Liebe Leserinnen und Leser

Von Erich Maria Fink und Thomas Maria Rimmel

Papst Leo XIV. hat ein Jahr des hl. Franz von Assisi ausgerufen, das vom 10. Januar 2026 bis zum 10. Januar 2027 dauert. Damit verbindet er die Einladung an alle Gläubigen, ihr christliches Leben im Geist und nach dem Vorbild des hl. Franziskus zu vertiefen. Diesem Aufruf wollen wir folgen und das Franziskus-Jahr mit Impulsen aus der Weltkirche begleiten, zum Einstieg mit dem Beitrag „Vermählt mit der Herrin Armut“ vom Moskauer Erzbischof Paul Pezzi.

Anlass ist der 800. Todestag des hl. Franziskus, der am 3. Oktober 1226 gestorben ist. In der franziskanischen Familie spricht man vom „Transitus“ des Heiligen, das heißt vom Hinübergang in die andere Welt. Davon geht eine erste Anregung für das Franziskus-Jahr aus. Es ist die Art, wie der Heilige dem Tod entgegengegangen ist, nämlich ohne Angst und in vollkommenem Frieden. Versöhnt, wie er mit der gesamten Schöpfung gelebt hat, konnte er auch den Tod als „Bruder“ willkommen heißen. Gleichzeitig bleibt die Einheit, die Franziskus mit sich und allen verwirklicht hat, auch über seinen Transitus hinaus bestehen. Wir können uns mit der Bitte an ihn wenden, uns zu helfen, sein Charisma für unsere Zeit neu zu entdecken und umzusetzen.

Papst Leo versteht das Jubiläumsjahr aber auch als Fortsetzung des Heiligen Jahres 2025 unter dem Thema Hoffnung. In den Mittelpunkt stellt er die Friedensbotschaft des hl. Franziskus. Sein Leben verweise auf die einzige Quelle des Friedens, nämlich Christus, mit dem er durch seine Wundmale sogar sichtbar eins geworden ist. Die franziskanische Spiritualität sieht im Ideal der Armut, wie Mariateresa Fumagalli von Comunione e Liberazione aufzeigt, die Voraussetzung dafür, dass wir alles allein von Christus erwarten, der unser Friede und unsere Hoffnung ist.

Im Licht dieser vertrauensvollen Hingabe an den Erlöser ist auch der vollkommene Ablass zu verstehen, den wir im Jubiläumsjahr erlangen können. Diese Möglichkeit gewinnt gerade auf dem Hintergrund des Portiunkula-Ablasses, um den sich der Heilige so sehr bemüht hatte, eine besondere Aktualität. Zudem ist ein so populärer Heiliger wie Franziskus ein Gewährsmann für den Ablass überhaupt, dem heute viele kein Verständnis mehr entgegenbringen.

Das Jubiläumsjahr ist in der Geschichte der Kirche aber nicht etwas ganz Neues. Denn vor 100 Jahren hat Papst Pius XI. zum 700-jährigen Todestag ebenfalls ein Franziskus-Jahr ausgerufen. Dazu verfasste er eine eigene Enzyklika mit dem Titel „Rite Expiatis“ – „Mit gebührender Sühne“ (30. April 1926). Gleich zu Beginn bringt er seine Überzeugung zum Ausdruck, dass der hl. Franz von Assisi „von Gott zur Erneuerung der christlichen Gesellschaft aller Zeiten und nicht nur der turbulenten Zeit von damals berufen war“ (Nr. 1). Und er fährt fort: „Es scheint, dass es nie jemanden gegeben hat, in dem das Bild Christi, des Herrn, und die Lebensweise des Evangeliums so klar und deutlich zum Ausdruck gekommen sind wie in Franziskus. Daher wurde er, der sich selbst ‚Herold des großen Königs‘ nannte, zu Recht als zweiter Christus bezeichnet. Denn wie ein auferstandener Christus trat er vor die menschliche Gesellschaft seiner Zeit und alle nachfolgenden Jahrhunderte. Daher kommt es, dass er noch heute vor den Augen der Menschen lebendig ist und für alle Nachwelt bleiben wird“ (Nr. 2).

Liebe Leserinnen und Leser, von Herzen wünschen wir Ihnen den Frieden und die Freude des Auferstandenen, damit in Ihnen der ehrliche Wunsch wachsen kann, „unbewaffnete und entwaffnende Zeugen des Friedens“ zu werden, wie es Papst Leo formuliert hat. Bitte denken Sie an unser Apostolat, in dem wir ganz auf Ihre Spenden angewiesen sind. Möge es Ihnen Gott reichlich vergelten und Ihnen auf die Fürsprache der glorreichen Himmelskönigin eine gesegnete und frohe Osterzeit schenken!  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2026
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Zum Jahr des hl. Franz von Assisi anlässlich seines 800. Todestags

Vermählt mit der Herrin Armut

Nach der Überlieferung ist der hl. Franziskus am 3. Oktober 1226 in der Portiuncula-Kapelle unterhalb der Stadt Assisi gestorben. Diesen 800. Todestag hat die franziskanische Gemeinschaft zum Anlass genommen, ein besonderes Jubiläumsjahr zu begehen. Dem hat sich Papst Leo XIV. angeschlossen und für die ganze Kirche ein Franziskus-Jahr vom 10. Januar dieses Jahres bis zum 10. Januar 2027 ausgerufen. Er ruft dazu auf, dieses Jubiläum zur geistlichen Erneuerung im Geist des Evangeliums zu nützen. Sehr gut passt zu dieser weltkirchlichen Initiative eine Publikation über den heiligen Franziskus in russischer Sprache. Verfasst wurde das Buch „Franziskus und seine Brüder“ von Olga Sedakowa, die der Russisch-Orthodoxen Kirche angehört. Erzbischof Paul Pezzi, der katholische Metropolit von Moskau, hielt bei der Präsentation des Buches am 21. Januar 2026 einen Vortrag, den wir nachfolgend in deutscher Übersetzung wiedergeben.

Von Erzbischof Paul Pezzi, Moskau

An den Anfang möchte ich das Gebet stellen, mit dem Papst Leo XIV. seine Botschaft zur Eröffnung des Jubiläumsjahres des hl. Franz von Assisi beschlossen hat:

„Heiliger Franziskus, unser Bruder, der du vor 800 Jahren ganz im Frieden auf Bruder Tod zugegangen bist, halte beim Herrn Fürsprache für uns.

Du hast im Gekreuzigten von San Damiano den wahren Frieden erkannt, lehre uns, in Ihm die Quelle der Versöhnung zu suchen, die alle Mauern einreißt.

Du, der du unbewaffnet die Barrieren des Krieges und des Unverständnisses durchbrochen hast, gib uns den Mut, Brücken zu bauen, wo die Welt Grenzen zieht.

In dieser von Konflikten und Spaltungen belasteten Zeit, tritt du für uns ein, damit wir Friedensstifter werden: entwaffnete und entwaffnende Zeugen des Friedens, der von Christus kommt. Amen.“

Papst Leo XIV.: Gnadengeschenk für die ganze Kirche

Anlässlich des 800. Jahrestags des „Transitus“, des seligen Übergangs des hl. Franz von Assisi in die Ewigkeit, hat die Apostolische Pönitentiarie im Auftrag des Papstes mit Dekret vom 10. Januar 2026 die Möglichkeit gewährt, während des gesamten „Jahres des Heiligen Franziskus“, das vom 10. Januar 2026 bis zum 10. Januar 2027 dauert, einen besonderen vollkommenen Ablass zu erlangen. Der Papst spricht von dieser Zeit als einem Geschenk nicht nur für die franziskanische Familie, sondern für die gesamte Kirche. Das Jubiläum soll zu einer Gelegenheit für echte spirituelle Erneuerung werden.

Das Dekret geht darauf ein, wie aktuell der hl. Franziskus auch heute ist, und ruft dazu auf, „in unserer Zeit heilig zu werden, indem wir dem Beispiel des seraphischen Vaters folgen“ und unsere Hoffnung in konkreter Liebe und in einem Engagement für den Frieden umsetzen.

Deshalb ist die heutige Veranstaltung so wichtig: die Vorstellung des Buches „Franziskus und seine Brüder“ von Olga Sedakowa. Ich gestehe, dass ich die tiefe geistliche (im Sinn von höchst „realer“) Sprache Olgas sehr liebe. Manchmal zitiere ich sie auch in meinen Predigten.

Franziskus wurde „ein Fleisch“ mit der Armut

In der Einleitung zu ihrem Buch schreibt Olga Sedakowa: „Er (d.h. Franziskus) ‚verließ die Welt‘, um der Herrin Armut zu dienen.“ Für Franziskus bedeutete dies jedoch nicht einfach, etwas für die Armen zu tun oder ihnen etwas zu geben, sondern Christus gemäß dem Evangelium nachzufolgen und die Armut als seine „Braut“ anzunehmen. Deshalb wurde Franziskus arm, wurde „ein Fleisch“ mit der Armut, wie es in der Hochzeitsliturgie heißt und worüber der Herr selbst im Evangelium spricht, in Anspielung auf die Schöpfung des Menschen (vgl. Gen 2,24). In seinen „Betrachtungen über die Stigmata“ spricht Franziskus davon, dass die Armut das höchste Geschenk Gottes sei, das dann erscheine, wenn uns Gott darum bittet, es ihm zu geben. Und „Braut“ bedeutet genau das – ein Geschenk Gottes. Nicht umsonst wiederhole ich oft, dass die Braut für den Bräutigam und der Bräutigam für die Braut eine „Berufung“ sind, d.h. eine Gabe Gottes, die das ganze Leben bestimmt. Wenn aber die Armut die Braut ist, dann nimmt sie dem Bräutigam nichts weg, sondern im Gegenteil, sie bereichert das Leben des Bräutigams. Der Apostel Paulus schreibt darüber wunderschön in seinem zweiten Brief an die Korinther: „Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen“ (2 Kor 8,9).

Ein Licht vertreibt die Finsternis

Indem sich Franziskus mit der Herrin Armut „vermählte“, erhielt er den größten Reichtum: Jesus Christus selbst! Das Zeichen dieses Reichtums und dieser Vermählung war das sich ausbreitende Licht. „Der Morgenstern ist erschienen“, sagte Papst Gregor IX. am Tag der Heiligsprechung von Franziskus. Und Thomas von Celano schreibt: „Als wäre eine neue Sonne aufgegangen, ... breitete sich eine Art Licht über die Erde aus und alle Schatten der Nacht flohen vor ihm.“ Dieses sich ausbreitende Licht der Armut vertreibt einerseits die Dunkelheit, „zieht“ aber andererseits diejenigen an, die im Gegensatz zu dem reichen Jüngling nicht traurig vom Licht Christi weggehen, sondern sich entscheiden, dem Licht zu folgen.

Berufung: „Gott hat sie mir gegeben“

Franziskus sagt in seinem „Testament“, er habe selbst niemanden berufen, sondern Gott habe sie ihm gegeben. Wenn wir die Evangelien aufmerksam lesen, werden wir feststellen, dass auch Jesus nicht „auszog“, um sich Jünger zu „suchen“. Zwar hat er sie berufen, aber sie waren bereits dort, wo Jesus war. Im Johannesevangelium sagt Jesus ausdrücklich, dass es der Vater war, der ihm die „Gemeinschaft“ der Jünger gegeben hat: „Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir und du hast sie mir gegeben. ... Alles, was du mir gegeben hast, ist von dir. ... Für sie bitte ich; ... für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir“ (vgl. Joh 17,6-9).

Die erste Gemeinschaft von Franziskus ist wahrhaft eine „apostolische Gemeinschaft“, in der die Herrin Armut den Jüngern erlaubt, in Christus zu bleiben und „nichts zu besitzen und doch alles zu haben“; denn Christus ist bereits alles, und der Vater sorgt für sie, weil sie ihm gehören. Franziskus blieb seiner „Frau“ Armut bis zum Ende treu, denn dank ihr hatte er buchstäblich alles, d.h. Franziskus „lebte nach dem heiligen Evangelium“. Und genau das ermöglichte es ihm, den Tod „Bruder“ zu nennen!

Sein „klingender Blick“ nach oben

Man sagt, „Lerchen hätten ihm als Erste zur Aussegnung gesungen, noch vor den Menschen“. Franziskus sah in allem und jedem Brüder und Schwestern. Nicht nur in Vögeln, sondern auch in anderen Tieren, Blumen, Feldern und Wiesen, Bäumen, Sträuchern, der Sonne und dem Sternenhimmel. Dorthin richtete sich sein „klingender Blick“, wie es der ukrainische Komponist Walentyn Sylwestrow so treffend formulierte. Es war die Herrin Armut, die Franziskus eine klare Erkenntnis aller Wesen auf der Welt und eine selbstlose Liebe zu allen Menschen schenkte. Er sah in allem nicht einfach nur „Natur“, sondern Geschöpflichkeit, und dass alle diese Geschöpfe gut sind (vgl. Gen 1,1-11). So „sah“ Franziskus beispielsweise in dem Stein, auf den er sich unterwegs zum Schlafen legte, die Hände Christi, auf denen er sich friedlich ausruhen konnte. Auf diese Weise verstand Franziskus, dass „in ihm [Christus] alles erschaffen wurde, im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, ... [dass] alles durch ihn und auf ihn hin erschaffen ist ... und alles in ihm Bestand hat“ (vgl. Kol 1,16-17).

Kein Ökologe im modernen Sinn

Franziskus war kein „Ökologe“ in unserem heutigen Verständnis: Er liebte nicht die „Natur“ an sich, sondern er liebte sie, weil das gesamte Universum in Christus seinen Bestand hat und er selbst, Franziskus, wie alles in diesem Universum, ein Geschöpf in Gottes Händen ist und weil daher alle Brüder und Schwestern sind. In dem Buch finden sich wunderschöne Worte über einzelne Geschöpfe wie über die bereits erwähnten Lerchen, aber auch über Feuer oder Wasser. Dank dieses „klingenden Blicks“ wurde Franziskus, wie Olga schreibt, zum „Dichter unter den Heiligen“. Und das ist ein sehr passender Ausdruck; denn Dichter sind bekanntlich am besten in der Lage, Emotionen, Empfindungen und Intuitionen auszudrücken: Die tiefsten Gedanken finden wir in den Psalmen; andere Autoren heiliger Texte greifen auf die Poesie zurück, um das Unaussprechliche, Unbeschreibliche, Unvorstellbare auszudrücken. Man denke nur an die Propheten oder den Prolog des Johannesevangeliums.

Das Charisma geht auf die Gemeinschaft über

Sehr gelungen ist auch der Titel dieses Buches: „Franziskus und seine Brüder“. Manchmal besteht die Gefahr, dass man die Aufmerksamkeit nur auf die Gründer von Orden oder Kongregationen richtet, nur auf ihre Charismen. Das ist jedoch nicht ganz richtig. Natürlich wird ein Charisma einer bestimmten Person verliehen, aber diese Person ist keine abgeschlossene Monade; sie lebt von Anfang an in Beziehungen. Deshalb betont die Kirche, dass ein Charisma nach dem Tod des Gründers auf die gesamte Gemeinschaft übergeht. Diese Intuition wurde von Kardinal Newman (nunmehr ein Heiliger und Kirchenlehrer) gut herausgearbeitet. Und Papst Benedikt XVI. fasste dieses Prinzip zusammen, indem er sagte: „Die Charismen müssen ‚institutionalisiert‘ werden und die Kirche als Institution muss von den Charismen durchdrungen, ‚charismatisiert‘ werden.“

Olga Sedakowa weist in der Einleitung darauf hin, dass Franziskus, als er entscheiden musste, welche „Lebensform“ dem „Leben nach dem Evangelium“ am besten entspricht, „seine Brüder und Schwestern, die für ihre Gabe des Gebets bekannt waren, um Rat fragte, um herauszufinden, welche Wahl Gott wohlgefällig wäre. Den Antworten, die diese Brüder und Schwestern erhielten, vertraute Franziskus mehr als allem, was er selbst hätte hören können.“ „Nach dem heiligen Evangelium leben“ bedeutet für Franziskus gerade auch in diesem Sinn, nach dem Bild der apostolischen Gemeinschaft zu leben.

Stigmata – Antwort des „armen Jesus“

Kommen wir nun wieder zur Herrin Armut zurück. Wir haben bereits erwähnt, dass die Herrin Armut für Franziskus eng mit Jesus Christus selbst verbunden ist. Olga schreibt, dass Franziskus, als er vor dem Kreuz betete, „den gekreuzigten, leidenden und armen Christus sah. Die Armut Christi – das war es, was seine Hingabe an die Herrin Armut inspirierte.“ Die Herrin Armut ermöglichte es Jesus, sich mit seiner Mutter am Fuß des Kreuzes zu vereinen. Sie wird auch anderen die Möglichkeit geben, mit dem gekreuzigten Christus eins zu werden. Daher ist es kein Zufall, dass Franziskus einst darum bat, „in einem von ihm ertragbaren Maß die Leiden des Kreuzes durchzumachen ... und die Liebe, die Christus ans Kreuz gebracht hat, selbst zu erleben“, und dass Franziskus nach dieser siebten und letzten Erscheinung des gekreuzigten Christus die Stigmata (Wundmale) empfing – das erste derartige Ereignis in der Geschichte des Christentums seit zwölf Jahrhunderten. Das war Jesu Antwort.

