Liebe Leserinnen und Leser
Von Erich Maria Fink und Thomas Maria Rimmel
Der Monat Mai lenkt unseren Blick auf Maria, die Mutter des Herrn. Am 11. April 2026 leitete Papst Leo XIV. im Petersdom ein Rosenkranzgebet für den Frieden. Mit großem Nachdruck hatte er die ganze Weltkirche aufgerufen, sich dieser Gebetswache anzuschließen. Zum Abschluss richtete er an die Welt einen flammenden Friedensappell, den er in ein Gebet an Jesus, den Herrn des Lebens, einmünden ließ. Darin bittet er angesichts des „Wahnsinns des Krieges“: „Erfülle uns mit dem Vertrauen Mariens, deiner Mutter, die mit gebrochenem Herzen unter deinem Kreuz stand, unerschütterlich im Glauben an deine Auferstehung.“
Nachdem er den Verirrungen unserer Zeit die Ideale des Evangeliums gegenübergestellt hatte, erklärte er: „Der Rosenkranz hat uns heute Abend, wie andere altüberlieferte Gebetsformen auch, in seinem regelmäßigen, auf Wiederholung beruhenden Rhythmus vereint: So bahnt sich der Friede seinen Weg, Wort für Wort, Geste für Geste, so wie steter Tropfen den Stein höhlt, so wie das Gewebe im Webstuhl mit jeder neuen Reihe weiterwächst. Es sind die langsamen Zeiten des Lebens, ein Zeichen der Geduld Gottes.“
Eindringlich ermahnte er die Gläubigen: „Kehren wir mit dem Vorsatz nach Hause zurück, stets und unermüdlich zu beten und eine tiefe Bekehrung des Herzens zu vollziehen.“ Und er betont: „Das Gebet ist nämlich kein Zufluchtsort, um uns unserer Verantwortung zu entziehen, es ist kein Betäubungsmittel, um den Schmerz zu vermeiden, den so viel Ungerechtigkeit auslöst. Es ist vielmehr die selbstloseste, umfassendste und wirkungsvollste Antwort auf den Tod: Wir sind ein Volk, das bereits aufersteht!“
Was wir erleben, entspringt nach Papst Leo der „teuflischen Fessel des Bösen“, die es durch das Gebet zu sprengen gelte. „Mit den unendlichen Möglichkeiten Gottes“ hätten wir einen „Damm gegen jene Allmachtsphantasien, die um uns herum immer unberechenbarer und aggressiver werden“. Wer sich dem „Tod unterworfen“ habe, mache „sich selbst und seine eigene Macht zum … Götzen, dem alle Werte geopfert werden und der verlangt, dass die ganze Welt vor ihm die Knie beugt“. Und der Papst klagt, dass „man weiter kreuzigt und Leben vernichtet, ohne Recht und ohne Gnade“. Und bei „fortwährender Verletzungen des Völkerrechts“ würden „Aufrüstung geplant und tödliche Maßnahmen beschlossen“.
Der Friede Christi, „die Frucht seines Liebesopfers am Kreuz“, sei keine Utopie. Und Papst Leo erinnert uns an unsere unaufgebbare Sendung: „Die Kirche ist ein großes Volk im Dienst der Versöhnung und des Friedens!“ Und darin lässt sich auch Papst Leo selbst nicht beirren. Als Präsident Donald Trump die Aussagen des Papstes auf sich bezog und ihn in aller Öffentlichkeit attackierte, gab Papst Leo zur Antwort: „Die Botschaft des Evangeliums ist ganz klar: ,Selig sind die Friedfertigen.‘ Ich werde mich nicht scheuen, die Botschaft des Evangeliums zu verkünden. Meine Botschaft auf eine Stufe mit dem zu stellen, was der Präsident hier zu tun versucht, bedeutet, die Botschaft des Evangeliums nicht zu verstehen. Und es tut mir leid, das zu hören, aber ich werde weitermachen mit dem, was ich für die Mission der Kirche halte.“
Liebe Leserinnen und Leser, wir haben in dieser Ausgabe wertvolle Impulse zusammengestellt, die uns helfen können, unsere Beziehung zur Gottesmutter zu vertiefen, uns am Beispiel engagierter Christen zu orientieren und uns mit der Kraft des Heiligen Geistes für Versöhnung und Frieden einzusetzen. So wünschen wir Ihnen eine fruchtbare Lektüre und sagen Ihnen für Ihre Spenden, auf die wir sehr angewiesen sind, ein aufrichtiges Vergelt’s Gott! Möge Ihnen Gott auf die Fürsprache Mariens, der Königin des Friedens, eine gesegnete Osterzeit und zu Pfingsten eine reiche Ausgießung des Heiligen Geistes schenken!
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2026
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Marianisches Jubiläumsjahr vom 10. Dezember 2025 bis 10. Dezember 2026
100 Jahre Pontevedra – Bedeutung für heute
Am 10. Dezember 2025 wurde in Pontevedra ein Marianisches Jubiläumsjahr eröffnet, das vom Heiligen Stuhl offiziell mitgetragen wird. Anlass sind die Erscheinungen im dortigen Kloster, welche im Jahr 1925 stattgefunden haben und als Fortsetzung der Ereignisse von Fatima in den Jahren 1916 und 1917 kirchlich anerkannt sind. Zum Auftakt der Jubiläumsfeier fand vom 5. bis 12. Dezember 2025 in Fatima ein Internationaler Theologisch-Pastoraler Kongress zum Thema „Das Heiligste Herz Jesu und das Unbefleckte Herz Mariens“ statt, der in eine Wallfahrt nach Pontevedra und Santiago de Compostela, Spanien, einmündete. So konnten die Teilnehmer am 10. Dezember 2025 den 100. Jahrestag der Erscheinung der Muttergottes und des Jesuskindes vor Schwester Lucia sowie die Eröffnung des Jubiläumsjahres in Pontevedra mitfeiern. In ihrem Beitrag berichtet Beate Jobst von den Veranstaltungen und stellt die Bedeutung der Botschaft von Pontevedra für die heutige Zeit heraus.
Von Beate Jobst
Internationaler Kongress zum Auftakt des Jubiläums
Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Erscheinungen Unserer Lieben Frau von Fatima im Kloster der Dorotheen-Schwestern in Pontevedra in Nordwestspanien am 10. Dezember 1925 fand in Fatima ein Internationaler Theologisch-Pastoraler Kongress statt. Er beschäftigte sich mit der Bedeutung der Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu und des Unbefleckten Herzens Mariens sowie der Wechselbeziehung zwischen den beiden Herzen. Dazu lud das Fatima-Weltapostolat ein, das seinen Hauptsitz in Fatima hat. Es handelt sich dabei um eine internationale öffentliche Vereinigung von Gläubigen mit der Aufgabe, die Botschaft von Fatima zu verstehen, zu leben und zu verbreiten.
Der Kongress sollte zu einem besseren Verständnis von Gottes bedingungsloser Liebe zu uns und zur ganzen Welt beitragen. Im Anschluss an den Kongress pilgerten die 145 Teilnehmer aus 24 Nationen zu den Stätten der Erscheinungen von Fatima und zum offiziellen Programm der Eröffnung des Marienjubiläumsjahres des Heiligtums von Pontevedra, welches durch den Heiligen Stuhl gewährt wurde.
Die Andacht der Herz-Mariä-Samstage
Die Wahl des Themas sowie die Daten des Kongresses waren bewusst mit dem Beginn des Gedenkjahres zum hundertjährigen Jubiläum verbunden, welches vom 10. Dezember 2025 bis zum 10. Dezember 2026 in Pontevedra begangen wird. In der Erscheinung von Pontevedra bat die Heilige Jungfrau Maria um die Sühneandacht zu Ehren Ihres Unbefleckten Herzens an den ersten Samstagen von fünf aufeinanderfolgenden Monaten.
Die Botschaft von Pontevedra gehört in die Reihe der Erscheinungen Unserer Lieben Frau von Fatima an Lucia dos Santos, die nach dem Tod der beiden anderen Seherkinder Francisco (1908-1919) und Jacinta (1910-1920) stattgefunden haben. Lucia war am 24. Oktober 1925 bei den Dorotheenschwestern in Tuy eingetreten. Schon am nächsten Tag wechselte sie in das Haus nach Pontevedra und blieb dort als Postulantin bis zum 20. Juli 1926.
Die Ereignisse von Pontevedra
Im Vorfeld der Haupterscheinung vom 10. Dezember 1925 traf Schwester Lucia im Garten des Klosters einen kleinen Jungen, mit dem sie das „Ave-Maria“ betete und dem sie auftrug, jeden Tag folgende Worte zu sprechen: „O, meine himmlische Mutter, schenke mir dein Jesuskind.“ Dann ging die Postulantin wieder ihrer Arbeit nach und vergaß die Begegnung im Garten.
Die Haupterscheinung der Gottesmutter Maria ereignete sich dann in ihrer Klosterzelle. Dazu ist in Schwester Lucias Erinnerungen zu lesen: „Am 10. Dezember 1925 erschien die Heiligste Jungfrau in Pontevedra und seitlich, in einer leuchtenden Wolke, ein Kind. Das Kind sagte: ‚Habe Mitleid mit dem Herzen deiner heiligsten Mutter, umgeben von Dornen, mit denen die undankbaren Menschen es ständig durchbohren, ohne dass jemand einen Sühneakt machen würde, um sie herauszuziehen.‘ Darauf sagte die Heiligste Jungfrau: ‚Meine Tochter, sieh mein Herz umgeben von Dornen, mit denen es die undankbaren Menschen durch ihre Lästerungen und Undankbarkeiten ständig durchbohren. Bemühe wenigstens du dich, mich zu trösten, und teile mit, dass ich verspreche, all jenen in der Todesstunde mit allen Gnaden, die für das Heil dieser Seelen notwendig sind, beizustehen, die fünf Monate lang jeweils am ersten Samstag beichten, die heilige Kommunion empfangen, einen Rosenkranz beten und mir während 15 Minuten durch Betrachtung der Rosenkranzgeheimnisse Gesellschaft leisten in der Absicht, mir dadurch Sühne zu leisten.‘“
Nach dieser Erscheinung fand am 15. Februar 1926 die dritte Begegnung im Garten des Klosters statt, bei der sich das Jesuskind zu erkennen gab. Schwester Lucia berichtet in einem Brief darüber. In diesem Gespräch zwischen Jesus und Sr. Lucia erinnerte sie das Kind an den Auftrag, die Andacht zum Unbefleckten Herzen Mariens zu verbreiten.
Der Friede ist unserer himmlischen Mutter anvertraut
Der Kongress zum 100. Jahrestag der Erscheinungen sollte dazu beitragen, die Ereignisse und deren Botschaften wieder neu ans Licht zu heben. Er ging der Frage nach, wie die darin enthaltene Spiritualität wirksamer in das pastorale Leben der heutigen Kirche integriert werden könnte. Es ging darum, das persönliche und kollektive Versprechen zu bestärken, die Botschaft von Fatima zu leben und zu verbreiten. Die Aufgabe der Evangelisierung sollte von den Impulsen durchdrungen werden, welche von Fatima ausgehen. Dabei wurde die Bedeutung der Andacht der Ersten Samstage als wesentlicher Bestandteil der Botschaft Unserer Lieben Frau für das Heil der Seelen und den Frieden in der Welt hervorgehoben. Durch den Kongress führte das Internationale Sekretariat des Fatima-Weltapostolats in Zusammenarbeit mit dem Bischof von Leiria-Fatima, José Ornelas de Carvalho SCJ, und dem Rektor des Heiligtums von Fatima, Prof. Dr. Carlos Manuel Pedrosa Cabecinhas.
Besondere Beachtung fand auch eine Aussage des jüngsten Seherkindes von Fatima, der hl. Jacinta Marto, die am 20. Februar 1920 im Alter von 10 Jahren starb. In einer eindringlichen Bitte an ihre Cousine, Lucia dos Santos, wies sie kurz vor ihrem Tod darauf hin, wie wichtig und zentral diese beiden Herzen in der Botschaft von Fatima und für die Rettung der Welt sind. Sie sagte Lucia, wie als geistiges Vermächtnis und als Auftrag: „Sage es allen, dass Gott uns die Gnaden durch das Unbefleckte Herz Mariens schenkt; dass die Menschen sie erbitten müssen; dass das Herz Jesu will, dass an seiner Seite auch das Herz unserer himmlischen Mutter verehrt wird. Man soll den Frieden von unserer himmlischen Mutter erbitten; da Gott ihn ihr anvertraut hat.“
Eine aktuelle Botschaft, die nicht vergessen werden darf
Auch wurde die bleibende Aktualität der Botschaften für unsere heutige Situation in der Welt und die Verantwortung des Einzelnen wie auch der Kirche herausgestellt. Die Bitte Unserer Lieben Frau, neben welcher Jesus als kleines Kind erschienen ist, darf nicht verhallen. Es scheint, eine fast vergessene Botschaft zu sein. Während dem Wunsch der Gottesmutter, die Welt ihrem Unbefleckten Herzen zu weihen, Rechnung getragen wurde, blieb dieser Teil der Botschaft von Fatima weitestgehend unbeachtet. Und dies, obwohl diese Botschaft bereits am 13. Juni 1917 durch die Gottesmutter in Fatima angekündigt wurde. Sie teilt an Lucia gerichtet mit: „Jesus möchte sich deiner bedienen, damit die Menschen mich erkennen und lieben. Er möchte auf Erden die Verehrung meines Unbefleckten Herzens begründen. Wer sie annimmt, dem verspreche ich das Heil, und diese Seelen werden von Gott geliebt wie Blumen, die von mir hingestellt sind, um seinen Thron zu schmücken.“ Die Kinder sahen bei dieser Erscheinung, wie später auch in Pontevedra, vor der rechten Handfläche Mariens ein Herz, umgeben von Dornen, die es zu durchbohren schienen.
Das Jubiläumsjahr des Heiligtums von Pontevedra soll den Menschen dazu dienen, dieser Botschaft der beiden Herzen Jesu und Mariens mehr Aufmerksamkeit zu widmen, sie in ihrem eigenen Leben zu verinnerlichen und weiter zu verbreiten.
Besuch bei der seligen Alexandrina von Balazar
Auf dem Pilgerweg zu den Feierlichkeiten in Pontevedra besuchte die Pilgergruppe auch das Heiligtum der seligen Alexandrina von Balazar, deren Leben mit den Botschaften von Fatima eng verwoben ist. In dem kleinen Ort Calvário im Norden Portugals, kann man heute unweit der Pfarrkirche das Haus der Seligen besuchen. Im Alter von 14 Jahren sprang sie auf der Flucht vor drei Männern, die sie in ihrer Unschuld bedrohten, aus dem Fenster. Dieser Sturz hatte schwerwiegende Folgen, sodass sie unter zunehmenden Bewegungsschwierigkeiten litt und ab 1925 dauerhaft bettlägerig war. Das Fenster und der Raum, in dem sie die letzten Jahre ihres Lebens bis zum 13.10.1955, einem Fatimatag, verbrachte, sind erhalten geblieben und stehen Besuchern offen.
Die Selige verzweifelte trotz ihrer Lage nicht und vertraute sich dem Herrn mit den Worten an: „Du bist Gefangener im Tabernakel und ich bin es, nach Deinem Willen, in meinem Bett; so werden wir uns Gesellschaft leisten.“ Zu den körperlichen Leiden kamen in den Folgejahren auch mystische Leiden hinzu. Jeden Freitag erlebte sie die Passion Christi und ernährte sich in den letzten Jahren ihres Lebens ausschließlich von der hl. Eucharistie. Jesus offenbarte ihr am 30. Juli 1935: „Ich habe dich in die Welt gesetzt, um dich nur von Mir zu ernähren, um der Welt den Wert der Eucharistie zu zeigen. Die meisten Laster, welche die Menschen an Satan ketten, sind die des Fleisches, der Unreinheit. Nie gab es so eine Vermehrung der Untugenden, Verbrechen und Bosheiten wie heute. Nie sündigte man wie heute. Die Eucharistie ist mein Körper und mein Blut! Sie ist die Rettung der Welt.“ Am 2. September 1949 erschien Alexandrina auch die Gottesmutter und warnte: „Die Welt erstickt in ihrer Sünde. Ich möchte Buße und Gebete. Schütze mit diesem Kranz alle, die du liebst und die ganze Welt.“
Dieses eucharistische Wunder im Leben der sel. Alexandrina weist auf die Wichtigkeit der Eucharistie hin, wie es bereits 1916 die Engelerscheinungen in Fatima zum Ausdruck gebracht haben. Wie auch Sr. Lucia von Fatima drängte Alexandrina Papst Pius XII. durch ihren Beichtvater und mehrere portugiesische Bischöfe zur Weihe der Welt an das Unbefleckte Herz Mariens, welche er schließlich am 31. Oktober 1942 vollzog.
„Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren“
Der Abschluss des Pilgerwegs führte die Teilnehmer nach Pontevedra, um an der feierlichen Eröffnung des Jubiläumsjahres teilzunehmen. Sie fand am Vorabend des 10.12.2025 unter Mitwirkung des Erzbischofs von Santiago de Compostela, Francisco José Prieto Fernández, sowie dem Rektor des Heiligtums von Fatima und den Verantwortlichen des Fatima-Weltapostolats in der Basilika Santa María La Mayor von Pontevedra statt. Am darauffolgenden Gedenktag folgten im ehemaligen Kloster der Dorotheenschwestern, dem heutigen Heiligtum, dem sog. „Haus des Unbefleckten Herzens Mariens“, mehrere feierliche Gottesdienste und Andachten unterschiedlicher Nationen sowie eine große abendliche Lichterprozession.
Auch heute fordern die Bitten Unserer Lieben Frau von Fatima die Menschheit auf, die bereits vollzogenen Weihen an ihr Unbeflecktes Herz zu leben. Dies geschieht besonders durch die Feier der Herz-Mariä-Sühnesamstage sowie durch das tägliche Rosenkranzgebet für den Frieden in der Welt.
Die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu zusammen mit dem Unbefleckten Herzen Mariens bildet einen zentralen Kern der Botschaft von Fatima. In der Umsetzung dieser Andacht liegt ein Schlüssel zum Heil und zur Rettung der Welt vor Sünde und Krieg. Maria hat verheißen: „Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren.“ Dieser Triumph ist zutiefst mit der Verehrung des Eucharistischen Herzens ihres Sohnes verbunden, das durch Maria auf der ganzen Welt zur Herrschaft gelangen möchte.
Die Initiative „Two Hearts“
Eine Initiative, die die Umsetzung und Verbreitung dieser Botschaft fördert, wurde 2016 unter dem Namen „Two Hearts“ („Zwei Herzen“) ins Leben gerufen. Sie führte Jugendliche und junge Familien aus dem deutschsprachigen Raum 2017 nach Fatima, um dort das 100-jährige Jubiläum der dortigen Erscheinungen zu begehen. So wurde am 6. August 2017 im Rahmen eines Festivals im Heiligtum von Fatima eine Weihe an die beiden Herzen Jesu und Mariens vollzogen. Mit Fatima waren weitere Heiligtümer und Pfarreien wie Marienfried in Deutschland, Paray le Monial in Frankreich, Medjugorje in der Herzegowina, Hammerfest in Norwegen sowie Prayerfestivals in den USA verbunden. Vom 3. bis 5. August 2018 zeigte eine Wiederholung dieses Two-Hearts-Festivals in Fatima erneut Jugendlichen und Familien den Weg zu einem Leben mit und für die Herzen Jesu und Mariens auf.
