Liebe Leserinnen und Leser

Von Erich Maria Fink und Thomas Maria Rimmel

Der bekannte Journalist Daniel Wirsching, der in zahlreichen deutschsprachigen Medien publiziert, schrieb in einem Artikel vom 16. August 2025: „Nach 100 Tagen im Amt weiß die Welt nach wie vor nicht genau, wofür Leo steht: Er ist Phänomen und Phantom zugleich.“ Ein Phänomen sei er, weil er bislang sowohl von konservativer als auch von progressiver Seite bejubelt werde, ein Phantom, weil er nicht wirklich zu greifen sei. Doch der Applaus könne nicht ewig dauern. Denn, so Wirsching, „der Papst wird sich bald erklären müssen“. Und dann komme auch Papst Leo nicht umhin, irgendwo anzuecken.

Mit der Erhebung des hl. John Henry Newman zum Kirchenlehrer hat Papst Leo XIV. deutlich gezeigt, wofür er steht. In diesem Heiligen scheinen die Konturen des derzeitigen Pontifikats selbst auf. Seit 100 Jahren vereint John Henry Newman sowohl traditionsbewusste Katholiken als auch Anhänger des Aufbruchs der Kirche in die Moderne, wie er schließlich im Zweiten Vatikanischen Konzil einen verbindlichen Ausdruck gefunden hat. Seine klare Positionierung zum päpstlichen Lehramt und zu den Dogmen der Kirche verband Newman mit einem weitsichtigen Verständnis für den dynamischen Charakter der Lehrentwicklung. Diesen offenen Blick, der ihn letztlich zum Kirchenlehrer werden ließ, verdankte er seiner persönlichen Bekehrungs- und Lebensgeschichte. Sie führte ihn über das anglikanische Christentum zum apostolischen Fundament der römisch-katholischen Kirche. Doch diesen Schritt musste er sich hart erkämpfen, letztlich auf dem Weg einer persönlichen Gewissensentscheidung. So blieb für ihn die subjektiv-personale Dimension des Glaubens immer ausschlaggebend, sowohl in seinem Bildungskonzept als auch in seinem Kirchenverständnis.

Aus diesem Grund vertrat John Henry Newman schon im 19. Jahrhundert die Auffassung, dass die Kirche bei der Ausgestaltung ihrer Lehre alle Bereiche des kirchlichen Lebens, das heißt alle Beteiligten in den Blick nehmen müsse, also nicht nur die Hirten in ihrer von Gott gegebenen Autorität, sondern auch die Theologen und vor allem die Gläubigen selbst. Dafür geriet er in den Verdacht der Häresie, doch es ist genau der Weg, den Papst Franziskus mit der Betonung des synodalen Charakters der Kirche als ihre zentrale Aufgabe für das dritte Jahrtausend herausgestellt hat. Und Papst Leo XIV. bekennt sich nun eindeutig zu diesem Weg, nicht zur Veränderung der Lehre durch demokratische Abstimmungen, sondern zur Transformation des kirchlichen Lebens und der Verwirklichung der missionarischen Sendung aller Gläubigen.

Auch mit seiner Apostolischen Exhortation „Dilexi te“ über die Liebe zu den Armen zeigt Papst Leo, wofür er steht. Er bekennt sich zum Weg seines Vorgängers, der sich eine „arme Kirche und eine Kirche für die Armen“ wünschte. So hatte es Papst Franziskus bereits bei seiner ersten Audienz ausgedrückt. Und Papst Leo versucht nun mit seinem Aufruf, durch die Hinwendung zu den Armen in der Heiligkeit zu wachsen, alle ins Boot zu holen.

Schließlich nützte Papst Leo auch das „Jubiläum der marianischen Spiritualität“ am 11. und 12. Oktober 2025, um zu zeigen, wofür er steht. Besonders betonte er die Demut Mariens und die Bedeutung ihres „Magnifikats“ für jeden Dienst in der Kirche. Die Geschichte zeige, wie die Hochmütigen im Herzen zerstreut und die Mächtigen vom Thron gestürzt würden und wie die Reichen leer ausgingen. Die marianische Spiritualität verpflichte uns, die Hungernden mit Gaben zu beschenken, die Niedrigen zu erheben und auf die machtvollen Taten Gottes zu vertrauen. Und dabei zitiert Papst Leo immer wieder Ermahnungen aus Dokumenten von Papst Franziskus.

Liebe Leserinnen und Leser, mögen Papst Leo und der neue Kirchenlehrer John Henry Newman jeden von uns inspirieren und ermutigen! Mit einem aufrichtigen Vergelt’s Gott für Ihre Unterstützung (IBAN: DE46 7116 0000 0001 1905 80), auf die wir angewiesen sind, wünschen wir Ihnen einen gesegneten November.  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2025
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Was uns der heilige John Henry Newman als Kirchenlehrer heute sagen kann

Ein glaubwürdiger Zeuge von höchster Aktualität

Papst Leo XIV. hat das Hochfest Allerheiligen, den 1. November 2025, gewählt, um den hl. Kardinal John Henry Newman (1801-1890) zum Kirchenlehrer zu erheben. Was uns dieser Heilige aus dem 19. Jahrhundert, der nun 38. Kirchenlehrer in der 2000-jährigen Geschichte der katholischen Kirche, heute zu sagen hat, erschließt auf einfühlsame Weise Prof. Dr. Roman Anton Siebenrock (geb. 1957). Der Innsbrucker Dogmatikprofessor (2006-2022) kann als herausragender Experte für das Lebenswerk und das Erbe des neuen Kirchenlehrers bezeichnet werden. 1993 promovierte er in Tübingen bei Professor Peter Hünermann über Kardinal John Henry Newman und ist seit 2003 Vorsitzender der Internationalen Deutschen Newman-Gesellschaft. In seinem Beitrag bietet er zunächst ein eindrückliches Lebensbild und entfaltet schließlich die wichtigsten Impulse, die vom Leben des hl. John Henry Newman ausgehen, in drei Schritten: Bekehrung, Gewissen und Entwicklung.

Von Roman A. Siebenrock

Mit Newman wird erstmals ein englisch sprechender Christ zum Kirchenlehrer ernannt. Er hat in seiner Zeit ein authentisches Zeugnis des christlichen Glaubens gegeben, weil er die Kirchen auf lange Sicht verbunden hat, als er in die katholische Kirche eintrat. Vor allem hat er dem Gewissen seinen authentischen Platz gesichert. Für mich ist er „doctor conscientiae“ („Lehrer des Gewissens“). Noch heute inspiriert er viele zu einem persönlichen Glaubensweg.

Wer war John Henry Newman?

Auf einem kleinen Blatt steht am 10. Juni 1812 geschrieben, dass John Newman in den Griechisch-Unterricht gehe. Der letzte Eintrag lautet: „und jetzt ein Kardinal, 2. März 1884.“ Und wir dürfen ergänzen: am 9. September 2010 seliggesprochen, am 13. Oktober 2019 heiliggesprochen; und nun, am 1. November 2025, Lehrer der Kirche, „doctor ecclesiae“.

Dieses kleine Blatt verdeutlicht, wie bewusst schon dem jungen John Henry seine Existenz in Zeit und Geschichte gewesen sein muss. In seinem reichen literarischen Nachlass können wir entdecken und nachvollziehen, wie ein Mensch seinen Weg mit Gott geht, in allen Höhen und Tiefen. Deshalb ist das erste, was ich von ihm sage: Sein Zeugnis ist glaubwürdig. Und das scheint mir das Wichtigste heute zu sein: glaubwürdig zu sein. Wir sollten als Christgläubige glaubwürdig erkennbar bleiben.

Ein Lebensbild

Am 21. Februar 1801 wird John Henry Newman in einer bürgerlichen Familie in London geboren. 1816 kommt er nach Oxford ans Trinity-College. Weil die Bank seines Vaters in den Wirren nach den napoleonischen Kriegen Konkurs anmelden musste, blieb der Junge über den Sommer in Oxford. Hier erfährt er unter dem Einfluss evangelikaler Literatur seine erste Bekehrung, die ihn ein Leben lang tragen wird und die sich durch seine theologische Entwicklung immer mehr weitete: „Ich kam unter den Einfluss eines bestimmten Glaubensbekenntnisses und mein Geist nahm dogmatische Eindrücke in sich auf, die durch Gottes Güte nie mehr ausgelöscht und getrübt wurden. ... Das heißt, er isolierte mich von den Dingen meiner Umgebung, befestigte mich in meinem Misstrauen gegen die Wirklichkeit der materiellen Erscheinungen und ließ mich in dem Gedanken Ruhe finden, dass es zwei und nur zwei Wesen gebe, die absolut und von einleuchtender Selbstverständlichkeit sind: ich selbst und mein Schöpfer...“ Eine grundlegende Beziehung und Abhängigkeit bezeugt Newman, die ihn aus der Welt nimmt; aber dann neu in die Welt zurückruft bzw. sendet. Denn er gibt in diesem Zusammenhang noch zwei andere Orientierungen an: „Heiligkeit geht vor dem Frieden“ und „Wachstum ist der einzige Beweis des Lebens“.

In Oxford gilt er als herausragender Student. Weil er sich aber zu ehrgeizig auf die Schlussexamina vorbereitete, wurde er nicht Jahrgangsbester. Eine Erfahrung, die Newman als sündigen Ehrgeiz reflektiert. Dennoch wird er danach (1822) zum Fellow des Oriel-Colleges in Oxford gewählt. Damit tritt er nicht nur einen Job an, die Aufgabe als Lehrer und Erzieher wird zu seiner Lebensbestimmung.

Newman wird zunächst in seiner Arbeit von der evangelikalen Tradition geprägt. Als Seelsorger in der ärmsten Gegend von Oxford besucht er alle seine „Pfarrkinder“ persönlich und merkt, dass die Idee der Vorherbestimmung nicht trägt. Er entdeckt die Kirchenväter und arbeitet sich durch die neu erscheinenden Ausgaben. Jetzt weitet sich sein Blick. Später wird er sagen, dass die Väter ihn katholisch gemacht hätten.

Die alten Klassiker zu lesen, bedeutet für ihn, ein Gespräch zu führen über Gott und den Sinn des menschlichen Lebens. Ein solches Bildungsideal nimmt die Lesenden mit ins Gespräch und verändert sie. Seine erste große Studie erscheint über die Arianer des 4. Jahrhunderts. Athanasius wird sein Held. In diesem Buch vertritt er unter anderem die These, dass die Entscheidung von Nizäa, dass Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch sei, nach dem Konzil nicht von den Bischöfen oder Theologen, sondern von den Gemeinden, den Laien und ihren Ortspfarrern (wenn ich das auf heute so übertragen darf) durchgetragen worden sei.

Mit seinem Freund Richard H. Froude, der an einer Lungenkrankheit litt, fährt er 1832/33 ans Mittelmeer – und kommt zum ersten Mal nach Rom. Für ihn ist als Anglikaner die römische Kirche und der Papst der Antichrist, aber Rom ist eben auch die Stadt von Petrus und Paulus und vieler frühchristlicher Märtyrer. Er trifft den Rektor des englischen Kollegs, den späteren Kardinal Wiseman. Zu ihm sagt er: „Wir haben ein Werk in England zu vollbringen.“ In Sizilien erkrankt er schwer und ist dem Tode nahe. Sein Helfer berichtet von einer Aussage, die Newman immer wieder wiederholt haben soll: „Ich werde nicht sterben, denn ich habe nicht gegen das Licht gesündigt; ich habe nicht gegen das Licht gesündigt.“ Er genest und auf der Überfahrt nach Marseille schreibt er sein wohl berühmtestes Gedicht, das bis heute in allen christlichen Gemeinschaften englischer Sprache gesungen wird und Mahatma Gandhi in seinem Ashram in die Morgenbetrachtung aufgenommen hatte: „Lead, kindly light“ („Führ, liebes Licht“).

Kaum zu Hause tritt er 1833 mit Keble, Pusey und anderen in der „Oxford-Bewegung“ für eine an der Alten Kirche orientierte Reform der anglikanischen Staatskirche ein. Er entwirft eine neue Ekklesiologie, die „Via media“. Dieser „Mittlere Weg“ zwischen Protestantismus und Katholizismus beruht auf drei Prinzipien. Das dogmatische Prinzip richtet sich gegen den Liberalismus, der keine verbindliche Wahrheit in der Religion anerkennen kann. Newman wird als Kardinal sagen, dass er dagegen sein Leben lang gekämpft habe. Den politischen Liberalismus, der nicht in innerkirchliche Angelegenheiten eingriff, sah er später als hilfreich und wertvoll an. Dadurch wird die Bedeutung der Person und des Subjekts im Glaubensvollzug nicht abgewertet, sondern an eine uns unbedingt einfordernden Wahrheit zurückgebunden. Der religiöse Liberalismus hingegen verweist den Menschen immer nur auf sich selbst, entweder auf seine aktuelle Verstandeseinsicht oder seine psychologischen Zustände. Newman warnt vor „Selbstbeschauung“ und „Rationalismus“. Das zweite Prinzip ist die durch das Dogma vermittelte Lehre und die damit verbundene Praxis. Dazu zählt er die sichtbare Kirche, die auf der apostolischen Autorität beruht, mit ihren Sakramenten, durch die die Gnade vermittelt wird. Das dritte Prinzip ist die traditionelle Ablehnung der römisch-katholischen Kirche als „antichristliche Institution“.

Auf dem Höhepunkt seines Einflusses als Anglikaner nimmt sein Leben einen unerwarteten Verlauf. Während er die oben genannten ersten beiden Prinzipien vertieft und erweitert festhalten wird, löst sich seine Zurückweisung der katholischen Kirche auf. Eine Aussage von Augustinus trifft ihn, die er in einem Artikel von Wiseman liest: „securus judicat orbis terrarum“ („sicher entscheidet der Erdkreis“). Dann wird sein Versuch, die 39 Artikel der anglikanischen Kirche so zu interpretieren, dass sie mit der Lehre (nicht mit der nachfolgenden Praxis) des Konzils von Trient übereinstimmen könnten, von den Bischöfen verurteilt. Als dann 1843 die anglikanische Kirche mit Preußen (anglikanisch-preußische Allianz) einen politisch motivierten Bischofssitz in Jerusalem einrichtet und sein energischer Protest dagegen auf Ablehnung stößt, weiß er, dass er seine Aufgaben in seiner anglikanischen Kirche nicht mehr ehrlich erfüllen kann. Er legt alle Ämter nieder und zieht sich 1843 auf ein kleines Dorf bei Oxford, Littlemore, zurück, auf eigenes Risiko.

Zwei Jahre lang sucht er im Gewissen vor Gott nach einem Weg. Mit seinem Buch über die Entwicklung der Lehre wird der Weg frei: Am 9. Oktober 1845 wird er von P. Barberi in die römisch-katholische Kirche aufgenommen. Damit aber verliert er (fast) alle sozialen Kontakte.

Er wird nach Rom geschickt und ist vom theologischen Niveau ziemlich enttäuscht. Ein großes Geschenk wird ihm die Begegnung mit dem Oratorium des hl. Philipp Neri. Mit dem Auftrag von Pius IX., das Oratorium nach England zu verpflanzen, kehrt er zurück. Sein Oratorium in Birmingham gibt es ebenso noch wie eine zweite Gründung in London. Für ihn ist das Oratorium ein Oxforder College mit seesorglichem Auftrag.

Andere Unternehmungen als Katholik stehen jedoch unter keinem guten Stern: die Gründung einer katholischen Universität in Dublin gelingt nicht; eine neue Bibelübersetzung verläuft im Sand, sein Aufsatz über die Befragung der Laien in Angelegenheiten der Lehre stößt auf entschiedene Ablehnung. Er sei nur ein „halber Katholik“. Einflussreiche Kreise erachten ihn als den gefährlichsten Mann Englands. Am 21. Januar 1863 notiert er in sein Tagebuch: „Wozu für nichts leben?“ Ihm ist bewusst, dass er immer auf die Schwachstellen in der katholischen Kirche Englands hingewiesen hat: auf ihre mangelnde Bildung und auf die damit verbundene Ängstlichkeit. Er wusste, dass den Katholiken bis vor kurzem der Besuch der Universitäten verboten war, sie standen ja bis 1829 unter dem Strafrecht. Desto entschiedener versuchte er sie zu ermutigen, jetzt die Chance zu ergreifen. Eine Elementarschule gründete er selbst am Oratorium, um entsprechende Voraussetzungen zu schaffen.

Als er 1864 als Musterbeispiel für die Unehrlichkeit des katholischen Klerus öffentlich angegriffen wird, legt er seine Autobiographie vor: „Apologia pro vita sua“ („Verteidigung seines Lebens“), ein Klassiker, der oft mit den „Bekenntnissen“ des Augustinus verglichen wird. Jetzt ändert sich sein Bild in der englischen Öffentlichkeit. Doch die Konflikte sind noch nicht zu Ende. Das Papst-Dogma von 1870 hielt er für inopportun und interpretierte es von der Priorität des Gewissens aus minimalistisch.

Doch es ist ihm ein „goldener Herbst“ geschenkt. Er wird 1877 zum Ehrenfellow seines Trinity-College ernannt. Er erfährt diese Ehrung als Versöhnung mit „seinem Oxford“. Leo XIII. ernannte ihn 1879 zum Kardinal. Als er am 11. August 1890 starb, ehrte ihn ganz England wie einen Heiligen.

In seinen vielfältigen Schriften (Essays, Predigten, Abhandlungen, Romane, Gedichte, Briefe und Tagebücher) begegnet uns ein faszinierendes Beispiel eines authentischen und reflektierten christlichen Glaubenszeugnisses, die in Verbindung hält, was auch heute auseinanderzufallen droht. Ich werde mich unter drei Stichworten seiner faszinieren Persönlichkeit anzunähern versuchen: Bekehrung, Gewissen und Entwicklung. Damit meine ich nicht, ihn erfassen zu können. Aber ich möchte dazu ermutigen, ihm selbst nicht nur in seinen Schriften zu begegnen. Sein Gedicht über den Tod eines alten Menschen („The dream of Gerontius“) hat Edward Elgar als Oratorium vertont. Auch könnte man eine Zeit lang sein Gedicht „Lead kindly light“ täglich meditieren.