Der Apostel Paulus sagt im Brief an die Galater: „Ich bin mit Christus gekreuzigt worden. Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Was ich nun im Fleische lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,19b-20).

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Papst Leo XIV.: „Das Leben des hl. Franziskus verweist auf die echte Quelle des Friedens“

Die poetische Natur des Gehorsams

Um den Gehorsam des hl. Franz von Assisi zu charakterisieren verwenden franziskanische Kommentatoren oder auch Luigi Giussani (1922-2005), der Gründer der Bewegung „Comunione e Liberazione“ (italienisch für „Gemeinschaft und Befreiung“) den Begriff der „Poetizität“. Mit der poetischen Natur des Gehorsams ist eine zentrale spirituelle Haltung des hl. Franz von Assisi gemeint, nämlich sein Gehorsam als poetische, kreative und freudige Nachfolge Christi, die nicht rigide oder mechanisch ist, sondern von innerer Freiheit, Schönheit und evangeliumsgemäßer Tiefe geprägt ist. Franziskus lebte den Gehorsam nicht als bloße Unterwerfung unter Autoritäten, sondern als harmonische Imitation des Evangeliums, die das Leben in Armut, Keuschheit und Gehorsam zu einem „Lied“ der Schöpfung macht (vgl. Sonnengesang). Mariateresa Fumagalli, Mitglied der Bewegung „Comunione e Liberazione“ und Mitarbeiterin des Kulturzentrums „Pokrowskije Worota“ in Moskau, geht auf die entscheidenden Akzente ein, die bei der Vorstellung des Buchs „Franziskus und seine Brüder“ von Olga Sedakowa am 21. Januar 2026 herausgearbeitet worden sind.

Von Mariateresa Fumagalli

Kurz nachdem Papst Leo XIV. ein Jubiläumsjahr des hl. Franziskus ausgerufen hatte, fand im Kulturzentrum „Pokrowskije Worota“ in Moskau eine Veranstaltung statt, die der Gestalt des Heiligen von Assisi gewidmet war. Als Referenten nahmen der aus Italien stammende katholische Erzbischof von Moskau, Dr. Paul Pezzi, die russische Dichterin Olga Sedakowa und der italienische Kunsthistoriker Francesco Vignaroli teil. Anlass war die Vorstellung eines Buches, das von Sedakowa verfasst und herausgegeben wurde. Es handelt sich um eine kommentierte Übersetzung von franziskanischen Schriften in die russische Sprache.

Papst Leo XIV. zur Eröffnung des Franziskus-Jahres

Anlässlich der Eröffnung des Franziskus-Jahres rief Papst Leo XIV. die Aktualität der Gestalt des hl. Franziskus und besonders seiner Botschaft des Friedens in Erinnerung: „In dieser Zeit, die gezeichnet ist von so vielen und endlos scheinenden Kriegen, von internen und sozialen Spaltungen, die Misstrauen und Angst säen, spricht er auch heute zu uns. Nicht weil er technische Lösungen anzubieten hätte, sondern weil sein Leben auf die echte Quelle des Friedens verweist.“ (Schreiben von Papst Leo XIV. an die Generalminister der Konferenz der Franziskanischen Familie zur Eröffnung der 800-Jahr-Feier des Todes des hl. Franz von Assisi, 7. Januar 2026).

Fast wie in einem virtuellen Dialog mit dem Heiligen Vater regten die Referenten zum Nachdenken über die Gestalt des seraphischen Vaters an. Sie brachten ganz unterschiedliche Saiten zum Klingen, diejenigen, die bei ihnen jeweils den stärksten Nachhall finden. So zeichneten sie ein nicht stereotypisches und überraschend aktuelles Porträt des hl. Franziskus, das eben zeigt, wie „sein Leben auf die echte Quelle des Friedens verweist“. Es entstand das Bild eines Franziskus, der uns auch heute noch etwas zu sagen hat und zur Gegenwart sprechen kann.

Interpretationsschlüssel: „Franziskus und seine Brüder“

Die originellste Perspektive hat vielleicht Olga Sedakowa geboten, eine der einflussreichsten intellektuellen Stimmen im heutigen Russland. Ihr Blick ist der einer orthodoxen Christin, die also nicht der kirchlichen Tradition angehört, in der der hl. Franziskus gelebt hat, die aber seit ihrer Jugend mit ihm verbunden ist. Sie erzählte, dass sie in der Oberstufe zufällig einige seiner Sätze gelesen habe und sich sofort von dieser Gestalt angezogen gefühlt habe. Sie beschloss, sich näher mit seinen Texten zu befassen, und da es keine russische Übersetzung gab, lernte sie zunächst Polnisch und dann Italienisch. Nach ihrem Universitätsabschluss begann sie, die Texte des Heiligen zu übersetzen und zu verbreiten, zunächst im Geheimen, später, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, in offiziellen Publikationen.

„Franziskus und seine Brüder“, so betitelt die Dichterin den Band, in dem sie die bedeutendsten Texte des Heiligen zusammengestellt, übersetzt und kommentiert hat. Der Titel deutet bereits den Interpretationsschlüssel an, den sie vorschlägt: Der hl. Franziskus kann nicht „allein“, als Einzelperson, verstanden werden. Er ist kein isolierter charismatischer Mann, sondern eine Gestalt, die nur in der Brüderlichkeit und Freundschaft mit seinen Gefährten vollständig verstanden werden kann. Dies wird auch dadurch deutlich, dass keines seiner Schriften tatsächlich von ihm selbst verfasst wurde: Er vertraute sie immer einem oder mehreren Brüdern an, die sie nach seinem Diktat niederschrieben. Als Sohn eines reichen Kaufmanns war er gebildet und hätte sicherlich selbstständig schreiben können, doch entschied er sich, seine Worte der Vermittlung seiner Brüder anzuvertrauen. Ohne „seine Brüder“ wäre uns seine Gestalt nicht überliefert worden, wäre er nicht bis zu uns gelangt.

In einem Brief an einen der Verantwortlichen, der sich bei ihm über das Verhalten einiger Brüder beschwert hatte, gab Franziskus Ratschläge, wie man mit ihnen umgehen sollte. So brachte er zum Ausdruck, was für ihn in der Beziehung zu seinen Brüdern wesentlich war: „Liebt jene, die sich euch gegenüber so verhalten, und verlangt nichts von ihnen, außer dem, was der Herr euch gibt. In diesem Sinn liebt sie und erwartet nicht, dass sie bessere Christen werden. [...] Und daran möchte ich erkennen, ob ihr den Herrn und mich liebt, seinen und euren Diener, ... und zwar, dass kein Bruder auf der Welt, der gesündigt hat, so viel man auch sündigen könnte, nachdem er in eure Augen geblickt hat, ohne eure Vergebung von euch weggeht, wenn er darum bittet...“ (Brief an einen Verantwortlichen, Datierung unsicher). Dieser Brieftext, wie Francesco Vignaroli hervorhebt, zeigt deutlich, wie wichtig für Franziskus die freundschaftliche und brüderliche Beziehung zu den Mitbrüdern war: sie wurde zu einem konkreten Kriterium, fast zu einem Maßstab für die Liebe zu Christus selbst.

Armut als Berufung und Einheit mit der ganzen Schöpfung

Während der hl. Franziskus in der populären Rezeption oft als Revolutionär dargestellt wird, als jemand, der die Konventionen seiner Zeit durchbrochen hat, hob Sedakowa einen anderen Aspekt hervor. Keine seiner Handlungen, so bemerkte sie, sei dem Wunsch entsprungen, mit der Tradition zu brechen, selbst als dies seinen Zeitgenossen undenkbar erschien. Im Mittelpunkt sei nicht der Wille zur Innovation gestanden, sondern der Wille, seiner Berufung zu folgen. Hier erkannte die Dichterin etwas, das heute fast vergessen zu sein scheint: die poetische Natur des Gehorsams. Franziskus folgte seiner Berufung bis zum Ende, auch wenn dies Rückschritte bedeutete. In ihm gab es keinen Anflug von Rebellion: Er nahm die Realität als etwas Gutes an. Er predigte und lebte die Armut, ohne jedoch die Reichen zu verurteilen; mit einigen von ihnen pflegte er freundschaftliche Beziehungen, und einige wurden seine Jünger.

Ein weiterer Punkt, den Sedakowa angesprochen hat, war die Einfachheit. Unter Berufung auf Thomas von Celano erinnerte die Dichterin daran, dass Franziskus nicht von Natur aus einfach war, sondern durch Gnade. Seine Einfachheit war keine Naivität, sondern innere Einheit, das Fehlen von Spaltung. Diese Einheit spiegelte sich auch in seinen Beziehungen wider: in der Freundschaft mit seinen Gefährten und in seiner Beziehung zur Schöpfung. Olga Sedakowa trug ihre eigene Übersetzung des Sonnengesangs vor und zeigte, wie Franziskus die Schöpfung als Offenbarung der Größe Gottes sieht und sie deshalb preist, wie er zugleich aber jedes Element der Schöpfung als Gefährten betrachtet und es zum gemeinsamen Lobpreis Gottes einlädt.

Ebenfalls im Sinn eines weniger konventionellen Bildes des Heiligen befasste sich der Kunsthistoriker Francesco Vignaroli mit dem Thema Armut, die oft als Verachtung materieller Güter zugunsten spiritueller Werte interpretiert wird. Dazu kommentierte er Giottos Fresko in der Unterkirche von Assisi, das die Vermählung zwischen Franziskus und der Herrin Armut darstellt. Er wies auf ein bedeutendes Detail hin: Zwei Engel tragen die Reichtümer, auf die der Heilige verzichtet hat – ein purpurfarbenes Gewand und ein Haus –, in den Himmel, um sie Gott darzubringen. Dieses Detail bringt zum Ausdruck, dass Armut keine Verachtung der irdischen Realität ist: Denn Gott wird nicht etwas angeboten, das man hasst, sondern etwas, das man als gut anerkennt. Im historischen Kontext, in dem Franziskus lebte, hatte Armut darüber hinaus noch eine weitere Bedeutung: Arm war, wer arbeitete. Für ihn und seine ersten Gefährten bedeutete das Leben in Armut, vom eigenen Arbeitsverdienst zu leben und die Lebensbedingungen der Mehrheit der Menschen zu teilen.

Somit finden die Worte von Papst Leo XIV. ein Echo in den Ausführungen der Referenten. Die „echte Quelle des Friedens”, auf die das Leben des hl. Franziskus verweist, liegt weder in Strategien noch in einer Naivität, welche die Probleme ignoriert, sondern in seinem ständigen Bewusstsein der Verbundenheit: vor allem mit Gott, dann mit den Brüdern, mit dem Volk, mit den kirchlichen Autoritäten und mit der gesamten Schöpfung.

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Bezeugen, was es mit Ostern auf sich hat

Unglaublich, aber wahr

Dr. Josef Bordat lädt uns ein, Ostern mit größter Freude und mit der vollkommenen Überzeugung zu feiern, dass die Auferstehung Jesu von den Toten eine historische Tatsache ist, ein Ereignis auf dem wir unseren Glauben wirklich aufbauen können. Dazu macht er sich Gedanken über die Nachricht von der Auferstehung und die Einwände, die seit 2000 Jahren gegen den Wahrheitsgehalt dieser Botschaft vorgebracht werden. Für Bordat ist es wichtig, dass wir nicht nur intellektuell die Glaubwürdigkeit der Berichte vom leeren Grab und den Erscheinungen des Auferstandenen feststellen, sondern dass wir die aktuelle Bedeutung dieser Ereignisse für uns, nämlich „die Dimension des unendlichen Heils im Ewigen Leben“, entdecken.

Von Josef Bordat

Ostern – Fest der Auferstehung, das wichtigste im Kirchenjahr. Ohne Auferstehung ist der christliche Glaube sinnlos, ja, ohne Auferstehung (oder: ohne die Nachricht davon), gäbe es heute gar kein Christentum. Dieses hat sich nämlich durch die Nachricht von der Auferstehung entwickelt und verbreitet, gegen heftigen Widerstand über drei Jahrhunderte voller Gewalt, die diese Nachricht zum Verstummen bringen wollte.

Jesu Auferstehung ist eine Art Neuschöpfung. Der neue Bund wird durch die lex nova der Liebe besiegelt. Dieses Neue irritiert die Menschen. Damals wie heute wird über den Wahrheitsgehalt der Auferstehungsnachricht vehement gestritten. Die Reaktionen sind ähnlich. Als Paulus im aufgeklärten Athen von der Auferstehung erzählt, bilden sich drei Gruppen: die Spötter, die Indifferenten, die Gläubigen (Apg 17,32-34). Das kommt einem sehr bekannt vor. Nicht von der Predigt auf der Agora, sondern von Diskussionen im Forum. Sicher: Auferstehung ist eine Frage des Glaubens. Dennoch kann man sich ihr auch als historisches Ereignis nähern und die Plausibilität der Nachricht prüfen. Drei Gedanken kommen mir dabei in den Sinn.

Drei typische Einwände

1. Es könnte sich bei der Nachricht von der Auferstehung um eine Lüge handeln, um einen kleinen Betrug, der gigantische Ausmaße annahm. Über solcherlei Betrugsabsichten wurde damals schon spekuliert – unter der jüdischen Obrigkeit (Mt 27,62-66). Deswegen der Stein, deswegen die Wachen. Warum aber erwähnt der Evangelist Matthäus dies? Wenn es den Betrug gab, könnten diese Worte dazu dienen, ein erklärendes Argument für die Skepsis nachzuschieben, die eine Generation nach Christus auftrat. Was jedoch eindeutig gegen die Betrugsthese spricht, das ist die Geschichte der Urgemeinde, der jungen Kirche. Eine Lüge gibt man irgendwann auf, wenn der Preis zu hoch wird, einen Betrug gesteht man ein, wenn der Widerstand zu groß wird. Zumindest zieht man sich schweigend zurück. Das Gegenteil ist aber der Fall: Gegen alle Widerstände wird die Nachricht verbreitet. Warum hielten sie daran fest, obwohl es sie sehr oft das Leben kostete? Warum haben sie die Lüge, wenn es denn eine war, so gut durchgehalten? Welches Gut ist mehr wert als das eigene Leben? Doch nur eine Wahrheit, für die es sich zu sterben lohnt. Und keine Lüge! Paulus selbst meinte, dass es sich nicht lohnte, für den Glauben zu sterben, wenn es nicht um die Auferstehung als wahren Kern dieses Glaubens ginge (1 Kor 15,17-19).

2. Wenn Fremdtäuschung ausscheidet, könnte es sich aber immer noch um Selbsttäuschung handeln. Dann hätten sie sich die Auferstehung womöglich nur eingebildet und eingeredet. So etwas ist durchaus denkbar. Halluzinationen kommen – zumal in Stresssituationen – nicht gerade selten vor. Nur ist es schwer vorstellbar, dass verschiedene Menschen an verschiedenen Orten urplötzlich unter der gleichen Psychose leiden, die dann Jahrzehnte lang andauert und offenbar hoch ansteckend ist. Nicht nur die Jünger hatten das überwältigende Gefühl der spürbaren Anwesenheit ihres Herrn, sondern auch eine ganze Menge anderer Menschen, darunter solche, die Jesus nie gefolgt waren oder ihn und seine Anhänger sogar verfolgt hatten, darunter Paulus (1 Kor 15,3-8). Und mit dessen Berufung endet die Massenpsychose (also die Erscheinungen des auferstandenen Jesus) wieder – so urplötzlich, wie sie begann? Möglich, aber nicht überzeugend.

3. Wir haben nur das biblische Zeugnis der Auferstehung. Das ist sehr wenig. Das war auch den ersten Christen sicherlich klar. Nun ist es ja so, dass man, wenn einem schon bewusst ist, auf welch dünnem Eis man sich bewegt, nicht unbedingt auch noch darauf herumspringt. Genau das tun aber die Evangelisten. In geradezu fahrlässig naiver Weise werden Menschen als Hauptzeugen der Auferstehung eingeführt, die in der antiken Gesellschaft nichts gelten: Frauen – mal zwei (vgl. Mt 28,1), mal drei (vgl. Mk 16,1), mal eine ganze Gruppe (vgl. Lk 24,10), mal Maria von Magdala allein (vgl. Joh 20,1). Dieses Detail ist deswegen besonders pikant, da es nach der antiken Rechtsauffassung ausschließlich auf das Zeugnis ankam, um die Wahrheit eines Sachverhalts nachzuweisen; eine unabhängige Untersuchung der Indizien, wie wir sie heute kennen, fand nicht statt – zum Urteil führte entweder das Geständnis oder ein glaubwürdiges Zeugnis. Nun werden ausgerechnet Frauen genannt! Und ein Mann, der drei Tage zuvor dreimal gelogen hatte: Petrus (vgl. Lk 24,12). Auch darüber berichten die Evangelisten schamlos. Warum aber erzählen sie die Geschichte so unglaubwürdig? Die einzig plausible Antwortet lautet: Weil sie genau so geschehen ist. Das heißt: Sie ist wahr.

