Liebe Leserinnen und Leser

Von Erich Maria Fink und Thomas Maria Rimmel

„Augustinus ist Papst“, so hat Vatikan News Anfang dieses Jahres einen Rückblick auf die ersten acht Monate des Pontifikats von Papst Leo XIV. betitelt. Grund ist natürlich nicht nur seine Zugehörigkeit zum Augustinerorden sowie die Tatsache, dass er diesen Orden von 2001 bis 2013 als Generalprior geleitet hat. Tatsächlich geht die relativ kurze Augustinusregel auf den hl. Kirchenvater Augustinus von Hippo (354-430) zurück, doch entstand der Bettelorden der Augustiner erst im 13. Jahrhundert. Der Titel „Augustinus ist Papst“ hängt vor allem damit zusammen, dass Papst Leo XIV. den hl. Augustinus praktisch in jeder Ansprache zitiert.

Es gebe darüber hinaus „augustinische Elemente“, die den Stil von Papst Leo prägten. So sei vor allem seine Arbeitsweise „von der augustinischen Tradition geprägt, die in Bezug auf Überlegungen und Entscheidungsfindung eher kollektiv“ sei. Das wirkt sich schon jetzt im Umgang mit der Römischen Kurie und im Verhältnis zu den Kardinälen aus. Das außerordentliche Konsistorium am 7. und 8. Januar 2026 hat sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, dass Papst Leo dieses Kollegium als sein erstes Beratergremium sieht, mit dem er auf synodale Weise zusammenarbeiten will. Bei aller Hochschätzung des offenen Austauschs aber ruft er Kurienmitarbeiter wie Kardinäle unentwegt zur Geschlossenheit auf. Innerkirchlich will Papst Leo nach dem stürmischen Pontifikat seines Vorgängers die Lage beruhigen und Einheit stiften. Dies versucht er in theologischer Rückbesinnung auf die Grundlagen des Glaubens, wozu er besonders auch die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils zählt.

Der Moraltheologe von Paderborn, Professor Dr. Peter Schallenberg, ordnet im Leitartikel das Konsistorium in die bisherigen Weichenstellungen des derzeitigen Pontifikats ein. Gleichzeitig spannt er den Bogen zur Neujahrsansprache, die Papst Leo am 9. Januar unmittelbar nach der Kardinalsversammlung an das Diplomatische Korps gehalten hat. Der Papst macht keinen Hehl daraus: Nur eine Kirche, die nach innen zusammenhält, kann nach außen hin deutlich auftreten. Und die Art und Weise, wie er „De Civitate Dei“ – „Vom Gottesstaat“, wiederum ein Hauptwerk des hl. Augustinus, auswertete und auf die heutige Zeit anwandte, ließ in aller Welt aufhorchen. Man hatte geradezu den Eindruck, dass Leo, der Löwe, nun zu brüllen beginnt.

Mit den sog. „neuen Menschenrechten“ wie dem angeblichen „Recht auf sichere Abtreibung“ oder mit dem „Phänomen der Leihmutterschaft“ ging er hart ins Gericht, nannte die Sterbehilfe eine „falsche Form des Mitgefühls“, pochte auf die Unterstützung der Familie, welche „in der ausschließlichen und unauflöslichen Verbindung zwischen Frau und Mann“ begründet sei, und bescheinigte der Meinungsdiktatur, wie sie zunehmend auch im Westen zu beobachten sei, einen „orwellschen Beigeschmack“. Er sprach von den „schwerwiegenden Gefahren für das politische Leben, die sich aus falschen Darstellungen der Geschichte, übertriebenem Nationalismus und der Verzerrung des Ideals eines Staatsmanns ergeben“. Gegenüber der „kriegerischen Stimmung“, die sich ausbreite, hob er „die Bedeutung des humanitären Völkerrechts“ hervor und warnte vor der Gefahr, „immer ausgefeiltere neue Waffen zu produzieren, auch unter Einsatz von künstlicher Intelligenz“. Eindeutig sprach er sich gegen die Todesstrafe aus und brach eine Lanze für die Armen und Migranten. Außerdem nahm er kein Blatt vor den Mund, was die weltweite Christenverfolgung angeht. Jeder siebte Christ sei davon betroffen. Ein unüberhörbares Signal an eine Welt, die sich in Aufruhr befindet!

Liebe Leserinnen und Leser, wir wollen Papst Leo solidarisch zur Seite stehen, mit Zeugnis und Gebet für den Frieden. Ein aufrichtiges Vergelt‘s Gott für Ihre Unterstützung! Gleichzeitig bitten wir Sie herzlich: Zeigen Sie mit Ihrer Spende, was Ihnen „Kirche heute“ wert ist! (meine Volksbank Raiffeisenbank eG, IBAN: DE46 7116 0000 0001 1905 80, BIC: GENODEF1VRR) Wir wünschen Ihnen eine gesegnete Fastenzeit an der Hand unserer Himmlischen Mutter Maria!

 

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2026
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Vom Konsistorium zur Neujahrsansprache an das Diplomatische Korps

Papst Leo – der Löwe beginnt zu brüllen

Papst Leo XIV. hatte alle Kardinäle der Weltkirche vom 7. bis 8. Januar 2026 zu einem außerordentlichen Konsistorium nach Rom eingeladen. Gleich am nächsten Tag empfing er das Diplomatische Korps und hielt eine programmatische Neujahrsansprache, welche aufhorchen ließ. Professor Dr. Peter Schallenberg, Theologische Fakultät Paderborn, spannt einen Bogen vom Konsistorium bis zu diesem Signal an eine Welt, die sich im wahrsten Sinn des Wortes in Aufruhr befindet. Machte das Treffen mit den Kardinälen noch etwas den Eindruck, als würde sich die Kirche mit sich selber beschäftigen, ohne zu bemerken, was um sie herum passiert, so schlug die Ansprache an die Diplomaten wie eine „Bombe“ ein und machte deutlich, dass die Kirche zum aktuellen Zeitgeschehen sehr wohl etwas zu sagen hat.

Von Peter Schallenberg

Allmählich zeichnen sich deutlichere Konturen des neuen Papstes Leo XIV. und seines Pontifikates ab, nicht zuletzt durch zwei Ereignisse am Beginn des neuen Jahres, jetzt im Januar: die traditionelle Ansprache des Papstes beim Neujahrsempfang für das beim Heiligen Stuhl akkreditierte Diplomatische Korps, nach alter Gewohnheit ein Ort für programmatische Erklärungen, und das außerordentliche zweitägige Konsistorium der Kardinäle in Rom.

In der Spannung zwischen Tradition und Moderne

Kommentatoren weltweit sprachen schon von einem „Papst des pragmatischen Konservatismus“ nach einem diffus progressiven Papst Franziskus. Wobei es eigentlich weniger um die politischen Kategorien von konservativ und progressiv geht, als um die für die Kirche seit jeher wichtige und problematische Spannung zwischen Tradition und Moderne. Oder noch anders ausgedrückt: Seit dem Hinweis Jesu im Evangelium auf den klugen Hausvater, der Altes und Neues aus seinem Schatz hervorholt (Mt 13,52), überlegt die Kirche, die sich als jener von Christus bestellte Hausvater verstehen darf, ständig, wie die ewig wahre und einfache Offenbarung der Liebe des Vaters in seinem eigenen Sohn stets neu übersetzt werden kann und muss in die Sprache und in die Bilder wechselnder Zeiten und unterschiedlicher Menschen. Das ist ja auch der Grund dafür, dass Jesus selbst vorzugsweise in Bildern und Gleichnissen über die Liebe des Vaters zu den Jüngern und den ihm zuhörenden Menschen seiner Zeit gesprochen hat: „Nie sprach er zu ihnen, ohne Gleichnisse zu gebrauchen“ (Mk 4,34). „Contemplata aliis tradere“ – „das Betrachtete und Erfasste anderen weitergeben“ – nennt das einmal der hl. Thomas von Aquin in seinem großen Werk „Summa Theologiae“ (Theologische Summe) und meint damit: Das zuerst in Betrachtung und Gebet und Nachdenken innerlich angeeignete Wort Gottes muss sodann den anderen, mir anvertrauten Menschen weitergegeben und auch übersetzt werden in ihre Anschauung (Summa III, q. 40, a. 1, ad 2).

Behutsam und an die Situation der Menschen angepasst

Jeder der vier Evangelisten hat das auf seine ganz eigene Art gemacht, Johannes ganz deutlich unterschieden von den Synoptikern. Und immer muss die Weitergabe behutsam und an die Situation der Menschen angepasst erfolgen, allmähliche Gewöhnung an die ungewohnte himmlische Speise Gottes ist das Gebot der Stunde. Paulus hat das getan in seinen Briefen; sehr deutlich wird das im 1. Korintherbrief, wenn er schreibt: „Milch gab ich euch zu trinken, nicht feste Speise; denn die konntet ihr noch nicht vertragen. Ja, ihr könnt es immer noch nicht, denn ihr lebt noch aus dem Irdischen“ (1 Kor 3,2). Die frühe Kirche hat das genauso getan und buchstäblich erstritten in ihren ersten Konzilien; die Kirchenväter tun es in ihren vielen uns überlieferten Predigten; die Kirche insgesamt versucht es in ihren verschiedenen Katechismen seit Petrus Canisius (1521-1597) und seinem ersten römischen Katechismus als kraftvolle Antwort auf die protestantische Reformation. Und Eltern und Großeltern machen es natürlich genauso: Das, was sie vom Glauben an den liebenden und lebendigen Gott verstanden haben, wollen sie weitergeben an die Kinder und Enkel. Jeder von uns muss lernen, auf eigene Weise an Gott zu glauben, und doch ist jeder angewiesen auf den Glauben seiner Ahnen, auf deren Schultern er glaubend steht und von deren Schultern er im eigenen Leben heruntersteigen muss, um eigenständig an Gott glauben zu lernen, einzigartig und zugleich gemeinsam voranschreitend – also wahrhaft und buchstäblich progressiv – in der großen Prozession aller Menschen, die seit den Tagen des Petrus und seinem Christusbekenntnis „Du bist der Messias“ (Mt 16,16) an Jesus als den Christus und Messias glauben. So sollen wir als Christen den Samaritern im Johannes-Evangelium gleichen, die zu der Frau am Jakobsbrunnen sagen: „Wir glauben nicht mehr um deines Redens Willen, sondern weil wir selbst gehört haben und wissen: Dieser ist wirklich der Heiland der Welt!“ (Joh 4,42).

Konsistorien – konkrete Umsetzung der Synodalität

Das Treffen mit den Kardinälen – nach alter Tradition der Senat der Kirche und engste Beraterkreis des Papstes, eigentlich ursprünglich die Pfarrer der römischen Stadtpfarreien, aus deren Mitte der Bischof von Rom gewählt wird, und die nach dem lateinischen Begriff „cardo“ für „Türangel“ ihren Namen haben, weil sie wie eine Türangel die Verbindung zwischen dem Papst als Nachfolger des Petrus und der Weltkirche halten, weswegen auch jeder Kardinal bis heute Titularpfarrer einer römischen Kirche ist – war für Papst Leo wie ein zweiter und vielleicht sogar eigentlicher Beginn seines Pontifikates. Von 245 Kardinälen konnten 170 nach Rom kommen und saßen, wie zuvor bei der Weltsynode, an großen runden Tischen mit dem Papst zusammen. Das nächste Konsistorium wird zum Fest des Apostels Petrus Ende Juni in Rom stattfinden; zukünftig soll es mindestens einmal im Jahr abgehalten werden; so wird der Anstoß des Zweiten Vatikanischen Konzils für eine synodale Kirche unter Leitung des Papstes konkret umgesetzt. Und der Papst hatte den Kardinälen vier Themen vorgeschlagen, aus denen sie zwei auswählten: „Mission der Kirche“ und „Synodalität“. Die beiden anderen Themen, die Beziehung der päpstlichen Kurie in Rom zu den Ortskirchen und die breitere Wiederzulassung der alten Messe, wurden zunächst vertagt.

Das Beispiel Marias – Zögern und Nachdenken sind keine Sünde

Mission und Synodalität als die beiden Themen des Konsistoriums sind eigentlich zwei Seiten einer Medaille, die insgesamt Kirche heißt: Synodalität kommt aus der griechischen Sprache der frühen Kirche (syn-odos = gemeinsamer Weg) und meint das Leben der Kirche nach innen, als Volk Gottes auf dem Weg, wie die Jünger von Emmaus am Ostermontag: Gemeinsam unterwegs sein auf dem Weg des Nachdenkens und Sprechens und Zuhörens und Betrachtens („contemplata“) und damit des Versuchs, den noch unerkannten oder nur schemenhaft erkennbaren Herrn zu entdecken in der Unrast des irdischen Alltags: in der Gestalt des Armen, des Kranken, des Obdachlosen, des Menschen schlechthin, schließlich in der Feier der Eucharistie – weswegen es niemals synodale Wege ohne Feier der Eucharistie geben kann – und in der Anbetung, ja in allen Sakramenten. Christus ist es ja, der in den Sakramenten spricht, beileibe nicht ein ausgeklügelt ausgebildeter Religionsdiener. Ganz deutlich wird das in Eucharistie und Beichte, wo der Priester Christus nur die Stimme leiht: „Das ist mein Leib und Blut!“, oder: „Ich spreche Dich los von Deinen Sünden!“ Synodalität ist also beileibe keine modernistische Erfindung verkappter Kirchenfeinde, sondern – richtig verstanden und in der frühen Kirche ganz gewohnt und bei den Ostkirchen seit jeher in Gebrauch – die zutiefst marianische Weise des Hörens auf Gottes Wort und des Nachdenkens über Gottes Willen im eigenen Leben. Denn von Maria wird genau dies bemerkenswerterweise berichtet, nach der Botschaft des Engels und nachdem sie zunächst zögerlich gefragt hatte: „Wie soll das geschehen?“: „Sie bewahrte alles in ihrem Herzen und dachte darüber nach“ (Lk 2,19). Zögern und Nachdenken und Überlegen sind keine Sünde, sondern der notwendige und von Gott gewollte Versuch des Menschen, dem Willen Gottes auf die sichere Spur zu kommen. Das ist meist mühevoll und auch anstrengend; Gott erwartet diese Mühe und Anstrengung von uns; das Leben aller Heiligen zeigt dies deutlich.

