete nicht, denn das hätte eine Festlegung bedeutet. Stattdessen feierte die Kirche 2015/16 als „Außerordentliches Heiliges Jahr der Barmherzigkeit“; es sollte der Höhepunkt des Bergoglio-Pontifikates werden, in dem er sich als „Papst der Barmherzigkeit“ präsentieren konnte. Das nächste „reguläre“ Heilige Jahr, 2025, wurde eher lieblos vorbereitet und litt dann auch unter dem monatelangen krankheitsbedingten Ausfall des Papstes.
Unverblümter Zeuge – viel geschah spontan, aber wenig zufällig
Immer wieder demonstrierte Franziskus seine Bereitschaft, den Sünder in seine Arme zu schließen, auch wenn er durchaus klare Standpunkte vertrat. Bei aller Toleranz, bei allem „who am I to judge“, hat er doch deutlich für den Lebensschutz, gegen Abtreibung, die Homo-„Ehe“ und die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare Stellung bezogen. Wer daher Franziskus für einen Modernisten hielt, der sei daran erinnert, dass kein Papst der Moderne so oft ganz unverblümt über den Teufel gesprochen hat wie er. Franziskus war nicht mehr und nicht weniger als ein Purist, ein Mann nicht der intellektuellen Theologie, sondern der bodenständigen, unverblümten Volksfrömmigkeit. Vor allem aber war er auch eines: ein PR-Genie, ein Meister der Selbstdarstellung, der großen Gesten. Ein volkstümlicher Papst des Medienzeitalters, der „Generation Instagram“ also, bei dem sehr viel spontan, aber wenig zufällig geschah.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2025
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[1] Michael Hesemann: Papst Franziskus. Das Vermächtnis Benedikts XVI. und die Zukunft der Kirche, Herbig, gebunden, 288 Seiten (Print), ISBN: 978-3-776681796, eBook: Euro 4,99 – als Download unter: www.thalia.de/shop/home/artikeldetails /A1031228356
Veränderungen im Geist des Evangeliums
Ein Pontifikat mit Überraschungen
Wie sieht der aus Italien stammende Comboni-Missionar Christian Carlassare (geb. 1977) das jüngste Pontifikat? Seit 2005 ist er im Gebiet des heutigen Südsudans tätig. 2021 wurde er von Papst Franziskus zum Bischof der südsudanesischen Diözese Rumbek ernannt. Am 3. Juli 2024 setzte ihn der Vatikan als ersten Bischof des neu errichteten Bistums Bentiu an der Grenze zum Sudan ein. Angesichts des dortigen Bürgerkriegs, der auch immer mehr nach Süden überschwappt, ist er gewaltigen Herausforderungen ausgesetzt. Auf dem Hintergrund seiner Erfahrungen versucht er, die Akzente einzuordnen, die Papst Franziskus als oberster Hirte der Weltkirche gesetzt hat.
Von Bischof Christian Carlassare, Bentiu/Südsudan
Der Papst ist immer der Papst. Es macht keinen Sinn, die Autorität der Kardinäle in Frage zu stellen, wenn sie im Konklave den Bischof von Rom zu wählen haben. Es ist ein ganz besonderer und konkreter Augenblick, in dem göttliche Vorsehung und menschliches Bemühen aufeinander treffen. Ungeachtet der Schwäche und Begrenztheit des menschlichen Verstandes und der menschlichen Entscheidungen ist Gott am Werk. Er nimmt zerbrechliche Werkzeuge in seinen Dienst und zeigt seine liebende Barmherzigkeit und Macht gerade dadurch, dass er seinen Heilsplan durch unbrauchbare, oder besser gesagt unnütze Diener verwirklicht.
Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der der Heilige Vater verehrt wurde. Meine Großmutter schätzte besonders den verstorbenen Papst Johannes XXIII., den „guten Papst“, und Johannes Paul I., den „lächelnden Papst“. Ich bin unter dem Pontifikat von Papst Johannes Paul II. aufgewachsen und Priester geworden. Und während meines priesterlichen Dienstes lernte ich die Gestalt und die lebendige Lehre von Papst Benedikt XVI. schätzen. Sein Rücktritt hat uns alle verwirrt. Als Papst Franziskus gewählt wurde, schauten wir voller Erwartung auf das Fenster des Petersdoms und waren nach seinen ersten Worten voller Verwunderung. Sicher haben sich manche gefragt: „Kann denn vom Ende der Welt etwas Gutes kommen?“
Mission in Zeiten eines Epochenwandels
Vom ersten Tag seines Pontifikats an hat Papst Franziskus in der Kirche tiefgreifende Veränderungen angestoßen. Diese Veränderungen betreffen nicht so sehr den Bereich der Lehre. Sie haben mehr mit der Art und Weise zu tun, wie er die Kirche verwaltete und auf die Menschen zuging, sowie mit der Komplexität der heraufziehenden Weltlage. Papst Franziskus hat wiederholt darauf hingewiesen, dass „die Epoche, in der wir leben, nicht nur eine Epoche der Veränderungen, sondern die eines Epochenwandels“ ist. Er erhebte nicht den Anspruch, auf alle Fragen die richtige Antwort zu haben, erklärte sich aber bereit, die Überlegungen und die Unterscheidung zu begleiten, die zu neuen und evangeliumsgemäßeren Entscheidungen und Ergebnissen führen. Das Apostolische Schreiben Evangelii Gaudium war sicherlich der programmatische Text seines Pontifikats schlechthin. Unmissverständlich rief er zu einer pastoralen und missionarischen Umkehr auf: „Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient“ (Evangelii Gaudium, 27).
Als Mitglied eines Missionsordens kann ich nur zustimmen, dass die Kirche von Natur aus missionarisch ist. Wenn dieser Impuls, Christus und sein Evangelium zu bezeugen, nachlässt, dann altert die Kirche und verliert an Vitalität. Das führt dazu, dass eine weltliche Mentalität mit allen möglichen Ambitionen und Konflikten Einzug hält, die die Kirche ihres tiefsten Sinns beraubt und sie bis zu dem Punkt zersplittert, an dem ihr das Gespür für Brüderlichkeit verloren geht. Stattdessen muss die Mission völlig in die Lebenswirklichkeit eingebettet sein, denn sie ist nicht nur eine „spirituelle“ Verkündigung, sondern hat auch immer soziale und historische Auswirkungen auf die Gesellschaft. Deshalb hält Mission die Kirche stets jung und lebendig.
Vier Leitkriterien für die Unterscheidung
Papst Franziskus hat vier wichtige Prinzipien bzw. Leitkriterien genannt (Evangelii Gaudium, 221-237), die der Unterscheidung zugrunde liegen müssen, damit kluge und wirksame Entscheidungen für ein geordnetes soziales und kirchliches Leben getroffen werden können. Diese Grundsätze beruhen auf der Erfahrung, dass wir in jeder gesellschaftlichen Wirklichkeit auf widersprüchliche Polaritäten stoßen, die zu gegensätzlichen Positionen führen können. Zum Beispiel streiten sich Missionare oft darüber, ob die Evangelisierung vor dem humanitären Einsatz kommen muss oder umgekehrt. Predigt oder Sakramente? Sofortiges Eingreifen mit allen notwendigen Mitteln oder geduldiges Warten, bis eine Gemeinschaft vor Ort zu Eigenständigkeit und Selbsterhaltung herangereift ist? Bevorzugt man, persönliche Fähigkeiten und individuelle Führung zu fördern, oder mobilisiert man lieber die gesamte Gemeinschaft im Geist des Dienens und der Mitverantwortung?
Wer sich nur auf einen der beiden Pole konzentriert, verliert unweigerlich den anderen. Franziskus entschied sich nicht für ein Entweder-oder, sondern für ein Sowohl-als-auch, wobei er im Hinterkopf behielt, dass sich die beiden Pole in der Regel aufeinander beziehen und jeder Pol seinen eigenen, wenn auch begrenzten Wert in sich trägt. Die vier Prinzipien, die Papst Franziskus vorschlug, lauten daher: „Die Zeit ist mehr wert als der Raum“, „Die Einheit wiegt mehr als der Konflikt“, „Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee“ und „Das Ganze ist dem Teil übergeordnet“. Anhand dieser Kategorien und Leitprinzipien können wir sein gesamtes Wirken bewerten und seine Entscheidungen verstehen. So zeigt sich beispielsweise, dass es Papst Franziskus in erster Linie darum ging, Prozesse zu eröffnen, anstatt Erfolge zu feiern. Zweitens wollte er eher die Menschen zusammenbringen und Versöhnung fördern, als auf das hinzuweisen, was die Menschen trennen könnte. Drittens zog er es vor, in der Realität verwurzelt zu bleiben, einzugestehen, dass wir uns auf einem Weg befinden, und zu konkreten Schritten nach vorn zu ermutigen, anstatt idealistische Werte zu präsentieren, die sich als bloße Träume erweisen. Viertens förderte er die Wertschätzung des Teils bzw. der „lokalen Realität“, ohne das „Ganze“ aus dem Blick zu verlieren oder im „Ganzen“ unterzugehen. Der Teil muss immer im Horizont des Ganzen gesehen werden. Deshalb dürfen wir uns nicht zu sehr auf begrenzte und partikulare Fragen versteifen. Vielmehr müssen wir unseren Blick stets weiten, um das größere Gut zu erkennen, das der gesamten Gemeinschaft zugutekommt.
Orientierung an Jesus von Nazareth
Für mich ist es offensichtlich, dass der Heilige Vater ein treuer Jünger Jesu von Nazareth war und Jesus in den Mittelpunkt des Lebens der Kirche stellt. Im vergangenen November ermutigte Papst Franziskus in seiner Ansprache an die Internationale Theologische Kommission die Theologen, „Hinweise und Überlegungen anzubieten, die für ein neues kulturelles und soziales Paradigma nützlich sind, das sich gerade von der Menschheit Christi inspirieren lässt“. Heute leben wir „in einer komplexen und oft polarisierten Welt, die auf tragische Weise von Konflikten und Gewalt geprägt ist“. Deshalb wird „die Liebe Gottes, die sich in Christus offenbart und uns im Geist geschenkt wird, in der Tat zu einem Appell an alle, damit wir lernen, in Geschwisterlichkeit zu leben und Baumeister der Gerechtigkeit und des Friedens zu sein. Nur auf diese Weise können wir überall dort, wo wir leben, Samen der Hoffnung säen. Christus wieder in den Mittelpunkt zu stellen bedeutet, diese Hoffnung neu zu entfachen“ (Ansprache von Papst Franziskus an die Mitglieder der Internationalen Theologischen Kommission, 28. November 2024) Seine jüngste Enzyklika über das Heiligste Herz Jesu bestätigt diese wichtige Vision des Heiligen Vaters.
Reflexion über den synodalen Charakter der Kirche
Papst Franziskus hat auch einen weiteren wichtigen Beitrag geleistet, indem er die Reflexion über den synodalen Charakter der Kirche wiederbelebt hat. Er sagte in der genannten Ansprache an die Theologenkommission: „Es ist an der Zeit, einen mutigen Schritt zu tun: eine Theologie der Synodalität zu entwickeln, eine theologische Reflexion, die den synodalen Prozess unterstützt, ermutigt und begleitet, um eine neue missionarische Etappe zu beginnen, die kreativer und mutiger ist, die vom Kerygma inspiriert ist und alle Glieder der Kirche miteinbezieht.“ In seiner Vision geht Synodalität Hand in Hand mit Mission.
Zentrale Botschaft von der barmherzigen Liebe Gottes
Abschließend: Was ist die zentrale Botschaft von Papst Franziskus? Im Mittelpunkt seines Pontifikats stand das Wort Barmherzigkeit und die barmherzige Liebe Gottes. Im Apostolischen Schreiben Misericordia et misera schreibt der Heilige Vater: „Die Barmherzigkeit kann nämlich im Leben der Kirche nicht ein bloßer Einschub sein, sondern sie ist ihr eigentliches Leben, das die tiefe Wahrheit des Evangeliums deutlich und greifbar werden lässt. Alles wird in der Barmherzigkeit offenbart; alles wird in der barmherzigen Liebe des Vaters gelöst.“ Daher, so der Papst, ist das gesamte Leben der Kirche eine Teilnahme an der Bewegung der göttlichen Barmherzigkeit, die an den Rändern beginnt und das Herz erreicht. Als Leitwort für sein Pontifikat wählte er: „Miserando atque eligendo“ – „Aus Barmherzigkeit erwählt“, wie Jesus den Zöllner Matthäus mit Gefühlen der Liebe anschaute, ihn dann in seiner Barmherzigkeit erwählte und ihm eine Mission anvertraute. Bei mehreren Gelegenheiten verzichtete Papst Franziskus darauf, zu verurteilen. Einmal sagte er: „Wer bin ich, dass ich richte?“ Er meinte damit nicht die Billigung, sondern die Zurücknahme seines Urteils, um die Gnade Gottes wirken zu lassen. „Hat dich keiner verurteilt? – Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8,11).