Heiligkeit vor Gemütlichkeit – ein Weg ständiger Bekehrung

Am Tag vor seiner Weihe zum Diakon schreibt Newman: „Es ist geschehen. Ich bin Dein, o Herr. ... Zuerst, nach der Handauflegung, erschauerte mein Herz in mir; die Worte ‚für immer‘ sind so furchtbar. ... Ja Herr, ich bitte nicht so sehr um Trost, wie um Heiligung. – Ich komme mir vor wie einer, der plötzlich in tiefes Wasser geworfen worden ist.“

Newmans Ur-Bekehrung „ich selbst und mein Schöpfer“ gewinnt in seinem Leben den Charakter einer so innigen Beziehung, dass er aus dieser „Entrückung“ zu sich selbst und seinem Leben kommt, nicht umgekehrt. Aus dieser Mitte gestaltet sich ein persönlicher Lebensweg, der immer neu nach dem Willen Gottes hier und jetzt zu suchen vermag, in dem er im Kreuz Christi den Maßstab für alles findet. Auf diesem Weg der Heiligkeit ist ständige Bekehrung selbstverständlich: Nicht Trost, sondern Heiligkeit!

Ein Aspekt dieses Weges ist der priesterliche Dienst in der anglikanischen und katholischen Kirche. Newman legt die Schrift aus, in der ärmsten Gemeinde ebenso, wie in der Hauptkirche der Universität Oxford. Ihn leitet jenes Motto, das er sich als Kardinal geben wird: „cor ad cor loquitur“, „Herz spricht zum Herzen“. Er ermutigt bis heute seine Hörer und Hörerinnen, ihre eigene Geschichte vor und mit Gott im Licht des Evangeliums zu schreiben, ganz persönlich, unvergleichlich, das Bild Christi in mir zu verwirklichen. Jeder Mensch hat eine Sendung. Welche ist meine?

Newman pflegt mit Hingabe persönliche Freundschaften. In so vielen Briefen wird eine Treue in persönlichem Austausch sichtbar, offen und ehrlich. Der Briefwechsel mit seinem agnostischen Freund William zeigt, wie er sich dem andern zu öffnen vermag, diskret und in Hochachtung.

Ein bevorzugter Weg der Bekehrung eröffnet sich ihm in seiner redlichen Suche nach der Wahrheit. Vor seiner Konversion in die katholische Kirche schreibt er: „Es gab nur eine Frage: Was hatte ich zu tun? Ich musste mir selbst Klarheit verschaffen, andere konnten mir nicht helfen. Mein Entschluss war, mich nicht durch die Phantasie, sondern nur von der Vernunft leiten zu lassen“.

Der junge Evangelikale legt die Vorherbestimmung ab, erkennt die Bedeutung der Sakramente und das Fundament der Kirche in ihrer apostolischen Gründung. Er warnt vor dem Liberalismus in der Theologie, gerade weil er den Liberalismus in der Gesellschaft als hohes Gut würdigt. In der Theologie jedoch würden die individuelle Vernunft und die Selbstbeschauung zu wichtig werden, deswegen hält er prinzipiell an der Autorität des Lehramtes fest. Aber Bildung ist für alle unverzichtbar, Lernen ist ein Wert in sich und Ziel auch einer katholischen Universität.

Mit seinem Eintritt in die katholische Kirche bestätigt er nicht einfach ihren Status quo, sondern sieht ihre Defizite: mangelnde Bildung, Ausschluss der Laien und zu hohe Ängstlichkeit. Immer wird die Kirche den Weg der Umkehr und Erneuerung gehen, und wir mit und in ihr.

Erst das Gewissen, dann der Papst – Glauben als ein ganzheitlich-personaler Akt

Als Antwort an die Maximalisten, die sich nach 1870 wünschten, dass der Papst ihnen das eigene Urteil abnehme, schreibt Newman: „Wenn ich genötigt wäre, bei den Trinksprüchen nach dem Essen ein Hoch auf die Religion anzubringen (was freilich nicht ganz das Richtige zu sein scheint), dann würde ich trinken – freilich auf den Papst, jedoch zuerst auf das Gewissen und dann erst auf den Papst.“

Mit seinem Toast (Trinkspruch) negiert Newman die Kirche nicht, auch nicht die prinzipielle Unfehlbarkeit der Kirche. Er sah in der Isolierung des Papstes eine Gefahr. Immer blieb er der Kirche Christi treu und konnte dem Dogma in wortwörtlicher Form zustimmen: Darin wird der Bischof von Rom in die grundlegende Unfehlbarkeit der Kirche eingebunden. Für ihn war entscheidend: Glauben ist ein ganz persönlicher Akt, durch den ich in meiner innersten Mitte mit meinem Schöpfer und Erlöser verbunden werde. Glaube ist Beziehung in Herz und Gewissen. Deshalb, so Joseph Ratzinger, gibt es so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt.

Newman geht davon aus, obwohl sein Zeitalter schon vor Freud dies verdächtigte, dass jeder Mensch ein Gewissen hat. Dieses vermittelt im „moralischen Sinn“ eine Kenntnis der allgemeinen Vorstellungen von Moral. Bedeutender aber ist der „Sinn der Pflicht“, durch den ich vor eine unbedingte Forderung gestellt werde. Durch ihn werde ich über alles Gegebene hinausgerufen: Ich stehe vor dem unbedingten Anspruch, dem Ruf eines Anderen. Dieser Ruf erweist sich gewöhnlich als Richterspruch: Lass das! Wenn ich eigenbestimmt leben möchte, muss ich diesem Ruf folgen. Das verlangt von mir, auch dem „irrenden Gewissen“ zu folgen – und lernend offen zu bleiben für den nächsten Schritt.

Solches Denken und Handeln nennt Newman „real“. Er unterscheidet zwei Weisen sein Leben zu gestalten: begrifflich oder real. „Begrifflich“ nennt er eine Lebensweise, die von Begriffen, Meinungen und Vorgegebenem sich leiten lässt. „Real“ nennt er eine Erkenntnis, in die ich eingebunden bin. Wer nie einen Gipfel erklommen hat, kann nicht ‚real‘ vom Bergsteigen reden. „Reales Denken“ ist erfüllt von persönlichen Lebenserfahrungen, mit allen Gefühlen, Erkenntnissen, Illusionen und Träumen. Allen ist eine persönliche Denkform gegeben, ein „illative sense“. Mit diesem können alle eine ursprüngliche Lebenskompetenz entwickeln und ihre eigenen Erfahrungen lebenstauglich integrieren. Habe Mut, deinen eigenen Weg mit und zu Gott zu gehen! Habe Mut, dein dir eröffnetes Bild Christi zu verlebendigen! Gott ackert mit dir auf deinem ureigensten Lebensfeld.

Deswegen dient die Kirche dem Gewissen. Das gilt für jede Autorität, auch für den Staat. Newman hält als Maxime fest: „Sollte entweder der Papst oder die Königin von mir einen ‚absoluten Gehorsam‘ verlangen, so würde er oder sie die Gesetze der menschlichen Gesellschaft übertreten. Absoluten Gehorsam erweise ich keinem von beiden.“

Leben heißt sich wandeln – das Christentum als unerschöpfliche Idee

„In einer Höheren Welt ist es anders, aber hienieden heißt leben sich wandeln, und vollkommen sein heißt sich oft gewandelt haben.“

Jenes Buch, mit dem sich Newman in die katholische Kirche schrieb, geriet sofort unter Verdacht: „Über die Entwicklung der Lehre“. Noch heute ist dieses Werk nicht wirklich bei uns angekommen, weil Newman dabei nicht nur an Sätze dachte, sondern ihm in der Lehre immer das reale Leben der Glaubenden vor Augen stand. Gerade deshalb müssten die Glaubenden in Sachen der Lehre gefragt werden. Auch diese Forderung zu seiner Zeit: unerhört!

Newman entwickelt eine „Idee des Christentums“, die uns einen offenen Blick auf die gesamte Geschichte des Christentums mit allen Höhen und Tiefen ermöglicht. Das war in seiner Zeit bitter notwendig. Newmans Lebenszeit umfasst das 19. Jahrhundert. England wird in seiner Lebenszeit der bedächtige Pionier der Moderne. Industrialisierung (James Watt), das englische Empire, der politische Liberalismus (John Locke), aber auch der Marxismus (Karl Marx) und die Evolutionslehre (Charles Darwin) bleiben mit England bis heute verbunden. War England am Beginn seines Lebens eine protestantische Nation, die von der Bibel lebte, so schien es Newman, dass in Zukunft erstmals das Christentum einer religionslosen Gesellschaft begegnen wird. Sind wir Christgläubige dann am Ende?

Als Anglikaner war Newman davon überzeugt, dass die Kirche immer dasselbe lehren müsse. Deshalb seien die Neuerungen der Katholischen Kirche vom Teufel. Doch er merkte, dass diese Vorstellung weder der Geschichte noch einer lebendigen Wirklichkeit entsprechen könne. Wir ändern uns immer und mit uns auch unsere Gemeinschaften und Lehren.

Wir müssen deshalb Korruption und Entwicklung unterscheiden. Eine authentische Entwicklung nimmt Neues auf und transformiert das Überlieferte bewahrend in einer neuen Gestalt. So erweist sich ihre Lebenskraft. In dieser mitunter dramatischen Entwicklung bewahrt sie ihre Gestalt, die in ihren Prinzipien liegt und diese als bleibende Fruchtbarkeit erweist. Nach Newman ist das Urprinzip des Christentums die Inkarnation, durch die alles prinzipiell geheiligt ist: die Gnade, Christus ist das Herz der Welt! Ebenso essentiell sind, weil sie die von oben gegebene Gabe in der Zeit sichern: das Dogma als verbindliche Vergegenwärtigung des göttlichen Wortes und der Glaube, der meine unbedingte Zustimmung einfordert. Dieser Glaube eröffnet dem Intellekt die Forschung, d.h. ermöglicht Theologie und trägt unsere Disziplin in der Abkehr von der Sünde und im Horchen auf das Gewissen.

Immer war und befindet sich die Kirche inmitten von Auseinandersetzungen. Immer schien alles zu Ende zu sein. Immer eckt die Botschaft an, immer werden wir als zu lasch entlarvt. Newman lenkt deshalb unseren Blick auf den Herrn der Geschichte: „Möge Er uns den ganzen Tag lang unterstützen, bis die Schatten länger werden und der Abend kommt, die geschäftige Welt verstummt, das Fieber des Lebens vorbei und unsere Aufgabe getan ist. Dann möge Er uns in Seiner Gnade schließlich eine sichere Unterkunft und eine heilige Ruhe und Frieden geben.“

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2025
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Den Glauben bewahren mit dem hl. John Henry Newman

Zur Bildungsphilosophie des neuen Kirchenlehrers

Fr. David Elliott ist Priester des Personalordinariats Unserer Lieben Frau von Walsingham. Dabei handelt es sich um eine diözesanähnliche Institution der römisch-katholischen Kirche auf dem Gebiet von England, Schottland und Wales für anglikanische Gläubige und Gruppen, die in die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche aufgenommen werden möchten, ohne ihr besonderes hochkirchlich-anglikanisches Erbe aufzugeben. Das Ordinariat wurde 2011 von Papst Benedikt XVI. errichtet und steht unter dem Patronat des hl. John Henry Newman. Erster Ordinarius war Keith Newton, der ehemalige Bischof von Richborough der Church of England, der 2011 zur römisch-katholischen Kirche übertrat. Heute wird das Ordinariat von Bischof David Arthur Waller gleitet, der ebenfalls 2011 von der anglikanischen zur katholischen Kirche übertrat. Der Priester David Elliott ist Leiter der Theologie an der Oratory School, die sich in South Oxfordshire zwischen London und Oxford befindet. Gegründet wurde die Schule von John Henry Newman am 2. Mai 1859 ursprünglich in Birmingham.

Von David Elliott

Für alle, die mit dem Werk des heiligen John Henry Newman vertraut sind, ist seine Würdigung als Kirchenlehrer keine Überraschung. Besonders einflussreich ist seine Bildungsphilosophie, die in seiner Schrift „The Idea of a University“ zusammengefasst ist. Das Werk ist anspruchsvoll, bietet jedoch eine hervorragende Synthese über das Wesen von Bildung.

Newman gründete zwei Bildungseinrichtungen: 1854 die Katholische Universität Irlands, die später (1909) in die Nationale Universität Irlands eingegliedert wurde, und 1859 die Oratory School in Birmingham, heute in South Oxfordshire gelegen.

Zunächst zwei Anekdoten aus Newmans eigenem Leben. 1816, im Alter von 15 Jahren, musste sein Vater, ein Bankdirektor, die Insolvenz seiner Bank verkraften. Die Familie geriet in große Not, so dass John Henry den Sommer über in seiner Schule in Ealing bleiben musste. Dort erkrankte er schwer, doch sein Lehrer Walter Mayers kümmerte sich um ihn und wurde für ihn zu einer wichtigen Vaterfigur. Mayers schenkte Newman religiöse Bücher und führte ihn in Gesprächen zum Glauben – nicht zu einer kindlichen, sklavischen Gefolgschaft, sondern zu einem Glauben, den er verinnerlichte und liebte. Es war zunächst eine Bekehrung zum evangelischen Christentum, das ihm aber Halt gab, bis ihn später seine Studien allmählich zur Kirche führten. – Die Geschichte zeigt, dass der persönliche Kontakt zwischen Lehrer und Schüler oft entscheidend ist, um junge Menschen zum Glauben zu führen. Dieser individuelle Aspekt sollte auch zum Tragen kommen, als sich Newman nach seiner Priesterweihe für das Charisma des Oratoriums des heiligen Philipp Neri entschied. Die Form des „Angelns“, also der „Einzelfischerei“, wie sie die Oratorianer pflegen, sagte ihm mehr zu als die „Netzfischerei“ der Jesuiten und anderer Orden.

Als Newman das Studium an der Universität aufnahm, spielte Mayers weiterhin eine wichtige Rolle als Mentor. Er riet ihm, bei der Freundeswahl vorsichtig zu sein. Im Gegensatz zu Jasper, dem armen Cousin von Charles Ryder im Roman „Brideshead Revisited“ – „Wiedersehen mit Brideshead“, scheinen Mayers‘ Worte bei Newman Gehör gefunden zu haben. Mayers empfahl ihm, sich wenige wahre Freunde zu suchen statt vieler flüchtiger Bekanntschaften und Menschen mit einem ausschweifenden Lebenstil zu meiden. Zudem ermutigte er ihn, sich lieber früher als später in der „Church of England“ ordinieren zu lassen.

Als Bachelor besuchte Newman das Trinity College in Oxford, wo seine Dozenten ihn als brillanten Studenten erkannten – und das war er auch. Er begann mit 16 Jahren, jünger als seine Kommilitonen, und zeigte sich als scharfsinniger und gelehrter Student. Er arbeitete so hart für seine Abschlussprüfungen, dass er ein Burnout erlitt – man könnte es als eine Art Zusammenbruch bezeichnen – und bei den Examina nicht die Spitzenposition als „First Class“ Honours erreichte. Glücklicherweise kannte ihn das Kollegium persönlich und bot ihm ein Stipendium am Oriel College an, um dort andere Studenten zu unterrichten.

Beide Anekdoten zeigen, wie wichtig Lehrer sind, die ihre Schüler kennen und in deren geistige Entwicklung Zeit und Energie investieren. So war das Gebet zur Förderung von Berufungen zum Lehrerberuf im katholischen Leben und in der katholischen Bildung immer schon von großer Bedeutung. Hätte Newman vonseiten seiner Lehrer damals nicht diese Ermutigung erhalten, wäre es vielleicht jetzt nicht zu seiner Aufnahme in den Kreis der Kirchenlehrer gekommen.

Erst viele Jahre später gründete Newman wie gesagt seine Universität und seine Schule. In „The Idea of a University“ – „Die Idee einer Universität“ geht er auf die Feststellung ein, dass immer mehr Studenten ihre Fachbereiche völlig isoliert vom Rest der Wissenschaft kennenlernen. Das Ziel einer Universität sei es jedoch die Suche nach universeller Wahrheit. Wenn jedes Fach wirklich die Wahrheit entdecken wolle, müssten die Disziplinen miteinander verbunden sein. Nur im Gesamtverständnis könne die Wahrheit erkannt werden. Deshalb plädierte er für ein Studium der freien Künste, bei dem viele Fächer gelehrt und deren Zusammenhänge verstanden werden. Dann komme die Wahrheit ans Licht. Newman glaubte, dass Theologie im Zentrum stehen sollte, während alle anderen Fachbereiche – Geschichte, Naturwissenschaften, Kunst, Geografie, Mathematik, Literatur, Philosophie usw. – wie ein Spinnennetz um diese Mitte herum miteinander verbunden sein sollten.

Newman forderte zudem die Bildung der Laien: „Ich wünsche mir ein Laientum ..., das seinen Glauben so gut kennt, dass es darüber Rechenschaft ablegen kann, ein Laientum, das so viel über die Geschichte weiß, dass es sie verteidigen kann. Ich wünsche mir ein intelligentes, gut ausgebildetes Laientum...

Ich wünsche euch, dass ihr euren Verstand erweitert und kultiviert, damit ihr Einblick in die Beziehung von Wahrheit zu Wahrheit gewinnt, damit ihr lernt, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, dass ihr versteht, wie Glaube und Vernunft zueinander stehen und was die Grundlagen und Prinzipien des Katholizismus sind.“[1]

Viele Kleriker hielten dies zur damaligen Zeit für eine gefährliche Neuerung. Die Laien könnten schädliche Ideen entwickeln und es wäre für die Geistlichen schwierig, die geschichtlichen Wahrheiten zu verteidigen. Dies war und ist eine Gefahr, doch Newman erkannte mindestens zwei andere wichtige Tatsachen.

Erstens sei Bildung ohnehin auf dem Weg, letztendlich universell zu werden. So sei es besser, wenn Katholiken von Katholiken erzogen würden, als von denen, die der Kirche eher feindlich gegenüberstehen.