Das Vorbild der Heiligen – mühsame Suche nach Gottes Willen

Der heilige Thomas von Aquin bemerkt einmal sinngemäß in seiner „Summe der Theologie“ beim Nachdenken über das gute menschliche Handeln (Summa I-II, q. 18-21): Nicht was Gott will, sollen wir wollen, sondern das, wovon Gott will, dass wir es wollen. Denn: Was Gott will, erfahren wir immer erst nachträglich, belehrt durch den Gang der Ereignisse. Oder noch einmal anders gewendet: Wir sollen nicht wollen, was Gott will, sondern wir sollen das wollen, von dem wir glauben, dass Gott es wollen kann. Das klingt komplizierter als es ist: Was Gott wirklich will, wissen wir immer erst im Rückblick, wenn überhaupt, und viele Heilige wussten erst in der Todesstunde sicher, dass es Gottes Wille war, zu dem sie sich durchgerungen hatten, oft unter Tränen, Zweifeln, Finsternissen: Johannes vom Kreuz (1542-1591), Therese von Lisieux (1873-1897), Franz Jägerstätter (1907-1943), Mutter Teresa (1910-1997)… Ja, fast könnte man sagen: Wer felsenfest überzeugt ist vom konkreten Willen Gottes, der müsste sich zuvor erst noch erschüttern lassen, so wie der Herr selbst in der Ölbergstunde: „Jetzt ist meine Seele erschüttert, was soll ich sagen?“ (Joh 12, 27), oder wie Petrus, der erschüttert über seinen Verrat weint, als der Herr ihn wortlos anblickt… 

China-Mission zwischen Inkulturation und bewusster Entscheidung

Und dieses Nachdenken der Kirche auf dem Weg von Emmaus über Gottes Wort und Willen in den unterschiedlichen Jahrhunderten gilt nicht nur universal und weltweit, sondern auch konkret vor Ort, anders in Indien als in Sibirien, anders in Norwegen als in Sizilien, anders in China als in Venezuela. „Akkomodationsstreit“ nannte man das im 17. und 18. Jahrhundert (heute heißt es „Inkulturation“), als in der Kirche heftig darum gestritten wurde, ob im Kaiserreich China die althergebrachte Tradition der Ahnenverehrung – vergleichbar etwa mit dem heutigen Shintoismus in Japan – vereinbar sei mit dem Christentum. Die Jesuitenmissionare waren dieser Meinung; die anderen Missionsorden der Dominikaner, Franziskaner und Augustiner waren dagegen; der Streit wogte hin und her, und schließlich entschied Papst Benedikt XIV. (1740-1758) abschließend und endgültig 1744, dass beides zusammen nicht geht. Damit waren über hundert Jahre Mission in China abrupt beendet und scheinbar umsonst. Ein harter Schnitt, eine harte Entscheidung, aber sie gilt bis heute, und wir glauben als römische Katholiken, dass dies der Wille Gottes war. Aber wer weiß, was sich beim Jüngsten Gericht herausstellt, und bis heute bedauern viele, dass China damals im 18. Jahrhundert in einem entscheidenden Moment nicht auf einen Schlag christlich geworden ist. Rom freilich war damals der Meinung: Ein bloß christlich getünchtes Gebäude ist deswegen noch lange nicht wirklich christlich, es braucht die bewusste Entscheidung für Gott und die Zustimmung zu dem immer wieder aufrüttelnden Satz Jesu: „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert!“ (Mt 10,37).

Pflicht, über unterschiedliche Methoden der Mission nachzudenken

Und damit sind wir bei der anderen Seite der Medaille, die Kirche heißt: Wenn Synodalität das Leben der Kirche nach innen beschreibt, dann kennzeichnet Mission das Leben der Kirche nach außen. Niemals besteht ja die Kirche für sich selbst, oder schärfer noch: Niemals glaubt ja ein Mensch einfach für sich selbst, friedlich schiedlich, immer glaubt jeder für andere (und betet für andere): in Stellvertretung und im Auftrag der Weitergabe des Glaubens. Und es kann nicht oft genug betont werden, dass es nach alter Tradition am Ende der Hl. Messe heißt: „Ite missa est!“, wovon die Messe ihren Namen hat und was keineswegs schlecht übersetzt heißt: Die Messe ist beendet… Sondern es heißt vielmehr sehr präzis und konkret: Geht, es ist gesendet! Mit anderen Worten: Berichtet von dem, was hier in der Eucharistie geschehen ist. Berichtet von der Gegenwart des Herrn im Sakrament, auf dem Altar und im Wort der Schrift, berichtet, oder auch, genauso gut oder vielleicht sogar noch besser: Handelt so, als sei der Herr gegenwärtig gewesen, als würde euer Herz brennen wie das Herz der Jünger von Emmaus, als sei der Herr in Fortsetzung der Eucharistie gegenwärtig in jedem geringsten Menschen, dem ihr begegnet.

Mission meint immer beides: offenherziges und treuherziges Sprechen von der Erfahrung Gottes im eigenen Leben, und dann wagemutiges und immer noch treuherziges Handeln in der Verlängerung von Gottes Liebe und Güte. Solche Mission ist immer Missionierung, natürlich: Gott will, dass alle Menschen gerettet werden durch den Glauben an ihren Schöpfer. Und doch wird solche Missionierung in New York andere Wege gehen müssen als in Kinshasa, und möglicherweise über Jahrhunderte weniger äußeren Erfolg in Japan haben als in Südkorea.

Uns steht es nicht zu, darüber zu lamentieren oder zu räsonieren, wohl steht es uns gut an, über unterschiedliche Methoden der Mission nachzudenken, und nochmals kann sich der Blick auf die kleine hl. Theresia richten und daran denken: Die Küche und die alltägliche Arbeit kann genauso Missionsfeld sein wie das malariageschwängerte Tiefland von Malawi! Was dort Malaria als echtes Problem darstellt, das ist im malariafreien Gebiet des Westens vielleicht die Religionsfeindlichkeit vieler Politiker oder Religionsverachtung der Medien?

Paukenschlag des Papstes: „orwellscher Beigeschmack“

Und damit kommt noch ein dritter Aspekt im Januar von Papst Leo in den Blick: In seiner Neujahrsansprache vor den Diplomaten im Vatikan sprach er erstaunlich unverblümt und in ebenso erstaunlicher Nähe zur Rede des US-amerikanischen katholischen Vizepräsidenten J.D. Vance vor der Münchner Sicherheitskonferenz im vergangenen Jahr über die zunehmenden Einschränkungen der Meinungs- und Gewissensfreiheit in der westlichen Welt: „Es ist bedauerlich festzustellen, dass insbesondere im Westen der Raum für echte Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird, während sich eine neue Sprache mit orwellschem Beigeschmack entwickelt, die in ihrem Bestreben, immer inklusiver zu sein, darin mündet, diejenigen auszuschließen, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt sind.“ Das ist hinreichend deutlich und klar. Der Papst sieht zunehmend in der westlichen Welt, mit Ausnahme vielleicht der USA, eine Ideologie am Werk, die ein bloß einbahniges Denken befördert, um das einmal milde auszudrücken und das schlimme Wort „totalitär“ zu vermeiden.

Entlarvung des absoluten Rechts auf Selbstbestimmung

Es ist auf den Punkt gebracht eine Ideologie der grundlegenden Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung des Individuums, ohne eine Bindung an vorgegebene Traditionen, Werte, Institutionen, ja auch nicht an das Lebensrecht anderer Individuen. Im Falle der Abtreibung wird das Selbstbestimmungsrecht der Frau gegen das Lebensrecht des Kindes gestellt, als wenn es sich um zwei vergleichbare Grundwerte handeln würde, bis hin zur Verankerung des Rechts auf Abtreibung in der französischen Verfassung, einem der führenden Länder des vom Papst gemeinten Westens.

Im Fall der sexuellen Selbstbestimmung wird das Recht des Individuums gestellt gegen die biologische Anlage von zwei Geschlechtern. Im Fall des assistierten Suizids wird das Recht auf Freitod gestellt gegen das Recht anderer Menschen (und das Recht Gottes), auf diesen Menschen nicht verzichten zu wollen, wie es noch Artikel 1 im deutschen Grundgesetz anmahnt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“, und das gilt natürlich nach dem ursprünglichen (kantianischen) Verständnis dieses Satzes auch für das Individuum selbst.

Rechtsstaatliche Demokratie oder nur noch leere Hülle

Papst Leo ist hier sehr deutlich und mischt sich fast unerwartet ein in die im Westen seit geraumer Zeit stattfindende Auseinandersetzung um die rechtsstaatliche Demokratie, der schon Papst Benedikt XVI. einen bisweilen verhängnisvollen Hang zum Relativismus und am Ende zu einer Diktatur des Relativismus attestierte. Wenn die Antwort des Staates und seiner Verfassung auf die Frage des Bürgers „Wozu bin ich gut?“ nur mehr ein achselzuckendes „Das musst Du schon selbst wissen, wir wissen es nicht“ ist, und wenn die Antwort des Staates auf die Frage des Menschen „Bin ich notwendig oder unter Umständen eventuell auch entbehrlich?“ nicht ein ganz entschiedenes „Du bist unbedingt notwendig vom frühesten bis zum spätesten Zeitpunkt des Lebens, dann ist der Staat nur noch leere Hülle einer lose zusammen lebenden Masse von Individuen und jeder tiefer gehenden Ethik und Moral entkleidet.

Artikel 1 Grundgesetz jedenfalls weiß die Antwort noch aus alter Tradition, befördert durch die 1949 nach der brutalen Schreckenszeit der Menschenverachtung dem Grundgesetz vorangestellte Präambel „In Verantwortung vor Gott…“

Und die Kirche weiß die notwendige und buchstäblich not-wendende Antwort natürlich auch, freilich steiler und zumutender: Du bist, weil Gott es will und Dich will! Und daraus erwächst die gesamte Zumutung eines menschlichen Lebens, in Ansporn und Anforderung.

Ein gutes Programm für Papst Leo XIV. und die ihm anvertraute Kirche am Anfang des neuen Jahres!  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2026
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Interview von K-TV mit Kurt Kardinal Koch – Reise in die Türkei und den Libanon

Papst Leo XIV. in Nicäa – sehr positiv!

Der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch ist seit 2010 Präfekt des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen. Er hat die erste Auslandsreise von Papst Leo XIV. miterlebt, die auf dem Hintergrund des 1700-jährigen Jubiläums des Konzils von Nicäa ganz unter dem Zeichen der Ökumene stand. Dr. Thomas Maria Rimmel, der Geistliche Assistent des katholischen Fernsehsenders K-TV, sprach mit ihm über den Apostolischen Besuch in der Türkei und im Libanon. Für Kardinal Koch war er ein bewegendes Zeugnis der katholischen Kirche im Nahen Osten und ein hoffnungsvolles Signal der Einheit.

Interview mit Kurt Kardinal Koch

K-TV: Eminenz, die erste Auslandsreise führte Papst Leo XIV. in die Türkei und in den Libanon. Sie waren dabei. Wie war diese Reise für Sie und wie haben Sie Papst Leo erlebt?

Kardinal Koch: Die Reise war ja schon mit Papst Franziskus vorgesehen. Er war eingeladen, im Mai zum 1700-jährigen Jubiläum des Konzils von Nicäa, das 325 stattgefunden hat, in die Türkei zu kommen.

Das war aber nicht möglich, weil Papst Franziskus am Ostermontag gestorben ist. So wurde die Reise vertagt. Der Ökumenische Patriarch machte den Vorschlag, Ende November zum Patronatsfest des Patriarchats von Konstantinopel zu kommen. Es ist üblich, dass ein Papst kurz nach Beginn seines Pontifikats Konstantinopel besucht. Damit er nicht zweimal kommen muss, hat man es zusammengelegt und noch die Reise in den Libanon hinzugenommen.

Und auf Ihre Frage, wie ich den Papst erlebt habe, kann ich sagen: sehr, sehr positiv. Er ist sehr auf die Menschen zugegangen, hat gute Ansprachen gehalten und ein ganzes Spektrum von Veranstaltungen absolviert. Ich denke, das war ein sehr positiver Besuch.

Herr Kardinal, aus Anlass 1700 Jahre Konzil von Nicäa haben dort in Nicäa, heute Iznik, die Vertreter der verschiedenen Konfessionen zusammen das Glaubensbekenntnis gesprochen, das damals in Nicäa formuliert wurde. Wie haben Sie das erlebt und wie ordnen Sie dieses gemeinsam gesprochene Glaubensbekenntnis heute ein?

Es war natürlich sehr berührend, nach vielen Vorbereitungen, Kongressen und Symposien über das Konzil von Nicäa, nun selber an diesem Ort zu stehen, obwohl man kaum mehr etwas davon sieht, nur noch Ruinen dieser Basilika im Wasser. Und berührend war ebenso, wie viele Repräsentanten anderer Kirchen anwesend waren und dann gemeinsam dieses Glaubensbekenntnis gesprochen haben.

Ich halte das für sehr wichtig. Denn wir können die Einheit nicht irgendwie und irgendwo suchen und finden, sondern nur im gemeinsamen Glauben.

Und wenn das Credo von Nicäa uns verbindet, wenn wir eins sind im Glauben an Jesus Christus, kommen wir auch einander näher.

Eine bedeutende Formulierung dieses Glaubensbekenntnisses von Nicäa lautet „wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater“. Wie kam denn dieser Glaubensinhalt auf der Papstreise überhaupt zur Sprache? Inwieweit wurde das Konzil von Nicäa im Rahmen dieser apostolischen Reise ausgewertet?

Ein sehr, sehr wichtiges Zeichen war natürlich zunächst der Akt, dass die Repräsentanten aller verschiedenen Kirchen teilnehmen und dieses Credo gemeinsam bekennen. Am Tag darauf gab es dann noch eine Zusammenkunft der Teilnehmenden mit dem Heiligen Vater von etwa zwei Stunden, völlig privat ohne jede Öffentlichkeit, wo man eingehend darüber gesprochen hat, was das Konzil von Nicäa für die jeweilige Kirche bedeutet.

Und zweitens hat sich der Papst natürlich in verschiedenen Ansprachen immer wieder auf dieses Credo bezogen. Er hat auch in einer Ansprache ganz klar gesagt, dass wir heute einen „wiederkehrenden Arianismus“ haben, also dass das Konzil von Nicäa nicht einfach der Vergangenheit angehört, sondern auch heute aktuell bleibt, weil nicht wenige Christen, auch Katholiken, mit dem Bekenntnis zur Gottheit, zur Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater ihre Probleme haben.

Wiederkehrender Arianismus. Wie äußert sich der heute?

Vielleicht ein ganz extremes Beispiel. Es gab eine Kirchenmitgliedschaftsstudie der katholischen und evangelischen Kirche in Deutschland. Unter anderem sind die Menschen gefragt worden, ob sie an einen Gott glauben, der sich in Jesus Christus offenbart hat. Von den katholischen Mitgliedern der Kirche haben 32 Prozent gesagt, dass sie das glauben. Was glauben dann die anderen? Also das zeigt natürlich, dass da der christologische Glaube verwässert oder verschwunden ist. Und das ist eine zentrale Herausforderung. Ich bin den deutschen Bischöfen dankbar, dass sie diese Diagnose mitgeteilt haben. Jetzt warten wir auf die Konsequenzen.

Und wie können die ausschauen, Herr Kardinal?

Eine der größten Herausforderungen besteht darin, sich mit der Glaubenskrise zu beschäftigen und zu überlegen, wie dieser Glaube, dessen Grundwasser tief gesunken zu sein scheint, wieder gehoben, erneuert werden kann. Das ist eine der zentralen Herausforderungen.

 

Ein Thema auf dem Konzil von Nicäa war ja schon vor 1700 Jahren der Ostertermin. Fakt ist, wir Katholiken und die Orthodoxen feiern unterschiedliche Ostertermine, also Ostern an unterschiedlichen Tagen. Manchmal fällt es zusammen. Warum ist es so? Was sind eigentlich die Hindernisse auf einem Weg zu einem gemeinsamen Ostertermin? Und was könnte man tun, um diese Hindernisse auszuräumen?

Das Konzil von Nicäa zeigt, dass das Osterdatum damals schon umstritten war. Beispielsweise haben die Christen in Kleinasien zusammen mit den Juden Ostern gefeiert, also am 14. Nisan. Sie hießen deshalb „Quartodezimaner“, also „Vierzehner“. In anderen Gebieten wie Syrien und Mesopotamien haben die Christen am Sonntag nach dem 14. Nisan gefeiert. Sie hießen deshalb „Protopaschisten“. Das Konzil hat dann eine gemeinsame Lösung gesucht. Die Konsequenz: Wir wollen es nicht mit den Juden zusammen feiern, sondern mit den Römern.

Eine zweite Schwierigkeit kam im 16. Jahrhundert hinzu, als Papst Gregor XIII. eine Kalenderreform durchführte. Seither haben wir zwei Kalender, den julianischen Kalender, dem die Orthodoxen und Orientalen folgen, und den gregorianischen Kalender, dem die Westkirchen folgen. Das ist der Grund für ein unterschiedliches Datum.