Bei Johannes, in der Begegnung der Maria von Magdala mit dem Auferstandenen, tritt noch ein weiteres Detail hervor. Maria sucht ihren Herrn als den Jesus des Karfreitag, dessen Beziehung zu ihr und den Jüngern mit dem Tod am Kreuz jäh beendet wurde. So denkt Maria und so sucht sie. Und findet Ihn nicht, hält Ihn sogar für den κηπουρός, den Gärtner (vgl. Joh 20,15). Das erscheint ihr am plausibelsten, als sie einen Mann in der Nähe des Grabes entdeckt. Erst, als sie Jesus ihren Namen sagen hört („Maria!“, Joh 20,16), erkennt sie ihn und die alte Beziehung entsteht erneut: „Rabbuni!“ (Joh 20,16). Jesus nennt ihren Namen und die Benannte bezeugt den Herrn als ihren Meister – wie zu Lebzeiten. Die lebendige Beziehung ist wiederhergestellt: Es ist nicht die Beziehung zwischen der Leichenpflegerin und dem Toten, sondern die ursprüngliche Beziehung der Maria zu Jesus.

Mehr als das Gefühl: Jesus lebt in uns

Doch die Auferstehung bleibt auch eingedenk dieser Überlegungen ein „harter Brocken“. Freilich könnten wir diesen zermalmen, indem wir uns mit einer symbolischen Deutung des Auferstehungsgeschehens begnügten und mit dem evangelischen Theologen Rudolf Bultmann lediglich annähmen, Christus sei „ins Kerygma“ auferstanden, also in die von der Kirche kuratierte Botschaft hinein. Dann lebt Jesus in der Kirche weiter – das war‘s. Hier können wir Auferstehung spüren, damit können wir insoweit an Auferstehung glauben. Mehr bleibt dann aber nicht übrig. Die Auferstehung ist bloß ein Symbol im theologischen Programm der „Entmythologisierung“, das Bultmann und zuvor schon der Schleiermacher-Schüler David Friedrich Strauß abspulen, um das Christentum mit der naturwissenschaftlichen Weltsicht kompatibel zu machen. In dieser lässt sich ein Nachweis der Auferstehung nicht erbringen. Also: Vergessen wir sie – nicht die Exklusivität dieser Weltsicht, sondern die Auferstehung.

Doch warum sollte die Theologie ausgerechnet durch ein methodisches Maßnehmen am naturwissenschaftlichen Paradigma den Glauben tiefer ergründen können? Anders gefragt: Ist es zu viel verlangt vom modernen Menschen, wenn man ihm aufgibt, sich vorzustellen, dass etwas existiert, von dem er prinzipiell nichts sinnlich erfahren kann? Offensichtlich. Zumindest, wenn man sich gängige Muster der Kritik des religiösen Glaubens anschaut. Oder eben Theologen wie Bultmann. Die szientistische Perspektive, bei der Wissenschaft zur Weltanschauung wird und die Metaphysik völlig verdrängt wird, erwartet einen empirischen Nachweis der Existenz Gottes und der Auferstehung. Ist das so neu und unserer modernen Wissenschaftskultur allein geschuldet? Nein. Schon in der Antike fordern die Menschen andauernd Beweise (die Bibel spricht von „Zeichen“ – Motto: „Dann zeig uns mal, dass du der Sohn Gottes bist!“). Selbst ein Apostel (nämlich Thomas) will den empirischen Nachweis: Sehen und Fühlen (vgl. Joh 20,19-29). Auferstehung als ein Gegenstand, der naturwissenschaftlicher Methodik zugänglich sein soll. Damals schon. Was heute bleibt: Jesus lebt in uns. Das ist sicher richtig, doch als Definition von Auferstehung zu wenig. Die Geschichte gibt uns mehr mit als ein bloßes Gefühl.

Unglaublich, aber wahr

Wer andererseits die Auferstehung bloß als historisches Faktum begreift und als solches zu rekonstruieren versucht, verfehlt die Dimension des unendlichen Heils im Ewigen Leben, die Christi Auferstehung unserer Existenz verleiht, und nimmt dem Glauben zudem sein tiefstes Geheimnis. Denn der christliche Glaube erschöpft sich nicht im reinen Nachvollzug von Fakten, sondern besteht gerade auch in der Einlassung auf das, was sich unserer unmittelbaren Anschauung entzieht. Die Nachricht von der Auferstehung Jesu Christi ist unglaublich. Aber wahr. Wir dürfen sie feiern und wir sollen sie bezeugen, damit sie weiter die Runde macht und alle Menschen erfahren, was es mit Ostern auf sich hat.

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Zur Friedensbotschaft von Papst Leo XIV.

Hin zu einem „unbewaffneten und entwaffnenden Frieden“

Papst Leo XIV. hat die Welt dazu aufgerufen, das Wagnis zu einem „unbewaffneten und entwaffnenden Frieden“ einzugehen. Darin besteht letztlich die große Herausforderung der christlichen Botschaft. Es ist ein Weg, der einerseits viel Geduld und Ausdauer verlangt, andererseits ohne selbstlose Liebe und echte Versöhnungsbereitschaft nicht möglich ist. Wie die katholische Kirche im krisengeschüttelten Afrika die Saat des Friedens ausstreut, beschreibt der italienische Missionsbischof Christian Carlassare, der seit 2005 im Südsudan tätig ist. Zwischen Hoffnung und Bangen erlebt er die humanitäre Katastrophe, die durch den Bürgerkrieg im benachbarten Sudan ausgelöst worden ist. Seit 2023 stehen sich zwei Machtblöcke gegenüber, die schwere Gräueltaten und Kriegsverbrechen verüben. So hat der Konflikt das Land in die größte Vertreibungskrise gestürzt, die die Welt derzeit erlebt. Dabei finden die Worte von Papst Leo einen tiefen Widerhall in den Herzen der notleidenden Bevölkerung.

Interview mit Bischof Christian Carlassare, Bentiu/Südsudan

In den Ansprachen und Dokumenten von Papst Leo XIV. spielt das Thema Weltfrieden eine große Rolle. Welchen Eindruck haben Sie von seiner Lehre über den Frieden angesichts Ihres missionarischen Dienstes im Südsudan?

Bischof Carlassare: Als Missionare im Südsudan erleben wir das unmenschliche Gesicht des Krieges hautnah. Es zerstört das Leben der Kinder, die nicht mehr zur Schule gehen können, der jungen Menschen, die manipuliert werden und keine Zukunftsperspektive haben, der Erwachsenen, die nicht mehr wissen, was sie ihren Kindern bieten können, der Gemeinschaften, die von Hass, Wut und Angst gezeichnet sind.

In dieser Situation sind die Worte von Papst Leo für uns eine tiefgreifende Ermutigung. In unseren Herzen finden sie einen starken Widerhall. Er appelliert an jeden von uns: Frieden ist kein unerreichbares Ideal, kein reines Wunschdenken, sondern eine Realität, die in uns wohnen will. Sie besitzt die sanfte Kraft, der Gewalt zu widerstehen und sie zu überwinden. Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern die lebendige Gegenwart von Gerechtigkeit, Versöhnung und Hoffnung, und zwar dann, wenn das Reich Gottes in unseren Herzen Einzug hält.

Der Friede des Evangeliums – der Friede, den der auferstandene Jesus seinen Jüngern schenkt (Joh 14,27) – wird von Papst Leo als unbewaffnet und entwaffnend beschrieben. Das sind zwei wichtige Adjektive. Es bedeutet, dass Frieden nicht auf der Überlegenheit der Waffen oder der Logik der Herrschaft gründet, sondern auf der Umkehr der Herzen, auf aufrichtigem Dialog und auf authentischen Begegnungen zwischen Brüdern und Schwestern. Es ist ein Frieden, der Gewalt nicht mit noch mehr Gewalt bekämpft, sondern mit einer neuen Sichtweise, die den anderen als Schwester und Bruder annimmt.

Das ist der Kern unserer heutigen Mission: angesichts des Leidens nicht neutrale Zuschauer zu sein, sondern aktive Zeugen des Friedens, d.h. Zeugen von Jesus Christus, der unser Friede ist (Eph 2,14). Im Südsudan kann Frieden nicht durch bloße politische Vereinbarungen oder internationalen Druck erreicht werden; er muss zuerst die Herzen der Männer und Frauen dieses Landes erreichen, deren Wunden Heilung brauchen und auch heilen können.

Damit Heilung geschehen kann, verkündet die Kirche Jesus als den Arzt der Sünder (Mt 9,12-13), der die Menschheit mit Gott versöhnt und Menschen untereinander. Die geistige Dimension der Heilung erdet die Kirche mit ihrer Soziallehre, mit der sie sich für eine gerechte Gesellschaft einsetzt. Denn Menschen brauchen Zugang zu den grundlegenden Lebensmöglichkeiten. Das sind Arbeit, menschenwürdiger Wohnraum, medizinische Versorgung, Bildung, eine Wirtschaft, in der sich Familien Grundnahrungsmittel leisten können, sowie eine nachhaltige und inklusive Entwicklung. Dies ist eine wichtige Voraussetzung, um gemeinsam auf dem Weg zu Vergebung, Versöhnung und gegenseitigem Vertrauen voranzukommen. Solange aber die Politik von der Logik der Macht und des Konflikts geprägt ist, kommen wir nicht weiter. Solange Korruption herrscht, bleiben wir auf dem Weg stehen. Solange Wut in den Gemeinschaften brodelt, finden wir keinen Weg.

Papst Leo betont, dass Frieden nur auf dem Weg des täglichen Gebets, des Dialogs zwischen den Kulturen und Religionen und des Engagements für Gerechtigkeit erreicht werden kann. Man kann Frieden nicht allein, sondern nur mit den Menschen aufbauen. Entweder wir schreiten gemeinsam voran oder der Weg bleibt uns verschlossen. Es ist ein Weg, der pastorale Kreativität und missionarischen Mut erfordert: das Wort Gottes in die Dörfer und zu den Vertriebenen zu bringen, den Geschichten derer zuzuhören, die alles verloren haben, Brücken des Dialogs zu bauen, wo immer wir auf Mauern des Misstrauens stoßen.

Der Krieg im Sudan scheint sich in keiner Weise abzuschwächen. Besteht die reale Gefahr, dass auch der Südsudan in den Krieg hineingezogen wird?

Der Krieg im Sudan tritt in eine neue, schmerzhafte Phase ein. Die beiden wichtigsten bewaffneten Akteure festigen ihre Kontrolle über unterschiedliche Gebiete und zersplittern so das Land, wie es tragischerweise auch in anderen Regionen wie in Libyen geschehen ist. Der Südsudan ist militärisch noch nicht direkt involviert, da die Regierung in Juba bisher eine neutrale Position eingenommen hat.

Dennoch wirkt sich der Konflikt auch auf den Südsudan aus. Er ist indirekt betroffen, da sein wirtschaftliches Überleben maßgeblich vom Ölexport durch sudanesisches Gebiet abhängt. Der Krieg hat bereits zu wiederholten Unterbrechungen der Ölpipeline und zu erheblichen Einnahmeverlusten geführt, wodurch sich die ohnehin schon tiefe Wirtschaftskrise weiter verschärft hat. Und wie die diesjährige Botschaft zum Weltfriedenstag in Erinnerung ruft, trifft der Krieg immer zuerst die Ärmsten und raubt so ganzen Völkern ihre Zukunft.

Hinzu kommt der massive Zustrom von Flüchtlingen – laut Schätzungen der Vereinten Nationen mehr als 1,2 Millionen Menschen. Dies übt einen enormen Druck auf ein Land mit sehr begrenzten Ressourcen und fragilen sozialen Diensten aus. Ein weiterer Grund zur Sorge ist die Lage in der Region Abyei, einem Gebiet, das nach wie vor zwischen dem Sudan und dem Südsudan umstritten ist. Der Konflikt ist ungelöst und die Spannungen sind weiterhin hoch.

Wie hat sich der Konflikt bereits auf den Südsudan ausgewirkt? Was passiert vor Ort?

Es gibt nicht nur diese regionale Instabilität in Abyei, sondern interne Spaltungen innerhalb der südsudanesischen Streitkräfte, und zwar zwischen den Anhängern des Präsidenten und den Anhängern der verschiedenen Oppositionsgruppen. Diese Spannungen wurden durch einen Angriff der Regierungstruppen auf eine Basis der Vereinten Nationen weiter verschärft. Dabei kamen mehrere Blauhelmsoldaten ums Leben, was das Verhältnis zur internationalen Gemeinschaft sehr belastet.

Im Bundesstaat Upper Nile ist die humanitäre Lage besonders alarmierend. Aufgrund der großen Zahl von Flüchtlingen, von denen viele keine ausreichende humanitäre Hilfe erhalten, breitet sich extreme Armut aus. Dies führt zu Frustration, Angst und Wut unter der lokalen Bevölkerung. Papst Leo hat davor gewarnt, dass dort, wo die Menschenwürde missachtet wird und die Solidarität versagt, Ressentiments wachsen und der Frieden immer brüchiger wird.

Weiter südlich, nahe der Grenze unseres Bistums, liegt Heglig, eines der wichtigsten Ölfelder der Region. In diesem Gebiet befindet sich die zentrale Anlage, in der das im Südsudan, insbesondere in den Bundesstaaten Unity und Ruweng, geförderte Öl gesammelt und nach Port Sudan am Roten Meer weitergeleitet wird. Im Dezember 2025 zogen sich die sudanesischen Streitkräfte (SAF) aus dem Gebiet zurück. Es handelt sich dabei um die reguläre Regierungsarmee des Sudan. Anschließend wurde es von den Rapid Support Forces (RSF) besetzt, der mächtigen paramilitärischen Gruppe unter dem Kommando von Mohamed Hamdan Daglo, die sich seit 2023 mit der Armee einen Machtkampf liefert.

Daraufhin marschierten südsudanesische Truppen (SSPDF) auf der Grundlage eines Dreiparteienabkommens mit der sudanesischen Regierung und den RSF in das Gebiet ein. Das erklärte Ziel ist der Schutz lebenswichtiger Infrastruktur und die Verhinderung von Kämpfen oder Sabotageakten. Während der Südsudan versucht, seine Neutralität zu wahren und nicht in den Konflikt hineingezogen zu werden, bleibt die Lage äußerst heikel. Kurz nach ihrem Einsatz wurden südsudanesische Truppen angegriffen, erwiderten das Feuer jedoch nicht. Sie entschieden sich für Zurückhaltung, um eine Eskalation zu verhindern.

Gleichzeitig drangen etwa tausend Soldaten der sudanesischen Streitkräfte (SAF) auf südsudanesisches Gebiet vor, um den RSF zu entkommen. Ihre Anwesenheit birgt ein zusätzliches Risiko, da sie die Spannungen weiter anheizt und die ohnehin fragile Stabilität des Landes untergräbt. Wie Papst Leo betont hat, bringt die Verbreitung von Waffen und bewaffneten Gruppen keine Sicherheit, sondern vervielfacht Angst und Leid.

Die Bischöfe der beiden Nachbarländer haben einen Friedensappell veröffentlicht. Auf welchem Fundament kann Frieden errichtet werden und mit wem?

Der Friedensappell der Bischöfe des Sudan und des Südsudan stützt sich auf drei Säulen, die im Evangelium, in der katholischen Soziallehre und in der konkreten leidvollen Erfahrung der Menschen verwurzelt sind.

Die erste Säule ist ein sofortiger und überprüfbarer Waffenstillstand, gefolgt von einem wirklich inklusiven Dialog zwischen allen Konfliktparteien. Insbesondere die sudanesischen Streitkräfte (SAF) und die Rapid Support Forces (RSF) müssen bereit sein, sich auf ehrliche Verhandlungen einzulassen, die auf politische Lösungen abzielen. Ein Land kann nicht von bewaffneten Gruppen regiert werden, die die Menschenwürde missachten und nicht in der Lage sind, Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit zu gewährleisten. Ein Waffenstillstand muss zudem die Öffnung humanitärer Korridore sicherleisten, damit Hilfsorganisationen die notleidende Bevölkerung erreichen können. Wie Papst Leo bekräftigt, beginnt Frieden dort, wo das Leben geschützt und dem Dialog Vorrang vor Gewalt eingeräumt wird.

Die zweite Säule betrifft die Notwendigkeit, die wirtschaftlichen Interessen, die den Konflikt aufrechterhalten, ans Licht zu bringen. Bewaffnete Gruppen operieren oft in Absprache mit externen Akteuren, die Waffen liefern, um den Krieg zu verlängern und die Ressourcen des Landes auszubeuten. Diese Situation erfordert gezielte Sanktionen gegen diejenigen, die für schwere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind, sowie ein echtes und wirksames Waffenembargo. Leider sind viele Länder – darunter auch solche, die vorgeben, den Frieden zu verteidigen – an diesem unmoralischen Handel beteiligt. Papst Leo hat diesen Widerspruch angeprangert und uns daran erinnert, dass es keinen dauerhaften Frieden geben kann, wenn Profit über den Wert des menschlichen Lebens gestellt wird.

Die dritte Säule ist die Einbeziehung aller Akteure als Partner in den Friedensprozess, nicht nur derjenigen, die Waffen tragen. An den Verhandlungen müssen Zivilisten, Vertreter aller ethnischen Gruppen, Frauen und Männer, Alt und Jung, vor allem auch jene, die heute unschuldige Opfer des Konflikts sind, beteiligt werden. Die politischen Vertreter und regionalen Regierungen müssen in diesem Prozess den Weg wiederaufnehmen, der durch den Militärputsch gewaltsam unterbrochen worden ist. Dringend erforderlich ist eine zivile Regierung, die in der Lage ist, einen umfassenden Prozess des nationalen Dialogs, der Heilung und der Versöhnung zu fördern. Wie Papst Leo lehrt, wird Frieden geschaffen, indem man gemeinsam voranschreitet, auf die Stimme der Armen hört und durch Gerechtigkeit und Versöhnung die Hoffnung wiederherstellt.

