Juni 2026

Liebe Leserinnen und Leser

Von Erich Maria Fink und Thomas Maria Rimmel

Ein Jahr ist Papst Leo XIV. im Amt. Wer ihm begegnet, bezeichnet ihn als zugänglich, warmherzig, einfach und sehr respektvoll. Allseits wird ihm bescheinigt, dass er gut zuhören kann. Dialog und Begegnung stellt er in den Mittelpunkt seines Petrusdienstes. Entscheidungen will er nicht spontan treffen, sondern behutsam reifen lassen.

Papst Leo steht durchaus für Aufbruch, aber immer in Rückbindung an die Tradition. Das verleiht seiner Amtsführung Gewicht. In Verkündigung und Lehre ist er auf geistliche Tiefe und biblisch-theologische Argumentation bedacht. Dabei zitiert er als Augustiner seinen geistigen Ordensvater, den hl. Augustinus, so häufig, dass es bereits heißt: „Augustinus ist Papst!“

Am ersten Jahrestag seiner Wahl besuchte er die Rosenkranzbasilika von Pompeji. Am 8. Mai 1876 hatte ihre Grundsteinlegung stattgefunden, was dort jedes Jahr als größtes Fest begangen wird. So konnte Papst Leo heuer das 150-jährige Jubiläum feiern. Zunächst traf er sich mit karitativen Einrichtungen des Heiligtums, verehrte die Reliquien des hl. Bartolo Longo, den er am 19. Oktober 2025 heiliggesprochen hatte, und feierte dann die Heilige Messe mit der traditionellen „Supplica“, einem machtvollen Bittgebet zur Königin des hl. Rosenkranzes, das Bartolo Longo 1883 verfasst hatte. In seiner Predigt sagte Papst Leo: „Vor genau einem Jahr, als mir das Amt des Nachfolgers Petri anvertraut wurde, war gerade dieser Tag des Bittgebets an die Jungfrau Maria, dieser wunderschöne Gedenktag des Bittgebets zu Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz in Pompei. Deshalb musste ich hierherkommen, um meinen Dienst unter den Schutz der allerseligsten Jungfrau zu stellen.“

Immer deutlicher zeichnet sich das Profil von Papst Leo XIV. ab. Er führt den Kurs von Papst Franziskus nahtlos fort und baut die Initiativen seines Vorgängers systematisch aus. Er verbindet die ökumenischen Bemühungen, den Gedanken der weltumspannenden Geschwisterlichkeit und das Anliegen der Bewahrung der Schöpfung zu einer ganzheitlichen Vision.

Aufschlussreich ist seine Botschaft zum Internationalen Tag der Geschwisterlichkeit aller Menschen am 4. Februar 2026. Die Vereinten Nationen hatten diesen Tag ausgerufen, nachdem am 4. Februar 2019 das historische „Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen“ in Abu Dhabi unterzeichnet worden war. Papst Leo identifiziert sich vollkommen mit diesem Anliegen und fordert dazu auf, eine Brücke zwischen Theorie und gelebter Praxis zu schlagen. Worte allein genügten nicht: „Unsere tiefsten Überzeugungen müssen durch konkrete Anstrengungen ständig kultiviert werden.“ Wegweisend für sein ökumenisches Bemühen war die gemeinsame Erklärung, die er anlässlich des 1700-jährigen Jubiläums von Nicäa mit Patriarch Bartholomäus I. in Istanbul unterzeichnete. Und bei der Eröffnung der Konferenz zum Thema „Raising Hope for Climate Justice“ (Hoffnung für Klimagerechtigkeit wecken), die vom 1. bis 3. Oktober 2025 in Castel Gandolfo stattfand, machte er klar, dass er den Weg der Sozial- und Umweltenzyklika „Laudato si‘“ von Papst Franziskus (24.05.2015) fortsetzen wird. Die Tagung sollte den zehnten Jahrestag der Enzyklika markieren.

Prof. Dr. Peter Schallenberg, Moraltheologe in Paderborn, zeigt im Leitartikel auf, wie Papst Leo XIV. den sozialethischen Ansatz von Papst Franziskus aufgegriffen hat und konsequent weiterführt. Das werde sich in seiner ersten Enzyklika bestätigen, die für den 15. Mai 2026 erwartet worden war, sich aber noch in einer abschließenden Überarbeitung befand.