Nun gibt es sehr verschiedene Vorschläge, wie man dieses Problem lösen kann. Die katholische Kirche hat sich schon auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil in einem Anhang zur Konstitution über die heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium“ zu dieser Frage geäußert und den Vorschlag gemacht, dass die katholische Kirche zu einem Wechsel bereit ist, also zu einem gemeinsamen Datum, wenn alle anderen Kirchen einverstanden sind. Dieser Konsens muss jetzt gesucht werden. Es kommt dann aber meines Erachtens noch Zweierlei hinzu:

Erstens ist diese Entscheidung des Konzils von Nicäa, es nicht mit den Juden zusammen zu feiern, nach „Nostra aetate“ ein bisschen schwierig. Es handelt sich um die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, insbesondere zum Judentum.

Hinzu kommt natürlich, dass es, wenn die Kirchen alle einen Konsens gefunden haben, auch den Konsens der Staaten braucht, vor allem in jenen Ländern, wo Ostern ein staatlicher Feiertag ist.

Das sind alles Herausforderungen, die nicht einfach so leicht zu lösen sind. Was die christlichen Kirchen betrifft, ist mein Grundprinzip: Wir brauchen dringend ein solches gemeinsames Datum, aber wir müssen es so finden, dass es nicht zu neuen Spaltungen innerhalb der Kirchen und zwischen den Kirchen führt. Und da braucht es Geduld und Engagement, um eine Lösung zu finden.

Herr Kardinal, mit den Orthodoxen gilt es hauptsächlich zwei Fragen zu klären: das „filioque“ und das Dogma vom Jurisdiktionsprimat und der Unfehlbarkeit des Papstes. Könnten Sie kurz erklären, worum es bei diesen zwei grundsätzlichen Themen geht und wie man hier vielleicht Fortschritte erzielen könnte?

Ja, das sind die zwei Themen, die die Gemischte Internationale Kommission für den theologischen Dialog zwischen der katholischen und den orthodoxen Kirchen behandeln muss. Ich kann dem natürlich nicht vorgreifen, sondern nur einfach meine persönliche Meinung sagen.

Zunächst gibt es einmal das große Missverständnis bei den Orthodoxen: Wenn sie Unfehlbarkeit hören, hören sie Sündenlosigkeit. Und das ist ein völliges Missverständnis. Allein schon die Tatsache, dass jeder Papst einen Beichtvater hat, dementiert ja die Ansicht, dass der Papst keine Sünden habe und keine Sünden begehe. Vielmehr geht es darum, dass er bei Glaubens- und Sittenfragen unter bestimmten Bedingungen, wenn er im Namen der ganzen Kirche spricht, letztverbindlich sprechen kann.

Und das ist eine Überzeugung, die eigentlich jede Kirche haben kann. Denn der Papst hat diese Unfehlbarkeit nicht aus seiner persönlichen Situation heraus, sondern er muss den Konsens der Kirche wiedergeben. So hat zum Beispiel Papst Pius XII., bevor er das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel verkündet hat, den Welt-episkopat befragt. In diese Richtung könnte man einen Konsens finden.

Bei der Frage des Filioque geht es um das Bekenntnis, dass der Heilige Geist „vom Vater“ ausgeht, wie es im Credo heißt, und dass die katholische Kirche dann hinzugefügt hat: „und vom Sohn“ – „filioque“.

Ich glaube, es gibt zwei Probleme: Das erste ist das theologische Problem. Ich bin überzeugt, dass das Nicht-Filioque bei den Orthodoxen aufgrund ihrer Grundüberzeugungen stimmig ist, aber auch, dass das Filioque aufgrund der lateinischen Tradition stimmig ist. Und man könnte gegenseitig anerkennen, dass es nicht um Heterodoxie geht, sondern dass beide orthodox sein können.

Das zweite Problem ist natürlich, dass dieses Filioque durch die katholische Kirche in einen Konzilstext eingefügt worden ist. Und das ist für die Orthodoxen sehr, sehr schwierig. Aber auch da kann man wieder Zweierlei sehen. Erstens wurde es eingefügt, weil vor allem in Spanien starke arianische Tendenzen der Leugnung der Göttlichkeit Jesu Christi vorhanden waren. Demgegenüber wollte man die Nicänische Überzeugung verstärken. Das könnten die Orthodoxen als ein legitimes Anliegen anerkennen. Und zweitens muss man sagen, dass es vor allem der Kaiser in das Credo einfügen wollte. Der Papst hat sich zunächst geweigert, das zu tun, hat dann aber schließlich nachgegeben. Ich glaube, auch dieses Problem kann man mit gutem Willen und theologisch verständlich lösen.

Ich höre, Sie sind hier sehr zuversichtlich.

Ja, ich bin zuversichtlich, weil diese Internationale Gemischte Kommission, bei der ich Co-Präsident bin, im Dialog steht und sehr gut und intensiv arbeitet. Von daher bin ich zuversichtlich, dass es möglich ist, Lösungen zu finden. Die Päpste haben ja schon den Weg gewiesen. Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. haben immer, wenn eine Delegation von Orthodoxen nach Rom gekommen ist, das Credo ohne das Filioque gebetet und so gezeigt: Wir können es auch ohne! Wir haben es aus guten Gründen eingefügt, aber wir können es aus ökumenischen Gründen auch ohne.

Papst Leo hat in der Türkei immer wieder von den Christen als einer kleinen Herde gesprochen. Im ganzen Land leben vielleicht einige Zehntausend Katholiken. Offiziell gibt es in der Türkei Religionsfreiheit, aber nicht für alle gleich und nicht für alle vollumfänglich. Wie konnte sich Papst Leo für die Religionsfreiheit der Christen einsetzen und inwieweit hat seine apostolische Reise die Situation der Christen im Blick auf Religionsfreiheit verbessert?

Ich glaube schon, dass es sehr geholfen hat. Erstens war die Regierung sehr offen für diesen Besuch. Sie hat ihn sehr gewünscht und vieles dazu beigetragen, dass der Heilige Vater die Heilige Messe feiern konnte, – in einem öffentlichen Raum, wo die Gläubigen teilnehmen konnten. Das war sicher ein großes Anliegen. Der Präsident war ja auch letztes Jahr bei der Einweihung einer christlichen Kirche der syrischen Orthodoxie persönlich anwesend und hat damit gezeigt, dass ihm das ein Anliegen ist.

Natürlich besteht die Religionsfreiheit nicht in dem Sinn, wie wir das wünschen. Ein ganz schwieriger Punkt ist nach wie vor, dass die Ausbildungsstätte der Orthodoxen Kirche in Chalki immer noch geschlossen ist und nicht betrieben werden kann. Und das ist natürlich ein ganz großes Anliegen des Patriarchats, dass diese Stätte wieder geöffnet wird. Ich hoffe, dass mit der Zeit eine gute Lösung gefunden wird. Man kann natürlich nach diesem ersten Besuch nicht gleich sagen, was er konkret bewirkt hat. Aber ich denke schon, dass er wesentlich dazu beigetragen hat, die Präsenz der Christen in der Türkei wahrzunehmen.

Fakt ist, dass jetzt gerade Anfang dieses neuen Jahres 2026 der Ökumenische Patriarch Bartholomäus noch einmal gefordert hat, dass dieses Seminar in Chalki, das 1971 geschlossen wurde, wieder geöffnet wird. Er selber hatte dort studiert und es war ja eine große theologische Fakultät, aus der bekannte Persönlichkeiten hervorgegangen sind. Möglicherweise ist dies schon eine Frucht dieser Reise. Denn es gab ja auch eine persönliche, nicht öffentliche Begegnung zwischen Papst Leo und Präsident Erdogan. Was da gesprochen worden ist, wissen wir nicht. Ich denke aber, solche Themen sind sicher auch zur Sprache gekommen, weil das Thema der Religionsfreiheit für Papst Leo zentral ist.

Papst Leo hat ja nicht nur die Türkei, sondern auch den Libanon besucht. Und im Libanon haben die Medien den Besuch so dargestellt, dass dem Papst eine große Begeisterung vonseiten der Bevölkerung entgegengebracht wurde. Zwei Fragen dazu: Wie haben Sie diese Begeisterung erlebt? Und wer war da eigentlich mit „Bevölkerung“ gemeint?

Eigentlich die Gläubigen. Und das ist natürlich ein Unterschied. In der Türkei sind die Christen eine kleine Minderheit. Im Libanon ist die maronitische katholische Kirche stark und lebendig. Und an den Straßen, wo der Papst durchgefahren ist, waren die Gläubigen alle präsent, haben ihm zugerufen und geklatscht. In allen Begegnungen waren die Gläubigen da, ich denke vor allem an die Begegnung mit den Jugendlichen. Ein sehr eindrückliches Erlebnis. Auch der Staat hat viel dazu beigetragen, z.B. waren alle Straßen, durch die der Papst gekommen ist, mit Flaggen und Willkommensplakaten für den Papst versehen. Ich hatte dieselbe Herzlichkeit schon bei der Libanonreise von Papst Benedikt erlebt. Dieses Mal war es natürlich noch ein bisschen tiefer, weil der Papstbesuch nach der schrecklichen Explosion und Brandkatastrophe im Hafen von Beirut als besonderes Zeichen der Solidarität gesehen wurde. Papst Franziskus hatte ja eine solche Reise im Herzen schon vorgesehen und so waren die Libanesen für die Gegenwart des Papstes äußerst dankbar.

Im Rückblick auf diese erste apostolische Reise von Papst Leo XIV. in die Türkei und in den Libanon haben Sie schon von einem neuen Aufbruch in der Ökumene gesprochen, geben gleichzeitig aber die Frage zu bedenken: Welche Einheit wollen wir denn eigentlich? Um was geht es Ihnen bei diesen beiden Themen?

Also zum ersten glaube ich schon, dass die Gegenwart so vieler Repräsentanten anderer Kirchen in Nicäa ein schönes Zeichen gewesen ist. Ich habe es immer wieder erlebt: Wenn man die anderen Kirchen einlädt, bekommt man nie ein Nein. Oder: Was wollen Sie? Es ist höchstens so, dass, wenn wir nicht alle einladen können, die anderen dann sagen: Warum sind wir nicht eingeladen worden? Und das ist ja ein positives Zeichen.

Das kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass zwar alle die Einheit wollen, aber wir recht verschiedene Vorstellungen darüber haben, was denn die Einheit ist, wie viel Einheit es braucht und worin sie besteht. Und das ist natürlich eine Schwierigkeit. Denn wenn ich nicht weiß, wohin ich will, ist es schwierig, nächste Etappen zu planen. Wenn Sie auf dem Flughafen Frankfurt sind und nicht wissen, wohin Sie fliegen wollen, müssen Sie sich nicht wundern, wenn Sie in Madrid landen und nicht in Rom, was durchaus schade wäre. Also müssen wir uns wieder neu darauf besinnen: Was ist denn eigentlich das Ziel? Was möchten wir?

Was ist das Ziel?

Wir können das Ziel nur im Glauben finden. Wir können die Einheit nur in jenem apostolischen Glauben finden, der je-dem neuen Mitglied am Leib Christi in der Taufe anvertraut und übergeben wird: der Taufglaube. Deshalb ist die katholische Kirche zusammen mit den Orthodoxen überzeugt, dass wir die Einheit finden: im Glauben, in den Sakramenten und in den Ämtern. Demgegenüber haben nicht wenige der aus den Reformationen hervorgegangen Kirchen eine andere Vorstellung. Sie gehen eigentlich davon aus, dass die einzelnen Kirchen so bleiben, wie sie heute sind, und dass man sich gegenseitig als Kirche anerkennt. Und die Summe aller vorhandenen „Kirchentümer“ wäre dann die eine Kirche des Herrn. Das sind zwei sehr verschiedene Vorstellungen. Wir müssen einen Konsens darüber finden, in welche Richtung wir den gemeinsamen Weg weitergehen wollen.

Herr Kardinal, Nicäa im Blick auf jene kirchlichen Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind – wie kann es hier weitergehen?

Auch hier ist es wichtig, dass das Konzil von Nicäa als Grundlage ihres Glaubens anerkannt wird. Und dafür gibt es schöne Dokumente. Wir gehen im Jahre 2030 auf 500 Jahre Augsburger Reichstag und der Veröffentlichung der Confessio Augustana zu. Und da steht schon am Anfang, dass diese Confessio Augustana, die dann zur ersten Bekenntnisschrift der Lutheraner geworden ist, auf dem Boden der altkirchlichen Konzilien steht. Und im Mai war ich in Zürich zum 500-Jahr-Gedenken der Mennoniten und ich habe mich sehr gefreut, dass im Gottesdienst am Abend gemeinsam das Credo von Nicäa bekannt worden ist. Ich glaube, dieses Credo von Nicäa hilft uns sehr tief, die Einheit in Jesus Christus wiederzufinden.

Papst Benedikt XVI. hat das einmal so gesagt: Je näher wir uns in das Hohepriesterliche Gebet des Herrn „Dass alle eins seien!“ hineinziehen lassen, umso mehr werden wir auch untereinander eins.

Auf seiner Apostolischen Reise sprach Papst Leo XIV. vom „nächsten großen ökumenischen Ereignis 2033“, also 2000 Jahre Tod und Auferstehung unseres Herrn, Jesus Christus. Gibt es schon Reaktionen auf den Vorschlag, so ein gemeinsames Ereignis zu feiern? Wie könnte ein solches ökumenisches Treffen ausschauen?

Die Initiative geht ja nicht erst von Papst Leo aus, sondern es gab schon vorher eine ökumenische Initiative. Es war schon einmal eine Gruppe bei Papst Franziskus und hat den Wunsch ausgesprochen, der Papst müsse dann unbedingt kommen. Und die Antwort von Papst Franziskus war: Der Papst wird sicher kommen, aber mein Nachfolger. Und so hoffe ich natürlich, dass Papst Leo dann dabei sein wird, weil es wirklich sehr zentral ist, Tod und Auferstehung Jesu Christi nach 2000 Jahren zu feiern, ähnlich wie Papst Johannes Paul II. dem Jahr 2000 der Inkarnation einen so hohen Stellenwert verliehen und es mit einer zehnjährigen Vorbereitung eingeleitet hat. Von daher glaube ich, wäre es sehr, sehr wichtig, dieses Jahr 2033 intensiv vorzubereiten, denn mit der Auferstehung des Herrn steht oder fällt der christliche Glaube.

In der alten Kirche war man überzeugt: Nimm die Auferstehung hinweg und du zerstörst auf der Stelle das Christentum! Und dieses Fundament wieder neu in Erinnerung zu rufen und zu verlebendigen, das wir eigentlich in jeder Eucharistie feiern und begehen, das scheint mir sehr zentral zu sein. Und ich bin sehr dankbar, dass Papst Leo diese Initiative aufgegriffen hat und unterstützt.

Herr Kardinal, vielen Dank für dieses Gespräch.  

 

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2026
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Auf den geistigen Spuren von Centa Segerer

Gedanken zur Fastenzeit

„Der Wille Gottes ist mir alles!“, so heißt ein dreibändiges Werk, mit dem Alois Bäuml die Münchener Mystikerin Kreszentia (Centa) Segerer (1906-1953) bekannt gemacht hat. Dazu wertete er über tausend Seiten Gesprächsprotokolle aus, die sich im Archiv des Erzbistums München und Freising befinden. Bei Centa handelt es sich um eine verborgene Sühneseele mit Wundmalen, die sich bereit erklärt hatte, alle Leiden anzunehmen, die der Herr ihr schicken wird. Diese vollkommene Übereignung an den Willen Gottes sollte vor allem den Priestern zugutekommen. Aus dem tiefen geistlichen Reichtum, der daraus erblühte, wählte Bäuml einige Gedanken aus, die als Anregungen für die Fastenzeit dienen können. Seine Ausführungen basieren auf dem Bericht über die Geschichte von Centa Segerer, den er bereits in der August/September-Ausgabe 2024 von „Kirche heute“ veröffentlicht hat. Auf ähnliche Weise hatte er in der November-Ausgabe 2024 auch Mitteilungen der Mystikerin über ihre geheimnisvolle Beziehung zu den Seelen im Fegfeuer zusammengestellt.