Seit der Zeit Jesu ist die Barmherzigkeit eine Quelle der Verwirrung und des Missverständnisses in der sozialen, religiösen und politischen Ordnung. Es überrascht daher nicht, dass das Pontifikat von Franziskus von einigen Missverständnissen und Einwänden geprägt war, erstaunlicherweise mehr innerhalb der eigenen Kirche als außerhalb. Papst Franziskus hatte den festen Glauben, dass trotz aller offenen und ungelösten Fragen die göttliche Barmherzigkeit letztendlich über jede Verwirrung und jeden menschlichen Irrtum triumphieren wird. In seiner jüngsten Enzyklika schreibt er: „Doch es wird stets die Barmherzigkeit siegen (vgl. Hos 11,9), die ihren höchsten Ausdruck in Christus finden wird, dem letztgültigen Wort der Liebe“ (Dilexit nos, 100).
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2025
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„Rahel weint um ihre Kinder“
2011 wurde der Südsudan unabhängig, versank aber in einem langjährigen Bürgerkrieg, bis sich Präsident Salva Kiir und Rebellenführer Riek Machar als Vizepräsident auf die Bildung einer gemeinsamen Regierung einigten. Am 27. März ließ Salva Kiir seinen Vize verhaften und wieder steht das Land vor einem Krieg. Was der neue Gewaltausbruch konkret mit sich bringt, geht aus einem Hirtenbrief des Bischofs der Diözese Bentiu v. 5. April 2025 hervor.
Von Bischof Christian Carlassare, Südsudan
Meine lieben Brüder und Schwestern in Christus, in der vergangenen Woche haben uns die Ereignisse in Abiemnhom erschüttert. Offenbar hat ein Streit um Kühe zu einer schrecklichen Eskalation der Gewalt gegen die unschuldige Bevölkerung von Abiemnhom geführt. Diese Gewalt ist weder verständlich noch hinnehmbar.
Berichten zufolge wurden Dutzende Menschen getötet, wohl 37, mehrere weitere verletzt und ein Großteil der Bevölkerung von Abiemnhom nach Ajakuac im nahegelegenen Bezirk Twic vertrieben. Der Pfarrer der Pfarrei Unserer Lieben Frau – Hilfe der Christen musste zusammen mit den Christen die Pfarrei verlassen. Sie sind nun in Agook, etwa 1.000 Menschen. Sie haben den größten Teil ihres Besitzes verloren und haben nichts zu essen, obwohl die lokale Bevölkerung ihnen in der Not hilft.
Ich lade alle katholischen Gläubigen unserer Diözese ein, noch intensiver für den Frieden zu beten, da wir alle von diesem Gewaltakt verletzt sind und den Schmerz unserer Brüder und Schwestern in Abiemnhom mitempfinden. ...
Ich lade die Verantwortlichen im Bundesstaat Unity und im Verwaltungsgebiet Ruweng, insbesondere in den Bezirken Mayom und Abiemnhom, ein, zusammenzuarbeiten und den Dialog wiederaufzunehmen, um diese Krise gemeinsam zu überwinden. Gewalt ist niemals gerechtfertigt. Es ist nie sinnvoll, anderen die Schuld für ein Fehlverhalten zu geben, sondern es ist besser, die Ursachen eines Konflikts zu ergründen. Die Verantwortung der Verantwortlichen besteht darin, ihrer Gemeinschaft zuzuhören und eine Brücke zur Nachbargemeinschaft zu schlagen, um Verständnis und eine gemeinsame Basis für die Lösung der anstehenden Probleme zu finden. Wir dürfen nicht zulassen, dass uns einige Teile unserer Gemeinschaften den Frieden und die Sicherheit rauben, die wir brauchen. Gleichzeitig lade ich diejenigen, die egoistische Interessen verfolgen, ein, die lokale Bevölkerung nicht mehr zur Gewalt anzustacheln. Deshalb plädiere ich für eine umfassende Entwaffnung. Gerade wenn wir schwach sind, sind wir stark, weil wir uns um das Wohlergehen unserer Nachbarn genauso sorgen wie um unser eigenes. ...
Verschwenden wir keine Zeit mit Machtkämpfen, die Armut und Unwissenheit als Waffen benutzen. Lasst uns abrüsten und gemeinsam Armut und Unwissenheit entgegentreten, damit sie bald ein Ende haben und wir endlich in Frieden leben und in dem Land, das wir geerbt haben, gedeihen können. Verbinden wir uns mit dem Schrei Rahels (vgl. Mt 2,18) und unserer Mütter, damit wir endlich den Weg zu Gerechtigkeit und Versöhnung finden.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2025
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Das Pontifikat von Papst Franziskus als Hören auf die Synodalität Gottes mit allen Geschöpfen
Die Freude des Evangeliums
Auch wenn Professor Dr. Roman Anton Siebenrock (geb. 1957), der von 2006 bis 2022 an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck Dogmatik doziert hat, nicht direkt auf die Autobiografie von Papst Franziskus eingeht, so bildet sie doch den Anlass, wichtige Aspekte seines Pontifikats zu beleuchten. Gerade darin liegt der Wert dieses Beitrags, dass er eine persönliche Stellungnahme darstellt und spüren lässt, wie Papst Franziskus mit seinen Gesten und Äußerungen auf einen erfahrenen Dogmatiker gewirkt und welche Saiten der oberste Hirte der Kirche im Herzen eines Theologen zum Schwingen gebracht hat. Im Sinn des hl. John Henry Newman sieht Professor Siebenrock in diesem Pontifikat eine besondere Verschränkung des apostolischen Amtes der Leitung mit dem prophetischen Amt in der Kirche und dem Glaubenssinn der Glaubenden, was letztlich die Grundstruktur der Kirche ausmacht.
Von Roman A. Siebenrock
Niemals ist die abschließende Beurteilung eines Pontifikats einem Zeitgenossen möglich. Ihm fehlt der notwendige Abstand, um die konkreten Handlungskontexte, in denen eine öffentliche Person entscheiden und handeln muss, wirklich hinreichend auch nur zu kennen. Solches Urteil überlasse ich kommenden Generationen. Zeitgeschichte ist für mich nicht historische Wissenschaft, sondern politische Stellungnahme.
Ich möchte hier aber im Blick auf das Pontifikat von Papst Franziskus für mich die Frage klären, welche Entwicklungen und Initiativen dieses Pontifikats weiterwirken sollten. Damit verbinde ich meine eigene Verpflichtung mit einer ersten Einschätzung dieses Pontifikats, das ich im Zusammenhang mit dem neuen Pfingsten der Kirche, dem Zweiten Vatikanischen Konzil verstehe. Zuerst werde ich in Erinnerung an seine ersten Worte einige Grundperspektiven entfalten. Dann möchte ich im Blick auf seine lehramtlichen Texte und symbolischen Gesten danach fragen, ob dieses Pontifikat eine innere Mitte trägt, die auch weiterhin wirken sollte.
Ein Bischof von Rom vom Ende der Welt
Was der vormalige Erzbischof von Buenos Aires am 13. März 2013 nach seiner Wahl von der Loggia von St. Peter den wartenden Menschen sagte, bleibt im Langzeitgedächtnis der Kirche bewahrt: „Brüder und Schwestern, buona sera“. Ein einfacher Gruß. Dann meinte er mit einer guten Prise Humor, dass die Kardinäle einen Bischof von Rom zu suchen hatten, und ihn am Ende der Welt gefunden hätten. Zum ersten Mal kommt dieser aus Lateinamerika, erstmals nicht mehr aus Europa und dem Mittelmeerraum. Ein nächster Schritt zur Weltkirche ist damit gesetzt worden. Bald, da bin ich mir sicher und ich freue mich darauf, werden Bischöfe von Rom aus Asien, Afrika oder anderen Erdteilen kommen. Und diese werden keinen unmittelbaren europäischen Hintergrund wie Franziskus haben, dessen Großeltern und Vater 1932 nach Argentinien aus Piemont eingewandert waren.
Dann wird Rom, vor allem das christliche Rom, auf neue, und wohl überraschende Weise zeigen können, dass es „caput mundi“ ist, eine Stadt, in der Menschen aus aller Welt sich zu Hause fühlen können. Eine Weltkirche, in der Menschen aus den verschiedensten Kulturen und mit den unterschiedlichsten Neigungen das Wagnis von Glaube, Hoffnung und Liebe untereinander und zu allen Menschen eingehen, wird für diese Menschheit, die in der Gefahr steht, sich zu zerfleischen, von heilsamer Bedeutung werden. Dann wird es kein „Ende der Welt“ mehr geben, weil wir mit allen solidarisch werden. In der Weggemeinschaft dieser Kirche werden sich Menschen überall zu Hause fühlen dürfen.
Ein Bischof von Rom als Vorsitzender in der Liebe
In seiner ersten Ansprache sprach er nicht vom Papsttum und seinen Vollmachten, sondern von seiner Sendung, den Vorsitz in der Liebe zu leben. Im letzten Jahr ist ein Dokument erschienen – „Der Bischof von Rom“ –, in dem die Antworten auf eine Bitte von Johannes Paul II. gesammelt und auf eine neue Praxis des Bischofs von Rom hin geprüft worden sind. Auch während der letzten Synode haben sich fast alle christlichen Kirchen und Gemeinschaften mit ihren Repräsentanten und Repräsentantinnen in Rom versammelt. Sie erkannten an, wie wichtig die Einheit der Getauften ist und dass der Dienst des Petrus dafür von großer Bedeutung sein kann. Der Bischof von Rom als Vorsitzender in der Liebe gewinnt allein dadurch Autorität, dass seine Leitungspraxis innerhalb der katholischen Kirche und sein Zeugnis des Evangeliums Jesu Christi für die anderen zum Segen werden. Weil es nichts Stärkeres gibt als die in Freiheit gebundene Liebe, wird auch der kanonisch notwendige Jurisdiktionsprimat seine Wirkung nur entfalten können, wenn er frei im Klangraum des Evangeliums angenommen und mitgetragen wird. Weil im Glauben letzten Endes nichts befohlen werden kann, weder von außen noch von innen, kann allein ein „Vorsitz in der Liebe“ das Wunder der Gnade ermöglichen.
Der Bischof von Rom bittet um das Gebet, bevor er segnet
Als erstes hatte er dazu aufgefordert, für den emeritierten Bischof Benedikt XVI. zu beten. Danach sprach er vom Vorsitz in der Liebe. Und auf einmal wurde es an diesem 13. März still. Papst Franziskus hatte, bevor er zum ersten Mal den päpstlichen Segen „Urbi et Orbi“ spendete, die Anwesenden um einen Gefallen gebeten. Sie mögen den Herrn darum bitten, dass er ihn segne. Der Papst bittet die Glaubenden um das Gebet für ihn und seinen Dienst. Das gemeinsame Gebet wird zu einem Gebet füreinander. Eine geistliche Dimension öffnet sich in dieser Stille. Der neue Papst verdeutlicht schon zu Beginn, dass er zusammen mit allen Getauften, ja allen Menschen guten Willens auf dem Weg ist, dass nicht er, sondern der Herr im Geiste die Kirche leitet. In diesem gemeinsamen Schweigen in der Gegenwart Gottes wird jenes Hören möglich, das in allen Dingen Gott und seinen Willen zu suchen bereit ist. Die Urintention seines Ordensvaters Ignatius von Loyola habe ich damals gespürt. Und berührt hat mich immer wieder, dass Franziskus seinen marianischen Glaubensraum gezeigt und für alle geöffnet hat, so wie ich es mit großer Freude in der zweiten Strophe von „Maria, breit den Mantel aus“ immer wieder gerne singe.
Die Intention des Ignatius kann auf vielfältige Weise gelebt und ausgedrückt werden. Die katholische Kirche lebt von einer großen Fülle an geistlichen Lebensformen. Immer aber muss das Wort Johannes des Täufers am Tun der Kirche abgelesen werden können: Christus muss zunehmen, wir abnehmen (vgl. Joh 3,30). Wie auch immer die Zukunft der Kirche sein wird, und auch wenn wir über neues Wachstum uns freuen dürfen, entscheidend ist nicht die Zahl, sondern allein das Wort des Täufers, das der hl. Paulus in seiner Mystik in das wunderbare Zeugnis brachte: Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir (Gal 2,20). Das sollte für die Kirche gelten, darin wird der Glaube der Zukunft allein seine Wurzeln finden können. Denn die Kirche ist und soll immer mehr sein: der sichtbare und verborgene Leib Christi in der Geschichte.
Zwei Personen in weiß: Papst Franziskus und Benedikt XVI.
Erstmals in der Kirchengeschichte waren auf einem Bild zwei Personen im weißen Talar zu sehen – vereint im gemeinsamen Gebet in Castel Gandolfo. Erstmals erschien auch eine Enzyklika zu zwei Händen: „Lumen fidei“ (2013). Deutlicher konnte die Einheit und Dauerhaftigkeit des Amtes in der zeitlich begrenzten und verschiedenartigen Ausgestaltung kaum sichtbar werden. Was auch immer spätere Quellen über Spannungen und tiefere Gemeinsamkeiten ans Licht bringen mögen, für mich ist dadurch die Einheit der Kirche in der Verschiedenheit der Charismen deutlich geworden: Der geniale Theologe und der Seelsorger aus den Slums von Buenos Aires; der zurückhaltende, ja scheue Gelehrte, der jedes Wort abwägt, trifft auf einen spontanen Praktiker, der bisweilen allzu spontan formuliert. Hier setzt einer einen neuen Anfang im Amtsstil, indem er nicht in den apostolischen Palast einzieht, dort ein geschichtsbewusster Bewahrer, der den Schatz der Überlieferung, auch der liturgischen und symbolischen, zu wahren sucht. Mir scheint: Die Einheit von Dogma und Pastoral, von Orthopraxie und Orthodoxie wird sich wohl auch in Zukunft in Akzentsetzungen der verschiedenen Amtsstile zeigen. Und ich hoffe, dass das Volk Gottes immer reifer wird und nicht allen raschen Urteilen und Verschwörungstheorien aufsitzt.
