Liebe Leserinnen und Leser

Von Erich Maria Fink und Thomas Maria Rimmel

Der erste Adoratio-Kongress fand 2011 als internationale Veranstaltung in Rom statt. Es war ein prophetischer Startschuss für eine Erneuerungsbewegung, die ihre Kraft aus der Liebesbeziehung neuer Missionare zu Jesus Christus im Allerheiligsten Sakrament schöpft. Von Anfang an zielten diese Kongresse auf die Evangelisierung ab. So begann auch ihre Erfolgsgeschichte im deutschsprachigen Raum unter dem Motto „Anbetung und Glaubenserneuerung“.

In Altötting fand dieses Jahr ein solcher Kongress bereits zum sechsten Mal statt. Im Heiligen Jahr 2025 kündigten ihn die Veranstalter als „ein Wochenende voller Hoffnung – für dich, die Kirche und die Welt“ an. Der für den Gnadenort zuständige Passauer Bischof Dr. Stefan Oster bezog von 2019 an die beiden Diözesen Augsburg und Eichstätt mit ein und stellte damit die Weichen für die Ausbreitung einer Erneuerungsbewegung im Geist der Ewigen Anbetung. Ein Interview mit Bischof Oster über die Bedeutung der Adoratio-Kongresse bildet auch den Auftakt zu unserem Titel-Thema, das durch eine theologische Betrachtung des Innsbrucker Dogmatikprofessors Dr. Roman Anton Siebenrock vertieft wird. Er sieht in der eucharistischen Gegenwart Jesu Christi die Seele der ganzen Welt. Wer sich auf die Anbetung einlasse, werde von einer überwältigenden Sehnsucht nach dem Reich Gottes erfasst.

Dazu werfen wir einen Blick auf den eucharistischen Aufbruch, den in diesen Tagen die katholische Kirche in den USA erlebt. Er begann vor vier Jahren, als die Bischöfe zu einer ernsthaften Vorbereitung auf den Nationalen Eucharistischen Kongress aufriefen, der vom 17. bis 21. Juli 2024 in Indianapolis, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Indiana, stattfand. Der Appell der Bischöfe erfolgte aufgrund einer tiefen Sorge. Denn Umfragen zeigten, wie wenig der praktizierenden Katholiken an die Realpräsenz Christi in der Eucharistie glauben. Durch ein öffentliches Zeugnis sollten sie aus ihrer Lethargie herausgerissen und im Glauben gestärkt werden. Offensichtlich ist es den Bischöfen gelungen, die Menschen wachzurütteln. Im Vorfeld des Kongresses wurden Eucharistische Prozessionen auf vier Routen mit einer Gesamtlänge von über 10.000 km durchgeführt, denen sich Abertausende von Menschen anschlossen.

Nach dem historischen Erfolg des Kongresses wurde der Entschluss gefasst, heuer eine ähnliche „Eucharistische Pilgerfahrt“ von Indianapolis bis nach Los Angeles an der Westküste zu organisieren. Die Kirche in den USA erlebte tatsächlich den Hauch eines neuen Pfingsten und Umfragen zeigen, dass sich nun 95% der wöchentlichen Messbesucher und 80% der monatlichen Kirchgänger zur Realpräsenz bekennen. Die Erneuerung im Geist der Ewigen Anbetung erfasst immer mehr Pfarreien und wird durch unzählige „entflammte Missionare“ getragen.

Die diesjährige Prozession durch Amerika wurde nach der hl. Katharine Drexel (1858-1955) benannt, die den Orden der „Schwestern vom Allerheiligsten Sakrament für Indianer und Farbige“ gegründet hat. Aus der täglichen Anbetung schöpfte sie die Kraft für ihr unglaubliches Apostolat und sah in der Eucharistie das verbindende Element aller Völker. Durch die gemeinsame Teilnahme am Leib Christi wollte sie die Trennung zwischen Indigenen, Afro-Amerikanern und anderen überwinden. Eucharistie ist damit als christliche Inspiration besonders für den sozialen und internationalen Frieden hochaktuell.

Liebe Leserinnen und Leser, wir wünschen Ihnen eine fruchtbare Lektüre. Mögen gerade auch die Heiligsprechungen von Bartolo Longo, Carlo Acutis und Pier Giorgio Frassati ein neues Feuer der Liebe in Ihnen entzünden, mit dem Sie Ihr Zuhause und Ihre Pfarreien erfüllen können.

Ein aufrichtiges Vergelt‘s Gott für Ihre großherzige Unterstützung, auf die wir sehr angewiesen sind (meine Volksbank Raiffeisenbank eG, IBAN: DE46 7116 0000 0001 1905 80, BIC: GENODEF1VRR)! Von Herzen wünschen wir Ihnen einen gesegneten Rosenkranz-Monat.     

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2025
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
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Adoratio-Kongress 26.-28. September 2025 in Altötting

Gottes Geist betet in uns

Zum sechsten Mal fand in Altötting Ende September 2025 ein Adoratio-Kongress statt. Nach dem Motto des Heiligen Jahres „Pilger der Hoffnung“ war er besonders der christlichen Hoffnung gewidmet. „Adoratio“ versteht sich als Glaubenskongress zur Erneuerung der Kirche aus der Eucharistie. „Lass dich stärken durch inspirierende Vorträge, kreative Workshops und tiefgehende Gebetszeiten“, so lautete die Einladung des Bistums Passau, das seit 2019 für die Durchführung der Kongresse in Altötting verantwortlich ist. Der Samstag war auch vom zuständigen Diözesanbischof Dr. Stefan Oster SDB von Passau geprägt. Er hielt einen programmatischen Vortrag zum Thema „Anbetung – Quelle der Hoffnung“ und stand anschließend der Eucharistiefeier mit den Teilnehmern des Kongresses vor, die von der Jugend 2000 München musikalisch gestaltet wurde. Nachfolgend ein Interview, das „Kirche heute“ im Vorfeld mit Bischof Oster geführt hat.

Interview mit Bischof Stefan Oster, Diözese Passau

Kirche heute: Von Anfang an haben Sie die Adoratio-Kongresse unterstützt. Warum?

Bischof Stefan Oster: Im Grunde geht es mir darum, bei Menschen die Sehnsucht nach einem tieferen geistlichen Leben zu wecken. Ich bin überzeugt, dass die Krise der Kirche in erster Linie eine geistliche Krise ist. Darum möchte ich mithelfen, den Menschen das Gebet und besonders die Anbetung als Weg in die Gottesfreundschaft zu erschließen.

Wie haben Sie selbst diese Veranstaltungen erlebt? Was waren Ihre wichtigsten Erfahrungen?

Bei denen, die kommen, gibt es viel Hunger nach geistlicher Erfahrung, nach Gemeinschaft und nach Austausch in tieferen Glaubensfragen. Zugleich merken wir aber auch: der Kern der Teilnehmer sind fromme Menschen, ältere und jüngere, die in der Regel schon tiefer im Glauben stehen und sich nach Stärkung und Gemeinschaft sehnen – was sie zuhause nicht so einfach erleben. Das heißt: Es gelingt nicht automatisch, mit dem Kongress Menschen anzusprechen, denen die Adoratio-Frömmigkeit noch nicht vertraut ist oder die weiter weg sind. Aber wenn es gelingt, ist die Begeisterung oft groß. Nicht selten dürfen wir dann auch echte Bekehrungen erleben.

Auch am diesjährigen Kongress werden Sie mitwirken. Was sind die Schwerpunkte in diesem Heiligen Jahr?

Wir sind im Heiligen Jahr und es ist von Papst Franziskus als Jahr der Hoffnung ausgerufen worden. Wir wollen daher in den Vorträgen, Hl. Messen, Workshops und Gebetszeiten deutlich machen, wie Gebet und Hoffnung zusammengehören und wir wollen immer auch anstoßen zum missionarischen Engagement. Ich habe ja meinen Glauben nicht nur für mich, sondern auch, um andere damit bekannt zu machen.

Worauf kommt es bei der Eucharistischen Anbetung heute an? Welche Bedeutung kann sie für Menschen haben, die von der digitalisierten Welt geprägt sind?

Sehr wesentlich ist es, still zu werden. Und dabei zu lernen, in der Stille mit dem Grund der eigenen Seele in Berührung zu kommen. In diesem Grund – so glauben wir – „wohnt“ auch Gottes Geist und „betet in uns“, wie Paulus sagt. Dieser Grund ist auch der Ort des Friedens und der Demut. Gott hat ja selbst in seinem Kommen zu uns den „kleinen Weg“ der Erniedrigung gewählt. Wenn wir also – mit einem Wortspiel – zum Grund gehen oder eben auch zugrunde gehen, dann kann Gott tief in uns wirken, dann sind wir in seiner Nähe und in schweigender, tiefer Erwartung, offen für sein Kommen. Und oft und oft merken wir erst im Nachhinein, wie uns dieses Gebet in den inneren Frieden führt. In meiner Hausgemeinschaft haben wir täglich zweimal eucharistische Anbetung – wenn ich selbst zuhause bin. Und meine Mitbewohner sind, wie ich selbst, auch viel in der digitalen Welt zuhause. Deshalb sage ich oftmals: Diese Zeiten vor dem Allerheiligsten, die retten uns. Sie retten unsere Seele. Sie führen sie aus der Zerstreuung ins viele zurück nach Hause – in die schweigende Begegnung mit IHM.

Die Adoratio-Kongresse betonen den missionarischen Charakter der Anbetung. Welchen Beitrag kann die Eucharistische Anbetung für die Evangelisierung leisten?

Wirklich fruchtbar werden wir erst, wenn Jesus selbst in uns wirklich wird, wenn er unser Herr ist, wenn wir aus ihm neu geboren sind und er in uns neu geboren ist. Echte Fruchtbarkeit kommt aus meiner Sicht daher, dass sich ein Mensch von diesem tiefen Grund berühren lässt, aus dem ein anderer lebt. Wir sehen ja in der Geschichte des Christentums: Heilige „zeugen“ Heilige. Und authentische Anbetung ist – neben den Sakramenten und dem Beten der Schrift – die wichtigste Form, Christus in uns lebendig werden zu lassen, uns zu heiligen. Wer mit Christus in die Welt geht, hilft mit, dass Christus im anderen gezeugt und geboren wird, oder einfach „wirklich“ wird. Das heißt: Dass er vom bloß gedachten Gott zum lebendigen Gott in meiner Seele werden darf.

Wie kann der Geist der Adoratio-Kongresse Ihrer Meinung nach in den Pfarreien lebendig werden? Worauf kommt es bei der Umsetzung im konkreten kirchlichen Alltag an?

Es kommt auf Einzelne an, auf Menschen, die angezündet worden sind. Wenn sie dann auf einen Pfarrer treffen, der dafür offen ist, dann kann authentische Anbetung beginnen. Ich hoffe, dass Adoratio auch sowas wie eine Graswurzelbewegung wird: Menschen gehen nach Hause und fangen bei sich etwas an.

Welche Früchte dieser Veranstaltungen sehen Sie? Sind sie ein Zeichen der Hoffnung? Kann man sie als wegweisend für die Erneuerung der Kirche bezeichnen?

Ich glaube, dass es keine authentische Evangelisierung ohne Gebet gibt. Oder umgekehrt: Wo immer es neue, fruchtbare Aufbrüche gibt, da geht intensives Gebet voraus und begleitet es. Anbetung führt vom Machen ins Sein – und verändert unser Machen. Dann folgt das „Tun“ dem Sein – und nicht umgekehrt. Dann wird unser Tun getragen von Seiner Gegenwart. Und was besonders schön ist: Wir haben 2019 damit in Altötting angefangen – und jetzt gibt es Adoratio auch in Neuzelle, in Köln, in Salzburg und in kleinerer Form auch in weiteren Orten!

Was wünschen Sie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des diesjährigen Adoratio-Kongresses? Was möchten Sie ihnen mit auf den Weg geben?

Ich wünsche den Teilnehmern, dass Sie gestärkt werden in der Hoffnung, dass Sie den Frieden finden dürfen, der aus authentischem Gebet kommt. Ich wünsche ihnen neue Freundschaften im Glauben – und ich wünsche mir, dass viele aufs Herz gelegt bekommen, daheim etwas mit Gebet oder Anbetung zu beginnen. Und wenn sie dann tatsächlich beginnen, sollen sie sich nicht entmutigen lassen, denn der Herr liebt die kleinen Anfänge. Wie er uns im Gleichnis vom Senfkorn sagt!

Von Herzen danken wir Ihnen für das Gespräch und wünschen auch Ihnen viel Kraft bei Ihrer wertvollen Arbeit im Weinberg des Herrn.

Interviewfragen: Pfr. Erich Maria Fink

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2025
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Betrachtung zur Eucharistischen Anbetung

Angeschaut von einem alles tragenden DU

Dr. Roman Anton Siebenrock (geb. 1957), emeritierter Dogmatikprofessor von Innsbruck, schreibt selbst über seine Betrachtung zur Eucharistischen Anbetung: „Ich möchte mit einigen Gedanken und Erfahrungen, die mir aus dieser Gebetsform wertvoll geworden sind, zur Anbetung ermutigen.“ Auf außergewöhnliche Weise nähert er sich dem Thema an und entfaltet ein spirituell-theologisches Verständnis, das den konkreten Vollzug der Anbetung zu vertiefen vermag. Seine Impulse rühren das Herz an und rufen eine Sehnsucht nach der geistigen Vereinigung mit dem menschgewordenen Wort Gottes wach, das letztlich die Seele der ganzen Welt und des Lebens eines jeden einzelnen Menschen ist. Wer sich auf diese Gemeinschaft mit dem Erlöser einlässt, wird von einer überwältigenden Sehnsucht nach dem Reich Gottes erfasst.

Von Roman A. Siebenrock

In allen Grundvollzügen des christlichen Lebens wird in unterschiedlicher Weise die Mitte des Glaubens wirksam gegenwärtig: das Einswerden mit dem Leben, dem Tod und der Auferstehung unseres Herrn und Bruders Jesus Christus. Gemäß dem Auftrag ihres Herrn: „Bleibt in mir und ich werde in Euch bleiben!“ (Joh 15,4) hat der glaubende Sinn im Raum der Kirche viele Formen entwickelt, wie solche Einheit in Ehrfurcht und Freundschaft mit Christus allen Getauften möglich werden kann: zuerst immer der selbstlose Dienst an allen, die unter die Räuber fallen oder der Barmherzigkeit bedürfen (vgl. Lk 10,29-37). Dann aber auch die vielen Formen des Gebets und der Betrachtung, vor allem der Schriftlesung und natürlich in ausgezeichneter Weise die Sakramente. Die Sakramente aber sagen uns, so drückt es Dorothe Sölle (1929-2003) aus, dass wir Gott suchen als bereits Gefundene.

Unter diesen Zeichen der Gnade hebt das Zweite Vatikanische Konzil die Eucharistiefeier hervor. Denn das eucharistische Opfer sei „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ (Lumen gentium, Nr. 11). Das gleiche Konzil betont, dass die Liturgie, der Lobpreis und die Anbetung Gottes, der Höhepunkt sei, „dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt“ (Sacrosanctum Concilium, Nr. 10). Doch Höhepunkte verlieren ihre andauernde wirksame Fruchtbarkeit, wenn sie nicht in anderen Frömmigkeitsformen täglich von den Christgläubigen in persönlicher Liebe und Verantwortung erneuert werden. So kann auch heute unser scheinbar so gottferner Alltag auf die Gegenwart Christi durchsichtig werden. Denn: Wenn Betrachtung der Schrift, das tägliche Gebet, die stille Einkehr und der sich selbst vergessende Dienst nicht selbstverständlich geworden sind, dann sollten wir uns über die prekäre Situation des Glaubens nicht wundern. Kirchenreform, die nicht aus der Gestimmtheit des Betens kommt, versandet – zu Recht!