Zweitens kannte Newman seine eigene Geschichte. Und es sei an seine berühmte Maxime in der Einleitung zu „The Development of Christian Doctrine“ – „Die Entwicklung der Christlichen Lehre“ erinnert, in der es heißt: „Tief in der Geschichte zu stehen, bedeutet, aufhören, Protestant zu sein.“

Newman wusste, dass der Schlüssel zur Bekehrung von Protestanten darin lag, die Geschichte gut und gründlich zu studieren, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Er verstand, dass es im 4. Jahrhundert zur Zeit des Konzils von Nicäa, inmitten der Bedrohung durch den Arianismus, als viele Bischöfe und Theologen unter dem Einfluss von Arius nicht mehr an der Gottheit Jesu festhielten, die Laien waren, die angesichts der Häresie den orthodoxen Glauben bewahrt hatten.[2] Und er zitierte den heiligen Hilarius: „Die Ohren des Volkes sind heiliger als die Herzen der Bischöfe.“

Newman erkannte, dass sich ein weiterer Sturm zusammenbraute: die Bedrohung durch den Rationalismus und die damit zusammenhängende atheistische Philosophie im Zeitalter der Moderne. Der Klerus allein werde nicht in der Lage sein, diese Bedrohung wirksam zu bekämpfen. Die Laien müssten darauf vorbereitet werden, ihren Platz auf dem Schlachtfeld einzunehmen. Durch eine entsprechende Ausbildung müssten sie für ihren Einsatz ausgerüstet werden.

Heute benötigen wir mehr denn je, was Newman in seiner Bildungsphilosophie zum Ausdruck gebracht hat: gebildete Laien, eine ganzheitliche Ausbildung und Lehrer, die unseren jungen Menschen Wahrheit, Begeisterung, fundierten Rat und Durchhaltevermögen vermitteln.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2025
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[1] Vorlesung: „Present Position of Catholics in England“ – „Die gegenwärtige Lage der Katholiken in England“, 1851.

[2] Vgl. Newmans Aufsatz „On Consulting the Faithful in Matters of Doctrine“ – „Über die Befragung der Gläubigen in Lehrfragen“, 1859.

Überlegungen zur Rechtfertigungslehre

Im Jahr 1837 hielt John Henry Newman im Seitenschiff der Universitätskirche „St Mary the Virgin“ in Oxford seine „lectures on justification“, eine Vorlesungsreihe über den reformatorischen Begriff der Rechtfertigung. Als Geistlicher der Kirche von England wollte er die protestantischen und römisch-katholischen Kontroversen zwischen der Rechtfertigung einerseits und der Heiligung anderseits überbrücken. Er vertrat die Auffassung, dass die strenge Trennung zwischen Rechtfertigung und Heiligung nicht schriftgemäß sei. Die Lehre von der Rechtfertigung dürfe innerhalb des NT nicht isoliert gesehen werden.

Von John Henry Newman

So ist der Glaube, der aus dem unsterblichen Samen der Liebe aufgeht, neue Blüten hervorbringt und neue Früchte reifen lässt; er ist tatsächlich in den Gefühlen vorhanden, aber geht in Handlungen über, in Siege verschiedener Art über das Selbst und ist die Macht des Willens über die ganze Seele um Christi willen und veranlasst den Verstand, Geheimnisse zu akzeptieren, das Herz, im Leiden ruhig zu bleiben, die Hand, zu arbeiten, die Füße, zu laufen, die Stimme, Zeugnis zu geben.

Diese Handlungen nennen wir mitunter Mühen, mitunter Ausdauer, mitunter Bekenntnisse, mitunter Hingabe, mitunter Dienste. Alle aber sind sie Beispiele der Selbstbeherrschung, die aus dem Glauben kommt, der die unsichtbare Welt sieht, und aus der Liebe, die sie wählt. So scheint es also, wie der Glaube von uns her die gemäße Antwort ... zur Gnade von Gott her ist, so sind die Sakramente Wirkung der Gnade und gute Werke Auswirkung des Glaubens. Folglich, ob wir sagen, dass wir gerechtfertigt sind durch Glaube oder Werke oder Sakramente, meint dies alles die eine Lehre, dass wir durch Gnade gerechtfertigt sind, die durch die Sakramente gegeben wird, vollzogen im Glauben, bekundet in Werken.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2025
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Erhebung des hl. John Henry Newman zum Kirchenlehrer am 1. November 2025

Seit ich katholisch geworden bin...

Papst Leo XIV. wird am 1. November 2025 den hl. John Henry Newman (Johannes Heinrich Newman) zum Kirchenlehrer erheben. Die Kirche vergibt diesen Titel eher selten. Newman wir der 38. Heilige sein, dem diese Auszeichnung zuteil geworden ist. Newman (1801-1890) hat unter anderem wesentlich zur Entwicklung der kirchlichen Lehre über das Gewissen beigetragen. Er war Pfarrer der anglikanischen Kirche, konvertierte 1845 zur katholischen Kirche, empfing zwei Jahre später die katholische Priesterweihe und wurde 1879 zum Kardinal ernannt. Erst 2010 wurde er selig- und 2019 heiliggesprochen. In die Lesehore des katholischen Stundengebets wurde der nachfolgende Text des Heiligen aufgenommen, den er im Rückblick auf seine Konversion geschrieben hatte: „Es schien mir, als hätte ich nach stürmischer Fahrt den sicheren Hafen erreicht.“[1]

Heiliger John Henry Newman

Von der Zeit an, als ich katholisch wurde, musste ich natürlich keine Geschichte meiner religiösen Überzeugungen mehr schreiben. Damit will ich nicht sagen, dass mein Geist müßig gewesen ist oder dass ich aufgehört habe, über theologische Fragen nachzudenken, sondern dass ich keine Änderungen mehr durchmachen musste und keinerlei Besorgnis mehr im Herzen trug. Ich habe in vollkommenem Frieden und ungestörter innerer Ruhe gelebt, ohne je von einem einzigen Zweifel heimgesucht zu werden. Dass mein Übertritt irgendeine intellektuelle oder moralische Änderung in meinem Geist bewirkt hätte, kann ich nicht sagen. Es war mir auch nicht bewusst, dass eine Änderung hinsichtlich eines festeren Glaubens an die Offenbarungswahrheiten oder eine größere Fähigkeit der Selbstbeherrschung eingetreten wäre. Ich hatte nicht mehr Eifer als zuvor. Aber es schien mir, als hätte ich nach stürmischer Fahrt den sicheren Hafen erreicht, und das Glück, das ich darüber empfand, hat bis heute ununterbrochen angehalten.

Es kostete mich auch keine Anstrengung, die im anglikanischen Bekenntnis nicht enthaltenen Glaubensartikel anzunehmen. Einige derselben glaubte ich schon, doch keiner bedeutete eine besondere Schwierigkeit für mich. Bei meiner Aufnahme legte ich mit der größten Leichtigkeit ein Bekenntnis zu diesen ab und ebenso leicht ist es jetzt noch für mich, sie zu glauben. Es liegt mir natürlich fern, leugnen zu wollen, dass jeder Artikel des christlichen Glaubensbekenntnisses, der Katholiken wie der Protestanten, intellektuelle Schwierigkeiten enthält und es ist schlechthin Tatsache, dass ich für meine Person keine Antwort auf solche Schwierigkeiten habe. Manche empfinden die Schwierigkeiten der Religion sehr schmerzlich und ich selber bin darin so empfindlich wie irgendjemand sonst. Aber ich habe nie begreifen können, welcher Zusammenhang zwischen dem schärfsten Empfinden dieser Schwierigkeiten, ja ihrer weitgehenden Steigerung, und dem Zweifel an den betreffenden Lehren, denen die Schwierigkeiten anhaften, tatsächlich besteht. Zehntausend Schwierigkeiten erzeugen, soviel ich von der Sache verstehe, nicht einen Zweifel. Schwierigkeiten und Zweifel sind Größen, die nicht miteinander im Verhältnis stehen. Bezüglich der Evidenz gibt es natürlich Schwierigkeiten. Aber ich spreche jetzt von den Schwierigkeiten, die den Lehren selbst innewohnen oder in ihren Beziehungen untereinander bestehen. Man kann sich ärgern, wenn man ein mathematisches Problem, worauf die Antwort vorgegeben oder nicht vorgegeben ist, nicht zu lösen vermag, ohne daran zu zweifeln, dass eine Antwort möglich oder dass eine bestimmte Antwort die einzig richtige ist. Nach meiner Auffassung ist von allen Punkten des Glaubens die Existenz Gottes mit den meisten Schwierigkeiten behaftet und doch zwingt sich diese Wahrheit unserem Geiste mit der größten Macht auf.

Man sagt, die Lehre von der Transsubstantiation sei schwer zu glauben. Ich habe, ehe ich Katholik war, nicht an diese Lehre geglaubt, hatte aber keine Schwierigkeit, sie anzunehmen, sobald ich die katholische Kirche als die Vermittlerin der göttlichen Wahrheit erkannte und glaubte, dass sie diese Lehre als einen Teil der ursprünglichen Offenbarung verkündete. Sie ist schwierig, ja es ist unmöglich, sich eine Vorstellung davon zu machen, das gebe ich zu – aber warum sollte es schwer sein, sie zu glauben?

Ich glaube an das ganze geoffenbarte Dogma, wie es von den Aposteln gelehrt und der Kirche übergeben wurde und wie es die Kirche mir verkündet. Ich nehme es an, wie es die Autorität, der es anvertraut wurde, unfehlbar auslegt, und (implizit) wie es dieselbe Autorität bis ans Ende der Zeiten auslegen wird. Außerdem unterwerfe ich mich den allgemein angenommenen Überlieferungen der Kirche, die von Zeit zu Zeit der Grund für die Verkündung neuer dogmatischer Entscheidungen sind und die zu allen Zeiten dem bereits definierten Dogma als Gewand und Erläuterung dienen. Ich unterwerfe mich ferner jenen anderen Entscheidungen des Heiligen Stuhles, theologisch oder nichttheologisch, welche durch die von ihm eingesetzten Organe gefällt werden. Abgesehen von der Frage ihrer Unfehlbarkeit haben sie zumindest den Anspruch, angenommen und befolgt zu werden.

Desgleichen bin ich der Ansicht, dass die katholische Forschung im Laufe der Zeit allmählich feste Formen angenommen und sich unter der geistigen Führung großer Lehrer, wie des hl. Athanasius, des hl. Augustinus und des hl. Thomas, zu einer formellen Wissenschaft mit eigener Methode und Phraseologie entwickelt hat. Und ich empfinde überhaupt keine Versuchung, das große Vermächtnis des Denkens, das so auf uns und unsere Zeit übergegangen ist, in Stücke zu schlagen.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2025
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[1] Der Text ist entnommen: Apologia Pro Vita Sua, Kapitel V: Meine Geistesverfassung seit 1845, Mainz 1951, S. 275-276, 289. 

EWTN-TV feiert 25-jähriges Bestehen

Der Sender EWTN wurde 1981 in den USA von Mutter Angelica gegründet. Seit dem Jahr 2000 sendet EWTN auch aus Deutschland mit einem eigenen deutschsprachigen 24-Stunden-Programm. EWTN unterhält weltweit neben mehrsprachigen TV-Programmen auch Radiosender und Nachrichtenagenturen, unter anderem die deutschsprachige katholische Nachrichtenagentur CNA Deutsch.

CNA Dt. Nachrichtenredaktion

Papst Leo XIV. und viele weitere Persönlichkeiten aus Kirche und Gesellschaft haben dem katholischen Mediennetzwerk EWTN zum 25-jährigen Bestehen im deutschsprachigen Raum gratuliert. In einem Telegramm an Programmdirektor Martin Rothweiler hob der Pontifex die Bedeutung von EWTN als einen „wichtigen und verlässlichen Begleiter im Glaubensleben“ der Menschen im deutschen Sprachraum hervor. „Mit seinem weiten weltkirchlichen Horizont, der in vielen internationalen Beiträgen und nicht zuletzt durch die zahlreichen Übertragungen aus Rom erfahrbar wird, stärkt der Sender das Band der Einheit in der Kirche“, lobte Papst Leo XVI. in seinem Grußwort die Arbeit des Mediennetzwerkes.

Das Telegramm des Papstes wurde am Samstagabend am Ende der Heiligen Messe im Kölner Dom verlesen. Dem vorausgegangen war ein Festakt im Kölner Maternushaus, bei dem auf die 25-jährige Geschichte von EWTN im deutschsprachigen Raum zurückgeblickt wurde und zahlreiche Persönlichkeiten aus Kirche und Gesellschaft aktuelle Brennpunkt-Themen des Glaubens diskutierten. Unter anderem sprach Alexandra Linder, die Vorsitzende des Bundesverbandes Lebensrecht (BVL), die alljährlich den in Berlin und Köln stattfindenden „Marsch für das Leben“ organisiert. Über die Rolle katholischer Medien diskutierten Franziska Harter (Chefredakteurin von „Die Tagespost“), Peter Sonneborn (Geschäftsführer von Radio Horeb) und Riccardo Wagner (Medienethiker).

Martin Rothweiler, der EWTN im Jahr 2000 in Deutschland startete und dem Sender seit nun 25 Jahren als Programmdirektor und Geschäftsführer vorsteht, sagte in seiner Ansprache: „Die 25 Jahre waren geprägt von unserer Mission, Christus durch die Medien zu den Menschen zu bringen.“ Er ergänzte: „Bewegend ist zu sehen, wie viele Menschen mit uns diesen Weg gehen – und wie wir gerade für einsame und suchende Menschen eine echte Stütze und Begleitung im Leben sein dürfen.“

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2025
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Prälat Moll überreicht Papst Leo XIV. Publikation über neue Märtyrer

Das Zeugnis des Blutes überwindet alle Trennungen

Am 27. September 2025 konnte Prälat Prof. Dr. Helmut Moll im Rahmen einer Pilgeraudienz auf dem Petersplatz in Rom Papst Leo XIV. seine Publikation „Christliche deutschsprachige Märtyrer (2000-2024). Zum Heiligen Jahr 2025“ übergeben.[1] In der Verkündigungsbulle zum Heiligen Jahr 2025, das Papst Franziskus unter das Thema „Pilger der Hoffnung“ gestellt hatte, heißt es: „Das glaubwürdigste Zeugnis für diese Hoffnung geben uns die Märtyrer.“ So sollte das „Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ durch die Märtyrer der vergangenen 24 Jahre ergänzt werden. Als Märtyrer-Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz stellte Prälat Moll ein Büchlein mit 15 Lebensbildern deutscher Märtyrer des 21. Jahrhunderts zusammen. Darunter finden sich der Fidei-donum-Priester Luis Lintner und der Jesuitenpater Otto Messmer, aber auch das evangelikale Ehepaar Johannes und Sabine Hentschel mit ihrem Sohn Simon sowie die freikirchliche Missionarin Beatrice Stöckli und die Bibelschülerinnen Rita Stumpp und Anita Grünwald. Nachfolgend das Vorwort, in dem Kurt Kardinal Koch besonders auf den ökumenischen Charakter dieser Schrift eingeht.

Von Kurt Kardinal Koch, Rom

Wir sind erneut Märtyrerkirche

Nicht wenige Menschen und selbst Christen denken bei der Erwähnung christlicher Märtyrer an die Christenverfolgungen in der frühen Zeit der Kirche und verorten sie damit in der Vergangenheit. Dabei wird ausgeblendet, dass am Ende des zweiten und am Beginn des dritten Jahrtausends die Christenheit erneut Märtyrerkirche geworden ist, und zwar in einem unvergleichlichen Ausmaß. Denn heute gibt es mehr christliche Märtyrer als bei den grausamen Christenverfolgungen in den ersten Jahrhunderten. Achtzig Prozent aller Menschen, die heute wegen ihres Glaubens verfolgt werden, sind Christen. Der christliche Glaube ist in der heutigen Welt die am meisten verfolgte Religion. Das Buch von Prälat Helmut Moll legt davon beredtes Zeugnis ab, indem 15 Personen in deutschsprachigen Ländern vorgestellt werden, die allein in den ersten Jahrzehnten des dritten Jahrtausends aus Glaubensgründen ermordet worden sind.

Wegweisender Blick Johannes Pauls II.

Unter den porträtierten Glaubenszeugen befinden sich auch nicht-katholische Christen, die in verschiedenen christlichen Konfessionen gelebt haben. Damit wird sichtbar, dass heute alle christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ihre Märtyrer haben und das christliche Martyrium ökumenisch ist. Denn Christen werden heute nicht verfolgt, weil sie einer bestimmten christlichen Glaubensgemeinschaft angehören, weil sie Lutheraner oder Baptisten, Orthodoxe oder Katholiken sind, sondern weil sie Christen sind. Es macht das große Verdienst des heiligen Papstes Johannes Paul II. aus, dass er in seiner wegweisenden Enzyklika über den Einsatz für die Ökumene „Ut unum sint“ aus dem Jahre 1995 bereits in der Einführung auf das „mutige Zeugnis so vieler Märtyrer unseres Jahrhunderts, die auch anderen nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche befindlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften angehören“, hingewiesen und ihnen besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat.[2]

Dieser Glaubenszeugen hat der Papst in besonderer Weise im Jubiläumsjahr 2000 vor dem Kolosseum und damit vor dem historisch symbolträchtigen Ort in Rom gedacht. Er hat dabei Glaubenszeugnisse des orthodoxen Metropoliten Serafim, des evangelischen Pastors Paul Schneider und des katholischen Paters Maximilian Kolbe vortragen lassen. Diese Feier hat die tiefe Gemeinschaft im Glauben erfahrbar werden lassen, die die Christen in verschiedenen Kirchen miteinander verbindet und die sich als viel stärker erweist als die noch bestehenden Differenzen und Hindernisse, die die christlichen Kirchen auch heute noch trennen. Diese Gemeinschaft im Glauben haben Christen in verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften bereits in der gemeinsamen Verfolgung, beispielsweise in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern und in den kommunistischen Gulags, erfahren und miteinander Freundschaft geschlossen.