Die Synodalität der Kirche und das Gespräch im Geist
In den letzten Jahren hatte Franziskus seine Akzente und Initiativen in einer Schlüssel-Idee verdichten und durch unvergessliche Gesten zeigen können. „Synodalität“, eine niemanden ausschließende Pilgergemeinschaft, sei das Kennzeichen der Kirche! Ein altes, ja ursprüngliches Kennzeichen der Kirche gewann neuen Glanz, weil es nicht nur um Konsens und Entscheidung geht, sondern um eine neue Praxis der Entscheidungsfindung. Diesem Prozess, der auf allen Ebenen (nicht nur in) der Kirche oft hinter verschlossenen Türen stattfindet, hat Franziskus ein spirituelles Herz „eingepflanzt“: das Gespräch im Geist. Freimütiges Reden, offenes Zuhören und das gemeinsame Hören in der Stille auf jene Stimme, in der sich Gottes Wille mitten unter uns zu Gehör bringt, ist für mich das wichtigste Erbe dieses Pontifikats, weil es – allen zum Zeugnis – zum Ausdruck bringt, dass sündige Menschen im Geist versammelt auf Gottes Wort hören und ihm zu folgen sich versprechen.
Die runden Tische in der Audienzhalle Papst Paul VI., und Papst Franziskus am Tisch, mitten unter den Synodalen, wird das Gedächtnis der Kirche mehr prägen, als alle ausdrücklichen Entscheidungen. Denn mit diesem Bild bleibt verbunden, dass zum ersten Mal eine Synode Frauen und Männer, Bischöfe, Priester, Diakone, Ordensleute und Laien auf Augenhöhe versammelte. Und der Garant dieser Art von Synodalität ist der Nachfolger Petri!
Weggemeinschaft mit allen Menschen, ja allen Geschöpfen
Mit der Leitidee „Synodalität“ lassen sich auch drei wichtige Lehrschreiben miteinander verbinden und verstehen. In „Amoris laetitia“ (2016) werde ich aufgefordert, dem Leben und der Liebe Raum zu geben, ohne jene auszugrenzen, die gescheitert sind. Der Gott des Evangeliums ermöglicht immer einen neuen Anfang. Denn der Himmel freut sich über jeden Sünder, der umkehrt. Und: von Sünden beladen sind wir alle. Denn sich als Sünder zu bekennen, schafft eine tiefe Solidarität zwischen den Menschen, weil sich niemand über den anderen erheben soll und wir alle gerufen sind, den anderen in Liebe zu ertragen (Eph 4,2).
„Fratelli tutti“ (2020) weitet die Weggemeinschaft einer synodalen Kirche auf alle Menschen guten Willens aus. Damit wird die Kirche auf jenes Abenteuer der Katholizität verpflichtet, die sich vom Handeln Gottes in Jesus Christus gerufen weiß, in der Liebe Christi allen zu begegnen. Denn in seiner Menschwerdung hat das göttliche Wort die menschliche Natur und das heißt alle Menschen angenommen. Sein Opfer der Selbsthingabe in seinem Blut ist für alle gegeben. Nichts hat die kommende Menschheit nötiger als eine Erfahrung von Gemeinschaft und Einheit, die nicht auf dem schwankenden Boden menschlicher Laune oder bloßer Entschlossenheit gebaut ist.
Dass sich das Evangelium an alle Geschöpfe richtet (Mk 16,15; Offb 5,13), hat Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato sí“ (2015) schon vorab in Erinnerung gerufen. Die Verantwortung für die Erde, für Mutter Erde, hat er mit der Option für die Armen verbunden. Den Schrei aller Kreatur, der Verfolgten und Gemarterten zu hören, hat eine neue Aufmerksamkeit in die Kirche eingestiftet.
Das prophetische Amt in der Kirche für alle Kreatur
Wenn ich die letzten Jahre mit Papst Franziskus in meiner Erinnerung vorüberziehen lasse, dann fällt mir ein Wort von John Henry Newman ein, der vom prophetischen Amt in der Kirche sprach und dieses mit dem apostolischen Amt der Leitung und dem Glaubenssinn der Glaubenden als Grundstruktur der Kirche würdigte. In Papst Franziskus sehe ich diese Ämter vereint, ohne die Verantwortung der Bischöfe, Theologinnen und Theologen sowie aller Glaubenden zu überspielen. Denn für ihn gilt das Wort des Herrn: Stärke deine Schwestern und Brüder.
Alles Tun des Menschen hat Licht und Schatten, ja Schatten gibt es nur, wo reichlich Sonne strahlt. Es ist billig, einen Menschen, der ein öffentliches Amt mit diesem universalen Charakter wie das des Bischofs von Rom bekleidet, zu kritisieren. Denn niemals kann ein Mensch dem genügen. Deshalb verzichte ich auf die Bezeichnung „Stellvertreter Christi“ oder gar „Stellvertreter Gottes“. Ich liebe die Bezeichnung „Nachfolger Petri“, weil in dieser Bezeichnung Felsenbekenntnis und Verrat mitklingt und nach meiner Auffassung das Petrusamt dadurch zum Fels der Kirche wird, weil es nicht nur die Bekehrung und Umkehr in das Fundament von Kirche und persönlichem Glaubensleben einschreibt, sondern weil es uns die Zusage des Herrn vermittelt: „Ich habe für dich gebetet., dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du wieder umgekehrt bist, dann stärke deine Brüder“ (Lk 22,32).
Manche Handlungen und Aussagen wird ein Nachfolger wohl eher unterlassen. Auch wenn er für seine öffentliche Kritik an der Kurie viel Beifall erhalten hat, hätte ich damals als Vorstand eines Universitätsinstituts nie daran gedacht, so über meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu sprechen. In manchen Aussagen zu Krieg und Frieden hätte ich mir mehr Unterscheidungsgabe und profilierte Klarheit in Benennung der Verantwortung gewünscht. Wer den Weg der Gewaltlosigkeit Jesu geht, sollte zum Martyrium bereit sein. Wir dürfen aber Ethik und Erlösung nicht verwechseln.
Von der Freude des Evangeliums
In seinem ersten Schreiben „Evangelii gaudium“ (2013) sprach er davon, dass es wichtiger wäre, Prozesse anzustoßen als Räume zu besetzen. Welche Prozesse er auf Dauer tatsächlich angestoßen hat, wird die Zeit zeigen.
Ich hoffe jedoch, dass eine Botschaft weiter anstecken und inspirieren wird: Das Evangelium ist eine frohe Botschaft, weil es Freude weckt durch die grundlegende Erfahrung von Gottes Barmherzigkeit. Wir sind deshalb in Hoffnung und Freude eine synodale Weggemeinschaft, weil Gott, der Ursprung und Garant aller Synodalität, selbst auf diesem Weg dabei ist. Dann werden wir gemeinsam aus jenem Versprechen leben, das der Auferstandene seinen Jüngerinnen und Jüngern damals und uns heute gibt, und das tatsächlich ein fester Grund der Freude in untrüglicher Hoffnung bildet: „Ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20).
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2025
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„Hoffe“ – das Buch für die „Pilger der Hoffnung“ im Heiligen Jahr 2025
Christentum als Schule der Empathie und Hoffnung
Am 14. Januar 2025 wurde die Autobiografie von Papst Franziskus der Öffentlichkeit vorgestellt. Eigentlich war geplant, dieses 400 Seiten umfassende Erinnerungsbuch erst nach dem Tod des Papstes zu veröffentlichen. Doch schließlich setzte sich die Überzeugung durch, dass gerade ein so persönliches Zeugnis des obersten Hirten der Kirche mit dem Titel „Hoffe“ eine befruchtende Inspiration für das Heilige Jahr sein könnte. Tatsächlich entspricht der inhaltliche Schwerpunkt ganz dem Motto des Jubiläumsjahres, das bekanntlich „Pilger der Hoffnung“ lautet. Klaus-Hermann Rössler erschließt in seiner Rezension das umfangreiche Werk, indem er die wesentlichen Aspekte auf spannende und freimütige Weise herausstellt. Er würdigt die Autobiografie als ausgesprochen „kurzweilige Lektüre“, die zur Gewissensbildung beiträgt und Hoffnung vermittelt. Vor allem rege sie dazu an, die Herzensbildung ernster zu nehmen und mit mehr Empathie auf die Mitmenschen zuzugehen. Aber Rössler scheut sich auch nicht, Fragen zu formulieren, die sich für ihn stellen, nachdem er das ganze Buch gelesen hat.
Von Klaus-Hermann Rössler
Manchmal signalisiert schon ein einziges Foto die Hauptbotschaft eines Buches; die Bildunterschrift lautet in diesem Fall: „Auf Knien vor den Führern des Südsudans, die ich um Frieden anflehte.“ Papst Franziskus wird gezeigt, wie er 2019 politischen Führern dieses Landes im wortwörtlichen Sinne die Füße küsst, um seiner Bitte, den Frieden im Südsudan herzustellen, Nachdruck zu verleihen. Eine Geste leidenschaftlicher und paradigmatischer christlicher Mitmenschlichkeit gegen Gewalt und Krieg, die wohl das Zeug hat, in die Papstgeschichte einzugehen,[1] ist doch eine solche leidenschaftliche Gestik seit dem Mittelalter in der hohen Politik nahezu unbekannt. Die Herstellung von Frieden im umfassendsten Sinne, die Solidarität mit den Armen: durchaus schon immer ein Anliegen des Papsttums – aber erst durch Franziskus in völliger Rückhaltlosigkeit vorgestellt. Nicht zuletzt erklärt sich dadurch auch seine von der Politik mehrheitlich kritisierte Haltung zum Krieg in der Ukraine, bei dem er – ganz im Sinne der betroffenen Zivilpersonen und Soldaten – ebenfalls um ein sofortiges Schweigen der Waffen und Verhandlungen gebeten hat.
Die Autobiografie sollte erst nach dem Tod veröffentlicht werden
Zeitgleich in mehr als 100 Ländern erschien im Januar 2025 das Buch „Hoffe“ – beworben als „erste Autobiografie, die jemals von einem Papst veröffentlicht wurde“ und als „eine vollständige Lebensgeschichte, deren Abfassung sechs Jahre gedauert hat“. Die Urteile der Rezensenten darüber, worin die Bedeutung dieses Buches besteht, gehen auseinander: einige vermissen die Aufklärung über kirchenpolitische Hintergründe und Zukunftsperspektiven wichtiger Entscheidungen, andere sehen das Werk vor allem als einmaligen Einblick in intime persönliche Entwicklungen, wieder andere betonen den vehementen politischen Appell zum Weltfrieden im umfassendsten Sinne als persönliches Vermächtnis.
Der Co-Autor Carlo Musso, der verlegerisch die meistverkauften Bücher von Papst Franziskus betreut, teilt in einer kurzen Nachbemerkung zu dem Werk mit, dass der Papst tatsächlich zunächst diese Autobiografie „als Vermächtnis“ nach seinem Tod veröffentlicht haben wollte, dann jedoch entschied, wegen des Heiligen Jahrs „der Hoffnung“ und der „Erfordernisse der Zeit“ es bereits jetzt schon zugänglich zu machen.[2] Allein dieser Vorgang zeigt schon, dass Papst Franziskus keine Autobiografie im üblichen Sinne schreiben wollte, keine alle überzeugende Selbstrechtfertigung, keine Quelle bisher unbekannter Informationen, keinen Entwicklungsroman aus eigener Erinnerung, auch wenn Elemente von alledem durchaus vorhanden sind. Er hatte wohl als Initiator der Pilgerschaft der Hoffnung im Heiligen Jahr 2025 etwas ganz anderes im Sinne.
„Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“
Musso hebt – gewissermaßen als erster Rezensent des Buches gleich bei seiner Veröffentlichung – zwei Aspekte hervor: Im Buch nenne Franziskus als Motto seines Pontifikats ein Zitat, das ursprünglich Gustav Mahler zugeschrieben wurde: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“: „Wenn es ein Wort gibt, für das seine Gestalt steht, und das mir während der Arbeit und den zahlreichen Treffen immer wieder in den Sinn gekommen ist, so ist es das – neben dem Bild einer vollkommen authentischen Demut: Vorwärts! Ein 1936 geborener Mann, der nur deshalb zurückschaut, um den Blick immer weiter nach vorne zu richten.“[3] Und zum anderen sei das Werk entstanden „aus dem leidenschaftlichen Wunsch heraus, zwei Dinge zu vermitteln, die zu den beständigsten Erbstücken der Menschheit gehören: Wurzeln und Flügel“. Musso kommt daher zu diesem Fazit: „In diesem Sinne ist seine Geschichte recht eigentlich die unsere.“
Hierin können wir die eigentliche Intention des Buches erblicken: Franziskus will mit „der Glut der Erinnerung ... unserem Hoffen neues Feuer einhauchen“.[4] Er will uns in diesem Werk sehr persönlich begegnen, um uns zum persönlichen Neubeginn im Evangelium zu bewegen, zu einem „Weg des Hoffens“, den er gegangen ist und „den ich mir nicht vorstellen kann ohne meine Familie, meine Leute und die Kinder Gottes weltweit“.[5] Er schenkt sich uns gewissermaßen persönlich im Buch seines Lebens, mit allem, woher er stammt, was er getan und erlebt hat und von dem er überzeugt war, damit wir „wissen, dass die Hoffnung uns niemals täuscht und trügt: Alles entsteht, um in einem ewigen Frühling zu erblühe“.[6]
Die tiefere, fröhlichere, schönere Wirklichkeit wird erst noch kommen
Hoffnung entsteht dabei grundsätzlich in der Zusammenschau biblischer Verheißung und Gottvertrauen aus dem Glauben einerseits und der Erwartung, dass sich Menschlichkeit und Vernunft, das Streben nach dem Gemeinwohl der gesamten Menschheit durchsetzen werden, andererseits. Einerseits: „Im Morgengrauen des Heraufdämmerns einer neuen Epoche erinnere ich mich gerne an die Worte von Johannes Paul II., der 2000 das neue Heilige Jahr begrüßte: ,Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!‘ Und wenn euch eines Tages Ängste und Sorgen befallen, dann denkt an jene Szene im Johannes-Evangelium, in der die Hochzeit von Kana beschrieben wird (Joh 2,1-12). Und sagt euch: Der beste Wein kommt erst noch auf den Tisch... Ihr könnt euch sicher sein: Die tiefere, fröhlichere, schönere Wirklichkeit wird für uns und für alle, die wir lieben, noch kommen. Auch wenn die Statistiken das Gegenteil behaupten, auch wenn die Müdigkeit euch eurer Kräfte beraubt, verliert nicht dieses Hoffen, das nicht besiegt werden kann.“[7] Und andererseits: „Niemand von uns ist eine Insel, ein autonomes und unabhängiges Ich. Die Zukunft ist etwas, was wir nur gemeinsam schaffen können, ohne auch nur einen Menschen zurückzulassen.“[8] Und daher: „Wir brauchen einen gemeinsamen Aktionsplan, der auch tatsächlich Veränderungen bewirkt. Dazu sind herausfordernde politische Entscheidungen nötig.“[9] Diese Einstellung der radikalen christlichen Mitmenschlichkeit – eine heilsame Herausforderung für jeden Christen und ein großer Wurf – zweifellos. Wer allerdings Hinweise zur genauen gedanklichen Aufeinanderbezogenheit von Glaubenshoffnung und weltlicher Hoffnung sucht, wird ebenso enttäuscht wie derjenige, der sich Wegmarken für konkrete Maßnahmen für den Aktionsplan erhofft. Es handelt sich eben auch um ein Buch voller großer Sprünge und nicht zu übersehender, aber vielleicht unvermeidlicher Leerstellen.
Wer Franziskus begegnen will, muss sein Buch lesen
Der Konzeption des Buches entspricht allerdings auch eine äußerst lebendige, oft sehr spannende, immer aber das Herz des Lesers direkt ansprechende Art der Erzählung: wir sitzen gewissermaßen Franziskus in der Casa Martha gegenüber und hören, was er uns von sich auf unseren Lebensweg als Christen mitgeben will. Von Aphorismus und Zitat über Reportage-artige Passagen und zahlreiche Anekdoten bis hin zur gekonnten literarischen Form kommt alles zum Einsatz. Franziskus kämpft um die Seele des Lesers mit allem, was ihm zu Gebote steht: seit 56 Jahren vor allem ein überzeugter Priester Christi.[10] Unmöglich, auf all das im Rahmen einer Rezension im Einzelnen einzugehen: Wer Franziskus begegnen will, muss sein Buch lesen. In der dieserart engagierten, meist hochemotionalen Schilderung seines Lebens legt er allerdings die Betonung auf ein bestimmtes Grundmotiv christlicher Existenz, das ihm ausschlaggebend zu sein scheint: Mitmenschsein und Christsein sind nicht zu trennen, Christentum ist konkrete Biografie.
„Ein junger Akademiker fragte mich einmal: ,Ich habe so viele Freunde an der Universität, die entweder Atheisten sind oder Agnostiker. Was kann ich denn sagen, damit sie Christen werden?‘ Und ich antwortete: ,Nichts. Das letzte, was Du tun solltest, ist, darüber zu reden. Zuerst musst du handeln. Dann wird es Menschen geben, die sehen, wie du lebst, wie du dein Dasein führst. Und sie werden dich fragen, warum du das tust. Dann kannst du anfangen zu reden.‘“[11]
Ein theoretisches Christentum kann es nicht geben: „Mit meinen Augen. Mit meinen Ohren. Mit meinen Händen. Und erst danach mit Worten. Das Wort kommt immer erst nach dem Zeugnis des Lebens.“[12]
Nachdrücklich legt Franziskus uns nahe: „... nur die Zeugen werden die Herzen der Menschen rühren. Schon der heilige Ignatius von Antiochia wusste, dass ,es besser ist, Christ zu sein, ohne dies zu sagen, als es zu sagen, ohne es zu sein‘. Denn am Ende unserer Tage wird man uns nicht fragen, ob wir gläubig, sondern ob wir glaubwürdig waren.“[13] Die Taufe, so Franziskus an anderer Stelle, „ist unsere erste Begegnung mit Jesus, und zwar nicht als historischer Persönlichkeit, sondern als heute lebender Person. Die man nicht aus Geschichtsbüchern kennenlernt, sondern der man im Leben begegnet.“[14]
Fähigkeit zur Empathie bildet die Grundlage der Anthropologie
Christentum und Persönlichkeitsbildung sind für Franziskus so eng miteinander verbunden, dass sie sich gegenseitig bedingen und die christlich geforderte Fähigkeit zur Empathie die Grundlage der Anthropologie bildet: „Die Kultur der Begegnung verlangt von uns, dass wir nicht nur geben, sondern auch empfangen können, dass wir aus uns heraustreten, um zu Pilgern zu werden.“[15] Hier ist bereits die Hoffnung des Pilgers als notwendige anthropologische Konstante vorausgesetzt.
Erhellend ist in diesem Zusammenhang, wie der Papst den Duktus seiner allerers-ten Ansprache von der Loggia der vatikanischen Basilika an „alle Brüder und Schwestern“ in der ganzen Welt nach seiner Wahl am 13. März 2013 begründet: „Ich habe sie mit ,Guten Abend‘ begrüßt, weil diese einfachen Worte, deren wir uns nur selten bewusst sind, zeigen, dass wir aufmerksam und fürsorglich und voller Nächstenliebe sind. Wörtlich wünschen wir unseren Mitmenschen das Heil (denn früher hieß es ,Salve‘) und erinnern uns gegenseitig daran, dass das Leben über allem steht, dass wir uns über die Begegnung freuen, darüber, dass der andere existiert. All das liegt in jedem einfachen Gruß. Damit unterstreichen wir unser Engagement, daher ist das keine leere Formel. Wir auf dieser Erde sind alle Brüder und Schwestern, und alle brauchen wir das Heil.“[16]
Und an anderer Stelle: „Höflichkeit, Fürsorge, die Fähigkeit zu danken, werden häufig als Zeichen der Schwäche ausgelegt, die Argwohn, ja Feindseligkeit erwecken. Aber dieser Tendenz müssen wir entgegentreten, überall, aber vor allem im Kernbereich dieser Gesellschaft, im Schoß der Familie. Unnachgiebig müssen wir auf der Erziehung zur Dankbarkeit beharren, zur Erkenntlichkeit: Wahrung der Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit setzen beides voraus.“[17]
Am Ende des Lebens zählt nur das Herz
Hier wird verständlich, wieso man Franziskus auch einen „Theologen der Zärtlichkeit“ nennen könnte: „Zärtlichkeit ist keine Schwäche. Sie ist vielmehr die wahre Kraft. Sie ist der Weg, den die stärksten und mutigsten Männer und Frauen gegangen sind. Folgen auch wir ihm.“[18] Wie dies genauerhin zu verstehen ist, beschreibt er in einem Exkurs zur Künstlichen Intelligenz:
„Wir sind unser Herz, weil es uns von anderen unterscheidet, uns in unserer spirituellen Identität ausmacht, uns in der Gemeinschaft mit anderen Menschen trägt. Nur das Herz kann unsere persönliche Geschichte, die aus tausend Splittern zu bestehen scheint, vereinheitlichen und harmonisieren.
Im Gegensatz dazu ist das Anti-Herz ein Horizont, der immer mehr vom Narzissmus und der Selbstbezogenheit beherrscht wird und der am Ende zur Trägheit führt, zur Depression, zum ,Verlust des Verlangens‘, eben weil der Andere von unserem Horizont verschwindet. In der Folge werden wir unfähig, Gott zu empfangen... Wenn das Herz nicht lebe, schreibt Guardini in seinem Aufsatz über Dostojewski, bleibe der Mensch sich selbst fremd.“[19] „... das wahre persönliche Abenteuer beginnt im Herzen. Am Ende des Lebens zählt nur das.“[20]
Dass Menschlichkeit der Gradmesser dafür ist, ob wir tatsächlich Christen sind oder nicht, das wird uns im Buch des Papstes nahegebracht – aus diesem vehementen Appell resultieren auch alle anderen seiner Botschaften. Insofern kann man von dem Werk als einer Hinführung, fast einer Schule der Empathie für Christen und Nicht-Christen sprechen, aus der allein Hoffnung resultiert. Und niemand kann im Ernst daran zweifeln, dass ein solcher vehementer Appell in unserer Gegenwart notwendig ist, um Menschen im Allgemeinen und Christen im Besonderen zu ihren Wurzeln und zu ihrem Heil zu führen.
Fragen an Papst Franziskus bleiben zurück
Dennoch stellen sich Fragen, wie Franziskus diese Grundthese seines Buches verstanden wissen will. Hat tatsächlich die Orthodoxie hinter der Orthopraxie immer zurückzutreten? Braucht man eventuell ja gar keine Dogmen und damit auch keinen definierten Glauben, um nach Gottes Willen zu handeln? Kann Orthodoxie nicht auch ein Zeichen von Nächsten- und Gottesliebe sein, weil sie Dienst am Logos ist? Kann ein nicht von der Person zu trennendes Christentum nicht leicht maßstabslos werden? Und gilt das nicht auch für die Gemeinschaft? Hat vielleicht deshalb die Kurienreform in den vergangenen Jahren einen so starken Zentralisierungsschub mit sich gebracht, weil in diesem Pontifikat unter führenden Dogmatikern sogar bereits ernsthaft über ein persönliches Lehramt des Papstes im Sinne eines besonderen persönlichen Charismas diskutiert wird? Wird am Ende der Papst selbst, was er qua Amt niemals war, unter dem Gebot absoluter Authentizität nur noch zum exemplarischen Christen?
Es erweist sich als eine gewisse Schwäche des Werkes, dass der Hoffnung da der Wegweiser fehlt, wo es um das konkrete Verständnis des Weges und des Zieles geht. Ja, mehr noch, man kann den Eindruck gewinnen, dass mehr als ein allgemeiner Kompass gar nicht gegeben werden soll, weil dies geradezu für moralisch unmöglich gehalten wird: „Gott liebt vor allem die Fragen. In gewissem Sinne liebt er sie mehr als Antworten. Bevor Jesus Antworten gibt, lehrt er uns, zuerst eine essentielle Frage zu stellen: Was suche ich? Wenn wir uns diese Frage stellen, sind wir jung, selbst wenn wir schon über achtzig sind. Stellen wir sie aber nicht, sind wir alt, selbst mit nur zwanzig Jahren.“[21]
Oder drastischer noch: „Vor allem lass Raum für den Zweifel... Wenn ein Mensch sagt, dass er absolut sicher ist, Gott begegnet zu sein, dann stimmt das nicht. Wenn diese Person auf alles eine Antwort hat, ist dies der Beweis, dass Gott nicht mit ihm ist. Das heißt, dass er zu den falschen Propheten gehört, dass er die Religion instrumentalisiert, sie für sich selbst gebraucht.“[22] Ohne die leider stets vorhandene Möglichkeit des Missbrauchs jeder Art von Religion zur Bigotterie in Frage stellen zu wollen, stellt sich hier unwillkürlich die Frage, ob nicht definierte Gewissheiten für die Menschen das Ziel der Selbstoffenbarung Gottes waren.
Sein dauerhaftes Eintreten für die Armen ist zutiefst biblisch
Die Empathie, die das gelebte Christentum auszeichnet, bezieht sich auf die Armen, Unterdrückten, Ausgegrenzten, die Opfer von Gewaltverbrechen und Kriegen. Franziskus spart nicht mit Beispielen von Unmenschlichkeit, an denen wir nicht einfach vorbeigehen können. Schreckliche Kriegserfahrungen, die Kinder dem Papst bei einem Besuch in der Demokratischen Republik Kongo schilderten, bringen ihn dazu, auch vom erschütternden Besuch einer Auschwitz-Überlebenden im Vatikan zu erzählen und weiter zu den christlich-jüdischen Beziehungen und seinem guten Freund Abraham Skorka, Leiter des Rabbinerseminars von Buenos Aires zu kommen, und dann wieder zurück zu den Kindern im Kongo. Verbindend ist dabei der vehemente Appell, angesichts der Überfülle unmenschlichen Leids auf dieser Welt nicht gleichgültig zu bleiben. Sein vehementes und dauerhaftes Eintreten für die Armen hat ihm vor einigen Jahren in der Presse den Beinamen „Der letzte Kommunist“ eingetragen.