In dieser Betrachtung möchte ich zur stillen Einkehr vor dem Allerheiligsten ermutigen. Natürlich gibt es viele gute Formen dieser Anbetung, die verhindern, die Betrachtung dem Empfang der Eucharistie zu entfremden. Ich möchte aber hier zu einer Form der Anbetung ermutigen, die wir alle uns zu eigen machen können, so lange die Kirchentür offenbleibt: dem persönlichen Verweilen im Angesicht des ausgesetzten Allerheiligsten. Deren kleine Schwester ist die stille Einkehr in einer Kirche, die die eucharistische Gegenwart Christi durch das „ewige Licht“ anzeigt. Ich erfahre diese – manchmal mehr, manchmal weniger, manchmal auch gar nicht – als Unterbrechung, selbstvergessene Hingabe, Solidarität und als Ahnung jener Kontemplation, die Johannes vom Kreuz meinte. Es sei aber schon eingangs festgehalten, dass diese Einkehr überall, auch mitten unter den Kochtöpfen, wie es Teresa von Ávila (1515-1582) formuliert, möglich ist. Christus, Gottes Wort, ist das Herz der Welt. Doch ist es nicht allen sofort und auf Dauer gegeben, ihn in jeder Stunde zu finden, wie es Ignatius von Loyola (1491-1556) von sich bekennt. Als einfacher Pilger danke ich für solche besonderen Orte und traditionellen Formen, damit mir die mögliche Gegenwart an allen Orten nicht verloren geht.

Anbetung als Unterbrechung

In der eucharistischen Anbetung wird körperlich spürbar, was Johann Baptist Metz (1928-2019) als Wesen der Religion ansah: Unterbrechung. Am Anfang steht die bewusste Entscheidung eines „Exodus“, eines „Aus-Zugs“. Ich nehme mir Zeit, trete aus der Geschäftigkeit in einen Raum ein, der sich vom alltäglichen Betrieb unterscheidet: Stille, anderes Licht, „Zeit-Still-Stand“, reine Gegenwart. Damit wird jener Raum bereitet, in dem es nicht mehr um mich, nicht mehr um die Geschäftigkeit dieser Zeit, auch nicht um dieses oder jenes doch so Nötige, sondern nur noch um das eine wirklich Notwendige geht (Lk 10,42): sein mit und in IHM. Ich zünde oft ein Lichtlein an, das symbolisiert, was ich zu werden erhoffe: reine Gabe.

Anbetung als Ek-stase und selbstvergessene Hingabe

Anbetung übt die Grundbewegung des Glaubens in vorzüglicher Weise ein. Glaubende haben ihren „Mittelpunkt“ nicht in sich, sie sind „ek-statisch“ – aus sich herausgetreten, gerufen und angeschaut von einem alles tragenden DU. Damit ist nicht eine spezielle mystische Erfahrung gemeint oder ein besonderer psychologischer Zustand, sondern die selbstvergessene Hingabe des Menschen. Von Jörg Splett (geb. 1936) ist mir ein Wort in bester Erinnerung, das dieses Geschehen sehr gut ausdrückt: „Ich war so weg, dass ich ganz da war.“ Erst im Nachhinein wird solches bewusst. Solche Erfahrungen können nämlich nicht hergestellt werden, nicht angeordnet oder befohlen werden, weder von außen noch von innen; und sie sollten nicht als Trophäe vor sich hergetragen werden.

Ich kann aber diese Möglichkeit einüben, indem ich „aus-ziehe“, zunächst räumlich und zeitlich, dann aber auch geistig, in dem ich alles kommen und gehen lasse und nur auf das eucharistische Brot schaue. Nichts wollen, nichts müssen, nur da sein und ihn sehen und hören, mitten im Schweigen, auch in der Dunkelheit: nur DU. Wer darf ich sein, wenn ich so wie damals Petrus, der Verräter, angeschaut werde (Lk 22,61)? Meister Eckhart (um 1260-1328) gibt ermutigendes Geleit: wenn wir ge-lassen und allem ledig werden, auch der letzten Ich-Bindung an unsere Vorstellung von Gott, dann kann geschehen, was Gottes Liebe und Barmherzigkeit immer will, so sie „ein-ge-lassen“ wird: sich selbst in seinem Wort in uns durch den Geist gebären. Alles Handeln Gottes, das die Heilige Schrift erzählt, will Gegenwart werden. Gott freut sich, sich zu schenken, sein ewiges Wort auch in uns zu gebären. Wir sprechen deshalb von der marianischen Gestalt der Kirche.

Ich blicke auf die weiße Hostie und es geht mir auf, dass sie als Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit geworden ist. Ihre Atome wurden im Anfang des Universums gebildet, das durch Gottes Wort geworden ist. Über viele Jahrtausende sind Ackerboden und Samen geworden, so viele Generationen haben das Urkorn weiterentwickelt, bis es auf mich gekommen ist. Auf seinem Weg hat das ewige Wort die Arbeit der Menschen gewürdigt und ihre Sünde, das Unrecht dieser Welt, getragen und immer gewandelt. Das Heilige Brot zeigt mir beides: die vertrackte Geschichte der Menschheit und die liebende geduldige Solidarität Gottes in seinem Wort mit uns. So sehe ich in diesem Brot mich selbst, wie ich hineingewickelt bin in diese Welt und ihre Geschichte, aber auch wie ich getragen und umfangen bleibe von Gottes Liebe, die in Christus hier reine Gegenwart wird. Im Schweigen bin ich angesprochen, in diesem unaufdringlichen reinen Da. Wandlung, neue Schöpfung, Ewigkeit will inmitten des Schweigens werden! Frucht der unverstellten Anbetung!

Christus ist in dieser Welt immer verborgen, predigt der neue Kirchenlehrer, John Henry Newman (1801-1890). Damals in der Knechtsgestalt, immer in seinen notleidenden Brüdern und Schwestern, hier und jetzt in der Gestalt des Brotes. Gerade so zeigt mir dieses weiße Rund das Herz der Welt, das Liebe ist, weil Jesus von Nazareth sich zum Heil der Schöpfung gegeben hat; er ist für mich dahingegeben, aber immer für die anderen auch. Seine Selbsthingabe geht allem meinem Tun voraus. Gott hat ja alles gesagt, hat alles gegeben, was er geben könnte: sich selbst. Ignatius von Loyola ermutigt mich jeden Tag auf meine Weise, eine Antwort auf Gottes Selbstmitteilung zu geben.

Anbetung als betende Solidarität

In das Schlussgebet der Ignatianischen Exerzitien lege ich mich mit aller Brüchigkeit selbst hinein: „Nehmt, Herr, und empfängt meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, all mein Haben und mein Besitzen. Ihr habt es mir gegeben; euch, Herr, gebe ich es zurück. Alles ist euer, verfügt nach eurem ganzen Willen. Gebt eure Liebe und Gnade, denn diese genügt mir.“

Das eucharistische Brot ist deshalb das unüberbietbare Symbol für das Herz und die Haltung des Herrn und Erlösers, weil dieser zum Brot des Lebens aller Welt geworden ist. Es ist selbstverständlich, dass mich die Anbetung der Not meiner Schwestern und Brüder zukehrt, sind doch sie die vom Herrn selbst gewürdigte primäre Form seiner Gegenwart. Doch lerne ich immer wieder aus der stillen Einkehr, dass Jesu Auslegung von Gesetz und Prophetie nicht umgekehrt werden darf: Nur wenn wir Gott um Gottes willen, nicht um unsertwillen, zu lieben gelernt haben, geht die Seligkeit des Reiches Gottes, das in unserer Geschichte mit der Erfahrung der Gnade eins ist, in und mitten unter uns auf. Gerne lasse ich mich in der Be-Kehrung zur Mitarbeit am Lieblingsprojekt des Herrn, dem Aufbau des Reiches Gottes unter uns, durch die Gebetsintentionen des Papstes leiten, die ja in jeder Kirche aufliegen (sollten).

Eucharistische Anbetung als Kontemplation

Johannes vom Kreuz (1542-1591) sagt, dass Kontemplation nichts anderes sei als ein geheimes, friedliches und liebendes Einströmen Gottes, so dass er, wenn man ihm Raum gibt, den Menschen im Geist der Liebe entflammt. In der Öffnung des Herzens, die durch die Tradition der Anbetung eingeübt wird, darf das Grundgeschehen der Taufe neu werden: eins zu sein mit dem Tod und der Auferstehung Christi; selbstvergessen in Gottes Grund, der reinen Liebe, sich in Liebe umformen lassen.

Ich weiß nicht, ob dieses Ideal der Anbetung schon an mir geschehen ist. Dennoch möchte ich Sie ermutigen, in diesen Raum der Unterbrechung einzutreten und geschehen lassen, was immer in der eucharistischen Gegenwart geschehen mag. Geben wir Gott eine Chance. Wie betete doch Ignatius? Eure Liebe und Gnade genüge mir.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2025
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Die Realpräsenz Jesu in der Eucharistie ist eine Folge der Macht des Wortes

Das ist mein Leib

Der US-amerikanische Bischof Dr. Robert Barron (geb. 1959), der am 27. Juli 2025 in Münster mit dem Josef-Pieper-Preis ausgezeichnet wurde, hat 2023 ein Buch über die Eucharistie veröffentlicht, das nun auch auf Deutsch erschienen ist.[1] Der Priester Rupert Santner (geb. 1991) schreibt im Nachwort: „Die Vision ist eine eucharistische Bewegung, eine Erneuerung aus dem größten aller Sakramente heraus – der Eucharistie. Daher lade ich dich ein, diesen Moment jetzt zu nützen und dem wichtigsten Sakrament auf den Grund zu gehen. Die Welt schreit nach Erlösung und Christus lechzt nach seiner Hingabe an jede einzelne Seele in diesem Sakrament. Darum nimm dir dieses Buch zu Herzen und betrachte es als Geschenk des Himmels. Wir dürfen und sollen wieder begeistert und erfüllt der Welt ihre Erlösung durch das Blut Jesu und die Hingabe seines Leibes verkünden und jene Freude reichlich verschenken. Die Welt hungert nach diesem himmlischen Brot. Bete für den Start einer eucharistischen Bewegung, für eine neue Hoffnung für diese Welt.“ Ein Auszug aus diesem Buch.

Von Bischof Robert Barron, Winona-Rochester

Die Philosophen J. L. Austin und Ludwig Wittgenstein hatten uns erklärt, dass unsere Wörter nicht nur beschreibend, sondern auch performativ sein können. Die Wörter „Dieses Haus ist blau“ verweisen auf einen Sachverhalt, wohingegen die Wörter „Sie sind gefeuert“, wenn ein Vorgesetzter sie ausspricht, nicht nur auf das verweisen, was der Fall ist, vielmehr verändern sie, was der Fall ist. Oder wenn ein ordnungsgemäß uniformierter und beauftragter Polizeibeamter zu Ihnen sagt: „Sie sind verhaftet“, dann wären Sie – eben aufgrund des von dem Polizisten Gesagten – tatsächlich verhaftet. Oder wenn ein ordnungsgemäß ernannter Schiedsrichter „Du bist out“ brüllen würde, während ein Baseball-Spieler der Major League auf die dritte Base zurutscht, dann wäre der bedauernswerte Spieler, ob er will oder nicht, „out“ – die verbale Äußerung des Schiedsrichters hat den Spielverlauf objektiv verändert. Wir können, um es mit Austins berühmter Formulierung zu sagen, „mit Wörtern Dinge tun“.

Im Licht dieser Erklärung über die performative Qualität menschlicher Wörter begannen Theologen, erneut die Macht des göttlichen Wortes zu bedenken. Im Buch Genesis hören wir, dass die Schöpfung sich durch eine Reihe göttlicher Sprechakte vollzog: „Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. ... Dann sprach Gott: Es sammle sich das Wasser unterhalb des Himmels an einem Ort und das Trockene werde sichtbar. Und so geschah es. ... Dann sprach Gott: Die Erde bringe Lebewesen aller Art hervor, von Vieh, von Kriechtieren und von Wildtieren der Erde nach ihrer Art. Und so geschah es.“ (Gen 1;3,9,24) Gott beschreibt nicht einen existierenden Sachverhalt; er bringt durch sein Sprechen Dinge ins Sein. Diese Vorstellung ist natürlich die des heiligen Johannes im Prolog seines Evangeliums, wenn er sagt: „Im Anfang war das Wort. ... Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist“ (Joh 1,1-3).

Im Buch des Propheten Jesaja finden wir, in wunderschön poetischer Weise formuliert, dieselbe Vorstellung. Jesaja gibt die Worte von Jahwe wieder: „Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, ohne die Erde zu tränken …, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe“ (Jes 55,10-11). Auch hier gilt, dass Gottes Wort nicht so sehr beschreibt, als vielmehr vollbringt. Thomas von Aquin drückte diese Vorstellung philosophischer aus, wenn er sagte, Gott wisse Dinge nicht (so wie wir), weil sie existieren; sondern Dinge existieren, weil Gott sie weiß. Der zeitgenössische jesuitische Theologe Karl Rahner fasste diesen Gedanken mit den Worten zusammen: „Das Wort Gottes ist das heilsame Wort, das mit sich bringt, was es bekräftigt.“

Und eben dieses Wort, durch das Gott den Kosmos erschuf, wurde Fleisch in Jesus von Nazareth: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ (Joh 1,14) Das bedeutet, dass Jesus nicht lediglich ein heiliger Mann ist, dessen Worte Gott beschreiben – er ist selbst das göttliche Wort, das bewirkt, was es sagt. Auf dem Höhepunkt eines entsetzlichen Sturms auf dem See Genezareth stand Jesus im Boot auf, „drohte dem Wind und sagte zu dem See: ,Schweig, sei still!‘ Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein“ (Mk 4,39). Vor dem Grab seines Freundes, der bereits vier Tage lang tot war, rief Jesus mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!“ Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt“ (Joh 11,43f.). Und kniend vor einem Mädchen, das tot in seinem Zimmer lag, sprach Jesus die Worte: „Talita kum!“, das heißt übersetzt: „Mädchen, ich sage dir, steh auf!“ Sofort stand das Mädchen auf und ging umher (nach Mk 5,41f.). Immer wieder zeigen uns die Verfasser der Evangelien, dass die Worte Jesu wirksam und verwandelnd sind, dass sie bewirken, was sie sagen. Wieder und wieder stellen sie uns Jesus selbst als die Inkarnation des schöpferischen Wortes der Genesis vor, jenes Wortes bei Jesaja, das nicht zurückkehrt ohne seinen Zweck erfüllt zu haben.

In der Nacht vor seinem Tod vollbrachte Jesus seinen außergewöhnlichsten Sprech-Akt. Jesus hatte die Zwölf zu einem Pascha-Mahl versammelt und „während des Mahls nahm Jesus das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es den Jüngern und sagte: Nehmt und esst; das ist mein Leib. Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, gab ihn den Jüngern und sagte: Trinkt alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das für viele/alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26, 26-28). Wäre er ein gewöhnlicher Prophet oder Lehrer gewesen, dann hätten sich diese machtvollen Worte, gesprochen in der Nacht vor seinem Tod, in das Bewusstsein seiner Anhänger eingebrannt und eine enorme symbolische Bedeutung gehabt. Womöglich hätten sie seine Jünger sogar auf einer geistigen und seelischen Ebene zutiefst verwandelt. Aber Jesus war nicht ein Prophet unter vielen; er war das Fleisch gewordene Wort Gottes. Deshalb hatten seine Worte die Macht, zu schaffen, Realität auf der tiefstmöglichen Ebene hervorzurufen. Da das, was er sagt, ist, verwandeln die Worte „Das ist mein Leib“ und „Das ist mein Blut“ tatsächlich Brot und Wein in seinen Leib und sein Blut. Wie alle göttlichen Äußerungen erzeugen sie, was sie sagen.

Dasselbe Wort, das die Elemente Brot und Wein anfänglich ins Dasein sprach, spricht sie jetzt in eine neue Seinsweise, verwandelt sie in die Träger der sakramentalen Anwesenheit Christi. Für die Lehre der katholischen Kirche ist dieses wirksame Wort Christi nicht inexistent geworden oder zu einer verschwommenen historischen Erinnerung verdunstet. Vielmehr überdauert es in der Kirche: in ihren Predigten, ihren Lehren, ihren Sakramenten und vor allem in der Eucharistischen Liturgie. Wenn der Priester in der Messe die Menschen begrüßt, dann tut er das nicht in seinem eigenen Namen, und wenn er predigt, dann teilt er nicht seine privaten Ansichten mit. In beiden Fällen lässt er das Wort Jesu durch seine Worte sprechen.