Von Alois Bäuml

Mit dem Aschermittwoch tritt die Kirche ein in die österliche Bußzeit, in der wir aufgerufen sind, uns auf die Feier von Jesu Kreuzestod am Karfreitag und Seine Auferstehung am Os-termorgen vorzubereiten. Vielleicht können uns einige Einblicke in das religiöse Leben von Centa Segerer (1906-1953), einer Passionsmystikerin, Anregungen geben, wie wir die vor uns liegende Fastenzeit auf rechte, auf christliche Weise begehen können. Wir fokussieren dazu unseren Blick auf grundlegende Elemente ihrer Glaubenspraxis wie Gebet, Opfer und Hingabe, aber auch auf ihren Umgang mit Prüfungen, mit Krankheiten, Leiden und Versuchungen.

Sühne durch Gebet und Opfer

Das oft sündhafte Treiben im Fasching macht Centa als einer von Gott zur Sühne berufenen Seele oft schwer zu schaffen. Sie äußert sich darüber einmal so: „Der Fasching! Was muss ich jetzt sühnen! Mein Gott, kann ich noch mehr? Sünden, furchtbar!“ Am 2. Februar 1940, am Fest Mariä Lichtmess – nur wenige Tage später beginnt die erste Fastenzeit im Zweiten Weltkrieg – spricht Jesus zu ihr: „Wie viele Seelen netzen ihre Lippen am Giftbecher der Welt! Dir aber, mein Kind, habe ich einen göttlichen Trank bereitet. Da Ich dich so sehr liebe, liebe Mich du auch deinerseits. Sühne und verschaffe mir Sühne! Hilf mir durch dein Opfer, Gebet und Leiden, Seelen zu retten!“

Wenden wir uns zunächst Centas Gebet zu. Schon von Kindesbeinen an redet sie mit Gott völlig unbefangen. Im Lauf der Jahre wächst sie hinein in eine Haltung des vertrauensvollen Gebetes, in das sie schon sehr bald andere Menschen mit einbezieht, auch Verstorbene. Als sich im Alter von etwa 8 Jahren Arme Seelen bei ihr melden, betet sie für diese. Ihr besonderes Augenmerk beim Gebet gilt jedoch den Priestern, für die sie später – einer Bitte Jesu folgend – sogar das Amt einer geistlichen Mutterschaft übernimmt. Einem angehenden Priester versichert sie noch zwei Tage vor ihrem Heimgang ihre Unterstützung durch Gebet und Opfer zu.

Am 16. Februar 1940 erklärt ihr Jesus, wie sie ihr Gebet durch eine damit verbundene Absicht sogar auf die Ebene göttlicher Wirksamkeit heben kann: „Wenn du auch glaubst, mein Kind, dass dein Gebet nicht vollkommen sei: Es wird vollkommen und allmächtig in der Vereinigung mit meinem Herzen!“ Natürlich ist Centa überzeugt, dass ein Gebet für sich allein keinen Erhörungsautomatismus beanspruchen kann, sondern zuweilen sogar einer opfernden Unterstützung bedarf: „Da geht es nicht wie bei einem Automaten: Man wirft ein Zehnerl rein und es kommt was heraus. Es muss alles bitter erkauft werden, und das Gebet allein genügt nicht! Das große Opfer muss dahinter stehen.“

„Ja, Vater!“ – Aufgabe des eigenen Willens

Wir kommen zum Opfer und greifen dazu weitere Jesusworte vom 2. Februar 1940 auf, in denen es um die Aufopferung geht: „Opfere im Geiste der Sühne … alle deine Gedanken, Werke und Handlungen auf! Liebe mich und bewirke, dass mich andere lieben!“ Gelegentlich bringt Centa Gott auch ein Opfer in Form eines Verzichts. Worauf verzichtet sie? Bei ihrer ersten hl. Kommunion verzichtet sie auf ihren Eigenwillen. Mit der einfachen, doch wirkmächtigen Gebetsformel „Ja, Vater!“ unterwirft sie ihn gänzlich dem Göttlichen Willen. Dieses Kurzgebet wird programmatisch für ihr ganzes weiteres Leben. Sie wiederholt es in den verschiedensten Lebenssituationen. Gott belohnt dies, indem Er sie eines Tages die Erhabenheit Seines Willens schauen lässt, wobei sie staunend ausruft: „Der Wille Gottes ist schön, ist unsagbar schön!“

Im Alter von etwa 15 Jahren muss Centa eine Halsoperation ohne Narkose über sich ergehen lassen. Die Kraft, die Schmerzen auszuhalten, erwächst ihr aus der Intention: Für die Priester! Als 29-Jährige opfert sie für einen Priester einen Verzicht auf, der in diesem Moment kaum größer sein könnte, und den sie sogar vor anderen noch zu verbergen sucht. Sie berichtet: „Die Geige, die große Leidenschaft, opferte ich einem Priester. Und ich habe meine Krankheit vorgeschützt, um mein Geigenspiel aufgeben zu dürfen.“ Wie wir vorher schon gesehen haben, verbindet Centa ihre Opfer mit einer guten Absicht, einem Willensakt, einer „guten Meinung“.

Der unermessliche Wert der „guten Meinung“

Diese „gute Meinung“ wünschte Jesus schon 1930 von einer weiteren Münchner Begnadeten, von „Mutter Katharina Vogl“ (1871-1956), wie das gläubige Volk sie immer noch nennt, und durch die uns auch der „Heilig-Geist-Rosenkranz“ geoffenbart wurde. Er sagte zu ihr: „Mache immer die Meinung: ‚Im Namen aller und für alle Seelen!‘“, und: „Tue alles aus reiner Liebe zu Mir!“ Wie bedeutsam und wertvoll vor Gott diese „gute Meinung“ ist, zeigt uns ein Erlebnis einer anderen, ebenfalls in München geborenen, Mystikerin, Mechthild Thaller-Schönwerth (1868-1919) – bekannt geworden als „die Vertraute der Engel“. Bei ihr meldet sich eines Tages die Seele eines Priesters aus dem Fegefeuer und bittet sie: „Erwecke bei allem, was du tust, die ‚gute Meinung‘, es in Jesu Namen und mit Jesu Leiden zu verrichten, und du wirst heilig und vollkommen. Wenn ich noch eine Stunde ins Leben zurück könnte, ich würde nichts anderes tun, als über den unermesslichen Wert der guten Meinung sprechen.“

Durch die italienische Mystikerin Luisa Piccarreta (1865-1947), deren Seligsprechungsprozess 1994 eröffnet wurde und der seit 2006 ungehindert auf vatikanischer Ebene weiterläuft, macht uns Jesus ein noch viel größeres Gnadenangebot: Durch unsere „guten Meinungen“ können wir Ihn einladen, in unsere Gedanken, Worte, Handlungen usw., kurz, in alle unsere „Akte“, zu kommen und diese selbst in uns zu verrichten – mit Seinen göttlichen Auswirkungen.

Bewusster Verzicht auf Freude und seelischen Trost

Der 6. August 1941 hätte Centas Sterbetag sein können, war er ihr doch von Gott ein halbes Jahr vorher angekündigt worden. Auf das Heimgehen an diesem Tag freut sie sich regelrecht hin. Doch dieser Wunsch erfüllt sich an diesem Tag nicht. Nachher teilt sie mit, dass sie am Abend dieses Tages die Herrlichkeit Gottes kosten durfte. Gott stellte sie offenbar vor die Wahl, bei Ihm bleiben zu können oder auf die Erde zurückzukehren, um weiter für Ihn zu wirken, zu leiden. Sie wählt das Letztere und für sie Schmerzlichere und begründet ihre Entscheidung so: „Ich will gern ein Weilchen verzichten, damit die [wir wissen nicht, wen sie meint] zur ewigen Anschauung gelangen.“ Bald darauf erwähnt sie einen weiteren großen Verzicht: „Ich geb‘ alles! Ich will auch die Freude geben. … Ich hab die Freude geben dürfen. Still muss die Seele sein. Die anderen dürfen sich freuen. Das Opfer ist vollbracht. … Wie wird‘s dann?“ Sie gibt sich die Antwort selbst: „Heiter, ruhig und nachgiebig. So hab ich meinen Grundsatz gefasst.“ Der bewusste Verzicht auf die Freude, auf seelischen Trost, zugunsten anderer, damit diese wieder in die Freude kommen, ist auch eine Art Nächstenliebe, ist sogar Hingabe im besten Sinne des Wortes.

Wir sind bei der Hingabe angekommen. Im Februar 1940 vernimmt Centa ein weiteres Wort von Jesus: „Ich hab mich für die Seelen ganz und gar hingegeben, mein Kind. Liebe kennt keine Selbstschonung.“ Sie versteht, was Jesus von ihr möchte und antwortet mit einem Hingabegebet: „Nimm mich, und gib mich!“ In Verbindung mit ihrem „Ja, Vater!“ könnte man es sogar ihre Lebensmaxime nennen, so oft wiederholt sie beide. Sie vollzieht damit eine Hingabe ihrer selbst an Gott, verbunden mit der Bitte an Ihn, sie gemäß Seinem Willen zu verschenken.

„Verschone die Münchener Stadt und das schöne Bayernland!“

Als Centa erkennt, was München, was Bayern durch die bevorstehenden Fliegerangriffe erwartet, zögert sie nicht, Gott ihr eigenes Leben anzubieten: „Ich biete täglich mein Leben, damit die Münchner Stadt verschont bleibt.“ Kurz vor den schweren Bombardierungen im Herbst 1943 fleht sie zu Gott: „Herr, lass nicht verwüsten! Nimm mich einzeln, aber lass das schöne Bayernland! Nimm einzeln jede Faser! Nimm nicht mein Bayernland!“

Materielle Güter kann Centa nicht hingeben, da sie selbst in völliger Armut lebt, wohl aber versucht sie, Mitmenschen in irgendeiner Not mit Werken der Barmherzigkeit zu helfen. Sie betet für sie, steht Sterbenden bei und übernimmt zuweilen sogar deren Todeskampf. Armen Seelen spendet sie das Almosen ihrer Gebete und Leiden. Ihre Grundhaltung dabei kleidet sie in folgende Worte: „Ich möchte mich ganz verausgaben. Ich möchte alles geben bis zum letzten Atemzug.“ Etwa ein Jahr vor ihrem Tod teilt sie mit: „Ich habe alles hingegeben!“

Umgang mit Krankheiten und Leiden

Betrachten wir noch, wie Centa mit Prüfungen umgeht. Krankheiten und Leiden sind ihre ständigen „Begleiter“ von Kindesbeinen an. Stets erachtet sie diese Lebenskreuze als von Gott geschickt. Als Erwachsene bringt sie es einmal so auf den Punkt: „Ich liebe das Kreuz, weil ich Jesus liebe. Sonst würde ich das Kreuz nie lieben, nein! … Ich trag, was Gott mir gibt: das Schwerste vom Schwersten. Ich trag es, weil Jesus [es] gibt.“ Centa sieht sich in ihren Leiden, besonders in ihren Freitagspassionen, vereint mit Jesus. Aus dieser Vereinigung mit Ihm schöpft sie die nötige Kraft.

Vernehmen wir aber auch, wie sie sich verhält, wenn sie Gottes Zulassungen nicht mehr versteht: „Und wenn mir undurchsichtige Rätsel aufgegeben wurden, dann hab ich gesagt: Herrgott, es ist dein großer Wille, den ich nicht weiter ergründen darf. Dann hab ich mich in die Arme des großen Gottes geschmiegt und ich hab mich gefügt in seinen großen heiligen Willen.“ Und, ergänzend: „In Seinem Willen findet man Kraft und Mut.“

Reaktion auf Versuchungen

Abschließend noch zu den Versuchungen. Mit ihnen hat Centa schon in jungen Jahren zu kämpfen. Wie reagiert sie darauf? Sie ruft die Gottesmutter und ihren Schutzengel um ihren Beistand an. Sie erinnert sich: „Sobald die Versuchung nahte, bat ich die Mutter, den Mantel über mich zu werfen. Der Teufel hat keine Kraft mehr. Er versuchte durch Menschen. Mutter, breite deinen Mantel über mich! Und so sagte und so flehte ich immer in der schwersten Zeit. …Vor der Sünde hat mich gewarnt der Schutzengel. Die Stricke der Welt, so schlimm betörend! Der Teufel hat versucht, der Engel, der Schutzengel hat widerstanden. Der Mensch wäre hinfällig geworden.“

Heftigere Versuchungen hat Centa zu bestehen, als sie schon die Wundmale Jesu trägt. Durch ihr Sühneleben entreißt sie dem Teufel offenbar viele Seelen. Anfangs versucht dieser, sie mit Lockungen und „Versprechungen“ von ihrem Kreuzweg abzubringen: „Du bist dumm! Warum musst du das immer erleiden? Wäre es nicht schöner so! Schau die Welt an! … Du kannst was Schöneres haben! Es wird dir niemals was wehe tun! Lass das Kreuz!“ Doch Centa geht unbeirrt den ihr von Gott gewiesenen Weg weiter. Nun greift der Böse sie sogar körperlich an, worüber sie sich einmal so äußert: „Der Satan gibt keine Ruh! Geschlagen hat er mich! Er hat gesprochen: ‚Du, du, dich bekomm ich nicht. Aber die Seelen muss ich haben!‘“ Mit wenigen Worten entgegnet ihm Centa: „Aber du kriegst sie nicht! Ich tu alles!“ Sie fügt jedoch hinzu: „Der Satan ist furchtbar! Der schlägt! Aber er kann nicht genug schlagen. Ich geb keine Seele her! Nein, nichts!“

Besonderer Einsatz für die Priester

Wie wichtig gerade das Gebet für die Priester ist, lässt sich einer weiteren Begebenheit entnehmen. Als sich Centa einmal für einen Priester besonders einsetzt, bekommt sie vom Teufel zu hören: „Lass ab von dem N. N.! Dann mach ich, dass du die ganze Welt besitzen kannst!“ Im Evangelium am ersten Fastensonntag werden wir hören, wie er auch Jesus versucht, Ihm letztlich sogar alle Reiche der Welt anbietet, wenn Er sich vor ihm niederwirft und ihn anbetet. Die Versuchungen des Widersachers dauern bei Centa das ganze Leben lang an. Noch kurz vor ihrem Heimgang am 15. Mai 1953 wird sie von ihm attackiert. Sie jedoch ruft sofort die Gottesmutter um Hilfe an, worauf der Böse so antwortet: „Dieser Frau, dieser großen Frau, kann ich nicht an!“ Schon früher hatte er gesagt: „Die große Frau ist mir ein Gräuel!“

Die folgenden Äußerungen Centas bringen zum Ausdruck, welches Vertrauen sie dieser großen Frau, der Gottesmutter Maria – deren Namen der Teufel offenbar nicht auszusprechen wagt – schon immer entgegengebracht hat und entgegenbringt: „Mutter wehrt ab alles Schwere, alle Versuchungen, alles, was schlimm ist. … Mutter, Nacht für Nacht warst du da, Schmerzensmutter, und gabst mir den Trost. So fein ist die Schmerzensmutter! Ja, sie hilft uns! Wir dürfen uns freuen!“ Bereits im November 1940 hatte ihr Jesus versichert: „Meine Tochter, ich habe meine Hände um dich gefaltet, mein Kind, zur Kräftigung. Schützend umhüllen dich Gotthände.“ Das alles schenkt ihr die Gewissheit: „Der Vatergott schützt die Tochter, die Ihm ganz gehört.“ Und in diesem großen Vertrauen kann sie allen Versuchungen widerstehen.  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2026
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Die Beichte – Sakrament der Heilung und der Freude

Der Dienst der Kirche, der Vergebung spendet

Msgr. Dr. Carlos Encina Commentz ist Kirchenrechtler und arbeitet an der Apostolischen Pönitentiarie im Vatikan. Sein Buch „Ein guter Beichtvater... von A bis Z“[1] richtet sich nicht nur an Priester, sondern an alle Gläubigen, die ihr christliches Leben vertiefen möchten. Wie das Sakrament der Versöhnung nicht nur gültig, sondern auch fruchtbar gespendet bzw. empfangen werden kann, verdeutlicht der Autor mit einer alphabetischen Liste von Stichwörtern zur Beichte. Nachfolgend das Vorwort von Angelo Kardinal De Donatis.