Wie prägt die derzeitige Situation das Leben der Menschen und wie können sie Hoffnung finden? Was bedeutet die Hoffnung, die in christlichen Gemeinschaften erlebt wird, für das Leben der Menschen, die mit Not und der drohenden Gefahr eines Krieges konfrontiert sind?

Die aktuelle Situation im Südsudan hat tiefgreifende Auswirkungen darauf, wie die Menschen Hoffnung erleben. Es ist eine Hoffnung, die inmitten einer von Not, Unsicherheit und Armut geprägten Realität Gestalt annehmen muss. Hoffnung verliert deshalb nicht an Bedeutung, sondern wird authentischer und tiefer im Leben verwurzelt.

Der Glaube ist dabei keine romantische oder abstrakte Idee. Er spricht in ein verletzliches und zerbrechliches Leben hinein, das der Instabilität, Gewalt und Vertreibung ausgesetzt ist. In der biblischen Botschaft geht es um eine Geschichte, die unsere Menschen zutiefst verstehen, denn sie spiegelt ihre eigene tägliche Erfahrung wider. Die christliche Hoffnung ist weder die Illusion, dass alles gut werden wird, noch die Leugnung des Leidens. Sie ist die Gewissheit, dass Gott uns nicht verlässt, dass er in unsere Geschichte eintritt, so wie sie ist, auch wenn sie von Krieg und Ungerechtigkeit gezeichnet ist.

Dieser Glaube verleiht den Menschen eine außergewöhnliche innere Stärke. Er beseitigt zwar nicht die Probleme, aber er bewahrt sie davor, von ihnen erdrückt zu werden. In christlichen Gemeinschaften kann man eine sehr konkrete Form der Hoffnung erleben: nicht große Reden, sondern die Fähigkeit auszuharren, das Wenige, das man hat, zu teilen, gemeinsam weiter zu beten und vor allem dem Hass und der Rache zu widerstehen. Das allein ist bereits ein Weg, Frieden zu schaffen. Wie Papst Leo unterstreicht, beginnt der Friede in den Herzen derer, die Gewalt ablehnen und sich für das Gute entscheiden.

Wie steht denn die Bevölkerung zu dieser christlichen Haltung? Wird diese Hoffnung auch von Nichtchristen anerkannt?

Ja, diese Hoffnung wird weithin anerkannt, auch von denen, die nicht den christlichen Glaubensgemeinschaften angehören. Es fällt auf, dass unsere Gebete und gemeinsamen Feiern oft die gesamte Bevölkerung anziehen, nicht nur Katholiken, sondern auch Angehörige anderer Glaubensrichtungen und Traditionen. Unser christliches Glaubensleben zeugt von Gemeinschaft, von der Kostbarkeit des Lebens und von der gemeinsamen Verantwortung, das Leben zu schützen.

In einem Land wie dem Südsudan wird diese gemeinsame Anerkennung der Würde des Lebens zu einem starken Zeichen. Sie zeigt, dass Frieden nicht die ausschließliche Aufgabe einer Religionsgemeinschaft ist, sondern eine gemeinsame Berufung. Papst Leo hat betont, dass ein entwaffnender Frieden alle anspricht, weil er in der universellen Sprache der Menschenwürde und der Solidarität verwurzelt ist.

Was unternimmt die Kirche konkret, um den Frieden zu fördern, und welche Hindernisse müssen überwunden werden, um ihn zu erreichen?

Wie gesagt, ist bei uns Frieden keine leere Phrase, kein abstraktes Ideal. Er ist eine tägliche Notwendigkeit, verbunden mit der Möglichkeit, ohne Angst zu leben, zu arbeiten, Kinder zur Schule zu schicken und Beziehungen wiederaufzubauen, die durch jahrelange Gewalt in die Brüche gegangen sind. Diese Sehnsucht nach Versöhnung und Gemeinschaft verbindet alle ethnischen Gruppen und Religionsgemeinschaften.

Der Dialog beginnt nicht mit großen offiziellen Treffen, sondern im Alltag: indem man Seite an Seite lebt, sich gegenseitig hilft und Respekt zeigt. Diese einfachen Gesten schaffen Bindungen, die dazu beitragen, Spannungen zu überwinden und Schritt für Schritt Vertrauen aufzubauen.

Die katholische Kirche setzt sich auf sehr konkrete Weise für den Frieden ein, in erster Linie durch ihre weit verbreitete Präsenz unter den Menschen: Pfarreien, Schulen, Gesundheitszentren und Bildungsprogramme. Die Kirche begleitet Einzelpersonen und Familien, fördert das Zuhören und ermutigt zu Vergebung und Versöhnung, insbesondere in Situationen, die von ethnischen oder politischen Spaltungen geprägt sind.

Ein besonders wichtiges Anliegen ist die Gewissensbildung vor allem junger Menschen. Dies geschieht durch Bildungsarbeit. Schulen sind Orte, an denen Verantwortungsbewusstsein, Respekt vor anderen und friedliche Teilnahme am gesellschaftlichen Leben gefördert werden. Die Kirche unterstützt auch Initiativen des gemeinschaftlichen Dialogs und arbeitet mit anderen Kirchen und Organisationen zusammen, um eine Kultur des Friedens aufzubauen und sie zu stärken.

Die Hindernisse sind zahlreich. Es gibt tiefe Wunden, die durch jahrelange Gewalt, mangelndes Vertrauen in Institutionen, weit verbreitete Armut und die Instrumentalisierung von Spaltung als Mittel zur Macht entstanden sind. All dies behindert den Weg zum Frieden. Er ist gefährdet und wir kommen nur langsam voran. Doch wie Papst Leo lehrt, wird Frieden nicht durch Gewalt oder Herrschaft geschaffen, sondern durch Demut, Geduld und Ausdauer. Es ist ein entwaffneter und entwaffnender Frieden, der Wahrheit, Gerechtigkeit und Zeit erfordert.

Die Kirche erhebt nicht den Anspruch, schnelle Lösungen anbieten zu können. Stattdessen streut sie unablässig in Stille und Treue den Samen des Friedens aus, überzeugt davon, dass Frieden auch unter schwierigsten Umständen möglich ist. Indem sie den Menschen nahe bleibt und unerschütterlich in der Hoffnung verharrt, gibt sie Zeugnis von einem Frieden, der langsam wächst, aber tief verwurzelt und beständig ist.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2026
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Jetzt besitzt Paul Badde (1948-2025) den Schatz im Acker

Spurenleser der Erlösung

Am 10. November 2025 ist der katholische Journalist Paul Badde kurz nach Mitternacht in der italienischen Abruzzenstadt Manoppello verstorben. Dort hatte er das „Santo Volto“, die Reliquie des Heiligen Antlitzes, entdeckt und weltweit bekannt gemacht. Seine erste Publikation „Das göttliche Gesicht. Auf der Suche nach dem wahren Antlitz Jesu“ von 2005 erfuhr mehrere Erweiterungen. Auf seine Initiative hin pilgerte 2006 sogar Papst Benedikt XVI. zum Heiligtum in Manoppello. Auf seiner Spurensuche hob Badde verschiedene Schätze ans Licht und brachte sie mit Bestsellern wie „Maria von Guadalupe. Wie das Erscheinen der Jungfrau Maria Weltgeschichte schrieb“ (2004) oder „Die Lukas-Ikone. Roms verborgenes Weltwunder“ (2024) den heutigen Menschen nahe. In seinem Nachruf zeichnet Klaus-Hermann Rössler das Leben von Paul Badde nach, das letztlich ein ergreifendes Zeugnis der Gnade Gottes darstellt.

Von Klaus-Hermann Rössler

In jener Zeit sprach Jesus zu den Jüngern: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn und grub ihn wieder ein. Und in seiner Freude ging er hin, verkaufte alles, was er besaß, und kaufte den Acker“ (Mt 13,44-52).

Entdeckung des „Volto Santo“ von Manoppello

Dieses Gleichnis Jesu könnte auch als Kurzcharakteristik des Lebens des Publizisten, Sachbuchautors und Filmemachers Paul Badde dienen. Geboren am Niederrhein am 10. März 1948 in Breyell-Schaag, starb er nach einem überaus facettenreichen Leben infolge von zwei Schlaganfällen und langem Leiden am 10. November 2025 in dem 7000-Einwohner-Ort Manoppello in den Abruzzen. Es war der irdische Ort, an dem er das Antlitz Jesu entdeckt hatte, im dort seit dem frühen ersten Jahrtausend verehrten Muschelseidentuch, das die Apostel Johannes und Petrus aus dem Grab Jesu an sich genommen hatten. Seine diesbezüglichen Bücher[1] wurden zu Weltbestsellern. Auf Baddes Anregung hin[2] pilgerte Benedikt XVI. 2006 als erster Papst – in einer privaten Wallfahrt – nach Manoppello. In seiner Ansprache bezeichnete er das Tuch als „Ikone des Heiligen Antlitzes“ und erhob später die Wallfahrtskirche der Kapuziner „Santuario del Volto Santo“ zur Basilica minor. Jetzt sieht Paul Badde das Antlitz Jesu himmlisch unverstellt. Er hinterlässt seine Frau Ellen und fünf Kinder.

Aufgehoben in seinem Glauben

Was war er für ein Mensch? In den letzten Lebensjahrzehnten wussten seine Bekannten, dass er täglich die hl. Messe besuchte, keine Gelegenheit ausließ, den Rosenkranz zu beten[3] und in seiner Zeit in Rom jeden Tag eine Stunde der Anbetung des Allerheiligsten[4] widmete. Er war Mitglied der Erzbruderschaft des Campo Santo Teutonico. Seit 2012 war er Mitglied des Römischen Instituts der Görres-Gesellschaft. Also ein Katholik, der das Bekenntnis zu seinen Glaubensüberzeugungen über alles stellte? Sein Kollege Alan Posener, ein bekennender Atheist, charakterisiert ihn in seinem Nachruf so: „Manchmal begegnet man Menschen, bei denen man denkt: Ach, könnte ich nur so glauben wie er. Paul Badde war so ein Mensch. Er trug seinen christlichen, sehr katholischen Glauben nicht zur Schau, war lebensfroh und nicht betont fromm, gehörte schon gar nicht zu jener unangenehmen Sorte von Glaubenskämpfern, die ihre Religion als Waffe gegen andere benutzen. Er war, das merkte man ihm an, in seinem Glauben aufgehoben.“[5]

Persönliches Zeugnis über seinen Weg als „68er“

Im letzten seiner fünfzehn Bücher, in denen er in einzigartiger Weise journalistische Recherche und Information, Bibel- und Glaubenswissen mit persönlichem Zeugnis verband – „sine ira et studio“ („ohne Zorn und Eifer“, d.h. sachlich und objektiv), aber in tiefer menschlicher Bewegtheit – dem äußerst lesenswerten Werk „Die Lukas-Ikone. Roms verborgenes Weltwunder“[6] von 2024 charakterisiert er sein Elternhaus und sich selbst u.a. wie folgt:

„Meine Mutter hieß Maria und meinen Vater hatte sie, denke ich, vor allem geheiratet, weil er Joseph hieß. Und weil er ein so guter Tänzer war. ... Doch er war auch ein Theaterfriseur. Deshalb fragte sie ihn nach dem ersten Tanz zuerst: ,Sind Sie katholisch?‘ Als er bejahte, war die Sache für sie entschieden. ... Meine Mutter war keine Heilige, sie konnte oft sehr ungerecht sein, aber sie war so römisch-katholisch wie Domingo de Guzman aus Spanien, Tommaso D‘Aquino aus Italien, Edith Stein aus Breslau, die ,Resl‘ aus Konnersreuth oder Karol Woityla aus Krakau. Diesen Glauben habe ich mit ihrer Muttermilch aufgesogen. Ungläubig war ich nie, auch wenn ich mich an Gottes Gebote meist nicht gehalten habe. ...“[7]

Er hatte fünf Brüder; sein Vater starb, als Paul, der jüngste, zehn Jahre alt war. Der Ortspfarrer vermittelte ihn an das humanistische Pius-Gymnasium in Aachen. Nach dem Abitur studierte Paul Badde Philosophie und Soziologie in Freiburg und Kunstgeschichte, Geschichte und Politik in Frankfurt, wo er auch das Erste Staatsexamen als Lehrer ablegte. Inzwischen konnte man ihn durchaus als „68er“ identifizieren, der „ein bewegtes Leben führte und die meisten Irrwege seiner Generation mitging“.[8] Zwischen Erstem und Zweitem Staatsexamen, im Februar 1979, wurde er Mitarbeiter des zeitweilig auflagenstärksten deutschen Satire-Magazins „Pardon“ – einem Flaggschiff dieser Generation. Markenzeichen war ein von F.K. Waechter entworfenes Teufelchen, das seinen Melonenhut lüftet. Badde war mitverantwortlich für den allgemeinen Teil, den er später ironisch als das „Ressort Theologie und Pornographie“ charakterisierte.[9]

Von Johannes Paul II. elektrisiert

Allerdings berichtet er bereits über diese Zeit auch, dass er über die Wahl von Papst Johannes Paul „von der ersten Sekunde an“ „elektrisiert“ gewesen sei. Das vierte Kind, das seine Frau zu dieser Zeit erwartete, wollte er „Johannes Paul“ nennen; es wurde jedoch ein Mädchen namens Maria Magdalena. Die Familie entschloss sich zu einer Reise nach Polen. Die Schwarze Madonna von Tschenstochau wurde zum ersten „lebendigen Bild“ für Paul Badde und seine Frau: „Und nun standen wir plötzlich mit unserem Jakob und unserer Mia gerade vor und unter der Ikone der Schwarzen Madonna, zu der uns eine Postkarte aus Mias Geburtszimmer hingeführt hatte, und konnten unsere Augen nicht von ihr lösen. Ihr Blick bannte uns. ... Wir waren getauft und verheiratet, aber wussten hier eigentlich nicht, was zu tun war. Haben wir gebetet? Ellen sagt, nein, auch nicht heimlich. Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich hab‘ ich zumindest ein leises Vaterunser und Ave Maria vor mich hingedacht. ... Auf keinen Fall haben wir es zusammen und laut getan. Das hatten wir noch nie gemacht. Wir hätten uns damals beim Beten wohl voreinander geschämt. So war es. Wir hatten die Worte der Gebete nicht vergessen. Fünf Jahre zuvor hatten wir begonnen, sonntags wieder in die Kirche zu gehen. Knapp neun Monate vorher hatte ich in einer Art Wunder ohne jede Ausbildung eine Anstellung als Redakteur bei ‚Pardon‘ gefunden, dem antikatholischsten Magazin der alten Bundesrepublik, und war sehr froh da-rüber. Wie und auf welche Weise wir also Jakob und Mia damals der Gottesmutter anempfohlen haben, weiß ich nicht. Natürlich geschah kein Wunder, Jakob blieb gehörlos und wir fuhren mit ihm und unserer kleinen Mia und allen Sorgen eines jungen Ehepaars zurück nach Offenbach am Main. ...“[10]

Im Grunde zeigt die Faszination für das Bildnis der Schwarzen Madonna, dass Paul und Ellen Badde sich innerlich schon von der 68er-Ideologie verabschiedet hatten. Den dahinter zu vermutenden Prozess hat Papst Leo XIV. in seiner Ansprache bei der Generalaudienz am 14. Januar diesen Jahres auf die Kurzformel gebracht: „Unsere Gottesebenbildlichkeit wird ... nicht durch das Übertreten der Gebote und die Sünde erlangt, wie die Schlange Eva einflüstert (vgl. Gen 3,5), sondern in der Beziehung zum menschgewordenen Gottessohn.“[11] Kurze Zeit später verlor Paul Badde die Stelle als Redakteur bei „Pardon“.

Er begann sein Referendariat und wurde für drei Jahre Lehrer an dem bekannten Gymnasium Schillerschule in Frankfurt-Sachsenhausen und war danach freier Mitarbeiter bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der „Zeit“, der „Welt“ und der „Neuen Zürcher Zeitung“.