Liebe Leserinnen und Leser, wir wollen Papst Leo mit unserem Gebet auch auf seiner Spanienreise begleiten, die vom 6. bis 12. Juni 2026 geplant ist. Ihnen wünschen wir einen gesegneten Herz-Jesu-Monat Juni. Vergelt’s Gott für Ihre Spenden, die wir dringend brauchen (IBAN: DE46 7116 0000 0001 1905 80)!

 

 

Entwicklung der katholischen Sozialethik bis hin zu Leo XIV.

Franz von Assisi und Leo von Rom

Von Peter Schallenberg

Der Paderborner Moraltheologe Msgr. Prof. Dr. Peter Schallenberg (geb. 1963) geht zum ersten Jahrestag des Pontifikats von Papst Leo XIV. auf das ethische Fundament seiner Lehrverkündigung ein. Inzwischen sei bereits deutlich geworden, dass er auf dem Fundament aufbaue, das seine Vorgänger gelegt hätten. Zweifellos werde er an den Themen von Papst Franziskus festhalten und diese vertiefen. Mit seiner Namenswahl habe er gezeigt, dass er in die Fußstapfen von Leo XIII. treten und die katholische Soziallehre weiterentwickeln wolle. Eine geschichtliche Betrachtung lasse erkennen, dass eine Sozialethik, welche auf die Umgestaltung von Welt und Gesellschaft nach christlichen Werten abziele, ohne den Beitrag des hl. Franz von Assisi nicht denkbar wäre, der seinerseits von der Frömmigkeit des hl. Augustinus inspiriert gewesen sei. So komme auch Papst Leo XIV. nicht umhin, als Augustiner am franziskanischen Charisma seines Vorgängers anzuknüpfen, gerade wenn er sich den Herausforderungen des Transhumanismus und der digitalen Revolution mit dem Instrument der Künstlichen Intelligenz stellen wolle. weiter...

 

Die Peripherie im Zentrum der Mission der Kirche

Papst Leo XIV. in Afrika

Von Bischof Christian Carlassare, Bentiu/Südsudan

Der aus Italien stammende Comboni-Missionar Christian Carlassare MCCJ wirkt seit 2005 in Afrika. 2021 wurde er zum Bischof von Rumbuk im Südsudan ernannt, 2024 als erster Bischof des neuerrichteten Bistums Bentiu eingesetzt. Es liegt an der Grenze zum Sudan und ist zahlreichen Herausforderungen ausgesetzt, vor allem einer der größten Flüchtlingskrisen weltweit. Auf dem Hintergrund seiner missionarischen Erfahrung blickt er auf die Reise von Papst Leo XIV. nach Algerien, Kamerun, Angola und Äquatorialguinea zurück. Im Besuch dieser Länder sieht er ein eindrucksvolles Zeichen, das für die ganze Weltkirche von Bedeutung ist. Was uns die Afrikareise des Papstes sagen kann, legt er in einer Reflexion über die entscheidenden Momente der Evangelisierung in der heutigen Zeit dar. weiter...

 

Weihe des Pontifikats an die Gottesmutter

Papst Leo XIV. in Pompeji

Von Marco Manzini

Den ersten Jahrestag seiner Wahl zum Papst feierte Leo XIV. in Pompeji und Neapel. Bei der heiligen Messe vor dem Marienheiligtum in Pompeji hielt er eine eindringliche Predigt über die Bedeutung des Rosenkranzes. Die nachfolgende Zusammenfassung von Marco Mancini erschien in ACI Stampa, der italienischen Partneragentur von CNA Deutsch, welche das italienische Original ins Deutsche übersetzte und redigierte. weiter...

 

Island – Katholische Kirche auf Wachstumskurs

Von André Stiefenhofer

André Stiefenhofer, Pressesprecher des deutschen Zweigs des päpstlichen Hilfswerks „Kirche in Not“ (ACN), berichtet von seiner Projektreise nach Island. Das katholische Bistum Reykjavik ist das einzige Bistum in Island, das die gesamte Insel umfasst und eine stark wachsende, internationale Gemeinschaft von ca. 48.000 Katholiken (ca. 12 Prozent der Bevölkerung) betreut. Unter Leitung von Bischof David Tencer (seit 2015) prägen vor allem Migranten aus 172 Nationen das Leben in den Pfarreien. weiter...