Von Angelo Kardinal De Donatis

Wir haben mit Spannung auf die Öffnung der Heiligen Pforte geblickt: Durch sie hindurchzutreten, wird der kirchlichen Gemeinschaft eine lebendige Erfahrung der Liebe Gottes ermöglichen, die im Herzen die sichere Hoffnung auf Erlösung in Christus weckt.

Die Kirche hat sich im Gebet auf eine besondere Zeit vorbereitet, in der jeder Getaufte aufgerufen ist, die Barmherzigkeit Gottes zu erfahren: Gott drückt immer wieder in vielen Formen aus, wie grenzenlos seine Liebe zu uns ist. Er wird nicht müde, seine verlorenen Kinder aufzunehmen unabhängig davon, wie groß ihre Schuld ist oder wie weit sie sich von ihm entfernt haben.

In diesem außergewöhnlichen Jahr der Gnade (2025) ist das Sakrament der Versöhnung die schönste Art und Weise, um die Liebe Gottes zu erfahren, denn es ist – wie Papst Franziskus in Spes non confundit schreibt – das Sakrament der Heilung und der Freude, der nicht ersetzbare Ausgangspunkt eines echten Weges der Bekehrung; es stellt einen entscheidenden, wesentlichen und unverzichtbaren Schritt auf dem Glaubensweg aller Getauften dar. Durch die Beichte vernichtet der Vater unsere Sünden, heilt das Herz, richtet die Sünder wieder auf und umarmt sie und lässt sie sein zärtliches und barmherziges Antlitz erkennen. Der Papst erinnert uns daran, dass es „in der Tat keinen besseren Weg [gibt], Gott kennenzulernen, als sich von ihm versöhnen zu lassen (vgl. 2 Kor 5,20) und seine Vergebung zu erfahren“ (Spes non confundit, 23).

Im Rahmen des Jubiläums der Wiederentdeckung und Aufwertung des Sakraments der Vergebung erscheint dieses Vademecum für Beichtväter, das ich Ihnen mit dankbarem Herzen gegenüber seinem Autor vorstelle. Tatsächlich ist die ständige Weiterbildung des Klerus in diesem Bereich notwendig und deshalb ist auch verständlich, wie sinnvoll und fruchtbar die Begleitung auf den verschiedenen Gebieten des Dienstes ist.

Dieses Buch – mit pastoralem Charakter – beinhaltet einen Text, der die Priester auf einfache und wirksame Weise zum Nachdenken über ihren Dienst als Verwalter der Vergebung anleitet. Anhand einer übersichtlichen Darstellung von Stichwörtern bietet der Autor Denkanstöße zur Vertiefung und Meditation an, um nicht nur den Aspekt der Schulung, sondern auch den spirituellen Aspekt zu stärken. Er vermittelt auch Kenntnisse zu Themen der Theologie, des Rechts und der Spiritualität. Mit seinem direkten und aufs Wesentliche sich beziehenden Stil ergänzt er die klassischen Handbücher zu diesem Thema, weil er die systematische Behandlung des Sakraments durch eine Reihe von Folgerungen ergänzt, die das Wissen über die Durchführung des Ritus auf das christliche Leben erweitern und zeigen, dass der wahre Zweck der Versöhnung darin besteht, die Getauften zu einer Begegnung mit dem barmherzigen Antlitz Gottes, der die Liebe ist, hinzuführen.

Dieses Buch kann für diejenigen nützlich sein, die sich auf die Priesterweihe vorbereiten, oder für Beichtväter, die ihren Weg der ständigen Weiterbildung fortsetzen und ihre Fähigkeit stärken wollen, das Sakrament der Beichte gut zu spenden, um das geistliche Leben der Gläubigen zu fördern und eine größere pastorale Wirksamkeit zu erreichen.

Die Begleitung der Pönitenten ist in der Tat einer der Aspekte, die den Dienst der Priester auszeichnen müssen, und dafür reicht eine akademische Ausbildung nicht aus, obwohl sie notwendig ist: Es bedarf einer täglichen Zeit des persönlichen Gebets, der Vertrautheit mit dem Herrn, um immer mehr eine Haltung des Mitleids und der Barmherzigkeit auszustrahlen, die den Beichtvater in Einklang mit Christus bringt, der sein Leben für sein Volk hingibt. Notwendig ist auch eine systematische Reflexion, ein Innehalten im Gebet über die Rolle des Beichtvaters, die jedem Priester anvertraut ist. Auf diese Weise wird er stets darin geübt sein, den Sündern zur Seite zu stehen, sie zu trösten, zu unterstützen, zu begleiten, zu ermutigen, anzuspornen und zu führen. Der Dienst der Kirche, welcher Vergebung spendet, wird zu einer echten Erfahrung der Begegnung mit dem Erlöser, der die Sünde tilgt und die Gnade gewährt, nicht rückfällig zu werden.

Ich wünsche den Lesern, dass sie die Schönheit des großen Dienstes, den der Herr in unsere Hände gelegt hat, wiederentdecken und täglich die göttliche Barmherzigkeit für die uns anvertrauten Menschen erflehen, indem wir wiederum das erneuern, was wir am Tag unserer Priesterweihe versprochen haben!  

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2026
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[1] Carlos Encina Commentz: Ein guter Beichtvater... von A bis Z, Media Maria 2025, brosch., 128 S., ISBN 978-3-911850-03-2, € 13,95 [D], € 14,40 [A]; www.media-maria.de

Die faszinierende Lebensgeschichte des englischen Kardinals Reginald Pole (1500-1558)

Ringen um den päpstlichen Primat

Studiendirektor Jakob Knab wagt einen Blick auf Reginald Pole (1500-1558). Von diesem englischen Kardinal zeichnet die zeitgenössische Geschichtsschreibung ein äußert ambivalentes Bild. Er wird als „katholischer Brandstifter“ unter Königin Maria I. („Maria der Blutigen“) geradezu zerrissen. Knab stellt klar, dass eine solche Einordnung dieser herausragenden Persönlichkeit nicht gerecht wird. Zugleich erinnert Knab an die Reformbestrebungen von Kardinal Pole, die in vielem den Zielen des zu seiner Zeit entstandenen Jesuitenordens entsprachen. Dennoch verweigerte Pole während seiner Amtszeit dem Jesuitenorden den Zutritt nach England. Seine politische Sensibilität führte ihn zu der Überzeugung, dass die Rekatholisierung des Landes besser ohne den Einsatz international agierender Orden auf den Weg gebracht werden sollte.

Von Jakob Knab

Persönliche Vorbemerkung

Im August 2009 verbrachte ich eine Woche im Oratorium in Birmingham. An Maria Lichtmess 1848 war diese Niederlassung der Söhne des hl. Philipp Neri von John Henry Newman eingeweiht worden. Mein Weggefährte Dermot Fenlon C.O. (s. Kirche heute 10/2022) schenkte mir („with gratitude and affection“, dt. „mit Dankbarkeit und Zuneigung“) ein handsigniertes Exemplar seiner Schrift „Heresy and Obedience in Tridentine Italy. Cardinal Pole and the Counter Reformation“ (dt. „Ketzerei und Gehorsam im tridentinischen Italien. Kardinal Pole und die Gegenreformation“). Erstmals hörte ich von dieser faszinierenden Lebensgeschichte.

Abwendung von König Heinrich VIII.

Reginald Pole wurde am 3. März 1500 auf dem englischen Schloss Stourton Castle geboren. Seine Mutter Margaret, Gräfin von Salisbury, entstammte dem Königsgeschlecht Plantagenet, das von 1154 bis 1399 in direkter Linie und über ihre Zweige Lancaster und York bis 1485 die Könige von England stellte. Nach dem frühen Tod seines Vaters im Jahr 1505 wuchs er im Kartäuserkloster Sheen Priory (nahe London) auf. Später studierte er an der Universität Oxford (Magdalen College) und in Padua klassische Sprachen und Theologie, wo er von König Heinrich VIII. unterstützt wurde. Im königlichen Auftrag sollte er sich 1529 an der Universität Paris um ein günstiges Gutachten für die Scheidung des Königs von Katharina von Aragonien bemühen. Empört über die Ethik und Politik des Königs schlug er die ihm angebotenen Bistümer York und Winchester aus. So verließ er im Januar 1532 England und kehrte nach Padua zurück. Sein Exil dauerte 22 Jahre; auch der biblische Erzvater Jakob war 22 Jahre in der Fremde.

Ringen um zielführende Reformen

1536, im Todesjahr des großen Humanisten Erasmus, wurde er in Italien zum Diakon geweiht. Im Dezember desselben Jahres erhob ihn Papst Paul III. zum Kardinal. Geschichtliche Fügung: Im Winter 1536 brach Ignatius von Loyola mit seinen ersten Gefährten von Paris nach Rom auf. An der Via Appia ließ Kardinal Pole eine Kapelle errichten – aus Dankbarkeit für die vorläufig verhinderte Spaltung der katholischen Kirche in England von Rom. Vom Sommer 1541 bis zum Herbst 1542 lebte er in Viterbo (Mittelitalien) und scharte einen Kreis reformwilliger Gelehrter um sich. Diese katholischen Humanisten studierten und diskutierten Schriften und Thesen von Juan de Valdés, Martin Luther und Johannes Calvin. Er geriet in den Verdacht der Häresie.

Verfolgung seiner Familie

Nach dem Ausbruch des englischen Schismas lehnte er eine Rückkehr nach England ab. In seiner Schrift von 1536 „Pro ecclesias-ticae unitatis defensione“ (dt. „Verteidigung der kirchlichen Einheit“) bestritt er die Rechtmäßigkeit der Ehescheidungen des Königs Heinrich VIII.; seine Loslösung von der Papstkirche wurde angeprangert und die europäischen Fürsten wurden aufgerufen, ihn zu stürzen. Dies führte dazu, dass der König einen Strafbeschluss gegen Pole erließ und einen Preis auf seine Ergreifung aussetzte. Seine Familie wurde des Verrats verdächtigt. Sie wurden der Unterstützung der Aufstandsbewegung „Pilgrimage of Grace“ („Pilgerzug der Gnade“) angeklagt, die sich gegen die spalterische Kirchenpolitik des Königs und gegen die Auflösung der Klöster richtete.

Zuerst wurde Reginalds Bruder Henry Montague 1538 hingerichtet. Die Mutter Margaret Pole wurde daraufhin verhaftet. Über zwei Jahre verbrachte sie in Einzelhaft. Im April 1541, als Katholiken in Yorkshire erneut einen Aufstand wagten, wurde Rache an Margaret Pole geübt. In den Morgenstunden des 28. Mai 1541 wurde ihr mitgeteilt, dass sie zur Hinrichtung schreiten müsse. Als sie aufgefordert wurde, ihren Kopf auf den Henkersblock zu legen, entgegnet sie aufrecht und standhaft: „Nein! Nie werde ich mein Haupt einer Tyrannei beugen.“ Mit brutalen Schlägen gegen ihren Kopf und die Schultern wurde sie vom Henkersknecht grausam zu Tode gebracht. Als Reginald Pole von ihrem Tod erfuhr, war er dankbar dafür, nun der Sohn einer Märtyrerin zu sein. Am 9. Dezember 1886 wurde sie von Papst Leo XIII. zusammen mit anderen Blutzeugen aus England seliggesprochen.

Vom Trienter Konzil nach England

Bei der ersten Session des Konzils von Trient (1545-1547) übernahm Reginald Pole als einer von drei päpstlichen Legaten die Leitung der Kirchenversammlung. Hier begegnete er auch Bartolomé de Carranza (s. Kirche heute 12/2024+1/2025). Nach dem Tod Pauls III. (1549) fehlten Pole im Konklave 1549-1550 nur vier Stimmen für eine Zweidrittelmehrheit. Am darauffolgenden Tag fehlte ihm die eine entscheidende Stimme. Er schwieg und ging zum stillen Gebet in seine Zelle. Das Konklave wählte den neuen Papst Julius III.

Nach dem Tod des englischen Königs Eduard VI. im Juli 1553 wurde Pole von Papst Julius III. nach England geschickt, um Maria Tudor, die neue Königin von England, bei der Aussöhnung des Königreiches mit dem Papsttum zu unterstützen. Auf dem Weg von Trient nach England kam Pole am 21. Oktober in Dillingen a. d. Donau an.[1] Im dortigen Schloss residierte der Fürstbischof von Augsburg Kardinal Otto Truchseß von Waldburg. In dieser katholisch geprägten Stadt begegnete Pole dem spanischen Dominikaner Pedro de Soto. Um die katholische Erneuerung unter Königin Maria Tudor zu unterstützen und zu fördern, wurde Pedro de Soto nach England geholt; er wurde Professor an der Universität Oxford. Auf Weisung von Kaiser Karl V. musste Pole einige Monate in Dillingen verbringen. Denn damit konnte verhindert werden, dass Pole die neue Königin davon überzeugen würde, ehelos zu bleiben und nicht den spanischen Kronprinzen Philipp zu ehelichen.

Einfluss auf die Politik von Maria Tudor

Am 30. November 1554, am Gedenktag des Apostels Andreas, sprach der päpstliche Legat Pole das Land von der Kirchenspaltung frei. Die Königin führte wieder den katholischen Gottesdienst ein. Die vorrangige Sorge galt dem Wiederaufbau von Klöstern, der Berufung von Gelehrten, der Ausbildung der Priester und deren Schulung als Prediger. Historisch umstritten ist die Rolle, die Pole bei der Verfolgung der protestantischen „Häretiker“ spielte.

In einem Nachwort hält die Bestseller-Autorin Rebecca Gablé fest: „Je arktischer das politische Klima wurde, je größer die Verzweiflung ob des ausbleibenden Kronprinzen, desto mehr Einfluss gewannen die katholischen Brandstifter Edmund Bonner und Kardinal Reginald Pole auf Marys Politik.“[2]

Diese dolose Auffassung vom „katholischen Brandstifter“ Reginald Pole ist nachweislich falsch.[3] Richtig ist: Edmund Bonner, der Bischof von London, war verantwortlich dafür, dass allein in London 113 Todesurteile vollstreckt wurden. Insgesamt endeten nachweislich 273 Menschen zwischen 1555 und 1558 am Galgen. Antwort der Autorin: „Tatsache ist aber auch, dass Pole als päpstlicher Legat die Verfolgung der ‚Ketzer‘ autorisierte und nachweislich zumindest an den Prozessen gegen Cranmer, Latimer und Ridley beteiligt war.“ Der dezidiert antikatholische Historiker John Foxe (1517-1587) nimmt Pole in Schutz: „He was none of the bloudy and cruel sort of papiste, but steered away from punitive action against protestants“ (dt. „Er gehörte nicht zu den blutrünstigen und grausamen Papisten, sondern verzichtete auf Strafmaßnahmen gegen Protestanten“).