Hierauf hat er eine überzeugende Antwort: „Ich habe einmal gesagt, dass die Kommunisten uns die Standarte geraubt haben, denn das Banner der Armen ist christlich, und das stimmt zweifellos: Das 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums sagt uns, woran wir gemessen werden, und das kam ja nun deutlich vor Lenin. In jeder Hinsicht. Wer an Gott glaubt, wer an Jesus Christus und das Evangelium glaubt, weiß, dass das Herzstück der Frohen Botschaft die Verkündigung für die Armen ist. Es genügt, es zu le-sen. Jesus ist in dieser Hinsicht vollkommen klar. Er sagt über sich selbst: ‚Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze‘ (Lk 4,18). Den Armen. Jenen, die Erlösung brauchen, für die es wichtig ist, dass ihre Stimme in der Gesellschaft gehört wird. Und wenn man das Evangelium liest, wird schnell klar, dass Jesus eine Vorliebe für die Ausgegrenzten hat: die Leprakranken, die Witwen und Waisen ... Und auch für die Sünder... und das ist mein Trost. Denn auch die Sünde ist eine Armut, die es zu tilgen gilt, eine Sklaverei, aus der wir uns lösen müssen.“[23]
Materielle und spirituelle Armut werden hier weitgehend ineinsgesetzt – aus beiden kann nur die Gnade Gottes befreien, aus der materiellen Armut und der Ausgrenzung hilft die Nächstenliebe und Solidarität. Niemand, der sich als Christ betrachtet, kommt an der Frage vorbei: Und was tue ich für die Armen? Und mit ihnen? Mehr noch: Wie lebe ich Armut vor Gott? Franziskus legt uns diese Frage in ihrer ganzen Wucht vor – wir sollten ihm dankbar sein. – Und das gilt, auch wenn wir hier wieder keine Antwort finden, wie wir die verschiedenen Arten der Armut gedanklich aufeinander zu beziehen haben – und welches Modell der langfristigen Bekämpfung materieller Armut denn dem Christentum am meisten entspricht – ist es die Soziale Marktwirtschaft? – und was entsprechend zu tun ist.
Fazit: Wir sollten uns nicht an einzelnen Voreingenommenheiten aufhalten
So bleibt als Fazit der durchaus kurzweiligen Lektüre: Wir profitieren als Christen in unserer Gewissensbildung, unserer Hoffnung und unserer Empathie. Dafür sollten wir Franziskus dankbar sein. Auch wenn Fragen bleiben. Und wir sollten uns nicht am kleinen Karo des antitraditionellen Affektes aufhalten, das es in diesem Buch leider ebenfalls gibt – so dass man sich verwundert fragt, warum nur die betonte Pflege der Tradition der Kirche das Risiko der Realitätsflucht und des Sichabschließens von den Menschen mit sich bringen soll und nicht auch moderne Formen kirchlichen Lebens dazu durchaus führen können. Und warum insbesondere die Pflege liturgischer Formen an sich nicht als Dienst an der Kirche, Wertschätzung kirchlicher Kultur und damit Akt der Nächstenliebe gewertet werden kann, sondern stets in Zusammenhang mit Klerikalismus und Fundamentalismus gebracht wird. Bewahrheitet sich hier vielleicht das alte kirchliche Sprichwort: „Jesuita nec rubricat, nec cantat“ – ein Jesuit (wie Papst Franziskus) folgt nicht den Anweisungen in liturgischen Büchern und singt nicht? Auch ein so großer Mensch wie der verstorbene Papst ist schließlich ein Mensch mit Voreingenommenheiten geblieben (was sich übrigens auch an seiner offenkundigen Europa-Skepsis aus lateinamerikanischer Sicht zeigt). Aber auch eine solche Erkenntnis liegt ja durchaus im Sinne dieser ganz besonderen Autobiografie.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2025
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[1] Papst Franziskus mit Carlo Musso: Hoffe. Die Autobiografie, Kösel-Verlag München 2025, 277.
[2] 379.
[3] 380.
[4] 9.
[5] Ebd.
[6] 10.
[7] 367/368.
[8] 375.
[9] 355.
[10] Vergl. S. 173. Auf die Frage seiner Mutter, er habe doch gesagt, er wolle Arzt werden? Seine Antwort: „Dass ich mich schon um Menschen kümmern wollte, aber eher um deren Seelen.“
[11] 378.
[12] Ebd.
[13] 372, Hervorhebungen im Text.
[14] 64.
[15] 117.
[16] 69.
17] 68.
[18] 378.
[19] 366.
[20] 367.
[21] 354.
[22] 378.
[23] 155.
Russisch-orthodoxes Geschenk für die katholische Fatima-Kirche in Rjabinino
Zeichen der Einheit und des Friedens
Am 13. April 2025 fand ein außergewöhnliches Projekt seinen abschließenden Höhepunkt: eine russisch-orthodoxe Ikonenschule für Kinder übergab der katholischen Kirche Unserer Lieben Frau von Fatima im nördlichen Ural eine prachtvolle Ikone. Sie zeigt drei ausgewählte Heilige, nämlich jeweils einen aus der frühen Kirche im Heiligen Land sowie aus der West- und der Ostkirche, die zusammen ein eindrucksvolles Zeichen für Einheit und Frieden darstellen.
Von Erich Maria Fink
Nach seiner theologischen Ausbildung am russisch-orthodoxen Priesterseminar in Perm wählte Georgij Nikolajewitsch Merkurjew nicht den Weg zum Priestertum, sondern gründete 2003 in der Stadt Kungur 90 Kilometer südlich von Perm eine Ikonenschule für Kinder. Er gab ihr den Namen „Dobrotolubje“, was dem griechischen Wort „Philokalie“ entspricht und im Deutschen mit „Tugendliebe“ oder „Liebe zur geistigen Schönheit“ wiedergegeben wird.
An der Schule werden einige Dutzend Kinder verschiedener Altersstufen unterrichtet. Dabei werden sie nicht nur in die Technologie und die geistlichen Hintergründe der Ikonenmalerei eingeführt, sondern auch mit den religiösen Traditionen und kulturellen Schätzen der Permer Region vertraut gemacht.
„Geschenk an das Haus zweier Kulturen“
Auf Initiative von Georgij Merkurjew, der heute die Einrichtung als Direktor leitet, erarbeitete die Schule ein Projekt mit dem Namen „Geschenk an das Haus zweier Kulturen“. Mit dem Haus ist unsere katholische Kirche in Rjabinino (ausgesprochen wird es „Rebinina“) gemeint, die für ihre Offenheit gegenüber ihrer orthodoxen Umgebung sowie für ihre Liebe zur ostkirchlichen Tradition bekannt ist.
Die Kirche ist Unserer Lieben Frau von Fatima geweiht und bezeugt einerseits die prophetische Botschaft der Gottesmutter über Russland aus dem Jahr 1917, andererseits beherbergt sie im Seitenschiff eine Ikone der Gottesmutter von Kasan, die hier als symbolträchtiges Gnadenbild der Gebetsgemeinschaft „Maria – Mutter Europas“ verehrt wird. Es handelt sich um eine europaweite Partnerschaft, die P. Notker Hiegl OSB aus Beuron ins Leben gerufen und 2009 in Gibraltar offiziell besiegelt hat. In dieser Partnerschaft wird Russland durch die Kirche in Rjabinino als das bislang nordöstlichste Gotteshaus der katholischen Kirche auf europäischen Boden vertreten.
Ökumenisches Projekt
Bei dem Geschenk handelt es sich um eine Ikone, auf der drei Heilige aus unterschiedlichen Epochen dargestellt sind, die jeweils eine besondere Beziehung zu Tieren aufweisen. In der Mitte befindet sich der hl. Gerasimos vom Jordan (gest. 475), dem ein Löwe als Helfer zur Seite gestanden haben soll, links der hl. Franz von Assisi (1181-1226) mit dem Wolf von Gubbio und rechts der russisch-orthodoxe hl. Seraphim von Sarow (1754-1833) mit einem Bären.
Der hl. Gerasimos vertritt eine Zeit, in der die Ost- und Westkirche noch in der einen „Oikoumenē“ (Weltkirche) vereint waren, der hl. Franziskus die katholische und der hl. Seraphim die orthodoxe Kirche, wobei aber beide Heilige sowohl im Westen als auch im Osten bekannt sind und Verehrung erfahren. Mit der Ikone sollte nicht nur die Einheit unter den Christen und die Harmonie des Menschen mit der Schöpfung zum Ausdruck gebracht werden, sondern auch der Friede unter den Völkern. Deshalb wurde zum Wolf ein Lamm hinzugefügt, um an den messianischen Vers aus dem Buch Jesaja zu erinnern: „Der Wolf findet Schutz beim Lamm“ (Jes 11,6).
Zeichen mit besonderer Aktualität
Das Projekt, das sich über mehrere Jahre erstreckte, umfasst auch Exkursionen, durch die die Schüler aus Kungur das Leben und den Gottesdienst der katholischen Kirche kennenlernen sollten. Gefördert wurde es durch einen Zuschuss des Ministeriums für Bildung und Wissenschaft der Permer Region sowie der Verwaltung des Stadtkreises Tscherdyn, zu dem Rjabinino gehört. Auch die Russisch-Orthodoxe Kirche unterstützte die Initiative. Sie wurde vom orthodoxen Diakon Gennadij Wicharew betreut, dem offiziellen Beauftragten der Diözese Perm für religiöse Kunstgegenstände.
Als Zeitpunkt für die Übergabe der Ikone wurde bewusst der Palmsonntag gewählt, der dieses Jahr in Ost- und Westkirche gemeinsam gefeiert wurde. Dass der Osterfesttermin zusammenfiel, wurde als schöne Fügung betrachtet, die dem Zeichen der Einheit einen passenden Rahmen bot.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2025
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Wie man Reichtum einsetzt, um in den Himmel zu kommen
Das Nadelöhr
Im Media Maria Verlag, Illertissen, ist 2024 ein Buch mit dem Titel „Pater Pio und Mary Pyle. Seine hochgeschätzte geistliche Tochter und Vertraute“[1] erschienen. Verfasst wurde es von Esther von Krosigk, einer außergewöhnlichen Journalistin, die sich seit vielen Jahren für die katholische Kirche interessierte und 2019 konvertierte. In ihrem Buch geht sie eigentlich auf vier Hauptfiguren ein, nämlich auf die Amerikanerin Mary Pyle (bis zu ihrer Konversion Adelia McAlpin Pyle), den hl. Pater Pio, dem sie über mehrere Jahrzehnte als enge Vertraute beistand, Dr. Maria Montessori, die sie bis zu ihrer Begegnung mit Pater Pio begleitete, und ihre Mutter Adelaide McAlpin Pyle. Klaus-Hermann Rössler spricht in seiner Rezension „von einer der in der Tat ungewöhnlichsten, weitgespanntesten, gleichwohl unbekanntesten Biografien einer einflussreichen Person des 20. Jahrhunderts“.
Von Klaus-Hermann Rössler
Alle drei synoptischen Evangelisten berichten die Aussage Jesu: „Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu gelangen… Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“ (Mk 10,25; vgl. Mt 19,24; Lk 18,25). Interessant ist es, dass die Evangelien von der Bestürzung berichten, die die Jünger Jesu, ja alle Umstehenden erfasst: „Wer kann dann noch gerettet werden?“ Auch diejenigen, die sich gar nicht reich nennen können, sind erschüttert. Denn: Streben wir denn nicht alle nach einem möglichst angenehmen Leben, nach Reichtum? Sind wir dann nicht alle ausgeschlossen vom Reich Gottes? „Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich“ (Mk 10,27).
Wie Gott einen Menschen trotz seines oder sogar durch seinen immensen Reichtum zum ewigen Heil berufen kann, dem spürt Esther von Krosigk in ihrem 2024 erschienenen Buch „Pater Pio und Mary Pyle. Seine hochgeschätzte geistliche Tochter und Vertraute“ nach.
Zur Autorin Esther von Krosigk
Die aus mitteldeutschem Uradelsgeschlecht stammende, international tätige Japanologin, Journalistin (bei zahlreichen bekannten Medien), Verlegerin und Buchautorin (u.a. „Heiliger Papst Johannes Paul II.“, „Worüber der Papst lacht“, „Glücksorte in Kapstadt“ – Selbsteinschätzung: „Ehe ich sprechen konnte, wollte ich schreiben. Und seit ich schreiben kann, wollte ich nichts anderes mehr“), konvertierte 2019 zum katholischen Glauben und schrieb das vorliegende Buch in Erinnerung an eine Pilgerfahrt in Italien.
Über das Buch schreibt sie einleitend: „Dieses Buch erzählt von Mary Pyle. Aber es erzählt auch von zwei großen Gestalten des 20. Jahrhunderts, von Dr. Maria Montessori und dem heiligen Pater Pio, mit denen Mary Pyle in verschiedenen Phasen ihres Lebens eng verbunden war.
Die Hauptfiguren zwischen Europa und Amerika
Für alle drei Hauptfiguren dieser Biografie waren zwei Kontinente von entscheidender Bedeutung – Amerika und Europa – und jeweils aus ganz verschiedenen Gründen. Mary Pyle, in Amerika geboren, reiste als Assistentin und Vertraute mit Maria Montessori durch Kalifornien sowie europäische Länder und konvertierte in Italien zum Katholizismus. Ein Wunsch, den sie schon während ihrer Jugendjahre in New York in sich trug. Maria Montessori, eine italienische Ärztin und Pädagogik-Innovatorin, konnte durch ihre Aufenthalte in den Vereinigten Staaten, vor allem 1913, ihren internationalen Ruhm festigen und ausbauen.