Martyrologische Dimension der Ökumene

Die geistliche Tiefe dieser Erkenntnis der martyrologischen Dimension der Ökumene tritt freilich erst vor unsere Augen, wenn wir sie mit der Situation in der Vergangenheit vergleichen. Denn damals ist nur derjenige Christ als Märtyrer anerkannt worden, der mit der Hingabe seines Lebens die unverkürzte Christuswahrheit bezeugt hat. Dabei konnte man jedoch nicht annehmen, dass ein solches Ja zur ganzen Christuswahrheit auch außerhalb der katholischen Kirche gegeben sein könne. Es war deshalb nicht möglich, die auch in anderen christlichen Gemeinschaften geschehenen Martyrien anzunehmen. Dies galt zumal von jenen Christen, die bei konfessionellen Konflikten sogar von Christen in anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu Tode gebracht worden sind.

Diese konfessionell verengte Sicht ist auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil überwunden worden. Es hat wahrgenommen, dass „viele und bedeutende Elemente oder Güter, aus denen insgesamt die Kirche erbaut ist und ihr Leben gewinnt, auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche existieren können“. Zu diesen Elementen hat das Konzil in besonderer Weise eine „wahre Verbindung im Heiligen Geist“ gezählt, „der in Gaben und Gnaden“ auch in anderen kirchlichen Gemeinschaften „mit seiner heiligenden Kraft wirksam ist und manche von ihnen bis zur Vergießung des Blutes gestärkt hat“.[3] Mit diesen bedeutsamen Aussagen hat das Konzil die Realität des Martyriums auch in anderen christlichen Kirchen gewürdigt.

Noch während des Konzils hat Papst Paul VI. diese Sicht bestätigt, als er in der 103. Generalkongregation am 18. Oktober 1964 die Märtyrer von Uganda heiliggesprochen und dabei auch die Anglikaner gewürdigt hat, die dasselbe Leiden wie ihre katholischen Brüder durchgemacht hatten. In ähnlicher Weise ist in Deutschland im Jahre 2011 bei der Seligsprechung der Lübecker Märtyrer zusammen mit drei katholischen Kaplänen auch des evangelisch-lutherischen Pastors Stellbrink in ökumenischer Gemeinschaft gedacht worden.

Wir Christen haben ein gemeinsames „Martyrologium“

Mit dieser Sicht hat in besonderer Weise Papst Johannes Paul II. die Christen in anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die für ihren Glauben an Jesus Christus ihr Leben hingegeben haben, fraglos als Glaubenszeugen und damit als Märtyrer der Christenheit anerkannt und gewürdigt. Denn er ist überzeugt gewesen, dass aus einer „theozentrischen Sicht“ wir Christen bereits ein gemeinsames „Martyrologium“ haben, das uns vor Augen führt, „wie auf einer tieferen Ebene Gott unter den Getauften die Gemeinschaft unter dem höchsten Anspruch des mit dem Opfer des Lebens bezeugten Glaubens aufrechterhält“.[4] Da das Blut, das die Märtyrer für Christus vergießen, uns Christen nicht trennt, sondern eint, hat Papst Johannes Paul II. bei aller schmerzhaften Tragik der heutigen Christenverfolgungen in der Ökumene der Märtyrer auch eine positive Botschaft wahrgenommen, in-dem er in ihr bereits eine grundlegende Einheit unter uns Christen gesehen hat. Denn während wir Christen und Kirchen auf dieser Erde noch in einer nicht vollen Gemeinschaft zu- und miteinander stehen, leben die Märtyrer in der himmlischen Herrlichkeit bereits jetzt in voller und vollendeter Gemeinschaft. Wir Christen auf Erden dürfen dabei hoffen, dass die Märtyrer vom Himmel her uns helfen, die volle sichtbare Einheit wiederzufinden.

Jedes Element der Spaltung wird bewältigt und überwunden

Die Ökumene der Märtyrer ist für Papst Johannes Paul II. der „bedeutendste Beweis dafür, dass in der Ganzhingabe seiner selbst an die Sache des Evangeliums jedes Element der Spaltung bewältigt und überwunden werden kann“.[5] Die Ökumene der Märtyrer ist für ihn deshalb die überzeugendste Gestalt der Ökumene überhaupt, denn sie spricht mit lauterer und klarerer Stimme als die Verursacher der Spaltungen. Die Märtyrer der Christenheit werden uns deshalb gewiss auf dem ökumenischen Weg zur Einheit hilfreich begleiten. Wie die frühe Kirche ihren Glauben mit der Überzeugung zum Ausdruck gebracht hat, dass das Blut der Märtyrer Same von neuen Christen ist – „Sanguis martyrum semen Christianorum“ – so dürfen auch wir Christen heute in der Hoffnung leben, dass das Blut von so vielen Märtyrern Same für die künftige Einheit des von so vielen Spaltungen verwundeten Leibes Christi sein wird. Wir dürfen sogar überzeugt sein, dass wir im Blut der Märtyrer bereits eins geworden sind.

Papst Franziskus: „Ökumene des Blutes“

In der Nachfolge von Papst Johannes Paul II. sieht auch Papst Franziskus in der von ihm so genannten „Ökumene des Blutes“ den innersten Kern allen ökumenischen Bemühens; und er nimmt darin auch eine große Herausforderung wahr, die er mit dem einprägsamen Satz zum Ausdruck bringt: „Wenn uns der Feind im Tod vereint, wie kommen wir dann dazu, uns im Leben zu trennen?“[6] Ist es in der Tat nicht beschämend, dass die Christenverfolger manchmal die bessere ökumenische Vision als wir Christen selbst haben, da sie offensichtlich darum wissen, dass wir Christen im Glauben untrennbar zusammengehören?

Ich bin Prälat Helmut Moll dankbar, dass er uns in Erinnerung ruft, dass die Märtyrer nicht eine Randerscheinung sind, sondern in die Mitte der Kirche gehören, dass das Martyrium ein Wesensmerkmal des Glaubens an Jesus Christus ist und dass das Martyrium heute ökumenisch ist. Sein Buch ist eine Einladung an uns, den Märtyrern in Geschichte und Gegenwart für ihre Treue im Glauben und ihre Liebe zu Jesus Christus aufrichtig zu danken, die Christen, die in der heutigen Welt wegen ihres Glaubens verfolgt, misshandelt und getötet werden, in unser Gebet zu schließen, und die Märtyrer zu bitten, dass sie uns vom Himmel her begleiten, damit auch unsere Glaubenstreue stark bleibt und wir stets den Mut haben, unseren Glauben mit dem Leben in ökumenischer Gemeinschaft zu bezeugen.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2025
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[1] Helmut Moll: Christliche deutschsprachige Märtyrer (2000-2024). Zum Heiligen Jahr 2025, mit einem Vorwort von Kurt Cardinal Koch, Dominus-Verlag Augsburg 2025, 40 S., DIN A 5, zahlr. Abb., Preis: 5,85 Euro, ISBN 978-3-940879-86-8 – https:// dominusverlag.de/shop/martyrium2025/

[2] Johannes Paul II.: Ut unum sint, Nr. 1.

[3] Lumen gentium, Nr. 15.

[4] Johannes Paul II.: Ut unum sint, Nr. 84.

[5] Ebda., Nr. 1.

[6] Franziskus: Ansprache an die Bewegung der Charismatischen Erneuerung am 3. Juli 2015.

Pater Vito d´Amato OFM spricht über Chiara Corbella Petrillo

Das Geheimnis der vollkommenen Freude

Das ergreifende Lebenszeugnis von Chiara Corbella Petrillo (1984-2012) ist ein Geschenk Gottes für unsere Zeit. Es hat unzählige Herzen berührt und im Glauben gestärkt. 2018 wurde der Seligsprechungsprozess eingeleitet. Niemand kennt diese Dienerin Gottes und ihren bewegten Glaubensweg besser als ihr Seelenführer, der sie durch alle Höhen und Tiefen begleitet hat. Es ist P. Vito d‘Amato OFM, der vom 8. bis 16. November durch Deutschland reisen und an verschiedenen Orten über seine Erfahrungen mit Chiara sprechen wird. Gabi Fröhlich, Mitarbeiterin von Radio Horeb, die die Tour vorbereitet hat, stellt die Initiative vor und wirft noch einmal einen Blick auf das außergewöhnliche Leben von Chiara Corbella Petrillo.

Von Gabi Fröhlich

Waren Sie schon mal in Deutschland, um von Chiara zu erzählen?“ „Nein – aber wenn Ihr mich einladet, dann komme ich.“ Das war vor einem Jahr. Ich gestehe, dass auch gewisse egoistische Motive eine Rolle gespielt haben mögen, als wir P. Vito d‘Amato zu einer einwöchigen Tour durch Deutschland eingeladen haben: Der Mann hat eine Selige in spe als Seelenführer begleitet. Da besteht natürlich eine leise Hoffnung, dass bei seinem Besuch von diesem Geist auch ein wenig auf die Begleiter abfärben könnte...

Dramatischer Einstieg in die Ehe

Die Geschichte von Chiara Corbella und ihrem Mann Enrico Petrillo ist ohne ihren geistlichen Begleiter kaum zu denken. Das junge römische Pärchen führte nämlich nach dem ersten Schockverliebtsein das, was man eine „On-Off-Beziehung “ nennt, mit wechselnden Phasen der Trennung und Versöhnung. Bis Pater Vito auf den Plan trat. Die beiden lernten ihn 2006 bei Glaubenskursen der Franziskaner für junge Leute in Assisi kennen. Dem Ordensmann gelang es, sie davon zu überzeugen, Gott in ihrer Liebe wirklich an erste Stelle zu setzen – und von da an gelang die Beziehung. Streit mit Enrico sollte für Chiara nie wieder Thema sein. Kurz vor ihrem Tod bezeichnete sie die Jahre des Hin und Hers mit Enrico als die schwerste ihres Lebens. Wenn man bedenkt, dass sie unterdessen zwei Kinder zu Grabe getragen hatte und selbst mit einer tödlichen Krankheit kämpfte, ahnt man, wo für Chiara das echte Leid drohte: in der Gottferne, im Kampf um die eigenen Vorstellungen vom Glück und im Misstrauen gegenüber den Plänen Gottes.

Pater Vito betont gerne, dass Chiara ein ganz normales italienisches Mädchen war. Vielleicht ungewöhnlich hübsch, aber als Kriterium für Heiligkeit taugt das bekanntlich nicht. Doch in einem muss sie außerordentlich gut gewesen sein: nämlich darin, alles – wirklich alles! – im Licht der Offenbarung Gottes zu lesen. Und weil Chiara darin las, dass sie ein unbedingt geliebtes Kind des Allmächtigen war, konnte nichts, was ihr widerfuhr, gegen sie gerichtet sein. Nicht Leid, nicht Krankheit, nicht Abschied – und auch nicht der Tod.

Zwei „Engel“ im Himmel

Nach ihrer Hochzeit war Chiara sofort schwanger geworden. Niemand konnte sich etwas anderes vorstellen, als dass dieses strahlende junge Paar etwas anderes als ein wunderschönes Kind bekommen würde. Für Chiara war ihre Tochter Maria Grazia Letitia auch wunderschön – nur viele andere wollten das einfach nicht erkennen. Denn Maria hatte eine schwere Fehlbildung, die bedeutete, dass sie ihre Geburt nur für kurze Zeit überleben würde. Viele Stimmen prasselten auf die jungen Eltern ein: Wozu sich die Mühe machen und den ganzen Schmerz auf sich nehmen? Das Kind musste doch ohnehin sterben! Doch für Chiara war jene halbe Stunde nach der Geburt, in der sie ihre kleine Tochter auf dem Arm halten konnte, eine der schönsten ihres Lebens. Und so war sie schon bald nach der Beerdigung des winzigen Mädchens wieder schwanger. Diesmal ein Junge: Davide Giovanni. Und nun war das Umfeld des jungen Paares wirklich erschüttert – denn auch bei dem zweiten Kind wurde festgestellt, dass er nicht außerhalb des Mutterleibes leben konnte. Dabei stand Davides Fehlbildung in keinerlei Zusammenhang mit der seiner Schwester. Doch auch er folgte seiner Schwester eine halbe Stunde nach der Geburt in den Himmel. Über ihn schrieb Chiara später in ihr Tagebuch:

Wer ist Davide?

Ein kleines Kind, das von Gott eine so große Rolle geschenkt bekommen hat... Die Rolle, die großen Goliaths zu bezwingen, die in uns sind: Er hat unsere elterliche Macht bezwungen, über ihn bestimmen zu wollen; er hat uns gezeigt, dass ...  er so war, weil Gott ihn genau so brauchte; er hat unser „Recht“ bezwungen, uns einen Sohn für uns zu wünschen – weil er nur für Gott bestimmt war; er hat den Wunsch derer bezwungen, die meinten, er solle der Sohn des Trostes sein, der uns über den Verlust von Maria Grazia Letizia hinweghelfen sollte; er hat das Vertrauen in die menschlichen Statistiken bezwungen, die sagten, wir hätten dieselbe Wahrscheinlichkeit, ein gesundes Kind zu bekommen, wie alle anderen; er hat den Aberglauben derer entlarvt, die behaupten, Gott zu kennen, und Ihn dann auffordern, sich wie ein Spender von Schokoladenkeksen zu verhalten; er hat gezeigt, dass Gott Wunder wirkt – aber nicht entsprechend unserer begrenzten Logik, denn Gott ist größer als unsere Wünsche; er hat die Vorstellung derer zunichte gemacht, die in Gott nicht ihr seelisches, sondern nur ihr körperliches Heil suchen – de-rer, die Gott um ein glückliches und problemloses Leben bitten, das in keiner Weise dem Weg des Kreuzes entspricht, den Jesus uns gezeigt hat.

Obwohl Davide so klein war, hat er sich mit Macht auf unsere Götzen gestürzt, hat denen laut ins Gesicht geschrien, die nicht sehen wollten, hat viele gezwungen, in Deckung zu gehen, um nicht erkennen zu müssen, dass sie besiegt worden sind.

Ich hingegen danke Gott, dass ich vom kleinen Davide besiegt wurde. Ich danke Gott, dass durch Davide der Goliath in mir jetzt endgültig tot ist. Niemand kann mir einreden, dass uns ein Unglück wiederfuhr, weil wir uns, wenn auch nur unbewusst, von Gott entfernt hätten. Ich danke Gott, dass meine Augen nun endlich frei sind, weiter zu sehen und Gott zu folgen, ohne Angst zu haben, die zu sein, die ich bin.

Lebensopfer für Francesco

Chiara und Enrico, alles andere als verängstigt, stürzten sich erneut in das Abenteuer Schwangerschaft. Und tatsächlich war der kleine Francesco gesund. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet jetzt die härteste Glaubensprüfung auf die jungen Eheleute wartete...?

Chiara war eine junge, gesunde Frau, die nie eine Zigarette angerührt hatte. Als sie kurz nach dem positiven Schwangerschaftstest eine kleine Erhebung an der Zunge bemerkte, dachte daher niemand an etwas Schlimmes. Bei näherer Untersuchung entpuppte sich die harmlos wirkende Veränderung jedoch als Zungenkarzinom – eine hochaggressive Krebsart, von der normalerweise ältere, rauchende Männer betroffen sind. Das junge Paar rang darum, den Willen Gottes zu verstehen. In ihrem Umfeld wurde gemunkelt, dass so viel Unglück wohl nicht mit rechten Dingen zugehe. Chiara jedoch entschied sich wieder und wieder, zu vertrauen. Für sie war klar, dass sie nichts tun würde, was ihrem kleinen Sohn schaden könnte. Und so erlaubte sie nur einen chirurgischen Eingriff unter Lokalanästhesie – alles Weitere musste warten, bis Francesco geboren war. 

2011 hielt Chiara ihren gesunden Jungen im Arm – und musste ihn doch immer wieder in betreuende Hände abgeben, um sich auf einen Kreuzweg der Krebstherapie zu begeben. Ein Jahr verging zwischen Hoffen und Bangen – aber am Ende kapitulierten die Ärzte vor dem „Drachen“, wie Chiara ihre Krankheit nannte. Während eine ständig wachsende Zahl von Betern von Gott die Heilung der schwer geprüften jungen Mutter erflehte, ging Chiara selbst mit einer ebenso wachsenden Gelassenheit und Gewissheit auf ihre himmlische Heimat zu. Das Loslassen ihrer Lieben – vor allem ihres geliebten Mannes – fiel ihr schwer, aber ihre ersten beiden Kinder hatten ihr die Angst vor dem Tod genommen. Kurz vor ihrem Tod am 13. Juni 2012 sagte Enrico zu ihr: „So schön wie heute habe ich dich noch nie gesehen.“ Damals wog Chiara nur noch 40 Kilo. Und auf Enricos bange Frage: „Chiara, stimmt es, wenn Jesus sagt, dass sein Joch sanft ist?“, antwortete sie nur lächelnd: „Ja, Enrico, es stimmt.“

Vertrautheit mit ihrer tiefen Seele

An der Seite von Chiara und Enrico war in all diesen Jahren P. Vito d‘Amato. Er zelebrierte ihre Trauung, stärkte ihnen den Rücken während der Extremerfahrungen ihrer Schwangerschaften, taufte die ersten beiden Kinder noch im Kreißsaal, und natürlich auch den kleinen Francesco. Er war Chiaras Beichtvater und Seelenführer, und im Sterben gab er ihr Halt durch das Beten der uralten Psalmen der Jerusalempilger. Pater Vito war es auch, der früh ahnte, welche Sprengkraft in der Geschichte dieser eher zurückhaltenden jungen Frau verborgen lag. Und tatsächlich war schon bei ihrer Beerdigung die große Kirche gedrängt voll mit jungen Menschen, die einfach von dem Schicksal und dem strahlenden Glauben dieser Altersgenossin gehört hatten und ihre Nähe suchten.