Ernennung zum Erzbischof von Canterbury

Erst am 20. März 1556, einen Tag vor der Hinrichtung des anglikanischen Erzbischofs Thomas Cranmer und Poles Ernennung zum Erzbischof von Canterbury, wurde ihm die Priesterweihe sowie zwei Tage darauf die Bischofsweihe gespendet. Reginald Pole starb am 17. November 1558 in London, nur wenige Stunden nach dem Tod der Königin Maria Tudor. Seine Grablege DEPOSITUM CARDINALIS POLI befindet sich in der Kathedrale von Canterbury.

Martin Trimpe, ein Schüler von Professor Joseph Ratzinger, promovierte 1972 an der Universität Regensburg zum Thema „Macht aus Gehorsam. Grundmotive der Theologie des päpstlichen Primates im Denken Reginald Poles (1500-1558)“. Diese Arbeit von Trimpe (s. Kirche heute 2+3 Februar+März 2023) ist die einzige Veröffentlichung über Pole, die im 20. Jahrhundert in deutscher Sprache erschienen ist. Trimpes bleibendes Verdienst ist die historische Einordnung und die kirchengeschichtliche Deutung von Poles Schrift „De Summo Pontifice“ (dt. „Über das Oberhaupt der Kirche“).

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2026
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[1] John Edwards: Archbishop Pole, Ashgate 2014, 128.

[2] Rebecca Gablé: Der dunkle Thron. Historischer Roman, Reihe Waringham-Saga (04), Köln 2011, 950.

[3] Im Lexikon für Theologie und Kirche (LThK, Bd. 8, 1999) wird Kardinal Reginald Pole mit den Worten gewürdigt: „Mit seiner Frömmigkeit verband er [Pole] einen noblen Charakter und eine reiche politische Erfahrung. Vielen Zeitgenossen galt er als heiligmäßig.“ 

Eintauchen in das Geheimnis der Herrlichkeit Gottes

Wenn der Stern erlischt

Dr. Josef Bordat stellt die Erfahrung der Heiligen Drei Könige als eine „Art Programm für gelingenden christlichen Glaubensvollzug“ vor. Dabei orientiert er sich an Auslegungen von Benedikt XVI. und Edith Stein. Insbesondere geht Bordat auf die Erfahrung des sich verhüllenden Gottes ein, welche jeder Mensch auf dem Weg des Glaubens irgendwie durchmachen muss. Doch neue Sehnsucht und aufrichtiges Suchen führen in die Tiefe.

Von Josef Bordat

Anfang Januar bringen die Sternsinger die Weihnachtsbotschaft an die Haustür – verkleidet als die Heiligen Drei Könige. Und sie bringen den Menschen in den Häusern Segen für das neue Jahr: „Christus mansionem benedicat“, zu Deutsch: „Christus segne dieses Haus“. Die Anfangsbuchstaben des lateinischen Segensspruchs (CMB) ergeben zugleich die Anfangsbuchstaben der Heiligen Drei Könige: Caspar („Schatzmeister“), Melchior („Mein König ist Licht“) und Balthasar („Schütze sein Leben“). Sie wurden erst im 5. Jahrhundert durch die Überlieferung zu den Heiligen Drei Königen. Jeder von ihnen stand für einen der damals bekannten Erdteile (Afrika, Asien, Europa) sowie für die drei Lebensalter des Menschen (Jugend, Erwachsensein, Alter).

Die Gebeine der Heiligen Drei Könige brachte Erzbischof Rainald von Dassel nach Köln – jedenfalls waren es drei Skelette, die er im Jahr 1164 mit ins Rheinland brachte. Sie wurden und werden als Reliquien der Weisen aus dem Morgenland verehrt. Heute liegen die Gebeine im Dreikönigsschrein im Chor des Kölner Doms, der damit nicht nur Kathedrale – Sitz des Erzbischofs von Köln –, sondern auch eine Wallfahrtskirche ist. Gebaut wurde er ab Mitte des 13. Jahrhunderts tatsächlich, um den Reliquien der Heiligen Drei Könige ein Zuhause zu geben. Im Jahr 2022 jährte sich die Weihe des Chors – gewissermaßen des ersten Bauabschnitts des Kölner Doms – zum 700. Mal, ein Ereignis, das mit einer besonderen Dreikönigswallfahrt gebührend gefeiert wurde.

Die Weisen aus dem Morgenland, von denen die Bibel zwar weder sagt, dass es Könige, noch, dass es drei an der Zahl waren, die aber in königlicher Würde dem Ruf Gottes folgten und Jesus drei Geschenke darbrachten, waren Sterndeuter, die sich aufgrund einer astronomischen Erkenntnis zu einer Himmelserscheinung auf den Weg machten, um Gott zu suchen. Nicht derart, dass sie im Sternenhimmel selbst das Göttliche erkannten, etwa in der schieren Unendlichkeit des Alls etwa Göttliches sahen, einen kosmologischen Gott, fern, abstrakt, unnahbar, sondern dass sie einen bestimmten Stern als Zeichen auffassten, als Hinweis auf den menschgewordenen, ganz konkret erfahrbaren Gott, einen Stern, der sie einen Weg einschlagen lässt, der zur Krippe führt, zu Jesus.

Papst Benedikt XVI. hat den Weg einmal sehr eindrucksvoll nachgezeichnet und dabei drei Phasen unterschieden. Zunächst das Angerührtsein vom Stern und der freudige Aufbruch. Dann die Verdunkelung, das Erlöschen des Sterns, die Ratlosigkeit und die Furcht vor dem Umsonst. Diese Erfahrung des sich verhüllenden Gottes macht wohl jeder Christ irgendwann einmal. Der Verdunkelung ist, so Benedikt, mit Geduld zu begegnen, mit demütigem und beharrlichem Klopfen an die Tür des schweigenden Gottes, der uns die Stunden des Dunkels schickt, um unsere Sehnsucht wachsen zu lassen. Erst dadurch werden wir geformt und befähigt, bei unserer Wanderschaft auf dem inneren Weg der Seele den Aufstieg zu den Höhen des Ewigen zu schaffen. Schließlich endet der Weg der Weisen im Finden und Anbeten des Gefundenen.

Damit ist der Weg aber nicht zu Ende, sondern er beginnt aufs Neue; denn nun geht es für die Weisen, die einen neuen König erwartet hatten, darum, mit der größtmöglichen Differenzerfahrung fertig zu werden: kein Palast – ein Stall, kein Thron – eine Krippe, kein Königspaar – eine Magd und ein Handwerker. Gott ist anders. Vor allem, als man Ihn sich vorstellt. Was also folgt ist ein innerer Weg, ein inneres Sich-Annähern an den, der doch immer der „Ganz Andere“ (Religionsphilosoph Rudolf Otto, 1869-1937) sein wird, auch wenn Er in Jesus ganz Mensch wurde, weil Er zugleich ganz Gott blieb. Auf diesem inneren Weg, auf dem wiederum Dunkel und Licht sich abwechseln, sinken die Drei immer tiefer in das Geheimnis der Herrlichkeit Gottes hinein, und wir mit ihnen, wenn wir uns denn auch auf den Weg machen und den Sternen folgen, die uns Orientierung im Glauben geben. Ja, das ist eine gute Weise, den christlichen Glauben zu beschreiben: Eintauchen in das Geheimnis der Herrlichkeit Gottes.

Die Weisen aus dem Morgenland tun dies als Heiden, als Fremde, als Suchende – und werden gerade dadurch zu Vorbildern im Glauben. Edith Stein hat dies einmal so ausgedrückt: „Die Könige sind an der Krippe als Vertreter der Suchenden aus allen Ländern und Völkern. Die Gnade hat sie geführt, ehe sie noch zur äußeren Kirche gehörten. In ihnen lebte ein Verlangen nach der Wahrheit, das nicht haltmachte vor den Grenzen heimischer Lehren und Überlieferungen. Weil Gott die Wahrheit ist und weil er sich finden lassen will von denen, die ihn von ganzem Herzen suchen, musste diesen Weisen früher oder später der Stern aufleuchten, der ihnen den Weg zur Wahrheit zeigte. Und so stehen sie jetzt vor der menschgewordenen Wahrheit, sinken anbetend nieder und legen ihre Kronen zu Füßen, weil alle Schätze der Welt nur ein wenig Staub sind im Vergleich zu ihr.“

Sich auf den Weg machen, Hindernisse überwinden, die Wahrheit suchen, auf orientierende Zeichen achten, das Ziel erreichen, Gott finden, das Kind in der Krippe anbeten. Das ist unser Glaube. Dazu sind wir als Christen aufgerufen. Als Sternsinger wurde ich von Kindesbeinen an daran erinnert, wie das gehen kann, lieferten die Heiligen Drei Könige, die Weisen aus dem Morgenland, doch eine Art Programm für gelingenden christlichen Glaubensvollzug: aufbrechen, Dunkelheit ertragen, sich am Licht orientieren und mit Gottes Hilfe immer wie-der Schwierigkeiten überwinden, schließlich Christus finden, im kleinen, schwachen Menschen – und ihn beschenken. Das Geschenk, das wir ihm bringen, sind wir selbst, unser Leben, das wir in die Hand des Kindes legen und dem Willen Gottes anheimstellen. Das ist nicht leicht. Aber leicht war der Weg der Weisen damals auch nicht. Und schließlich erhalten wir von der Krippe her das größte Geschenk: Erlösung.

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Würde und Selbstbestimmung in einer Welt der Beziehungen

Ist das Leben nicht schön?

Ausgehend von dem Film „It‘s a Wonderful Life“, dem weltberühmten amerikanischen Klassiker aus dem Jahr 1946, wirft Dr. Josef Bordat einen Blick auf den Begriff der „Selbstbestimmung“. Der Mensch ist immer in ein Beziehungsgeflecht eingebunden. Als soziales Wesen ist er nicht nur eine unabhängige Person, die sich selber bestimmen kann. Vielmehr trifft es die ganze Menschheit, wenn die Würde eines Einzelnen verletzt wird – am Lebensanfang wie am Lebensende.

Von Josef Bordat

Selbstbestimmung ist ein Schlüsselbegriff fast aller (bio)ethischen Debatten. Das Lebensrecht – von Abtreibung bis Sterbehilfe – und – spätestens seit dem BVerfG-Beschluss v. 25. Februar 2020 –  sogar die Menschenwürde stehen unter dem Vorbehalt der Selbstbestimmung. Der Mensch soll selbst darüber entscheiden, wie er leben und sterben möchte. Hört sich gut an, hat aber einen Haken.

Denn die Selbstbestimmung des Menschen ist keine absolute und auch keine, die sich in der Subjektivität des Menschen erschöpft. Sie hat vielmehr moralische und soziale Voraussetzungen. Sie ist relational zu verstehen, denn kein Mensch lebt nur für sich allein. Jeder Mensch ist ein „ens sociale“ („soziales Wesen“) – und bleibt es bis zuletzt. Der Mensch verliert auch im Sterben nicht die Beziehung zu Dritten. Damit ist immer auch Verantwortung verbunden. Es ist eine Illusion zu meinen, der Suizid beträfe nur den Suizidalen selbst. Jede Handlung hat Konsequenzen für Dritte – auch der Suizid oder die Beihilfe dazu.

Es gibt einen sehenswerten Film, der diesen Zusammenhang auf anrührende Weise verdeutlicht: „Ist das Leben nicht schön?“ (im Original: „It’s a Wonderful Life“), eine US-Produktion aus dem Jahr 1946 unter der Regie von Frank Capra, basierend auf der Kurzgeschichte „The Greatest Gift“ („Das größte Geschenk“) von Philip Van Doren Stern. Dieser bekannte Weihnachtsfilm (die Schlüsselszene spielt an Heilig Abend und es geht u.a. um einen Engel, der endlich aufsteigen will – und dafür Flügel braucht) stellt anhand des Protagonisten exemplarisch den Menschen als „ens sociale“ vor.

George Bailey (gespielt von James Stewart) ist ein guter Mensch. Ausgerechnet am Heiligabend verliert er seinen Lebensmut. Ein Fehler mit großer Tragweite lässt ihn am Sinn des Lebens zweifeln. Er beschließt, von einer nahegelegenen Brücke ins Wasser zu springen, um sich zu töten. Plötzlich fällt ein älterer Herr ins Wasser, in Bailey triumphiert für den Augenblick der gute Mensch, der für Andere da ist, und er rettet den Mann, der Bailey damit am Suizid hindert. Der Gerettete stellt sich ihm als sein Schutzengel vor. Bailey glaubt ihm zunächst nicht, sieht in ihm aber einen willkommenen Gesprächspartner, dem er sein Leid klagen kann. Als er sein Leben auf die Formel bringt, alle ins Unglück zu stürzen und es daher wohl besser gewesen wäre, nie geboren worden zu sein, zeigt ihm der Engel, wie sich alles entwickelt hätte – ohne ihn, ohne George Bailey.

Bailey bekommt die Möglichkeit, den Lauf der Welt ohne ihn zu betrachten, und muss feststellen, dass er in vielen Kontexten fehlt, dass er an schier allen Ecken und Enden gebraucht wird, dass zahlreiche Menschen ihn und seine Hilfe schmerzlich vermissen, dass Projekte ohne ihn scheitern, ja, dass die ganze Stadt ohne ihn eine andere, eine schlechtere wäre. Er erfährt so seine Bedeutung für Andere und erkennt den Wert seines Lebens. Das ruft in ihm die Verantwortung wach und er beschließt, seinem Leben doch kein Ende zu setzen. Der Status Quo ist wiederhergestellt, die Anderen sind nun für ihn da und helfen ihm aus seiner misslichen Lage – und der Engel erhält seine sehnlichst erwünschten Flügel.

Jenseits der wirklich anrührenden Geschichte wird deutlich, wie mannigfaltig all jene menschlichen Beziehungen sind, die bei einem Suizid zugleich mitbeendet werden. Bailey entdeckt, dass das Leben schön ist – weil er es nicht alleine lebt, weil andere ihn brauchen, weil er ihnen etwas bedeutet. Wenn es einen Film gibt, den wirklich jeder Mensch mindestens einmal gesehen haben sollte, dann wohl diesen: „Ist das Leben nicht schön?“

Gerade zu Weihnachten sollten wir uns der Menschenwürde als unbedingtes Leitkonzept aller (bio)ethischen Fragen bewusst werden, denn die Identifikation Gottes mit dem Menschen in Jesus Christus unterstreicht auf wunderbare Weise die Größe der Würde, die der Schöpfer seinem Abbild einstiftete. Es ist eine „unendliche Würde“ – so der Titel eines Vatikan-Papiers aus dem Jahr 2024 („Dignitas infinita“) –, die den Menschen auf ewig heraushebt aus der Schöpfung und deren Achtung immer geboten ist. Denn wer die Würde eines Menschen verletzt, der schädigt die ganze Menschheit; wer seine eigene Würde verletzt, trifft damit auch alle anderen. Der Menschen ist „ens sociale“ – am Lebensanfang und am Lebensende.

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Zwei Lebenszeugnisse verfolgter Christen

Im Leid geprüft, im Glauben stark

Verfolgung will Christen in vielen Teilen der Welt zum Schweigen bringen. Doch immer wieder geschieht das Gegenteil: Die Hingabe verfolgter Christen spricht eindrucksvoll von Mut und Versöhnung. Das belegen zwei eindrucksvolle Zeugnisse aus Pakistan und Nigeria, die das päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACN) aufgezeichnet hat.