 

Wolfgang Klausnitzer legt seine „Summa theologica“ vor

Ernte eines Theologenlebens

Von Klaus-Hermann Rössler

Hat die Auferstehung Jesu tatsächlich stattgefunden? Sind die Zeugnisse der Jünger, die uns das Neue Testament überliefert, glaubwürdig? Diesen Fragen geht Professor Dr. Wolfgang Klausnitzer (geb. 1950) in seinem neuesten Werk nach. Es trägt den Titel: „Wir waren Augenzeugen“ – Überlegungen zur Wahrheit der neutestamentlichen Berichte über Jesus von Nazaret.[1] Das Buch ordnet sich in die moderne Auseinandersetzung über die Historizität Jesu und die Glaubwürdigkeit der Evangelien ein. Der Autor analysiert neuere Diskussionen zur Leben-Jesu-Forschung, einschließlich der Beiträge von C.S. Lewis und Romano Guardini. Dabei verteidigt er die historische Wahrheit der Evangelien als authentische Augenzeugenberichte. Dr. Klausnitzer, Priester des Erzbistums Bamberg, war Universitätsprofessor für Fundamentaltheologie in den katholischen Fakultäten von Bamberg und Würzburg und ist als emeritierter Professor Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz. Eine Besprechung von Klaus-Hermann Rössler. weiter...

 

Vom Glück, Religionsunterricht geben zu dürfen

Geben ist seliger als nehmen

Von Weihbischof Florian Wörner, Augsburg

Weihbischof Florian Wörner ist Leiter der „Hauptabteilung V – Schule“ im Bischöflichen Ordinariat Augsburg. Die Schulabteilung der Diözese gibt für „alle, die mit Herz und Verstand religiöse Bildung gestalten“, insbesondere für Religionslehrkräfte und Mitarbeitende in der Schulpastoral, das religionspädagogische Magazin „Kontaktheft online“[2] heraus. In der neuesten Ausgabe hat Weihbischof Wörner selbst einen Beitrag veröffentlicht, dem er ein Wort von Papst Franziskus aus Evangelii gaudium voranstellt: „Missionar kann nur sein, wer sich wohl fühlt, wenn er das Wohl des anderen sucht, das Glück des anderen will. Diese Öffnung des Herzens ist ein Quell des Glücks, denn geben ist seliger als nehmen (Apg 20,35)“ (Nr. 272). Das gelte auch für den Religionsunterricht: Der kirchliche Dienst in der Schule kann glücklich machen, wenn man selbst aus den geistlichen Quellen des Glaubens schöpft und das Empfangene mit Freude und Begeisterung weitergibt. weiter...

 

Ausruhen, bevor wir ausbrennen – Überlegungen zur Urlaubszeit

Was sagt die Bibel zu Ruhe und Erholung?

Von Josef Bordat

 „Urlaub ist das eine, kurze Erholungsphasen sind das andere. Beides ist wichtig.“ Zu diesem Ergebnis kommt Dr. Josef Bordat bei seinem Nachdenken über das Thema Ruhe und Auszeit im christlichen Leben. Er geht von der Heiligen Schrift aus und zeigt, dass der Wechsel von Arbeit und Erholung einer göttlichen Ordnung folgt, der sich auch Jesus unterworfen hat. Nicht zuletzt im Weinberg des Herrn braucht es Phasen, in denen die Mitarbeiter neue Kraft schöpfen können. Sonst laufen sie Gefahr, irgendwann „auszubrennen“. weiter...

 

Katholische Geistliche wirken als „stille Helden“

Das Oratorium Leipzig unter dem NS-Regime

Von Jakob Knab

Am 5. Januar 1930 wurde in Leipzig-West vom Meißener Bischof Christian Schreiber ein Oratorium des hl. Philipp Neri errichtet. Gründungsmitglieder waren Theo Gunkel, Heinrich Kahlefeld, Philipp Dessauer und Ernst Musial. Seit dem 1. Advent 2020 hat es seinen Sitz in Leipzig-Mitte und erfüllt pfarreiübergreifende Aufgaben im Sinn einer missionarischen Pastoral. Studiendirektor Jakob Knab leistet mit seiner unermüdlichen Forschungsarbeit einen wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung dessen, was unter der Nazi-Herrschaft in Deutschland passiert ist. Seine Ergebnisse fügen sich wie Mosaiksteine zu einem eindrucksvollen Bild zusammen, das wichtige Akteure des Widerstands sowie deren Verbindungen untereinander ans Licht hebt. In seinem Beitrag zeigt er diesen Einsatz am Beispiel des Leipziger Oratoriums auf. Er rechnet diese Gemeinschaft dem sog. „Rettungswiderstand“ zu und belegt seine Einordnung mit zahlreichen Beispielen. Besondere Aufmerksamkeit widmet er den katholischen Priestern Josef Gülden (1907-1993), Theodor Gunkel (1898-1972) und Werner Becker (1904-1981). Diesen drei „stillen Helden“ wurde 2019 in Leipzig-Lindenau eine Gedenktafel gewidmet. weiter...