Eintritt in die „Integrierte Gemeinde“

In diese Zeit fällt auch der Eintritt des Ehepaars Badde in die „Integrierte Gemeinde“ in München, für die sie alle Zelte für einen völligen Neuanfang abbrachen: „Es schien die Verwirklichung der Visionen des Himmlischen Jerusalem mitten auf der Erde, dessen Bilder mich verzaubert hatten, seit ich als Gymnasiast im Aachener Münster Karls des Großen hatte ministrieren dürfen“, so beschreibt Badde ihre damalige Berufungs-Begeisterung für einen neuen Aufbruch in der Kirche,[12] die trotz der großen Anzahl äußerst renommierter Theologen, die sich für das Projekt einsetzten, darunter auch Prof. Ratzinger und beide Professoren Lohfink, in einer erheblichen Enttäuschung über dessen schließliches Sektierertum endete. 2021 schrieb Paul Badde dazu in einem kritischen Rückblick: „Die Integrierte Gemeinde wurde von einer ‚Synode‘ regiert, wie hier oft betont wurde. So wurde in ihr jedenfalls das Dauer-Palaver eines so genannten ‚Kapitels‘ der Gründerin Traudl Wallbrecher mit ihren Theologen, Priestern und Laien beiderlei Geschlechts viele Jahre lang genannt, wo nicht nur unzählige Worte produziert, sondern auch zahllose Eingriffe in die Biografien ihrer Mitglieder beschlossen wurden, mit Initiativen, wie die Kirche von morgen aussehen sollte. ... Ein großer Teil der heutigen Oberhirten Deutschlands und Österreichs stand unter ihrem Einfluss – wovon die meisten heute kaum mehr etwas wissen wollen. ... Was heute von Vertretern des so genannten Synodalen Weges oft gefordert wird, war in der Integrierten Gemeinde jedenfalls alles schon da und noch mehr: die Entmachtung der Priester, Frauen in allen führenden Positionen, kein Unterschied zwischen den Konfessionen und Geschlechtern, ebenso wenig zwischen Hetero- und Homosexuellen, Eucharistie für alle ohne Ansehen oder gar Kontrolle der Person, die durchgängig praktizierte Wiederzulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten mit einer großzügig praktizierten Binde- und Lösegewalt plus einer modernen und kritischen Hinterfragung aller Dogmen. Sakramente wurden insgesamt nicht mehr ‚magisch‘ verklärt und überhöht, sondern nüchtern als das betrachtet, was sie angeblich wirklich waren. Und wie sah es mit den ‚viri probati‘ aus? Die gab es natürlich auch in der Integrierten Gemeinde und wurden in ihr umstandslos zu Priestern geweiht, wenn sie der Gründerin als probat erschienen, die sie dann verschiedenen Bischöfen zur Weihe empfahl. Frauenpriestertum gab es nicht, doch die Priester in ihr taten ohnehin gehorsam das, was vor allem Frauen ihnen sagten. Es gab sogar auch die Praxis der Anbetung in der Integrierten Gemeinde. Dort galt sie jedoch nicht dem Allerheiligsten, sondern der IG und ihrer Gründerin auf eine Weise, wie heute der Synodale Weg von vielen als erlösendes Werkzeug des Himmels verehrt wird. Und insgesamt war in der hochambitionierten Gemeinde die Überzeugung so gut wie allgemein, dass ihre Mitglieder – zugegebenermaßen unter einigen Opfern – die Kirche von übermorgen bereits im Hier und Jetzt verkörperten, quasi nach dem wissenschaftlich erhärteten Masterplan Jesu.“ Die Enttäuschung über diese Gemeinde und die schmerzhaften Umstände seines Austritts prägten Paul Badde stark. Kardinal Marx hat am 20.11.2021 mitgeteilt, dass er den Verein aufgelöst hatte.[13]

Korrespondent in Jerusalem, in Rom und beim Vatikan

Ab Februar 1988 war Paul Badde Reporter und Redakteur des FAZ-Magazins mit Sitz in München. Von 2000 bis 2013 arbeitete er als Korrespondent der „Welt“, zuerst in Jerusalem, dann in Rom und beim Vatikan. Alan Posener schreibt über die Zeit Baddes als Korrespondent in Jerusalem für die „Welt“: „Redakteure dieser Zeitung, die ihn als Korrespondenten nach Jerusalem schickten, um über den Nahostkonflikt zu berichten, konnte Paul Badde zur Verzweiflung bringen mit langen Recherchen über archäologische Funde, die biblische Berichte über die frühen Christen bestätigten, Zeugnisse des Apostels Paulus oder das leere Grab der Maria. Er war der beste Führer durch die Heilige Stadt, den man sich wünschen konnte, bewegte sich aber über die sichtbaren und unsichtbaren Linien, die Araber und Juden trennen, als gebe es sie nicht. Natürlich war er nicht naiv; aber sub specie aeternitatis waren diese Konflikte für Badde nicht wesentlich.“[14]

Fasziniert von historischen Spuren der Liebe Gottes

Immer stärker zeigte sich Paul Baddes eigentliche Faszination: Wenn man die Offenbarung des dreieinigen Gottes in der Bibel und die Erlösungstat Jesu Christi ernstnimmt, dann muss man zwangsläufig auch deren historische Spuren finden, Indizien der übernatürlichen Wahrheit in unserer Lebenswirklichkeit, wie sie durch Generationen hinweg geprägt worden ist. Deshalb sein leidenschaftliches Recherche-Interesse für Jerusalem und das Heilige Land, aber auch für Rom, das Volto Santo, das Turiner Grabtuch, die Madonna von Guadeloupe, Fatima und seine Botschaft. Die Liebe Gottes ist nicht nur symbolisch, sondern sie hinterlässt greifbare Spuren. Die Freude über seine Entdeckungen von Bildern und Spuren ist die Freude darüber, dass Gott sich wirklich als Jahwe, der „Gott ist da“ erweist – und dass der Erlöser lebt. Für diesen Schatz im Acker hat er alles hingegeben.

„Jünger des Himmelreichs“

Von Anfang 2007 bis Juni 2022 war Bad-de Mitbegründer und Mitherausgeber der Monatszeitschrift „Vatican Magazin“. Seit 2008 war er Vorsitzender der Fatima-Aktion, deren Hauptziel die Verbreitung der Botschaft von Fátima ist und die Hilfsprojekte u.a. für verfolgte Christen und Kinder in Südamerika unterstützt. Er war zudem Mitarbeiter der Nachrichten-Agentur CNA Deutsch, schrieb für kath.net und war seit 2013 auch Autor und Korrespondent des Fernsehsenders EWTN Deutschland.

Am Ende seiner Gleichnisreden in Matthäus 13 heißt es über Jesus: „Da sagte er zu ihnen: Deswegen gleicht jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt“ (Mt 13, 52). In diesem Sinne ist Paul Badde ganz sicher ein Jünger des Himmelreichs gewesen.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2026
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[1] Paul Badde: Das göttliche Gesicht. Auf der Suche nach dem wahren Antlitz Jesu, Berlin 2005; ders.: Das Muschelseidentuch, Berlin 2011; ders.: Das Göttliche Gesicht im Muschelseidentuch von Manoppello, Kissleg 2017.

[2] https://kath.net/news/88878 – Nachruf von Michael Heesemann, aufgerufen am 8.2.2026.

[3] https://de.catholicnewsagency.com/article/2987/auf-ein-wiedersehen-und-vergelts-gott-lieber-paul-badde – Nachruf von Martin Rothweiler, aufgerufen am 8.2.2026.

[4] S. Anm. 2.

[5] https://www.welt.de/politik/deutschland/article6913160671dafa6e0afd00ef/paul-badde-ist-tot-der-reporter-mit-der-faehigkeit-wundern-nachzuspueren.html  – Nachruf von Alan Posener, aufgerufen am 8.2.2026.

[6] Paul Badde: Die Lukas-Ikone. Roms verborgenes Weltwunder, Kissleg 2024.

[7] Ebd., 11.

[8] Alan Posener, s. Anm. 5.

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Pardon_(Zeitschrift) Anm. 1.

[10] S. Anm. 6, S. 36-40, Zitat S. 39/40.

[11] https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2026-01/wortlaut-papst-leo-bei-der-generalaudienz-14-januar-2026.html  – aufgerufen am 8.2.2026; vgl. auch Arbeitsübersetzung im Artikel „Keine Idee, sondern eine Person“, in: Die Tagespost v. 5.2.2026, 11.

[12] S. Anm. 6, 46/47.

[13] https://mobile.kath.net/news/76819  – Artikel von Paul Badde: „Kirchenträume: Die Integrierte Gemeinde war der Laborversuch einer selbstgemachten Kirche, in der viele Forderungen des Synodalen Weges schon vor Jahrzehnten verwirklicht wurden. Ein sehr deutsches Lehrstück“, 16.11.2021, aufgerufen am 8.2.2026.

[14] S. Anm. 5.

Zum Internationalen Frauentag am 8. März

Was wollen Frauen wirklich?

Von Alexandra Maria Linder, Bundesverband Lebensrecht e.V.

Mit Blick auf die Entscheidung der EU-Kommission, für die Bezahlung von Abtreibungen im EU-Ausland ausgerechnet einen Sozialfonds zu empfehlen (ESF+), wird einmal mehr klar, dass es Abtreibungsverfechtern nicht um Menschen geht, sondern lediglich um die Durchsetzung einer Ideologie, die mit der Lage und den Bedürfnissen der Betroffenen nichts zu tun hat. Angeblich seien, so die Initiatoren der Europäischen Bürgerinitiative „My Voice My Choice“, 20 Millionen Frauen akut vom Tod bedroht, weil sie in ihren eigenen Staaten nicht abtreiben dürfen. Doch bei dieser Zahl handelt es sich schlicht um die Menge der Frauen im gebärfähigen Alter, die irgendwann im Leben einmal schwanger werden könnten und in einem Land mit einschränkenden Abtreibungsgesetzen leben. Mit dem Fonds-Trick hat die EU-Kommission vermieden, dass sich weitere Institutionen mit der Sache beschäftigen müssen und sie möglicherweise anders bewerten. Dass dieser geplante „Abtreibungstourismus“ außerdem gegen die Kinderrechtskonvention verstößt, wo es in Artikel 6,1 im englischen Original heißt, dass jedes Kind ein „inhärentes Recht auf Leben“ hat, war nirgendwo zu lesen.

Das ist die seit Jahrzehnten übliche Taktik der Abtreibungsideologen: Es werden horrende, nicht belegte oder nicht zutreffende Zahlen zu gefährdeten Frauen, tödlichen und unsicheren Abtreibungen in den Raum geworfen. Es wird verschleiert, dass es sich bei einer Abtreibung immer um den Tod eines unschuldigen Menschen handelt (wissenschaftlich noch nie so sicher nachgewiesen wie heute). Es wird verschleiert, dass Abtreibung für die allermeisten Frauen weltweit keine selbstbestimmte Entscheidung ist, sondern hoher Druck ausgeübt wird. Es wird verschleiert, dass Frauen sich im Hinblick auf Emanzipation ganz andere Dinge wünschen, wenn sie selbst befragt werden:

Frauen in westlichen Staaten wollen selbstbestimmte Entscheidungen darüber, wann sie mit wem ein Kind haben möchten, gute Möglichkeiten, Mutterschaft und Beruf wirklich zu vereinbaren, gerechte Bezahlung. Frauen in zum Beispiel afrikanischen Staaten möchten, wenn man sie nach wichtigen Lebenswünschen fragt, sich ihren Ehemann und ihr Heiratsalter selbst aussuchen dürfen, Zugang zu Bildung, eigenständige Berufsentscheidungen, gute medizinische Versorgung, vor allem möchten sie respektiert werden und familiäre Mitspracherechte – gerade letzteres ist in Staaten wie Tansania noch ein großes gesellschaftliches Problem. Keine Frau dort käme auf Abtreibung als probates Mittel zur Förderung von Frauenrechten. Abtreibung als Frauenrecht zu feiern, ist absurd. Am Weltfrauentag gehen auch in Tansania Frauen auf die Straße, um zu tanzen, sich gegenseitig zu bestärken, um mehr Respekt und Ansehen zu erreichen und Verbesserungswünsche zu äußern. Wer am Weltfrauentag wirklich im Sinne von Frauen Forderungen stellen will, sollte seinen Blick ideologiefrei weiten, die Menschenrechte umfänglich im Blick behalten und sich mit den betroffenen Menschen selbst beschäftigen.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2026
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Der englische Blutzeuge Edmund Campion SJ (1540-1581)

„Saat im Sturm“

1970 hat Papst Paul VI. den Blutzeugen Edmund Campion SJ (1540-1581) als einen der 40 Märtyrer von England und Wales heiliggesprochen. Zunächst hatte Campion den Suprematseid auf die englische Krone als Oberhaupt der Kirche von England geleistet, wandte sich dann aber aus innerer Überzeugung der katholischen Kirche zu. Studiendirektor Knab skizziert seine abenteuerliche Lebensgeschichte, die ihn zum Jesuitenorden in Rom und schließlich wieder zurück nach England führte. Nach seiner Verhaftung wäre er verschont worden, wenn er dem katholischen Glauben abgeschworen hätte. Trotz schwerer Folter blieb er standhaft und wurde grausam hingerichtet. „Saat im Sturm“ heißt die erste deutsche Übersetzung seiner Biografie, die Evelyn Waugh, selbst Konvertit, 1935 herausgebracht hat. Sie gilt heute als eines der stilistisch brillantesten Beispiele für hagiografische Literatur des 20. Jahrhunderts.

Von Jakob Knab

Persönliche Vorbemerkung

Ende Juli 2008 besuchte ich eine Ausstellung in der Bodleian Library Oxford, einer der ältesten Bibliotheken Europas, wo seltene und kostbare Manuskripte und Druckschriften gezeigt wurden. Ein Weggefährte von der Old Dominion University (Virginia, USA) war erstaunt darüber, als ich mich vor einer Vitrine in Ehrfurcht verneigte. Denn bei einer lateinischen Bibelausgabe hatte ich handschriftliche Randbemerkungen aus der Feder des Gelehrten Edmund Campion erblickt. Der Dozent aus den USA war sichtlich angerührt, als ich ihm in wenigen Sätzen dessen Lebensgeschichte erzählte.

Vom anglikanischen Diakon zum Jesuitenpater

Edmund Campion wurde am 25. Januar 1540 in London geboren. Im Alter von 17 Jahren begann der Hochbegabte das Studium der Geisteswissenschaften am St John’s College in Oxford. 1564 legte er den Suprematseid auf Königin Elisabeth ab und wurde Diakon der Kirche von England.

In einer Glaubenskrise verließ er Oxford in Richtung Irland. Dank seiner vertieften Studien der Kirchenväter fand er den Weg zur katholischen Kirche. Ab 1571 studierte er Theologie am Priesterseminar in Douai (Nordfrankreich) und ab 1573 in Rom, wo er in die Ordensgemeinschaft der Jesuiten aufgenommen wurde. Von 1574 bis 1580 lehrte er Rhetorik und Philosophie am Jesuitenkolleg in Prag und in Brünn (Mähren). Vor seiner Rückkehr nach Rom wurde er zum Priester geweiht.

Gewaltherrschaft unter Königin Elisabeth

Die zunehmend protestantische Ausrichtung der Kirche von England führte zum Aufstand im Norden („pilgrimage of grace“). „Die Gnadenpilger“, so Reinhold Schneider, „kehrten wieder; im Jahre 1569, als Königin Elisabeth die große Krise ihrer Regierung erlebte, wurde das Wundenbanner im Norden wieder entrollt; achthundert Männer erlitten auf Gebot der Königin, die gewiss nicht milder war als ihre vielgeschmähte Halbschwester Maria, den Tod.“ In der nordenglischen Stadt York wurden 29 papsttreue Priester am Galgen aufgehängt.

Ab April 1576 wurde der Anspruch von Königin Elisabeth als Oberhaupt der Kirche von England verschärft durchgesetzt. Strafen gegen widerständische Katholiken (Rekusanten) dienten der konfessionellen Gleichschaltung. Schon zu Beginn ihrer Herrschaft, an Weihnachten 1558, hatte Königin Elisabeth das Verbot ausgesprochen, im Gottesdienst die Hostie zu erheben. Wer die verbotene Hl. Messe mitfeierte, dem wurde ein Jahr Kerker angedroht. William Cecil, der engste Berater der Königin, errichtete einen Polizeistaat. Nie wieder wurde in England so grausam gefoltert wie im „Golden Age“ von Königin Elisabeth. Nur noch Kundige verbinden heute mit den Namen Francis („spymaster“) Walsingham, Richard („torturer“) Topcliffe sowie Thomas („rackmaster“) Norton die finsteren Abgründe der Gewaltherrschaft unter Königin Elisabeth.

Jesuitische Mission zu den Katholiken Englands

Im Frühsommer 1580 begann von Rom aus eine jesuitische Mission, um die englischen Katholiken im Untergrund, die sog. Rekusanten, im Glauben zu stärken. Auf dem Weg nach England verbrachte der Jesuit Edmund Campion acht Tage bei Erzbischof Carlo Borromeo in Mailand. In dessen Privatkapelle hing neben einem Gemälde des hl. Ambrosius von Mailand auch ein Bild des englischen Märtyrers und Kardinals John Fisher („Kirche heute“ 11/2023). Als Campion nach der Überfahrt über den Kanal am 24. Juni 1580, am Fest Johannes des Täufers, die Hafenstadt Dover erreichte, fiel er auf die Knie und bat Gott um Kraft und Segen für die lebensgefährliche Mission. Fünf Tage später begegnete er in London Rekusanten; am Fest Peter und Paul predigte er über den biblischen Text „Tu es Petrus“. Die kommenden Monate verbrachte er im katholischen Untergrund: er feierte die Heilige Messe, er spendete die Sakramente, er stärkte die Gläubigen in ihrer Treue zu Papst und Kirche. Hilfreich war auch der Kontakt mit der versteckten Druckerei der Rekusanten auf dem weitläufigen Landsitz Stonor Park (nahe Oxford).