Von Tobias Lehner, Kirche in Not

Pakistan: Befreit wie der Apostel Petrus

Als im Sommer 2013 eine randalierende Menschengruppe in das Haus der pakistanischen Christin Shagufta Kausar eindrang, veränderte sich ihr Leben schlagartig. Zusammen mit ihrem gelähmten Ehemann Shafqat Emanuel und ihren vier Kindern lebte sie in einfachen Verhältnissen.

Die Angreifer beschuldigten sie der Gotteslästerung, schlugen das Ehepaar und brachten beide auf die Polizeistation, wo sie gefoltert wurden. Der Vorwurf: Shagufta habe eine blasphemische SMS an den Präsidenten der pakistanischen Anwaltskammer geschickt – einen Mann, den sie nach eigenen Angaben nie getroffen hatte und dessen Kontaktdaten sie nicht kannte.

In der Islamischen Republik Pakistan, wo nur rund zwei Prozent der Einwohner Christen sind, gelten strenge Blaspehemiegesetze. Immer wieder kommt es zu falschen Anschuldigungen. „Das war schlichtweg Verfolgung aufgrund meines Glaubens“, berichtet Shagufta gegenüber „Kirche in Not“. Vor der Polizeistation skandierte der Mob: „Tod für Shagufta und Shafqat Emanuel.“

In einem Gerichtsverfahren wurden beide zum Tod verurteilt und verbrachten mehr als acht Jahre in verschiedenen Gefängnissen in Einzelhaft. In dieser Zeit wurde ihr Glaube auf die Probe gestellt, erzählt Shagufta. „Damals hatte ich die Wahl, mich einfach von Jesus abzuwenden, um frei zu sein. Aber ich sagte: ‚Nein, Jesus ist für meine Sünden am Kreuz gestorben. Ich werde ihn nicht verleugnen.‘“ Halt fand sie im Gebet und im Lesen der Bibel. Besonders ein Abschnitt aus der Apostelgeschichte wurde für sie zum Schlüssel: die Erzählung von Paulus und Silas im Gefängnis und dem Erdbeben, das die Türen öffnete.

„Gerade als ich das las, spürte ich ein echtes Erdbeben“, erzählt sie. Die Wachen hätten aufgeregt durcheinandergeschrien. Es folgte ein zweites, anderes „Erdbeben“: In den Niederlanden startete eine Petition für die Freilassung von Shagufta Kausar und Shafqat Emanuel. Innerhalb nur eines Tages kamen mehr als 16.000 Unterschriften zusammen. Das Europäische Parlament verabschiedete eine Resolution, die Pakistan mit Konsequenzen drohte, sollten Shagufta und ihr Mann nicht freigelassen werden.

„Für uns war das ein Wunder“, sagt sie rückblickend. Am 3. Juni 2021 kamen beide nach einem Revisionsverfahren frei, wurden mit ihren Kindern wiedervereint und verließen schließlich das Land. Heute setzen sie sich für jene ein, die in Pakistan weiterhin in Haft sind. „Kirche in Not“ unterstützt Rechtsbeistände für Christen und arbeitet mit Organisationen zusammen, die Übergriffe dokumentieren und öffentlich machen.

Nigeria: „Ich habe dir vergeben“

Tobias Yahaya ist Katechet in Sokoto, einer Region im Nordwesten von Nigeria, die zu rund 90 Prozent muslimisch ist. In der Nacht des 19. April 2023 drangen drei bewaffnete Männer in sein Haus ein. „Ich wollte vor allem meine Familie schützen“, erinnert sich der 26-Jährige. „Deshalb beschloss ich, nach draußen zu gehen.“

Der Anführer der Angreifer, Ibrahim, stach ihm mit einem Messer in die Brust. Als er erneut zustechen wollte, konnte Tobias das Messer kurz festhalten, erlitt dabei aber schwere Verletzungen an den Handflächen. Schließlich alarmierten die Schreie seiner Frau die Nachbarn, die den Angreifer überwältigten.

Tobias verlor so viel Blut, dass er das Bewusstsein verlor. Als er etwa 24 Stunden später im Krankenhaus erwachte, lag der Täter Ibrahim im Bett neben ihm; er war ebenfalls verletzt worden.

„Ich fragte ihn: ‚Warum willst du mich umbringen?‘“, erzählt Tobias. Der Täter weinte, konnte aber zunächst nicht antworten. Später wurde deutlich, dass Tobias wegen seines Einflusses auf die Jugend als Bedrohung wahrgenommen worden war. Es war nicht der erste Angriff auf ihn.

In Nigeria und zahlreichen anderen afrikanischen Ländern ist der Dienst eines Katecheten weit mehr als ehrenamtlicher Religionsunterricht. Katecheten werden ausgebildet, offiziell beauftragt und übernehmen vielfältige Aufgaben: Sie bereiten Taufen vor, spenden die Kommunion und leiten Gottesdienste, wenn aufgrund der weiten Entfernungen kein Priester kommen kann.

Tobias wurde vor neun Jahren vom emeritierten Bischof von Sokoto eingesetzt. „Letztes Ostern konnten in unserer Gemeinde über 100 Kinder getauft werden“, berichtet er. Seine Arbeit trägt spürbar zum Wachstum der Kirche bei.

Besonders eindrucksvoll wurde jedoch sein Verhalten vor Gericht. Als Ibrahim zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde, bat Tobias den muslimischen Richter um Erlaubnis, den Mann umarmen zu dürfen. „Ich sagte ihm: ‚Ich habe dir vergeben‘“, erzählt Tobias.

Tränen liefen dem Täter über das Gesicht. Diese Geste der Vergebung wurde zum starken Zeichen – für die Gemeinde und darüber hinaus. Nigeria ist Schauplatz zahlreicher Gräueltaten und Entführungen. Sie gehen auf das Konto dschihadistischer Gruppen, militanter Nomaden und krimineller Banden. Der Terror trifft die gesamte Bevölkerung, Christen jedoch oft mit brutaler Härte.

Tobias und seine Familie entschieden sich, in Sokoto zu bleiben und den Dienst fortzusetzen – trotz weiterer Gefahren. Besonders die Worte seiner Mutter sind ihm im Gedächtnis geblieben: „Wo Gott uns haben will, ist es vielleicht nicht bequem oder nach unserem Geschmack, aber dort finden wir wahres Glück.“ „Kirche in Not“ unterstützt den aufopferungsvollen Dienst von zehntausenden Katecheten pro Jahr, in Nigeria und weltweit.

Die Geschichten von Shagufta Kausar und Tobias Yahaya stehen exemplarisch für viele verfolgte Christen weltweit. Sie zeigen, dass Glaube nicht vor Leid schützt, aber Kraft schenkt, es zu tragen – und Wege der Versöhnung zu gehen. Der Plan der Täter, die Christen zum Schweigen zu bringen, geht nicht auf. Im Gegenteil: Ihr Zeugnis spricht laut und eindrucksvoll zu uns.

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Sein Wahlspruch: „Veritas liberabit vos“ (Joh 8,32)

Martin Lohmann – Leben für die Wahrheit Christi

Martin Lohmann, der am 24. November 2025 im Alter von 68 Jahren verstorben ist, bleibt als leidenschaftlicher Kämpfer für den katholischen Glauben in Erinnerung. Er hat sich als echter „Martys“ – „Zeuge“ erwiesen. Von diesem griechischen Wort leitet sich bekanntlich unsere Bezeichnung „Märtyrer“ ab. Es sind Menschen, die für ihr Bekenntnis zu Christus sogar den Tod in Kauf genommen haben. Soweit kam es bei Martin Lohmann nicht, doch musste er für seinen kompromisslosen Einsatz insbesondere auf dem Gebiet des Lebensrechts der ungeborenen Kinder Ausgrenzung, Anfeindung und ernste berufliche Nachteile hinnehmen. Gestärkt hat ihn vor allem die freundschaftliche Beziehung zu Joseph Ratzinger, auch während und nach dessen Amtszeit als Papst Benedikt XVI. Das Stift Heiligenkreuz mit ihrer Phil.-Theol. Hochschule Benedikt XVI. schrieb in einem ersten Nachruf über Lohmann: „Immer wieder führte ihn sein Weg zu Veranstaltungen und Begegnungen in unser Stift, wo er durch seine geistige Weite, seine Dialogbereitschaft und seine Liebe zur Kirche bleibende Eindrücke hinterließ. Als langjähriger Kenner und Wegbegleiter von Papst Benedikt XVI. trug er dazu bei, dessen theologisches Erbe lebendig zu halten und ins Gespräch zu bringen.“ In seinem von persönlicher Erfahrung geprägten Beitrag gibt Klaus-Hermann Rössler einen aufschlussreichen Einblick in die Lebensgeschichte von Martin Lohmann.

Von Klaus-Hermann Rössler

Am Montag, den 24.11.2025, verstarb nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 68 Jahren der Theologe, Publizist und christliche Aktivist Dr. h.c. Martin Lohmann.

Martin Lohmann war langjährig verheiratet und hat eine erwachsene Tochter. Viele Menschen haben ihn und seine Familie in den letzten Tagen seines Lebens intensiv im Gebet begleitet. Seiner Familie gilt unser besonderes Mitgefühl.

„Die Wahrheit wird Euch frei machen“

Sein Leben war geprägt von entschiedenem Christentum und dem umfassenden Einsatz für die Würde des Menschen. „Veritas liberabit vos“ – „Die Wahrheit wird Euch frei machen“ (Joh 8,32), so sein auch offizieller Wahlspruch. O-Ton Lohmann: „Ich bin ein freier katholischer Journalist.“ Und: „ ... die so genannte Political Correctness ist nicht meine Richtschnur.“[1] 2011 schwärmte er in einem Zeitschriftenaufsatz von der „Lust, katholisch zu sein“ und meinte: „Sie steigt fast täglich.“[2] In einem posthum – nach seinem überaus gut besuchten und eindrucksvollen Begräbnis – den Trauernden gezeigten Abschiedsvideo legte er Wert auf die Erkenntnis, dass Wahrheit und Freiheit eine göttliche Person seien: Jesus Christus, der Weg, die Wahrheit und das Leben. Als Fazit seines Lebens und Wirkens stellte er einfach fest, er habe Jesus Christus treu sein wollen. Er bedankte sich bei seiner Familie und seinen zahlreich erschienenen Freunden und Kollegen für die gemeinsame Zeit und bat alle, denen er Unrecht getan habe, um Verzeihung. Er verabschiedete sich in der festen Zuversicht: „Wir sehen uns wieder!“

Dem beeindruckenden Abschied Martin Lohmanns von der Welt entsprach zuvor ein engagiertes Leben in ihr – als stets warmherziger und rheinisch humorvoller Zeitgenosse, dem jede Art von Fanatismus suspekt war. Seit seiner Jugend war er mit vielen Kardinälen, Bischöfen und aktiven Personen der Seelsorge, des geistlichen Lebens und der Caritas, aber auch mit Politikern wie Roman Herzog und Helmut Kohl persönlich bekannt. Mit den Heiligen Papst Johannes Paul II. und Mutter Theresa verband ihn eine freundschaftliche Beziehung. Eine ausgeprägte Gabe zur Ergründung von Zusammenhängen und klärender Zuspitzung ließ seine Beiträge keineswegs nur in katholischen Medien auf breite Beachtung stoßen. Die Maxime der unveräußerlichen Würde des Menschen prägten Martin Lohmann ein Leben lang und er verteidigte sie opportune importune mit Leidenschaft. Er ist Autor von 10 Büchern aus den Themenkreisen Theologie, Spiritualität und Politik, u.a. mit prominenten Co-Autoren wie Reinhard Kardinal Marx, dem früheren Papstsekretär Erzbischof Dr. Georg Gänswein oder Gerhard Kardinal Müller.

Spirituelle Grundlagen

Martin Lohmann wurde am 14. März 1957 in Bonn-Bad Godesberg geboren. Mit sieben Jahren verlor er seine Mutter. Sein Vater hatte u.a. als Kriegsgefangener Theologie im sog. Stacheldrahtseminar in Chartres unter Leitung des als heiligmäßig verehrten Abbé Franz Stock studiert. Lohmann war geprägt durch den tiefen Glauben seines Elternhauses. Schon mit fünf Jahren sehnte er sich danach, Jesus Christus in der Eucharistie zu empfangen. So erhielt Martin vom damaligen Studentenpfarrer und späteren Kölner Weihbischof Dr. Klaus Dick, seinem „Onkel Klaus“, einem Freund der Familie, die Erlaubnis und Vorbereitung, früher als die anderen Kinder seines Alters zur Erstkommunion zu gehen. Lohmann war mit Bischof Dick bis zu dessen Sterbestunde hin persönlich verbunden, in der er ihn in großer Zuneigung bis zum letzten Atemzug begleitete.

Ein anderer Freund seines Vaters, der damalige Bonner Theologieprofessor Joseph Ratzinger, wurde zu Martins lebenslangem geistlichen Ziehvater und blieb dies auch noch als Papst und Emeritus. Bei seinen regelmäßigen Besuchen im Alterswohnsitz Benedikts XVI. sprach Lohmann ihn auf dessen Wunsch hin stets als „Vater Benedikt“ an. Dessen Theologie prägte ihn tief.

Nach dem Abitur 1976 am Aloisiuskolleg, dem Jesuitengymnasium in Bonn-Bad Godesberg, studierte Lohmann bis 1983 Geschichte, Katholische Theologie, Philosophie und Erziehungswissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Bewegter beruflicher Werdegang

Nach Tätigkeiten als stellvertretender Bundesgeschäftsführer des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU), Redakteur beim Rheinischen Merkur und als Ressortleiter von Christ und Welt, war er von 1998 bis 2004 Chefredakteur der Rhein-Zeitung und von 1996 bis 2002 Moderator der Münchner Runde, einer politischen Live-Talkshow des Bayerischen Rundfunks. Als er allzu eindeutig gegen die Abtreibung plädierte, entließ ihn die Rheinzeitung.

Anschließend lehrte er von 2006 bis 2013 als Dozent Medienethik an der privaten Macromedia Hochschule der Medien in Köln. Diese kündigte ihm 2013 aufgrund seiner Äußerungen zu Abtreibungen und Homosexualität, die in Übereinstimmung mit der offiziellen kirchlichen Lehre standen und die er in Talkshows bei Günther Jauch und Markus Lanz getan hatte. Von 2012 bis 2014 war er Chefredakteur des katholischen Senders K-TV, bis dort die Redaktion aufgelöst wurde; seitdem war er freiberuflich tätig.

In der Jauch-Debatte am 3.2.2013 über die „Pille danach“ im Fall einer Vergewaltigung, die u.a. Auslöser für die Kündigung bei der Hochschule war, hatte Lohmann beispielsweise gesagt: „Die Lehre, dass man nicht töten darf, gilt immer.“ Zudem sei die Frage der Selbstentscheidung der Frau „vielschichtig“. Die gelte nur, solange die Frau nicht schwanger sei. „Danach hat sie Verantwortung für zwei Menschen.“[3] Auf die Frage, ob dies auch bei einer Vergewaltigung der eigenen Tochter so gelte, sagte er, dass er ihr helfen würde, „mit ihrem Schicksal klar zu kommen“.

In einem Interview mit dem Magazin Focus einige Tage später bekräftigte Lohmann, dass die Äußerungen in der Talkrunde „richtig und absolut katholisch“ gewesen seien, äußerte allerdings selbstkritisch, dass er sein „Verständnis für andere, erst recht, wenn sie in Not sind“, deutlicher hätte zeigen sollen. Jauchs Frage nach seiner Tochter bezeichnete er als „übergriffig“, sie sei ein „mehr als grenzwertiger Eingriff in die Privatsphäre“.[4] Weitere ähnliche öffentliche Übergriffe in den persönlichen Bereich blieben ihm nicht erspart. Im privaten Gespräch mit seinen Freunden zeigte er sich auch lange Zeit danach noch als persönlich zutiefst betroffen von dieser Art der Gesprächsführung durch einen Kollegen.