Wenn Pater Vito nun verschiedene Orte in Deutschland ansteuert, hat er einen Schatz im Gepäck: einen Film mit Chiaras persönlichem Zeugnis, gehalten in Medjugorje kurz vor ihrem Tod. Viele Anekdoten aus ihrem Leben, denn Chiara war verblüffend humorvoll („Herr, du darfst mir alles zumuten – aber nicht diese trübsinnigen Gesichter um mich herum!“). Und natürlich die langjährige Vertrautheit mit ihrer tiefen Seele. Dass für seine geistliche Tochter 2018 ein Seligsprechungsprozess eingeleitet wurde, überrascht den Franziskaner nicht: „Chiara war nichts weiter als eine wirkliche Christin – und genau das heißt es ja, selig zu sein. Aber sie zeigt uns auch, dass jeder von uns das sein kann.“

Wenn Sie Pater Vito persönlich kennenlernen und mehr über das Leben der Dienerin Gottes Chiara Corbella Petrillo erfahren möchten, dann kommen Sie gerne zu einem der Orte, an denen er im November sprechen wird. Mehr Informationen zu der Reise gibt es unter:

www.horeb.org/chiara-corbella/

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2025
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„Warum ich es schrieb – und warum man es lesen sollte“

Das ABC der Guten Nachricht

Dr. Josef Bordat (geb. 1972) ist katholisch, verheiratet, lebt in Berlin und arbeitet als freier Autor. Er hat Wirtschaftsingenieurwesen, Soziologie, Philosophie, Katholische Theologie und Geschichtswissenschaften in Berlin und Arequipa/Peru studiert. Seine Magisterarbeit trägt den Titel „Begründung des Völkerrechts in der Spanischen Barockscholastik“ (2004) und seine Dissertation ist dem Thema „Gerechtigkeit und Wohlwollen“ (2006) gewidmet. Nach einer Reihe unterschiedlichster Publikationen brachte er nun (8. September 2025) ein reichhaltiges Buch über alle Sonntagsevangelien der kommenden drei Lesejahre heraus,[1] beginnend mit dem Ersten Adventssonntag am 30. November 2025. Das 651 Seiten umfassende Werk ist eine einzigartige Fundgrube für interessierte Gläubige sowie für alle, die im kirchlichen Leben aktiv sind.

Von Josef Bordat

Die Bibel ist die heilige Schrift des Christentums. Das Evangelium – die gute Nachricht – ist die Grundlage christlichen Lebens. In der Liturgie der Katholischen Kirche spielt die Verkündigung der Botschaft Jesu eine zentrale Rolle. In den Gottesdiensten werden die Evangelien abschnittsweise gelesen. In einem Drei-Jahres-Zyklus bekommen diejenigen, die regelmäßig zur Sonntagsmesse gehen, einen tiefen Einblick in die Texte, sowohl in die der drei Synoptiker Matthäus, Markus und Lukas, die die jeweiligen Lesejahre A, B und C prägen, als auch ins Johannesevangelium, das gerade zu den Hochfesten theologisch wichtige Ergänzungen bietet. Die Kirche vermittelt uns das ABC der Guten Nachricht.

Warum dann dieses Buch? Um die Frage zu beantworten, müssen wir noch einmal gedanklich in die Corona-Zeit zurückkehren, die Zeit des Lockdowns, des Zwei-Meter-Abstands und der Videokonferenzen. Für einen freiberuflich tätigen Publizisten, der seine Bücher vor allem durch Lesungen bekannt macht, ein Schlag ins Kontor. Was tun? Ich saß zuhause („Stay at home!“) – und dachte nach. Warum die Zeit der Isolation nicht nutzen und doch noch katholische Theologie studieren? Ein lang gehegter Wunsch, an dessen Erfüllung mich sonst mein Arbeitsalltag hinderte. Aber nun hatte ich Zeit. Also schrieb ich mich am Institut für Katholische Theologie (IKT) der Berliner Humboldt-Universität ein und absolvierte von Oktober 2020 bis März 2024 das Bachelorstudium. Darin enthalten: Kurse in den biblischen Sprachen Hebräisch und Griechisch sowie in Biblischer Theologie.

Mit den neu erworbenen Kenntnissen ging ich anschließend über meine alten Aufzeichnungen zu den Evangelien. Die Beschäftigung mit dem Evangelium lag als Kern des christlichen Glaubens schon immer in meinem Interesse. Ich merkte jedoch bald, dass ich mit meinen Deutungen ohne Kenntnisse des Griechischen bisher oft nicht auf den entscheidenden Punkt gekommen war. Die sprachlichen und exegetischen Perspektiven, die mir während meines Studiums eröffnet wurden, halfen mir zu erkennen, dass meine Interpretationen stark überarbeitungsbedüftig waren. Ich begann im September 2024 mit der Arbeit und versuchte, die Perikopen vom griechischen Text her neu zu erschließen. Da diese Arbeit gut voranging und ich ja wusste, dass am 1. Adventssonntag 2025 ein neuer Drei-Jahres-Zyklus beginnen würde, setzte ich mir das Ziel, in einem Jahr – dem Heiligen Jahr – alle Sonntagsevangelien auszulegen.

Vielleicht ging dieses sportliche Vorhaben etwas zu Lasten der Präzision. Andererseits wollte ich ja auch keinen exegetischen Kommentar für den akademischen Gebrauch schreiben (davon gibt es bereits einige sehr gute), sondern lebensnahe, persönliche Deutungen vornehmen, auf solider philologischer Basis. Die Auslegungen beginnen vom Text her, um dann theologische und philosophische Gedanken zu behandeln, die sich aus dem Thema der Schriftstelle ergeben. Das geschieht in unterschiedlicher Ausführlichkeit – insgesamt sind es über 600 Seiten geworden.

Wenn Sie mich nun fragen, für wen dieses dicke Buch gedacht ist bzw. für wen es sich besonders eignet, so möchte ich eine Rezension aus der Feder meines geschätzten Kollegen Josef Gottschlich zitieren, in der es heißt: „Zu empfehlen sind die vielfältigen Anregungen des Buches nicht nur zur Vor- und Nachbereitung von Sonntagsgottesdiensten, sondern auch Teilnehmenden an Bibelkreisen und kirchlichen Mitarbeitenden, etwa Religionslehrkräften, Katechetinnen und Katecheten – sowie allen, auch Andersgläubigen, die an der Bibel mehr als nur ein literarisches Interesse haben.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Möge das ABC der Guten Nachricht vielen Menschen ein treuer Begleiter durch die drei Lesejahre der Kirche sein und ihnen Sonntag für Sonntag neue Erkenntnisse bringen für das fundierte Erschließen der Heiligen Schrift. Ich wünsche allen künftigen Leserinnen und Lesern jene Aha-Erlebnisse, die ich im Rückgriff auf den griechischen Text hatte. Das Schreiben hat mich neu erfüllt mit dem Geist des Evangeliums. Möge es Ihnen beim Lesen auch so gehen!

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2025
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[1] Josef Bordat: Das ABC der Guten Nachricht. Anmerkungen zu den Sonntagsevangelien, tredition 2025, Softcover, 651 S., 24,00 Euro, ISBN 978-3-384-63700-0, shop.tredition.com

Angelpunkt des Offenbarungs- und Heilshandelns Gottes

Die Wunder in den Evangelien aus christlicher Sicht

In seinem neuen Buch über die Sonntagsevangelien der drei Lesejahre A, B und C vertieft Dr. Josef Bordat die unterschiedlichsten Themen des christlichen Glaubens. Zum Evangelium nach Markus 5,21-43, das am Dreizehnten Sonntag im Jahreskreis  (z.B. am 27. Juni 2027) in der Liturgie vorgetragen wird, geht er ausführlich auf das christliche Verständnis der Wunderberichte in der Bibel ein. Auch anhand des griechischen Urtextes erschließt er zunächst die Nuancen in dieser Erzählung von der wunderbaren Heilung der blutflüssigen Frau und der Erweckung der Tochter des Jaïrus von den Toten. Auf diesem Hintergrund schließt er eine beachtenswerte Abhandlung über das Thema „Wunder“ an, die wir dankenswerterweise im Folgenden wörtlich wiedergeben dürfen. Sie wirft zugleich ein erhellendes Licht auf den Charakter des gesamten Buchs.

Von Josef Bordat

Die Auferweckung der Tochter des Jaïrus und die Heilung einer kranken Frau, so ist diese Perikope in der Einheitsübersetzung betitelt. Medizinische Wunder im Doppelpack. Eine Frau und ein junges Mädchen. Jene schwer krank, diese schon tot. Die Ärzte sind machtlos, die Wissenschaft ratlos, alles scheint zu spät. Dann das Wunder. Es kann geschehen, weil die Menschen glauben. Weil sie Vertrauen in Jesus setzen, in seine Liebe zu den Menschen. Die Wunder, die Jesus im Gegenzug wirkt, sind gerade Ausdruck seiner Liebe zu den Menschen. Diese Liebe setzt sich in der Kirche fort. Die Apostel erben und vererben ihrerseits die wunderbare Liebe.

Wie steht die heutige Welt zu Wundern?

Und wir heute, wie stehen wir zu den Wunderberichten im Markusevangelium? Wie zu den Wundern in der Geschichte der Kirche? Nun: Sie fordern uns heraus. Unser von Naturwissenschaft und Technik geprägtes Denken. Sie erfordern ein Umdenken. Wir müssen fragen: Ist es wahr? Und nicht, wie sonst: Ist es wahrnehmbar? Das erfordert einen Perspektivenwechsel, der unserem empiristisch geschulten Verstand allzu herausfordernd erscheint, uns einiges an Vorschussvertrauen abverlangt.

Dennoch: Wunder spielen auch in unserer Gegenwartskultur eine große Rolle, zumindest die Sehnsucht nach ihnen. Allem wissenschaftlich-technischen Fortschritt zum Trotz findet sich die Wundermetapher in Filmtiteln („Das Wunder von Lengede“), Liedern („Wunder gibt es immer wieder“, Katja Ebstein; „Wunder gescheh’n, ich hab’s geseh’n“, Nena) oder auch in den großen Erzählungen, die unser kollektives Gedächtnis bilden („Das Wunder von Bern“). Soweit die abstrakte Allegorie des Wunders in der Gegenwartskultur.

Die Kirche sucht keine Wunder für den Reputationsgewinn ihres Glaubens

Doch angesichts konkreter Wunderberichte wie dem von der Auferweckung einer Toten und der Heilung einer chronisch Kranken breitet sich heute vor allem eines aus: Skepsis. Die Kirche hält unterdessen daran fest, dass Zeichen und Wunder geschehen. Allerdings ist sie vorsichtig, wenn es um Fälle angeblicher Wunderheilungen geht. Die Kirche sucht keine Wunder für den Reputationsgewinn ihres Glaubens, sie prüft gerade aus diesem Grund sehr sorgfältig, wenn irgendwo ein Wunder mit Bezug zum Glauben geschehen sein soll. Das wiederum wundert nur den, der das Wesen der Kirche nicht kennt. Denn die Kirche hat es gar nicht nötig, um jeden Preis nach Zeichen und Wundern zu fahnden, denn sie verkündet eine Wahrheit, die die Spurensuche obsolet macht: Christus selbst ist das Zeichen, die Welt als solche ist das Wunder. Nicht der partikulare Effekt entscheidet, sondern die Holistik einer guten Schöpfung, die in Christus ihre Vollendung findet. Das ist der christliche Glaube.

Trotzdem gibt es einen Wunderbegriff in Theologie und Kirche – und dieser ist nach wie vor aktuell. Was also gilt der Kirche als „Wunder“? Ein Wunder ist ein innerweltlich (insbesondere auch wissenschaftlich) nicht erklärbares Geschehen, das in Gottes Willen seinen Ursprung hat, wenn es auch durch Menschen oder andere Geschöpfe vermittelt ist. Wunder zeigen uns, worauf Gottes Schöpfung hinausläuft, die wir als unvollendet ansehen, als prozessual und daher als sich immer weiter entwickelnd. Wunder geben einen Vorgeschmack auf das wirklich wunderbare Ziel unseres Daseins, an dem uns das Wunder der Vollendung in Gott als Dauerzustand erwartet.

Legitimation von Heiligen und ihrer Verkündigung

Im Handbuch „Theologische Grundbegriffe“ wird beim Schlagwort Wunder gleich auf einen anderen Eintrag verwiesen: Gotteserfahrung. Wunder, so heißt es, seien „staunenerregende Machttaten Gottes“,[1] die nicht „um ihrer selbst willen [geschehen], sondern Zeichen- und Offenbarungs-charakter [haben]“.[2] Entscheidend für den Heiligkeitsbegriff im Allgemeinen und die Heiligsprechung im Besonderen ist die Bedeutung des Wunders für die Person des Wundertäters: „Im Blick auf den Wundertäter haben sie eine Legitimationsfunktion: Sie bestätigen, dass der Wundertäter mit göttlicher Vollmacht ausgestattet ist und belegen damit auch die Gültigkeit seiner Verkündigung.“[3]

Das gilt freilich besonders mit Blick auf Christus und die neutestamentlichen Wundererzählungen, jedoch hat es eine ähnliche Bedeutung für die Heiligen und ihre Wundertaten. Aus christlicher Sicht sind Wunder zunächst und vor allem „Glaubensereignisse“,[4] denn sie sind beim Tun und bei der Wirkung auf den Glauben angewiesen. Bernhardt macht darauf aufmerksam, dass es eines naturwissenschaftlichen Weltbilds bedarf, um Wunder als „Durchbrechung von Naturgesetzen“[5] anzusehen; schließlich muss man solche Naturgesetze erst mal kennen.

Genau hier holt Johann Figl den Wunderbegriff aus religionswissenschaftlicher Perspektive ab, indem er im einschlägigen Artikel des „Lexikon für Theologie und Kirche“ das Wunder als ein „Phänomen [...] im Sinn eines [...] den normalen Lauf der Dinge überschreitenden Geschehens“[6] definiert. Aus der modernen Außenperspektive, die alles – auch die Religion – mit den Mitteln der Vernunft zu durchdringen versucht, bleibt es bei dem naturwissenschaftlich festgelegten „normalen Lauf“ als Gradmesser für das Wunder. Für das Christentum ist jedoch etwas anderes wichtig, auf das Siegfried Wiedenhofer hinweist, nämlich das sich im Wunder entfaltende „Offenbarungs- und Heilshandeln Gottes“, wodurch der Wunderbegriff zum „Bestimmungsmerkmal des Glaubens bzw. des Handelns Gottes überhaupt“ wird.[7] Damit wird es im Kontext der Heiligsprechung relevant: Es geht beim Wunder nicht um einen Zaubertrick, der unsere Erfahrung sprengt, sondern um das „in weltlichen Zeichen vom Menschen erfahrene Handeln Gottes“ als „unverfügbares und überraschendes Geschenk der Offenbarung und des Heils“.[8]

Historizität des Ostergeschehens offenbart Jesus als Sohn Gottes

Als paradigmatisch für Wesen und Wirkung der Wunder gelten die Evangelien, insbesondere das Markusevangelium, aus dem die heutige Perikope entnommen ist. Sie sind eine Quelle verschiedener Wunderberichte, deren Überlieferungsbestand einen Anhaltspunkt bei der historischen Beurteilung der Wundertätigkeit Jesu darstellt. Der Duktus der Erzählungen spricht dabei für die Historizität der Wunder, häufig wird sehr nüchtern berichtet, tendenzlos. Auffällig ist ihr Anteil an den vier Beschreibungen des Lebens und Wirkens Christi; allein im Markusevangelium macht der Umfang der Wunderberichte an den Berichten insgesamt etwa ein Drittel aus. Die Bedeutung der Wunder, von denen die Evangelien berichten, liegt in ihrer Verbindung zur Eschatologie, denn in der Wundertätigkeit Jesu bricht die Herrschaft Gottes an, beginnt das Reich Gottes spürbar Gestalt anzunehmen.

Zugleich bringt jedes Wunder das Geheimnis des Gottesreichs auf die Erde, das sich zwar in der Wundertat entäußert, aber doch unverstanden bleibt, zumindest solange, bis Tod und Auferstehung den wundertätigen Jesus als den Sohn Gottes erweisen; seine diesbezügliche Selbstauskunft zu Lebzeiten wird noch zu sehr von der Heimlichkeit vieler Wunderhandlungen und dem zumeist folgenden Schweigegebot überlagert (so auch hier, vgl. Vers 43), als dass sich schon allein durch Selbstauskunft und Wundertätigkeit seine Gottessohnschaft hätte offenbaren können. So bleibt das Ostergeschehen in seiner Bedeutung unverzichtbar, als das Wunder, das die Urchristen alle anderen Wundertaten als Taten des Gottessohnes anerkennen lässt.

Augustinus: Wunder lassen das Reich Gottes bereits in dieser Welt erleben

Für die katholische Theologie sind in der Wunderfrage – wie auch in vielen anderen Fragen – insbesondere Augustinus und Thomas von Aquin wichtige Gewährsmänner.

Bei Augustinus überwiegt der Hinweis- und Zeichencharakter des Wunders.[9] Das Wunder als göttliche Tat dient letztendlich dazu, Gott zu erkennen, und zwar aus den sichtbaren Dingen. Nach Augustinus liegt der Zweck der Wundertätigkeit darin, uns auf das Wunder der Wirklichkeit zu stoßen, also uns nicht nur einen Vorgeschmack auf die vollendete Schöpfung zu geben, die einst als Wunder offenbar wird, sondern eine andere Perspektive auf die nur scheinbar unvollendete Schöpfung anzubieten, die uns erkennen lässt, dass bereits hier und jetzt das in Aussicht gestellte „Dauer-Wunder“ jenseitiger Vollendung zu erleben ist.

Es geht also darum, im ganz Alltäglichen das Wunderbare zu entdecken, auch wenn diese Phänomene – Augustinus nennt als Beispiel das „Samenkorn“ – durch ihre Häufigkeit in unserer Wertschätzung herabgesetzt sind. Weil dieser Gewöhnungseffekt die Achtung vor dem Wunder der Schöpfung gefährde, habe sich Gott, „nach seiner Barmherzigkeit einige [Wunder, J. B.] vorbehalten, um sie zu gelegener Zeit gegen den gewöhnlichen Lauf und Gang der Natur zu vollbringen, damit beim Anblick nicht zwar größerer, aber ungewöhnlicher Werke diejenigen staunen sollten, auf welche die alltäglichen keinen Eindruck machten“.[10]

Die staunende Betrachtung der Welt in ihrer scheinbaren Normalität – diese Perspektive ist sehr interessant. Ich möchte einen Moment bei ihr verweilen. Es gibt im Monty Python-Film „Life of Brian“ (GB, 1979, deutscher Titel: „Das Leben des Brian“) eine Szene, in der eine vermeintliche Selbstverständlichkeit zum Wunder erklärt wird: die Tatsache, dass ein Wacholderbusch Wacholderbeeren trägt. Brian, der sich nicht als wundertätig feiern lassen möchte, entgegnet der hysterischen Menge, die ihn mehr verfolgt als ihm zu folgen, schroff und unmissverständlich: „Of course they've brought forth juniper berries! They're juniper bushes! What do you expect?!“ („Natürlich sind da Wacholderbeeren dran, weil es ein Wacholderbusch ist. Was habt ihr denn erwartet?!“).