Pater Pio hat Italien nie verlassen. Doch sein Vater wanderte temporär nach Amerika aus, um durch höheren Verdienst seine Familie in Italien durchzubringen und seinem Sohn eine bessere Bildung zu ermöglichen: „Mein Vater hat den Ozean zweimal überquert, damit ich ein Mönch werden kann“, hat Pater Pio einmal geäußert. Demnach hätte es ohne Amerika vielleicht keinen Pater Pio gegeben.
Was noch erstaunt: Während sein Vater nach Amerika ging, um die Armut zu überwinden, ging Mary Pyle, die reiche Amerikanerin, nach Italien, um arm zu werden. Bei Pater Pio, dem Kapuzinermönch, entledigte sie sich aller materiellen Güter.
Rolle von Marys Mutter Adelaide McAlpin Pyle
Dennoch war sie weiterhin wie ein Verbindungsglied zwischen ihrer Mutter, von der ihr hohe Geldsummen zukamen, und den bedürftigen Menschen in San Giovanni Rotondo, wo sich das alte Kapuzinerkloster befand, in dem Pater Pio lebte. Auch Projekte des heiligen Mönchs wurden generös unterstützt – unter anderem erfüllte Mary Pyle ihrem spirituellen Vater einen Herzenswunsch, indem sie in seinem Geburtsort Pietrelcina ein weiteres Kapuzinerkloster und -seminar erbauen ließ.
Mary Pyle behielt nichts für sich – angesichts ihrer luxuriösen Herkunft zeigte sie eine bewundernswerte Bereitwilligkeit für die heilige Armut. Aber ihr Vermögen und ihre Großzügigkeit waren Faktoren, die in ihrer Beziehung sowohl zu Pater Pio als auch zu Maria Montessori eine Rolle spielten. Denn auch Montessoris pädagogischer Siegeszug durch die Vereinigten Staaten wäre ohne das Geld der Familien McAlpin und Pyle so nicht möglich gewesen. Und da dieses Geld von Adelaide McAlpin Pyle – Marys Mutter – verwaltet und vergeben wurde, ist sie die vierte Hauptfigur in diesem Buch.
Frucht einer Konversion zum Katholizismus
Doch an erster Stelle erzählt die Biografie von einer Konversion, von der bedingungslosen Liebe zum Katholizismus. Und was daraus werden kann, wenn Gottes Ruf ohne Abstriche umgesetzt und gelebt wird. Es heißt zwar immer wieder, dass Mary Pyle sich gerne im Gefolge großer Persönlichkeiten bewegte, ohne sich selbst groß zu machen. Aber ihre Hingabe und ihr liebevoller Einsatz für Pater Pio und seinen Dienst, für seine Familie und für viele Menschen in San Giovanni Rotondo sind unschätzbar und haben den berühmten Pilgerort mit zu dem gemacht, was er heute ist.“
Damit ist eine der in der Tat ungewöhnlichsten, weitgespanntesten, gleichwohl unbekanntesten Biografien einer einflussreichen Person des 20. Jahrhunderts umrissen – und man darf wohl erwarten, dass vielen Lesern völlig neue Perspektiven eröffnet werden – Verbindungen, die quer zu Erwartungen des intellektuellen Mainstreams stehen, wie z.B. dass einer entschieden puritanischen Erziehung und Umwelt sehr wohl eine Berufung zum Glauben an die Sakramente und damit zur katholischen Kirche innewohnen kann oder dass die Entwicklung moderner Pädagogik durch Maria Montessori, die das entschiedene Eingehen auf die Persönlichkeit des Kindes und den Respekt vor ihm beinhaltet, auch als eine Frucht katholischer Frömmigkeit begriffen werden muss. Nicht zuletzt lernen wir, dass die eigentliche Bedeutung Pater Pios weniger in den spektakulären Wundern, die er gewirkt hat, liegt und seine Heiligkeit nicht in den Stigmata begründet ist, die er jahrzehntelang trug. Sondern dass diese beglaubigten, dass er als gütiger Seelsorger überwältigend die Seelenfreundschaft Jesu Christi mit der Seele jedes Menschen, Seine unermessliche Barmherzigkeit, vermittelt hat.
Resümee
Esther von Krosigk hat sich erfolgreich der wahrlich nicht ganz einfachen Aufgabe unterzogen, als erste eine Biografie über Mary Pyle, der Frau im Hintergrund weltberühmter Persönlichkeiten, ja der Frau im Hintergrund eines der größten Heiligen des 20. Jahrhunderts, zu schreiben. Sie spannt dabei den Bogen von treffend beschriebenen soziologischen und kulturellen Hintergründen zum Anekdotischen und zur Heiligengeschichte, ohne sich im Legendarischen zu verlieren. Sie verklärt die Protagonistin ihres Buches nicht – gerade dadurch aber tritt deren Heiligmäßigkeit in besonderer Art hervor. Indem sie Christus durch die spirituelle Hingabe an Pater Pio und eine umfangreiche karitative Freigebigkeit und Mildtätigkeit verehrte, zeigte sie vielen Menschen den Weg zum Glauben. Dies wird etwa deutlich, wenn die Autorin folgende Einschätzung mitteilt: „Alix Brown, die 1964 in den Karmelitinnenorden eintrat, erkannte in Marys Verfügbarkeit für die Pilger und in ihrer Bereitschaft, Anekdoten und Geschichten aus dem Leben von Pater Pio mit ihnen zu teilen, ein wichtiges ‚apostolisches Werk‘. Buchstäblich Tausende von Menschen wurden im Laufe der Jahre dank Mary Pyles Bemühungen mit Pater Pio bekannt gemacht.“
Kommt uns das nicht bekannt vor, wenn wir an die Fortsetzung des eingangs erwähnten Jesus-Wortes denken: „Da sagte Petrus zu ihm: Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Jesus antwortete: Amen, ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen: Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben.“
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2025
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[1] Esther von Krosigk: Pater Pio und Mary Pyle. Seine hochgeschätzte geistliche Tochter und Vertraute, Media Maria 2024, geb., 192 Seiten, ISBN: 978-3-947931-92-7; Euro 18,95 (D), 19,50 (A) – Bestell-Telefon: +49 (0)7303-952331-0; www.media-maria.de
Versuch der Gleichschaltung mit dem NS-Regime ist misslungen
Kirche im Dritten Reich
Studiendirektor Jakob Knab stellt in seinem Artikel aus verschiedenen Blickwinkeln dar, wie sich die katholische Kirche im Dritten Reich zum NS-Regime verhalten hat. Es handelt sich um eine aufschlussreiche Zusammenstellung von Fakten, die zum größten Teil bekannt sind. Doch lädt gerade eine solche Zusammenschau zur weiteren Aufarbeitung der NS-Zeit ein und richtet einen starken Appell an die Kirche in den Herausforderungen der aktuellen Weltlage. Papst Johannes Paul II. hatte sich bereits am 24. Juni 1988 bei seinem Besuch der KZ-Gedenkstätte Mauthausen besorgt darüber gezeigt, dass wir „mit allzu großer Eile in unserem Gedächtnis und Bewusstsein die Spur der alten Verbrechen auslöschen“.
Von Jakob Knab
Als Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 Adolf Hitler (NSDAP) zum Reichskanzler ernannte, lebten Deutschlands Katholiken im Spannungsfeld zwischen christlicher Weltanschauung und dem totalitären Herrschaftsanspruch der NS-Ideologie.
Zu Zeiten der Weimarer Republik hatte die katholische Bevölkerung für die Zentrumspartei und die Bayerische Volkspartei (BVP) gestimmt.[1] In den katholischen Regionen Rheinland, Bayern und Oberschlesien, ferner in den katholischen Inseln Eichsfeld und Ermland waren die Stimmenanteile der NSDAP auffallend niedrig.
Anfängliche Loyalität der deutschen Bischöfe
In seiner Regierungserklärung vom 23. März 1933 beteuerte „Reichskanzler“ Hitler: „Die nationale Regierung sieht in den beiden christlichen Konfessionen wichtigste Faktoren der Erhaltung unseres Volkstums.“[2] Ein paar Tage später, am 28. März 1933, nahmen die Bischöfe die früher gegen die NSDAP gerichteten Warnungen und Verbote zurück: „Für die katholischen Christen, denen die Stimme ihrer Kirche heilig ist, bedarf es auch im gegenwärtigen Zeitpunkte keiner besonderen Mahnung zur Treue gegenüber der rechtmäßigen Obrigkeit und zur gewissenhaften Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten unter grundsätzlicher Ablehnung allen rechtswidrigen und umstürzlerischen Verhaltens.“[3] Nach Hitlers Regierungserklärung wurde mit den Stimmen der katholischen Parteien Zentrum und BVP das sog. Ermächtigungsgesetz („Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“) angenommen.
Mahnruf von Edith Stein
Wenige Tage später, am 1. April 1933, kam es zum Boykott jüdischer Geschäfte. Nach jenem Auftakt der Judenhetze schrieb die jüdische Konvertitin Edith Stein an Papst Pius XI. diesen Bittbrief: „Ist nicht der Vernichtungskampf gegen das jüdische Blut eine Schmähung der allerheiligsten Menschheit unseres Erlösers, der allerseligsten Jungfrau und der Apostel? Steht nicht dies alles im äußersten Gegensatz zum Verhalten unseres Herrn und Heilands, der noch am Kreuz für seine Verfolger betete? Und ist es nicht ein schwarzer Flecken in der Chronik dieses Heiligen Jahres, das ein Jahr des Friedens und der Versöhnung werden sollte? Wir alle, die wir treue Kinder der Kirche sind und die Verhältnisse in Deutschland mit offenen Augen betrachten, fürchten das Schlimmste für das Ansehen der Kirche, wenn das Schweigen noch länger anhält. Wir sind der Überzeugung, dass dieses Schweigen nicht imstande sein wird, auf die Dauer den Frieden mit der gegenwärtigen deutschen Regierung zu erkaufen.“[4] Doch sie erhielt keine Antwort. Am 9. August 1942 wurde die jüdische Konvertitin in der Gaskammer des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau ermordet. Edith Stein (Sr. Teresia Benedicta a Cruce OCD) wurde von Papst Johannes Paul II. am 1. Mai 1987 selig- und am 11. Oktober 1998 in Rom heiliggesprochen.
In einem gemeinsamen Hirtenbrief vom 8. Juni 1933, also während der Verhandlungen zum Reichskonkordat, taten die deutschen Bischöfe kund: „Es fällt deswegen uns Katholiken auch keineswegs schwer, die neue starke Betonung der Autorität im deutschen Staatswesen zu würdigen und uns ihr mit jener Bereitschaft zu unterwerfen, die sich nicht nur als eine natürliche Tugend, sondern wiederum als eine übernatürliche kennzeichnet, weil wir in jeder menschlichen Obrigkeit einen Abglanz der göttlichen Herrschaft und eine Teilnahme an der ewigen Autorität Gottes erblicken.“[5]
Kritik von drei katholischen Gelehrten am Schweigen
Nach den „Röhm-Putsch“-Morden vom 30. Juni 1934, als sich Hitler unter jubelnder Zustimmung des Reichstages zum „Obersten Gerichtsherrn des Deutschen Volkes“ erklärte, erhoben drei katholische Gelehrte ihre Stimme; sie reagierten auf das „Schweigen“ der Bischöfe. Der jüdische Konvertit Waldemar Gurian (1902-1954) verfasste die Denkschrift „St. Ambrosius und die deutschen Bischöfe“ (Luzern 1934). Die Kleinschrift „Die Glaubensnot der deutschen Katholiken“ von Michael Schäffler alias Alois Dempf (1891-1982) erschien 1934 ebenfalls in der Schweiz. Schließlich ergriff der Trierer Newman-Forscher Matthias Laros (1882-1965) in jenem Jahr 1934 das Wort: „Wenn die Bischöfe schweigen, müssen einfache Priester und Laien sprechen; bekennen, was ihnen auf der Seele brennt. (...) Der Sinn der Stunde zielt auf den Herzpunkt der Religion: Den Kampf zwischen Christ und Antichrist innerhalb wie außerhalb der Kirche.“[6]
Angeblicher Kampf gegen den gottlosen Bolschewismus
An Weihnachten 1936 bekundeten die Bischöfe in einer von Hitler geforderten Verlautbarung ihre Entschlossenheit, an der Seite der staatlichen Obrigkeit gegen den Bolschewismus zu kämpfen: „Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler hat den Anmarsch des Bolschewismus von weitem gesichtet und sein Sinnen und Sorgen darauf gerichtet, diese ungeheure Gefahr von unserem deutschen Volk und dem gesamten Abendland abzuwehren. Die deutschen Bischöfe halten es für ihre Pflicht, das Oberhaupt des Deutschen Reiches in diesem Abwehrkampf mit allen Mitteln zu unterstützen, die ihnen aus dem Heiligtum zur Verfügung stehen.“[7]
Das päpstliche Rundschreiben „Mit brennender Sorge“
Einerseits bekundeten die Bischöfe ihren Gehorsam gegenüber der staatlichen Obrigkeit, auf der anderen Seite widersprach die Kirche dem Rassismus der NS-Ideologie. Das päpstliche Rundschreiben „Mit brennender Sorge“, das am 21. März 1937 in allen katholischen Kirchen verlesen wurde, stellt den Höhepunkt des Kirchenkampfes dar. Hier ein Auszug: „Nur oberflächliche Geister können der Irrlehre verfallen, von einem nationalen Gott, von einer nationalen Religion zu sprechen, können den wahnwitzigen Versuch unternehmen, Gott ... in die Grenzen eines einzelnen Volkes, in die blutmäßige Enge der einzelnen Rasse einkerkern zu wollen.“[8] Ein weiterer Gipfelpunkt des kirchlichen Widersagens waren die mutigen Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens August von Galen im August 1941.