 

Verurteilung wegen 20 Jahre alter Kirchenbroschüre

Der Fall Räsänen rüttelt wach

Von Alexander Folz

Die ehemalige finnische Innenministerin Päivi Räsänen wurde im März 2026 wegen einer christlichen Schrift über die Ehe vom Obersten Gericht Finnlands nach dem dortigen „Hassrede“-Gesetz schuldig gesprochen und zu einer Geldstrafe in Höhe von mehreren tausend Euro verurteilt, ebenso der lutherische Bischof Juhana Pohjola und die Luther-Stiftung Finnland als Herausgeber. Außerdem wurde angeordnet, dass die beanstandeten Passagen der über 20 Jahre alten Kirchenbroschüre aus dem öffentlichen Zugang entfernt und vernichtet werden müssen. Räsänen zieht nun vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, unterstützt von der Menschenrechtsorganisation ADF International. Aus einer Mitteilung von CNA Deutsch, für die Alexander Folz als freier Journalist tätig ist. weiter...

 

Eine Ordensschwester (94) blickt zurück auf ein bewegtes Leben

Eine himmlische Fahrt

Von Ute Mittermaier

Sr. Maria Assumpta Habelski wurde am 2. März 1932 in Senftenberg geboren, das zwischen Berlin und Dresden liegt. Sie gehört der Kongregation der Hedwig-Schwestern an, einer Ordensgemeinschaft, die sich besonders der Kinder- und Jugendfürsorge widmet. Heute lebt sie im Altenpflegeheim St. Hedwig in Döbern, 50 km östlich ihrer Heimatstadt. Ebenfalls an einem 2. März ist Pater Alberich Maria Fritsche OCist geboren, allerdings 60 Jahre später – 1992. Auch er wurde in Senftenberg getauft und wuchs in dieser Stadt auf. Im Jahr 2021 empfing er die Priesterweihe und lebt nun im Zisterzienserkloster Neuzelle 100 km nordöstlich an der polnischen Grenze. Beide kamen am 3. März 2026 in ihre Heimat, um mit einer heiligen Messe in der Pfarrkirche St. Peter und Paul und gemeinsamen Stunden in Senftenberg ihren Geburtstag zu feiern. weiter...

 

Faszinierender Weg eines lebensfrohen Menschen

Sel. Karl Leisner – Klarsicht und Glaubensstärke

Von Josef Bordat

Vor 30 Jahren wurden die beiden NS-Opfer Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner zur Ehre der Altäre erhoben. Die Seligsprechung nahm Papst Johannes Paul II. im Rahmen seiner dritten Deutschlandreise am 23. Juni 1996 im Berliner Olympiastadion vor. Dr. Josef Bordat wirft ein Schlaglicht auf den Priester Karl Leisner, für den am 25. April 2007 das Verfahren der Heiligsprechung eröffnet worden ist. Bordat sieht in ihm ein faszinierendes Vorbild für innere Standhaftigkeit im Ringen um Berufung und Treue zum Evangelium. Sein letzter bekannter Tagebucheintrag lautete: „Segne auch, Höchster, meine Feinde!“ weiter...

Der Artikel ist veröffentlicht in der Zeitschrift Kirche heute Nr. 6/Juni 2026
© Kirche heute Verlags-gGmbH (Altötting)
www.kirche-heute.de

 


[1] Wolfgang Klausnitzer: „Wir waren Augenzeugen“ – Überlegungen zur Wahrheit der neutestamentlichen Berichte über Jesus von Nazaret, Be+Be Verlag, Heiligenkreuz 2026, HC, 272 S., ISBN 978-3-903518-42-1 (im Folgenden: Klausnitzer).

[2] Kontaktheft online unter: schuleru-augsburg.de/veroeffentlichungen-materialien/kontakt-heft