An keiner Stelle ist diese Transparenz des Priesters deutlicher, als wenn er im Herzen des eucharistischen Gebets den sogenannten „Einsetzungsbericht“ betet. Er spricht Gott Vater an und erinnert an das, was Jesus in der Nacht, bevor er starb, tat: Jesus „nahm das Brot, sagte Dank, brach es und gab es seinen Jüngern. ... Auf dieselbe Weise ... nahm er den Kelch, dankte erneut und gab ihn seinen Jüngern ...“ Dann jedoch tritt der Priester in die Worte ein, die Jesus selbst gesprochen hatte: „Das ist mein Leib, der für euch dahingegeben wird ... Das ist der Kelch meines Blutes, das Blut des neuen und ewigen Bundes.“ In diesem Augenblick handelt der konsekrierende Priester vollständig in persona Christi (in der Person Christi), er selbst ist völlig ausgelöscht und erlaubt diesem selben göttlichen Wort, das vor langer Zeit Brot und Wein wandelte, diese Wandlung jetzt zu vollziehen.

Was also geschieht (wir können hier den Wert der neueren Ansätze erkennen), das ist, dass Brot und Wein tatsächlich transsignifiziert und transfinalisiert wurden, die Bedeutungsverschiebung geschah jedoch nicht durch irgendeine kümmerliche menschliche Anstrengung, sondern durch das göttliche Wort. Und das impliziert, wie wir gezeigt haben, dass sich ein Wandel auf der Ebene des Seins vollzog. In diesem präzisen Sinn fallen also Transsignifikation und Transsubstantiation tatsächlich zusammen. Rahner verweist darauf, dass die traditionelle Lehre der Kirche dieses Zusammenfallen bestätigt, wenn sie uns daran erinnert, dass die Realpräsenz Jesu in der Eucharistie eine Folge der Macht des Wortes ist.

Das Konzil von Florenz sagt ausdrücklich, dass „die Form dieses Sakraments [der Eucharistie] die Worte des Erlösers sind, mit denen er dieses Sakrament bewirkt [gemacht] hat“, und das Konzil von Trient sagt, dass Christus in den eucharistischen Elementen ex vi verborum (aufgrund der Kraft der Worte) gegenwärtig wird. Rahner präzisiert, dass selbst die eucharistischen Elemente, die im Tabernakel zur Anbetung aufbewahrt sind, nicht wirklich die sakramentalen Gestalten wären, wenn sie nicht konstant durch die Konsekrationsworte bestimmt würden (die Worte der Erklärung, die über ihnen gesprochen wurden). Selbst im Schweigen des Tabernakels wird ein göttliches Wort gesprochen.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2025
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[1] Bischof Robert Barron: Das ist mein Leib. Ein Aufruf zu einer eucharistischen Erneuerung, Be&Be Verlag, Heiligenkreuz 2025, 160 Seiten, Softcover, 12,90 Euro, ISBN 978-3-903518-33-9 – www.bebeverlag.at

Das Handeln erwächst aus dem Verweilen vor dem Tabernakel

Vergesst die Anbetung nicht!

Bei seiner Apostolischen Reise in die Mongolei vom 31. August bis 4. September 2023 war Papst Franziskus im Bischofshaus von Kardinal Giorgio Marengo untergebracht. Dieser berichtet, dass der Papst darum gebeten hat, im Arbeitszimmer neben seinem Schlafzimmer einen Tabernakel mit dem Allerheiligsten aufzustellen. Vor den Veranstaltungen sei er sehr früh aufgestanden und habe von 4 bis 6 Uhr Anbetung vor dem Allerheiligsten gehalten. Erst dann habe er sich dem vorgesehenen Programm gewidmet. Bei der Begegnung mit Bischöfen, Priestern, Ordensleuten und pastoralen Mitarbeitern am Samstag, 2. September 2023, in der Kathedrale Peter und Paul von Ulan Bator legte er ihnen die Anbetung vor dem Allerheiligsten ans Herz. Alles Handeln müsse aus diesem Verweilen vor dem Tabernakel erwachsen.

Von Papst Franziskus

In diesen einunddreißig Jahren in der Mongolei habt ihr, liebe Priester, gottgeweihte Männer und Frauen und pastorale Mitarbeiter, eine große Vielfalt von karitativen Initiativen ins Leben gerufen, die den größten Teil eurer Kräfte in Anspruch nehmen und das barmherzige Gesicht Christi, des barmherzigen Samariters, widerspiegeln. Das ist eure Visitenkarte, die euch aufgrund der zahlreichen Wohltaten, die ihr vielen Menschen in verschiedenen Bereichen erwiesen habt, respektiert und geschätzt sein lässt: von der Fürsorge bis zur Bildung, über die Gesundheitsversorgung und die kulturelle Förderung. Ich ermutige euch, auf diesem für das geliebte mongolische Volk fruchtbaren und vorteilhaften Weg weiterzugehen. Gesten der Liebe und Gesten der Nächstenliebe.

Gleichzeitig lade ich euch ein, den Herrn zu kosten und zu sehen – den Herrn zu kosten und zu sehen –, ich lade euch ein, immer und von neuem zu jenem anfänglichen Blick zurückzukehren, aus dem alles hervorgegangen ist. Ohne ihn lassen nämlich die Kräfte nach und das pastorale Engagement läuft Gefahr, zu einer sterilen Dienstleistung zu werden, in einer Abfolge von fälligen Handlungen, die am Ende nichts als Müdigkeit und Frustration vermitteln.

Wenn ihr hingegen in Kontakt mit dem Antlitz Christi bleibt, ihn in der Heiligen Schrift erforscht und ihn in anbetendem Schweigen – in anbetendem Schweigen – vor dem Tabernakel betrachtet, werdet ihr ihn in den Gesichtern derer erkennen, denen ihr dient, und ihr werdet euch von einer innigen Freude getragen fühlen, die auch bei Schwierigkeiten Frieden in eurem Herzen hinterlässt. Das ist es, was wir brauchen, heute und immer: nicht beschäftigte und abgelenkte Menschen, die Projekte voranbringen, und manchmal Gefahr laufen, verbittert zu wirken über ein gewiss nicht einfaches Leben, nein: Der Christ ist ein Mensch, der fähig ist anzubeten, in der Stille anzubeten. Und aus dieser Anbetung erwächst dann das Handeln.

Aber vergesst die Anbetung nicht. Wir haben in unserer pragmatischen Zeit ein wenig den Sinn für die Anbetung verloren: Vergesst nicht, anzubeten, und dann aus der Anbetung heraus zu handeln. Wir müssen zur Quelle zurückkehren, zum Antlitz Jesu, zu seiner kostbaren Gegenwart: Er ist unser Schatz (vgl. Mt 13,44), die wertvolle Perle, für die es sich lohnt, alles zu verkaufen (vgl. Mt 13,45-46). Die Brüder und Schwestern in der Mongolei, die einen ausgeprägten Sinn für das Heilige haben und – wie es auf dem asiatischen Kontinent typisch ist – über eine umfangreiche und ausgeprägte religiöse Geschichte verfügen, erwarten dieses Zeugnis von euch und wissen seine Echtheit zu erkennen. Zeugnis müsst ihr geben, denn das Evangelium wächst nicht durch Proselytismus, das Evangelium wächst dadurch, dass es bezeugt wird.

Als Jesus, der Herr, die Seinen in die Welt sandte, sandte er sie nicht aus, um eine politische Vorstellung zu verbreiten, sondern um mit dem Leben die Neuheit der Beziehung zu seinem Vater zu bezeugen, der „unser Vater“ geworden ist (vgl. Joh 20,17), und so eine konkrete Geschwisterlichkeit aller Völker zu begründen. Die Kirche, die aus diesem Auftrag hervorgeht, ist eine arme Kirche, die sich bloß auf einen unverfälschten Glauben stützt, auf die unbewaffnete und entwaffnende Kraft des Auferstandenen, die in der Lage ist, die Leiden der verwundeten Menschheit zu lindern. Eben deshalb haben die Regierungen und die weltlichen Institutionen nichts vom evangelisierenden Wirken der Kirche zu befürchten, denn sie hat keine politische Agenda voranzubringen, sondern kennt nur die demütige Kraft der Gnade Gottes und eines Wortes der Barmherzigkeit und Wahrheit, das in der Lage ist, das Wohl aller zu fördern.

Schöpft neuen Mut, wenn ihr den Blick zu Maria erhebt, und seht, dass die Kleinheit kein Problem, sondern eine Möglichkeit ist. Ja, Gott liebt das Kleine und er liebt es, durch das Kleine große Dinge zu vollbringen, wie Maria bezeugt (vgl. Lk 1,48-49). Brüder und Schwestern, habt keine Angst vor kleinen Zahlen, vor sich nicht einstellenden Erfolgen, vor der sich nicht zeigenden Relevanz. Dies ist nicht der Weg Gottes. Schauen wir auf Maria, die in ihrer Kleinheit größer ist als der Himmel, weil sie in sich denjenigen beherbergt hat, den der Himmel und die Himmel der Himmel nicht fassen können (vgl. 1 Kön 8,27). Brüder und Schwestern, vertrauen wir uns ihr an und bitten wir sie um einen erneuerten Eifer, um eine glühende Liebe, die nicht müde wird, das Evangelium freudig zu bezeugen. Macht weiter so, beständig im Gebet, seid weiterhin einfallsreich in der Nächstenliebe, steht weiter fest in der Gemeinschaft, fröhlich und sanftmütig in allem und mit allen. Ich segne euch von Herzen und ich denke an euch. Und ihr – vergesst bitte nicht, für mich zu beten. Danke.  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2025
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Zur Heiligsprechung von Carlo Acutis am 7. September 2025

Apostel der Eucharistie

Der heilige Carlo Acutis verkündete bereits mit 15 Jahren auf digitale Weise das Evangelium und gilt besonders als „Apostel der Eucharistie“. Werner Schiederer hebt in seinem Beitrag hervor, dass die Heiligsprechung am 7. September 2025 auf dem Petersplatz, an der 80.000 Gläubige aus aller Welt teilnahmen, auch die zentrale Bedeutung seiner eucharistischen Spiritualität in den Fokus rückte.

Von Werner Schiederer

Der 1991 in London geborene Carlo Acutis verstarb 2006 in Mailand an einer Leukämie. Schon früh entwickelte er eine tiefe Liebe zur Eucharistie: Er besuchte täglich die heilige Messe, verbrachte Stunden vor dem Allerheiligsten und prägte den Satz: „Die Eucharistie ist meine Autobahn zum Himmel“. Dieses häufig zitierte Wort verdeutlicht, dass er die Kommunion nicht nur als Ritual betrachtete, sondern als das eigentliche „Reiseziel“ des christlichen Lebens.

Tiefe Beziehung zur Eucharistie

Neben dieser häufig zitierten Aussage gibt es weniger bekannte Äußerungen von Carlo Acutis, die seine tiefe Beziehung zur Eucharistie deutlich machen:

„Im stillen Gebet vor dem Allerheiligsten finde ich die Stimme Gottes, die lauter spricht als jedes Wort.“ Aus einem persönlichen Tagebucheintrag, den seine Familie nach seinem Tod veröffentlicht hat.

„Eucharistische Anbetung ist für mich das tägliche Wiederaufleben der Passion, ein stiller Ort, an dem das Kreuz sichtbar wird.“ In einem Gespräch mit Jugendlichen betonte er, dass die Anbetung nicht nur ein Akt der Verehrung, sondern ein Erlebnis der Gegenwart Christi sei.

„Wenn ich vor dem Leib Christi knie, wird mein Herz zu einem kleinen Tempel, in dem das Licht des Herrn wohnen darf.“ Diese Metapher ist auch ein Hinweis darauf, dass Carlo die Eucharistie als Quelle innerer Erleuchtung erlebte. Für Carlo Acutis war die eucharistische Anbetung eine intime Begegnung mit Christus.

Echo in den amerikanischen Medien

Die Diözese Pittsburgh berichtete auf ihrer Webseite, der Papst habe nach der heiligen Messe die jungen Gläubigen ermutigt, „wie Carlo die Eucharistie zu ihrem täglichen Begleiter zu machen“ (diopitt.org).

Radio Birmingham bezeichnete Carlo als „God‘s influencer“, der die moderne Technologie nutzte, um die Eucharistischen Wunder bekannt zu machen (wbhm.org).

Auch das öffentlich-rechtliche Rundfunknetzwerk der Vereinigten Staaten (NPR) hob hervor, dass die Heiligsprechung den ersten Millennial-Heiligen markiere und betonte die zentrale Rolle der Eucharistie in seinem Leben.

Die US-Bischofskonferenz meldete, dass Papst Leo XIV. in seiner Ansprache die Eucharistische Anbetung als „Quelle der Kraft für das neue Evangelium“ bezeichnete. Über ihren Kanal CATHOLIC NEWS SERVICE stellte sie fest, der eucharistische Akzent sei ein wiederkehrendes Motiv der gesamten Heiligsprechungsfeier gewesen.

Die Salt and Light Catholic Media Foundation in Toronto erinnerte daran, dass sowohl Carlo Acutis als auch Pier Giorgio Frassati lange Stunden der Anbetung vor dem Allerheiligsten verweilten und damit ein gemeinsames spirituelles Erbe geschaffen hätten.

Digitaler Apostel der Eucharistie

Die katholische Presse hob weltweit besonders die „Jugendlichkeit“ und „digitale Mission“ des neuen Heiligen hervor. Seine digitale Arbeit war jedoch nie Selbstzweck, wie er selbst sagte: „Mein Leben ist ein Programm, das immer mit Christus verbunden sein soll.“ Bekanntlich nutzte Carlo das Internet, um Eucharistische Wunder zu dokumentieren und zu verbreiten. Sein Blog enthielt detaillierte Beschreibungen von über 30 bezeugten Wundern, die er mit Fotos und Quellenangaben belegte. Damit schuf er ein virtuelles Pilgerzentrum, das Gläubige weltweit zu tieferem Glauben an die reale Gegenwart Christi unter den Gestalten von Brot und Wein führte.  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2025
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Eucharistischer Kongress 2024 in den USA

10.000 Kilometer mit dem Allerheiligsten

Vom 17. bis 21. Juli 2024 fand in den USA ein fünftägiger Nationaler Eucharistischer Kongress mit etwa 50.000 Teilnehmern statt. Austragungsort war das „Lucas Oil Stadium“ mit dem angrenzenden „Indiana Convention Center“ in Indianapolis. Vorbereitet wurde der Kongress durch eine beispiellose Sternwallfahrt mit dem Allerheiligsten durch die USA. LorriAnn Landles, die der Zeitschrift The Catholic Herald nahesteht, stellt diese Initiative kurz vor, mit der die amerikanischen Bischöfe den Glauben an die Realpräsenz Christi in der Eucharistie neu ins Bewusstsein rücken wollten.

Von LorriAnn Landles

Der zehnte Nationale Eucharistische Kongress der USA, der vom 17. bis 21. Juli 2024 in Indianapolis stattfand, war der krönende Abschluss einer dreijährigen Erneuerungsbewegung. Am 17. Mai 2024 begannen eucharistische Prozessionen durch das ganze Land, über welche die Zeitschrift The Catholic Herald ausführlich berichtete.

Auftakt: Eucharistische Fußwallfahrten

 Die „Eucharistische Wallfahrt“ begann am 17. Mai 2024 mit ersten Prozessionen in Wisconsin und Milwaukee. Von dort aus zog die Route durch mehrere Bundesstaaten und verband die Pfarreien vor Ort zu einer landesweiten Eucharistischen Erneuerung. Aus Hawaii berichtete Celia K. Downes, wie die Prozessionen zu einem regelrechten spirituellen Erwachen der Inselgemeinde führten. In Texas entwickelte sich die „Juan Diego“-Route zu einem Ereignis religiöser Freude. In Washington D.C. wurde eine eucharistische Wallfahrt vom Catholic Herald Staff organisiert und vom 21. bis 24. Mai zog eine Prozession durch die Pfarreien der Diözese Sacramento in Kalifornien, welche unzählige Gläubige begeisterte. Ein Überblick über die gesamte Initiative der US Bischöfe findet sich in einer Timeline, die die zahlreichen Prozessionen dokumentiert.

Höhepunkt: Eucharistischer Kongress in Indianapolis

Zehntausende von Pilgern zogen schließlich zum Kongress nach Indianapolis. The Catholic Herald schilderte die Prozession am 20. Juli 2024 als die größte je in den USA abgehaltene Eucharistische Prozession, bei der die Gläubigen durch das Stadtzentrum zogen und das Allerheiligste öffentlich verehrten. Die Veranstaltung war von einer intensiven Gebets- und Anbetungsatmosphäre geprägt. Auf dem Kongress selbst legten die einzelnen Diözesen Zeugnis von ihren Prozessionen und der spirituellen Wirkung der Initiative ab. Der Kongress war nicht nur ein liturgisches Ereignis, sondern ein eindrucksvolles Bekenntnis zur realen Gegenwart Christi im Allerheiligsten.