Auf Anregung des Heiligtums von Fatima vereinten sich am 25. März 2020 weltweit Bischöfe aus 22 Ländern in einer Weihe an die vereinten Herzen Jesu und Mariens. Die Weihe wurde zentral in Fatima mit den portugiesischen und spanischen Bischöfen vollzogen. Auch einzelne Bistümer und Pfarreien aus Deutschland schlossen sich dem Weiheakt an.
Das Fatima-Weltapostolat U. L. F. in Deutschland und die Initiative Two Hearts nahmen dies im Jahr 2022 zum Anlass, den Menschen im deutschsprachigen Raum die Mitfeier von fünf aufeinanderfolgenden Herz-Mariä-Sühnesamstagen in Verbindung mit den jeweils vorausgehenden Herz-Jesu-Freitagen zu ermöglichen. Dies geschah in Zusammenarbeit mit Radio Horeb über Rundfunk und Livestream. Die Übertragungen erfolgten unter dem Titel „Two Hearts at Home“ von Februar bis Juni 2022 aus fünf Orten in fünf verschiedenen Bistümern. Zahlreiche Menschen konnten zuhause mitfeiern. Dieser Weg fand seinen krönenden Abschluss in einer Weihe an die Vereinten Herzen Jesu und Mariens am 25. Juni 2022.
Erneuerung auf Pfarreiebene
Seither versucht die Initiative mit ihrer Internetseite twohearts.org Anregungen zu geben, um im Hinhören auf die Botschaft von Fatima die Weihe an die Herzen Jesu und Mariens umzusetzen und mit Leben zu füllen. Pfarreien und Gemeinschaften aus dem deutschsprachigen Raum können Informationen über Angebote zum monatlichen Triduum vom Priesterdonnerstag bis zum Herz-Mariä-Sühnesamstag auf dieser Homepage in eine zentrale Datenbank eintragen lassen. Damit ist Möglichkeit gegeben, diese Gottesdienste interessierten Gläubigen weiträumig bekannt zu machen.
„100 Jahre Pontevedra“ – das Marianische Jubiläumsjahr lädt Pfarreien und Gemeinschaften ein, dem Ruf der Gottesmutter von neuem Gehör zu schenken und die Andacht zu ihrem Unbefleckten Herzen an den ersten Samstagen des Monats aufzunehmen oder wieder bewusster zu pflegen – in enger Verbindung mit der Feier des Priesterdonnerstags und des Herz-Jesu-Freitags.
Kontakt & weitere Infos: • zum Fatima-Weltapostolat U.L.F. in Deutschland e.V.: info@fatima-weltapostolat.de / fatima-bewegt.de; • sowie zur Initiative Two Hearts: info@twohearts.org; twohearts.org
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2026
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Die Bedeutung der Gottesmutter für den priesterlichen Dienst
Maria – „persona Ecclesiae“
Der katholische Erzbischof der Erzdiözese der Gottesmutter von Moskau, Metropolit Dr. Paul Pezzi, hat im Februar dieses Jahres Exerzitien für die Priester seines Erzbistums gehalten. Als Thema wählte er den ersten Brief des hl. Apostels Paulus an die Korinther. Zum Einstieg aber legte er seinen Priestern eine lebendige Beziehung zur Gottesmutter ans Herz und ließ seine Betrachtung in das marianische „Heimat-Lied“ einmünden, das Pater Josef Kentenich während des Zweiten Weltkriegs im Konzentrationslager Dachau verfasst hatte. Die theologische Grundlage für seinen marianischen Impuls bildete das Verständnis der bräutlichen Beziehung zwischen Christus und der Kirche als „Ehebund“. Der Beitrag von Pfr. Erich Maria Fink, der an den Exerzitien teilgenommen hat, basiert auf den Vorträgen des Erzbischofs. Mit dessen Zustimmung hat er einige Auszüge, die er zum großen Teil in wörtlicher Übersetzung wiedergibt, zusammengestellt.
Von Erich Maria Fink
Der „Ehebund“ zwischen Christus und der Kirche
Nach dem Schöpfungsbericht ging Eva aus der Seite Adams hervor: „Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, sodass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch. Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu“ (Gen 2,21f.).
Im Licht dieses Anfangs der Menschheit, der zur ehelichen Verbindung von Adam und Eva geführt hat, ist schon zu apostolischer Zeit das Zeugnis des hl. Apostels Johannes unter dem Kreuz gedeutet worden: „Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite und sogleich floss Blut und Wasser heraus. Und der es gesehen hat, hat es bezeugt und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres sagt, damit auch ihr glaubt“ (Joh 19,33-35).
Der hl. Augustinus führt in seinen Vorträgen über das Johannesevangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium 9) bereits bei der Erklärung der Hochzeit von Kana (Joh 2,1-11) aus: „Adam schläft, damit Eva gebildet werde; Christus stirbt, damit die Kirche gebildet werde. Wenn Christus stirbt, durchbohrt der Speer seine Seite, damit die Geheimnisse hervorströmen, durch die die Kirche gebildet wird.“
Und der hl. Papst Johannes Paul II. betonte in einer Ansprache am 2. Mai 1984: „Mit dem Fließen dieses ‚Blutes und Wassers‘ wird die Kirche aus der Seite Christi geboren.“
Im Nachsynodalen Schreiben Sacramentum Caritatis über die Eucharistie schreibt Papst Benedikt XVI.: „Durch das eucharistische Sakrament nimmt Jesus die Gläubigen in seine ‚Stunde‘ hinein; auf diese Weise zeigt er uns die Bindung, die er zwischen sich und uns, zwischen seiner Person und der Kirche beabsichtigte. Tatsächlich hat Christus selbst im Kreuzesopfer die Kirche gezeugt als seine Braut und seinen Leib. Die Kirchenväter haben ausgiebig meditiert über die Beziehung zwischen dem Ursprung Evas aus der Seite des schlafenden Adam (vgl. Gen 2,21-23) und dem der neuen Eva, der Kirche, aus der geöffneten Seite Christi, der im Schlaf des Todes versunken war: Aus der durchbohrten Seite – erzählt Johannes – floss Blut und Wasser heraus (vgl. Joh 19,34), ein Symbol der Sakramente“ (Nr. 14).
Und von diesem Augenblick an steht Christus als Bräutigam der Kirche, der neuen Eva und Braut Christi, gegenüber. Es geht nicht nur um ein bräutliches Verhältnis im Sinn einer Analogie oder Typologie, sondern um einen realen „Ehebund“ zwischen Christus und seiner Kirche. Die Menschwerdung zielt von Anfang an auf diesen Augenblick ab, in dem die Kirche gebildet und dem Menschensohn als Braut zugeführt wird. Christus ist es, der sich seiner Braut vollkommen hingibt, was sich im Kreuzesopfer und im fortwährenden Opfer der Eucharistie real vollzieht. Die Kirche aber ist mit Christus auf ewig vermählt und findet in ihrer sakramentalen Beziehung zum Gottmenschen Jesus Christus ihre Identität.
So hat das „Wort vom Kreuz“, in dem der hl. Apostel Paulus das Wesen der Christen zum Ausdruck bringt (vgl. 1 Kor 1,18-31), eine doppelte Bedeutung. Zunächst meint es das Opfer Christi am Kreuz, die vollkommene Selbsthingabe des Bräutigams, zugleich aber klingt darin bereits die Freude über den „Ehebund“ des Erlösers mit der Kirche an, der im Kreuzesgeschehen Wirklichkeit wird und seinen gelebten Anfang nimmt. So sieht der hl. Apostel Johannes im Kreuz die Verherrlichung Jesu Christi, da nämlich von diesem Augenblick an sein „Ehebund“ mit der Kirche beginnt.
Die priesterliche Identität im Licht des „Ehebundes“
Nicht nur die Kirche als Ganze findet ihre Identität im „Ehebund“ mit Christus, sondern ganz besonders auch der geweihte Priester. Auch der priesterliche Dienst gründet in diesem „Ehebund“. Der erste Brief an die Korinther spricht genau von diesem „Ehegeheimnis“ der priesterlichen Berufung, das eine Vereinigung mit Christus bewirkt. Der Priester tritt mit seiner Weihe in eine persönliche, unauflösliche und fruchtbare Einheit mit Christus ein.
Diese eheliche Vereinigung findet ihre vollkommene Verwirklichung erst im Himmel (vgl. Offb 19,7-9), doch schon jetzt, während seiner irdischen Pilgerschaft, ist der Priester wie alle Christen berufen, an der ehelichen Liebe zwischen dem ewigen Sohn des Vaters, der durch das Wirken des Heiligen Geistes von der Jungfrau Maria geboren wurde, und der Kirche teilzuhaben.
Für das spirituelle Leben eines Priesters hat dies eine besondere Bedeutung. Alles, was er in seinem Dienst erfährt, muss er im „Ehebund“ mit Christus bewältigen, das Leid, dem niemand entgehen kann, die Prüfungen, die mit der Zeit immer schwerer zu werden scheinen, aber auch den Reichtum und die Freuden, mit denen er beschenkt wird. All dies ist ihm gegeben, damit er seine geheimnisvolle Berufung immer tiefer entdecken und mit umso größerer Entschlossenheit, Einfachheit und Freude leben kann.
Deshalb ist der Priester auch auf besondere Weise berufen, in seiner pastoralen Begleitung von Eheleuten und Familien die Herausforderungen des Ehe- und Familienlebens kennen und verstehen zu lernen. Wie die täglichen Anforderungen des konkreten Zusammenlebens bewältigt werden müssen, so muss sich der Priester den Schwierigkeiten des pastoralen und priesterlichen Dienstes stellen, sowohl den inneren als auch den äußeren. Auf der Grundlage des Bundes mit Christus kann dies nur im Geist der Hingabe und des vollkommenen Vertrauens geschehen.
Der Priester als Abbild des Bräutigams
Im „Ehebund“ zwischen Christus und seiner Kirche steht der Priester kraft seiner Weihe aber vor allem auch auf der Seite Christi. Er vertritt den Gläubigen gegenüber Christus als den Bräutigam.
Sehr differenziert geht der hl. Papst Johannes Paul II. im Nachsynodalen Schreiben Pastores dabo vobis (Ich werde euch Hirten geben) darauf ein:
„Die Kirche ist der Leib, in dem Christus, das Haupt, gegenwärtig und wirksam ist, aber sie ist auch die Braut, die als neue Eva aus der geöffneten Seite des Erlösers am Kreuz erwächst: Darum steht Christus ‚vor‘ der Kirche, ‚nährt und pflegt‘ sie (Eph 5,29) durch die Hingabe seines Lebens für sie.
Der Priester ist berufen, lebendiges Abbild Jesu Christi, des Bräutigams der Kirche, zu sein: Sicher, er bleibt immer Teil der Gemeinde, als Glaubender zusammen mit allen anderen vom Geist zusammengerufenen Brüdern und Schwestern, aber kraft seiner Gleichgestaltung mit Christus, dem Haupt und Hirten, befindet er sich der Gemeinde gegenüber in dieser Haltung des Bräutigams. ‚Insofern er Christus als Haupt, Hirt und Bräutigam der Kirche darstellt, steht der Priester nicht nur in der Kirche, sondern auch der Kirche gegenüber‘ (Propositio 7). Er ist also dazu berufen, in seinem geistlichen Leben die Liebe des Bräutigams Christus zu seiner Braut, der Kirche, wiederzubeleben“ (Nr. 22).
Im Licht dieser Liebe des Bräutigams Christi zu seiner Braut, der Kirche, muss die priesterliche Keuschheit gesehen werden. Gerade das „eheliche“ Prinzip kann dem Priester helfen, die tiefe Menschlichkeit der priesterlichen Keuschheit zu entdecken. Sie zielt nämlich auf Fruchtbarkeit ab. Der Priester ist berufen, die Geburt Christi im Glauben und in den Herzen der ihm anvertrauten Gläubigen zu bewirken (vgl. 1 Kor 4,15). Nach dem Maß seiner Keuschheit, wird sein priesterlicher Dienst fruchtbar werden. Dabei geht es nicht um eine Kontrolle oder Unterdrückung seiner Gefühle, Wünsche und Instinkte, sondern darum, im pastoralen Dienst auf jeden Besitzanspruch zu verzichten, der Vereinnahmung von Menschen eine klare Absage zu erteilen, sich selbst völlig zurückzunehmen und sich uneigennützig in den Dienst der Erlösung zu stellen.
Dieses „eheliche Prinzip“ motiviert den Priester, mit allen seinen Brüdern und Schwestern eine heilige Gemeinschaft aufzubauen – zuerst mit dem Presbyterium und dann mit den ihm anvertrauten Gläubigen – und im Geist reiner Liebe und Treue nach der vollen „ehelichen Vereinigung“ zu streben, die sich im Himmel verwirklichen wird (vgl. Offb 19,7-9).
Maria – „persona Ecclesiae“
Was die Pfarreien und Gemeinschaften vor Ort für den Priester sind oder sein sollen, kann man am besten begreifen, wenn man den Blick auf die Jungfrau Maria richtet. Dies ist, wie der Apostel sagen würde, der weiseste Weg, auch wenn er aus weltlicher Sicht töricht erscheinen mag.
Wenn der Priester in persona Christi handelt, dann ist Maria persona Ecclesiae. Denn Maria verkörpert unter dem Kreuz die Kirche, sie ist Urzelle und Anfang der Kirche. Zugleich ist sie Urbild der Kirche, wie das II. Vatikanische Konzil sagt. In ihrer Einheit mit Christus ist Maria persona Ecclesiae, die vollkommene Braut Christi. Im „Ehebund“ verwirklicht sie all das, was die Kirche sein soll: hörend, glaubend, liebend und im Gebet mit Gott verbunden.
In der Enzyklika Mulieris Dignitatem über die Würde der Frau schreibt Johannes Paul II.: „Die Kirche besitzt zwar eine ‚hierarchische‘ Struktur (Lumen gentium, 18-29); doch diese ist ganz für die Heiligkeit der Glieder Christi bestimmt. Diese Heiligkeit wird aber an dem ‚tiefen Geheimnis‘ gemessen, in dem die Braut mit der Hingabe der Liebe die Hingabe des Bräutigams erwidert, und das tut sie ‚im Heiligen Geist‘; ‚denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist‘ (vgl. Röm 5,5).
Das II. Vatikanische Konzil hat, indem es die Lehre der gesamten Überlieferung bestätigte, daran erinnert, dass in der Hierarchie der Heiligkeit gerade die ‚Frau‘, Maria aus Nazaret, das ‚Bild‘ der Kirche ist. Sie geht allen auf dem Weg zur Heiligkeit voran; in ihrer Person hat die Kirche bereits ihre Vollkommenheit erreicht, dank derer sie ‚herrlich, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler erscheint (vgl. Eph 5,27)‘. In diesem Sinne, so kann man sagen, ist die Kirche zugleich ‚marianisch‘ und ‚apostolisch-petrinisch‘“ (Johannes Paul II., Mulieris Dignitatem, 27).
In der Fußnote zu eben diesem Artikel 27 der Enzyklika Mulieris Dignitatem schreibt der hl. Papst Johannes Paul II.: „Dieses marianische Profil ist ebenso – wenn nicht noch mehr – grundlegend und charakteristisch für die Kirche wie das apostolische und von Petrus geprägte Profil, mit dem es zutiefst verbunden ist (…) In diesem Sinn geht die marianische Dimension der Kirche der Petrusdimension voraus, wenn sie mit dieser auch eng verbunden ist und sie ergänzt. Maria, die Makellose, hat den Vortritt vor jedem anderen, selbstverständlich auch vor Petrus und den Aposteln: nicht nur, weil Petrus und die Apostel der unter der Sünde geborenen Schar des Menschengeschlechtes entstammen und zur Kirche gehören, die ‚aus Sündern geheiligt ist‘, sondern auch, weil ihr dreifaches Amt [KKK 1591: das Lehramt (munus docendi), das liturgische Amt (munus liturgicum oder celebrandi) und das Hirtenamt (munus regendi)] auf nichts anderes abzielt als darauf, die Kirche nach jenem Ideal der Heiligkeit zu formen, das in Maria bereits vorgeformt und vorgestaltet ist. Ein zeitgenössischer Theologe hat es gut ausgedrückt, wenn er sagt: ‚Maria ist «Königin der Apostel», ohne apostolische Vollmachten für sich in Anspruch zu nehmen. Sie hat anderes und mehr‘ (H. U. von Balthasar, Neue Klarstellungen, Einsiedeln 1979, S. 114)“ (Johannes Paul II., Ansprache an die Kardinäle und Prälaten der Römischen Kurie, 22.12.1987).
Der priesterliche Dienst in Einheit mit Maria
Der Priester kann seine priesterliche Vaterschaft besonders dadurch entdecken, dass er auf die Jungfrau Maria blickt. Und das nicht nur, weil der Priester wie Maria „Diener“ ist (vgl. Lk 1,38), sondern noch in einem viel tieferen Sinn. Die priesterliche Vaterschaft muss von der Mutterschaft der Jungfrau Maria her verstanden werden. Aus ihrem mütterlichen Schoß werden die Kinder der Kirche geboren. Und die Vaterschaft der Priester besteht in der Teilhabe an der geheimnisvollen Aufgabe, Jesus Christus in den Menschen zu gebären (vgl. 1 Kor 4, 15) und sie zur Vereinigung mit Christus zu führen.
So empfangen die Priester durch Maria die Gnade des Heiligen Geistes („Komm, Heiliger Geist, komm durch Maria“), der der Geist des Vaters und des Sohnes ist. Und auf geheimnisvolle Weise wirken die Priester mit dem Heiligen Geist des Vaters zusammen, um Jesus Christus, den Sohn Marias, in den Herzen der Menschen zu gebären.
Als Freunde des Bräutigams der Kirche sind die Priester berufen, ihre priesterliche Vaterschaft gemeinsam mit der Jungfrau Maria fruchtbar werden zu lassen und wie sie in den Menschen Heiligkeit hervorzubringen – eine Heiligkeit, die bereits in Maria angelegt und vorherbestimmt ist (vgl. Mulieris Dignitatem).
Den Priestern ist es aufgetragen, das Wort zu verkünden, damit alle durch ihre Stimme das Wort hören und so an der Wahrheit und Liebe des menschgewordenen Wortes teilhaben können. Sie rufen den Heiligen Geist auf die Täuflinge und Firmlinge herab. Sie rufen ihn auf Brot und Wein herab, damit Jesus Christus immer wieder Leib und Blut annehmen kann, so wie er es im Schoß der Jungfrau Maria getan hat.