Auf den ersten Blick scheint der Fall eindeutig. Eine fanatische Menge deutet in ihrer Sehnsucht nach immer neuen Sensationen jede „Selbstverständlichkeit“ als Wunder. Eine Haltung, die man ablehnen muss, insbesondere dann, wenn darin der direkte Einfluss eines allzu menschlichen Führers – sei er religiöser oder ideologischer Art – zentral ist. „He has made the bush fruitful by His words“, sagt einer der Brian-Jünger (zu deutsch: „Nur durch sein Wort hat er den Busch Früchte tragen lassen“). Brian tut gut daran, ihm und den Anderen diesen Aberglauben auszureden.

Auf den zweiten Blick scheint aus dieser Szene Augustinus zu sprechen: Das eigentliche Wunder ist die Schöpfung selbst. Und dazu gehört auch der Wacholderbusch. Was erwarten wir von der Natur? Ist die Natur und all das Gute in ihr selbstverständlich? Wenn wir die Natur als wunderbare Schöpfung Gottes betrachten, in der ein Wacholderbusch ein ganz besonderer Teil ist, dann können wir die scheinbare Normalität, dass nämlich der Wacholderbusch Wacholderbeeren trägt, in der Tat als etwas ganz Besonderes betrachten – als Wunder.

Eine solche Sicht wird Menschen oft erst dann möglich, wenn sie längere Zeit auf das „Selbstverständliche“, das „Natürliche“ verzichten mussten. Nach Dürren, nach Missernten, aber auch – im individuellen Rahmen – nach einer Krankheit oder einem Unfall. Dann begegnen uns plötzlich die kleinsten Dinge als größte Wunder und nötigen uns ab, was als Haupteffekt alles Wunderbaren angesehen werden kann: Dankbarkeit. Wer den Begriff des Wunders aus seinem Herzen tilgt, dem wird auch Dankbarkeit schwerer fallen. Dankbarkeit für das Wunder des Lebens – das hat als Ausdruck einer Herzenshaltung zum Menschen und zur Welt einen tiefen Sinn. Der Glaube an Wunder hat demnach seinen festen Platz in der Ordnung der Dinge.

Und es ist zugleich der Glaube, der Wunder ermöglicht, wie im Fall der blutflüssigen Frau, die sich durch ihre beherzte Aktion selbst heilt (vgl. Vers 34). Jesus jedenfalls scheint sich klar darüber gewesen zu sein, dass es eher die Frau war, die sich ihre Heilung von ihm nimmt, als dass er ihr diese gibt. Schließlich ist er genauso überrascht und weiß auch nicht, wie ihm geschah (vgl. Verse 30 bis 32). Es gibt etwas Drittes, das hinter beidem steht, hinter dem Ermöglichen von Heilung (Jesus) und hinter der Heilungserfahrung (Frau) – die Kraft Gottes, die von Jesus ausging, die zuvor jedoch von der Frau erlitten, erhofft und erkämpft wurde (vgl. Verse 25 bis 28).

Thomas von Aquin: Gott wirkt an der Ordnung der Natur vorbei in sie hinein

Bei Thomas von Aquin überwiegt schließlich die Bestimmung des Wunders von der unmittelbaren transzendentalen Kausalität Gottes her: Das Wunder läuft „vorbei an der Ordnung der Natur“[11] bzw. unter „Übergehung der uns bekannten Ursachen“[12]. Den Gedanken übernimmt er von Aristoteles, der einen „unbewegten Beweger“ als Erstursache postulierte.[13]

Das Wunder übersteigt die Ordnung der Natur, es findet unter Übergehung der uns bekannten Ursachen statt. Es kommt von Gott und – so darf man wohl hinzufügen – wir werden die Ursachen des göttlichen Wirkens nie von Gott selbst trennen können, ganz im Sinne von Aristoteles‘ „unbewegtem Beweger“. Darin steckt wissenschaftstheoretische Brisanz:

Jenseits der Ebene empirisch erfahrbarer Naturrealität werden göttliche Wirkkräfte angesiedelt, die mit dem Methodeninventar der Naturerforschung nicht beschrieben werden können, die somit vorbei an den für uns erkennbaren Naturgesetzen in die Natur einwirken und dort wahrnehmbare Folgen zeitigen.

Damit dies denkbar wird, muss – etwa mit Leibniz[14] – zwischen Ursache und Grund sowie zwischen Finalität und Kausalität unterschieden werden. Zur Verdeutlichung: Dass ein Stein zu Boden fällt, hat seinen Kausalgrund in der Gravitation, die durch eine naturwissenschaftliche Theorie beschrieben wird. Worin jedoch die Finalursache der Gravitation besteht, dazu kann und will die naturwissenschaftliche Theorie keine Aussage machen. Hier entsteht Freiraum für philosophische Spekulation und für den religiösen Glauben.

Diese Trennung von materialer Welt (Leibniz nennt diese das „Reich der Natur“) und geistiger Welt (bei ihm das „Reich der Zwecke“ oder der „Gnade“) ist nötig, um mit Thomas eine Einwirkung auf die Natur (bedingt durch die Finalität) „vorbei an der Ordnung der Natur“ (bestimmt durch die Kausalität) überhaupt für möglich halten zu können. Sie bedeutet aber auch, dass Wunder sich nur um den Preis einer Metaphysik der Erkenntnis und des Wissens verstehen und akzeptieren lassen. Dass diese Metaphysik von Naturforschern abgelehnt wird und der Wunderbegriff für die Wissenschaft obsolet ist, mag wiederum nicht wundern; hier wird der Passus von den „uns nicht bekannten Ursachen“ betont und die Hoffnung eines „Noch nicht, aber bald“ genährt.

Ob es sich aber bei dem, was wir finden, um Erst- oder Zweitursachen handelt, ob die Antworten der Wissenschaft den Menschen im wittgensteinschen Sinne „zur Ruhe kommen“ lassen, dürfte solange umstritten bleiben, wie wir nicht die Perspektive Gottes einnehmen und von dort den Weltlauf betrachten. Da dies nie der Fall sein wird, verliert die Spekulation über nicht erkennbare Erstursachen einer göttlichen Zwecksetzung und Sinnstiftung, die sich in den nachvollziehbaren Zweitursachen ausdrücken, nie ihre Berechtigung. So bleibt schließlich auch der Glaube an Wunder stets aktuell.

Im christlichen Sinn muss als Frucht die Heiligung folgen

Man könnte also sagen: Wunder sind Transzendenzerfahrungen in der Immanenz der Welt. Damals wie heute. Besonders bedeutend sind hierbei Heilungswunder: Die Ärzte wissen keinen Rat, das Bittgebet aber heilt. Man mag sich darüber streiten, ob es in solchen Fällen der Transzendenzbezug im Glaubensakt des Gebets ist, der heilt, oder vielmehr der Glaube an die Heilkräfte dieses Transzendenzbezugs. Das ist selbst eine Glaubensfrage. Beides jedoch verlangt Glauben, denn sonst gäbe es weder das Gebet noch die daraus resultierende Aktivierung von Selbstheilungskräften. Dann wäre der Glaube selbst das eigentliche Wunder – Jesus scheint das ja auch anzudeuten, wenn er an den Glauben der Frau erinnert und an den Glauben des Jaïrus appelliert.

Im Heilungswunder offenbart sich aber der Zusammenhang von Heiligung und Heilung: Die Heiligung durch das Wunder liegt in der Heilung dessen, an dem sich das Wunder vollzieht. Die Heiligkeit des Wundertäters wird abhängig vom Heil anderer Menschen.

Es geht also ganz wesentlich auch um die positiven Folgen – ein Ereignis, das unerklärbar ist, aber Menschen schadet, wäre im christlichen Sinne kein Wunder, da aufgrund der negativen Konsequenz der Ursprung des unerklärbaren Ereignisses nicht im Willen Gottes liegen kann, wenn man – wie das Christentum – an einen Gott glaubt, der Liebe ist.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2025
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[1] Reinhold Bernhardt: Wunder, in: Cornelia Dockter/Martin Dürnberger/Aaron Langenfeld (Hg.): Theologische Grundbegriffe. Ein Handbuch, Paderborn 2021, S. 174-175, hier S. 174.

[2] Bernhardt: Wunder, S. 174.

[3] Ebd.

[4] Bernhardt: Wunder, S. 175.

[5] Ebd.

[6] Johann Figl: Wunder. Religionswissenschaftlich, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 10, Freiburg i.Br. 2001, S. 1311.

[7] Siegfried Wiedenhofer: Wunder. Systematisch-theologisch, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 10, Freiburg i.Br. 2001, S. 1316-1318, hier: S. 1317.

[8] Ebd.

[9] Vgl. Augustinus: Tract. In Io. Ev. 24.

[10] Augustinus: Tract. in Io. Ev. 24, 1.

[11] Thomas von Aquin: Sum Th I, 110, 4.

[12] Thomas von Aquin: Sum Th I, 105, 7.

[13] Vgl. Aristoteles: Met. XII, 6-7.

[14] Vgl. Gottfried Wilhelm Leibniz: Theod. II, § 118, Mon. §§ 79, 88. Für Leibniz selbst sind Wunder als göttliche Eingriffe in die Natur durchaus denkbar, soweit sie kein „Nachbessern“ der Schöpfung bedeuten, sondern von vorne herein in der „besten aller möglichen Welten“ mitbedacht wurden: „Gott, der alles vorhersieht, hat auch die Gebete vorhergesehen; darum ist sein Eingreifen als Gnade und ohne Verletzung der allgemeinen Naturgesetze bereits Bestandteil der besten Welt im Weltplan als mögliche Welt“ (Hans Poser/ Gottfried Wilhelm Leibniz: Zur Einführung, Hamburg 2005, S. 90).

Im November der Toten gedenken

Nachlass zeitlicher Sündenstrafen

Pfarrer Dr. Richard Kocher, Programmdirektor von Radio Horeb, ist von den Schriften des Neutestamentlers Gerhard Lohfink (1934-2024) sehr angetan. Immer wieder zitiert er aus dem reichen Schatz dieses Gelehrten. Viele Bücher von Professor Lohfink sind nach seiner Lehrtätigkeit an der Universität Tübingen erschienen, so auch das Buch „Maria – nicht ohne Israel: eine neue Sicht der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis“, das er 2008 zusammen mit Ludwig Weimer herausgebracht hat. Darauf nimmt Pfr. Kocher Bezug.

Von Richard Kocher

Der Monat November ist dem Gedenken der Toten gewidmet. In der katholischen Kirche kann man den Verstorbenen durch Gebet und Opfer einen Nachlass zeitlicher Sündenstrafen für Sünden, deren Schuld schon getilgt ist, durch den sogenannten Ablass zuwenden. Dies gilt besonders im Heiligen Jahr 2025, das noch bis zum 06. Januar 2026 dauert. Papst Franziskus hat sich in der Verkündigungsbulle zum Jubiläumsjahr Spes non confundit (Die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen) in der Nummer 23 dazu geäußert und die Sinnhaftigkeit des Ablasses dargelegt. Es ist schade, dass der Zugang zu dessen richtigem Verständnis durch die Geschichte enorm belastet und damit für viele Menschen verschlossen ist. Selbstverständlich können noch so gute Werke unsererseits nicht die Sünden anderer Menschen tilgen – das kann nur Gott allein –, aber sie können mithelfen, deren Folgen aufzuarbeiten. Jede Sünde hinterlässt äußere und innere Spuren, die aufgearbeitet werden müssen, weil sich sonst das Böse immer mehr verbreitet.

Anhand eines wichtigen Ereignisses im Leben König Davids lässt sich das gut zeigen und ein Weg zum Verständnis öffnen: Nach vielen Jahren unruhiger und kriegerischer Auseinandersetzungen mit den Philistern, aber auch mit König Saul und dessen Nachfolger war David eine Zeit der Ruhe vergönnt. Diese sollte aber durch seine eigene Schuld nicht lange dauern. Obwohl er einen stattlichen Harem hat, begeht er mit Batseba, der Frau des Hethiters Urija, Ehebruch und sorgt dafür, dass dieser und andere seiner Kämpfer im Krieg sterben. Der Prophet Nathan konfrontiert ihn mit seiner Sünde und David bereut, was er getan hat. Im Auftrag Gottes spricht ihm Nathan umgehend die Vergebung seiner Schuld zu (2 Sam 12, 13). Damit könnte die Geschichte enden. Sie geht aber mit einem grausamen Verlauf weiter, denn David hat mit seinem Verhalten eine Lawine des Unheils losgetreten. Zunächst stirbt das Kind, das er mit Batseba gezeugt hat. Das schlechte Beispiel, das er seinen Söhnen gegeben hat, macht Schule.

David hatte vermittelt, dass sich der König und damit auch seine Söhne nehmen können, was immer sie wollen. Amnon, der nächste in der Thronfolge, schändet seine Halbschwester Tamar und schickt sie anschließend wie eine Hure davon. Abschalom, deren Bruder, rächt sich für ihre Vergewaltigung, indem er Amnon umbringen lässt. Er muss vor dem Zorn seines Vaters fliehen, wird aber nach drei Jahren wieder begnadigt und darf an den Hof zurückkehren. Abschalom versteht sich aufs Intrigieren und zettelt einen Aufstand gegen seinen Vater an. Er zieht in Jerusalem ein und nimmt demonstrativ in einem Staatsakt den Harem seines Vaters in Besitz (2 Sam 16,22) – genauso, wie sein Vater David sich die Frau eines anderen angeeignet hatte. Nur mit äußerster Mühe und unter Aufbietung aller Kräfte gelingt es den Kriegern Davids, die Revolte niederzuschlagen und den Bruderkrieg unter den Stämmen Israels zu beenden. Abschalom findet hierbei den Tod. Die Geschichte ist aber immer noch nicht zu Ende. Adonija, ebenfalls ein Sohn Davids und Bruder Abschaloms sowie nächster Kronprätendent, versucht sich vorzeitig vor dem Ableben Davids die Herrschaft zu sichern und lässt sich zum König über ganz Israel ausrufen. Nur durch rasches und beherztes Eingreifen des Propheten Nathan kann dieser Putsch beendet und Salomo als Nachfolger von König David ein­gesetzt werden. In der Folgezeit lässt er seinen Halbbruder Adonija umbringen. Vier Söhne Davids müssen sterben. Dies hat wesentlich mit dem Fehlverhalten von König David zu tun, das sich nicht in erster Linie auf sexuellem Gebiet zeigt, sondern in dessen Haltung, sich über Gottes Weisung hinwegzusetzen.

Gerhard Lohfink fasst dies in seinem Buch „Maria – nicht ohne Israel“ so zusammen: „Der ganze Erzählzusammenhang zeigt: Die Sünde Davids setzt sich fort. Viele müssen unter ihren Folgen leiden. Es ist, als hätten die Söhne Davids die Neigung geerbt, mit brutaler Gewalt, Hochmut und Egoismus nach der Macht zu greifen.

Wenn wir das alles unter den Begriff der Strafe fassen, wenn wir also sagen, Gott habe David zwar verziehen, ihn aber trotzdem bestraft – nach dem Motto: ‚Ich verzeihe dir, aber Strafe muss sein!‘ –, werden wir dem Erzähl­komplex der Thronfolge Davids theologisch nicht gerecht. Nicht Gott ist nachtragend und „zeigt es David noch nachträglich“, sondern der Mensch selbst schafft sich – mit jeder Sünde – sein Unheil. Und dieses Unheil ist mit der Vergebung durch Gott nicht einfach beseitigt. Die Folgen sind oft noch generationenlang in der Familie, in der Gesellschaft, in der Politik zu spüren. In unserer Erzählung ist es sogar so, dass Gott selbst das Verhängnis abkürzt und mit der Geburt Salomos der Familie Davids eine neue Chance einräumt.“

Diese Ausführungen zeigen, dass die Vergebung der Sünden das eine und die Aufarbeitung deren Folgen das andere ist.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2025
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Der „Red Wednesday“ ist nicht nur ein Gedenktag, sondern auch Sendungstag

Wir dürfen uns nicht mit Christenverfolgung abfinden!

Immer mehr Pfarreien in Deutschland schließen sich der Aktion „Red Wednesday“ an. Diesen „roten Mittwoch“ hat „Kirche in Not“ 2015 ins Leben gerufen; er wird weltweit begangen. Gotteshäuser, Schulen und öffentliche Gebäude werden rot angestrahlt, es finden Gebete und Gottesdienste statt. Kerntermin ist der 19. November. Der Anlass für den „Red Wednesday“ ist leider weniger gut: Weltweit werden Christen verfolgt. Märtyrer sind nicht nur ein Thema in Geschichtsbüchern. Märtyrer gibt es auch heute. Ein Beitrag von Florian Ripka, Geschäftsführer von „Kirche in Not“ Deutschland.

Von Florian Ripka

Haiti, 31. März 2025: In der Stadt Mirebalais werden zwei Ordensfrauen von bewaffneten Banden brutal ermordet. Sr. Evanette Onezaire und Sr. Jeanne Voltaire hatten während eines Überfalls Schutz in einem Haus gesucht, wurden dort aber entdeckt und zusammen mit weiteren Personen getötet.

Demokratische Republik Kongo, 27. Juli 2025: Kämpfer der islamistischen Miliz „Allied Democratic Forces“ (ADF) dringen in die Pfarrkirche von Komanda in der Provinz Ituri ein. Die Gläubigen hatten sich zu einem Nachtgottesdienst versammelt, als die Rebellen das Feuer eröffneten. Mehr als 40 Menschen, darunter zahlreiche Frauen und Kinder, wurden getötet, andere verschleppt.