Er führte Gläubige aus unterschiedlichen Regionen und Kulturen zusammen und stärkte so die innerkirchliche Einheit. Das öffentliche Zeugnis zog aber auch nicht katholische Beobachter an und eröffnete Möglichkeiten des Dialogs über Themen des Glaubens. Priester und Bischöfe berichteten von einer spürbaren Vertiefung der eucharistischen Frömmigkeit in den Pfarreien, insbesondere nach den Prozessionen in Hawaii und Texas. Die Diözese Sacramento kündigte an, die Prozessionen als Modell für zukünftige lokale Eucharistische Feiern zu nutzen.

Pilgerroute 2025

Ohne Zweifel haben die Prozessionen von Mai bis Juli 2024 das religiöse Leben der amerikanischen Kirche belebt und den Kongress selbst zu einem Höhepunkt einer landesweiten Eucharistischen Wiedergeburt werden lassen. Vom öffentlichen Zeugnis für die Gegenwart Christi in der Eucharistie gingen eine gewaltige Stärkung der kirchlichen Gemeinschaft und eine nachhaltige Erneuerung des Glaubenslebens aus. Es kam der Wunsch auf, die Dynamik dieser nationalen Eucharistischen Erneuerung weiterzuführen. So wurde für das Jahr 2025 eine „St. Katharine Drexel Route“ von Indianapolis nach Los Angeles ins Auge gefasst und vom 18. Mai bis 22. Juni 2025 mit großem Erfolg umgesetzt.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2025
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Amerika pilgert: Die Eucharistische Erneuerung bewegt eine Nation

Ein Glaubenszeugnis von historischem Ausmaß

Eine Frucht des Nationalen Eucharistischen Kongresses 2024 in den USA war die eucharistische Prozession, die ein Jahr später von Indianapolis, dem Austragungsort des Kongresses, nach Los Angeles durchgeführt wurde. Tausende von Gläubigen schlossen sich dieser historischen Glaubensdemonstration an. Tausende von Kilometern zogen sie durch Dutzende von Diözesen, vorbei an zahlreichen Heiligtümern und Wallfahrtsstätten. Patrick Gruhn, bekannt durch sein Engagement für den katholischen Fernsehsender K-TV, nahm selbst an diesem Ereignis teil und gibt in seinem Bericht eine Einschätzung ab, wie diese Initiative der amerikanischen Bischöfe das Feuer des Heiligen Geistes in den Herzen der Menschen neu zu entzünden vermag.

Von Patrick Gruhn

Was geschieht, wenn eine ganze Nation zur Besinnung auf das Wesentliche des katholischen Glaubens gerufen wird? Die Antwort darauf gaben in diesem Jahr Hunderttausende amerikanische Katholiken, die sich der Nationalen Eucharistischen Pilgerreise anschlossen. Nach 5.360 Kilometern durch zehn Bundesstaaten endete am 22. Juni 2025 die beeindruckende Glaubensprozession in Los Angeles – ein lebendiges Zeugnis dafür, dass der Glaube an die Realpräsenz Christi in der Eucharistie auch im 21. Jahrhundert Massen bewegen kann.

Die 36-tägige Pilgerreise, die am 18. Mai in Indianapolis begann und in der Kathedrale Unserer Lieben Frau von den Engeln in Los Angeles ihren Höhepunkt fand, war weit mehr als eine fromme Wanderung. Sie wurde zum sichtbaren Ausdruck einer spirituellen Erneuerung, die die katholische Kirche in den USA erfasst hat. Benannt nach der heiligen Katharine Drexel, führte die Route durch 20 Diözesen und vier östliche katholische Eparchien – ein wahrhaft ökumenisches Unterfangen innerhalb der katholischen Kirche.

Das Herz der Erneuerung: Junge Menschen tragen Christus durch Amerika

Besonders bewegend war das Zeugnis der acht „Perpetual Pilgrims“ – junge Erwachsene, die das Allerheiligste Sakrament über die gesamte Strecke begleiteten. Ace Acuna, Campusseelsorger an der Princeton University, teilte seine Erfahrung: „Überall wurden wir mit einer Freude empfangen, die mich tief berührt hat. Die Menschen waren nicht nur glücklich, uns zu sehen – sie waren überglücklich, dass Jesus zu ihnen kam.“

Diese jungen Glaubenszeugen, beherbergt von Pfarreien, Klöstern und Familien entlang der Route, verkörperten die Zukunft einer Kirche, die sich ihrer eucharistischen Mitte neu bewusst wird. Frances Webber, eine weitere Pilgerin, fand poetische Worte für ihre Erfahrungen in den von Waldbränden betroffenen Gebieten Kaliforniens: „Zwischen den Ruinen sprossen Wildblumen hervor, als wollten sie sagen: Hier gibt es noch so viele Geschichten zu erzählen, so viele Leben zu leben.“

Vielfalt in der Einheit: Der Reichtum des katholischen Glaubens

Die Pilgerreise zelebrierte bewusst die Vielfalt des amerikanischen Katholizismus. Messen wurden in verschiedenen Sprachen und liturgischen Formen gefeiert – von der traditionellen lateinischen Messe über Gospel-Gottesdienste bis zu vietnamesischen und spanischen Liturgien. Diese Vielfalt in der Einheit demonstrierte eindrucksvoll die Katholizität der Kirche.

Ein besonders bedeutsamer Halt war die St. Monica‘s Gemeinde in Kansas City, eine lebendige afroamerikanische Pfarrei mit historischen Verbindungen zur heiligen Katharine Drexel. Hier zeigte sich, wie die eucharistische Erneuerung alle Teile der Kirche erreicht und vereint. In Tulsa allein zog eine eucharistische Prozession 1.800 Gläubige an – Menschen, die bereit waren, ihren Glauben öffentlich zu bezeugen.

Früchte der Erneuerung: Der Glaube wächst messbar

Die Auswirkungen der dreijährigen Eucharistischen Erneuerungsbewegung sind bereits beeindruckend. Neueste Studien zeigen, dass etwa zwei Drittel der amerikanischen Katholiken an die Realpräsenz glauben – deutlich mehr als frühere Erhebungen vermuten ließen. Besonders ermutigend: 95% der wöchentlichen Messbesucher und 80% der monatlichen Kirchgänger bekennen sich zur wahren Gegenwart Christi in der Eucharistie. Bischof Andrew Cozzens von Crooks-ton, der die Bewegung leitet, brachte es auf den Punkt: „Wir wollten ein Feuer entfachen, kein Programm. Heute brennt dieses Feuer des Heiligen Geistes hell.“ Diese Metapher wurde Wirklichkeit, als die Pilgerreise durch Gemeinden zog und überall neue Begeisterung für die Eucharistie weckte.

Heilige Orte und dienende Liebe

Die Route verband geschickt Orte von spiritueller Bedeutung mit Stätten des christlichen Dienstes. Die Pilger besuchten das Grab des ehrwürdigen Fulton Sheen, den Schrein des seligen Stanley Rother und historische Missionen des heiligen Junípero Serra. Gleichzeitig führte der Weg zu Suppenküchen, Gefängnissen und Krankenhäusern – ein lebendiges Zeugnis dafür, dass eucharistische Frömmigkeit und tätige Nächstenliebe untrennbar zusammengehören. Besonders bewegend war der Besuch in den von Waldbränden betroffenen Gemeinden von Los Angeles. Die zerstörte Corpus Christi Kirche in Pacific Palisades und die wundersam verschonte Sacred Heart Gemeinde in Altadena wurden zu Symbolen für Verlust und Hoffnung, Tod und Auferstehung.

Ein päpstlicher Segen für Amerika

Papst Franziskus verlieh der Pilgerreise besondere spirituelle Bedeutung durch die Gewährung eines vollkommenen Ablasses für alle Teilnehmer. Diese Geste unterstreicht die weltkirchliche Dimension der amerikanischen Erneuerungsbewegung und ihre Einbindung in das Jubiläumsjahr der Hoffnung. Die abschließende Fronleichnamsprozession in Los Angeles, bei der Erzbischof José Gómez die Stadt in alle vier Himmelsrichtungen segnete, wurde zum kraftvollen Symbol: Die eucharistische Gegenwart Christi will alle erreichen, niemand soll ausgeschlossen sein von diesem Segen.

Ausblick: Die Mission geht weiter

Mit der Ankündigung des nächsten Nationalen Eucharistischen Kongresses für 2029 – früher als ursprünglich geplant – zeigt sich: Dies ist keine kurzlebige Begeisterung, sondern der Beginn einer nachhaltigen Erneuerung. Die Initiative der „Eucharistischen Missionare“ trägt die Bewegung in die Gemeinden. Gewöhnliche Katholiken verpflichten sich zu wöchentlicher eucharistischer Anbetung und werden zu Multiplikatoren der Erneuerung. Jason Shanks, Präsident des National Eucharistic Congress, fasst zusammen: „Was wir erlebt haben, war keine abstrakte theologische Übung, sondern eine konkrete, lebendige Begegnung mit Christus.“ Die Tatsache, dass selbst Gegendemonstrationen die Pilger nicht entmutigten, sondern als „unser Kreuzweg“ spirituell integriert wurden, zeigt die Reife dieser Bewegung.

Ein Vorbild für Europa?

Für uns Katholiken in Deutschland stellt sich die Frage: Was können wir von dieser amerikanischen Erneuerungsbewegung lernen? In einer Zeit, in der auch hierzulande über Wege der Kirchenerneuerung diskutiert wird, zeigt die amerikanische Erfahrung: Die Rückbesinnung auf die eucharistische Mitte kann zu einer authentischen Erneuerung führen, die Jung und Alt, verschiedene Kulturen und Traditionen vereint.

Die amerikanische Eucharistische Pilgerreise beweist: Wenn die Kirche mutig zu ihrer sakramentalen Identität steht und diese öffentlich bezeugt, kann sie auch heute Menschen bewegen und begeistern. Ein neues Pfingsten ist möglich – nicht nur in Amerika.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2025
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Menschen, Dämonen und die Rosenkranzkönigin von Pompeji

Eine unmögliche Bekehrung

Am 19. Oktober 2025 wird der Anwalt Dr. Bartolo Longo (1841-1926) durch Papst Leo XIV. heiliggesprochen. In seinem Beitrag schildert Klaus-Hermann Rössler die tiefe Verstrickung Bartolo Longos in Spiritismus und Satanskult. Dabei geht er dem Wesen dieser Phänomene nach und erklärt ihren geistlichen Hintergrund. Dass sich Longo aus diesen Fesseln lösen und einen Weg zur vollkommenen Umkehr finden konnte, ist für Rössler ein Hoffnungszeichen für alle Suchenden und Verirrten unserer Zeit. Dass die Heiligsprechung gerade jetzt stattfindet, ist ein Geschenk der göttlichen Vorsehung, Ausdruck der barmherzigen Liebe des Guten Hirten, der dem verlorenen Schaf nachgeht, bis er es findet.

Von Klaus-Hermann Rössler

In seiner ersten Ansprache nach seiner Wahl zum Papst am 8. Mai 2025 sagte Papst Leo XIV.: „Heute ist der Tag des Bittgebets an die Muttergottes von Pompeji. Unsere Mutter Maria möchte immer mit uns gehen, uns nahe sein, uns mit ihrer Fürsprache und ihrer Liebe helfen.“[1]

Der Bezug zum Marienheiligtum in Pompeji ist bedeutungsvoll, handelt es sich doch um einen weltbekannten Wallfahrtsort, im Namen von dessen Gnadenbild Wunder sogar aus der Ferne berichtet werden. Der Anwalt Dr. Bartolo Longo, der am 11. Februar 1841 in Latiano bei Brindisi geboren wurde und am 5. Oktober 1926 in Pompeji bei Neapel starb,[2] war Initiator und ideeller und materieller Förderer dieses Heiligtums der seligen Jungfrau vom Rosenkranz. Longo war auch der Gründer des „Neuen Pompeji“, einer Stadt östlich der berühmten antiken Ruinen, die sich in der Umgebung des Wallfahrtsortes entwickelt hat. Sein Einsatz für Waisenkinder und Bedürftige machte ihn zu einem Vorbild christlicher Nächstenliebe. Papst Johannes Paul II. sprach ihn am 26. Oktober 1980 selig und würdigte ihn als „Apostel des Rosenkranzes“. Am 19. Oktober 2025 wird er gemeinsam mit sieben weiteren Persönlichkeiten durch Papst Leo XIV. heiliggesprochen. Sein liturgischer Gedenktag bleibt der 5. Oktober. 

Im Folgenden soll seine Bekehrung bzw. Rückkehr zur katholischen Kirche geschildert werden, die – obschon sie völlig unwahrscheinlich verlief – vielleicht gerade deshalb ein Hoffnungszeichen für Suchende auf dem Weg sein kann.

Weg in die Welt des Spiritismus

Prägend in der Kindheit Bartolo Longos, der den Tag seiner ersten Hl. Kommunion als „schönsten Tag seines Lebens“ empfand, war das Internat des Königlichen Collegiums Ferdinandeum der Piaristen in Francavilla Fontana, das er schon mit fünf Jahren ab 1846 besuchte, und der Tod seines Vaters, als er 10 Jahre alt war. Nach glänzendem Abschluss der Schule im Alter von 16 Jahren am 25. Juni 1857 begann er sein Studium mit dem Ziel, Rechtsanwalt zu werden. Er promovierte in Neapel am 12. Dezember 1864. Sein Gebetsleben hörte bald gänzlich auf.

Er nahm an Kundgebungen gegen Papst und Klerus teil und war ganz beeinflusst von der Philosophie Hegels und Renans. Fast alle der führenden Köpfe der nationalen Einigungsbewegung, die den damaligen Kirchenstaat und den Papst selbst als Gegner betrachtete, waren antikirchlich eingestellte Freimaurer.[3] 1861 wurde Guiseppe Garibaldi, der bereits in Montevideo der Freimaurerei beigetreten war, in Neapel in der Loge „Sebezia“ affiliert, die die Bezeichnung einer Großen Mutter-Loge oder eines Großorients von Neapel annahm.[4]

Am 29. Mai 1864 wurde Longo eingeladen zu einer spiritistischen Sitzung unter der Leitung des bekannten Publizisten Federico Verdinois, Journalist, Übersetzer und Romancier des okkult Phantastischen, der ihn in den folgenden Monaten in den Spiritismus einführte.  Zu dieser Zeit erfuhr der Spiritismus, ausgehend insbesondere von den USA und der angelsächsischen Welt, international große Verbreitung. Carl Kiesewetter berichtet in seinem 1891 erstmals erschienenen Werk „Geschichte des neueren Okkultismus“, dass es bereits 1856 zweieinhalb Millionen Anhänger des Spiritismus in den USA gegeben habe und 1870 acht bis elf Millionen in 20 Staaten mit einer großen Anzahl öffentlicher Medien.[5] Neapel spielte international in dieser Hinsicht eine nicht zu unterschätzende Rolle. 1853 wurde Robert Dale Owen, ein bis dahin als philosophischer, nationalökonomischer und sozialistischer Schriftsteller hervorgetretener Publizist, amerikanischer Gesandter in Neapel. Er wurde hier mit dem Spiritismus bekannt – über seine okkulten Erlebnisse in Neapel schrieb er zwei Bücher („Footfalls on the Boundary of Another World“, London 1860, das bis 1891 zehn Auflagen erlebte, und „The debatable Land between this World and the next“, London 1872; bereits vier Jahre später in deutscher Übersetzung: „Das streitige Land zwischen dieser Welt und der nächsten“, Leipzig 1876). 1875 wurde Owen geisteskrank und starb 1877.[6]

Spiritismus umfasst als Sammelbegriff verschiedene weltanschauliche Strömungen und Praktiken wie Magie, Pendeln oder Wahrsagen,[7] was dann als von übernatürlichem Ursprung (Geister) her gedeutet wird (häufig aber auf Betrug zurückzuführen ist). Der Begriff bezeichnet zudem die Beschwörung von Geistern bzw. der Seelen Verstorbener und die Suche des Kontakts mit ihnen durch ein Medium, also jemanden, der für Verbindungen zum übersinnlichen Bereich besonders befähigt ist oder auch durch ein von Teilnehmern benutztes physikalisches Medium (schreibendes Tischchen, Pendel, Gläserrücken) in speziellen Sitzungen.[8] Der Spiritismus ist durch eine ausgeprägte positivistische bzw. szientistische Haltung und durch eine scharfe Ablehnung des traditionellen Christentums charakterisiert.[9] Er will mit empirischen Mitteln Antworten auf das unbewältigte Problem des Todes geben und verheißt Einblicke in die jenseitige Welt.[10]

Bereits der Physiologe, Philosoph und Psychologe Wilhelm Wundt (1832-1920) bezeichnete den Spiritismus daher als eine Form des Materialismus, die sich zwar „spirituell“ nenne und eine Alternative zum herkömmlichen Materialismus sein wolle, aber das Spirituelle materiell vorstelle.[11] Der Spiritismus steht überdies in der Gefahr, den irdischen Bereich gegenüber den Jenseits-Ebenen abzuwerten.[12]

Geisterbeschwörungen stehen im Widerspruch zu der biblischen Lehre von den Letzten Dingen (Lk 16,19-31). Bereits das AT bezeichnet Nekromantie als einen Greuel vor Gott (Dtn 18,11f.). Saul rottet die Totenbeschwörer im Land aus (1 Sam 28,9), sündigt aber dann selbst durch Totenbeschwörung (1 Sam 28,3-20).[13] Die Kirche lehnt daher spiritistische Betätigung und jegliche Teilnahme daran ab (vgl. die Antwort des Hl. Offiziums vom 24. April 1917).[14] Dies hängt nicht zuletzt auch mit den gesundheitlichen Schädigungen zusammen, denen sich Medien und Teilnehmer spiritistischer Sitzungen infolge der Gefahr des Wirklichkeitsverlustes aussetzen können.