Deshalb ist es für die Priester von großer Bedeutung, nicht nur auf die Gottesmutter zu „schauen“, sondern mit ihr eine persönliche Beziehung einzugehen. Sie kann den Priestern helfen, Christus alles zu übergeben, was sie haben, alles, was ihre Berufung ausmacht, einschließlich ihrer Fehler, Sünden und Niederlagen.
Maria ist die „Quelle lebendiger Hoffnung“. Sie kann die Priester, die in lebendiger Gemeinschaft mit ihr leben, davor bewahren, Skeptiker und Zyniker zu werden, oder, schlimmer noch, „Profis“ in der Lösung menschlicher Probleme, d. h. Bürokraten.
In unserer Zeit suchen die Menschen nach schnellen Lösungen, vor allem mithilfe von Technologien. Gottes Eingreifen in die Geschichte wird kaum mehr akzeptiert. So kann sich das Böse ungehindert ausbreiten. Hier erweist sich eine persönliche Beziehung zu Maria für die priesterliche Berufung als ungemein nützlich. Der Priester kann aus ihrer verlässlichen Kraft schöpfen, die im Kreuz wurzelt – genauer gesagt, an jenem Ort unter dem Kreuz, an dem Maria stand.
Vereint mit Maria unter dem Kreuz können die Priester für ihren Dienst auch die notwendige Geduld schöpfen. Sie werden begreifen, dass die Fruchtbarkeit ihres Dienstes nicht gleichbedeutend mit Erfolgen ist. Im Verweilen bei Maria lernen sie, dass wahre Fruchtbarkeit im Dienen selbst besteht. Denn sie sind Diener, Mitarbeiter, so wie auch Maria eine „Magd des Herrn“ war (Lk 1,38).
In der Verbundenheit mit Maria lernen die Priester, alle Bitten, Nöte, Leiden und Schmerzen (vgl. Joh 2,3), die ihnen die Menschen im Beichtstuhl anvertrauen, ihrem Sohn zu übergeben. Mit Maria können sie gerade auch den Menschen helfen, die Gott nicht kennen und nicht wissen, wie sie sich an ihn wenden sollen.
Maria ist die beste Lehrmeisterin für die priesterliche Keuschheit. In ihrer Schule können die Priester die Neigung überwinden, Gemeindemitglieder oder andere Menschen in Besitz nehmen zu wollen. In dieser wahren priesterlichen Keuschheit, die von der Keuschheit Marias geformt wird und frei von Besitzansprüchen ist, können die Menschen entdecken, dass sie wirklich geliebt sind, dass sie von Gott geliebt sind, und dass darin alles besteht, was für dieses Leben zählt.
Durch Maria zu Jesus
Maria führt die Priester zu Christus. Als Freunde des Bräutigams sind sie dazu berufen, ihre Beziehung zu Christus zu vertiefen. Diese Beziehung ist mystisch, nicht so sehr, weil sie mit irgendwelchen ekstatischen Erfahrungen verbunden ist, die sehr selten erlangt werden und nur wenigen Menschen zugänglich sind [vgl. die alte, aber immer noch aktuelle und überzeugende Erklärung von Louis Bouyer in seiner „Einführung in die christliche Spiritualität“, 1965], sondern vielmehr, weil sie die Möglichkeit eröffnet, in das Leben Jesu selbst einzutauchen. Das kann beispielsweise geschehen, wenn wir den Rosenkranz betrachtend beten oder das Evangelium lesen.
Wer aufmerksam betet, wer die Eucharistie mit ganzer Hingabe feiert, macht mit der Zeit jene mystische Erfahrung, die Paulus im Galaterbrief beschreibt: „Ich bin mit Christus gekreuzigt worden. Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Was ich nun im Fleische lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,19-21).
Wir dürfen keine Angst haben, uns ganz hinzugeben, mit all unseren Wünschen, Tätigkeiten, Gebeten, Freuden, Zweifeln, Leiden, Intuitionen, Freuden und Tränen. Wir dürfen uns nicht scheuen, Christus selbst um Eifer und Leidenschaft zu bitten, wie sie der Liebe Christi entsprechen, Christus zu bitten, uns Eifer für unser ganzes Leben zu schenken, uns die Möglichkeit zu geben, seine Mission zu erfüllen und fortzuführen.
Christus ist der Bräutigam der Kirche. Als seine Freunde nehmen die Priester an seiner Sendung teil. Das „Wort vom Kreuz“ lädt sie ein, ihren Blick auf das Ostergeheimnis Christi, des Bräutigams der Kirche, zu richten, um ihre Freundschaft mit Christus von allen unnötigen, falschen und sentimentalen Vorstellungen zu befreien. Die Worte Claudels in seinem wahrhaft christlichen Drama „Mariä Verkündigung“ bringen treffend dieses „Wort vom Kreuz“ zum Ausdruck und befreien es von jeglicher Sentimentalität: „Ist es etwa die Bestimmung des Lebens, zu leben? Sind die Füße der Kinder Gottes an diese elende Erde genagelt? Nicht zu leben, sondern zu sterben! Und nicht nur das Kreuz zu schnitzen, sondern es zu besteigen und alles hinzugeben, was wir haben – es lächelnd hinzugeben! Das ist Freude, das ist Freiheit, das ist Gnade, das ist unsterbliche Jugend! (...) Was ist die ganze Welt im Vergleich zum Leben wert? Und was ist das Leben wert, wenn man es nicht ... hingibt? Und warum quälen wir uns, wenn es doch so einfach ist, gehorsam zu sein?“ (P. Claudel, Mariä Verkündigung, S. 175).
Dann wird der priesterliche Dienst neue (eigentlich alte, denn – ewige), feste, frohmachende und zuverlässige Grundlagen finden, um sich den Krisen und Schwierigkeiten stellen zu können, von denen das kirchliche Leben derzeit beherrscht wird.
Das „Heimat-Lied“ von P. Josef Kentenich
Kürzlich wurden mir nachfolgende Verse von Pater Josef Kentenich, dem Gründer der Schönstattfamilie, übermittelt, die unter dem Titel „Heimat-Lied“ bekannt geworden sind. P. Kentenich verfasste sie während seines Aufenthalts im Konzentrationslager Dachau, wo er von 1942 bis 1945 inhaftiert war. Sie bilden eine Hymne an die Gottesmutter und ihren wunderbaren Beistand:
Kennst du das Land, so warm und traut,
das ewige Liebe sich erbaut:
Wo edle Herzen innig schlagen
und opferfreudig sich ertragen;
wo sie – einander bergend – gluten
und hin zum Gottesherzen fluten;
wo Liebesströme sprudelnd quillen,
den Liebesdurst der Welt zu stillen?
Kennst du das Land, so reich und rein,
der ewigen Schönheit Widerschein:
Wo adelige, starke Seelen
dem Gotteslamme sich vermählen;
wo helle Augen Wärme strahlen
und gütige Hände lindern Qualen;
wo fleckenlos sie stets sich falten,
zu bannen teuflische Gewalten?
Kennst du das Land, dem Himmel gleich,
das heiß ersehnte Freiheitsreich:
Wo Großmut, Schicklichkeitsempfinden
den Zug nach unten überwinden;
wo Gottes leise Wünsche binden
und freudige Entscheidung finden;
wo nach der Liebe Grundgesetzen
sie allseits siegreich durch sich setzen?
Kennst du das Land, von Freud‘ durchweht,
weil nie die Sonne untergeht:
Wo im Besitz der ewigen Güter
in Ruhe leben die Gemüter;
wo Herz und Wille stets sich laben
an Gottes überreichen Gaben;
wo schnell der Zauberstab der Liebe
in Freude wandelt alles Trübe?
Kennst du das Land, den Gottesstaat,
den aufgebaut der Herr sich hat:
Wo die Wahrhaftigkeit regieret
und Wahrheit herrscht und triumphieret;
wo nach des Rechtes heiligen Maßen
gemessen wird das Tun und Lassen;
wo Liebe einet Herz und Geister,
das Zepter führt der Herr und Meister?
Kennst du das Land, zum Kampf bereit,
an Sieg gewohnt in jedem Streit:
Wo Gott mit Schwachen sich vermählet
und sie als Werkzeug auserwählet;
wo heldisch alle ihm vertrauen
und nicht auf eigene Kräfte bauen;
wo sie bereit sind, Blut und Leben
aus Liebe jubelnd hinzugeben?
Nach jeder Strophe gibt P. Josef Kentenich folgende Antwort:
Dies Wunderland ist mir bekannt;
es ist im Taborglanz die Sonnenau,
wo unsere Dreimal Wunderbare Frau
im Kreise ihrer Lieblingskinder thront
und alle Liebesgaben treulich lohnt
mit Offenbarung ihrer Herrlichkeit
und endlos, endlos reicher Fruchtbarkeit:
Es ist mein Heimatland, mein Schönstattland!
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2026
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Auch die Himmelskönigin sagte ihr „Ja“ in Freiheit
Tun, wozu Gott uns braucht
Für Dr. Josef Bordat ist Maria die Proto-Christin, die erste Christin, sowohl in der Hierarchie der Heiligen als auch in der Chronologie der Heilsgeschichte; denn sie steht „am Beginn der historischen Manifestation Gottes“ in seiner Menschwerdung. Durch ihr freies „Ja“ zum Willen des Dreifaltigen Gottes konnte Maria Jesus in die Welt bringen. Ein solches „Ja“ wird auch von uns Christen ständig verlangt, so Bordat. Christsein bedeute marianisch sein. Und um zur „bräutlichen Zustimmung“ befähigt zu werden, habe die Gottesmutter den „Segen der Sündenfreiheit“ erhalten. Eine Betrachtung zum Marienmonat Mai.
Von Josef Bordat
Im Mai steht sie im Mittelpunkt: Maria. Die Gottesmutter und Himmelskönigin ist die bedeutendste Heilige der Kirche. Zu Recht, denn sie trägt etwas sehr Wichtiges zum Heilsgeschehen bei: Sie bringt Gott zur Welt, in ihrem Sohn Jesus. Von ihm wird sie in den Himmel aufgenommen und über die Engelschar erhöht. Mutterschaft und Krönung, Mutter und Königin – die Kirche schreibt Maria höchste Autorität zu.
Maria, die erste Christin
Für mich ist Maria vor allem eines: die erste Christin. Sie sagt ja zu Gott und zu seiner Menschwerdung. Sie sagt ja zu Jesus. Ihr fiat – „[mir] geschehe“, Lk 1,38) – ist Bedingung und Beginn der irdischen Geschichte des Herrn. Sie ist damit nicht nur in der Hierarchie der Heiligen die „First Lady“, sondern auch zeitlich. Sie steht am Beginn der historischen Manifestation Gottes.
Lukas berichtet davon, als handle es sich um einen Zuruf auf dem Büroflur, um eine Anweisung auf kurzem Dienstweg. „Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben“ (Lk 1,30-31). Empfangen, gebären, Namen geben. Das kommt jetzt etwas überraschend. Und zudem ungelegen. Wieso ich? Wieso jetzt? Maria hätte allen Grund gehabt, geschockt zu sein. Und „Nein!“ zu sagen. Oder auch im Schweigen zu erstarren.
Doch Maria stellt Gottes Plan nicht grundsätzlich in Frage, sondern bittet nur um Klärung im Hinblick auf ein kleines Detail: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ (Lk 1,34). Nachdem das geklärt ist („Der Heilige Geist wird über dich kommen“, Lk 1,35) und durch das Beispiel ihrer Verwandten untermauert wurde („Auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt“, Lk 1,36), ist die alles tragende Meta-Botschaft („Denn für Gott ist nichts unmöglich“, Lk 1,37) für Maria so glaubwürdig, dass sie einwilligt: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“, Lk 1,38).
Es geht nur in Freiheit
Gott, für den nichts unmöglich ist, lässt Maria die Möglichkeit zum Widerspruch. Er will ihre freie Entscheidung. Gott hat Maria zu allem erwählt, aber zu nichts gezwungen. Dabei hängt eine ganze Menge ab von dieser Entscheidung Marias. Weihnachten steht auf dem Spiel. Wenn Maria nicht einstimmt in den Willen Gottes, kann Gott nicht Mensch werden. Dann bleibt alles beim Alten. Trotzdem: Es geht nur in Freiheit: Menschwerdung, Erlösung, Heil. Und Maria sagt in Freiheit „Ja“ zu Gott und „Ja“ zu dem Kind. Dreimal täglich gedenken wir Katholiken dieses Heilsereignisses, wenn wir nämlich um 6 Uhr (oder um 8 Uhr), um 12 Uhr und um 18 Uhr den „Engel des Herrn“ beten, um im Alltag Verkündigung und Menschwerdung zu betrachten, zwei ganz zentrale Glaubensgeheimnisse des Christentums.
Maria ist eine demütige, gottesfürchtige Frau, die Gott bedingungslos vertraut. Ihr Ja gilt dem dreifaltigen Gott, dem Vater, dem Schöpfer, was man von einer jungen Jüdin auch erwarten kann, aber eben auch dem Heiligen Geist, der Kraft Gottes, die über sie kommen wird, und Jesus, der durch sie zur Welt kommt. Christ sein bedeutet, in diesem Sinne marianisch zu leben: Ja-Sagen zum dreifaltigen Gott und Jesus zur Welt bringen, zu den Menschen. Wer wie Maria leben will, hat verstanden, was es heißt, wie ein Christ zu leben. Das ist die zentrale Bedeutung Marias, Proto-Christin zu sein, Vorbild im Glauben.
Ohne Erbsünde empfangen
Maria, so lehrt die Kirche, sei ohne Erbsünde empfangen. Gefeiert wird das unter dem verhängnisvollen Kurztitel „Mariä Empfängnis“, aus dem im Volksmund fatalerweise „unbefleckte Empfängnis“ wurde. Fatal ist das deshalb, weil es der allgemeinen Desinformation zu Glaubensfragen in die Karten spielt. So meinen denn auch prompt einige, die Kirche nenne die Empfängnis Jesu im Schoß Marias durch den Heiligen Geist „unbefleckt“ und halte dann wohl umgekehrt einen normalen Geschlechtsakt für „befleckt“, also „sündhaft“.
Gemeint ist mit der „unbefleckten Empfängnis“ aber nicht, dass Maria ohne Sex schwanger wurde, sondern dass sie selbst im Schoß ihrer Mutter Anna ohne Sünde empfangen und sündenlos geboren wurde. Deswegen heißt es ganz offiziell auch „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“, nicht „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenden Jungfrau und Gottesmutter Maria“.
Warum aber wiederum dies: „ohne Erbsünde empfangen“? Warum sagt die Kirche, Maria sei frei von Schuld? Der Gedanke ist folgender: Wenn Jesus auch als Mensch frei von Sünde war, dann brauchte Er in Seinem Wachsen und Werden als Mensch eine Umgebung, die ebenfalls (weitgehend) frei von Sünde blieb.
Das betrifft auch Jesu Ziehvater Josef, einen fleißigen, bescheidenen Mann, die Verwandte Elisabeth, eine gottesfürchtige Frau, den etwa gleichaltrigen Johannes, der ihm als Mahner in der Wüste voranging, insbesondere aber seine Mutter Maria, die mit ihm so eng verbunden war wie kein anderer Mensch. Als Gottesmutter trug Maria Jesus in sich, gab ihm neun Monate lang einen besonderen Platz auf Erden: ihren Körper.
„Bräutliche Zustimmung“ zum göttlichen Plan
Das verlangte eine besondere Gestimmtheit Marias. Nicht nur, dass sie durch ihre freie Entscheidung, „Magd des Herrn“ (Lk 1,38) sein zu wollen, zum göttlichen Plan ihr Einverständnis geben sollte (und es mit ihrem fiat als „bräutlicher Zustimmung“ – so Thomas von Aquin – auch gab), also als junges Mädchen bereit sein sollte (und bereit war) für die besondere Schwangerschaft, nein, auch von Gott her musste sie dafür entsprechend vorbereitet sein, damit Mutter und Kind zueinander passen.
In der Bulle Ineffabilis Deus vom 8. Dezember 1854 (Papst Pius IX.) wird das Dogma der Immaculata Conceptio entsprechend formuliert: „Die seligste Jungfrau Maria wurde im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch ein einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechtes, rein von jedem Makel der Erbschuld bewahrt.“ Das Dogma von der ohne Erbsünde empfangenen Gottesmutter ist nach den beiden Mariendogmen der Alten Kirche eine der beiden neueren dogmatischen Glaubensaussagen zu Maria, die den Status unfehlbar haben (die andere betrifft Mariä leibliche Aufnahme in den Himmel; 1950, Papst Pius XII.).
Gesegnet bist du unter den Frauen
Diese besondere Gnade der Sündenlosigkeit lässt sich nicht nur philosophisch und theologisch, sondern auch biblisch begründen. Schon der Gruß des Engels („Gegrüßt seist du, Begnadete“, Lk 1,28) deutet an, in welche Richtung die Beziehung Gottes zu Maria geht: Sie erfährt in Sachen Sünde und Schuld die gleiche Gnade wie der Mensch Jesus.
Elisabeth bekräftigt die Gleichheit der Gnade, die sowohl Maria als auch Jesus in seiner menschlichen Natur von Gott geschenkt wurde: „Du bist gesegnet unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes“ (Lk 1,42). Der besondere Segen der Sündenfreiheit wird beiden zuteil: Maria und Jesus, dem Menschensohn. Elisabeth nennt Maria zudem „Mutter meines Herrn“. Sie sagt: „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ (Lk 1,43) Die Mutter war im Alten Orient die Hauptratgeberin eines Fürsten, also die eigentliche „First Lady“. Wie gesagt: Das passt zu Maria.
Gott gibt auch uns die Möglichkeit zur freien Entfaltung und Entscheidung – Fehler und Verfehlung eingeschlossen. Die Kirche führt uns in Maria ein Beispiel vor Augen, wie wir mit dieser Freiheit gut umgehen: Gottes Willen achten und uns der Bindung an Gott bewusst sein. Nicht unser eigenes Ding durchziehen, sondern das tun, wozu Gott uns braucht. Unser „Ja“ wird ständig verlangt.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2026
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Rosenkranz für den Frieden mit Papst Leo XIV.
„Wahre Stärke zeigt sich im Dienst am Leben“
Mit seinem Friedensappell bei der Gebetsvigil am 11. April 2026 im Petersdom löste Papst Leo XIV. ein weltweites Medienecho aus. Das hat er vor allem dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu „verdanken“, der sich vom Papst persönlich angesprochen und angegriffen fühlte. Auf seine harsche Kritik antwortete der Papst sehr gefasst, nämlich bei der Pressekonferenz auf dem Flug nach Algerien. Auch der Vatikan reagierte überraschend direkt und ausführlich. Der Jesuitenpater Antonio Spadaro, der frühere Chefredakteur der Jesuitenzeitschrift „La Civiltà Cattolica“ und jetzige Untersekretär des Dikasteriums für die Kultur und die Bildung, bezeichnete die Attacken des US-Präsidenten als „Deklaration der Ohnmacht“.