Rückblick des katholischen Schriftstellers Reinhold Schneider
Als Jahrzehnte später der katholische Schriftsteller Reinhold Schneider auf die NS-Gewaltherrschaft zurückblickte, bekannte er angesichts der Judenpogrome vom 9./10. November 1938: „Am Tage des Synagogensturmes hätte die Kirche schwesterlich neben der Synagoge erscheinen müssen. Es ist entscheidend, daß das nicht geschah. Aber was tat ich selbst? Als ich von den Bränden, Plünderungen, Greueln hörte, verschloß ich mich in meinem Arbeitszimmer, zu feige, um mich dem Geschehenden zu stellen und etwas zu sagen.“[9] Dompropst Bernhard Lichtenberg freilich hatte den Mut gefunden, am 10. November 1938 in der St. Hedwigs-Kathedrale zu beten: „Für die Priester in den Konzentrationslagern, für die Juden, für die Nichtarier“ und fügte hinzu: „Was gestern war, wissen wir. Was morgen ist, wissen wir nicht. Aber was heute geschehen ist, haben wir erlebt. Draußen brennt der Tempel. Das ist auch ein Gotteshaus.“[10] Am 5. November 1943 starb der schwer erkrankte Bekenner Bernhard Lichtenberg auf dem Transport ins KZ Dachau. Im Mai 2005 ehrte ihn die Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechten unter den Völkern. Am 23. Juni 1996 erhob ihn Papst Johannes Paul II. im Berliner Olympiastadion zur Ehre der Altäre.
Krieg als Grundpfeiler der NS-Ideologie
„Nichts ist verloren durch den Frieden, alles kann verloren werden durch den Krieg.“ Dieser Aufruf, den Papst Pius XII. Ende August 1939 an alle Menschen guten Willens richtete, verhallte ungehört. Mit dem Angriff auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Krieg war ein Grundpfeiler der NS-Ideologie; denn der Nationalsozialismus kam aus dem Krieg, fand im Krieg seine eigentliche Bestimmung und ging im Krieg schließlich unter. Am 22. Juni 1941 überfiel Hitlers Wehrmacht die Sowjetunion. Wenige Tage darauf forderten die Bischöfe Treue und Tapferkeit von den Soldaten: „In schwerster Zeit des Vaterlandes, das auf weiten Fronten einen Krieg von nie gekannten Ausmaßen zu führen hat, mahnen wir euch zu treuer Pflichterfüllung, tapferem Ausharren, opferwilligem Arbeiten und Kämpfen im Dienst unseres Volkes. (...) Bei der Erfüllung der schweren Pflichten dieser Zeit, bei den harten Heimsuchungen, die im Gefolge des Krieges über euch kommen, möge die trostvolle Gewissheit euch stärken, daß ihr nicht bloß dem Vaterland dient, sondern zugleich dem heiligen Willen Gottes folgt, der alles Geschehen, auch das Schicksal der Völker und der einzelnen Menschen in seiner weisen Vorsehung lenkt.“[11]
Standhafte Bekenner
Schon im ersten Flugblatt vom 27. Juni 1942 wurde ein richtungweisender Anspruch der „Weißen Rose“ bekundet. Es heißt dort: „... verhindert das Weiterlaufen dieser atheistischen Kriegsmaschine, ehe es zu spät ist...“ Dieser Duktus geht auf Theodor Haecker, den Mentor der „Weißen Rose“, zurück; denn Hans Scholl kannte Haeckers Notat „An die Deutschen 1941“: „Euer Ruhm ist ohne Glanz. Er leuchtet nicht. Man spricht von euch, weil ihr die besten Maschinen habt – und seid. In diesem Staunen der Welt ist kein Funke von Liebe. Und nur Liebe gibt Glanz. Ihr haltet euch für auserwählt, weil ihr die besten Maschinen, Kriegsmaschinen baut und sie am besten bedient. (...) Christlich ist nur ein Weg: Umkehr...“[12] Im vierten Flugblatt vom 12. Juli 1942 lesen wir: „Überall und zu allen Zeiten der höchsten Not sind Menschen aufgestanden, Propheten, Heilige, die ihre Freiheit gewahrt hatten, die auf den Einzigen Gott hinwiesen und mit seiner Hilfe das Volk zur Umkehr mahnten.“
Bislang wurden diese standhaften Bekenner selig- oder heiliggesprochen: Clemens August Kardinal von Galen, Jakob Gapp, Nikolaus Groß, Georg Häfner, Gerhard Hirschfelder, Franz Jägerstätter, Sr. Maria Restituta Kafka SFCC, Maximilian Kolbe OFMConv, Karl Leisner, Bernhard Lichtenberg, P. Rupert Mayer SJ, Otto Neururer, Hermann Lange, Eduard Müller, Johannes Prassek, Edith Stein, Josef Mayr-Nusser sowie Max Josef Metzger.
Im Dezember 1940 wurde der Priesterblock im KZ Dachau errichtet. Insgesamt wurden bis zum Kriegsende 2720 Geistliche, von denen 1780 aus Polen und 447 (411 katholische, 36 protestantische) aus Deutschland stammten, inhaftiert. 1034 dieser Häftlinge überlebten den KZ-Terror nicht.
Papst Pius XII. und die drohende Vernichtung der Juden
In seiner Ansprache von Weihnachten 1942 tat Papst Pius XII. angesichts der Bitten, seine Stimme für die von der Vernichtung bedrohten Juden zu erheben, kund: „Dieses Gelöbnis schuldet die Menschheit den Hunderttausenden, die persönlich schuldlos bisweilen nur um ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstammung willen dem Tode geweiht oder einer fortschreitenden Verelendung preisgegeben sind.“[13] Gut die Hälfte der 8000 in Rom lebenden Juden konnte rechtzeitig untertauchen. Bis zur Befreiung von Rom am 4. Juni 1944 fanden ca. 4500 Juden in etwa 150 verschiedenen kirchlichen Einrichtungen Zuflucht. Zahlreiche Klöster nahmen dank personeller Netzwerke Verfolgte auf.[14]
Mitte September 1943 wurde das Hirtenwort „Zehn Gebote als Lebensgesetz der Völker“ von der Kanzel verlesen. Hier der Kernsatz: „Tötung ist in sich schlecht, auch wenn sie angeblich im Interesse des Gemeinwohls verübt würde: An schuld- und wehrlosen Geistesschwachen und -kranken, an unheilbar Siechen und tödlich Verletzten, an erblich Belasteten und lebensuntüchtigen Neugeborenen, an unschuldigen Geiseln und entwaffneten Kriegs- oder Strafgefangenen, an Menschen fremder Rassen und Abstammung. Auch die Obrigkeit kann und darf nur wirklich todeswürdige Verbrechen mit dem Tode bestrafen.“[15]
Johannes Oesterreicher und das Zweite Vatikanum
Der gebürtige Jude Johannes Oesterreicher (1904-1993) gilt als der Architekt der Erklärung „Nostra Aetate“. Nach der Lektüre der Schriften von John Henry Newman, dem Erwecker des christlich erleuchteten Gewissens, war er zur katholischen Kirche konvertiert und 1927 zum Priester geweiht worden. Nach dem sog. Anschluss musste er 1938 aus Österreich fliehen. Zunächst von Frankreich aus hielt er Reden gegen das rassistische Kriegstreiben des NS-Regimes. Sein lebenslanges Wirken galt dem Dialog von Juden und Christen. Diese Zeilen aus „Nostra Aetate“ gelten als sein Vermächtnis:
„Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden gerichtet haben. (...) Deshalb verwirft die Kirche jede Diskriminierung eines Menschen oder jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen, weil dies dem Geist Christi widerspricht.“
Resümee
Als Papst Johannes Paul II. am 24. Juni 1988 die KZ-Gedenkstätte Mauthausen besuchte, da zeigte er sich besorgt darüber, dass wir „mit allzu großer Eile in unserem Gedächtnis und Bewusstsein die Spur der alten Verbrechen auslöschen.“ Er drängte die Ortskirchen dazu, die Erinnerung an die Märtyrer des 20. Jahrhunderts wach zu halten. Diese kamen der Bitte nach; am umfangreichsten ist das deutsche Martyrologium.[16]
Die Lehre aus der Geschichte lautet: Die Kirche konnte sich dem weltanschaulichen Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus entziehen. Ihre Gleichschaltung misslang, aber ihre überwiegend konservativ-nationale Grundhaltung bewirkte immer wieder ihre Loyalität zur staatlichen Obrigkeit. Niemand hatte ernstlich mit dem plötzlichen Erscheinen des „Tieres aus der Tiefe“ (Offb 13) gerechnet. Die Geschichte der Freiheit verdankt sich der schöpferischen Kraft einer Minderheit herausragender Einzelpersönlichkeiten. Das gewissenhafte Ringen um Wahrheit muss zwangsläufig mit der Gleichschaltung durch eine totalitäre Herrschaft in Konflikt geraten. „Zur Freiheit hat Christus uns befreit“ (Gal 5,1).
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2025
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[1] Ein Blick hundert Jahre zurück: Im Wahlgang der Reichspräsidentenwahl am 26. April 1925 standen sich Wilhelm Marx für den republikanischen „Volksblock“ und Paul von Hindenburg für den antirepublikanischen „Reichsblock“ gegenüber. Bei diesem (zweiten) Wahlgang siegte Paul von Hindenburg mit 48,3 % der Stimmen, das war ein Vorsprung von drei Prozentpunkten vor Marx. In diesem entscheidenden Wahlgang hatte sich die Bayerische Volkspartei (BVP) gegen Wilhelm Marx, den Kandidaten des Zentrums, gestellt. Die BVP zog den preußischen Nationalprotestanten Hindenburg dem kirchentreuen Katholiken Wilhelm Marx vor.
[2] Bernhard Stasiewski: Akten deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche 1933-1945, Bd. I, Mainz 1968, 15.
[3] Siehe Olaf Blaschke: Die Kirchen und der Nationalsozialismus, Bonn 2020, 91.
[4] Hubert Wolf: Papst und Teufel. Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich, München 2008. 214.
[5] Stasiewski: Akten, 240f.
[6] Klaus Unterburger: „Wenn die Bischöfe schweigen ...“. Eine Denkschrift des Trierer Newman-Forschers und Theologen Matthias Laros an den deutschen Episkopat aus dem Jahre 1934, in: ZKG 113 (2002), 329-354.
[7] Hirtenwort des deutschen Episkopats vom 24. Dezember 1936; hier zitiert nach: Dem Führer gehorsam, hrsg. von Thomas Breuer, Oberursel 1989, 9.
[8] Georg Denzler/Volker Fabricius: Christen und Nationalsozialisten, Frankfurt a. Main 1993, 288.
[9] Reinhold Schneider: Verhüllter Tag. Bekenntnis eines Lebens, Freiburg 1954, 40.
[10] Erich Kock: Er widerstand: Bernhard Lichtenberg, Berlin 1996, 137.
[11] Gemeinsamer Hirtenbrief der am Grabe des hl. Bonifatius versammelten Oberhirten der Diözesen Deutschlands: Die Bedrückung der Kirche in Deutschland, 26. Juni 1941.
[12] Theodor Haecker: Tag- und Nachtbücher 1939-1945; hg. von Hinrich Siefken, Innsbruck 1989, 165 [Notat 735].
[13] Gustav Seibt: Hier hören Sie das Schweigen des Papstes, in: SZ vom 29. Januar 2009.
[14] Arno Lustiger: Rettungswiderstand. Über die Judenretter in Europa während der NS-Zeit, Göttingen 2011, 283. – „Es sind tatsächlich Tausende von Juden in Klöstern, in anderen kirchlichen Einrichtungen wie zum Beispiel in Kinderheimen und Instituten, in den Patriarchalbasiliken, im päpstlichen Sommersitz Castel Gandolfo und im Vatikan selbst fürsorglich aufgenommen worden.“
[15] Hirtenwort des Deutschen Episkopats; in: Ludwig Volk (Hg.): Akten deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche 1933-1945, Bd. VI: 1943-1945, Mainz 1985, 201.
[16] Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, 8., aktualisierte Auflage, Paderborn 2023.
Leuchtendes Beispiel für ein „offenes Christentum“ in der Russisch-Orthodoxen Kirche
Erzpriester Alexander Kubelius (1946-2019)
Die beiden russisch-orthodoxen Geistlichen Dionisij Martyschin und Pawel Botschkow (Pavel Bochkov) setzen gleichsam ihre Reihe fort, mit der sie herausragende Vertreter wissenschaftlich-theologischen Denkens in der Russisch-Orthodoxen Kirche vorstellen (vgl. Kirche heute, 4-2025, S. 16-19). Wie den Erzpriester Alexander Men (1935-1990) sehen sie auch den Erzpriester Alexander Kubelius (1946-2019) als Brücke zwischen den christlichen Traditionen der Ost- und Westkirche.