Zwei Beispiele aus jüngster Zeit. Nur zwei Beispiele von so vielen. Sie stammen aus einem neuen Buch von „Kirche in Not“: Der „Kalender der Märtyrer“ stellt 52 Lebenszeugnisse von verfolgten Christen vor und lädt zum Gebet ein.

Christenverfolgung findet Tag für Tag statt, und sie nimmt in vielen Weltregionen zu. Ja, es geht nicht immer in erster Linie um Religion, wenn Christen angegriffen werden. Ja, der Terror, die Gewalt, die Ausgrenzung treffen nicht nur Christen, sondern auch andere Gruppen. Aber es stimmt genauso: Es geht bei Terror, Extremismus und Gewalt auch um Religion, immer häufiger sogar. Die Gewalt richtet sich oft gezielt gegen Christen, immer öfter. Denn Christen sind in vielen Ländern in der Minderheit. Sie haben oft keine politischen Fürsprecher. Sie gelten wegen ihrer weltkirchlichen Ausrichtung als besonders „verdächtig“. Oder sie werden von Extremisten am meisten gehasst.

„Wem es gelingt, uns zu töten, weiß, dass er als Held gefeiert wird.“ Diese Worte stammen von Mariam Lal aus Pakistan. Sie war Krankenschwester. Sie wurde zur Stationsleitung in ihrem Krankenhaus befördert – als Christin. Gegner dieser Entscheidung beschuldigten sie der Blasphemie. Ein Mob stürmte das Krankenhaus. Mariam entkam nur knapp dem Tod. Seitdem lebt sie versteckt. Verbannt aus dem Leben, das sie sich aufgebaut hatte. Und trotzdem sagt sie: „Mein Glaube bleibt. Ich bleibe Christin.“

Die Gründe für Verfolgung sind vielfältig:

• weil eine andere Religion als staatstragend gesehen wird, wie in einigen arabischen Staaten und zunehmend auch in Indien;

• weil Religion generell nicht zur Staatsideologie passt, wie in China oder Nordkorea;

• weil autokratische Herrscher ihre Macht ausbauen und die Mehrheitsreligion in ihren Dienst stellen wollen;

• weil aufgestachelte Islamisten alle verfolgen, die nicht in ihr religiöses Weltbild passen, sogar die Angehörigen der eigenen Religion. Das erleben und erleiden Millionen Menschen in Afrika, im arabischen Raum, im Nahen Osten, bis hin zum Süden der Philippinen.

Religionsfreiheit ist ein hohes Gut – und ein zerbrechliches. Das ist der Befund des neuen Berichts von „Kirche in Not“, der Ende Oktober erschienen ist: „Religionsfreiheit weltweit 2025“.

Dort, wo Christen verfolgt werden, ist auch die Freiheit aller anderen in Gefahr. Wenn wir rund um den „Red Wednesday“ Kirchen in Rot erstrahlen sehen, dann leuchten sie nicht wegen der Dekoration. Sie leuchten blutrot für die Märtyrer von heute. Der „Red Wednesday“ ist kein Gedenktag wie andere. Er ist ein Weckruf zur Hilfe. „Kirche in Not“ tut genau das, in mehr als 5000 Projekten in über 130 Ländern, Jahr für Jahr. Zwei Beispiele, die mir aktuell besonders am Herzen liegen:

Erstes: In Verfolgungsländern wie Nigeria, Pakistan und Indien fördern wir Priesterberufungen. Denn auch das ist eine beeindruckende Realität: Gerade in Ländern, wo Christen einen schweren Stand haben, platzen Priesterseminare und Klöster aus allen Nähten. Obwohl die Verantwortlichen den Bewerbern sagen: Ihr müsst für das Martyrium bereit sein. Dank der Großherzigkeit unserer Wohltäter kann „Kirche in Not“ im Schnitt jeden elften Priesterseminaristen weltweit unterstützen!

Zweites Beispiel: In Syrien nehmen in jüngster Zeit Attacken auf Christen wieder zu. Trauriger Höhepunkt war der Anschlag auf die Mar-Elias-Kirche in Damaskus im Juni mit mindestens 22 Toten und 63 Verletzten. – „Kirche in Not“ übernimmt in Syrien und in anderen Ländern die Ausbildung von Seelsorgern, die speziell für die Betreuung von traumatisierten Menschen geschult sind. Und wir helfen auch, damit die Kirche ganz praktisch helfen kann: mit Lebensmitteln, Medikamenten, Bildung für die Ärmsten der Armen.

Christenverfolgung ist eine traurige Tatsache, aber keine, mit der wir uns abfinden dürfen. Wir können etwas tun:

• Beten. Für Schutz, Trost, Gerechtigkeit – und für die Bekehrung der Täter.

• Informieren. Teilen wir das, was wir heute hören.

• Spenden. Für Organisationen wie „Kirche in Not“, die vor Ort helfen: mit Lebensmitteln, mit Seelsorge, mit Kirchenneubauten und Radiosendern, die das Evangelium dorthin bringen, wo es verboten ist.

• Eintreten. Machen wir in unseren Gemeinden, Schulklassen, sozialen Netzwerken auf das Thema aufmerksam.

Der „Red Wednesday“ ist nicht nur ein Gedenk- oder Trauertag. Er ist ein Sendungstag. Er erinnert uns daran, was Kirche wirklich bedeutet: eine weltweite Familie. Ein Leib in Christus. Die verfolgten Christen werden im Glauben geprüft. Wir aber werden geprüft in der Liebe. 

Informationen und Materialien zur Gestaltung des „Red Wednesday“ und zum Gebet für verfolgte Christen finden Sie unter: www.red-wednesday.de

Der neue „Kalender der Märtyrer und Zeugen der Liebe“ kann für 1,50 Euro (zzgl. Versandkosten) bestellt werden bei: Kirche in Not, Lorenzonistraße 62, 81545 München, Tel. 089-6424888-0, sowie unter: www.kirche-in-not.de/shop

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2025
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„Judenchristen“ im Konnersreuther NS-Widerstandskreis

Glaube verpflichtet!

Die Germanistin und Romanistin Dr. Margarete Sedlmeyer (geb. 1940) hat sich bereits in ihrem Beitrag in „Kirche heute“ vom April 2024 mit dem Lebenswerk des katholischen Publizisten Friedrich Ritter von Lama (1876-1944) beschäftigt, der wegen seines Widerstands gegen den Nationalsozialismus – inspiriert durch seine enge Verbindung zu Therese Neumann von Konnersreuth (1898-1962) – am 9. Februar 1944 im Gefängnis München-Stadelheim ermordet wurde. „Wenn wir mittels Vernunft und Glauben erkennen, dass das Außergewöhnliche durch Gott geschieht, müssen wir unser Verhalten danach richten. Glaube verpflichtet“, schrieb Ritter von Lama. Therese von Konnersreuth motivierte ihren Unterstützerzirkel zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aus dem Glauben: „Helfen wird‘s ja nichts, aber ihr müsst es tun“, gab sie ihren Freunden mit auf den Weg. Dass Konnersreuth Menschen ganz unterschiedlicher religiöser Herkunft zum katholischen Glauben führte und der Konnersreuther Kreis von Anfang an NS-Gegner und NS-Opfer umfasste, zeigt sich auch durch einen Blick auf „Judenchristen“ im Konnersreuther Netzwerk.

Von Margarete Sedlmeyer

„Katholischer Frühling“ und Nationalsozialismus

Im Umkreis von Therese Neumann erlebte und dokumentierte der weithin bekannte katholische Publizist Ritter von Lama die unterschiedlichsten Konversionen. Die heute kaum vermutete politische Brisanz seiner in mehreren Sprachen verfassten Konnersreuther Jahrbücher ist aus der Begründung der Gestapo für die mehrfache Verhaftung Lamas 1938, 1940 und schließlich 1944 ersichtlich. Als „Reaktionär, Legitimist, fanatischer Katholik und Offenbarungsmystiker“ war er „legal auszuschalten“, was schließlich im Münchner Gefängnis Stadelheim am 9. Februar 1944 mit der Diagnose „Herzversagen“ „erledigt“ wurde.

Vor solchem Hintergrund können wir heute die Konsequenzen von Konversionen zum katholischen Glauben – insbesondere mit einem Bezug zu Konnersreuth, über das sich Hitler persönlich informiert haben soll – zu dieser Zeit in etwa erahnen, vor allem, wenn es dabei noch um eine jüdische Herkunft ging.

Edith Stein sollte Firmpatin der Jüdin Erna Herrmann[1] werden. Den Kontakt hatte Erna Herrmanns Vetter mütterlicherseits hergestellt, der jüdische Konvertit Kaplan Bruno Rothschild. Da Edith Stein verhindert war, vertrat Uta Freiin von Bodman sie bei der Firmung in Speyer, in Anwesenheit von Therese Neumann aus Konnersreuth.

Bruno Rothschild

Zu dessen Leben berichtet Friedrich von Lama im Konnersreuther Jahrbuch 1928: geboren 1900 in Lohr, Austritt aus der dortigen Israelitischen Gemeinde nach einer gerichtlichen Verurteilung wegen Gotteslästerung (er hatte öffentlich auf einer politischen Veranstaltung von Antisemiten behauptet, Jesus sei das uneheliche Kind einer Jüdin und eines römischen Hauptmanns, was eine heftige öffentliche Reaktion hervorrief, woraufhin sich die ortsansässige jüdische Gemeinde von ihm distanzierte, der katholische Pfarrer jedoch Gespräche mit ihm führte), interessiert sich als Pharmazeut für die Stigmata Therese Neumanns, freundet sich mit deren Verteidiger Fritz Gerlich an (später Chefredakteur der Zeitschrift „Der gerade Weg“, 1934 ermordet im KZ Dachau), lernt in Speyer Edith Stein kennen, konvertiert in Gesprächen mit Therese Neumann und wird in Konnersreuth am 10. August 1928 getauft.

Auf der Suche begegnet er durch eigene Erfahrung überzeugten Christen, für die eine Mystikerin wie die „Resl“ glaubhaft war. Entsprechend ist sein Weg gekennzeichnet durch den engen Kontakt zum Konnersreuther Kreis. Für diesen Personenkreis bekundeten die Nationalsozialisten bereits vor der Machtergreifung Interesse, weil sich hier ihr fanatischer Antisemitismus und ihr Kirchenhass propagandistisch verbinden ließen.

So berichtet über Bruno Rothschilds Priesterweihe am 29. Juni 1932 in Eichstätt sogar das NS-Hetzblatt „Der Stürmer“ – in entsprechender Weise. „Judenchristen als Priester“ war ein Thema für den medialen Kriegsschauplatz. Artikel über jüdische Konversionen waren in den NS-Medien „gefragt“.

Erna Herrmann

Seine zwei Jahre jüngere Cousine mütterlicherseits, Erna Herrmann (Schülerin und Katechumene von Edith Stein, geb. 30. September 1902 in Scheßlitz/Bayern, später verheiratete Haven, gest. 18. April 1977 in Brüssel, bestattet in Konnersreuth) hatte einen Zeitungsbericht von Brunos Konversion erst angezweifelt. Doch dann bestätigt ihr dies Bruno Rothschild brieflich und berichtet auch von den Schwierigkeiten mit seinem strenggläubigen Elternhaus. Er meint, ihr würde es wohl ähnlich ergehen, wenn auch sie sich zu diesem Schritt entschließe. Eine Ahnung, die durch Lamas Gestapo-Akten bestätigt werden.

Rothschild informiert sie auch über die Konversion eines gemeinsamen entfernten Verwandten, Hugo Herrmann, geb. 1891 in Wien, getauft 1929. Anfang 1930 habe das Wiener „Neuigkeits-Welt-Blatt“ davon berichtet, sogar dass er durch Terese Neumanns („Resls“) Gebete „... von schwerem Leiden geheilt worden“ sei. Heilungen in Konnersreuth plus konvertierte Juden – das steigerte noch das mediale Interesse.

Zwar hatte Erna Herrmann in Bamberg als Schülerin einer katholischen Einrichtung einige Kenntnis über das Christentum erlangt. Aber erst durch das Bildchen der eben seliggesprochenen Thérèse von Lisieux, das ihr Bruno dann sandte, interessiert sie sich ab 1929 näher für den katholischen Glauben und für Konnersreuth. War doch Therese Neumann auf Fürsprache jener neuen Heiligen geheilt worden.

Der Bamberger Dompfarrer, Prälat Geiger, empfiehlt Erna Herrmann bei ihrer Suche nach dem rechten Glauben, den Dialog des hl. Justinus mit dem Juden Tryphon zu lesen. Wie Gestapo-Unterlagen zeigen, ist Prälat Geiger auch in Kontakt mit Friedrich von Lama. Denn nach Hausdurchsuchungen bei Lama in Gauting bei München ordnet die Geheime Staatspolizei fernmündlich diese sofort auch bei Geiger in Bamberg an – mit entsprechender Ausbeute. Sein Protest, er sei Beichtvater und erwarte Rückgabe der beschlagnahmten Post, verhallt ungehört.

Da Erna Herrmann als Jüdin inzwischen die weitere Ausbildung zur Handarbeitslehrerin untersagt wird, bringt Bruno Rothschild sie in Kontakt mit Edith Stein: Erna kann in Speyer ihr Examen doch noch ablegen.

Über Erna Herrmanns Taufe in Speyer am 13. September 1931 durch Bischof Ludwig Sebastian und die Anwesenheit der „Resl“ berichtet die Zeitschrift „Der christliche Pilger“, für den auch Lama regelmäßig schreibt, nur mehr verschlüsselt. Paten sind Prälat Molz und Bruno Rothschild. Gegen den Willen ihrer Mutter und mit finanzieller Hilfe ihres Vetters bleibt Erna Herrmann in Speyer.

Als sie im folgenden Jahr gefirmt wird, sucht Edith Stein gerade für ihre Schwester Rosa, die nun auch konvertieren will, eine Bleibe; daher wird sie als Patin durch ihre Kollegin, Uta Freiin von Bodman, vertreten. Am 23. August 1932 schreibt Bruno Rothschild an Erna Herrmann, sie solle nicht nach Bamberg zurückfahren, ihre Mutter sei „nicht so verständig“. Mutter und Schwester hatten inzwischen sogar das Rabbinat in Speyer mobilisiert. Später, im Zweiten Weltkrieg, wird Erna Herrmann Mutter und Geschwister nach Brüssel holen können. Denn auf „Resls“ Rat hatte sie 1938 den Belgier Fermin Haven, einen Witwer mit drei Kindern, geheiratet. Durch die Folgen ihrer Konversion, die Zurückweisung aus dem Elternhaus, und die so nötige Hilfe enger Vertrauter, belegt Erna Herrmanns Schicksal für uns heute einen Zusammenhalt, wie er eigentlich vor allem aus Christengemeinden der Urkirche bekannt ist. Friedrich von Lama beherbergte Erna Herrmann sogar zeitweilig – trotz des damit für ihn verbundenen erhöhten Risikos in seinem kleinen Haus in der Ledererstraße in Gauting.

Aus Würzburg berichtet Erna Herrmann später ihrer Patin am 10. Januar 1933 „viel Trauriges“: „Meinen Vetter, Kaplan Rothschild, und seinen Vater in einer Woche verloren. Für meinen Vetter war das erstmalige Heimgehen sehr erschütternd, Vater nur tot und unversöhnt zu treffen. Auf der Rückreise nach Konnersreuth wurde er am Nürnberger Hauptbahnhof [selbst] vom Tod überrascht. Ich habe nun mit den Meinen viel erleben müssen, bin ganz erledigt von allem.“[2]

Lama berichtet darüber im Jahrbuch 1934 mit Bild von Brunos Grab in Konnersreuth. Er beschreibt das priesterliche Wirken Bruno Rothschilds und seine Kaplanstellen. In den Gestapo-Unterlagen gibt es Hinweise auf Zeitungspropaganda zu dessen plötzlichem Herztod, durch die unter anderem die Frage in den Raum gestellt wurde, ob er von seinen jüdischen Angehörigen vergiftet worden war. Der Hintergrund hierfür: Er war beim Begräbnis seines kurz davor gestorbenen Vaters erstmals wieder daheim gewesen, hatte dort in seinem Heimatort das einzige Mal eine hl. Messe zelebriert und war auf dem Weg ins weihnachtliche Konnersreuth. Auch finden sich in den Presseberichten Hinweise auf die Diskussion, wer bestimmt, wo und wie Bruno Rothschild begraben wird. Das Thema „Judengemeinde und plötzlicher Tod eines Judenpriesters“ eignete sich für „Enthüllungen“ mehrere Wochen lang.

Ende September 1933 erreicht Erna Herrmann noch eine Antwort von Edith Stein aus Breslau,[3] bevor sie dann Anfang November in Eeklo/Ostflandern eine Arbeitsstelle antritt. Mit Therese Neumann blieb sie zeitlebens in Kontakt.

Die Zahl der Konvertiten von Juden, Protestanten, Freimaurern oder Agnostikern aus dem Umfeld von Konnersreuth war den Nationalsozialisten, wie sie es ausdrückten, „ein Greuel“. Denn: Spiritualität und Mystik erwiesen sich als Basis eines solidarischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2025
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[1] In der Literatur ist auch „Hermann“ zu finden; Edith Stein verwendet in ihrer Korrespondenz immer den Familiennamen Herrmann.

[2] Edith-Stein-Gesamtausgabe (ESGA), Band 28, Brief 238a; vgl. auch ESGA, Bd. 2, Br. 238. Die Edith-Stein-Gesamtausgabe umfasst inzwischen 28 Bände. Im letzten Band wurden bislang unveröffentlichte Dokumente zusammengestellt, unter anderem eine umfangreiche, seit dem Jahr 2000 neu aufgefundene Korrespondenz von und an Edith Stein. Die Bände 1-27 sind im Internet abrufbar.

[3] ESGA, Bd. 2, Br. 283.