Bevor am 27. Juni 1581 der Sonntagsgottesdienst in der Universitätskirche St Mary the Virgin in Oxford begann, wurden 400 Exemplare von Campions Schrift „Decem rationes“ (dt. „Zehn Gründe“) heimlich ausgelegt, wo er in Anlehnung an die Zehn Gebote den katholischen Glauben verteidigte. Knapp vier Jahrhunderte später wird in dieser traditionsreichen Kirche der anglikanische Geistliche John Henry Newman seine „lectures on justification“ halten. Der spätere Kirchenlehrer („Kirche heute“ 11/ 2025) gelangte zur Gewissheit, dass die strenge Trennung zwischen Rechtfertigung und Heiligung nicht schriftgemäß sei.

Todesurteil wegen Hochverrats

In Campions letzter Predigt im katholischen Untergrund ging es um den Aufschrei: „Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind!“ Ende Juli 1581 wurde Edmund Campion von einem Doppelagenten auf dem Landsitz Lyford Grange (bei Oxford) aufgespürt und verhaftet. Beim ersten Verhör in London war sogar Königin Elisabeth anwesend; denn als junger herausragender Gelehrter in Oxford hatte er in ihrer Gunst gestanden. Als schließlich das Todesurteil wegen Hochverrats verkündet wurde, sprach der von der Folter geschwächte Campion diese prophetischen Worte: „In condemning us, you condemn all your own ancestors, all our ancient bishops and kings, all that was once the glory of England – the island of saints, and the most devoted child of the See of Peter.“ („Indem ihr uns verurteilt, brecht ihr auch den Stab über all unsere Ahnen, über all unsere altehrwürdigen Bischöfe und Könige, über all das, was einst die Ehre Englands war – die Insel der Heiligen, und das hingebungsvollste Kind des Heiligen Stuhls.“)

Am 1. Dezember 1581 wurde er an der Hinrichtungsstätte Tyburn (London) – zusammen mit den jesuitischen Gefährten Alexander Briant und Ralph Sherwin – gehängt, gestreckt und gevierteilt. Als sein lebloser Körper in Stücke geschlagen wurde, trafen Blutspritzer einen protestantischen Zuschauer namens Henry Walpole. Dieser spürte, dass er sich zur katholischen Kirche bekehren müsse. Als Jahre später der Priester Henry Walpole im Tower von London eingesperrt war, kritzte er seinen Namen in die Wand zusammen mit den Heiligen Petrus, Paulus, Ambrosius, Hieronymus, Augustinus und Gregor dem Großen. Henry Walpole wurde am 7. April 1595 in York (Nordengland) öffentlich hingerichtet.

Im Dezember 1929 wurde Walpole von Papst Pius XI. selig- und im Oktober 1970 – wie auch Edmund Campion – von Papst Paul VI. heiliggesprochen.

Anbetungskapelle an der Hinrichtungsstätte

An der ehemaligen Hinrichtungsstätte Tyburn (London) wurde die Anbetungskapelle „Tyburn Convent“ errichtet. Edmund Campion wurde am 9. Dezember 1886 von Papst Leo XIII. seliggesprochen; am 26. Oktober 1970 wurde er von Papst Paul VI. als einer der 40 Märtyrer von England und Wales zur Ehre der Altäre erhoben. An der Universität Oxford pflegen die dortigen Jesuiten in der „Campion Hall“ das Andenken an diesen Blutzeugen und Gelehrten. Der namhafte englische Autor und Konvertit Evelyn Waugh (1903-1966) widmete ihm die Biografie „Edmund Campion: Jesuit and Martyr“ (London 1935). Bereits 1938 erschien eine deutsche Fassung unter dem Titel „Saat im Sturm“, übersetzt von Hans-Henning von Voigt. 1954 brachte der Kösel-Verlag München eine Übersetzung von Heinrich Fischer unter dem Titel „Edmund Campion: Jesuit und Blutzeuge“ heraus.

Der Gedenktag des hl. Edmund Campion ist der 1. Dezember, der Tag seines Martyriums:

„Allmächtiger, ewiger Gott,
du hast die heiligen Blutzeugen
Edmund Campion, Robert Southwell
und ihre Gefährten am Schicksal Christi
teilhaben lassen, der für das Heil der
Welt gestorben ist. Stärke dein Volk
durch ihre Fürsprache und durch das
Beispiel ihrer Hingabe, damit es die
Einheit im Glauben bewahre. Darum
bitten wir durch Jesus Christus.“

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2026
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Die Spiritualität der „Inscriptio cordis in cor“ als Weg zu wahrer Freiheit

Das Ende der Angst

Der deutsche Pallotinerpater Josef Kentenich (1885-1968) ließ sich ganz von der göttlichen Vorsehung leiten. Im aufmerksamen Hinhören auf den Willen Gottes rief er die sog. Schönstattbewegung ins Leben und formte nach und nach deren Spiritualität aus. Die höchste Form der Liebe sah er in der vollkommenen Auslieferung seiner selbst an den liebenden Vaterwillen Gottes. Er prägte dafür den Begriff „Inscriptio“, der in diesem Zusammenhang das Eingeschriebensein im Vaterherzen Gottes bedeutet. Klaus-Hermann Rössler zeigt auf, wie eindrücklich P. Kentenich selbst diese Inscriptio-Spiritualität umgesetzt und darin eine höchste Form von innerer Freiheit erlangt hat. Gleichzeitig ist Rössler überzeugt, dass dieser Weg, der im Neuen Testament verwurzelt ist, über die Schönstattbewegung hinaus Bedeutung hat. Er sieht darin einen Schatz, der jedem Christen zu empfehlen ist. „Inscriptio“ bedeutet für ihn das Ende der Angst.

Von Klaus-Hermann Rössler

Zu der bei vielen Menschen verbreiteten allgemeinen Angst vor der Zukunft wegen globaler Krisen, abnehmender wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Sicherheit und einer immer stärkeren sozialen und politischen Spaltung der Gesellschaft gesellen sich in letzter Zeit auch reale Befürchtungen über bevorstehende kriegerische Auseinandersetzungen in großem Maßstab. Freilich bleibt immer zu bedenken, dass Panikmache und sachliche Information oft nicht leicht zu unterscheiden sind. So sagte beispielsweise der französische Generalstabschef Fabien Mandon Ende November 2025, dass sich Russland auf einen Konflikt mit der Nato bis zum Jahre 2030 vorbereite und führte mit Zustimmung der französischen Regierung folgendes aus: „Wenn dieses Land einbricht, weil es nicht bereit ist zu akzeptieren, dass wir unsere Kinder verlieren werden. Nicht bereit ist, man muss die Dinge beim Namen nennen, wirtschaftlich zu leiden, weil die Prioritäten beispielsweise auf Rüstungsproduktion gelegt werden. Prioritäten ändern sich. Wir sind in Gefahr.“[1] Äußerungen dieser Art sind in Europa nicht selten.[2]

Den Gläubigen hilft nicht viel, die zutreffende Beobachtung zu teilen, dass die Krisen der Zeit, Angst und Befürchtungen, in direktem Zusammenhang stehen mit der Entchristlichung der westlichen Welt. Und Fatalismus sollte Christen fremd sein, genauso wie Heidenangst – realistische Befürchtungen aber durchaus nicht. Wie also mit dem drohenden schweren Leid und offenbar düsteren Zukunftsaussichten als Christ umgehen? Die Orientierung an heiligmäßigen Menschen und ihrer Spiritualität hilft uns sicher weiter, egal in welcher Gemeinschaft wir unsere Nachfolge Christi leben.

1. Der schönstättische Begriff der „Inscriptio“[3]

Bereits Ende der 30er Jahre musste der Gründer der marianischen Bewegung Schönstatt, der Pallotinerpater Josef Kentenich, zunehmend mit Verfolgungen durch die Nationalsozialisten rechnen. Deshalb „begann er systematisch die Mitglieder der Schönstatt-Bewegung geistig und seelisch ‚auf das Martyrium vorzubereiten‘. Er war bemüht, sie von panischer Angst vor Leiden und den Qualen der Folter, die auf sie zukommen könnten, zu befreien. Durch die Einschreibung in das Herz Gottes, die ‚Inscriptio‘, könnten sie sich ganz in den Willen und die Liebe Gottes hineingeben. Pater Kentenich wollte sich und sie gegen Einschüchterungen und Gewaltaktionen immunisieren, indem er die ,Liebe zum Kreuz und zum Gekreuzigten‘ zu vertiefen suchte und den Willen zur Ganzhingabe an Gott stärkte.“[4]

„Das Schönstattwerk und seine Wirksamkeit beruht auf einem Zusammenwirken der Gottesmutter (als Exponent und Werkzeug der göttlichen Heilsplanung) und der Menschen, die sich ihr zur Verfügung stellen. Die Beteiligung seitens der Menschen prägte sich im Laufe der Schönstattgeschichte in verschiedenen aufeinander zugeordneten herauswachsenden Formen aus: in den ‚Beiträgen zum Gnadenkapital‘, in der ,Blankovollmacht‘ und in unserer ‚Inscriptio‘. Während in den ‚Beiträgen zum Gnadenkapital‘ der Ton mehr auf den einzelnen Opfern liegt, die jemand der Gottesmutter für die Verwirklichung der göttlichen Absichten mit Schönstatt zur Verfügung stellt, bedeutet ‚Blankovollmacht‘, dass man sich selber zur Verfügung stellt, in der Weise, dass man sich im Voraus mit allem einverstanden erklärt, was Gott in seiner Weisheit und Liebe mit uns zu tun beschlossen hat. ‚Inscriptio‘ endlich bedeutet über die ‚Blankovollmacht‘ hinaus, dass man nicht nur mit der hl. Indifferenz sich Gott und seinen Plänen übereignet, sondern ausdrücklich dem Schweren, Kreuz und Leid, den Vorzug gibt. Für diese Einstellung wurde der Name ‚Inscriptio‘ gewählt, weil sie uns Menschen nur aus der gläubigen Erkenntnis der uns ganz und gar umgreifenden Liebe des menschgewordenen Gottessohnes und als Hinführung zu ihm der Liebe der Gottesmutter, unseres Eingeschriebenseins in ihre Herzen möglich ist und zugleich zur innigs-ten Vereinigung mit Jesus und mit Maria als Mittlerin zu Jesus in ihrer Bejahung des vom Vater verfügten Kreuzesopfers führt.“[5] So beschreibt der Schönstattpater Engelbert Monnerjahn in aller Kürze die schönstättische Spiritualität der „Inscriptio cordis in cor“.

Die Inscriptio „führt in eine je größere innere Freiheit gegenüber allen Ereignissen des Lebens (z.B. im Umgang mit Ängsten: ‚alles, nur das nicht‘). Letztes Ziel ist somit die Gleichförmigkeit mit dem gekreuzigten Jesus in seiner vertrauenden Hingabe an den Willen des Vaters. Die Inscriptio setzt schon ein entsprechend positives Gottesbild voraus und ist die Hochform der Liebe...“[6]

Der Weg der Inscriptio-Frömmigkeit kann durchaus Bedeutung auch außerhalb des Zusammenhangs mit dem Schönstattwerk erlangen.

Der sicherlich bekannteste Fall der Wirkung einer spirituellen Inscriptio nach seelsorglicher Begleitung durch P. Kentenich ist der des österreichischen Pallotinerpaters Franz Reinisch, der als einziger katholischer Priester unter dem NS-Regime sich weigerte, den Fahneneid auf Adolf Hitler abzulegen, deshalb verhaftet und am 21. August 1942 im Alter von 39 Jahren im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet wurde.[7]

Am Tag vor seiner Hinrichtung feierte er die Messe auch für Pater Kentenich und bat darum, diesen zu verständigen, „dass ich ... mein Lebensopfer hingeben will für seine Befreiung und die der gefangenen Mitbrüder in Dachau“.[8]

Am 20. September 1941 war Kentenich selbst nach einem Verhör durch die Geheime Staatspolizei in Koblenz verhaftet worden. In einem Brief, den er an die Schönstätter an Weihnachten schrieb, interpretiert er seine Gefangenschaft als äußeres Zeichen für den solidarischen Kampf der geistlichen Bewegung Schönstatts um die wahre Freiheit in Gott: „Das Wertvollste, was der Mensch hat, ist seine Freiheit. Mit aufrichtiger, glühender Liebe opfere ich diese Freiheit, damit der liebe Gott der Familie [der Schönstattbewegung] für alle Zeiten den von mir so heiß ersehnten Geist der Freiheit der Kinder Gottes überreich schenkt.“[9] Den so beschriebenen Kampf um die Freiheit der Kinder Gottes sieht er gewährleistet durch den Weg der „Inscriptio“.[10]

„Der Weg heißt Liebe, verstanden in erster Linie als die Liebe, die Gott zu uns hat, als die Liebe, in der Gott uns in sein Herz hineingeschrieben hat und uns in seinem Herzen trägt, so dass alles, was er mit uns tut und an uns zulässt – auch und gerade Kreuz und Leid – als Werk und Gabe seiner Liebe angenommen werden darf“ (Monnerjahn).[11] Hierin besteht die „Erziehung Gottes und der Gottesmutter in die vollkommene Freiheit“.[12] Mitte Januar 1942 schrieb Kentenich an die Seinen: „Ich kenne nur ein Mittel, um frei zu werden: Das Ernstmachen der Familie mit Blankovollmacht und Inscriptio.“[13] Zur selben Zeit richtete er ein Gebet an den Heiland und die Gottesmutter, in dem es u.a. an Maria gerichtet heißt: „Willst du meine Arbeit: Adsum! Willst du das langsame Verbluten aller geistigen Kräfte: Adsum! Willst du meinen Tod: Adsum! Aber sorge dafür, dass alle, die du mir gegeben, den Heiland lieben, für ihn leben und sterben lernen.“[14]

Am 20. Januar 1942 entschloss er sich vor diesem Hintergrund, von einer ihm gebotenen Möglichkeit, gegebenenfalls nicht vom Gefängnis ins KZ überstellt zu werden, keinen Gebrauch zu machen, weil er in der KZ-Haft Gottes Willen sah, u.a. wegen der Aussicht, seelsorglich tätig werden zu können,[15] und um exemplarisch ernst zu machen mit der Inscriptio-Hingabe.[16] Noch bevor er in das KZ überstellt wird, schreibt er im Sinne der Inscriptio-Spiritualität ein „Dankeslied“, ein Gedicht von vierzehn Strophen, in der er seine Befreiung feierlich vorwegnimmt und das mit dem Vers „Die Fesseln sind gefallen“ beginnt.

Im KZ Dachau war einer „der angesehensten Katholiken im Lager, der in den ersten Wochen zu seinem engeren Bekanntenkreis stieß, ... der frühere Reichtagsabgeordnete der Zentrumspartei und Führer der katholischen Arbeiterschaft Joseph Joos“.[17] Dieser beschrieb seinen Mithäftling später so: „... die wohltuende Ruhe, die von ihm ausging, die frappierende Sicherheit und die überwältigende Zuversicht! Die menschlich so verständlichen Zweifelsfragen: ,Wie wird es uns weiter ergehen?‘ und ,Kommen wir noch lebend zurück?‘ schienen für ihn überhaupt nicht zu existieren.“[18] Die Inscriptio-Spiritualität dürfte der Grund gewesen sein.

Bemerkenswert ist die Parallele zu der (P. Kentenich wahrscheinlich zumindest zu dieser Zeit nicht bekannten) Einstellung des Franziskanerpaters Maximilian Kolbe. Bereits Ende der 30er Jahre notierte einer seiner Mitbrüder im polnischen Kloster Niepokalanow aus einer seiner Ansprachen an die Kommunität: „Die Hingabe des Lebens für die Immaculata – das ist der Gipfel der Liebe“[19] – eine in vielen Varianten überlieferte Auffassung Kolbes. In einer Ansprache 1939, in der er bevorstehende Leiden des Krieges und ein möglicherweise anstehendes Martyrium thematisierte, ergänzte er dies auch um den Gedanken: „Nichts anderes bringt uns so nahe zur Immaculata heran und nichts festigt uns so sehr in der Liebe zu ihr, wie die Liebe in Verbindung mit dem Leiden aus Liebe. Auf genau diesem Wege des Leidens können wir uns überzeugen, ob wir uns ihr vollkommen, ganz ohne Vorbehalte hingegeben haben.“[20]

Die weltbekannte völlige Angstlosigkeit und tiefe Christusverbundenheit Kolbes angesichts seines langsamen Martyriums im KZ Auschwitz, das er zuletzt stellvertretend für einen Familienvater erlitt, lassen sich zweifellos auf diese Art der Frömmigkeit zurückführen, von der auch P. Kentenich erfüllt war. Der Unterschied besteht hauptsächlich darin, dass Kolbe diese Einstellung als Rittertum der Immaculata begriff, während Kentenich ihr den Rahmen der „In-scriptio“ gab.

In der KZ-Haft legte Kentenich als eines seiner zahlreichen ideenlyrischen „Dachauer Gebete“ auch das Inscriptio-Gebet nieder, das an Gott als Vater gerichtet ist. Es erbittet eine vollkommene Umorientierung auf Gottes Willen im Sinne der „zweiten Bekehrung“ und zielt auf eine letzte Geborgenheit in Gott. Es lautet u.a. wie folgt:

„Ich bitte dich um das Kreuz“

Inscriptio-Gebet von Pater Josef Kentenich

Ich bitte dich um alles Kreuz und Leid,
das du, o Vater, hältst für mich bereit.
Lös mich von allem kranken Eigenwillen,
daß deine leisen Wünsche ich kann stillen;
mach meinem Bräutigam mich ähnlich, gleich,
dann erst bin ich beglückt, bin überreich.