Ähnlich wie Papst Franziskus zunächst als Chemietechniker in einem lebensmittelwissenschaftlichen Labor arbeitete und erst kurz vor seinem 33. Geburtstag die Priesterweihe empfing, war auch Kubelius ein Spätberufener, der nach seiner Ausbildung als Radio-Ingenieur-Technologe zunächst ein Studium am Kiewer Technologischen Institut für Lebensmittelindustrie absolvierte. Danach studierte er am Leningrader Theologischen Seminar und promovierte 1980 an der Leningrader Theologischen Akademie zum Thema „Das Moskauer Patriarchat in seiner historischen Entwicklung“. Ebenfalls mit knapp 33 Jahren wurde er 1979 zum Priester geweiht und 1992 nach vielseitigem pastoralem Einsatz und intensiver Lehrtätigkeit zum Rektor der Theologischen Akademie sowie des Priesterseminars in Kiew ernannt.
Allerdings wurde ihm diese Verantwortung wieder entzogen, als er sich kategorisch weigerte, Studenten, die unter der Schirmherrschaft der Behörden standen, überhöhte Noten zu geben. Insbesondere geriet er mit einem Geistlichen in Konflikt, der für seine unangemessene Lebensführung und die Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten bekannt war.
Von Dionisij Martyschin und Pawel Botschkow
Erzpriester Alexander Kubelius (1946-2019), nach der Perestroika einer der ersten Geistlichen der Russisch-Orthodoxen Kirche in der Ukraine, war ab 1992 Rektor des Kiewer Theologischen Seminars und erster Rektor der nach der kommunistischen Ära wiederbelebten Kiewer Theologischen Akademie.
Lebendige Brücke zwischen den Traditionen des Ostens und des Westens
Kubelius galt als begabter Denker und glaubensstarker Priester, der in seinem Leben Christus und seine Lehre als gemeinsamen Schatz der Ost- und Westkirche bezeugte. So war er ein leuchtendes Beispiel für ein „offenes Christentum“. Durch seinen Dienst und sein Leben verkörperte er eine lebendige Brücke zwischen den christlichen Traditionen des Ostens und des Westens.
Er war der festen Überzeugung, dass religiöse Erkenntnis nicht nur den allgemeinen Horizont des modernen wissenschaftlichen Denkens erweitert, sondern auch eine entscheidende Rolle bei der Persönlichkeitsbildung spielt. Er gehörte zu jenen herausragenden orthodoxen Priestern und Theologen, die durch ihren kirchlichen Dienst und die Entwicklung der theologischen Wissenschaft zu einem positiven Bild der orthodoxen Kirche unter der schöpferischen Intelligenz in der postsowjetischen Ukraine beitrugen.
Für alle, die ihn kennenlernen durften, waren die Begegnungen mit ihm ein wahres geistliches Fest des christlichen Glaubens, der Weisheit, der Demut, der pastoralen Theologie und der eschatologischen Hoffnung. In der orthodoxen Kirche der Ukraine gibt es kaum jemanden unter der älteren Generation, der Alexander Kubelius nicht gekannt hätte – den talentierten Studenten, den Absolventen der Petersburger (während der Sowjetmacht – Leningrader) Theologischen Schulen, den dritten Rektor des wiederbelebten Kiewer Geistlichen Seminars und den ersten Rektor der Kiewer Geistlichen Akademie.
Diskreditiert als liberaler Modernist und Ökumeniker
Fairerweise muss gesagt werden, dass Kubelius eine komplexe, unkonventionelle und widersprüchliche Persönlichkeit war. Diejenigen, die dazu neigen, in Klischees und Stereotypen zu denken, und andere gerne in Schubladen stecken, nannten ihn einen Liberalen, einen Modernisten und einen Ökumeniker. Aus unserer Sicht ist dies für Menschen, die sich mit der Theologie der Orthodoxen Kirche, der Geschichte des Christentums und dem orthodoxen wie katholischen theologischen Denken beschäftigen, wohl eher eine positive Charakterisierung. Wenn das Wort „liberal“ im kirchlichen Kontext verwendet wird, dient es praktisch nur als Mittel der Manipulation oder Anklage. Der beste Weg, eine Person zu diskreditieren, scheint darin zu bestehen, seinen Namen mit ökumenischen Ideen oder dem konstruktiven theologisch-kulturellen Dialog mit der Römisch-Katholischen Kirche in Verbindung zu bringen, also mit Ansätzen, die in orthodoxen Kreisen offensichtlich unpopulär sind. Und Erzpriester Alexander war eben ein konsequenter Befürworter dieses Dialogs mit der katholischen Kirche. Er begegnete der christlichen Tradition der Westkirche mit großem Respekt und Liebe.
Bei allen, die Kubelius kannten, werden sein langjähriger aufopferungsvoller pastoraler Dienst, sein immenses theologisches Wissen, sein philosophischer Scharfsinn, seine analytischen Fähigkeiten, sein hintergründiger Humor und seine Gabe, einfühlsam zu sprechen und zuzuhören, als leuchtendes Beispiel eines gütigen und weisen Hirten der Kirche Christi in Erinnerung bleiben. Zweifellos hat er sich als kirchlicher Intellektueller, als gelehrter Gesprächspartner, als Philosoph und bedeutender Experte auf dem Gebiet analytischer Forschung einen Namen gemacht.
In der Schule des Liturgiewissenschaftlers P. Miguel Arranz SJ
Zu seinen Interessen gehörten theologische, staatliche, philosophische und kulturwissenschaftliche Fragen. Besonders lagen ihm die Themen Liturgische Theologie und Geschichte der Ökumene am Herzen. Sein Interesse dafür wurde von seinem Mentor, dem Jesuitenpater Miguel Arranz (1930-2008), Doktor der Ostkirchenwissenschaften und Professor am Päpstlichen Orientalischen Institut, geweckt. Seine theologische Prägung erhielt er durch das Studium der Kirchengeschichte und der Werke der Kirchenväter an den Leningrader Geistlichen Schulen. Er kannte persönlich Metropolit Nikodim (Rotow) von Leningrad (1929-1978) sowie viele bedeutende Theologen und Hierarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche, die seine theologischen Ansichten und Werke hochschätzten.
Alexander Kubelius betonte stets, dass das Leben des Erlösers, der heiligen Apostel, der altkirchlichen Glaubenszeugen und die Herausbildung der orthodoxen Lehre in der Zeit der Ökumenischen Konzilien einen eindeutig historischen Charakter besitzen. Die Kirche baut ihre Verkündigung über Gott auf einem geschichtlichen Zeugnis auf. Alles, woran ein orthodoxer Christ glaubt, hat eine historische Grundlage. Das Christentum ist seiner Ansicht nach eine echte Wissenschaft, und zwar vor allem im liturgischen und historischen Kontext. Gott, so betonte er, erfüllt die historischen Ereignisse der Welt mit der Fülle des Seins, der Freude, der Herrlichkeit und dem Geheimnis der Gemeinschaft des Menschen mit Gott. Für ihn war vollkommen klar, dass das Christentum in der Eucharistie, im Gottesdienst eine neue Dimension menschlicher Existenz eröffnet. Gerade durch die Sakramente vergeistigt Gott die historische Realität des Menschen.
Eucharistie als Zentrum christlicher Spiritualität und Theologie
Es war entscheidend, dass er die Eucharistie als Zentrum des spirituellen christlichen Lebens betrachtete. Er war der Meinung, dass sich in der Eucharistie die wichtigsten Themen der christlichen Theologie verwirklichen: Erlösung, Heiligung, Rettung, Vergeistigung, Reinigung, Heilung und Verwandlung des menschlichen Lebens. Die Feier der Eucharistie, die Predigt und die Überlegungen zum Gottesdienst waren für einen religiösen Denker, wie Alexander Kubelius genannt werden muss, der geistige Kern seines Wesens. Für ihn gab es in der Kirchengeschichte keine Nebensächlichkeiten, in der Philosophie keine Belanglosigkeiten und im theologischen Denken keine ablenkenden Aspekte, im Gegenteil, er verstand es, die Aufmerksamkeit auf die Feinheiten und Besonderheiten der christlich-theologischen Wissenschaft zu lenken. Im Gespräch mit Kubelius offenbarte sich dem Gesprächspartner die frühkirchliche Epoche der heiligen Väter in ihrer ganzen Pracht. Sie wurde lebendig und Realität für einen Menschen, der im XXI. Jahrhundert lebt. Die Geschichte der Kirche, die Erinnerungen der Hierarchen (Patriarchen, Metropoliten und Bischöfe) wurden in seinen Gesprächen so farbenfroh beschrieben und vermittelt, dass unweigerlich der Wunsch aufkam, ein Geschichtsbuch zur Hand zu nehmen und das Ganze nachzulesen, um sozusagen die epochalen Bilder und Ereignisse im Gedächtnis aufzufrischen.
Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass Alexander Kubelius den tiefen und nicht immer rational erklärbaren Sinn der menschlichen Geschichte durch das Prisma des eucharistischen Denkens gesehen hat. Er enthüllte die Verbindung zwischen Religion und Wissenschaft und sah das Ziel der Geschichte in der Schaffung einer authentischen christlichen Kultur. So verbinden sich seine theologischen Ansichten organisch mit Geschichte, Sozialwissenschaften, Prognosen und politischen Analysen und bilden im Ergebnis ein einheitliches christliches Lehrgebäude.
Leiden unter Verrat und Ausgrenzung
Erzpriester Alexander Kubelius schätzte insbesondere die menschliche Freiheit, den Raum für persönlichen Glauben, Kreativität, Selbstbestimmung und freies Denken. Man muss zugeben, dass solche Ansichten den Hierarchen, dem Klerus der ukrainisch-orthodoxen Kirche und dem bürokratischen Kirchensystem nicht immer gefallen haben. Und das System zahlte es ihm heim, indem es ihn aus den Zentren des intellektuellen und kreativen Lebens entfernte. Seinen pastoralen Dienst verrichtete er künftig im Dorf Krenitschi in der Nähe von Kiew, nicht in den Kirchen und Kathedralen der Hauptstadt. Von ihm stammen zahlreiche Redewendungen und präzise Ausdrücke über das kirchliche Leben, die zu geflügelten Worten geworden sind. Besonders in kirchlichen Kreisen sind seine ironischen Worte bekannt, die sein Leben charakterisieren: „Nicht durch Rang und Orden entehrt!“
Aus einem Gespräch mit Erzpriester Alexander über sein Leben, seine Theologie, sein Rektorat, seine Lehrtätigkeit und Seelsorge sind mir seine tiefgründigen und zugleich tragischen Worte in Erinnerung geblieben: „Das Schlimmste ist Verrat! Es tut unerträglich weh, es bricht einem das Herz, wenn ein Priester all seine Kraft, Liebe, Fürsorge, sein ganzes Leben seiner Herde schenkt und im Gegenzug Verrat erfährt. Es ist erschreckend zu erkennen, dass Manipulation, politische Spiele, Geschwätz, Spekulationen und Ideologie den Glauben an Christus verdunkeln können, dass politische Demagogie den lebendigen Glauben an Gott in den Hintergrund drängen kann.“
Gelebte Theologie der Hoffnung
Erzpriester Alexander schenkte den Werken bedeutender Theologen und Missionare der orthodoxen Kirche im Westen große Aufmerksamkeit. Vor allem betonte er die Theologie und das Wirken von Metropolit Antonius (Bloom) von Surosch (1914-2003) und von Protopresbyter Alexander Schmemann (1921-1983). In seinen Ausführungen über den herausragenden katholischen Gelehrten Pater Miguel Arranza und seine Arbeit auf dem Gebiet der Liturgiewissenschaft erhebt sich Erzpriester Alexander über alle Eitelkeiten und entführt die Zuhörer in die Welt des christlichen Denkens, erfüllt von Liebe, Hoffnung und Freude. Zu seinen Lieblingsautoren zählte er die russischen Klassiker Michail Saltykow-Schtschedrin (1826-1889) und Anton Tschechow (1860-1904). Er riet auch zur Lektüre von Büchern in deutscher Sprache, da er der festen Überzeugung war, die deutsche Buchkultur fördere die Entwicklung der Geistesdisziplin und der literarisch-philologischen Reflexion.
In den letzten Jahren seines Lebens war Erzpriester Alexander Kubelius schwer krank, doch er überwand seine Krankheit und diente Gott bis zu seinem letzten Atemzug. Für uns verkörperte Erzpriester Alexander Kubelius einen zutiefst demütigen Menschen, der im Zustand seiner Krankheit Golgatha bestieg, aber im Glauben an die Auferstehung lebte, den Triumph der ewigen Wahrheit Gottes. Mit anderen Worten: Ein religiöser Denker im eschatologischen Paradigma, ein Priester, der die Soutane der Theologie der Hoffnung trug. Faszinierende Ehrfurcht vor der menschlichen Person, Kreativität, Literatur, Philosophie, der alles verzehrende Kontext prophetischer Freiheit, die intellektuelle Selbstbestimmung des Theologen in der Welt der Wissenschaft und der Kirche, das alles prägte durch und durch das Leben und den pastoralen Dienst von Erzpriester Alexander Kubelius.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2025
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