Eine Art Suchtfaktor ist ebenfalls ein Risiko: Thomas Mann, der Anfang der 1920er Jahre an einer spiritistisch-okkultistischen Sitzung in München teilgenommen hatte, verabscheute zwar den – wie er später schrieb – „geistigen Pfuhl“, in den er sich dabei begeben hatte, zutiefst. Gleichwohl konnte er der Versuchung kaum widerstehen, das dort Erlebte noch einmal zu verspüren: „Das ist mir ins Blut gegangen, ich kann‘s nicht vergessen. Noch einmal möchte ich, gereckten Halses, die Magennerven angerührt von Absurdität, das Unmögliche sehen, das dennoch geschieht.“[15]

Weihe zum satanistischen „Priester“

In wenigen Monaten wurde Dr. Longo Medium erster Klasse. Er berichtete später, auch zum satanistischen „Priester“ „geweiht“ worden zu sein. Was auf den ersten Blick keineswegs selbstverständlich erscheint – der Schritt vom Spiritismus zum Satanismus, den Longo tat, ist geprägt von einer inneren Logik. Wenn der Gott der Bibel, wie die Kirche ihn verkündet, von einem Individuum kategorisch abgelehnt wird – und da ein Ersatz für Gott in der Philosophie nicht gefunden werden kann –, erscheint es durchaus plausibel, dass Gott durch das Individuum selbst ersetzt werden soll. Das Motiv der Selbstermächtigung ist bereits maßgeblich für die Geisterbeschwörung. Die so erlangte scheinbare Kenntnis des Jenseits verspricht die Möglichkeit zur Selbsterlösung. Wer aber sein will wie Gott, wer sein eigener Gott sein und sich selbst von den Beschränkungen in dieser Welt ganz aus eigenem Willen erlösen will, der muss sich letztendlich, um seinem eigenen Anspruch gerecht zu werden, auf die übernatürlichen Kräfte stützen wollen, die nicht von Gott kommen können. Und diese Kräfte sind nichts anderes als die Macht Satans – auch wenn Satanisten häufig sich paradoxerweise als Materialisten, die letztlich nur an Naturkräfte glauben, ausgeben. Sie stellen sich zumeist nicht die Frage, wie es Naturkräfte sein können, die eine natürlich oder wissenschaftlich gerade nicht nachvollziehbare Wirkung entfalten sollen und warum diese in der Beschwörung personalisiert oder zumindest gezielt angerufen werden müssen, um sie sich dienstbar zu machen. Magie besteht ja gerade immer darin, aus Eigenwillen das Unmögliche erreichen zu wollen, indem Logik und Vernunft von externen, klandestinen Kräften entmachtet werden.

Trotz jahrzehntelanger parapsychologischer Forschung gibt es keine allgemein akzeptierten naturwissenschaftlichen Erklärungen okkulter Phänomene, sofern sie echt sind. Das Bestreben, Vernunft und Liebe zugunsten einer vollkommenen Freiheit, zugunsten eines entfesselten Eigenwillens, auszuschalten, ist gerade die durchgängige irrationalistische Methode des Satanismus, der nicht selten in Abhängigkeit von Suchtmitteln und Wahnsinn endet.

Auf die Frage, ob Gespenster existieren (die ja für den Spiritismus konstitutiv sind) antwortete 2013 der wohl bekannteste Exorzist Don Gabriele Amorth, der nach eigenen Angaben rund 70.000 Exorzismen durchgeführt hat und 1994 zum Präsidenten der Internationalen Vereinigung der Exorzisten gewählt worden war: „Nein, sie sind eine reine Erfindung, oder dann Masken und Verkleidungen des Teufels, der sich in der Gestalt von sogenannten Gespenstern oder „Geistern“ anschaulich zu erkennen geben will. Es gibt nur Engel, Dämonen und Menschen.“[16] Er schloss allerdings nicht aus, dass sich Dämonen manche Seelen der Verdammten in der Hölle für Angriffe auf Menschen im Erdenleben zum Instrument machen. Seine Sichtweise schließt somit jedoch echte Begegnungen mit Verstorbenen durch den Spiritismus in allen Fällen aus. Spiritistische Sitzungen sind nach seiner Erfahrung aber häufig Auslöser von leidvoller Besessenheit. Bindungen an den Satan, die oft schreckliche Leiden verursachen, können nach seiner Erfahrung nicht nur infolge ahnungslos begangener leichtsinniger Handlungen oder durch den Willen anderer Personen entstehen, sondern auch auf eigenen Entschluss: dazu gehören „die Weihe an den Satan, der Blutpakt mit ihm, die Teilnahme an satanischen Kulten oder der Besuch satanischer Schulen …, um Satanspriester zu werden.“[17] Den Angaben Dr. Longos, er sei zum satanistischen „Priester“ „geweiht“ worden, kann durchaus Authentizität zugemessen werden.

Bevor diese Zeremonie stattfand, musste er streng fasten. Zusätzlich musste er einen hypnotischen Schlaf durchmachen. Er schlief in der Folge immer weniger. Darunter litt sein allgemeiner und nervlicher Gesundheitszustand ganz erheblich. Noch jahrelang hatte er mit Angstzuständen und Depressionen, zeitweise sogar mit Selbstmordgedanken, zu kämpfen.

Das große Gnadenwunder der Bekehrung

Ein ehemaliger Lehrer am Gymnasium und Freund Longos, Vincenzo Pepe, dem er einen Besuch abstattete, war erschrocken über den Zustand seines ehemaligen Schülers („Bist du es wirklich, Bartolo? Du siehst ja aus wie ein Gespenst!“). Dr. Longo vertraute ihm an: „Ich will … die Priester und Ordensschwestern zu meiner neuen Religion bekehren gegen die Katholische Kirche“. Und: „Wenn wir nur von Teufeln geleitet würden, wäre es leichter; aber wir sind Tag für Tag auch vom Erzengel Michael begleitet. Der Kampf hat nicht aufgehört!“ Pepe antwortete: „Du landest noch im Irrenhaus! Kehr um! Es ist höchste Zeit!“  Pepe gelingt es, Longo das Versprechen abzuringen, sich einem Priester anzuvertrauen und zu beichten.

Am 27. Mai 1865 gab Longo in einer spiritistischen Sitzung plötzlich dem Verlangen Raum, das Antlitz des von ihm verehrten, verstorbenen Königs Ferdinand II. von Sizilien zu sehen. Als er ihn tatsächlich sah, wurde er tief ergriffen, weil damit die Erinnerungen an seine Kindheit, an Vater und Mutter und ein nicht mehr gekanntes Heimweh geweckt wurden. Es kam ihm der Wunsch, vom Geist zu verlangen, er möge ihm die Schrift seines Vaters zeigen. Als er die Schriftzüge seines Vaters vor sich sah, fing er spontan an, für seinen Vater zu beten. In der darauffolgenden Nacht war es ihm, als liefe seine Mutter um sein Bett herum, ihn innig bittend, er möge zum Glauben zurückkehren. Damit fiel sein Entschluss, das Versprechen an Pepe umzusetzen und zu seinem zukünftigen Beichtvater, Dominikanerpater Alberto Radente, in die Rosenkranzkirche in Porta Medina zu gehen. Es hatte aber ein volles Jahr gebraucht, bis Bartolo diesen Schritt in den Beichtstuhl tat.

Am 23. Juni 1865 empfing Dr. Bartolo Longo seine erste heilige Kommunion nach seiner Beichte und Bekehrung. Viele Jahre später schrieb er über diesen Tag: „An jenem unvergesslichen Tag wirkte Maria, die Zuflucht der Sünder, die Königin der himmlischen Rosen, ein großes Gnadenwunder an der Person jenes Sünders. Durch die Großherzigkeit und das Erbarmen, das nur Gott kennt, wurde gerade dieser böse Mensch erwählt. Ihn bestimmte er zur Verkündigung seiner Herrlichkeit durch die Gründung eines Heiligtums, wo andere Sünder Verzeihung und Frieden finden können.“ Das erste Stoßgebet, zu dem der Dominikanerpater Radente Dr. Longo anhielt, war aus der „Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen entnommen und lautete: „Herr, drehe mich und wende mich so viel, wie Du willst. Dein Diener ist bereit.“

Unter der Anleitung von Pater Radente begann Longo wieder den Rosenkranz zu beten. In dem von der 2001 seliggesprochenen Caterina Volpicelli gegründeten Kloster der „Dienerinnen des heiligsten Herzens Jesu“ hatten einige Teilnehmer eines Gebetskreises, die Longo kannten, während seiner Zeit als Spiritist für ihn einen Gebetskreuzzug gehalten.

Er ging noch einmal in eine spiritistische Séance, aber nur, um das Mitgliedszeichen zurückzugeben.

„Wer den Rosenkranz verbreitet, wird gerettet“

Longo tat Dienst im Spital der Unheilbaren und traf hier den seit elf Jahren gelähmten Priester Luigi Avellino, der mit den Kranken den Rosenkranz betete. Hier wurde ihm seine Aufgabe der caritativen Hilfe und Mission durch den Rosenkranz als einheitliche Berufung bewusst. Er trat am 7. Oktober 1871, dem Tag des Rosenkranzfestes im Liturgischen Kalender, unter Weihe seines gesamten Lebens an Maria dem Laienorden des heiligen Dominikus bei, erhielt den Ordensnamen Bruder Rosario (Rosenkranz) und widmete sich fortan der Förderung des Rosenkranzgebets.

Es war im Oktober 1872, als er erstmals die verödete Gegend des Valle di Pompeji, südlich von Neapel, bereiste, eine durch Armut, okkulte Praktiken und religiöse und kulturelle Bildungsferne der Bauernfamilien geprägte kriminelle No-go-Area der damaligen Zeit. In der Einsamkeit Pompejis holt Longo seine Vergangenheit wieder ein und er hat Selbstmordgedanken, da er meint, dass die vollzogene Satansweihe unumkehrbar sei. Da erinnert er sich an die Worte von P. Radente: „Wenn du gerettet werden möchtest, verbreite den Rosenkranz. Es ist das Versprechen Mariens: Wer den Rosenkranz verbreitet, wird gerettet.“ Später wird er bezeugen: „Ich warf mich dann mit Tränen in den Augen auf die Erde. In meiner Aussichtslosigkeit erhob ich mein Gesicht und meine Hände zur himmlischen Jungfrau und schrie: ‚Wenn es wahr ist, dass du dem hl. Dominikus versprochen hast, wer immer deinen Rosenkranz verbreite, werde gerettet, dann werde ich gerettet, denn ich werde Pompeji nicht mehr verlassen, bevor ich deinen Rosenkranz verbreitet habe.“

Diesem Versprechen blieb er ein Leben lang treu. In der halb verfallenen Kirche des Tales wollte er auf eigene Kosten der Muttergottes als Königin des Heiligen Rosenkranzes einen Altar errichten, übernahm dann aber den Vorschlag des Bischofs von Nola, „nicht nur einen Altar, sondern eine neue Kirche zu bauen“, die schließlich am 8. Mai 1887 eingeweiht werden konnte.

Das Gnadenbild der Kirche wurde bereits am 13. Februar 1876 zur Verehrung aufgestellt. Schon am ersten Tag der öffentlichen Verehrung geschieht das erste Wunder vor dem Rosenkranzbild: nach einer neuntägigen Andacht vor dessen Aufstellung wird das schwer erkrankte 12jährige Mädchen Clorinda, das die Ärzte nicht heilen konnten, geheilt. Vom 15. Februar 1876 bis zum Fest des hl. Josef, dem 19. März, also etwa in einem Monat, geschahen acht wunderbare Heilungen. Bereits 1885, also innerhalb von gut zehn Jahren, wurden 940 Heilungen verzeichnet.

Im Jahre 1884 ereigneten sich zwei Marienerscheinungen. Bei der zweiten Erscheinung der Gottesmutter empfing das junge Mädchen Fortuna Agrelli ihre Verheißung: „Wer immer Gnaden von mir erbitten will, halte drei Novenen mit dem Gebet des Rosenkranzes und drei Novenen zur Danksagung.“ Bis heute gibt es zahllose Gebetserhörungen durch diese Novene, welche in vielen Ländern verbreitet ist.

Der unwahrscheinliche Vorgang der Bekehrung Bartolo Longos vom Satanisten zum lebenslangen Diener der Rosenkranzkönigin zeigt exemplarisch: Wer ehrlich nach dem Sinn des Lebens und nach Erfüllung sucht, muss sich als in allem der Gnade Gottes bedürftig erkennen. Die Tatsache, dass er sich aus der fatalen Verstrickung in zerstörerische Kräfte lösen konnte, lässt sich – nach allem, was wir wissen – nur durch sein eigenes Gebet und das anderer Gläubiger, insbesondere aber mit seiner entschlossenen Hinwendung zur Gottesmutter erklären, dem Urbild der Kirche, die als Braut des Heiligen Geistes alle Gnaden von Gott empfangen hat und als Mittlerin den Menschen, die darum bitten, weitergibt.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2025
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[1] www.t-online.de/nachrichten/panorama/id_100713540/papst-leo-xiv-erste-rede-im-wortlaut-ansprache-sendet-klare-signale.html aufgerufen am 28.8.2025.

[2] Eine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Biographie über Dr. Bartolo Longo scheint bislang nicht vorzuliegen. Im Folgenden werden ohne Einzelnachweis wörtlicher Übernahmen folgende biographische Darstellungen benützt: Ann M. Brown: Apostle of the Rosary: Blessed Bartolo Longo, New Hope Publications, 2004, Ida Lüthold-Minder: Die Rosenkranzkönigin von Pompei und ihr Advokat Bartolo Longo, Parvis Verlag, Hauteville 1981 (2. Auflage 1993) – hier sind auch die Rosenkranznovene und Gebete zur Rosenkranzkönigin abgedruckt; ferner www.oessh.va/content/ordineequestresantosepolcro/de/la-chiesa/notizie-dalla-chiesa-universale/il-beato-bartolo-longo.html aufgerufen am 29.8.2025, de.catholicnewsagency.com/news/9292/wie-ein-uberzeugter-satanist-zum-apostel-des-rosenkranzes-wurde – und Artikel „Bartolus Longo (1841-1926). Gründer des Heiligtums von Pompei und der angeschlossenen karitativen Einrichtungen“, in: Andreas Resch: Die Seligen Johannes Pauls II. 1979 - 1985, Innsbruck, Resch, 2000, www.imagomundi.biz/bartolo-longo/ abgerufen am 29.8.2025; ansonsten s. auch Einzelnachweise.