Von Papst Leo XIV.
Dramatische Stunde der Geschichte
Liebe Brüder und Schwestern, euer Gebet ist Ausdruck jenes Glaubens, der nach den Worten Jesu Berge versetzt (vgl. Mt 17,20). Danke, dass ihr dieser Einladung gefolgt seid und euch hier am Grab des heiligen Petrus wie auch an vielen anderen Orten der Welt versammelt habt, um für den Frieden zu beten. Der Krieg trennt, die Hoffnung verbindet. Die Selbstherrlichkeit tritt nieder, die Liebe erhebt. Götzendienst macht blind, der lebendige Gott erleuchtet. Ein wenig Glaube, ein Krümelchen Glaube genügt, ihr Lieben, um gemeinsam, als Menschheit und mit Menschlichkeit, dieser dramatischen Stunde der Geschichte zu begegnen.
Das Gebet ist die wirkungsvollste Antwort
Das Gebet ist nämlich kein Zufluchtsort, um uns unserer Verantwortung zu entziehen, es ist kein Betäubungsmittel, um den Schmerz zu vermeiden, den so viel Ungerechtigkeit auslöst. Es ist vielmehr die selbstloseste, umfassendste und wirkungsvollste Antwort auf den Tod: Wir sind ein Volk, das bereits aufersteht! In einem jeden von uns, in jedem Menschen lehrt der innere Meister nämlich den Frieden, er drängt zur Begegnung und regt uns zum Gebet an. Lasst uns also den Blick erheben! Erheben wir uns aus den Trümmern! Nichts kann uns auf ein vorbestimmtes Schicksal festlegen, auch nicht in dieser Welt, in der es anscheinend noch nicht genug Gräber gibt, weil man weiter kreuzigt und Leben vernichtet, ohne Recht und ohne Gnade.
Auch mein Appell: „Nie wieder Krieg!“
Der hl. Johannes Paul II., ein unermüdlicher Botschafter des Friedens, sagte im Zusammenhang der Irak-Krise im Jahr 2003 mit bewegter Stimme: „Ich gehöre der Generation an, die den Zweiten Weltkrieg erlebt und überlebt hat, und habe daher die Pflicht, allen jungen Menschen, all jenen, die jünger sind als ich und diese Erfahrung nicht gemacht haben, zu sagen: ,Nie wieder Krieg!‘ Eben dies betonte Paul VI. bei seinem ersten Besuch bei den Vereinten Nationen. Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun! Wir wissen sehr wohl, dass ein Friede um jeden Preis nicht möglich ist. Aber wir wissen auch, wie groß diese Verantwortung ist“ (Angelus, 16. März 2003). Seinen so aktuellen Appell mache ich mir zu eigen.
Damm gegen Allmachtsphantasien
Das Gebet lehrt uns zu handeln. Die begrenzten menschlichen Möglichkeiten verbinden sich im Gebet mit den unendlichen Möglichkeiten Gottes. Gedanken, Worte und Taten sprengen so die teuflische Fessel des Bösen und stellen sich in den Dienst des Reiches Gottes: eines Reiches, in dem es weder Schwerter noch Drohnen, weder Rache noch Verharmlosung des Bösen und auch keinen ungerechten Gewinn gibt, sondern allein Würde, Verständnis und Vergebung. Damit haben wir einen Damm gegen jene Allmachtsphantasien, die um uns herum immer unberechenbarer und aggressiver werden. Das Gleichgewicht in der Menschheitsfamilie ist schwer erschüttert.
Wie im Albtraum erscheinen allerorts Feinde
Sogar der heilige Name Gottes, des Gottes des Lebens, wird für Todesreden herangezogen. So verschwindet eine Welt von Brüdern und Schwestern mit einem einzigen Vater im Himmel, und wie in einem nächtlichen Albtraum erscheinen allerorts Feinde. Überall sind Drohungen zu vernehmen, statt Aufrufe zum Zuhören und zur Begegnung. Brüder und Schwestern, wer betet, ist sich seiner Grenzen bewusst, er tötet nicht und droht nicht mit dem Tod. Dem Tod unterworfen ist hingegen, wer dem lebendigen Gott den Rücken gekehrt hat, um sich selbst und seine eigene Macht zum stummen, blinden und tauben Götzen zu machen (vgl. Ps 115,4-8), dem alle Werte geopfert werden und der verlangt, dass die ganze Welt vor ihm die Knie beugt.
Schluss mit der Zurschaustellung von Macht!
Schluss mit der Selbstvergötterung und mit der Vergötzung des Geldes! Schluss mit der Zurschaustellung von Macht! Schluss mit dem Krieg! Wahre Stärke zeigt sich im Dienst am Leben. Johannes XXIII. schrieb in evangeliumsgemäßer Schlichtheit: „Der Friede [ist] von höchstem Wert für alle: für die einzelnen Menschen, für den häuslichen Herd, für die Völker und schließlich für die gesamte Menschheitsfamilie.“ Und in Wiederholung der markanten Worte Pius‘ XII. fügte er hinzu: „Nichts ist mit dem Frieden verloren. Aber alles kann mit dem Krieg verloren sein“ (Enzyklika Pacem in terris, 62).
Vereinen wir uns gegen den Wahnsinn des Krieges
Vereinen wir also die moralische und geistliche Kraft von Millionen, ja Milliarden von Männern und Frauen, von Alten und Jungen, die heute an den Frieden glauben, die sich heute für den Frieden entscheiden, die die Wunden heilen und die Schäden beheben, die der Wahnsinn des Krieges hinterlassen hat. Ich erhalte viele Briefe von Kindern aus Konfliktgebieten: Wenn man sie liest, erkennt man angesichts ihrer Unschuld das ganze Grauen und die Unmenschlichkeit von Taten, mit denen sich manche Erwachsene stolz brüsten. Hören wir auf die Stimme der Kinder!
Dialog statt Aufrüstung
Liebe Brüder und Schwestern, gewiss tragen die Regierenden der Nationen eine nicht delegierbare Verantwortung. Ihnen rufen wir zu: Haltet ein! Es ist Zeit für den Frieden! Setzt euch an den Tisch des Dialogs und der Vermittlung, nicht an die Tische, an denen die Aufrüstung geplant und tödliche Maßnahmen beschlossen werden! Es gibt jedoch auch eine nicht minder große Verantwortung von uns allen, Männern und Frauen aus vielen verschiedenen Ländern: einer riesigen Menge, die den Krieg ablehnt, und zwar mit Taten, nicht nur mit Worten.
Lasst uns wieder an die Liebe und an gute Politik glauben
Das Gebet verpflichtet uns, das, was es in unseren Herzen und in unseren Köpfen noch an Verletzendem gibt, zu verwandeln: Bekehren wir uns zu einem Reich des Friedens, an dem Tag für Tag in den Häusern, in den Schulen, in den Stadtvierteln, in den zivilen und religiösen Gemeinschaften gebaut wird, indem wir durch Freundschaft und durch eine Kultur der Begegnung der Polemik und der Resignation den Boden entziehen. Lasst uns wieder an die Liebe, an Mäßigung und an gute Politik glauben. Bilden wir uns entsprechend und bringen wir uns persönlich ein, jeder entsprechend seiner Berufung. Ein jeder hat seinen Platz im Mosaik des Friedens!
Es gibt „eine ,Architektur‘ des Friedens
Der Rosenkranz hat uns heute Abend, wie andere altüberlieferte Gebetsformen auch, in seinem regelmäßigen, auf Wiederholung beruhenden Rhythmus vereint: So bahnt sich der Friede seinen Weg, Wort für Wort, Geste für Geste, so wie steter Tropfen den Stein höhlt, so wie das Gewebe im Webstuhl mit jeder neuen Reihe weiterwächst. Es sind die langsamen Zeiten des Lebens, ein Zeichen der Geduld Gottes. Wir dürfen uns nicht von der Beschleunigung einer Welt mitreißen lassen, die nicht weiß, wem oder was sie hinterherläuft, sondern müssen wieder dem Rhythmus des Lebens und der Harmonie der Schöpfung dienen und ihre Wunden heilen. Wie Papst Franziskus gesagt hat, sind „Friedensstifter vonnöten, die bereit sind, einfallsreich und mutig Prozesse zur Heilung und zu neuer Begegnung einzuleiten“ (Enzyklika Fratelli tutti, 225). Es gibt in der Tat „eine ,Architektur‘ des Friedens, zu der die verschiedenen Institutionen der Gesellschaft je nach eigener Kompetenz beitragen; doch es gibt auch ein ,Handwerk‘ des Friedens, das uns einbezieht“ (ebd., 231).
Die Kirche lehnt die Kriegslogik ab und verkündet das Evangelium
Liebe Brüder und Schwestern, kehren wir mit dem Vorsatz nach Hause zurück, stets und unermüdlich zu beten und eine tiefe Bekehrung des Herzens zu vollziehen. Die Kirche ist ein großes Volk im Dienst der Versöhnung und des Friedens, das ohne Zögern seinen Weg geht, auch wenn die Ablehnung der Kriegslogik ihr Unverständnis und Verachtung einbringen mag. Sie verkündet das Evangelium des Friedens und erzieht dazu, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, besonders wenn es um die unendliche Würde anderer Menschen geht, die durch fortwährende Verletzungen des Völkerrechts aufs Spiel gesetzt wird. „Weltweit ist es wünschenswert, dass jede Gemeinde ein ,Haus des Friedens‘ werden soll, wo man lernt, Feindseligkeit durch den Dialog zu entschärfen; wo Gerechtigkeit praktiziert wird und Vergebung gelebt wird. Denn heute ist es mehr denn je nötig, [...] zu zeigen, dass der Friede keine Utopie ist“ (Botschaft zum 59. Weltfriedenstag, 1. Januar 2026).
Wir sind eine große Familie, die wieder aufsteht
Brüder und Schwestern aller Sprachen, Völker und Nationen: Wir sind eine große Familie, die weint, die hofft und die wieder aufsteht. „Nie wieder Krieg, dieses Abenteuer ohne Wiederkehr, nie wieder Krieg, diese Spirale von Trauer und Gewalt“ (Johannes Paul II., Gebet für den Frieden, 2. Februar 1991). Liebe Brüder und Schwestern, der Friede sei mit euch allen! Es ist der Friede des auferstandenen Christus, die Frucht seines Liebesopfers am Kreuz. Darum wenden wir uns im Gebet an ihn:
Herr Jesus,
du hast den Tod besiegt, ohne Waffen und ohne Gewalt:
Du hast seine Macht durch die Kraft des Friedens zunichtegemacht.
Schenk uns deinen Frieden, wie den verunsicherten Frauen am Ostermorgen,
wie den versteckten und verängstigten Jüngern.
Sende deinen Geist, den Atem, der Leben schenkt, der versöhnt,
der Gegner und Feinde zu Brüdern und Schwestern macht.
Erfülle uns mit dem Vertrauen Mariens, deiner Mutter,
die mit gebrochenem Herzen unter deinem Kreuz stand,
unerschütterlich im Glauben an deine Auferstehung.
Möge der Wahnsinn des Krieges ein Ende finden
und mögen Menschen für die Erde Sorge tragen und sie bestellen,
die noch wissen, wie man Leben hervorbringt,
wie man es bewahrt, wie man es liebt.
Erhöre uns, Herr des Lebens!
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2026
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Klare Worte von Bischof Dr. Bertram Meier zu brennenden Fragen
Eins in Christus
Für den katholischen Fernsehsender K-TV führte Pfarrer Dr. Thomas Maria Rimmel, der als Geistlicher Assistent für den Sender freigestellt ist, mit seinem Heimatbischof Dr. Bertram Meier, also dem Diözesanbischof in Augsburg, ein ausführliches Interview. Das Treffen fand in Rom statt, wo sich Bischof Meier als Mitglied des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen und als Mitglied des Dikasteriums für den Interreligiösen Dialog, aber auch als Emissär der Deutschen Bischofskonferenz für den Campo Santo Teutonico regelmäßig aufhält. Themen waren die Lage im Nahen Osten, der Synodale Weg in Deutschland und das 500-Jahr-Jubiläum der „Confessio Augustana“ im Jahr 2030, auf das wir mit großen Schritten zugehen.
Interview mit Bischof Dr. Bertram Meier, Augsburg
Pfarrer Dr. Thomas Maria Rimmel: Herr Bischof, neben Ihrer Verantwortung für das Bistum Augsburg und Ihren Verpflichtungen hier in Rom sind Sie auf der Ebene der Deutschen Bischofskonferenz der Vorsitzende der Kommission Weltkirche. Wie blicken Sie derzeit auf den Iran und den Nahen Osten?
Bischof Dr. Bertram Meier: Mir macht die Situation dort große Sorgen, weil ich befürchte, dass dieser bewaffnete Konflikt das Zeug dazu hat, sich zu einem Flächenbrand auszuweiten. Und das wäre sehr, sehr schlimm. Wir haben ja einige schwierige Situationen im Nahen und Mittleren Osten. Ich denke an den Gazastreifen, dann auch an den Libanon. Vor einem Monat, Mitte Februar, war ich in Syrien und habe gesehen, welche Spuren der IS dort hinterlassen hat. Und jetzt kommt noch der Iran hinzu. Auf der einen Seite, glaube ich, müssen wir großes Mitleid mit dem iranischen Volk haben. Wir waren ja Zeugen der Protestaktionen, die mit brutaler Gewalt seitens des Staates, seitens des Regimes niedergeschlagen worden sind. Auf der anderen Seite müssen wir aber immer wieder auch bedenken, dass Gewalt allein keine Konflikte zu lösen vermag. Ich bin deshalb unserem Papst Leo sehr, sehr dankbar, dass er zusammen mit seinen engsten Mitarbeitern, gerade auch Kardinalstaatssekretär Parolin, die Kraft der Diplomatie in den Mittelpunkt rückt. Wir stehen hier vor einer Geschichte, deren Ende, deren Ausgang uns nicht klar ist. Einerseits können wir verstehen, dass einem gepeinigten Volk von außen Hilfe zuteilwerden soll. Aber ich denke, dass wir andererseits hier bei diesen Attacken, sei es von den Israelis, sei es von den Amerikanern, auch genau hinschauen müssen. Und ich betone noch einmal: Dialog, Diplomatie ist immer viel, viel besser als Gewalt, denn damit ist meistens der Konflikt nicht gelöst. Gewalt löst wieder Gegengewalt aus.
Sie erwähnen, dass Sie in Syrien waren. Haben denn die Christen in Syrien überhaupt eine Zukunft?
Von der Reise nach Syrien war ich sehr bewegt und auch beeindruckt. Einige Zahlen: Vor der Zeit des IS gab es in Syrien etwa 1,5 Millionen Menschen, Bürgerinnen und Bürger, die sich Christen nannten, quer durch alle Konfessionen. Jetzt sind es nur noch etwa 300.000, also ein Fünftel. Ich habe nicht nur Würdenträger besucht, sondern war auch auf dem Land. Ich erinnere an die Ortschaft Maalula, die ja international bekannt geworden ist. Dort gibt es ein Kloster, das den Heiligen Sergius und Bacchus geweiht ist. Es geht auf das vierte Jahrhundert zurück und wurde zum Teil zerstört; inzwischen ist es wieder aufgebaut. Und da ist noch ein Mönch, der ausharrt. In Maalula, einer ursprünglich christlich geprägten Ortschaft, haben wir eine aramäische Familie besucht. Aramäisch ist ja die Sprache, die Jesus selbst gesprochen hat. Die ältere Generation bleibt im Land, also Opa, Oma und auch die Generation der Eltern. Allerdings haben die Kinder, die jungen Leute, mit de-nen ich sprechen konnte, im Sinn, das Land zu verlassen. Es ist interessant, dass viele christliche Kirchen in Syrien Schulen unterhalten. Und dort werden sowohl die Sachkompetenz als auch die Kenntnis von Fremdsprachen großgeschrieben, sodass die junge Generation gut präpariert ist, auch im Ausland einen guten Weg zu gehen. Aber wenn das Land ausblutet, wenn die intellektuelle Elite das Land mehr und mehr verlässt, dann wird es schwierig.
Sie sind hier im Vatikan auch Mitglied des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen, wie es heute heißt. Wie sehen Sie im Blick auf die Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind, die unterschiedlichen Akzente von Papst Benedikt, Papst Franziskus und eben jetzt Papst Leo?
Eines ist mir wichtig: Auch wenn ich hier versuche, einige Unterschiede herauszumodellieren, möchte ich auf keinen Fall einen Papst gegen den anderen ausspielen. Es sind eher jeweils stärkere Akzentsetzungen. Oder im Vergleich mit einer Symphonie gesprochen: Die „Symphonie der Ökumene“ hat besondere Motive, besondere Teile, die dann vom jeweiligen Papst stärker ins Licht gerückt werden. Wir hatten in Papst Benedikt XVI. einen „Theologenpapst“, dem die Suche nach der Wahrheit ein Herzensanliegen war. Schon sein Wahlspruch, Mitarbeiter der Wahrheit sein zu wollen, spricht Bände. Auch durch seine Biografie und durch seine Neigung hat er die Frage nach der Wahrheit ganz, ganz stark in den Mittelpunkt gerückt. So wurde gerade im Dialog mit den Konfessionen, mit den kirchlichen Gemeinschaften, die aus der Reformation entstanden sind, der theologische Disput großgeschrieben, auch das Ringen miteinander. Also eine Ökumene, die sich der Wahrheit verpflichtet fühlt.
Papst Franziskus hat bekanntlich das Abendmahl, die Eucharistie, in den Mittelpunkt gestellt. Ich erinnere an seinen Besuch in der evangelischen Kirche hier in Rom, bei dem er einen Kelch geschenkt hat. Und manchmal sagte er so ein bisschen salopp: „Macht mal, geht voraus!“ Also bei ihm war es eher eine Ökumene der Praxis, eine Ökumene des Lebens, wenn wir so wollen. Dass natürlich das Leben auch reflektiert sein muss, das ist, wie ich glaube, ganz, ganz wichtig. Aber Papst Franziskus hat hier stärker diese „Ökumene der Praxis“ betont, auch die „Ökumene des gemeinsamen Zeugnisses“, gerade im gesellschaftlichen Disput, in dem wir stehen.
Im sozialen Bereich?
Ja, im sozialen Bereich – das kennen wir ja von seinen großen Dokumenten wie Laudato si‘ oder Fratelli tutti.
Was jetzt Papst Leo XIV. betrifft, der knapp ein Jahr im Amt ist: Auf der einen Seite ist ihm die Ökumene insgesamt sicherlich ein großes Anliegen, aber wie er zu den Gemeinschaften, die in der Reformation entstanden sind, also den evangelischen Kirchen, steht, das kann man, glaube ich, noch nicht so sagen. Er wird sicherlich diesen Weg seiner beiden Vorgänger fortsetzen. Aber in jedem Fall unterstreicht er sehr stark die Ökumene mit den östlichen Kirchen. Das haben wir bei seiner ersten großen apostolischen Reise gesehen, die ihn anlässlich des Jubiläums des Konzils von Nicäa zunächst in die Türkei und dann in den Libanon geführt hat.