Nichts gibt es, was du mir nicht stets darfst
schicken, tu alles, um das Ich in mir zu knicken,
daß Christus lebt und wirkt allein in mir
und ich in ihm nur mache Freude dir.

Du, Vater, wirst kein Kreuz und Leid mir senden,
ohn‘ mir die Kraft zum Tragen reich zu spenden.
Der Bräutigam in mir trägt alles mit,
die Mutter wacht – so sind wir stets zu dritt.

...

Wer durch Inscriptio seinen freien Willen
befreit von seiner Ichsucht starken Hüllen,
steht über allen Dingen dieser Welt,
bleibt stets als Sieger auf dem Kampfesfeld.

Froh singt er mit der Braut im Hohen Liede,
die glücklich lebet in der Liebe Schmiede:
„Wenn mein Geliebter seinen Mund auftut,
schmilzt meine Seele wie das Wachs bei Glut.“

Sie kennt nicht mehr die eigenwilligen Formen,
läßt sich im Kleinsten vom Geliebten normen,
so wie das weiche Wachs die Form annimmt,
die ihm der weise Former hat bestimmt.

Der Former ist der Gott der ewigen Liebe:
der Hirt, der in der Wüstenei Getriebe
voll Sorge das verlorene Schäflein sucht,
bis er es in der Hürde wieder bucht;

die Mutter, die das Kind, das sie getragen,
niemals vergißt, auch nicht in Sturmestagen;
die Henne, die mit ihren Flügeln deckt
die Küchlein, wenn der Feind sie drohend schreckt;

der König, der mit seinem mächtigen Schilde
– auch auf dem schauerlichsten Kampfgefilde –
voll Liebe und voll Weisheit uns umgibt,
daß gar kein Wölkchen unseren Frieden trübt;

der Adler, der auf seinem starken Rücken
zur Sonne trägt die kleinen, schwachen Küken;
der Vater, der für den verlorenen Sohn
ein Mahl bereitet auf dem Sohnesthron.

...

„Wer nicht sein schweres Kreuz kann dankbar tragen, 
der darf zu keiner Zeit zu sagen wagen,
daß er mein treuer Jünger wirklich ist,
er trägt zu Unrecht seinen Namen ,Christ‘.“

Der Herr, der alles für uns hingegeben,
ist nicht zufrieden mit dem halben Leben;
er will das Herz und die Gesinnung ganz,
nicht eines halben Opfers bleichen Glanz.

...

Wer richtig ihn erkannt, gefunden hat,
gibt freudig alles her an seiner statt.
Wer ganz sein Leben gibt um seinetwegen,
erfährt des wahren Lebens Glück und Segen;

wer noch etwas für sich zurückbehält,
um den ist‘s schlecht allüberall bestellt.
Der Gott, der alles will für alles geben,
wünscht dringend von mir ein Inscriptio-Leben;

nicht fürchten soll ich Mächte dieser Welt,
mein Sein und Sinn gilt dem, was ihm gefällt.
Ich geb‘ ihm freigewollt für alle Fälle
die Blankovollmacht, meines Glückes Quelle:

Was er auch will und zuläßt, was er fügt,
ist gut für mich – so sagt des Glaubens Licht.

...

Auch wenn der Vater Leid hat zugelassen:
Das Kind weiß es in Liebe zu umfassen.
Es küßt die Hand, die alle Fäden hält,
bleibt im Gebet auf Vater eingestellt.

...

So ist auch Job im Leid zum Schluß gekommen:
„Der Herr hat‘s Gut gegeben, hat‘s genommen“,
und nicht: Der Herr ist‘s, der das Gut mir gab,
der Teufel nahm mir weg die Gottesgab‘.  

2. Eine tief verwurzelte und zukunftsträchtige Spiritualität

In angstbesetzten und tatsächlich zu realen Befürchtungen Anlass gebenden, immer stärker entchristlichten Umbruchs-Zeiten wie die unsere gewinnt die Inscriptio auch außerhalb des Schönstattwerkes hohe Aktualität als geistliches Mittel gegen Lebensangst und Furcht in Katastrophen.

Jesus legt als Erlöser größten Wert auf eine persönliche Beziehung zu den Menschen, insbesondere zu seiner Jüngerschaft. Glaube besteht gerade darin, eine authentische innere Beziehung zu Ihm zu pflegen, insbesondere im Blick auf das persönliche Leiden: „Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“, schreibt Paulus im Galaterbrief (Gal 2,19f.).[21] Paulus setzt zugleich die Beziehung zur Kirche als dem fortlebenden Leib Christi als Grundlage für die persönliche Beziehung zu Gottvater und Jesus Christus, eine Grundlage, die natürlich auch für Kentenich bzw. Schönstatt und Kolbe bzw. die Ritter der Immaculata maßgeblich ist: „Jetzt freue ich mich an den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt“, schreibt Paulus im Kolosserbrief (Kol 1,24).

Diese für das Neue Testament durchaus prägende Haltung enthält im Kern bereits die beschriebene Spiritualität der Inscriptio.

Aus der reichen Tradition der geistlichen Vereinigung mit Jesus Christus ist etwa die benediktinische Frömmigkeit zu nennen.

Im vierten Kapitel der Regel „Die Werkzeuge der geistlichen Kunst“ gibt der Ordensgründer Benedikt von Nursia quasi als Zusammenfassung seiner zahlreichen vorherigen Weisungen eine treffende Kurzdefinition dessen, was man auch als das Ziel der Inscriptio bezeichnen kann: „Und an Gottes Barmherzigkeit niemals verzweifeln.“[22]

Dass hier tatsächlich Leiden unter der Perspektive der geistlichen Einheit mit Gott gesehen wird, der uns auch das Schwere aus Barmherzigkeit sendet, ergibt sich u.a. auch aus der zuvor im gleichen Kapitel ergangenen Weisung: „Sieht man etwas Gutes bei sich, es Gott zuschreiben, nicht sich selbst. Das Böse aber immer als eigenes Werk erkennen, sich selbst zuschreiben.“[23]

Hier geht es nicht um eine moralische Übung, sondern um die Einübung in der Erkenntnis einer anthropologischen Tatsache mit dem Ziel einer immer wachsenden Vereinigung mit Gott.

Hieran knüpften viele nach der Regel des hl. Benedikt lebende Ordensleute ganz offensichtlich an. Erwähnenswert ist insbesondere die Ordensschwester Gertrud die Große von Helfta (1256-1301/1302), die die Herz-Jesu-Verehrung entscheidend verbreitete.

Die franziskanische Spiritualität ist geprägt durch die Ganzhingabe von Franz von Assisi und großer Franziskaner wie Antonius von Padua, nicht zuletzt auch durch die Theologie des Duns Scotus: „Deus quaerit condiligentes se“ – „Gott sucht Mitliebende“. Wir dürfen annehmen, dass Maximilian Kolbe nicht nur von der franziskanischen Marienfrömmigkeit, sondern auch von diesem theologischen Ansatz her geprägt worden ist.

Es liegt nahe, die enge Verbindung der Inscriptio-Spiritualität mit der Herz-Jesu-Frömmigkeit hervorzuheben, können sie doch geradezu als identisch angesehen werden. Allerdings begegnet diese Spiritualität vor allem auch als marianische bzw. Herz-Marien-Frömmigkeit. Diese verstärkt die Intentionen der Inscriptio.

Anton Ziegenaus hat unter Bezugnahme auf Matthias J. Scheeben als Leitidee einer organischen Mariologie den konsekratorischen Personalcharakter Mariens mit seinem zentralen Bezugspunkt der hypostatischen Union im menschgewordenen Logos herausgestellt: Maria ist in ihrer personalen Prägung durch die Gottesmutterschaft konstituiert, „so dass sie nur in und mit ihrer Beziehung zur göttlichen Person ihres Sohnes existiert und diese Beziehung ihr ganzes Dasein bedingt und bestimmt“ (Scheeben).[24]

Dadurch wird sie zum Urbild und zum unerreichbaren Vorbild der geistlichen Vereinigung mit Christus für alle Gläubigen, auch und gerade in dessen Leiden. Zugleich vermittelt ihre Fürsprache alle Gnaden Christi.

In seiner Enzyklika „Salvifici doloris“ vom 11. Februar 1984 schreibt Johannes Paul II.: „Der Erlöser hat an Stelle des Menschen und für den Menschen gelitten. Jeder Mensch hat auf seine Weise teil an der Erlösung. Jeder ist auch zur Teilhabe an jenem Leiden aufgerufen, durch das die Erlösung vollzogen wurde. Er ist zur Teilhabe an jenem Leiden aufgerufen, durch das zugleich jedes menschliche Leiden erlöst worden ist. Indem er die Erlösung durch das Leiden bewirkte, hat Christus gleichzeitig das menschliche Leiden auf die Ebene der Erlösung gehoben. Darum kann auch jeder Mensch durch sein Leiden am erlösenden Leiden Christi teilhaben.“[25]

Vor diesem Hintergrund liegt die Identifikation mit der Personenmitte Mariens für Christen gerade im Leiden nahe und ergänzt die Hinwendung zum Herzen Jesu im Wege der besonderen Vermittlung durch Maria als erster Christin. Daher nimmt es nicht wunder, dass sich die Spiritualität der „Inscriptio cordis in cor“ besonders vor dem Hintergrund der Marienverehrung entwickelt hat.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2026
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[1] www.focus.de/politik/ausland/frankreichs-top-general-mandon-schockiert-in-russland-rede-heftige-reaktionen_b8136372-ba15-40aa-8c50-b63c143bda8a.html= focus_outbrain – aufgerufen am 27.11.2025.

[2] www.focus.de/politik/ausland/ploetzlich-sagt-estlands-armeechef-ueber-russland-wir-sind-jetzt-schon-im-krieg_75f07d51-7de6-4384-b752-a448c3e0f408.html – aufgerufen am 27.11.2025.

[3] Vgl. zum Folg. Engelbert Monnerjahn: „Inscriptio cordis in cor“. Zum [sic!] Genesis eines schönstättischen Begriffes, in: Regnum 8 (1973), 123-129.

[4] Dorothea M. Schlickmann: Josef Kentenich. Ein Leben am Rande des Vulkans, Freiburg i. Br. 2019, 137/138.

[5] Ebd., 124.

[6] Daniela Mohr: Inscriptio, in: Schönstattlexikon; www.j-k-i.de/lexikon/inscriptio/

[7] Ebd., 144-150.

[8] Ebd., 150. 

[9] Engelbert Monnerjahn: P. Joseph Kentenich. Ein Leben für die Kirche, 3. erweit. Auflage, Vallendar 1990, 192.

[10] Ebd.

[11] Ebd., 193.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Ebd., 197.

[15] Monnerjahn: P. Joseph..., 197-200; Schlickmann, 178-181.

[16] Schlickmann, 179: „Unsere Priester sollen ernst machen mit der Inscriptio ...“

[17] Monnerjahn: P. Joseph..., 203.

[18] Joseph Joos: So sah ich sie. Menschen und Geschehnisse, Augsburg 1958.

[19] Franziskaner-Minoriten der Provinz St. Elisabeth (Hrsg.): Impulse des hl. Maximilian Kolbe, Kißlegg, 2023, 486.

[20] Ebd., 478.

[21] Hier – wie Bibelstellen im Folgenden – zit. aus: Alfons Deissler/Anton Vögtle/Johannes M. Nützel (Hrsg.): Neue Jerusalemer Bibel, Einheitsübersetzung mit dem Kommentar der Jerusalemer Bibel, Freiburg 1985.

[22] Regula Benedicti – Die Benediktusregel, hrsg. im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz, Beuron, 6. Aufl. 2020, 107.

[23] Ebd., 103.

[24] Anton Ziegenaus: Die Leitidee einer organischen Mariologie, in: Albrecht Graf von Brandenstein-Zeppelin/Alma von Stockhausen (Hrsg.): Die Stellung der Gottesmutter in der Welt- und Heilsgeschichte, Weilheim-Bierbronnen 2008, 56/57.

[25] Ebd.              

Krieg in Nahost: Christen vor dem Aus?

„Eine weitere Eskalation könnte das Aus für die Christen im Nahen Osten bedeuten.“ Mit diesen Worten warnte Florian Ripka, Geschäftsführer von „Kirche in Not“ Deutschland, angesichts des neuen Kriegs im Nahen Osten. Nicht nur der Iran ist betroffen, sondern die gesamte Region. Dieser Artikel entstand wenige Tage nach Kriegsbeginn; niemand kann absehen, wie sich die Lage entwickelt. Aber eines steht schon jetzt fest: Die Folgen sind fatal – auch für die christlichen Minderheiten im Nahen Osten.

Von Tobias Lehner/KIRCHE IN NOT

Iran: Verfolgte Minderheit

Im Iran lebt eine kleine christliche Minderheit. Schätzungen zufolge sollen es etwa 200.000 Christen sein, vor allem Angehörige der armenischen und assyrischen Kirchen. Diese historischen Kirchen sind offiziell anerkannt und dürfen ihre Gottesdienste feiern. Doch die Religionsfreiheit hat klare Grenzen. Missionarische Tätigkeit unter Muslimen ist verboten, und wer vom Islam zum Christentum übertritt, muss mit staatlicher Verfolgung rechnen.

Menschenrechtsorganisationen berichten immer wieder von Verhaftungen und langen Gefängnisstrafen für Christen muslimischer Herkunft. Für viele Menschen bedeutet das, ihren Glauben nur im Verborgenen leben zu können. Oft ist es schon gefährlich, über die Christen im Iran überhaupt öffentlich zu sprechen.

Syrien: Sterbende Kirche?

Auch in Syrien bleibt die Situation angespannt. Mehr als ein Jahrzehnt Bürgerkrieg hat das Land zerstört und Millionen Menschen zur Flucht gezwungen. Christen sind davon besonders betroffen. Vor Beginn des Bürgerkrieges lebten etwa 1,5 bis 2 Millionen Christen in Syrien. Heute sind es nach kirchlichen Schätzungen nur noch 300.000 bis 500.000.

Der Zusammenbruch des Assad-Regimes hat die Lage nicht beruhigt, auch wenn die neuen Machthaber erklären, Christen als integralen Bestandteil Syriens schützen zu wollen. Islamisten geben auf den Straßen den Ton an, immer wieder kommt es zu Übergriffen und Anschlägen. Der syrisch-katholische Erzbischof von Homs, Jacques Mourad, beschrieb die Lage einmal mit drastischen Worten: „Die Kirche in Syrien stirbt.“

Irak: Erneute Zerstörung christlicher Dörfer wäre nicht zu verkraften

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für den Mut vieler Christen findet sich im Irak. 2014 vertrieb der sog. „Islamische Staat“ (IS) nahezu alle Christen aus der Ninive-Ebene im Norden des Landes. Kirchen wurden zerstört, Häuser geplündert. Doch nach der Niederlage des IS begann etwas Unerwartetes: Gut die Hälfte der vertriebenen Christen kehrte zurück. Doch der Widerstandskraft und dem Aufbauwillen der Christen zum Trotz: Auch ihre Zahl geht dramatisch zurück. Vor dem Jahr 2003 lebten etwa 1,4 Millionen Christen im Irak. Heute sind es weniger als 250.000.

Der Irak liegt in Nachbarschaft zum Iran, zum Krieg. „Die Christen würden eine erneute Zerstörung kaum verkraften“, sagt Florian Ripka. Und es ist schon geschehen: Die chaldäisch-katholische Erzdiözese teilte mit, dass am 4. März ein kirchlicher Wohnkomplex und ein benachbarter Schwesternkonvent in Erbil von Raketen beschädigt wurde; es gab gottlob keine Todesopfer.

Libanon: Eine christliche Bastion in der Krise

Der Libanon hat den größten christlichen Bevölkerungsanteil im Nahen Osten. Rund ein Drittel der Bevölkerung gehört christlichen Kirchen an, wenngleich auch hier mit sinkender Tendenz. Das Land steckt seit Jahren in einer schweren wirtschaftlichen Krise. Inflation, Arbeitslosigkeit und politische Instabilität treiben viele junge Menschen zur Auswanderung. Zu der ohnehin schwierigen Lage kommt nun eine neue militärische Eskalation im Süden des Landes. Dort befinden sich Stützpunkte der islamistischen Hisbollah-Miliz, dort leben aber auch viele christliche Zivilisten. Mehrere katholische Bischöfe berichteten „Kirche in Not“ zuletzt von wachsender Angst unter der Bevölkerung. Der melkitische griechisch-katholische Erzbischof von Sidon, Elie Bechara Haddad, schilderte die Situation mit drastischen Worten: „Raketen fliegen über unsere Köpfe hinweg.“

Heiliges Land: Dauerkrise in der Heimat Jesu

Im Heiligen Land leben Christen an den heiligsten Stätten unseres Glaubens. Doch ihre Zahl ist klein geworden. Heute leben etwa 180.000 Christen in Israel, rund 50.000 im Westjordanland und wenige hundert im Gazastreifen. Von dort berichtete kürzlich Pfarrer Gabriel Romanelli an „Kirche in Not“: „Der Gaza-Krieg ist noch nicht vorbei – auch wenn die Medien etwas Anderes nahelegen.“

Im Westjordanland liegen zwar die Häuser nicht in Trümmern, aber die Situation ist dennoch prekär. Die meisten Christen leben dort vom Tourismus und haben jetzt um Ostern wieder mit mehr Pilgern gerechnet. Der Iran-Krieg hat diese Hoffnungen zunichte gemacht. Das heißt: Sie haben keine Arbeit, keinerlei Einkommen. „Kirche in Not“ unterstützt über das Lateinische Patriarchat von Jerusalem Christen im Gaza-Streifen und Westjordanland mit Lebensmitteln, Dingen des täglichen Bedarfs, Zuschüssen für Strom und Wohnung.