[3] Artikel „Italien“, Abschnitt „Risogimento“, in: Eugen Lehnhoff/Oskar Posener/Dieter A. Binder: Internationales Freimaurer Lexikon, München 2006.

[4] Ebd.

[5] Carl Kiesewetter: Geschichte des neueren Okkultismus. Geheimwissenschaftliche Systeme von Agrippa von Nettesheim bis zu Carl du Prel, neu gesetzte Ausgabe nach Vorlage der Ausgabe Leipzig 1891-1895, Wiesbaden 2007, S. 387.

[6] Ebd., S. 391.

[7] S. Anm. 13.

[8] Definitionen von Oxford Languages: languages.oup.com/google-dictionary-de/ aufgerufen am 29.8.2025 und s. Anmerkung 12.

[9] de.wikipedia.org/wiki/Spiritismus aufgerufen am 30.8.2025, Abschnitt „Spiritismus als Religion“.

[10] S. Anm. 13.

[11] S. Anm. 10, Abschnitt „Ausbreitung“.

[12] S. Anm. 13.

[13] Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen Berlin, www.ezw-berlin.de/publikationen/lexikon/spiritismus/ aufgerufen am 1.9.2025.

[14] Denzinger, Nr. 3642.

[15] Thomas Mann: Okkulte Erlebnisse, in: Ders.: Essays II. 1914-1926, hrsg. und text-kritisch durchgesehen von Hermann Kurzke (= Thomas Mann: Große kommentierte Frankfurter Ausgabe, Bd. 15,1), Frankfurt a.M. 2002, S. 652, zit. nach Klaus Große Kracht: Vom Tischrücken zur ethischen Religion? Zur Unterscheidung der Geister im Spiritismus des 19. Jahrhunderts, in: Hubert Wolf (Hg.): „Wahre“ und „falsche“ Heiligkeit: Mystik, Macht und Geschlechterrollen im Katholizismus des 19. Jahrhunderts, Schriften des Historischen Kollegs, 90, Berlin-Boston, De Gruyter Oldenbourg, 2013, S. 149-166. doi. org/10.1515/9783110446807-013

[16] Memoiren eines Exorzisten: Mein Kampf gegen Satan. Gabriele Amorth im Gespräch mit Marco Tosatti, Kißleg, 4. Auflage 2016.

[17] Gabriele Amorth: Neue Berichte eines Exorzisten, Stein am Rhein 2. Auflage 2000, S. 130. 

Programmdirektor Kocher macht den Bischöfen von Afrika ein Angebot

Radio Maria – Stimme des Friedens

Am 1. August 2025 durfte Pfarrer Dr. Richard Kocher, Programmdirektor von Radio Horeb, bei der Generalversammlung der Präsidenten der nationalen Bischofskonferenzen Afrikas eine Ansprache halten. Darin präsentierte er das Ziel von Radio Maria, mit seinem Rundfunkangebot so bald wie möglich den gesamten Kontinent abzudecken. Bislang ist das Radio vor allem in der Mitte Afrikas präsent. Im muslimisch geprägten Norden sowie im Süden ist es schwieriger, Fuß zu fassen. Pfarrer Kocher hat den Bischöfen vor allem finanzielle Unterstützung in Aussicht gestellt und auf den sog. „Mariathon“ verwiesen. In der Vergangenheit kam dieser „Spendenmarathon der Nächstenliebe“ größtenteils dem afrikanischen Kontinent zugute. Allein in den vergangenen fünf Jahren wurden im Rahmen dieser Aktion über 20 Millionen Euro gesammelt. Nachfolgend die englisch gehaltene Ansprache von Dr. Kocher in deutscher Übersetzung.

Von Richard Kocher

Ihre Eminenzen, Ihre Exzellenzen, Brüder und Schwestern! Mein Name ist Richard Kocher. Ich komme aus Deutschland und bin Direktor von Radio Horeb in Deutschland. Ich bin auch Gemeindepfarrer und habe die Gründung des Radiosenders vor 30 Jahren miterlebt. Heute ist er mit 70 Mitarbeitern und mehr als 1000 Freiwilligen ein bedeutsamer Sender. 29 Jahre lang war ich Vorstandsvorsitzender. Und ich glaube, ich weiß, wie Radio Maria funktioniert.

Das Radio kann die Kultur einer Nation verändern

Wir sind hier, um Ihnen ein Angebot zu unterbreiten. Im Einladungsschreiben von Kardinal Ambongo ist zu lesen, dass auf dem Hintergrund der Kriege und Konflikte ein großer Bedarf, eine große Sehnsucht nach Frieden besteht. Und ich bin sicher, dass Radio Maria viel zum Frieden beitragen kann. In Afrika ist es als „Stimme des Friedens“ bekannt. Ich bin überzeugt, dass Radio Maria, wie es in der Vergangenheit bewiesen hat, die Kultur einer Nation verändern kann. Wir haben dies in Deutschland erlebt. Und wir haben es in vielen anderen Nationen gesehen. Das Radio hat die Kraft, die Kultur den Werten des Evangeliums entsprechend zu verändern.

Die Geschichte unseres Radiosenders ist für Sie jetzt nicht so wichtig. Nur so viel möchte ich anmerken, dass wir in Deutschland jede nur erdenkliche Schwierigkeit zu überwinden hatten. Wir konnten keine Ka-bel-Lizenz erwerben, geschweige denn eine Satelliten-Lizenz, auch keine UKW-Lizenz. Nur Verrückten konnte es in den Sinn kommen, Radio Maria in Deutschland zu gründen. Erst nach 16 Jahren erhielten wir die deutschlandweite Lizenz, die digitale Lizenz, die das ganze Land abdeckt.

Explosionsartige Entwicklung beim Mariathon 2016

Danach setzte eine regelrechte Explosion ein und das geschah insbesondere 2016 während des „Mariathons“. Ein „Maria-thon“ in Deutschland dauert nur drei Tage lang und dabei sind die Menschen sehr großzügig. In Deutschland haben sie uns in den letzten fünf Jahren mehr als 20 Millionen Euro gespendet. Und fast jeder Euro ging nach Afrika. Im Jahr 2016 haben wir mit diesem Geld die Satelliten-Lizenz und das Radio-Studio in Kibeho erworben. Seitdem verbreitet sich die Botschaft Unserer Lieben Frau von Kibeho in unserem ganzen Land und darüber hinaus. Und wir bezahlen jedes Jahr die Kosten für einen Satelliten, um durch Radio Maria alle Länder Afrikas zu vereinen und ihnen die Möglichkeit zu geben, Informationen auszutauschen. Das ist sehr wichtig.

Auf dieser Karte hier sehen Sie nun die Verbreitung von Radio Maria weltweit. Unter diesen gibt es ein Land, das wirklich ein Wunder darstellt. Welches Land ist das? Es ist China, ein Land, in das es fast unmöglich ist hineinzukommen. Wir hatten die offizielle Erlaubnis der Kommunistischen Partei erhalten, nach China zu kommen. Und das Ergebnis war eine Explosion. Hunderte, Tausende, ja Millionen von Menschen schalteten sich zu und hörten Radio Maria in China. Als die Kommunistische Partei erkannte, was sie damit ausgelöst hatte, schaltete sie den Sender wieder ab. Wir beten und ich bitte Sie: Beten Sie mit uns! Auch ich bete jeden Tag, dass wir in China wieder anfangen können. Sie sehen, dass Wunder geschehen.

Unser Ziel ist die Abdeckung von ganz Afrika

Der nächste Punkt ist unsere Abdeckung von Afrika. Ein Bischof aus Uganda sagte, wir brauchen konkrete Ziele. Unser Ziel hier in Deutschland ist es, und Kardinal Ambongo war vor zwei Monaten bei uns in der Zentrale von Radio Horeb und er war erstaunt zu hören, dass unser Ziel darin besteht, innerhalb der nächsten fünf Jahre alle Nationen südlich der Sahara mit Radio-Maria-Stationen auszustatten. Sie sollen, wenn sie es wollen, Radio Maria empfangen können. Wir kommen nur, wenn die Bischöfe es wollen, wenn die Bischöfe auf uns zukommen und sagen: Wir wollen das Radio. Sonst kommen wir nicht.

Unser Radiosender lebt allein von den freiwilligen Spenden der Leute. Wir akzeptieren keine kommerzielle Werbung. Das war am Anfang in Deutschland sehr schwer. Aber selbst in schwierigen Zeiten haben wir keine Werbung gemacht, weil wir nicht wollen, dass nach der heiligen Messe jemand sagt: „Bitte kauft eine Cola oder ein Sandwich!“ Ich denke, das passt nicht zu unserem Programm.

Der muslimische Präsident von Nigeria hat die Erlaubnis unterschrieben

Hier ist zu sehen, wo wir eine gute, eine weniger gute oder überhaupt keine Abdeckung durch Radio Maria haben. Deshalb sind Namibia, Botswana, Zimbabwe und Südafrika unsere Ziele für das nächste Jahr. Aber nicht nur diese Länder, auch der Norden ist schwer zu erreichen, weil es islamische Nationen sind. Aber man kann auch wie in Deutschland mit sozialen Medien und dem Internet beginnen. Es ist möglich. Fangen Sie einfach an und Sie werden sehen, dass es vorangeht, wie in Nigeria, wo sich viele Priester und Bischöfe beteiligen wie zum Beispiel der Erzbischof aus Kaduna. Viele waren bei uns, bereits vier Kardinäle sind zu uns gekommen.

Der Präsident von Nigeria ist Muslim und trotzdem hat er die Erlaubnis unterschrieben. Seitdem wird Radio Maria in Nigeria ausgestrahlt. Es verbreitet sich auch in Tansania. 90% der Nationen sind abgedeckt. Wir haben eine sehr gute Präsenz, auch in Malawi und in der Demokratischen Republik. Und ich habe Kardinal Ambongo versprochen, als er in Balderschwang war, dass wir jetzt 16 von 84 Diözesen abdecken und dass er das Material für die nächsten fünf Diözesen bekommen wird. Und wir werden nicht aufhören, bis wir eine 100%ige Abdeckung in der Republik Kongo haben, damit Sie, wenn Sie bei Radio Maria in das Mikrofon sprechen, vom Atlantik bis nach Bukavu und Goma gehört werden können.

Unsere Zuhörer sind von den Berichten aus Afrika zu Tränen gerührt

Wir haben den Programmdirektor auf Sendung gebracht. Ich habe ihn vor zwei Tagen in Bukavu getroffen und er hat uns von dem Leid der Menschen hier erzählt. Es ist wichtig, dass wir direkt mit den Menschen, mit dem Volk und diesen leidenden Ländern in Kontakt gekommen sind. Und sie haben erzählt, was in ihrem Land passiert. Die Menschen und unsere Zuhörer haben geweint, als sie hörten, was hier vor sich geht. Es hat sie dazu bewogen, Geld zu spenden und zu beten. Und ich hoffe, dass das auch unsere Politiker hören und schließlich sagen können, dies habe ihre Herzen geöffnet.

Deshalb machen wir weiter. Denn der Radiosender wurde nicht gegründet, weil Menschen das wollten. Der ehemalige Präsident von Radio Maria war Emanuele Ferrario. Viele von Ihnen kennen ihn. Im Jahr 1987 hat ihm die Mutter Gottes eine prophetische Eingebung geschenkt: Nehmt euch dieser Sache an, verbreitet Radio Maria auf der ganzen Welt und es wird nie an Geld mangeln! Und so ist es eine Inspiration der Mutter Gottes.

Wir glauben an die biblische Vision einer erlösten Welt

Papst Franziskus war völlig davon überzeugt, dass wir den Lauf der Geschichte ändern können. Er kann und muss geändert werden. Wir glauben, dass die biblische Vision einer erlösten Welt, wie sie die Propheten gesehen haben, keine bloße Utopie ist, sondern eine erreichbare Realität. Wir können den Lauf der Geschichte ändern. Und wir glauben auch, dass es nur engagierte Menschen braucht, um diese Vision in die Realität umzusetzen.

Ich habe ein Wort, nach dem ich lebe: Wenn etwas nicht möglich ist, dann machen wir es möglich. Ja, wenn etwas nicht möglich ist, dann machen wir es möglich! Wir kämpfen, bis wir unser Ziel erreicht haben. Und der Weg ist Myrrhe, Weihrauch und Gold, das sind die drei Gaben der heiligen drei Könige, die aus dem Osten gekommen sind. Und so glauben wir, dass Opfer, Gebet und Spenden der Weg sind, um die Dinge voranzutreiben.

Das Charisma von Radio Maria

Das Charisma von Radio Maria lässt sich an fünf Punkten festmachen: die göttliche Vorsehung, die Lehre der Kirche, die Gottesmutter Maria, die missionarische Spiritualität und das Ehrenamt. Damit möchte ich schließen. Wir sind keine Vertreter der Weltfamilie von Radio Maria. Das ist Jean Paul Kayihura. Er ist hier hinten. Wenn Sie Hilfe brauchen, damit ein Nationaler Rundfunk zu Ihnen kommt, dann gehen Sie auf ihn zu!

Was wir schließlich noch von Ihnen brauchen, sind gute Priester, die gute Programmdirektoren sind. Das ist die entscheidende Person. Er muss in der Lage sein, ein Team zu leiten. Er muss ein guter Sprecher sein und Zuhörer inspirieren. – Und wir brauchen Frequenzen, aber ich denke, wir können Ihnen finanziell helfen, um den Radiosender voranzubringen. Vielen Dank.

Weitere Informationen und Bilder zu der Afrikareise können Sie abrufen unter www.horeb.org/programm/news-beitraege/details/news/pfr-kocher-zu-besuch-bei-den-afrikanischen-bischoefen/

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2025
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Kardinal Sarah zum Buch „Sakramentalien“ von Prof. Weimann

An Gottes Segen ist alles gelegen

Die Sakramentalien gehören zum Gnadenschatz der Kirche. Schutz und Befreiung vom Bösen, Heilung, Stärkung sowie viele andere Gnaden können durch sie erlangt werden. Da das Wissen über die Sakramentalien bei vielen Menschen verloren gegangen ist, möchte Prof. Dr. Dr. Ralph Weimann mit dem vorliegenden Buch Abhilfe schaffen.[1] Ausgehend von einer theologischen Begründung beleuchtet er zunächst die Grundlagen für das Verständnis von Weihen, Segnungen, Exorzismen und heiligen Gegenständen. Anschließend stehen pastorale Überlegungen im Mittelpunkt, die für das Glaubensleben und die Katechese notwendig sind. Konkret geht er u.a. auf die Bedeutung und geistliche Kraft der Anrufung des Namens Jesu und des Kreuzzeichens ein, auf die antidämonische Wirkung von Exorzismen und wie und wann sie verwendet werden können. Die Gnaden, die von der Marienweihe, der Wundertätigen Medaille und der Benediktusmedaille ausgehen, werden ebenso erläutert wie die Bedeutung und Verwendung von Weihwasser.

Von Robert Kardinal Sarah

Das Buch von Ralph Weimann – Sakramentalien. Gnadenschatz der Kirche – füllt eine Lücke in der theologischen Forschung und ist ein lang erwartetes Desiderat, das nun auch in deutscher Sprache zugänglich ist.[2] Als Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung ist mir deutlich geworden, dass die Sakramentalien oft vernachlässigt werden, sei es, weil eine theologische Begründung fehlt oder weil eine Erklärung nur defizitär vorhanden ist. Der Katechismus der Katholischen Kirche bekräftigt ausdrücklich, dass „die heilige Mutter Kirche Sakramentalien eingesetzt [hat]. Diese sind heilige Zeichen, durch die in einer gewissen Nachahmung der Sakramente Wirkungen, besonders geistiger Art, bezeichnet und kraft der Fürbitte der Kirche erlangt werden. Durch diese Zeichen werden die Menschen bereitet, die eigentliche Wirkung der Sakramente aufzunehmen; zugleich wird durch solche Zeichen das Leben in seinen verschiedenen Gegebenheiten geheiligt“ (Nr. 1667). Trotzdem kommt es nicht selten vor, dass selbst Priester und Ordensleute sich bei der Spendung der Sakramentalien nicht auskennen.

Don Weimann ist es mit seiner Publikation gelungen, diese Lücke zu schließen. Sein Buch bietet nicht nur eine hervorragende theologische Grundlegung aus einer sakramental-theologischen Perspektive, sondern zusätzlich eine praktische und pastorale Hinführung, die für jeden Priester, Diakon oder Laien grundlegende Orientierung bietet. Um zu veranschaulichen, welche Bedeutung diesem neuen Buch Sakramentalien zukommt, soll an dieser Stelle ein kurzer Überblick über dessen Inhalt gegeben werden.