Auch dass der Sekretär, also der zweite Mann des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen, noch unter Papst Franziskus von der Ostkirchenbehörde in das Einheitsdikasterium gewechselt ist, kann durchaus als Signal verstanden werden: Bitte vergessen wir die orthodoxen Christen nicht! Und hier haben wir theologisch wenig Schwierigkeiten. Da liegen dann noch andere Dinge auf der Tagesordnung, die es zu klären gilt.
Jetzt sind Sie Bischof von Augsburg und diese Stadt ist im Blick auf die Kirchen, die aus der Reformation hervorgegangen sind, nicht unbedeutend. 1530 wurde dort die Confessio Augustana veröffentlicht, eine der bedeutendsten lutherischen Bekenntnisschriften, die es gibt. Warum ist sie auch für uns Katholiken bedeutsam?
Dies hat zwei Gründe. Das Erste, ein historischer Grund: Sie wurde, wie Sie gesagt haben, in Augsburg proklamiert, der Stadt, in der auch immer wieder Ereignisse stattgefunden haben, die mit der Reformation zu tun haben. Und diese Confessio Augustana ist ein Dokument des Reichstages, der 1530 in Augsburg stattgefunden hat. Das ist das Erste, das Lokalkolorit.
Das Zweite aber ist die theologische Bedeutung. Es war nicht Martin Luther, der die Confessio Augustana verfasst hat. Er war ja gebannt und konnte den Reichstag nur von der oberfränkischen Veste Coburg aus mitverfolgen. Der eigentliche Schreiber dieses Dokumentes war Philipp Melanchthon. Martin Luther ließ sich dann auch zu der Bemerkung hinreißen mit Blick auf den Text und auch den Verfasser: „So leise hätte ich nicht treten können.“ Also Luther war dieser Text fast ein bisschen zu weich. Warum sagte er das? Weil der Text die Intention hatte, noch die Einheit zwischen den sogenannten Altgläubigen und den Reformatoren zu wahren. Dieser Versuch ist leider gescheitert. Aber das ist, wie ich glaube, der Schlüssel für das Verständnis der Confessio Augustana, dass wir sie also weniger als ein konfessionsgründendes Dokument lesen als vielmehr als Versuch, die Einheit in einem gemeinsamen Glauben zu bewahren. Und das ist meiner Meinung nach der richtige Schlüssel, um auch auf das Jubiläum 2030 zuzugehen: dass wir nicht so sehr in der Kontroverse-Theologie verharren, nicht so sehr polarisierend, konfessionalistisch vorgehen, sondern dass wir schauen, wie wir die Confessio Augustana gemeinsam im ökumenischen Schulterschluss lesen können und dann vielleicht auch den einen oder anderen Anknüpfungspunkt sehen. Noch etwas ist zu bedenken: Die Confessio Augustana bewegt sich auf der Ebene von zwei großen Kirchen. Dass es damals auch die Täuferbewegung gegeben hat, auch in und um Augsburg herum, das ist ein bisschen ein Schatten über diesem Dokument. Es ist kein multilaterales Dokument, sondern betrifft nur die katholische Kirche und die Lutheraner. Die anderen bleiben eigentlich außen vor.
1999 wurde im Augsburger Rathaus die vom Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen und dem Lutherischen Weltbund erarbeitete gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre unterzeichnet. Warum ist diese Erklärung so bedeutsam?
Zunächst darf ich eine kleine Fußnote anbringen. Es handelt sich um einen theologischen Text und der ist nicht im Goldenen Saal des Rathauses in Augsburg unterschrieben worden, sondern in der St. Anna Kirche. Auch da ist schon einmal die Kirche Programm. Es geht hier wirklich um eine theologische Sache. Deshalb war es recht und billig, die Unterschrift in St. Anna zu leisten.
Warum ist dieses Dokument so wichtig? Die Grundfrage, die Martin Luther umgetrieben hat, war: Wie finde ich einen gnädigen Gott? Darüber wurde diskutiert, auch hart gerungen. Und es geht letztlich um die Frage: Wie stehen Gnade und gute Werke zueinander? Wie kann ich diese beiden Dinge zueinander bringen? Und es ist leider so, dass Gnade und gute Werke oft auseinanderdividiert worden sind, bis dahin, dass man sich eigentlich mit guten Werken, mit Almosen, mit Beten den Himmel verdienen kann. Dem ist nicht so, sondern die Gnade geht den guten Werken voraus. Die guten Werke sind Ausfluss der Gnade Gottes, die er uns schenkt. Und da sind wir, denke ich, sehr, sehr weit gekommen mit der Rechtfertigungserklärung. Allerdings ist es in der Ökumene manchmal so wie mit der Hydraschlange. Man löst ein Problem, sprich, man schlägt einen Kopf ab und neue wachsen hervor. Denn die Frage, die in der Rechtfertigungserklärung nicht thematisiert worden oder eher am Rande vorgekommen ist, ist die Frage der Kirche. Welche Rolle spielt die Kirche in der Vermittlung des Heils? Oder katholisch gefragt: Können wir Kirche als Sakrament, als Zeichen und Werkzeug für das Heil denken? Das ist noch ungelöst und wir müssen weiter an der Frage der Mittlerschaft der Kirche für das Heil bleiben.
2030 wird der 500. Jahrtag der Confessio Augustana begangen. Was ist geplant in Augsburg oder darüber hinaus?
Da kann ich noch ganz wenig dazu sagen, denn es läuft langsam an. Um Weihnachten herum hielt eine Delegation von evangelischer Seite in Augsburg eine Tagung ab, bei der ich ein Impulsreferat über die Confessio Augustana aus katholischer Sicht halten durfte. Schon jetzt steht fest, dass der Lutherische Weltbund seine große Versammlung in Augsburg abhalten möchte. Aber wir wollen dieses Fest in jedem Fall ökumenisch feiern. Wenn es uns gelingt, in Analogie zum Reformationsgedenken 2017, das als Christusfest begangen wurde, auch die Confessio Augustana im Licht Jesu Christi zu feiern, dann sind wir auf einem guten Weg. Historisch gesehen fand die Unterzeichnung der Confessio Augustana damals im Juni statt. Aber das Jubiläum wird sicherlich eine große Sache werden, die sich mit verschiedenen Veranstaltungen über das ganze Jahr hinzieht.
Erst kürzlich äußerten Sie für den 500. Jahrestag der Confessio Augustana die Hoffnung auf eine gemeinsame Erklärung zu den Themen Kirche, Amt und Sakramente. Das hört sich wirklich groß an. Was stimmt Sie hoffnungsvoll und was könnte in einem solchen Dokument stehen?
Es ist eigentlich die Fortführung dessen, was ich vorher zur Confessio Augustana und zur Rechtfertigungserklärung gesagt habe. Während die Gottunmittelbarkeit in diesen Dokumenten gut ausgeführt ist, bleiben offene Fragen im Hinblick auf den vermittelnden Dienst der Kirche. Und es wäre sehr, sehr schön, wenn wir hier theologisch weiterkommen würden. Es muss ja nicht „unisono“ stattfinden, im Sinn einer Einheitserklärung, aber dass wir vielleicht mit dem hermeneutischen Schlüssel des differenzierten Konsenses wie in der Rechtfertigungserklärung weiter zusammenrücken. Darin steht nämlich zunächst, was wir gemeinsam glauben, und dann, in welchen Punkten wir uns noch unterscheiden. Ein solcher Sachstand wäre meiner Meinung nach sehr wichtig. Aber ich bleibe noch einmal dabei: Der Knackpunkt wird sein, welche Rolle der Kirche in der Heilsvermittlung zukommt und damit eng weitergedacht natürlich dem Amt und den Sakramenten insgesamt.
Das bedeutet, das Ziel der Ökumene aus Sicht der katholischen Kirche ist Einheit im Glauben, Einheit in den Ämtern, Einheit in den Sakramenten und schlussendlich ein gemeinsamer Kommunionempfang als Ausdruck sichtbarer Einheit. Aber dann muss man auch noch über den Papst sprechen.
Ja, in jedem Fall, aber da ist der Weg noch weit. Ich möchte die Hoffnung all derer dämpfen, die meinen, wir könnten 2030 gemeinsam am Altar stehen und konzelebrieren. Es wird ja schon jetzt immer wieder die eucharistische Gastfreundschaft angesprochen. Und allein dieses Thema zeigt, wie diffizil die Materie ist. Es gibt zwar Ausnahmen, aber grundsätzlich lautet die Faustregel: Zu wessen Kirche ich gehöre, zu dessen Altar trete ich hinzu – bei der Eucharistie beziehungsweise beim Abendmahl. Also Kirchenmitgliedschaft und Altargemeinschaft laufen im Gleichschritt. Und das wird, denke ich, auch weiterhin die Linie bleiben. Aber wir werden sehen, ob wir uns nicht doch annähern, vor allem in der Frage der Materie des Sakraments. Was geschieht dort? Ich nenne nur die Stichworte Wandlung, Transsubstantiation – obwohl ich nicht am Begriff klebe – und Realpräsenz. Und dann geht es natürlich um das Amt. Wer ist Diener am Altar? Wer verwaltet, wie manche sagen, oder wer feiert und wer spendet das Sakrament? Da sollten wir in der Ämterfrage wirklich weiterkommen.
Blicken wir noch einmal auf Papst Leo XIV. Welche Akzente konnte er im Bereich des interreligiösen Dialogs schon setzen?
Es wäre jetzt verfrüht, hier bereits Pisten, Horizonte darzulegen. Aber wir müssen vielleicht einige Hinweise wahrnehmen und erstnehmen, z.B. was die Nachfolge von Kardinal Ayuso als Präfekt des Dikasteriums für den interreligiösen Dialog betrifft. Er stammte aus Spanien und war ein echter Fachmann auf seinem Gebiet, konnte aber wegen seiner schweren Krankheit in den letzten Monaten keine großen Akzente mehr setzen. Papst Franziskus hatte noch im Januar 2024 den jungen indischen Kardinal Koovakad als Nachfolger eingesetzt.
Papst Leo hat diesen Mann aus dem asiatischen Raum im Amt bestätigt. Es sind nicht nur neue Mitglieder, sondern auch eine ganze Liste von neuen Konsultorinnen und Konsultoren für dieses Dikasterium ernannt worden. Auch die Innenstruktur wurde wesentlich systematischer.
Dass es Papst Leo ein großes Anliegen ist, den interreligiösen Dialog voranzutreiben, das hat er auch auf seiner Türkei-Reise gezeigt. Aber erst, wenn systematischere Aussagen von ihm folgen, werden wir sehen, wo-hin die Reise geht.
Welche großen Linien zeichnen sich über das bisher Gesagte hinaus bei Papst Leo ab?
Papst Leo geht sein Pontifikat sehr christozentrisch an. Das zeigt sich bereits in seinem Wahlspruch: „In dem einen Christus sind wir vielen eins“. Und diese Christozentrik hat als äußere Konsequenz das Thema der Einheit. Also gerade die Ökumene wird ihm ein Herzensanliegen sein, aber auch die innere Einheit der Kirche. Er ist ein Mann, und das konnte ich auch bei meiner Privataudienz feststellen, der sehr gut und genau zuhört und dem es ein Anliegen ist, Dinge zu systematisieren. Die Stärke von Papst Franziskus war sein Charisma, einfach einen Stein ins Wasser zu werfen, der dann Kreise gezogen hat. Papst Leo geht es darum, manches wieder zu kanalisieren, zu systematisieren, wenngleich er die Grundlinie seines Vorgängers weiterführen wird, aber auf eine andere Weise – vielleicht weniger spontan, dafür aber systematischer. Der Heilige Geist ist nicht nur spontan, er liebt Klarheit, manchmal auch Strukturen, wenn sie uns nicht „auffressen“. Wir dürfen gespannt sein, was dem Papst mit der Kraft des Geistes Gottes noch einfallen wird.
Kommen wir noch zu den Stichworten „weltweiter synodaler Prozess“ und „Synodaler Weg in Deutschland“. Was dürfen wir hier von Papst Leo erwarten?
Eines steht ganz klar fest, dass er immer wieder die Synodalität betont. Er steht zum Abschlussdokument des synodalen Prozesses, also der beiden Weltbischofssynoden und aller Veranstaltungen, die damit zusammenhängen. Da besteht kein Zweifel. Aber wir werden sehen, in welcher Weise dies für das kirchliche Leben Konsequenzen haben wird.
In Deutschland haben wir, wie Sie es richtig sagen, den Synodalen Weg, der aber weit über den weltkirchlichen Prozess hinausgegangen ist, vor allem dann, wenn es um Dokumente geht, die auch die Lehre der Kirche betreffen. Und da denke ich, wird der Papst durchaus auch sagen: „Halt, das ist nicht eure Kompetenz. Diese oder jene Themen kann nicht einmal der Papst alleine entscheiden. Vor allem auch ihr in Deutschland habt nicht die Möglichkeit, hier einen eigenen Weg zu gehen.“ Und vor diesem Hintergrund können wir gespannt sein, wohin das führt. Ziel des Papstes ist es aber, davon bin ich überzeugt, sowohl den weltkirchlichen synodalen Prozess als auch den Synodalen Weg in Deutschland nicht auseinanderdriften zu lassen, sondern einander näherzubringen. Und deshalb braucht es immer wieder Männer und Frauen, die bereit sind, Brücken zu bauen, auch wenn dies anstrengend und mit einem langen Atem verbunden ist.
Und das Stichwort Synodalversammlung in Deutschland als ein neues Gremium, in dem Laien und Bischöfe miteinander beraten und möglicherweise miteinander entscheiden.
Also die „Synodalversammlungen“ des Synodalen Weges sind beendet. Wenn es kommt, dann ist es die sog. „Synodalkonferenz“. Da gibt es jetzt einen Grundlagentext, der muss aber in Rom „rekognisziert“ werden. Er muss also vorgelegt werden und dann muss ihn Rom anerkennen, annehmen. Wie das endet, werden wir noch sehen. Wir haben ja schon mehrfach Hinweise aus Rom bekommen. Ich war selber mit in dieser Gruppe von deutschen Bischöfen, die mehrmals in Rom war, um mit den kompetenten Verantwortlichen der Kurie darüber zu diskutieren. Es kamen von Rom bereits Rückmeldungen. Allerdings müssen wir jetzt sehen, wie Rom auf den Satzungsentwurf reagieren wird. Es reicht aber nicht ein niederschwelliges „Nihil obstat“. „Recognitio“ ist etwas Positives im Sinn einer Anerkennung. Die Antwort wird sicherlich im Sinn der Synodalität erfolgen, dass es also ein Gremium geben wird, in dem Bischöfe und Laien zusammensitzen. Aber die Hauptfrage wird sein: Was sind Materien, die eine solche Konferenz entscheiden kann, und wo sind Themenbereiche, die letztendlich nicht in ihrer Entscheidungskompetenz liegen? Da kann man beraten, da kann man sondieren, aber die Kompetenz der Bischöfe sollte hier nicht relativiert werden. Jeder Bischof ist ja der sogenannte ordentliche Hirte in seiner eigenen Diözese. – Und gestatten Sie mir noch einen Hinweis: Ich bin ja auch immer wieder in Kontakt mit östlichen Bischöfen, sei es orthodoxen, altorientalen oder auch mit unierten Bischöfen, die griechisch-katholisch sind. Und diese sagen mir immer wieder, dass Synodalität als Begriff zu klären sei. Synodalität in deren Sinn ist etwas anderes als wir es auf dem Synodalen Weg verstanden haben. Die Rolle der Bischöfe und ihre Kompetenz sollten durch den Synodalen Weg also nicht relativiert werden.
Das war ein klares Wort. Bischof Bertram, vielen Dank für dieses Gespräch.
Ganz meinerseits. Danke.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2026
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Zur ökologischen Spiritualität des hl. Franz von Assisi
Im Zentrum steht das Seelenheil
Aus Anlass des Franziskus-Jahres, das Papst Leo XIV. vom 10. Januar 2026 bis zum 10. Januar 2027 ausgerufen hat, geht Dr. Josef Bordat wichtigen Linien franziskanischer Spiritualität nach. Der Heilige von Assisi steht heute vor allem für ein harmonisches Miteinander von Mensch und Natur. In seinem berühmten „Sonnengesang“ stimmt er einen Lobpreis auf Gottes gute Schöpfung an, wobei er die Erde mit ihrer Natur personalisiert und zu ihr in eine geschwisterliche Beziehung tritt. Doch habe der hl. Franz von Assisi die negative Rückwirkung der menschlichen Naturnutzung noch nicht bedacht. Sein Ansatz eigne sich deshalb nicht als „Präambel eines umwelt- und klimaethischen Programms“. Dies sei auch Papst Franziskus klar gewesen, als er mit seiner Enzyklika Laudato Si‘ an den „Sonnengesang“ angeknüpft habe. Wir hätten als Christen immer den Schöpfer im Blick, dem wir danken und dem wir „in großer Demut dienen“.
Von Josef Bordat
Nachdem 2021 die Dominikaner ihre große 800-Jahre-Feier hatten (Domingo de Guzmán starb am 6. August 1221), sind 2026 die Franziskaner an der Reihe. Denn vor genau 800 Jahren starb Franz von Assisi, am 3. Oktober 1226.
Freiheit und Liebe
„Ein Mensch mit gütigem, hoffendem Herzen fliegt, läuft und freut sich; er ist frei. Weil er geben kann, empfängt er; weil er hofft, liebt er.“ Diese Worte werden dem hl. Franz von Assisi zugeschrieben. Freiheit und Liebe – das war sein Weg. Dieser Weg war für Franz von Assisi weit.
Als Spross einer wohlhabenden Familie (der Vater war Tuchkaufmann) führte der um 1180 geborene Giovanni di Pietro di Bernardone, der als Jugendlicher wegen seiner aus Frankreich stammenden Mutter „Francesco“ („Französlein“) genannt wurde, zunächst ein sorgloses Leben als Ritter. Nach einer Schlacht geriet er 1202 für ein Jahr in Gefangenschaft und erkrankte schwer. Das brachte ihn aber nicht vom Kämpfen ab, schon 1205 beteiligte er sich wieder an einem Feldzug, hatte auf dem Weg zur Schlacht jedoch eine Vision, die ihn die Ritterrüstung ablegen und nach Assisi zurückkehren ließ, um einen göttlichen Auftrag auszuführen: „Baue meine Kirche wieder auf!“ Franz bezog das auf die kleine verfallene Kirche San Damiano nahe Assisi und sanierte das Gebäude ab 1207, auch mit Mitteln, die er durch den Verkauf von Tuchballen aus dem Geschäft des Vaters erwarb. „Baue meine Kirche wieder auf!“ – das meinte wohl weit mehr als die Renovierung eines Gebäudes. Die ganze Kirche lag moralisch und theologisch in Trümmern. Franziskus zeigte einen Ausweg. Doch dafür sind weitere Schritte nötig.