Hoffnung trotz Krieg

Trotz Krieg, politischer Spannungen und wirtschaftlicher Krisen zeigen viele Christen im Nahen Osten eine bemerkenswerte Widerstandskraft: Gemeinden feiern Gottesdienste, Priester bleiben bei ihren Gemeinden, und kirchliche Einrichtungen sind für alle Menschen in Not da.

Ein besonders schönes Beispiel sind die Schwestern vom Orden „Notre Dame du Bon Service“. Sie haben in Jabboulé in der Bekaa-Ebene im Nordosten des Libanon über 800 Christen aufgenommen, die vorrangig aus dem umkämpften Süden des Landes geflüchtet sind. Oberin Schwester Jocelyne berichtet: „Die Menschen vertrauen uns ihre Ängste und ihre Angst vor dem nächsten Tag an. Wir sind immer ansprechbar, wenn es irgendwo ein Problem gibt.“

Wie der Krieg im Nahen Osten sich entwickelt, kann niemand vorhersehen. Er wird vieles zerstören; die Lage vieler Christen wird er ungleich schwieriger machen. Doch eines schafft kein Krieg: den Glauben der Christen im Nahen Osten zu brechen.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2026
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Reflexionen nach der letzten Versammlung des Synodalen Weges

Bischof Oster bleibt kritisch

Der Passauer Bischof Dr. Stefan Oster SDB hat nach seiner Teilnahme an der sechsten und letzten Versammlung des Synodalen Weges in Deutschland vom 29. bis 31. Januar 2026 seine kritische Haltung bestätigt. Seiner Meinung nach überwiegen die problematischen Auswirkungen die positiven. Zu letzteren zählt er persönliche Begegnungen und den öffentlichen Druck zur Bearbeitung des Missbrauchsskandals, der Prävention, Intervention und transparente Aufarbeitung vorantreibe. Betroffene blieben präsent, der Skandal als Ausgangspunkt hilfreich. Dennoch bleibe der Weg für Glaube und Kirche problematisch. Seine Stellungnahme in Stichpunkten zusammengefasst.

Von Werner Schiederer

Verstärkte Polarisierungen und falsche Ursachenanalyse

Der Synodale Weg hat Polarisierungen zwischen liberal-progressiven und traditionsorientierten Positionen verschärft – zwischen Deutschland und Vatikan, Bischofskonferenzen, Klerus und Gläubigen. Spannungen waren vorhanden, doch nun sind sie klarer benannt, Lager profilierter, Diffamierungen medial erleichtert. Der Weg versucht explizit eine liberale Agenda umzusetzen (Sexualmoral, Zölibat, klerikale Macht, Frauenämter), gestützt auf die MHG-Studie.

Systemische Missbrauchursachen liegen jedoch bei Klerikalismus und spiritueller Weltlichkeit (Papst Franziskus), nicht primär bei Zölibat oder Homosexualitätslehre, wie Bistumsstudien zeigen. Machtausübung muss geprüft werden, ohne den sakramentalen Charakter der Kirche zu schwächen – doch genau das scheint die Mehrheit anzustreben.

Das katholische Menschenbild: Sakramentalität im Kern

Zentral steht das katholische Menschenbild, geprägt von Sakramentalität: Der Mensch als endliches Zeichen, durch das Gottes unendliche Gnade wirkt (vgl. Lumen Gentium, Nr. 1: Kirche als Sakrament der Einheit mit Gott und Menschheit).

Paulus: Leib als „Tempel des Heiligen Geistes“ (1 Kor 6,19); Augustinus: „Seid, was ihr empfangt – Leib Christi“. Kirchenväter sprechen vom „heiligen Tausch“: Christus wird Mensch, damit der Mensch vergöttlicht werde. Sakramente sind kommunikativ: Gottes Liebesgabe ermöglicht eine menschliche Antwort – nämlich die vollkommene Hingabe (neue Geburt, Joh 3,5; Röm 6). Liberalisierende Tendenzen eliminieren jedoch den göttlichen Anspruch zugunsten reiner Gnadenüberbetonung („sola gratia“-Risiko), vor der Papst Franziskus warnte: Keine „evangelische Kirche“ in Deutschland schaffen! Das gefährdet die Berufung, Sakrament zu werden.

Dienst an Armen und Realpräsenz Christi

Die synodale Betonung des Dienstes an den Armen ist richtig (Caritas etc.), doch fehlt die Unterscheidung: Christlicher Dienst erkennt in ihnen den armen Christus, teilt mehr mit als humanitäres Brot (Lk 17: Aussätzige kehren lobend zurück). Die Krise ist geistlich: Verinnerlichung fehlt, Sakramente (Eucharistie als „Quelle und Höhepunkt“) werden ignoriert. Die Kirche soll den Himmel in die Welt hinein öffnen – doch 90% wollen Reformen, nicht Sakramente (Kirchenmitgliedschaftsstudie 2024). Die Konzilien Nizäa/Chalcedon/Ephesos bekräftigen Christus als wahren Gott und wahren Menschen sowie Maria als Gottesgebärerin, „Mutter in der Ordnung der Gnade“ (Lumen Gentium, Nr. 61), neue Eva – Kirche in Person. Als Frau verkörpert sie die erneuerte Schöpfung, Christus den neuen Adam, den Bräutigam.

Monitoring und wachsende Gräben

Monitoring setzt neue Sexualmoral/Anthropologie voraus, überprüft „Umsetzung“ (Zölibatöffnung, Homosexualitäts-Neubewertung, Frauenämter, Segnungen für „liebende Paare“, Geschlechtervielfalt). Die Praxis soll die Lehre ändern – Druck auf Konservative. Unter Papst Leo XIV. sind keine Änderungen zu erwarten; die Bischöfe haben gelobt, die Lehre zu wahren. Dies vertieft Gräben zu treuen Gläubigen (sakramental lebend) und globaler Kirche (Süden/Osten skeptisch). Die „Mitte“ rückt nach links, Treue werden als „Extremisten“ ausgegrenzt. In Stuttgart war Frust spürbar: Man habe wenig erreicht, weil Rom blockiere.

Wahre Synodalität vs. Machtkampf

Synodalität bedeutet nach Papst Franziskus: Hören auf Geist/Wort, Bekehrung zu missionarischer Jüngerschaft – nicht Lehensänderung/Politik.

Deutscher Weg: Lehre ändern, klerikale Macht eindämmen via Entsakramentalisierung des Priestertums. Die Synodalkonferenz (27 Bischöfe, 27 ZdK, 27 gewählte – reformlastig) soll als „Souverän“ die Umsetzung kontrollieren – Machtumverteilung, keine Franziskus-Synodalität. Klerikalismus muss durch geistliche Autorität (Demut, Präsenz Christi) überwunden werden, nicht durch Entsakralisierung.

Erneuerungszeichen jenseits des Weges

Hoffnung: Taufen junger Erwachsener (Frankreich, USA, England); Suche nach Tiefe, Liturgie, Tradition („hidden formation“ via Internet, Events). „Konservative“ – Ausschau nach existentieller Spiritualität. Notwendig ist: Lehre vertiefen, sensible Begleitung (Sexualität/Gender), Sehnsucht nach Heiligkeit. Heilige erneuern die Kirche – Betende, Liebende, Bekehrte.

Zusammenfassung: Der Synodale Weg verstärkt Spaltungen, ignoriert die sakramentale Anthropologie, verfehlt den Ansatz der Synodalität von Papst Franziskus. Wahre Erneuerung verlangt geistliche Tiefe, missionarische Jüngerschaft und Treue zur Tradition. Wir müssen die Kirche als Sakrament verstehen und den Himmel für die Welt offen halten.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2026
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Archimandrit Nestor Somenok (1957-2023) – ein begnadeter Dozent

Mutiger Weg in die Moderne

Der russisch-orthodoxe Archimandrit Nestor Somenok (1957-2023) hat als Professor an der Kiewer Theologischen Akademie und am Seminar (KDAiS) der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK) jahrzehntelang künftige Theologen und Hirten geprägt. Als Historiker erkannte er die Notwendigkeit einer Rückbindung an die Tradition und zugleich einer neuen Ausrichtung der Verkündigung an der Moderne. Es ist sein Verdienst, dass er den Wiederaufbau der orthodoxen Einrichtungen nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Regimes mit ausgewogener Weitsicht in eine zukunftsfähige Richtung lenkte – konservativ in der Rückkehr zu den Wurzeln, mutig im Aufbruch zur Teilnahme an der heutigen Kommunikationskultur. Die beiden russisch-orthodoxen Gelehrten Dr. Dionisij Martyschin (Denys Martyshyn) und Dr. habil. Pawel Botschkow (Pavel Bochkov) stellen den außerordentlichen Historiker vor, den sie als „inspirierten Diener der Kirche“ bezeichnen. Archimandrit Nestor war nicht in der Ökumene engagiert, hatte als Historiker aber immer die ganze christliche Kirche im Blick. So kann sein Lebenszeugnis auch der Westkirche inspirierende Impulse geben.

Von Dionisij Martyschin und Pawel Botschkow

Archimandrit Nestor Somenok (1957 -2023) war Doktor der Theologie und Professor an der Kiewer Geistlichen Akademie. Im Lauf seiner jahrzehntelangen Lehrtätigkeit, die er in den 1980er-Jahren aufnahm, hielt er unzählige Vorlesungen über die Geschichte der christlichen Kirche, der Kiewer Rus und der Byzantinistik. Auf brillante und unvergessliche Weise schöpfte er aus dem gesamten Spektrum kirchlicher Quellen und theologischer Ideen, die von religiösen Denkern über Jahrhunderte hinweg entwickelt und zusammengetragen wurden. Ihn zeichneten ein vielseitiges wissenschaftliches Interesse und eine Gelehrsamkeit in allen Bereichen der geistigen Kultur der Menschheit aus – in Geschichte, Literatur, Philosophie und Theologie. In seinen Artikeln und Monographien behandelte er die Grundlagen der christlichen Weltanschauung sowie die Einheit der Orthodoxie auf dem Gebiet der Rus. Insbesondere vertrat er die Ideen des berühmten Kirchenhistorikers Wassilij Wassiljewitsch Bolotow (1854-1900), eines Theologen und Professors an der St. Petersburger Theologischen Akademie. Bolotow war Doktor der Kirchengeschichte und Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Archimandrit Nestor war eng mit dem St. Petersburger Priesterseminar und der dortigen Theologischen Akademie verbunden. Hier studierte er bei den herausragenden Professoren und Bischöfen jener Zeit, entwickelte seine theologische Sichtweise und fand seinen spirituellen Weg, dank dem es ihm gelang, theoretisches theologisches Wissen mit der Praxis des kirchlichen und gemeindlichen Lebens zu verbinden.

Vater Nestor war in der Lage, glänzende Beispiele geistlichen Lebens aus der Geschichte des Christentums hervorzukehren und sie in verschiedenen Bereichen der kirchenhistorischen Wissenschaft, des kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens anzuwenden. Er war ein temperamentvoller und scharfsinniger Polemiker sowie ein großartiger Stilist, der es verstand, die komplexesten Fragen der Christologie der Alten Kirche und sogar die schwierigsten und abstraktesten Fragen der Religionsphilosophie klar und spannend darzulegen.

An den Kiewer Theologischen Schulen hinterließ er einen tiefen Eindruck. Praktisch alle Seminaristen und Akademiestudenten erinnern sich an seine Vorlesungen und Prüfungen. Er konnte z.B. geschickt und spannend das Thema der Verleihung einer zweiten Panagia an einen Bischof (Christus-Medaillon, das höhere Hierarchen neben dem Brustkreuz und dem Medaillon der Gottesmutter um den Hals tragen) zum Eckpfeiler einer Vorlesung machen, während er parallel dazu detailliert das Leben und die Geschichte eines Hierarchen sowie die Besonderheiten einer ganzen Kirchenepoche schilderte. In seinen Vorlesungen ließ er berühmte Historiker und Philologen gleichsam lebendig werden, wie Wassilij Bolotow (1854-1900), Nikolaj Glubokowskij (1863-1937), Michail Posnow (1873-1931), Alexej Schachmatow (1864-1920), Protopriester Georgij Florowskij (1893-1979), Protopresbyter Johann Meyendorff (1926-1992), Protopriester Liwerij Woronow (1914-1995) oder Dmitrij Lichačew (1906-1999).

Die Theologie und Kirchengeschichte von Vater Nestor hüteten die ewigen und unveränderlichen Wahrheiten der Gotteserkenntnis. Er strebte danach, historische Formen des kirchlichen Lebens und der Kirchengeschichte zu bewahren, um die christliche Verkündigung vor Verzerrungen durch die vielfältigen Prozesse der Moderne zu schützen. Gleichzeitig stellte er die Geschichte des Christentums immer lebensnah, praktisch und aktuell dar. Seine Lehre bildete die Grundlage für eine wahrhaft kirchliche und schöpferische Ausbildung zukünftiger Theologen und Hirten der Kirche Christi.

Archimandrit Nestor fand Gott nicht nur im Gebet, sondern auch in der Kirchengeschichte, in theologischen Büchern und wissenschaftlichen Monographien. Er sah Gott in der Eucharistie und in der Geschichte gegenwärtig. Die Stimme Gottes vernahm er in der Heiligen Schrift, aber auch in den historischen Folianten seiner umfangreichen Bibliothek. In seiner kleinen Wohnung standen überall Regale voller Bücher. Die riesige Bibliothek, die er aufbaute, war für ihn eine zweite Kirche. Er konnte sich ein Leben ohne Bücher und kirchliche Zeitschriften nicht vorstellen. Es wäre für ihn eine Wüste, eine existenzielle Einsamkeit gewesen. Neuerscheinungen erfreuten ihn wie ein Kind Spielzeug und Süßigkeiten.

Vater Nestor machte darauf aufmerksam, dass die bolschewistische Regierung in den 1920er Jahren mit den patriotischen Gefühlen der ukrainischen Bevölkerung spielte und Begriffe wie Patriotismus, Liebe zur ukrainischen Sprache, reiche Kultur und einheimische Volkstraditionen manipulierte. Ganz bewusst instrumentalisierte sie schon damals autokephale Bestrebungen, also die Befürworter einer Unabhängigkeit der Kirche in der Ukraine – mit dem Ziel, die Einheit der Orthodoxen Kirche zu spalten und den religiösen Einfluss des Christentums insgesamt zu schwächen.

Ebenso zeigte er auf, wie geschickt die bolschewistischen Propagandisten unter Verwendung der revolutionären Rhetorik der sozialen Ungerechtigkeit die orthodoxe Geistlichkeit (Bischöfe, Mönche und verheiratete Priester) spalteten und wie es ihnen gelang, die sakralen Worte der Eucharistie „Christus ist unter uns“ in ironischer Weise zu verhöhnen und in die gesellschaftspolitische Realität „Denunziation ist unter uns“ umzuwandeln.

Archimandrit Nestor verband erfolgreich die Vergangenheit und Gegenwart des Christentums und legte den Schwerpunkt auf die Kontinuität des spirituellen Lebens eines orthodoxen Christen. Ihm war ein gutmütiger und zurückhaltender Humor zu Eigen. Wenn er Anekdoten aus dem Leben kirchlicher Persönlichkeiten erzählte oder über die Geschichte von Häresien und Schismen sprach, wiederholte er gerne den Satz: „Man kann ruhmreich in die Kirchengeschichte eingehen oder schmutzig darin versinken.“

Vater Nestor betonte, dass eine erfolgreiche Verkündigung des Christentums in der modernen Welt maßgeblich vom Verständnis des Wesens der christlichen Vergangenheit, des Sinns der Menschheitsgeschichte, der Eschatologie und der Rolle des Christentums in der Gegenwartskultur abhängt. Er vermittelte die Geschichte der christlichen Kirche in der Überzeugung, dass das christliche Geschichtsverständnis die Welt wirklich verändern kann.

In seinen letzten Lebensjahren war Archimandrit Nestor Professor am Lehrstuhl für Theologie und christliche Kommunikation an der renommierten ukrainischen Bildungseinrichtung, der Überregionalen Akademie für Personalmanagement (MAUP). Gleichzeitig bereicherte er mit seiner Lehr- und Forschungstätigkeit das Geistliche Bildungszentrum der Heiligen Apostel. Vater Nestor entschlief am 2. August 2023, dem Fest des Propheten Elija. Er schloss sich damit geistlich und symbolisch der eschatologischen Verkündigung des alttestamentlichen Propheten an – vor dem zweiten Kommen, der glorreichen Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus.  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 4/April 2026
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