Der Autor beschreibt zunächst, wie sich die Sakramentalien in der Tradition der Kirche entwickelt haben. Wegen ihrer geistlichen Wirkkraft waren sie bei den Gläubigen stets beliebt; in der Neuzeit kommt es jedoch zur Krise der Sakramentalien, die sich durch den Rationalismus verschärft. Vor diesem Hintergrund stellt sich mit großer Dringlichkeit die Frage nach einer rechten Hermeneutik, denn es geht um die Interpretation und das Verständnis von Sakramentalien. Don Weimann greift diese Schwierigkeiten auf und zeigt den einzig theologischen Ausweg, die Bedeutung der Sakramentalien zu erschließen: durch eine Hermeneutik der Reform in Kontinuität mit der Tradition der Kirche. Auf diese Weise wird jener Dualismus überwunden, der einen Keil zwischen „natürlich“ und „übernatürlich“ treibt; dabei werden vielmehr beide Dimensionen in der Dualität des Seins zusammengeführt. Dementsprechend können Antworten gegeben werden, die sowohl dem Anspruch der Vernunft als auch der Offenbarung gerecht werden. Diese notwendige Vorentscheidung macht es möglich, die theologische Natur von Sakramentalien zu erschließen. Es wäre sehr zu wünschen, dass auch andere Autoren auf diesem Weg folgen, um die Größe und Schönheit des Glaubens im Hinblick auf die Sakramentalien zu ergründen und zu erklären.

Der Autor erklärt das theologische Konzept der Sakramentalien, wobei er bereits zu Beginn eine wichtige Unterscheidung vornimmt. Nachdem die Bedeutung der „heiligen Zeichen“ und „sakramentalen Handlungen“ erklärt wurde, benennt Don Weimann vier Kategorien von Sakramentalien. Dazu zählt er Segnungen, nicht sakramentale Weihen, Exorzismen und heilige Gegenstände/Orte. Auch wenn es keinen allgemeinen Konsens über diese Kategorien gibt, so erweist sich diese Aufteilung als äußerst wertvoll, weil sie eine nähere theologische Bestimmung erlaubt. Die daraus folgende theologische Differenzierung im Hinblick auf die Sakramentalien ist auch deshalb eine lohnende Lektüre, weil sie zum einen aus der Heiligen Schrift und der Tradition schöpft und zum anderen der durch die Erbsünde belasteten Natur des Menschen ausreichend Raum gibt, um so einen realistischen Blick auf das menschliche Leben zu werfen. Aus diesem Grundverständnis katholischen Glaubens heraus wird deutlich, warum Sakramentalien notwendigerweise apotropäische Elemente enthalten müssen, d. h. Handlungen oder Gebete, die den Einfluss Satans abwehren sollen. In seinem theologisch fundierten Kommentar dazu geht Don Weimann von der Menschwerdung als zentralem Moment des christlichen Glaubens aus unter Berücksichtigung der ekklesiologischen und liturgischen Dimension der Sakramentalien. Sie berühren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, was sich auf andere Weise auch in der trinitarischen Struktur widerspiegelt; so wird die Schöpfung durch die Gnade erhoben.

Daran schließt sich eine Erklärung über die Spendung und die geistliche Wirkung der Sakramentalien an. Das Prinzip ex opere operantis Ecclesiae (durch das Handeln und Beten der Kirche) ist Schlüssel für das theologische Verständnis und markiert den wesentlichen Unterschied gegenüber den Sakramenten, die ex opere operato wirken (durch die bloße Tatsache, dass der Ritus vollzogen wird). Daher ist die bewusste, tätige und fruchtbare Teilnahme (participatio actuosa) bei der Spendung der Sakramentalien von besonderer Bedeutung, weil deren geistlichen Früchte auf dem Mitvollzug eines lebendigen Glaubens beruhen, sodass folglich sowohl die Haltung des Spenders als auch des Empfängers von besonderer Wichtigkeit sind.

Auch der liturgischen Formel kommt eine innewohnende Wirksamkeit zu, vor allem wenn sie sich in den Fluss der lebendigen Tradition einreiht. Weil bei der „Erneuerung“ der Sakramentalien dieses Prinzip leider nicht immer berücksichtigt worden ist, verdienen die von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. geäußerten Anregungen zu einer „Reform der Reform“ besondere Aufmerksamkeit. Heilige Zeichen und Rituale werden nicht am Schreibtisch erfunden und sind nicht Werk akademischer Anstrengung, vielmehr sind sie Ausdruck des lebendigen Glaubens der Kirche, wie er durch Schrift und Tradition zu uns kommt. Und doch hängen die geistlichen Früchte nicht nur von der fürbittenden Kraft der Kirche ab, sondern auch von der Heiligkeit des Spenders und Empfängers. Das Leben der Heiligen verdeutlicht dies auf eindrückliche Weise.

Diese theologisch fundierten Ausführungen leiten zum zweiten Teil des Buches über: „Pastorale Erwägungen“. In diesem Abschnitt erläutert Don Weimann, welche geistlichen Wirkungen durch die Anrufung des Namens Jesu Christi erzielt werden können, die sowohl imperativ als auch deprekativ erfolgen kann. Daran schließen sich wichtige Erklärungen zu den heiligen Zeichen an, unter denen das Kreuzzeichen hervorgehoben werden muss. Es ist das Zeichen der Erlösung, des Triumphes über Sünde und Teufel, weshalb es bei keiner Segnung je fehlen darf. Dies zeigt sich auch in geistlichen Wirkungen der Reinigung, Befreiung und Heiligung, die durch den rechten Gebrauch dieses heiligen Zeichens hervorgerufen werden.

Es ist das besondere Verdienst Don Weimanns, dem Thema „Exorzismen“ einen ausreichenden Rahmen gegeben zu haben. Dieses delikate Thema wird leider nicht selten vernachlässigt, sodass selbst Priester gewöhnlich nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie mit präternatürlichen Dingen konfrontiert werden. In Anlehnung an die Internationale Vereinigung der Exorzisten und die von diesen Experten herausgegebene Orientierungshilfe gelingt es dem Autor, auch auf diesem Gebiet eine Lücke zu schließen und wertvolle Orientierung zu bieten. Denn neben einer gewöhnlichen dämonischen Wirkweise gibt es auch eine außergewöhnliche. So unterschiedet man zwischen Infestationen, Umsessenheit, Obsessionen und der Besessenheit. Dabei bleibt Don Weimann nicht bei einer Beschreibung dieser äußerst störenden Phänomene stehen, sondern zeigt auch einen Weg auf, wie diese zu beseitigen sind. Ausgehend von Texten des kirchlichen Lehramts werden wichtige Unterscheidungen getroffen. Weil Jesus Christus ontologisch im Priester gegenwärtig ist, vermag jeder Priester bei den meisten dieser Phänomene Abhilfe zu leisten – vorausgesetzt er ist entsprechend kundig und vorbereitet. Dies ist eine besondere Stärke des vorliegenden Buches und sollte daher einen festen Platz in der Ausbildung der Priester und Seminaristen bekommen.

Schließlich werden die kirchlichen Segnungen in den Blick genommen, wobei zwischen der Segnung und nicht sakramentalen Weihe von Personen, Gegenständen und Orten unterschieden wird. Dabei wird die damit verbundene geistliche Wirkung aus sakramental-theologischer Perspektive beleuchtet und dargelegt. Es zeigt sich, warum „an Gottes Segen alles gelegen“ ist und wie er fruchtbar im Leben der Gläubigen wird.

Wie die Sakramente sind auch die Sakramentalien der Kirche anvertraut, um allen auf ihrem Weg zu Gott zu helfen. Da von ihnen große Gnaden ausgehen, sollten vor allem Priester – und bis zu einem gewissen Grad auch Laien, wie in diesem Buch ebenfalls deutlich beschrieben – großzügig von ihnen Gebrauch machen.

Die Sakramentalien haben zu allen Zeiten eine große Bedeutung für den Glauben, aber besonders in unserer Zeit sind sie wichtig. Es ist das Verdienst von Don Ralph Weimann, ihre Bedeutung in seinem Buch neu erschlossen zu haben und uns allen einen Schlüssel zu ihrem Verständnis anzubieten.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2025
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[1] Ralph Weimann: Sakramentalien. Gnadenschatz der Kirche, Media Maria 2025, geb., 416 S., 22,00 Euro (D), 22,70 Euro (A), ISBN 978-3-911850-00-1 – www.media.maria.de

[2] Zuerst auf Englisch erschienen: Ralph Weimann: Sacramentals. Their Meaning and Spiritual Use, Manchester, New Hampshire 2023.

Drei Frauen mit dem Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“

Heldenhafter Einsatz für Verfolgte

Studiendirektor Jakob Knab (geb. 1951) stellt drei Frauen vor, die den menschenverachtenden Charakter des NS-Regimes erkannt haben und freimütig ihrem Gewissen gefolgt sind. Sie schlugen sich auf die Seite jüdischer Mitmenschen und retteten sie vor dem Tod im Vernichtungslager. Bestärkung für ihren furchtlosen Einsatz fanden sie im katholischen Glauben. Zuerst wirft Knab einen Blick auf die spätere Pfarrhaushälterin Kreszentia Hummel (1907-2002), der die bekannte Jüdin Charlotte Knobloch, geborene Neuland, ihr Leben verdankt. Seit 1985 ist die am 29. Oktober 1932 in München geborene Knobloch Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Bis heute nimmt sie immer wieder zu brisanten gesellschaftspolitischen Themen Stellung. Von 2006 bis 2010 war sie zudem Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sie war auch anwesend, als Kreszentia Hummel 2017 in München posthum der Titel „Gerechte unter den Völkern“ verliehen wurde. In die Reihe der tapferen Frauen, die ihr Leben riskierten, um das Leben von verfolgten Minderheiten in der NS-Gewaltherrschaft zu retten, stellt Knab auch Gertrud Luckner (1900-1995) und Margarete Sommer (1893-1965). Für die Zivilcourage dieser Menschen verwendet er gerne den Begriff „Rettungswiderstand“.

Von Jakob Knab

Persönliche Vorbemerkung

Am 6. November 2023 hielt ich in der „Christoph-Probst-Kaserne“ (Hochbrück bei München) einen Vortrag zum Thema „Sanitätsfeldwebel Christoph Probst (1918-1943) und die Erinnerungskultur“. An jenem „Tag der Traditionspflege“ begegnete ich Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Voller Mitgefühl folgte sie mir, als ich ihr von Elise Rosenthal, Christoph Probsts Stiefmutter, erzählte.  Als gebürtige Jüdin, als sog. „Rassejüdin“, hatte sie bei der Schreinerfamilie Kaltenbacher in dem Dorf Zell (bei Ruhpolding) Unterschlupf und Hilfe gefunden. Diese hingebungsvolle Aufmerksamkeit von Charlotte Knobloch wird verständlich, wenn man einen Blick auf ihre eigene Lebensgeschichte wirft.

Kreszentia Hummel (1907-2002)

Charlotte Knobloch, geb. Neuland, verdankt ihr Leben der aufrechten, mutigen und couragierten Kreszentia Hummel. Im Frühsommer 1942 wurde das jüdische Mädchen Charlotte Neuland in der Abtei der Benediktiner in Petershausen (bei Konstanz) versteckt. Gerettet wurde sie schließlich, weil Kreszentia Hummel, die ehemalige Haushälterin von Charlottes Onkel, den Mut fand, sie in ihrer fränkischen Heimat zu verstecken. Sie rettete das zehnjährige Mädchen vor der Deportation nach Theresienstadt, indem sie es im Sommer 1942 auf dem Bauernhof ihrer Eltern in Arberg (Mittelfranken) aufnahm und – trotz der Klatschsucht und Schadenfreude der Dorfgemeinschaft – als ihr eigenes uneheliches Kind ausgab. Dort fand Charlotte Unterschlupf bis zum Ende des NS-Regimes.

Der katholische Geistliche Josef Schreiber, der 28 Jahre lang in Arberg wirkte, trug seinen Teil dazu bei, dass Charlotte dem Holocaust entging. Er wusste, dass dieses Mädchen nicht das Kind der Arberger Katholikin war, brach aber nie sein Schweigen. Pfarrer Schreiber versteckte am Ende des Zweiten Weltkriegs auch noch zehn polnische Zwangsarbeiter im Pfarrhof – und bewahrte sie so vor dem Tod. 2017 wurde Kreszentia Hummel postum mit dem Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet.

Gertrud Luckner (1900-1995)

Im September 1900 als Jane Hartmann in Liverpool geboren, kam sie als Sechsjährige nach Deutschland. Sie wurde von ihren Pflegeltern adoptiert. Erst mit 25 Jahren begann sie in Königsberg das Studium der Volkswirtschaft. Auf einem Studienaufenthalt in England kam sie in engen Kontakt mit den Quäkern, einer pazifistisch orientierten christlichen Gemeinschaft. Gertrud Luckner schloss ihr Studium in Frankfurt am Main ab und nutzte einen weiteren Englandaufenthalt für ihre Doktorarbeit zur Selbsthilfebewegung von Arbeitslosen in Großbritannien. 1931 kam Gertrud Luckner als Diplom-Volkswirtin nach Freiburg. Hier verband sie beim Zweitstudium der Caritaswissenschaft ihr akademisches Interesse mit praktischer sozialer Arbeit. Sie konvertierte und schloss sich dem „Friedensbund Deutscher Katholiken“ an.

Die menschenverachtende Ideologie der Nationalsozialisten war Gertrud Luckner von Anfang an zuwider. Der wachsenden völkischen Gleichschaltung setzte sie die Idee der Völkerverständigung entgegen. Gertrud Luckner war eine Pionierin der christlich-jüdischen Verständigung. Sie unterstützte jüdische Ausgegrenzte und Verfolgte; dank internationaler Kontakte rettete sie viele Menschenleben. „Die kleine Dame mit dem blauen Mantel“, wie Gertrud Luckner oft genannt wurde, die so unscheinbar wirkte und so unauffällig auftrat, hatte seit Mitte der 30er Jahre vom Südwesten des Deutschen Reiches aus wertvolle Verbindungen in die Hauptstadt Berlin aufgebaut: Sie war die Delegierte des Deutschen Caritasverbandes, der zusammen mit dem St. Raphaelsverein in Hamburg im März 1935 den „Hilfsausschuss für katholische Nichtarier“ in Berlin gründete. Mit der Geschäftsführerin des 1938 errichteten „Hilfswerk beim Bischöflichen Ordinariat Berlin“, Dr. Margarete Sommer, pflegte sie engen Kontakt, um Hilfsmaßnahmen für jüdische Menschen zu organisieren. Margarete Sommer war in Berlin im Auftrag ihres Bischofs Konrad von Preysing im aktiven Einsatz, um Juden zu retten. Der Bischof besuchte auch Dompropst Lichtenberg im Gefängnis.[1]

Dabei, so Gertrud Luckner später, „halfen die mannigfaltigen Beziehungen und Kontakte mit den verschiedensten Kreisen der Verfolgten und deren Helfer. Es war die Zeit der Ökumene, in der sich alle Gutwilligen, ohne Unterschied religiöser und sonstiger Anschauungen, zur Hilfe für Verfolgte zusammenfanden“. Trotz des Schutzes durch den Freiburger Erzbischof Conrad Gröber barg ihre illegale Arbeit große Gefahren. Von der Gestapo beobachtet und von einer Kollegin denunziert, wurde Gertrud Luckner im Frühjahr 1943 verhaftet. Nach wochenlangen Verhören wurde sie im November 1943 in das Frauen-KZ Ravensbrück verschleppt. Auch Sr. Placida Laubhardt OSB (1904-1998)[2] kam mit ihr ins KZ. Beide wurden im Mai 1945 auf dem „Todesmarsch“ Richtung Westen befreit.[3]

Nach ihrer Rückkehr nach Freiburg baute Gertrud Luckner bei der Caritas die „Arbeitsstelle für ehemals vom Nationalsozialismus Verfolgte“ auf. Ab 1948 gab sie den „Freiburger Rundbrief zur Förderung der Freundschaft zwischen dem alten und dem neuen Gottesvolk“ heraus und wurde so eine Pionierin der christlich-jüdischen Verständigung. Als eine der ersten Deutschen wurde sie 1951 nach Israel eingeladen. Der Staat Israel ehrte sie 1966 als „Gerechte unter den Völkern“. Sie starb am 31. August 1995 in Freiburg im Alter von knapp 95 Jahren.