Als Franziskus‘ Vater merkt, dass aus dem Lagerbestand etwas fehlt, kommt es zur offenen Konfrontation mit dem Sohn, der sich – ziemlich spektakulär – von seiner Familie lossagt. So soll sich Franz vor den Augen des Bischofs und einer großen Menschenmenge entblößt und die Kleidung seinem Vater zu Füßen geworfen haben, mit den Worten, dass er von ihm nichts mehr wolle und in Zukunft Gott allein sein Vater sei. Dann, so die Überlieferung, sei er nackt aus der Stadt gerannt, raus aus all den Bezügen, in denen er bisher lebte. Danach führt Franziskus einige Jahre ein Einsiedlerleben, baut zerstörte Kirchengebäude wieder auf und macht 1208 in der von ihm renovierten Kirche San Damiano eine mystische Erfahrung, die ihn in seiner Entscheidung bestärkt: Vom Kreuz her hörte er eine Stimme, die ihn aufforderte, in die Welt zu gehen, allem Besitz zu entsagen und Gutes zu tun. Und das tat Franz dann auch. Bereits ein Jahr später hat er eine Gruppe von jungen Männern um sich gesammelt, die sich Minderbrüder nennen; aus dieser entsteht der Orden der Minoriten.
Völlige Armut – aber mit Augenmaß
1210 reiste Franziskus nach Rom, um Papst Innozenz III. die erste (heute nicht mehr erhaltene) Ordensregel vorzulegen und ihn um Erlaubnis zu bitten, als Laien Predigten zu halten und in völliger Armut zu leben. Der Papst ist einverstanden, rät bei der Armut aber zu etwas mehr Augenmaß. Entweder aus echter Furcht vor zu viel lebenshemmender Rigidität, oder aber, weil er die Differenz zum Lebensstil des Klerus für zu groß, mithin für zu gefährlich hielt, denn es rumorte zu Beginn des 13. Jahrhunderts in der Christenheit (Stichwort: Katharer bzw. Albigenser). Einen weiteren Krisenherd, zumal in Italien, konnte bzw. wollte sich die Kirche nicht leisten.
Nach seiner Rückkehr aus Rom stellten die Benediktiner Franziskus und seinen Brüdern die Kirche Santa Maria degli Angeli unterhalb von Assisi zur Verfügung. Die Gemeinschaft baute einige Hütten in der Nähe der Kirche, dann ein größeres Haus, das Stammkloster der Franziskaner; Portiuncula („kleines Fleckchen“) nannte Franz die Anlage. 1212 nahm Franziskus Klara von Assisi auf. Ihre Geschichte und die der Franziskanerinnen wird an anderer Stelle erzählt.
Franziskus zieht in den folgenden Jahren als Wanderprediger durch Dalmatien, Spanien und Italien, gründet Klöster. 1219 zieht er als pazifistischer Prediger in den Fünften Kreuzzug, trifft auf Sultan el Malik al-Ka-mil, erzählt auch ihm von Jesus Christus, schafft es aber nicht, ihn zu bekehren. Franz organisiert danach weiter seine Gemeinschaft, ruft die Tertiare (den Dritten Orden – neben dem Männer- und Frauenorden der Franziskaner) ins Leben, schreibt eine endgültige Ordensregel, die 1223 von Papst Honorius III. bestätigt wird. In demselben Jahr erfindet Franziskus etwas, das heute in keinem christlichen Haushalt fehlt: die Weihnachtskrippe. Im Wald nahe Greccio feiert er mit den Menschen des Ortes die Geburt Christi in einer Felsgrotte mit Ochs und Esel und einer strohgefüllten Krippe für das Kind. 1224 empfängt er nach vierzigtägigem Fasten und auf sein Gebet hin, am Leiden Christi teilhaben zu dürfen, Wundmale an Händen, Füßen und an der Seite, die erste bezeugte Stigmatisierung der Kirchengeschichte. Er zieht sich, gesundheitlich geschwächt, in die Einsiedelei Le Celle bei Cortona zurück und wird schließlich, fast erblindet, von seinen Brüdern nach Portiuncula gebracht. Am 3. Oktober 1226 verstirbt der Ordensgründer Franziskus im Kreis seiner Brüder.
Weltrekord in Sachen „Santo subito“
Die Heiligsprechung des Franziskus von Assisi erfolgte schon am 16. Juli 1228 durch Papst Gregor IX., also nicht einmal zwei Jahre nach seinem Tod – Weltrekord in Sachen „Santo subito“! Franz ist Patron der Armen, Lahmen, Blinden, Strafgefangenen und Schiffbrüchigen, Patron der Weber, Tuchhändler, Schneider, Kaufleute, Flachshändler, Tapetenhändler und Sozialarbeiter, Patron gegen Kopfweh und Pest. 1916 wurde die Katholische Aktion unter das Patronat des Heiligen gestellt. 1939 wurde Franziskus zum Patron Italiens ernannt. 1980 erklärte ihn Papst Johannes Paul II. zum Schutzpatron der Ökologen.
Und das völlig zu Recht, denn der Heilige Franz von Assisi hat eine verantwortungsbewusste, ja: umsorgende Haltung gegenüber der Schöpfung entwickelt. Er hatte eine besondere Wirkung auf Tiere und pflegte mit ihnen einen respektvollen Umgang. Typisch dafür ist die Erzählung über den Wolf von Gubbio, der die umbrische Stadt in Angst und Schrecken versetzte. Franziskus gelang es, das wilde Tier zu zähmen, indem er ihm versprach, für seine tägliche Nahrung zu sorgen – und indem er den gefürchteten Wolf seinen Bruder nannte. Der Wolf soll noch zwei Jahre gelebt haben und sei in dieser Zeit von Tür zu Tür gestrichen, um sich von den Bewohnern Gubbios versorgen zu lassen, ohne jemandem Leid anzutun. So geht es also auch.
Interdependenzen im Mensch-Natur-Verhältnis noch nicht bedacht
Für den heiligen Franziskus ist die ganze Schöpfung Gottes gute Gabe. Bekannt ist sein berühmter Cantico delle Creature („Loblied der Geschöpfe“), der „Sonnengesang“. Das Gebet des großen Heiligen und Ordensgründers entstand an seinem Lebensende, also vor etwa 800 Jahren. Heute gehört es als ältestes Zeugnis italienischer Literatur zur Weltkultur und ist weit über die Kirche hinaus populär. Es ist eine Hymne auf Gottes gute Schöpfung, die sich in ihrem Lobpreis des Herrn („Laudato si‘, mi signore“) nicht nur den angenehmen Lebenserfahrungen der Geschöpfe zuwendet, sondern auch zur Annahme von Krankheit und Sterben aufruft – der „leibliche Tod“ wird zu „unserer Schwester“ (der Tod ist im Italienischen weiblich, la morte). Diesen Sonnengesang nimmt der Heilige Vater Franziskus in seiner Enzyklika Laudato Si‘ (2015) auf.
Die Hymne auf „Mutter Erde“, die „uns erhält und lenkt“, sieht den Menschen als passiven Empfänger der natürlichen Gaben: der „vielfältigen Früchte“ und der „bunten Blumen und Kräuter“, nicht zuletzt auch der „Schwester Wasser“ (la aqua) – die uns „gar nützlich ist“. Dass auch wir durch den Genuss dieser Gottesgaben die Erde gleichsam erhalten und lenken, ist bei Franz von Assisi noch nicht mitbedacht. Hier ist es Gott, der Herr, der für alles in der Natur verantwortlich ist, auch für meteorologische Phänomene. Er gibt uns Menschen den „Bruder Wind“ und offenbart sich „durch Luft und Wolken und heiteres und jegliches Wetter“.
Die negative Rückwirkung der menschlichen Naturnutzung hat der Mensch im 13. Jahrhundert noch nicht erkannt, obgleich damals für den Städtebau in Europa weite Teile des fast vollständig bewaldeten Kontinents gerodet wurden.
Der Cantico delle Creature ist geeignet, uns die Schönheit und Nützlichkeit der Schöpfung vor Augen zu führen. Als Präambel eines umwelt- und klimaethischen Programms fiele er oberflächlich betrachtet weit hinter den Kenntnisstand zu den vielfältigen Interdependenzen im Mensch-Na-tur-Verhältnis zurück. Dennoch liegt in der Personalisierung und dem Eröffnen von Verwandtschaftsbeziehungen („Mutter Erde“, „Schwester Wasser“, „Bruder Wind“) ein verantwortungsstiftendes Moment. Mit Personen, die man liebt, geht man sorgsam um, als Christ ist man zudem aufgerufen, „Hüter“ des Bruders und der Schwester zu sein.
Suche nach Seelenheil steht im Zentrum
Dass Papst Franziskus mit seiner Enzyklika Laudato Si‘ an den „Sonnengesang“ anknüpft, ist daher durchaus nachzuvollziehen. Sie beginnt mit den Worten: „,Laudato si‘, mi‘ Signore – Gelobt seist du, mein Herr‘, sang der heilige Franziskus von Assisi.“ Weiter nimmt der Papst die Personalisierung der Erde und der Natur auf, die der Heilige Franz vorgenommen hat: „In diesem schönen Lobgesang erinnerte er uns daran, dass unser gemeinsames Haus wie eine Schwester ist, mit der wir das Leben teilen, und wie eine schöne Mutter, die uns in ihre Arme schließt.“
Eins sollte man unterdessen immer beachten: Auch in der ökologischen Spiritualität des Franz von Assisi, wie sie im Cantico delle Creature zum Ausdruck kommt, steht die Suche nach Seelenheil im Zentrum: „Lobt und preist meinen Herrn und dankt ihm und dient ihm mit großer Demut.“ Eine davon abgelöste Ökologie kann es in christlicher Perspektive nicht geben. Meinte Franziskus, der Ordensgründer, und meint auch Franziskus, der Papst.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2026
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Wegbereiter des hl. John Henry Newman als Kirchenlehrer
Werner Becker – ein „stiller Held“
Der aus Mönchengladbach stammende Werner Becker C.O. (1904-1981) hatte als junger Priester vor dem Zweiten Weltkrieg im Oratorium des hl. Philipp Neri seine geistliche Heimat gefunden (die übliche Abkürzung für die Mitglieder des Oratoriums lautet C.O. für „Congregatio Oratorii“). Zusammen mit dem Tübinger Theologen Heinrich Fries, Professor für Fundamentaltheologie und ökumenische Theologie, rief er die Deutsche Newman-Gesellschaft ins Leben und gab die entscheidenden Anstöße für die deutsche Newman-Rezeption. Mit anderen Newman-Forschern war er schon im vorigen Jahrhundert der Überzeugung, dass dieser außergewöhnliche Gelehrte und Denker aus England ein echter Kirchenlehrer („doctor ecclesiae“) ist. Interessanterweise war das Engagement von Werner Becker immer sehr eng mit der Ökumenischen Bewegung verbunden. Studiendirektor Jakob Knab, der Werner Becker C.O. vorstellt, nennt ihn einen „stillen Helden“.
Von Jakob Knab
Werner Becker wurde am 17. Mai 1904 in Mönchengladbach geboren. Im Frühjahr 1922 erhielt der begabte und ernsthafte Schüler das Zeugnis der Reife. Er begann mit dem Jurastudium in Freiburg, dann in Berlin, schließlich in Bonn – insgesamt sieben Semester. In Berlin fand Becker Kontakt zur katholischen Jugendbewegung Quickborn; er wurde Romano Guardinis Sekretär. Beim namhaften Staatsrechtler Carl Schmitt[1] promovierte Becker über die Staatslehre von Thomas Hobbes.[2] Doch die deistische Gesinnung dieses englischen Aufklärers blieb ihm fremd; denn metaphysische Prinzipien im Sinn ewiger Wahrheiten kommen bei Hobbes nicht vor.
Priesterberufung und Entdeckung des Oratoriums
Statt die Laufbahn eines Juristen einzuschlagen, begann Becker nun mit dem Studium der Philosophie und Theologie – ein Semester in Berlin, acht in Bonn, drei in Freiburg, eines in Paris am Institut Catholique und schließlich zwei in Tübingen. Im April 1930 trat er ins Priesterseminar Bensberg (Bergisch Gladbach) ein. Im Februar 1932 empfing er im Mariendom zu Aachen die Priesterweihe. An der Universität Marburg wirkte er als Studentenseelsorger und als Dozent für katholische Weltanschauung, bevor er 1937 vom NS-Regime entlassen wurde. Am 13. Mai 1938, am Gedenktag von Fatima, trat er seine neue Wirkungsstätte in der Pfarrei Mariä Himmelfahrt in Leipzig-Liebenau an; zwei Wochen darauf fand er seine geistliche Heimat im dortigen Oratorium des hl. Philipp Neri.
Über das „schwer deutbare Zeitgeschehen“ hielt er im Kriegsjahr 1939 fest: „Wenn die Kirche in Schwachheit dasteht, so wird sie erst recht eines Tags überwältigt werden – aber nicht von den Pforten der Hölle, vom Unglauben der Welt und der Verweltlichung der eigenen Glieder, sondern von ihrem Herrn und König.“[3] Ende November 1939 wurde ihm die Verantwortung für die Leipziger Hochschulseelsorge übertragen. So wurde er Nachfolger seines Mitbruders Heinrich Kahlefeld, der in der reichsweiten Verhaftungswelle nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler in Schutzhaft genommen worden war.
Durch Theodor Haecker zu John Henry Newman
Im Kriegsjahr 1943 begegnete Werner Becker in Leipzig dem sprachmächtigen Kulturkritiker und Newman-Übersetzer Theodor Haecker aus München. Noch im Rückblick Jahre später war es für Werner Becker Freude und Trost, die ruhige Stimme Theodor Haeckers zu hören, wie er die tiefen und frommen Gedanken Newmans aus dessen Predigt über den „Antichrist nach der Lehre der Väter“ vermittelte. Denn laut Werner Becker war es Newman, dem er und mancher von uns „nächst Gott des Heil seiner Seele verdankt“.
Vorübergehend fand die jüdische Medizinstudentin Else Seelenfreund Zuflucht im Oratorium Leipzig. Ein anonymer Telefonanruf vom Oktober 1943 rettete Werner Becker das Leben: Ihm wurde dringend angeraten, sich umgehend freiwillig zur Wehrmacht zu melden. Er begann seine Ausbildung als Sanitäter in der Kaserne Gohlis in Leipzig. Das Kriegsende erlebte er in der Tschechoslowakei, wo er aufgrund einer Erkrankung Anfang Oktober 1945 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft entlassen wurde.
Mit Heinrich Fries Vorreiter der deutschen Newman-Rezeption
Sein erster Weg in der Freiheit führte ihn nach Köln zur dortigen Newman-Gedächtnis-Woche. Für den Leipziger Oratorianer Werner Becker begann jene fruchtbare Zeit, wo er mit dem Tübinger Gelehrten Heinrich Fries die entscheidenden Anstöße in der deutschen Newman-Rezeption gab; denn zusammen mit Fries wurde er Herausgeber der Newman-Studien.
Seine Begegnung mit Theodor Haecker hatte tiefe Spuren hinterlassen. In der Folgezeit vertiefte sich Becker in Haeckers Überschritt von der Leidenschaft eines Kierkegaard hin zur Reife und Weisheit eines John Henry Newman. Er gelangte zu diesen Einsichten: „Newman ist jener Denker, der in der einmaligen Weise des Genies die Theologie der objektiven Vermittlung (die Theologie der Kirche) mit der Theologie der Existenz verbunden hat.“ Er kam zu diesem Schluss: „Und so werden immer Menschen, die nicht bloß Sucher der Wahrheit sein wollen, sondern auch Finder, mitten in dieser Welt, die im Argen liegt, Newmans Spuren folgen (so wie es Theodor Haecker getan hat, aus geistiger Verwandtschaft und fast schon Ebenbürtigkeit) und werden mit ihm in dieser Welt schon, ‚wenn auch unter Verfolgung‘ (Mk 10,30) Anteil finden an dem Leben Gottes, das dann jenseits des dunklen Tores aufblüht, frühlingshaft, am Ziel aller Pilgerfahrt.“[4]
„Newman ist unser doctor ecclesiae und der letzte der Väter“
1951 verfasste Werner Becker das Nachwort zu Newmans Predigten über den Antichrist. Hier ein Auszug: „Wer Newmans hier erstmals in deutscher Übersetzung vorliegende Schrift über ‚die patristische Ansicht vom Antichrist‘ liest, hat die Aufgabe der Übersetzung in seine eigene Wirklichkeit noch selber zu leisten. Sie muß für sich sprechen, und sie hat es getan, als Theodor Haecker sie uns im Jahre 1943 trotz des ihm auferlegten Redeverbotes im kleinen Kreis vorlas.“[5] Dabei zitierte Becker auch diese Zeilen eines Gebets: „Die Zeit ist voller Bedrängnis, die Sache Christi liegt immer im Todeskampf.“
Werner Becker wurde zu einer Gastvorlesung in Dublin, an die National University of Ireland eingeladen. Am 4. Dezember 1953 war er Ehrengast beim hundertsten Jahresgedächtnis der Universitätsgründung durch John Henry Newman. Beckers ungemein kenntnisreiche Vorlesung wurde ins Deutsche übertragen und als Beitrag „Newman in Deutschland“ in den Newman-Studien veröffentlicht. Becker führte diesen heute so aufschlussreichen Satz des Oratorianers William Neville aus dem Jahr 1904 an: „Wir brauchen Newman so sehr, er ist gegenwärtig unser doctor ecclesiae und der letzte der Väter.“[6]
Konzilsteilnehmer und Konsultor für die Einheit der Christen
Von 1963 bis 1965 nahm Becker an den Sitzungen des Konzils teil. Von 1961 bis 1978 war er Konsultor für die Einheit der Christen; gleichzeitig hatte er einen Lehrauftrag für Ökumenische Theologie in Erfurt.[7]
Romano Guardini starb im Oktober 1968. Ein Jahr danach konnte Werner Becker einen Gedenkband veröffentlichen, wo auch Newman gewürdigt wurde. Hier ein Auszug aus der Einführung: „In seiner Predigt über das Mysterium der Heiligen Dreieinigkeit hat der große Konvertit John Henry Newman gesagt, dass das Christentum Übung und Arbeit gibt dem ganzen Geiste des Menschen, unserem höchsten und subtilsten Verstand ebenso wie unseren Gefühlen, Stimmungen, unserer Einbildungskraft und unserem Gewissen.“[8]
Werner Becker starb am 1. Juni 1981 in Leipzig. Sein Weggefährte Heinrich Fries würdigte ihn so: Er ging nur voran – um mit Newman zu sprechen: von „Bildern und Schatten zur Wahrheit“. Er hat sich, wie es in Newmans bekanntestem Gedicht „Lead, kindly light“ heißt, vom Licht Schritt für Schritt führen lassen und konnte wie Newman sagen: „Ich habe nicht gegen das Licht gesündigt.“[9]
Im Januar 2019 wurde in Leipzig eine Gedenktafel auch für den „stillen Helden” Werner Becker enthüllt.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2026
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[1] Carl Schmitt gilt als ein wortgewaltiger Klassiker des politischen Denkens. 1927 kam es zum Bruch zwischen Theodor Haecker und Carl Schmitt im Streit über das Wesen des Politischen. Vorrangig für Haecker war die Verknüpfung von Gerechtigkeit und Frieden, aber nicht das Freund-Feind-Verhältnis. Heute gilt Schmitt als der „Kronjurist des Dritten Reiches“. Auch nach dem Ende der NS-Gewaltherrschaft fand er nie ein Wort des Bedauerns zum Holocaust.