Peter Dyckhoffs „Goldenes Buch vom Ruhegebet“ lehrt mystisches Hören im täglichen Umgang mit Gott

Kein Herz ist so weit, kein Verstand so groß...

In zahlreichen Schriften hat der katholische Priester Dr. Peter Dyckhoff (geb. 1937) das Erbe des hl. Johannes Cassian (ca. 360-435) für die heutige Zeit erschlossen. Auf diesen Mönch geht das sog. Ruhegebet zurück, dem Dyckhoff auch seine Doktorarbeit gewidmet hat. Nun legte er ein Handbuch vor, in dem er vier Schritte zur Einübung des Ruhegebets aufzeigt. Auch wenn dieser geistliche Weg auf der Loslösung von Vorstellungen, Begriffen und eigenen Wünschen beruht, so ist er doch von den verschiedenen Formen fernöstlicher, indischer Meditation klar zu unterscheiden. Dr. Dyckhoff hebt den christlichen Quellgrund des Ruhegebets und die Verwandtschaft zum „Inneren Gebet“ des Teresianischen Karmels hervor. Mit der Bezeichnung „Goldenes Buch“ möchte er zum Ausdruck bringen, dass sich in dieser Schrift seine ganze Erfahrung kristallisiert, ähnlich dem „Goldenen Buch“ des hl. Grignion de Montfort.

Von Klaus-Hermann Rössler

Karl Rahner: „Mit einem unbegreiflichen, schweigenden Gott leben“

Das wahrscheinlich meistzitierte Wort von Karl Rahner SJ stammt aus seiner Abhandlung „Frömmigkeit früher und heute“ von 1965 und lautet: „Der Fromme von morgen wird ein ,Mystiker‘ sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein...“

Seine Abhandlung widmet sich dem Mut, mit einem „unbegreiflichen, schweigenden Gott zu leben“, „ihn anzureden, in seine Finsternis glaubend, vertrauend und gelassen hineinzureden, obwohl scheinbar keine Antwort kommt als das hohle Echo der eigenen Stimme...“ Rahner redet von der „Unbegreiflichkeit Gottes“ angesichts der „unmittelbar erfahrbare[n] Wirklichkeit der Welt, ihrer aktiv zu meisternden Aufgabe und Not und ihrer immer noch sich weitenden Schönheit und Herrlichkeit.“ Der Rahner‘sche Mystiker entbehrt der „öffentlichen Meinung“ und „Sitte“, er steht allein mit seinem „Mut eines unmittelbaren Verhältnisses zum unsagbaren Gott“ und Mut, „dessen schweigende Selbstmitteilung als das wahre Geheimnis des eigenen Daseins anzunehmen...“ Hierzu bedarf er „einer Mystagogie in die religiöse Erfahrung, von der ja viele meinen, sie könnten sie nicht in sich entdecken, einer Mystagogie, die so vermittelt werden muss, dass einer sein eigener Mystagoge werden kann.“[1]

Ignatius von Loyola: „Die Gegenwart Gottes in allen Dingen suchen“

Wie sich noch zeigen wird, kann diese Vision durchaus als Beschreibung der Aufgabenstellung gelesen werden, wie für Christen das direkte Gottesverhältnis anzustreben ist. Diese Auffassung von Mystik, wie sie Karl Rahner hier vertritt, steht allerdings in auffälligem genauen Gegensatz zu derjenigen seines Ordensvaters. In einem Brief an P. Antonio Bandao über die zu empfehlende Gebetsweise äußert sich Ignatius v. Loyola wie folgt: Die Ordensstudenten „können sich ... darin üben, die Gegenwart unseres Herrn in den Dingen zu suchen wie im Umgang mit jemand, im Gehen, Sehen, Schmecken, Hören, Verstehen und in allem, was wir tun; denn es ist wahr, dass seine göttliche Majestät durch Gegenwart, Macht und Wesen in allen Dingen ist. Und diese Weise zu meditieren, indem man Gott unseren Herrn in allen Dingen findet, ist leichter, als wenn wir uns zu den abstrakten göttlichen Dingen erheben und uns ihnen mühsam gegenwärtig machen. Und diese gute Übung wird dadurch, dass sie uns bereitet, große Heimsuchungen des Herrn bewirken, auch wenn es in einem kurzen Gebet ist.“ Und im „Bericht des Pilgers“ heißt es über Ignatius, er habe von sich gesagt, „er wachse in der Andacht, das heißt, in der Leichtigkeit, Gott zu finden. Und jedesmal und zu jeder Stunde, dass er Gott finden wolle, finde er ihn.“[2]

Während Karl Rahner mystische Gotteserfahrung als eine Art heroischen Austritt des Frommen aus der ihm begreifbaren Welt in die Dunkelheit und das Schweigen Gottes versteht, beschreibt Ignatius den Eintritt Gottes in den Alltag des Christen und die im Gebet fassliche Gegenwart Gottes in der Welt. Hier eine Mystik der Leere, bei der Gott als existentielle Negation natürlicher Erfahrung (aber in Abhängigkeit von dieser) gesucht wird, dort eine Mystik der Erfüllung, bei der Gott als transzendente Affirmation natürlicher Erfahrung (aber nicht in Abhängigkeit von dieser) gefunden wird. Der Grund dieses Gegensatzes der gesuchten Zugänge zu mystischer Erfahrung könnte darin liegen, dass Ignatius die Natur von der Übernatur, von der Gnade Gottes her sieht, ohne deren klare Unterscheidung aufzugeben, während Mystik bei Karl Rahner – offenbar dem Grundansatz seiner Theologie folgend – eher die Aufgabe hat, die Unterscheidung zwischen Natur und Gnade gerade aufzuheben.[3]

Das Wesen des Ruhegebets

„Das goldene Buch vom Ruhegebet“ und sein Autor Peter Dyckhoff neigen eindeutig der Auffassung des Ignatius und der Mystik der Erfüllung zu: „Wie wunderbar ist diejenige Theologie, die nicht mit menschlicher Anstrengung erworben wird“,[4] ruft er uns an einer Stelle seines meditativen geistlichen Wegweisers zu. Und an einer anderen: „Kein Herz kann so groß sein – und mögen sich alle Herzen vereinen – dass auch nur ein Bruchteil der Liebe Gottes durch den Verstand erfasst werden könnte.“[5]

Über sich selbst sagt er: „Das Ruhegebet hat mich gelehrt, vor Gott nichts leisten zu müssen. Da zu sein in der Anrufung Gottes, wach zu sein, aber inaktiv, empfangsbereit, hörend. Und aus dieser Ruhe entsteht eine tiefere Ahnung von der Wirklichkeit Gottes.“[6] Er bezieht sich dabei vor allem auf den Mönchsvater Johannes Cassian (360-435), der der Erste gewesen sei, „der das ... Ruhegebet aufzeichnete und dadurch bis heute im Original zugänglich macht.“[7] Diesen Weg erläutert er eingehend in seinem Buch. „Es gibt in der Entwicklung des spirituellen Menschen einen Zeitpunkt, an dem er das nachdenkende Meditieren mittels der Vorstellungen, Formen und Bilder aufgibt und zum Ruhegebet übergeht. Hier gibt es kein Hin- und Hergehen der Gedanken und Bilder mehr, keine Tätigkeit und keine Übung. Das Erinnerungs-, Erkenntnis- und Empfindungsvermögen sind mehr oder weniger ausgeschaltet und der so betende Mensch ruht im inneren Frieden, in Stille und Ruhe. – Durch ein liebendes Aufmerken auf Gott und in liebender Achtsamkeit und ruhevoller Wachheit richtet er sich einzig auf den Schöpfer aus, öffnet sich ihm in diesem Schweigen und ohne den leisesten Willensakt gibt er sich Gott hin. – Bei einigen ist dieser Zustand nur von kurzer Dauer, bei anderen hält er länger an, bis sich das aktive Leben erneut meldet.“[8]

Dabei geht es nicht einfach um eine psychologische Methode, bestimmte Erfahrungen zu machen, sondern um die Einübung in eine generelle Haltung vor Gott, die dann auch ihre Früchte im Alltag im Verhältnis zu sich selbst und zu anderen Menschen trägt. Das Ruhegebet macht ernst mit der Glaubenserkenntnis, dass Christen das Heil, die Lebenserfüllung ausschließlich von Gott erwarten. Das Leerwerden der völligen Ruhe als Gebetsmethode sind nur Ausdruck des grenzenlosen Gottvertrauens, das uns Jesus Christus gewiesen hat. „Es gibt zwei Arten, die Wirksamkeit des Heiligen Geistes, die Gnadenzuwendung Gottes, zu erfassen und zu beschleunigen. Halten wir die von Gott gegebenen und uns eingepflanzten Gebote, wird uns bewusst, dass sich unsere Innerlichkeit und damit auch unsere Seele erhellt und unser Leben leichter und heiterer wird. Die zweite Art besteht in der wiederholten Anrufung des Namens des Herrn, im Ruhegebet. Während der erste Weg mehr über das Tun oder das Lassen abläuft, ist der zweite Weg ein rein innerlicher, der ohne gedankliche Aktivität und ganz bild- und gestaltlos sich vollzieht. Die Seele wird zu unsagbarer Liebe zu Gott und den Menschen entflammt. Beide Wege ergänzen einander, doch sollte immer der zweite Weg dem ersten voran gehen.“[9] Dabei ist die innerlich stets wiederholte Anrufung des Namens Jesu Christi der Vollzug einer biblischen, bereits urkirchlichen Heiligung („Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet“; 1 Kor 12,3b) und Verheißung (in seiner Pfingstpredigt erinnert Petrus daran, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist – Joel 3,5b: Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden; Apg 2,21).[10]

Es geht um die grundsätzliche Lebenshaltung in der Nachfolge Christi, die sich gleichermaßen innerlich im Gebet und äußerlich im Verhalten zeigen soll.

Wegweiser in vier Schritten

Deshalb nimmt es auch nicht wunder, dass vom selben Autor auch eine Biografie des hl. Christopherus erschienen ist, in der er – gedanklich vom umgekehrten Ansatz her wie im Goldenen Buch – deutlich machen will, „dass religiöses Leben nicht nur aus Gebet besteht, sondern auch aus aktivem Tun – auch für andere.“[11]

Der Autor hat das Buch so konzipiert, dass bereits jeder der kleinen Abschnitte, in die es aufgeteilt ist, für sich meditiert werden kann: „Das Goldene Buch zum Ruhegebet besteht aus kurzen Abschnitten, die man einzeln für sich betrachten kann. Denjenigen jedoch, die mit dem Ruhegebet beginnen möchten, sei empfohlen, alle vier Teile nacheinander in sich aufzunehmen.“[12] Die vier Teile, die jeweils aus zahlreichen, brillant und bildreich formulierten, bisweilen als geistliche Aphorismen zu bezeichnenden Kurzbetrachtungen bestehen, sind insgesamt ein geistlicher Weg, den man eingeladen ist zu beschreiten:

I. Hinführung zum Ruhegebet

II. Das Ruhegebet offenbart sich

III. Persönliche Anleitung zum Ruhegebet

IV. Auswirkungen des Ruhegebets

Aus christlichem Quellgrund

Das Buch ist sowohl kurzweilig wie zum geistlichen Wachstum anregend. Wer allerdings eine Einführung in die Geheimnisse fernöstlicher Meditation oder eine Art spirituell synthetischen West-Östlichen Diwans erwartet, wird enttäuscht werden. „Das Ruhegebet entspringt christlichen Quellen und stellt die Urform des später auf dem Berg Athos und in Russland gepflegten Jesus- oder Herzensgebetes dar.“[13] Es geht beim Ruhegebet um ein trinitarisches Gottesbild und um Christus als Zentrum. „Das tiefste Anliegen Cassians ist es, dass der Betende in allem und durch alles in seinem Leben eine Begegnung mit dem Schöpfer erfährt, dem Urgrund allen Seins, mit Gott, der die Liebe ist. Durch das Ruhegebet verlassen wir uns nicht auf ein grenzenloses Nichts, sondern es ist ein Verlassen auf Jesus Christus.“[14] „Wenn schon ... ein auf Leinwand oder Holz gemaltes Bild unseres Herrn Jesus Christus so bereichernd für unseren Glauben sein kann, wie viel mehr wird dann erst einmal ein Bild bewirken, das in meinem Inneren durch die Belichtung Christi selbst entsteht? Indem ich mir im Ruhegebet kein Bild von Gott und seinem eingeborenen Sohn mache, sondern alle Bilder und alle Gedanken an ihn abgebe, schaffen wir die Wahrscheinlichkeit, ein reines Bild von ihm zu empfangen, ebenso göttliche Gedanken, den göttlichen Willen und viel Segen. Wenn wir nur loslassen und unsere Gedanken und Vorstellungen nicht mit unserem eigenen Ich dauerhaft besetzen, geben wir dem göttlichen Liebeswerben in uns genügend Raum und Zeit, ja, Göttliches kann sich in uns belichten.“[15]

Vorbereitung auf den wahren Empfang der Sakramente

Die Einordnung des Ruhegebetes in die sakramentale Struktur der Kirche, den mystischen Leib Christi, sieht der Autor darin, dass „dieses Gebet uns auf den wahren Empfang der Sakramente vorbereitet.“[16]

Das „Goldene Buch des Ruhegebetes“ setzt erkennbar auf dem Fundament christlicher Spiritualität von vielen Jahrhunderten auf. Im 73. Kapitel seiner Mönchsregel bezieht sich Benedikt von Nursia indirekt mit dem Verweis auf die „collationes patrum“ auf die Tradition des Herzens- oder Ruhegebetes.[17] Und fasst nicht der Leitspruch der Zisterzienser „Porta patet – cor magis“ („Die Tür steht offen – mehr noch das Herz“) das Anliegen des Ruhegebetes nach völliger Offenheit Gott gegenüber geradezu klassisch zusammen? Eine Offenheit, aus der dann auch die Nächstenliebe wachsen kann, für die das Motto genauso steht? Und wer dächte nicht beim Ruhegebet an das „Innere Gebet“ des Teresianischen Karmels? 1554 – nach fast 20 Jahren im Karmel entschloss sich die große Teresa von Avila, von nun an im „Inneren Gebet“ zu leben. Sie sagte: „Inneres Beten ist Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt.“ Und: „Er, der große Gott, war doch auch Mensch, der sich nicht über die Schwächen der Menschen entsetzt, sondern unsere armselige Lage versteht. Ich kann mit ihm reden wie mit einem Freund, obwohl er doch der Herr ist.“[18]

In die Nähe gerufen – Aufstieg zum Dreifaltigen Gott

Mit dem „Goldenen Buch vom Ruhegebet“[19] will auch Peter Dyckhoff uns den dreieinigen Gott zum vertrauten Freund machen. Dabei wurde dem mystagogischen Autor, seit vielen Jahren bekannt für seine Anleitungen zum Ruhegebet, das Thema keineswegs vorgezeichnet. Seine Biografie hat zahlreiche Brüche beruflicher und gesundheitlicher Art. Ursprünglich zwar mit Interesse für die Theologie begabt, wurde er nach dem plötzlichen Tod seines Vaters für etliche Jahre Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens mit rund 250 Angestellten, von der Verantwortung und dem geschäftlichen Druck krank und suchtabhängig. Die Hinwendung zur mystischen Gottesbegegnung hat er nicht geplant, sondern erlitten; erst spät wurde er Priester in ganz unterschiedlichen Funktionen.

Mit dem „Goldenen Buch vom Herzensgebet“ erschließt er uns unter Einsatz seiner ganzen persönlichen Erfahrung einen Schatz christlicher Spiritualität. Er krönt gewiss damit auch sein Lebenswerk. Lesenswert für alle Christen.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 11/November 2025
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www.kirche-heute.de

 


[1] Zit. nach www.erzbistum-muenchen.de/ueber-uns/dem-glauben-zukunft-geben/cont/78588 – aufgerufen am 1.10.2025.

[2] Ignatius von Loyola: Bericht des Pilgers, übersetzt und kommentiert von Peter Knauer SJ, Echter-Verlag, Würzburg 2002, 162.

[3] Verl. Thomas Ruster: „Die Einheit der Unterscheidung und das unterscheidend Christliche. Überlegungen zu dem Mystiker, der der Christ der Zukunft sein soll“, Vortrag bei der Veranstaltung „Theologie zwischen Tradition und je neuer Aufgabe. Karl Rahner – Ordensmann und akademischer Lehrer“, Kath.-Theol. Fakultät Innsbruck, 2. April 2004. Siehe publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/144618/Ruster_070.pdf – aufgerufen am 1.10.2025.

[4] Peter Dyckhoff: Das Goldene Buch vom Ruhegebet, fe-medienverlags GmbH, Kißlegg 2025, 146.

[5] Ebd. S. 322.

[6] www.peterdyckhoff.de – aufgerufen am 1.10. 2025.

[7] Dyckhoff: Ruhegebet, 15.

[8] Ebd. 311.

[9] Ebd. 203.

[10] Vergl. die Ausführungen ebd. 201-212.

[11] Verlagstext Christlicher Medienversand C. Hurnaus, 12; Dyckhoff: Ruhegebet, 17.

[12] Dyckhoff: Ruhegebet, 17.

[13] Ebd. 15.

[14] Ebd. 17.

[15] Ebd. 177.

[16] Ebd. 321.

[17] Regula Benedicti. Die Benediktusregel, hrsg. im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz, Beuron, 2020, S. 294/295, R.B. 73,5.

[18] Vergl. Ludger Schwienhorst-Schönberger: Teresa von Avila. Kirchenlehrerin des geistlichen Lebens, 29.3.2015, in: Christ in der Gegenwart, Ausgabe Jan-Juni 2015, www.herder.de/cig/geistesleben/2015/01-06-2015/teresa-von-avila-kirchenlehrerin-des-geistlichen-lebens/ – aufgerufen am 1.10.2025, ferner karmelocd.de/geschichte-und-spiritualitaet/inneres-beten.html – aufgerufen am 1.10.2025.

[19] Peter Dyckhoff: Das Goldene Buch vom Ruhegebet, fe-medienverlags GmbH 2025, gebunden mit Lesebändchen, 360 Seiten, 15,00 Euro, ISBN 978-3-86357-456-7; www.fe-medien.de

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