Dr. Margarete Sommer (1893-1965)

Margarete Sommer, geboren am 21. Juli 1893 in Berlin, war eine Sozialarbeiterin und Laiendominikanerin. Nach der sog. „Machtergreifung“ geriet sie in Konflikt mit dem Regime. Als sie sich 1934 weigerte, die NS-Sterilisationsgesetze im Unterricht zu vermitteln, wurde sie zur Kündigung gezwungen. Sie fand eine neue Stelle beim Bischöflichen Ordinariat Berlin; beim Caritas-Notwerk betreute sie rassisch Verfolgte. 1939 wurde sie Diözesanleiterin für die Frauenseelsorge und übernahm 1941 auch die Geschäftsführung des Hilfswerks beim Bischöflichen Ordinariat Berlin, dessen Verantwortung bei Dompropst Bernhard Lichtenberg lag. Nach dessen Verhaftung am 23. Oktober 1941 übernahm Bischof Konrad Graf von Preysing die Verantwortung. Margarete Sommer koordinierte die kirchliche Hilfe für rassisch Verfolgte; sie wurden mit Zuspruch, Lebensmitteln, Kleidung und Geld unterstützt. Ein Beispiel: Karl Müller war Jude – und dass er im Kellergewölbe der Herz-Jesu-Kirche im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg vor den Nazis Zuflucht fand, wussten nur der damalige Pfarrer Alfred Brinkmann und Margarete Sommer.

Margarete Sommer sammelte Informationen über Deportationen, über die Lebensbedingungen in den KZs sowie über Erschießungskommandos der SS. Ihr „Bericht über die Abwanderung der Juden“ gelangte im August 1942 nach Rom. Sie verfasste auch Berichte über den Holocaust: Ihr erster Bericht vom September 1941 betraf die „Sternverordnung“, der zweite vom Februar 1942 die Lage von „jüdischen Mischlingen“ und „Mischehen“, der dritte vom August 1942 das Schicksal deportierter Juden in den Vernichtungslagern. Darin dokumentierte sie Gräueltaten und Massenerschießungen. Im vierten Bericht vom November 1942 forderte sie von den Bischöfen, für das Menschenrecht auf Leben und Freiheit öffentlich einzutreten.

Margarete Sommer konnte das Kriegsende überleben; nach 1945 wirkte sie bei der katholischen Frauenseelsorge und zählte zu den ersten Mitgliedern der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin. 1950 floh sie vor dem SED-Regime aus Kleinmachnow nach Berlin (West). Sie starb Ende Juni 1965. Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem Friedhof der St.-Matthias-Gemeinde in Berlin. Im Mai 2003 wurde sie posthum von der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2025
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[1] Bernhard Lichtenberg fand als Berliner Dompropst den Mut, um nach der Reichspogromnacht in der St. Hedwigs-Kathedrale zu beten: „Für die Priester in den Konzentrationslagern, für die Juden, für die Nichtarier“ und fügte hinzu: „Was gestern war, wissen wir. Was morgen ist, wissen wir nicht. Aber was heute geschehen ist, haben wir erlebt. Draußen brennt der Tempel. Das ist auch ein Gotteshaus.“  Fünf Jahre später, im November 1943, verhungerte und verdurstete der nunmehr Selige Bernhard Lichtenberg auf dem Transport ins KZ Dachau.

[2] Ihr Vater war ursprünglich Jude. An Weihnachten 1920 konvertierte die 16jährige Protestantin zur katholischen Kirche.

[3] Beate Kosmala: Gertrud Luckner (1900-1995) – „Stille Heldin“, in: Reinhold Weber/Ines Mayer (Hrsg.): Menschen, die uns bewegten. 20 deutsche Biografien im 20. Jahrhundert, Köln 2014, S. 100-107.

Kurze Reflexion als Nachruf auf das Wirken von Prof. Dr. Lothar Roos

„Katechon“ und Christliche Gesellschaftslehre

Am 22. April 2025 ist Prälat Prof. Dr. Dr. h.c. Lothar Roos, Priester aus dem Erzbistum Freiburg und einflussreicher Sozialethiker, im Alter von fast 90 Jahren verstorben. Am 12. Juni hätte er sein 65. Weihejubiläum gefeiert. Er war ein von den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. geachteter Experte, der sich intensiv mit den päpstlichen Sozialenzykliken auseinandersetzte. Vor allem leistete er einen wertvollen Beitrag zur Weiterentwicklung der theoretischen Grundlagen der Christlichen Gesellschaftslehre. Klaus-Hermann Rössler zeigt in seinem Beitrag auf, wie Prälat Roos die unersetzliche Rolle der Kirche für das Heil des Menschen auch in sozialen Belangen verteidigt hat. Dabei geht Rössler vom Verständnis des biblischen Begriffs „Katechon“ bei Paulus aus und bringt es mit dem Selbstverständnis der kirchlichen Soziallehre in Verbindung. Wörtlich meint der Begriff „das, was zurückhält“. Roos bekräftigte: „Je mehr Menschen von einer gottgegebenen Würde überzeugt sind, desto geringer ist die Gefahr, dass die Demokratie zu einer Diktatur moralisch beliebiger Wahrheiten entartet.“

Von Klaus-Hermann Rössler

Nicht selten haben Bibelstellen einen besonderen exemplarischen Wert, wenn es um Positionsbestimmungen in der kirchlichen Gegenwart geht. Eine erhellende Interpretationsalternative bietet Paulus‘ Rede vom „Katechon“ im 2. Brief an die Thessalonicher (2 Thess 2,6). Dort wird unter „Katechon“ der Faktor des Aufhaltens des Untergangs der jetzigen Welt verstanden, der Aufschub des Weltendes, das durch das Erscheinen des Antichrist und die Wiederkunft Christi gekennzeichnet sein wird. Dabei ist der „Katechon“ ein Ordnung schaffender Faktor, der an dieser Stelle der Schrift aber nicht benannt wird, weil er beiden Adressaten des Briefs bereits als bekannt vorausgesetzt wird. Hier gibt es zwei Möglichkeiten der Auslegung: entweder ist eine weltliche Macht oder die Kirche selbst der „Katechon“.

Gefahren des politisierenden „Katechonismus“

Dieser ist tatsächlich seit der Antike immer wieder mit weltlichen Mächten wie dem Römischen Reich identifiziert worden, die durch ihre Ordnungsfunktion das Böse (und damit das Weltende durch den Antichristen) aufhalten. Die Bibelstelle wird besonders bekannt dadurch, dass sie in Zusammenhang mit der NS-Zeit bei dem Staatsrechtler Carl Schmitt eine Schlüsselrolle spielt, heute auch für die aktuelle russische Staatsideologie. Die Macht des Staates steht dem drohenden Chaos der Anarchie gegenüber und ist dadurch gerechtfertigt und ihre Erhaltung ist bedingungslos anzustreben. Bei dieser Art der „politischen Theologie“ (Carl Schmitt) wird ganz offenkundig der „Katechon“ auf die Herstellung staatlicher Ordnung gegen das vom Menschen begangene Böse reduziert und diese Ordnung unbiblisch verabsolutiert („Der Führer schützt das Recht.“).

 In seinem solcherart zugespitzten Denken zeigt sich jedoch auch die zu allen Zeiten hervorgetretene theologische Brisanz der Behauptung einer heilsrelevanten Institution ohne Zusammenhang mit der Kirche als Ursakrament des Heils. Diese hochspannungsreiche These wird natürlich vor allem den kirchlichen Blick auf Politik und Gesellschaft betreffen und somit direkt die Christliche Gesellschaftslehre als Wissenschaft. Und sie tritt natürlich keineswegs nur in unmittelbarem Zusammenhang mit der Diskussion um den „Katechon“ auf. Ein „Katechonismus“ kann aus ganz unterschiedlichen, auch politisch konträren Richtungen verfolgt werden und kann den von der Kirche unabhängigen säkularen Heilsanspruch sogar zunächst nicht offen zeigen.

Politischer Moralismus statt christlicher Anthropologie?

Jedoch – wenn Staat und Gesellschaft eine für das Heil der Menschen entscheidende eigenständige Aufgabe haben, die unabhängig von kirchlichen Lebensvollzügen und losgelöst von kirchlicher Tradition zu betrachten ist –, dann übersteigt dies bei weitem die Herausforderung einer zutreffenden Bewertung der Autonomie der Lebensbereiche, wie sie als Postulat für die Moderne charakteristisch ist. Denn dann ist der Gegenstand der Christlichen Gesellschaftslehre nicht zuvörderst katholische Sozialethik, sondern hat umgekehrt ihre sozialethischen Positionen an dem auszurichten, was Politik und Gesellschaft aus eigenem theologischen Recht vorgeben.

„Katechonismus“ besteht darin, eine politische Eschatologie unabhängig von der Lehre der Kirche zu postulieren, wobei diese politisch bedingt ganz unterschiedlich aussehen kann. Die Kirche kann aber in jedem Fall nicht länger in sozialethischer Hinsicht als „Mater et Magistra“ (wie die bedeutende Sozialenzyklika Johannes XXIII. von 1961 betitelt ist), sondern muss als lernend Nachvollziehende der medial gesteuerten gesellschaftlichen Prozesse auftreten. Das kann so weit gehen, dass Kirche sich bemühen muss, statt sozialethisch Fortschritte (im Plural) zu definieren, teilzuhaben an einem Fortschrittsdenken, Teil des Fortschritts (im Singular) zu sein. Politischer Moralismus statt christliche Anthropologie kann unter diesen Bedingungen zum Risiko für die Christliche Gesellschaftslehre werden.

Die Kirche als „Mater et Magistra“ muss die Maßstäbe setzen

Allerdings: Biblisch betrachtet, gibt der Kontext des 2. Thessalonicherbriefs besonders in den Versen 2,1 u. 2 sowie ab 2,13, bei dem es um den Aufruf an die Gemeinschaft der Gläubigen, sich ganz Gottes Gnade anzuvertrauen, geht, eigentlich nichts für einen politisierenden „Katechonismus“ her. Die Behandlung der apokalyptischen Ereignisse ist in diesen Zusammenhang eingebettet. Deshalb kann der „Katechon“ – folgt man Paulus, dem Autor des 2. Thessalonicherbriefs – offensichtlich auch nur durch die Gnade Gottes wirksam werden und muss aufs engste mit der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche, verbunden gedacht werden. Schon die Tatsache, dass Paulus voraussetzt, dass den Adressaten des Briefs der Katechon bekannt ist, weist in diese Richtung.

Insoweit die Kirche die Gnade Gottes vermittelt, ist sie selbst der Katechon. Es verwundert, dass angesichts der massiven politischen Vereinnahmung dieses biblischen Begriffs die Kirche sich lehramtlich – soweit ich sehe – bislang nicht klärend hierzu geäußert und den Begriff wieder in seinen kirchlichen Zusammenhang gestellt hat. Denn es kann kein Zweifel sein, dass der katechonale Dienst der Kirche – die Sicherstellung der Vermittlung der Gnade Gottes durch Sakrament, Verkündigung und Caritas – Maßstabscharakter für das Handeln der Kirche hat.

Schon Paulus fordert im 2. Thessalonicherbrief (Vers 15) zur Erreichung des prioritären Ziels der Gewährleistung der Offenheit für die Gnade Gottes in Christus zur Anwendung einer auch heute noch unverzichtbaren Methode auf: „Seid also standhaft, Brüder und Schwestern, und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben …“ Und im 1. Johannesbrief heißt es zur Abgrenzung zum Antichristen: „Für euch gilt: Was ihr von Anfang an gehört habt, soll in euch bleiben; wenn das, was ihr von Anfang an gehört habt, in euch bleibt, dann bleibt ihr im Sohn und im Vater.“ Natürlich sollte auch jedes wertvolle moralische Handeln und jede Verhinderung des Bösen, kurz die Herstellung von Gerechtigkeit im biblischen Sinne als katechonaler Dienst gesehen werden, insofern als sie Voraussetzung für den Zugang zur Gnade Gottes sind, die durch Jesus Christus und Seine Kirche vermittelt wird.

Die Beziehung des Menschen zu Jesus Christus und sein Verhältnis zu Gott ist auch elementarer Ausgangspunkt der Christlichen Gesellschaftslehre, wie sie von den Päpsten gelehrt wird. Christliche Anthropologie ist ihr Ausgangspunkt. Sozialethik ist nicht der Versuch einer kirchlichen Imitation politischen Moralismus‘ oder auch politologischer, soziologischer oder ökonomischer Thesen, so befruchtend die Auseinandersetzung mit diesen auch sein mag, sofern der theologische Standort der eigenen Gesellschaftswissenschaft geklärt ist. 

Vermächtnis von Lothar Roos: „Trinitarischer Humanismus“

Einer, der maßgeblich zur wissenschaftlichen Klarheit dieses Standortes beigetragen hat, ist Prälat Prof. Dr. Dr. h.c. Lothar Roos, der am Dienstag, dem 22. April 2025, in Meckenheim verstorben ist. Der Priester aus dem Erzbistum Freiburg und Sozialethiker hätte in diesem Jahr sein 90. Lebensjahr vollenden und sein 65. Weihejubiläum feiern können. Er hielt Professuren für Christliche Gesellschaftslehre in Mainz, Bonn, Weilheim-Bierbronnen und Katowice.

Die Frage nach der theologischen Begründung christlicher Sozialethik ist insbesondere nach dem Zweiten Vatikanum intensiv in die Diskussion geraten. Lothar Roos sah die Position der Christlichen Soziallehre gegründet auf einem „trinitarischen Humanismus“ und definierte die diesbezügliche Forschungsfrage wie folgt: „Hat die Offenbarung“, so fragt er in der Festschrift für Wilhelm Breuning 1985, „lediglich die Funktion, sozialphilosophisch-naturrechtliche Erkenntnisse nachträglich zu sanktionieren, sie tiefer zu begründen und damit für den Glaubenden ‚sicherer‘ zu machen? Oder enthält die ‚übernatürlich-christliche Offenbarung‘ einen ‚inhaltlichen Überschuss […] an sozial bedeutsamen Wertbestimmungen und Zielsetzungen‘?“ 

Große Verdienste um die Theorie der Christlichen Gesellschaftslehre

Es nimmt nicht wunder, dass er von dieser gedanklichen Grundlage her sich intensiv mit der Interpretation der päpstlichen Sozialenzykliken beschäftigt hat, die ja eben den Anspruch vertreten, Sozialethik rückgebunden an Offenbarung und Tradition der Kirche zu lehren. 2011 erhielt Prof. em. Dr. Lothar Roos in München „in Würdigung seiner großen Verdienste um die Theorie der Christlichen Gesellschaftslehre und deren nationale und internationale Anwendungen“ den Wilhelm-Weber-Preis, gestiftet von Prof. Dr. Heinz-Josef Kiefer, Essen, und seiner Familie in Erinnerung an Prof. Weber, der als Nachfolger Joseph Höffners bis 1983 den Münsteraner Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre innehatte. In der Begründung wurde besonders auf die Verdienste des Preisträgers um die „Weiterentwicklung der theoretischen Grundlagen der Christlichen Gesellschaftslehre“ und deren „Verankerung (…) in den Führungsebenen von Kirche, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft“ sowie für die „Gründung und Etablierung der Joseph-Höffner-Gesellschaft“ hingewiesen. Eine aktualisierte Fassung von Kardinal Höffners Standardwerk „Christliche Gesellschaftslehre“ ist durch das unermüdliche Wirken von Lothar Roos in zahlreiche Sprachen übersetzt und weltweit verbreitet worden.

In einem Nachruf der Kölner Hochschule für Katholische Theologie schreibt Prof. Dr. Dr. Elmar Nass: „Lothar Roos war einer der letzten Sozialethiker, welcher das Naturrecht im Sinne des Thomas von Aquin und der Tradition der Kirche vertrat.“ Es bleibt zu hoffen, dass diese Aussage voreilig war und die Christliche Gesellschaftslehre einen neuen Anfang mit dem „trinitarischen Humanismus“ als Grundlage erfährt – oder zumindest nicht den Gefahren eines politischen „Katechonismus“ erliegt.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 10/Oktober 2025
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