[2] Ein Leben lang stand er in brieflichem Kontakt mit seinem Doktorvater Carl Schmitt. Siehe: Werner Becker: Briefe an Carl Schmitt, hrsg. von Piet Tommissen, Berlin 1998.
[3] Werner Becker: Das Harren des Christen, Werkbund Verlag Würzburg 1939, 15f.
[4] Werner Becker: Der Überschritt von Kierkegaard zu Newman in der Lebensentscheidung Theodor Haeckers; in: Newman Studien Bd. I, Nürnberg 1948. Aus dem Vorwort: „Die hundertste Wiederkehr von Newmans Konversion im Herbst 1845 hat die Blicke der ganzen Christenheit erneut auf den großen Kardinal gelenkt. (...) Wir wollen einen Anfang setzen, der in die Zukunft weist.“
[5] John Henry Newman: Der Antichrist nach der Lehre der Väter, deutsch von Theodor Haecker. Mit einem Nachwort, hrsg. von Werner Becker, München 1951. – Im Advent 1838 hielt Newman die Predigtreihe „The Patristical Idea of Antichrist“ (The Times of Antichrist, The Religion of Antichrist, The City of Antichrist, The Persecution of Antichrist) in der Universitätskirche St Mary the Virgin Oxford.
[6] Werner Becker: Newman in Deutschland; in: Newman Studien Bd. II, Nürnberg 1954, 292.
[7] Wertvolle Anstöße für die katholische Minderheit in der DDR gab dieses Buch, das von Werner Becker herausgegeben wurde: Die Beschlüsse des Konzils. Der vollständige Text der vom 2. Vatikanischen Konzil beschlossenen Dokumente in deutscher Übersetzung, Sankt-Benno-Verlag Leipzig 1966.
[8] Werner Becker (Hrsg.): Einführung; in: Romano Guardini. Ein Gedenkbuch mit einer Auswahl aus seinem Werk, Leipzig 1969. – Dieses Buch war nur zum Vertrieb in der DDR und in den sozialistischen Ländern bestimmt.
[9] Heinrich Fries: Werner Becker zum Gedächtnis; in: Christ in der Gegenwart 1981, Heft 25, 206.
Irene Harand – eine unbequeme Gegnerin des Nationalsozialismus
„Ihr Kampf“
Die Österreicherin Irene Harand (1900-1975) war eine außergewöhnliche Widerstandskämpferin. Sie legte sich mit Hitler an und kämpfte furchtlos gegen den Nationalsozialismus. Insbesondere lehnte sie jede Form von Antisemitismus ab, in dem sie eine Schändung des Christentums sah. Ihr politisches und publizistisches Engagement war tief im katholischen Glauben verwurzelt. Geprägt von einem starken Gerechtigkeitssinn entwickelte sie ein pazifistisches und kosmopolitisches Weltbild, das besonders die Rechte der Frauen im Blick hatte. Ihr bekanntestes Werk ist das 1935 erschienene Buch „Sein Kampf – Antwort an Hitler“, in dem sie Hitlers „Mein Kampf“ Punkt für Punkt widerlegte und vor den Folgen seiner Ideologie warnte. Ihr Mann Frank Harand unterstützte sie zeitlebens bei ihrem politischen Kampf, den sie auch nach der Flucht in die USA 1938 fortsetzte. Ihre Ehe blieb kinderlos.
Von Piotr Solbach
Am frühen Morgen des 12. März 1938 war Österreich praktisch bereits Teil des Deutschen Reiches. Daher überraschte wohl niemanden der Anblick von dreißig Soldaten des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps, die mit typisch nationalsozialistischem Eifer das Haus Nr. 20 in der Wiener Elisabethstraße stürmten. Das Klacken der Absätze militärischer Stiefel verschmolz mit den Rufen und dem Anblick der braunen Hemden zu einem beunruhigenden Bild der neuen geschichtlichen Realität. Die Mitglieder dieser der NSDAP unterstellten paramilitärischen Einheit begannen mit der Ausführung eines tödlichen Befehls.
Auf der Liste der Hauptfeinde des Regimes
Der Aufwand an Kräften schien jedoch in keinem Verhältnis zur gestellten Aufgabe zu stehen. Ziel der morgendlichen Aktion der österreichischen Nationalsozialisten war nämlich nur eine einzige Frau – die gebürtige Wienerin Irene Harand. Ihr Lebensstil, ihr Temperament und ihre pazifistische Haltung schlossen eine bewaffnete Gegenwehr, ja jeden Widerstand gegen einen noch so brutalen Überfall aus.
Die schwedische Journalistin Elsa Björkman-Goldschmidt beschrieb Harand bei einer öffentlichen Rede als eine Frau mit sanftem Gesicht, jugendlich schlanker Gestalt und einer ruhigen Stimme, die selbst in Momenten der Aufregung ihren warmen Klang nicht verlor. Für den Nationalsozialismus jedoch, der sich in jenem Jahr unaufhaltsam über das ehemalige Land der Donaumonarchie ausbreitete, stand diese noch nicht einmal achtunddreißigjährige Frau auf der Liste der Hauptfeinde des Regimes, mit denen gleich am ersten Tag nach dem Anschluss abgerechnet werden sollte.
Vom Kriegstraume geprägte Jugendzeit
Irene Harand wurde am 7. September 1900 in Wien als drittes von vier Kindern der Familie Wedl geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in den ruhigen Zeiten der Habsburgermonarchie. In einem streng katholischen, dem Kaiser treu ergebenen bürgerlichen Milieu aufgewachsen, erlebte sie ihre Jugend während des Ersten Weltkriegs, die turbulente Zeit nach dem Zusammenbruch der Monarchie und schließlich die Tragödie der nationalsozialistischen Epoche. Die Verträge von Versailles und Saint-Germain führten Österreich in eine völlig neue Realität. Der Staat verlor große Teile seines früheren Territoriums und nahm zugleich eine republikanische Staatsform an. Wirtschaftliche, politische und soziale Krisen wurden zu einer unvermeidlichen Folge dieser von Kriegstrauma geprägten Transformation. Zunächst erhielt der neue Staat den Namen Deutschösterreich und erklärte sich als Teil der neu entstehenden deutschen Republik. Dieser Schritt erwies sich jedoch schnell als zu weitgehend. Die Siegermächte formulierten eine völkerrechtliche Bestimmung, die jede Vereinigung beider Staaten verbot.
Polarisierungen in der Gesellschaft
Im Land verstärkten sich daraufhin zentrifugale Tendenzen. Salzburg erwog eigenständig einen Anschluss an das Deutsche Reich. Teile der Bevölkerung Tirols dachten über eine italienische Staatsbürgerschaft nach. In Vorarlberg sprachen sich sogar rund achtzig Prozent der Bevölkerung in einem Referendum für den Anschluss an die Schweiz aus. Zu territorialen Veränderungen kam es zwar letztlich nicht, doch blieb die Frage noch lange Gegenstand politischer Diskussionen, insbesondere zwischen Österreich, Ungarn und dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen.
Die politische Szene war stark polarisiert. Auf der einen Seite standen die sozialdemokratischen Kräfte mit marxistischen Tendenzen, auf der anderen das christlich-soziale Lager mit autoritären und faschistischen Neigungen. Beide Parteien spiegelten einerseits die Ansprüche der Anhänger neuer gesellschaftlicher Ideen und andererseits die Sehnsucht nach der Vergangenheit wider. Im Hintergrund wirkten die paramilitärischen Organisationen beider Lager. Die Sozialdemokraten verfügten über den „Republikanischen Schutzbund“, während auf der rechten Seite die „Heimwehr“ agierte, deren Mitglieder überwiegend Veteranen des Ersten Weltkriegs waren. Offiziell erklärte diese Bewegung keine klaren politischen Sympathien, doch war allgemein bekannt, dass sie ideologisch der politischen Rechten nahestand.
Chaos und Auflösung des Parlaments
In den 1930er Jahren gewann ein dritter politischer Akteur an Bedeutung: die österreichischen Anhänger der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, die offen die Unabhängigkeit Österreichs bedrohten. Die Antwort des christlich-sozialen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß auf das politische Chaos war die Entscheidung vom 7. März 1933, das Parlament und die demokratische Ordnung außer Kraft zu setzen. Die Kommunistische Partei Österreichs und die NSDAP wurden verboten, der Republikanische Schutzbund aufgelöst. Politische Tätigkeit war nur noch innerhalb der neu gegründeten „Vaterländischen Front“ erlaubt. Diese Organisation entstand aus der Fusion der christlich-sozialen Partei mit der Heimwehr und mehreren kleineren Gruppierungen. Dollfuß verstand diese Bewegung als politisches Bündnis aller Bürger, die zu einem unabhängigen, christlichen und deutschen Bundesstaat Österreich standen.
Im Griff der Expansionspolitik Hitlers
In der Praxis landeten jedoch bald politische Gegner – darunter auch viele Nationalsozialisten – in Internierungslagern. Um den Anschein von Legalität zu wahren, berief Dollfuß am 30. April 1933 das zuvor aufgelöste Parlament erneut ein, nachdem er zuvor die Mandate der sozialdemokratischen Abgeordneten annulliert hatte. Die Sitzung dauerte nur kurz und hatte lediglich den Zweck, die Gesetzgebungsbefugnisse auf die Regierung zu übertragen.
Die neue Verfassung trat bereits am 1. Mai 1934 in Kraft und führte den Bundesstaat Österreich ein, dessen gesellschaftliches Modell sich am faschistischen Korporatismus orientierte. Dieses politische System sollte jedoch nur vier Jahre bestehen. Dollfuß selbst konnte seine Verfassung nicht lange genießen. Beim Juliputsch 1934 wurde er von österreichischen SS-Angehörigen ermordet, die in Polizeiuniformen in das Bundeskanzleramt eindrangen und tödliche Schüsse abgaben.
Die Ereignisse machten deutlich, dass der kleine Staat im Konflikt mit seinem mächtigen Nachbarn und dessen expansiver Ideologie nur geringe Chancen hatte. Die neue Regierung unter Kurt Schuschnigg geriet zunehmend unter Druck Adolf Hitlers. Nationalsozialistische Aktivisten wurden aus den Gefängnissen entlassen und erhielten später sogar Regierungsämter.
Das für den 13. März 1938 geplante Referendum über eine „freie, unabhängige, deutsche und christliche Republik Österreich“ fand nicht mehr statt. Bereits einen Tag zuvor marschierten Einheiten der Wehrmacht in die österreichischen Städte ein. Hitler selbst wurde von einem Teil der Bevölkerung begeistert begrüßt und inszenierte kurz darauf ein Referendum über den Anschluss an Deutschland. Nachdem Juden und politische Gegner vom Wahlrecht ausgeschlossen worden waren, verkündete das Regime ein nahezu einstimmiges Ergebnis von 99,73 Prozent Zustimmung.
Heirat und sozialpolitisches Engagement
Während sich die politischen Ereignisse überschlugen, verlief das Leben von Irene Harand zunächst ruhig. Nach dem Abschluss der Schule besuchte sie eine Ausbildungsstätte für junge Frauen, in der Französisch, Haushaltsführung und gesellschaftliche Umgangsformen gelehrt wurden. Ein Universitätsstudium kam aus gesundheitlichen und finanziellen Gründen nicht infrage. Dank des guten Einkommens ihres Ehemanns Franz Harand (1895-1976), eines ehemaligen Offiziers, den sie 1921 geheiratet hatte, konnte sie jedoch ein komfortables Leben führen.
Der Wendepunkt ihres Lebens kam, als sie im Alter von fünfundzwanzig Jahren den Wiener Rechtsanwalt Moriz Zalman kennenlernte. Dieser aus einer armen rumänisch-jüdischen Familie stammende Jurist hatte trotz schwieriger Lebensumstände an der Universität Wien studiert und widmete sich mit großem Engagement sozialen Fragen. Seine uneigennützige Hilfe beeindruckte Harand tief. Sie begann zunächst als Sekretärin in der von Zalman gegründeten Organisation „Verband der Kleinrentner und Sparer Österreichs“, die Menschen unterstützte, deren Ersparnisse durch Inflation verloren gegangen waren. Später wurde sie sogar Vorsitzende dieser Organisation. Aus dieser Zusammenarbeit entstand bald eine politische Initiative. Im Jahr 1930 gründeten Harand und Zalman eine neue politische Bewegung mit stark sozialem Profil und klarer Ablehnung des Antisemitismus. Die Partei blieb zwar politisch unbedeutend, doch ihre Gründerin ließ sich davon nicht entmutigen.
Entwicklung zur Kosmopolitin
Nach Hitlers Machtübernahme im Jahr 1933 gründete Harand eine neue internationale Organisation: die „Weltbewegung gegen Rassenhass und Menschennot“. Diese Initiative, die bald als Harand-Bewegung bekannt wurde, verfolgte drei Hauptziele: den Kampf gegen menschliches Elend, den Widerstand gegen Rassenhass und den Einsatz gegen Krieg. Als publizistisches Organ dieser Bewegung erschien die Broschüre „So oder so – Die Wahrheit über den Antisemitismus“, deren Druck Harand sogar durch das Verpfänden ihres eigenen Schmucks finanzierte. Kurz darauf folgte die Zeitschrift „Gerechtigkeit“, die zur wichtigsten Stimme der Bewegung wurde.
Kampfansage an die NS-Ideologie
Im Jahr 1935 veröffentlichte Irene Harand ihr bedeutendstes Werk: „Sein Kampf – Antwort an Hitler“. In diesem umfangreichen Buch setzte sie sich kritisch mit der nationalsozialistischen Ideologie auseinander und widerlegte die Theorie der sogenannten arischen Überlegenheit. Sie betonte, dass jede menschliche Gemeinschaft sowohl wertvolle als auch weniger wertvolle Individuen hervorbringe und dass Rassentheorien nichts anderes als ein ideologischer Betrug seien.
Mit zunehmendem Einfluss der Nationalsozialisten wurde auch der Druck auf Harand stärker. Die Behörden warnten sie vor zu scharfer Kritik an der Führung des Deutschen Reiches. Dennoch setzte sie ihre Arbeit unermüdlich fort. Mitte der dreißiger Jahre zählte ihre Bewegung in Österreich etwa vierzigtausend Mitglieder. Kurz vor dem Anschluss Österreichs bereitete Harand sogar eine internationale Kampagne gegen antisemitische Propaganda vor. Doch im März 1938 endete diese Tätigkeit abrupt. Während nationalsozialistische Einheiten nach ihr suchten, befand sie sich auf Vortragsreise in London. Diese Reise rettete ihr vermutlich das Leben.
Flucht in die USA und Einsatz für den Frieden
Ihr Mitarbeiter Moriz Zalman versuchte ebenfalls zu fliehen, wurde jedoch an der Grenze zur Schweiz verhaftet und starb später im Konzentrationslager Sachsenhausen. Irene Harand gelang die Flucht über Kanada in die Vereinigten Staaten, wo sie bis zu ihrem Tod weiter gegen Nationalsozialismus und Antisemitismus arbeitete. Durch ihre Hilfe konnten über hundert Menschen gerettet werden. Für dieses Engagement wurde sie 1968 von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt.
Irene Harand starb 1975. Ihre Asche wurde auf dem Wiener Zentralfriedhof in einem Ehrengrab beigesetzt. Heute erinnert in Wien auch der Irene-Harand-Platz an ihren Mut.
Ihr Leben zeigt, dass selbst in Zeiten politischer Verwirrung und moralischer Gleichgültigkeit einzelne Menschen bereit sind, für Menschlichkeit einzustehen. Während viele über den Nationalsozialismus lachten oder ihn unterschätzten, erkannte Irene Harand früh seine tödliche Gefahr. Wie sie selbst nach dem Krieg schrieb: „Wir sollten nicht erst dann Frieden schließen, wenn Millionen junger Menschen gestorben sind. Wir sollten Frieden schließen, bevor der Krieg beginnt. Nur ein solcher Frieden kann gerecht, vernünftig und wahrhaft christlich sein.“
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2026
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Was Online-Kommunikation nie ersetzen kann
Die Bedeutung wirklicher Begegnung
Der russisch-orthodoxe Priester Alexander Gapko (geb. 1993) betreut die Kirche des hl. Sergius von Radonesch in Semchos bei Sergijew Possad. Diese wurde an der Stelle errichtet, an welcher der bekannte Erzpriester Alexander Men am 9. September 1990 mit 55 Jahren ermordet worden war. Dessen Erbe fühlt sich Alexander Gapko, der am 13. Juni 2022 die Priesterweihe empfangen hat, verpflichtet. In seinem Beitrag lenkt er seinen Blick auf die Gefahr, durch die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten das Gespür für die Bedeutung wirklicher Begegnungen von Angesicht zu Angesicht zu verlieren. Sakramente könne man nur im Rahmen realer Anwesenheit empfangen. Eine Lossprechung per Telefon oder Messenger-Dienst ist nach kirchlichem Verständnis nicht möglich. Umgekehrt habe jede wirkliche Begegnung in gewissem Sinn sakramentalen Charakter, da in ihr Gott selber gegenwärtig werde. Die virtuelle Welt könne diese geistliche Wirklichkeit nie ganz ersetzen.
Von Alexander Gapko
Als Christen sehen wir in jedem Mitmenschen Christus selbst. Begegnung hat immer eine religiöse, ja göttliche Dimension. Die Bedeutung des Ereignisses, das wir mit dem Begriff „Begegnung“ bezeichnen, wird meist vollkommen unterschätzt. Mit diesem Thema haben sich Theologen wie Wladimir Losskij, Metropolit Antonij von Surosch und Ioann Sisiulas (Ioannis Zizioulas) sowie Philosophen wie Martin Buber, Emmanuel Levinas und Franz Rosenzweig auseinandergesetzt. Der Begriff „Begegnung“ ist in ihrem Denken zu einer theologischen Kategorie geworden.
Im täglichen Sprachgebrauch wird das Wort „Begegnung“ für das normale Zusammentreffen von zwei oder mehreren Personen z.B. auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule oder zum Einkaufen verwendet. Die Definitionen, welche die oben genannten Autoren anbieten, gehen jedoch viel tiefer. Sie legen einen Inhalt nahe, in dem auch ein sakraler Charakter anklingt.