Politischer Kopf der Lebensrechtsbewegung

Lohmann war über viele Jahre „eines der prägenden Gesichter der deutschen Lebensrechtsbewegung“, vor allem als Vorsitzender des Bundesverbands Lebensrecht (BVL) von September 2009 bis April 2017. „Sein Einsatz für das Leben war ... lebendiger Ausdruck seines Glaubens an einen Gott, der jedes Leben kennt und liebt – vom ersten Augenblick bis in die Ewigkeit. ... Aus Sicht der Lebensrechtsbewegung verbindet sich mit seinem Namen deshalb nicht nur die kompromisslose Verteidigung des Lebensrechts, sondern auch das Ringen darum, Wahrheit und Liebe zusammenzuhalten – in der Öffentlichkeit, in der Kirche, in unserer Gemeinschaft und im persönlichen Umgang mit Betroffenen. Nicht nur in diesem Punkt ist Martin Lohmann ein großes Vorbild“[5] (Cornelia Kaminski).

Seit 1972 war Martin Lohmann viele Jahre lang Mitglied der CDU. Am 15. November 2009 gründete sich der von Martin Lohmann initiierte Arbeitskreis Engagierter Katholiken (AEK) als „bundesweites politisches Forum für katholische Christen“ als Pendant zum Evangelischen Arbeitskreis der CDU (EAK) – allerdings gegen den ausdrücklichen Willen der damaligen Parteivorsitzenden Merkel und des damaligen Generalsekretärs der CDU Hermann Gröhe. Mit beiden hatte Lohmann heftige persönliche Auseinandersetzungen zu bestehen. Die Vereinigung wurde nicht als offizielle Parteivereinigung anerkannt. Sie verfolgte unmittelbar den Zweck, „katholische Wähler zurückzugewinnen, die sowohl der CDU als auch der CSU zunehmend den Rücken kehren – durch Wahlenthaltung oder Abwanderung zu anderen Parteien“. Dies sollte durch klar lebensbejahende Positionen in der Abtreibungsdebatte und eine engagierte Familienpolitik geschehen.

Zu letzterem hatte Lohmann 2008 ein Buch mit dem programmatischen Titel „Etikettenschwindel Familienpolitik. Ein Zwischenruf für mehr Bürgerfreiheit und das Ende der Bevormundung“ veröffentlicht. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner begrüßte die Gründung des Arbeitskreises und erhoffte sich davon eine „deutlichere Profilierung der christlichen Werte in den C-Parteien“. Frau Merkel und ihre Unterstützer verfolgten jedoch ein Modernisierungskonzept, das auf das Gegenteil hinauslief.

Am 19. September 2013 trat Martin Lohmann aus der CDU aus und begründete diesen Schritt u.a. wie folgt: „So gut wie alle wesentlichen Kernpunkte, die das ‚C‘ mit seiner einzigartigen Herausforderung ausmach(t)en, sind in den vergangenen Jahren von der Parteiführung der CDU vernachlässigt oder faktisch ausgehöhlt worden. Hier sind besonders hervorzuheben: Schutz und Förderung der Familie sowie Schutz des ungeborenen Menschen. Die Partei hat sich einem diffusen und unberechenbaren Pragmatismus verschrieben, der leider keinen klaren ethischen Kompass mehr erkennen lässt. Zudem wird seit Jahren eine angstfreie und offene wie souveräne Diskussionskultur innerhalb der Partei regelrecht unterdrückt.“[6]

Der Versuch, mit anderen überzeugten katholischen Christen durch die Gründung eines Arbeitskreises Engagierter Katholiken in der CDU (AEK) der Parteiführung zu signalisieren, dass das erkennbar Katholische und Konservative zur Breite und Weite dieser ökumenisch ausgerichteten Partei zählen müsse, wurde laut Lohmanns Erklärung letztlich von der Parteispitze ignoriert und als überflüssig und offenbar störend abgetan.

Martin Lohmann hatte in seiner Erklärung auch erwähnt, er bleibe weiterhin „aus Überzeugung Christdemokrat“, freilich nicht mehr innerhalb der CDU. Mit seinem Austritt wolle er dokumentieren, dass jeder christliche Demokrat frei sei, „seinem Gewissen folgend“ auch eine andere Partei als die CDU zu wählen. Seit dem 17. Februar 2024 war Lohmann Sprecher der am selben Tag neugegründeten Partei Werteunion. Bereits am 5. April teilte er der Öffentlichkeit jedoch mit, dass er die Tätigkeit als Sprecher der Werteunion-Partei niedergelegt habe. Am 23. September 2024 trat er schließlich aus der Partei aus. Hintergrund war – so konnte man seinen Äußerungen im Kreise seiner Vertrauten entnehmen – dass sich die neue Gruppierung nicht dazu verstehen konnte, kompromisslos der nicht nur von Lohmann in der Politik so heftig vermissten christlichen Orientierung die erste Priorität einzuräumen.

Martin Lohmann ging durch viele menschliche, berufliche, gesundheitliche und politische Prüfungen hindurch. Wer ihn lange kannte, wusste auch, dass ihm – bei aller Selbstsicherheit im Auftritt – Selbstzweifel wohl durchaus nicht fremd waren und ihn die Resonanz der Mitmenschen und der Kollegen keineswegs gleichgültig ließ. Trotz vieler außergewöhnlicher Umstände war ihm ein Lebensweg von größter Konsequenz durchaus nicht einfach in die Wiege gelegt.

„Wann immer ich Martin am Rednerpult oder in einem Fernsehstudio erlebte, seine Eloquenz und Klarheit bewunderte, wurde mir bewusst, auf welche Karriere dieses rhetorische Ausnahmetalent verzichtet hatte, weil er keine Kompromisse eingehen und vor seinem Gewissen verantworten wollte. Er hatte das Zeug zum Spitzenmoderator ebenso wie zum Spitzenpolitiker, doch für einen Erfolg in den Mainstream-Medien hätte er seine Überzeugungen, die aus seinem gelebten Glauben erwachsen waren, aufgeben müssen. Und dieses Opfer zu bringen war er nie bereit“, schreibt der Publizist Michael Hesemann in seinem Nachruf.[7]

Geistlicher Rückhalt in Glaube und Frömmigkeit

Woher nahm er dazu die Kraft? Woher der Mut und die Standfestigkeit? Letztlich bleibt dies ein persönliches Geheimnis seines Gottesverhältnisses.

In besonderer Weise lebte er das Ethos und die Spiritualität geistlicher Ritterorden. 2001 wurde er vom Kardinal-Großmeister Carlo Kardinal Furno zum Päpstlichen Ritter des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem ernannt und am 12. Mai 2001 im St.-Paulus-Dom in Münster durch Bischof Anton Schlembach, Großprior der deutschen Statthalterei, in den Orden investiert. Er war Mitglied im Deutschen Verein vom Heiligen Lande. Er engagierte sich in diesem Rahmen für zahlreiche Sozialprojekte im Heiligen Land. Dies war nicht sein einziges Engagement für Menschen und Gläubige in außereuropäischen Ländern: 2023 verlieh ihm die Godfrey Okoye University in Nigeria für seine dortigen Verdienste die Ehrendoktorwürde. Die Verbundenheit mit dem Heiligen Grab ist ein besonderer Ausdruck der geistlichen Hochschätzung der Realität des Erlösungshandelns Jesu Christi und der geschichtlichen Wahrheit des Glaubensbekenntnisses, das Tod, Begräbnis und Auferstehung Jesu Christi konkret verortet.

Besonderen Wert legte er auch darauf, dass er Kommandeur des Silbernen Sterns des Ritterordens der Gottesmutter von Jasna Góra war – dieser Orden hat sich die besondere Verehrung der Muttergottes von Tschenstochau zur Aufgabe gesetzt und stand unter der Schirmherrschaft des heiligen Papstes Johannes Paul II. Martin verehrte die Gottesmutter in hohem Maße. Wegen seiner Verdienste um die Marienverehrung in Fatima verlieh ihm auch das ehemals regierende Haus Braganza die Ritterwürde eines Ritters vom Flügel des Heiligen Michael, ein ebenfalls marianisch geprägter Ritterorden. So können wir annehmen, dass Martin Lohmann die Kraft zu seinem Lebenszeugnis auch aus der besonderen Liebe zur Muttergottes erwuchs. Wenn wir bei seinem Heimgang darum gebetet haben, dass die Engel ihn ins himmlische Reich geleiten mögen, war gewiss auch der Engel von Fatima dabei.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2026
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www.kirche-heute.de


[1] www.welt.de/vermischtes/article11342 3063/Martin-Lohmann-Ein-Musterkatholik-pfeift-auf-politische-Korrektheit.html – aufgerufen am 3.12.2025, Artikel „Martin Lohmann. Ein Musterkatholik pfeift auf politische Korrektheit“, von Gernot Facius, veröffentlicht am 06.02.2013 in: www.welt.de

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] de.wikipedia.org/wiki/Martin_Lohmann – aufgerufen am 3.12.2025.

[5] Cornelia Kaminski, Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrecht für alle, in: www.die-tagespost.de/politik/ein-unerschrockener-kaempfer-fuer-die-wahrheit-art-269540

[6] www.kath.net/news/42929

[7] www.kath.net/news/88988

Die Gottesmutter ermahnt die Welt:

„Betet und bekehrt euch jetzt!“

Zur Fastenzeit greift Pfarrer Dr. Richard Kocher, Programmdirektor von Radio Horeb, die Botschaft der Gottesmutter von Kibeho in Ruanda auf. Er zitiert den Vizerektor des dortigen Heiligtums, Pater François Harelimana, und lässt seinen Impuls in den Aufruf einmünden: „Betet und bekehrt euch jetzt! Betet für jene, die nicht mehr beten, und lehrt auch andere zu beten!“

Von Richard Kocher

Pater François Harelimana, der Vizerektor des Heiligtums Unserer Lieben Frau von Kibeho/Ruanda, hat folgendes Grußwort an die Hörerfamilie von Radio Maria gerichtet:

„Dieses Heiligtum ist Wallfahrtsziel und Begegnungsstätte für alle Menschen, die Gott suchen, ein privilegierter Ort der Umkehr, der Sühne und der Versöhnung, und er vergegenwärtigt das Evangelium des Kreuzes. Kurz zu seiner Geschichte: Die Jungfrau Maria ist in Kibeho einer Schülerin mit Namen Alphonsine Mumureke erschienen, die an jenem Tag, dem 28. November 1981, zum ersten Studienjahr des Mädchen-Kollegs zugelassen worden war. Sie stellte sich ihr mit dem Titel „Nyina Wa Jambo“ vor, was „Mutter des Wortes“ bedeutet. Wenig später, am 12. Januar 1982, ist die Jungfrau Maria noch einer weiteren Schülerin erschienen mit Namen Nathalie Mukamazimpaka, die im vierten Studienjahr war. Schließlich hat sie sich am 2. März 1982 der Schülerin Marie Claire Mukangango – sie ging in die gleiche Klasse wie Nathalie – geoffenbart. Seitdem wurden diese Offenbarungen des Himmels zunehmend wohlwollend aufgenommen, innerhalb und außerhalb der Schulgemeinschaft, im ganzen Land und überall dort, wohin die Nachricht gelangte. Nach eingehenden Untersuchungen mit Unterstützung einer medizinischen und einer theologischen Kommission wurden sie am 29. Juni 2001 vom Ortsbischof, unter Beachtung der vom Heiligen Stuhl diesbezüglich gegebenen Richtlinien und in Gemeinschaft mit den Mitgliedern der Bischofskonferenz von Ruanda, offiziell und feierlich anerkannt. Die Botschaft der Gottesmutter an die Welt ist vor allem ein Aufruf zur Umkehr, zur Reue und dazu, nach dem Evangelium ihres Sohnes Jesus zu leben. Wir sollen aufrichtig beten und einander lieben, Sorge tragen für das Heil unseres Nächsten und Leiden in der Kreuzesnachfolge annehmen; es trägt mit bei zur Erlösung der Welt (vgl. Kol 1,24).“

Zur Beendigung des alle drei Jahre stattfindenden Treffens der Präsidenten der nationalen Bischofskonferenzen Afrikas und Madagaskars zelebrierten am 3. August 2025 14 Kardinäle, 107 Bischöfe und sehr viele Priester, unter denen auch ich sein durfte, einen beeindruckenden Pontifikal-Gottesdienst an diesem Ort mit einem starken Bekenntnis zur Echtheit der Botschaften und Erscheinungen, die dort stattgefunden hatten. Wiederholt hatte die Muttergottes vom „vergessenen Evangelium“ gesprochen und dass wir jetzt und nicht irgendwann zum Herrn zurückkehren sollten: „Es wird eine Zeit kommen, da ihr beten, Buße tun und gehorchen wollt. Aber es wird zu spät sein. Jetzt müsst ihr es tun: Betet und bekehrt euch jetzt! Betet für jene, die nicht mehr beten, und lehrt auch andere zu beten!“ Zwölf Jahre vor dem Genozid in Ruanda im Jahr 1994, bei dem etwa eine Million Menschen grausam ums Leben kamen, hatte die Muttergottes in Visionen den drei Seherkindern dieses Ereignis mit Tränen in den Augen vorangekündigt, verbunden mit der dringenden Bitte um Gebet und Umkehr, damit diese Tragödie nicht stattfindet – vergebens. Man hat ihre Bitten nicht gehört. Das Verhängnis nahm seinen Lauf. Dies zeigt wieder, wie wichtig es ist, die Warnungen des Himmels ernst zu nehmen und seine Einladung zu einem „Leben mit Gott“ anzunehmen. „Gott lässt keines seiner Kinder im Stich“, hat die Muttergottes dort gesagt und hinzugefügt: „Er wartet darauf, dass ihr Ja zu ihm sagt und ihn in euer Herz einziehen lasst.“ Die bald beginnende österliche Bußzeit ist eine gute Gelegenheit dazu.

Mit der in Kibeho lebenden Seherin Nathalie Mukamazimpaka hatte ich ein längeres Gespräch, als ich dort war. Sie sagte mir, dass sich die Gottesmutter für unseren Einsatz, besonders für die Evangelisierung der Völker Afrikas, sehr bedankt. Wir sollten dieses Werk, das sich ihrer Initiative verdankt, unbedingt weiterführen und dafür sorgen, dass die „Stimme des Friedens“, wie Radio Maria in Afrika genannt wird, nie verstummt. Besonders dort, wo häufige Stromausfälle an der Tagesordnung sind, sollten wir durch Generatoren und Photovoltaikanlagen dafür sorgen, dass Radio Maria weiterhin senden kann. Beim letzten Mariathon haben wir nicht wenig Geld hierfür investiert.

Der bekannte Theologe Hans Urs v. Balthasar hatte schon vor etlichen Jahrzehnten geschrieben: „Ohne Mariologie droht das Christentum unter der Hand unmenschlich zu werden. Die Kirche wird funktionalistisch, seelenlos, ein hektischer Betrieb ohne Ruhepunkt, in lauter Verplanung hinein verfremdet. Und weil in dieser männlichen Welt nur immer neue Ideologien einander ablösen, wird alles polemisch, kritisch, bitter, humorlos und schließlich langweilig, und die Menschen laufen in Massen aus einer solchen Kirche davon.“ Im Hinblick auf die derzeitige Krise der Kirche sollte dies wohl auch beachtet werden.

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 2+3/Februar+März 2026
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