1. Definition des Begriffs „Begegnung“
Einer der Denker, die sich am umfassendsten und tiefgründigsten mit dem Thema „Begegnung“ auseinandergesetzt haben, ist Martin Buber – ein österreichisch-jüdischer Philosoph und religiöser Denker. Seine Sicht, insbesondere das Konzept des Dialogs, beeinflusste nicht nur die nachfolgende Philosophie und Theologie, sondern auch die Psychologie, insbesondere die Arbeiten von Carl Rogers und die Entwicklung der Gestalttherapie. Martin Buber baut sein Dialogkonzept auf zwei Begriffspaaren auf: „Ich-Du“ und „Ich-Es“. Auf den ersten Blick handelt es sich um sehr einfache Paare, die auch nicht Buber selbst „erfunden“ hat. Doch arbeitete er deren Bedeutung so differenziert heraus, dass der deutsche Theologe Karl Heim seinen Ansatz als „kopernikanische Wende“ im modernen Denken bezeichnete. Mit Hilfe des Konzepts, das auf diesem Begriffspaar basiert, weist Martin Buber auf, dass die Begegnung die einzig mögliche Form der Manifestation des personalen Seins darstellt, in der sich ein Zugang zum Anderen, zum Du, eröffnet.
„Ich-Du“ und „Ich-Es“ sind polare Paare. „Ich-Du“ steht für eine authentische Beziehung, die durch Gegenseitigkeit, also Hinwendung zueinander, durch Spontaneität und Einzigartigkeit gekennzeichnet ist. „Ich-Es“ dagegen stellt eine Subjekt-Objekt-Beziehung dar, die immer vermittelt und damit indirekt erfolgt. Sie ist greifbar, kontrollierbar und einseitig ausgerichtet. „Ich-Du“ dagegen ist ein Aufeinanderzugehen ohne Rücksicht auf mögliche Folgen wie Unverständnis. Es handelt sich um eine absichtslose Begegnung, überwindet Angst und vermag Schuld aufzuarbeiten.
Bubers Definition von Begegnung als Ich-Du-Beziehung entspricht in erstaunlicher Weise der Interpretation des Begriffs προσωπον (prosopon – Antlitz) durch den zeitgenössischen orthodoxen Denker und Theologen John Panteleimon Manoussakis. Der griechische Begriff προσωπον wird in der patristischen Lehre für die Personen der Göttlichen Dreifaltigkeit verwendet. Manoussakis weist darauf hin, dass der Begriff προσωπον in der patristischen Tradition niemals mit dem Verb „haben“ verwendet wird, sondern nur mit dem Verb „sein“. Die von ihm vorgeschlagene Definition lautet: „Προσωπον zu sein, bedeutet nichts anderes, als in Richtung eines Gesichts zu sein“ und „vor dem Angesicht einer Person zu stehen, in ihrer Gegenwart zu sein, ihr vor Augen zu sein“.[1]
Bischof Mephodij Sinkowskij erinnert daran, dass προσωπον eine Übersetzung des hebräischen Begriffs „panim“ (פנים) darstellt. Dieser Begriff hat eher eine dynamische als eine visuelle Bedeutung. Er bezeichnet das handelnde Subjekt, das auf ein Objekt ausgerichtet ist. So bedeutet „panim“ (פנים) eine existenzielle Begegnung mit dem Besitzer eines „prosopon“. Hier ist an die Segensformel im Buch Numeri 6,23-27 zu denken: „Der Herr wende dir sein Angesicht zu...“[2]
Die hier in den Blick genommenen Definitionen beziehen sich sowohl auf die Begegnung zwischen Menschen als auch auf die Begegnung zwischen Mensch und Gott. Nach Martin Bubers Terminologie kann sich der Mensch mit Gott nicht im Zustand „Ich-Es“ befinden, sondern nur im Zustand „Ich-Du“. „Ich-Es“ würde bedeuten, dass eine Barriere existiert, etwas Vermittelndes, das eine unmittelbare Offenbarung Gottes verhinderte. Faktoren wie Angst, Scham oder Ähnliches würden zur Geltung kommen. W. N. Losskij formuliert dies wie folgt: „Die Möglichkeit der Betrachtung des Göttlichen ist vor allem im Angesicht-zu-Angesicht gegeben, wo die rationale ‚Konzeptualität‘ mit ihrem Anspruch auf Gotteserkenntnis aufhört und in der Unendlichkeit der sich offenbarenden Göttlichen Gestalt die vollkommene Liebe in Erscheinung tritt.“[3]
Dies erklärt, warum Metropolit Antonij von Surosch das Evangelium als Buch der Begegnung bezeichnete: „Außer Begegnungen gibt es im Evangelium überhaupt nichts. Jede Erzählung ist eine Begegnung. Es ist die Begegnung Christi mit den Aposteln, der Apostel mit bestimmten Menschen, bestimmter Menschen mit Christus..., aber nur jene, die eine absolute, allumfassende Bedeutung haben, sind in die Erzählung der Evangelien aufgenommen, als eine Art der Begegnung oder Situation, in der sich, wie in einem Spiegel, viele Menschen wiederfinden können...“[4]
2. Aktualität des Themas angesichts zunehmender Entfremdung
Die Aktualität des Themas Begegnung und Dialog liegt darin, dass die heutige Zeit durch eine zunehmende Entfremdung gekennzeichnet ist – Entfremdung voneinander und von der Welt insgesamt. Dabei scheint dieser Zustand seinen Höhepunkt noch gar nicht erreicht zu haben. Er befindet sich möglicherweise erst in einem frühen Entwicklungsstadium.
Die Ursprünge dieser Entfremdung reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück und stehen im Zusammenhang mit dem technologischen Fortschritt: der Entwicklung der Massenproduktion und der Einführung von Maschinen in das Leben der Menschen. An sich kann die Entwicklung von Technologien dem Menschen zum Nutzen gereichen, doch hier zeigt sich eine gewisse Dualität. Martin Heidegger weist darauf hin, dass der technische Fortschritt einerseits dem Menschen hilft, die Welt um ihn herum zu erforschen und zu entdecken, dass andererseits aber diese Form der Erkenntnis alles in eine Ressource, in ein Mittel verwandelt, wodurch der Mensch die Möglichkeit verliert, das wahre Sein zu erkennen.[5]
Über die Widersprüchlichkeit des technischen Fortschritts schrieb auch N. Berdjajew. Er stellte fest, dass „die Technik die Fähigkeiten des Menschen offenbar macht; sie zeugt von menschlicher Schöpferkraft und Erfindungsgeist und muss als Wert und Gut anerkannt werden“.[6] Gleichzeitig aber war er der Meinung, dass der Mensch „in die Sklaverei der Macht der Maschine geraten“ sei, was wiederum „das ganzheitliche Bild des Menschen zerstört“.[7]
Mit der Zeit verliert der moderne Mensch zunehmend die Fähigkeit, im anderen Menschen eine Person und nicht nur ein Mittel zur Lösung sozial-ökonomischer Aufgaben zu sehen. Solche kritischen Reflexionen hat es zu verschiedenen Zeiten in unterschiedlichen Bereichen der Wissenschaft und der Gesellschaft gegeben. Vor etwa hundert Jahren schrieb der Psychologe und Psychophysiologe A. A. Uchtomskij in seiner Tagebuchschrift „Vom Doppelgänger zum Gesprächspartner“: „Die Menschen haben aufgehört, im Volk lebendige Gesichter zu sehen, und haben dadurch ihr eigenes Gesicht verloren. Sie haben sich in ‚Individualitäten‘ verwandelt, die individualistisch über die Welt und die Menschen denken, um ihr eigenes Weltbild zu befriedigen.“[8]
Dasselbe Thema findet Ausdruck im Film „Wilde Erdbeeren“ von Ingmar Bergman. Die Hauptfigur – ein 78-jähriger Professor aus Stockholm namens Isak – ist ein kalter, distanzierter Egoist. Auf dem Weg in eine andere Stadt, wo er eine Ehrung erhalten soll, erinnert er sich an die Enttäuschungen seines langen Lebens, denkt darüber nach und besucht Orte, an denen er seine Jugend verbracht hat. In einem seiner Träume findet ein kurzer Dialog statt, in dem gleichsam das posthume Urteil über Doktor Isak gefällt wird: „Und wie wird meine Strafe aussehen?“ „Wie bei allen anderen auch, wahrscheinlich...“ „Bei allen?!“ „Ja, bei allen – Einsamkeit.“ „Einsamkeit“ (Isak scheint dieses Wort zu ‚betrachten‘, während er es ausspricht) ... „Genau, Einsamkeit.“ „Und keine Nachsicht?“ „Fragen Sie mich nicht. Das zu beurteilen steht mir nicht zu.“
Im Zusammenhang mit diesem Dialog kann daran erinnert werden, dass ein halbes Jahrhundert später Vater John Panteleimon Manoussakis beim Vergleich von προσωπον und „Individuum“ feststellte, dass Letzteres „zur Hölle gehört – zum Ort des Nichtseins, zur Welt ohne Vision, zum Ort, an dem es weder Blick noch Gesicht gibt, keine Möglichkeit, den Anderen zu sehen“.[9] Leider wird jedoch gerade der Individualismus zum vorherrschenden Weltbild des modernen Menschen.[10] Dies wiederum hat radikale Auswirkungen auf seine Beziehungen zu seinen Mitmenschen, zur Umwelt und zu Gott. Auch Christen sind dieser Versuchung ausgesetzt, insbesondere in Situationen, in denen der Unterschied zwischen dem realen „Ich“ und dem „Ich“, das sich in sozialen Netzwerken und auf anderen digitalen Plattformen positioniert, in Frage gestellt wird. Die Möglichkeit, viele Fragen, die früher persönliche Begegnungen erforderten, mit wenigen Klicks auf dem Bildschirm eines Laptops oder Smartphones zu klären, verschärft das Problem der Entfremdung von der Welt und den Mitmenschen.
In Bezug auf Kommunikation und Begegnung ergibt sich auch eine geistliche Problematik, insofern Online-Kommunikation (z.B. über Zoom) sehr schnell als vollwertige Begegnung wahrgenommen werden kann. Eine Begegnung muss jedoch wie ein Sakrament verstanden werden. Sie erfordert reale Präsenz und den Mut, dem anderen mit dem Gesicht, von Angesicht zu Angesicht, zu begegnen, nicht allein mit äußeren Attributen, seien sie materiell oder sozial, wie etwa mit Titeln und Insignien. Eine Begegnung kann weder durch künstliche Intelligenz noch durch Fotografie beschrieben oder eingefangen werden. Das Ereignis der Begegnung zweier oder mehrerer einzigartiger Personen mit ihren jeweils eigenen Welten kann nur in der Erinnerung der Sich-Begegnenden und in den Früchten dieser Begegnung erfasst werden.
Die Begegnung kann als Sakrament bezeichnet werden, denn sie stellt das Hauptziel dar, für das der Mensch von Gott aus dem Nichts ins Dasein gerufen worden ist. Selbst wenn sich die Welt bis zur Unkenntlichkeit verändert, ist gerade die Begegnung als spirituelle Fähigkeit, als die Fähigkeit, mit dem anderen authentisch in Kontakt zu treten und Unterschiede zu überwinden, in der Lage, den Frieden vor jeder Bedrohung zu bewahren. Und Gott selbst offenbart sich dem Menschen in der Begegnung. Deshalb wird das Gericht über den Menschen eine einfache Form haben. Die Frage lautet: Hat jemand im Mitmenschen, in einem zufälligen Passanten oder einem Bekannten, der Hilfe brauchte, Gott erkannt, ist er Ihm begegnet (Matthäus 25)?
Abschließend ein Zitat aus dem Roman „Bis wir Gesichter haben“ von C.S. Lewis, in dem Orual nach dem Urteil sagt: „... Ich weiß sehr gut, warum die Götter nicht offen mit uns sprechen und wir ihre Fragen nicht beantworten können. Solange wir nicht gelernt haben zu sprechen, warum sollten sie dann auf unser sinnloses Geschwätz hören? Wie können sie uns von Angesicht zu Angesicht begegnen, wenn wir noch keine Gesichter haben?“[11]
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[1] Мануссакис Дж. П.: Бог после метафизики. Богословская эстетика – Manoussakis, J. P.: Gott nach der Metaphysik. Theologische Ästhetik, in: Дж. Мануссакис. К.: ДУХ I ЛITEPA (DUCH I LITEPA – Geist und Buchstabe), 2014, S. 59-60 (Original: God After Metaphysics: A Theological Aesthetic, 2007).
[2] Мефодий (Зинковский), еп.: Термин «Προσωπον» и его богословское употребление – Mephodij (Sinkowskij), Bischof: Der Begriff „Προσωπον“ und seine theologische Verwendung, in: Вестник Екатеринбургской духовной семинарии – Bulletin der Theologischen Hochschule Jekaterinburg, Ausgabe 1(7), 2014, 79.
[3] Колесников С. А.: Богословие Встречи В. Н. Лосского: истоки, особенности, перспективы – Kolesnikow S. A.: Die Theologie der Begegnung von W. N. Lossky: Ursprünge, Besonderheiten, Perspektiven, in: Труды Белгородской духовной семинарии – Werke der Theologischen Hochschule Belgorod, 2022, Nr. 14, 38.
[4] Антоний Сурожский, митр.: О встрече. Беседа в Москве в 1968 году – Antonij Suroschskij, Metropolit: Über die Begegnung. Gespräch in Moskau im Jahr 1968, in: «Новый мир» („Novyj mir“), 1992, Nr. 2.
[5] Михайловский А.: Мартин Хайдеггер и будущее: почему у техники не техническая сущность и зачем нужна поэзия в XXI веке? Беседа с философом и переводчиком Александром Михайловским – Michajlowskyj, A.: Martin Heidegger und die Zukunft: Warum hat Technik kein technisches Wesen und wozu braucht man Poesie im 21. Jahrhundert? Gespräch mit dem Philosophen und Übersetzer Alexander Michajlowskyj, in: knife.media/heidegger-techne/ (Zugriff am 21.10.2025).
[6] Бердяев Н.: О назначении человека – Berdjajew N.: Über die Bestimmung des Menschen, Moskau, 1994, 197.
[7] Бердяев Н.: Философия свободного человека. Судьба человека в современном мире – Berdjajew N.: Die Philosophie des freien Menschen. Das Schicksal des Menschen in der modernen Welt, Moskau, 1994, 344.
[8] Ухтомский А. А.: От двойника к собеседнику – Uchtomski A. A.: Vom Doppelgänger zum Gesprächspartner, in: Ухтомский А. А.: Доминанта – Uchtomski A. A.: Dominante. Artikel aus verschiedenen Jahren, St. Petersburg, 2002, 343.
[9] Мануссакис Дж. П.: Бог после метафизики. Богословская эстетика – Manoussakis, J. P.: Gott nach der Metaphysik. Theologische Ästhetik, 59-60.
[10] Чурсанов С. А.: Содержание и функционирование концепта «индивид» в современной православной богословской антропологии – Tschursanow S. A.: Inhalt und Funktion des Begriffs „Individuum” in der modernen orthodoxen theologischen Anthropologie, in: Гуманитарное пространство – Humanitärer Raum, 2023, Nr. 3, 244.
[11] Льюис К.С.: Пока мы лиц не обрели – Lewis C. S.: Bis wir Gesichter fanden, in: К. С. Льюис: Собрание сочинений в 8 томах – C. S. Lewis: Gesammelte Werke in 8 Bänden, Band 2, Moskau, St. Petersburg, 2004, 229.
Warum ein dreifaltiger Gott das Universum schafft
Wie ein Brunnen fließt er über
P. Klaus Einsle LC, geb. 1968, studierte zunächst Musik, trat 1991 der Ordensgemeinschaft der Legionäre Christi bei und wurde 2001 zum Priester geweiht. In seinem Buch „Einmal Gott und zurück“ (2026)[1] will er „den Glauben in seiner anziehenden Schönheit und für jeden verständlichen Einfachheit, seiner umformenden Kraft und lebensgestaltenden Forderung wie seiner überzeugenden Echtheit vorstellen“. Einige Sätze aus seiner Hinführung zum „Inneren der Dreifaltigkeit Gottes“.
Von Klaus Einsle LC
Gott ist ein unendliches, allgegenwärtiges, allwissendes und allmächtiges Wesen, reiner Geist, der in seinem tiefsten Kern Liebe – also Hingabe, Geschenk – ist. Doch Gott ist nicht ein einsamer Herr, der allein vor sich hin lebt. Aus der Offenbarung wissen wir, dass Gott nicht nur eine „Person“, sondern drei „Personen“ ist (Person bedeutet nicht „Mensch“, sondern ein Du, das zu Beziehungen zu einem anderen Du fähig ist). Wir beten es jeden Tag: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Eine der grundlegendsten Wahrheiten des christlichen Glaubens lautet, dass wir an „einen Gott in drei Personen“ glauben.
Es gibt nicht nur den Vater-Gott, die erste Person der Dreifaltigkeit. In Gott, so offenbart uns Jesus, existiert eine zweite Person. Diese ist in allen Eigenschaften und Fähigkeiten (unsichtbar, ewig, allmächtig, allgegenwärtig usw.) eins mit dem Vater, eine Einheit, die ungleich größer ist als jene zwischen zwei lebendigen Spiegelbildern. Diese beiden göttlichen Personen unterscheidet allein die Beziehung, in der sie zueinander stehen. Die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit wird auch Sohn Gottes oder Wort Gottes (logos, griech. für: Wort, Gedanke, Sinn) genannt. Dem ist aber noch nicht genug! Da der Sohn auch unendliche Liebe und Hingabe wie der Vater ist, besteht zwischen beiden Personen ein dynamischer und unendlich inniger Austausch gegenseitiger Liebe und Hingabe, der so intensiv ist, dass er fruchtbar ist: Aus dieser Einheit und Liebe geht eine dritte Person hervor: auch diese ist in ihrem Wesen und in allen göttlichen Eigenschaften und Fähigkeiten dem Vater und dem Sohn gleich. Sie ist Gott, also auch ewig, unendlich, allwissend, allgegenwärtig, reiner Geist, allmächtig usw. Diese Person nennen wir die dritte Person der göttlichen Dreifaltigkeit oder „Heiliger Geist“. Wiederum ist allein die Beziehung zu den anderen das „Unterscheidungsmerkmal“.
Gott ist Liebe, Gott ist liebende „Familie“, Gott ist fruchtbare, treue Hingabe, Gott ist Freude. Liebe ist ihrem Wesen nach mitteilsam, sie will sich verströmen, weitergeben. So wollte auch Gott sich verströmen, mit dem einzigen Wunsch, „jemanden“ an seiner Liebe und innertrinitarischen Freude teilhaben zu lassen. Er brauchte keine Geschöpfe, um glücklich zu sein; ihm fehlten nichts und niemand. Es war einfach nur eine Entscheidung der Liebe, andere glücklich zu machen. Diesen liebenden Wunsch verwirklichte Gott, indem er Menschen und Engel (= rein geistige, aber geschaffene Wesen) erschuf.
Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 5/Mai 2026
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[1] Klaus Einsle LC: Einmal Gott und zurück. Kleiner katholischer Glaubenskurs, Media Maria 2026, geb., 120 S., 15,50 € (D), 16,00 € (A), ISBN 978-3-911850-08-7; www.media-maria.de
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